Zum Schlußgebet (Neïlah).
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45. Vater, barmherziger Vater im Himmel! Es ist die letzte Stunde des heiligen Tages, welche jetzt naht. O, daß doch meine ganze Seele in diesem Augenblick sich von der Erde hin zu dir erheben möchte, als ob des Lebens letzte Stunde mir erschienen sei. Mit Gebet und Buße habe ich nun heute die Gelüste und Begierden meines Leibes besiegt, und doch, wie leicht ist nicht die Sehnsucht nach des Lebens Lust selbst mitten in meiner Andacht bei mir wach geworden, und selbst während ich reuevoll meine Sünden bekannte, konnte das Verlangen nach ihnen in meiner Brust nicht erstickt werden; ja, ja, vielleicht hat mich sogar der Wunsch erfüllt, daß dieser Tag schon überstanden sein möchte, gerade als ob dieser Tag an sich durch Fasten und Buße mir Ablaß für meine Sünden verschaffen könnte, und als ob ich alsdann frei wieder den Weg meiner alten Verirrungen betreten könnte, wenn er geendet habe. O, laß mich deshalb noch einmal aus allen meinen Kräften meine Gedanken und mein Inneres läutern, und laß meine heißen Tränen die Aufrichtigkeit meiner Reue bezeugen und dir ein angenehmes Sühnopfer sein, mit dem ich meines Herzens Gelübde besiegele, daß ich dich stets vor Augen haben will, und daß die Erinnerung an diesen Tag mit unverlöschbarer Schrift in die Tafeln meines Herzens eingegraben und mir nahe sein soll in jeder Stunde der Versuchung.—Herr! Zürne mir nicht, daß ich noch dieses letzte Mal zu dir bete; die Schatten des Abends breiten sich schon aus, und die dunklen Schatten meiner Sünden verfolgen mich; ich will sie verjagen und noch einmal meine Schuld bekennen, ich will an die Türe deiner Gnade anklopfen und deinen Namen anrufen, du einziger, ewiglebender Gott! Ich will mich unter dieser Anrufung dir heiligen mit Leib und Seele, und ich gelobe feierlichst, mich selbst in Liebe zu opfern. O, laß mich deiner Gnade Stimme vernehmen:»Ich, ich selbst tilge deine Übertretungen und will deine Sünden vergessen«[42] O laß meine Seele beim Ende dieses Tages mit heiliger Freude erfüllt sein, daß sie jubeln könne:»Selig, selig ist der, dem seine Übertretung vergeben und dessen Sünde getilgt ist! Selig ist der Mensch, dem der Herr seine Schuld nicht anrechnet, und selig der Geist, den der Herr von der Last seiner Sünden befreit hat!«[43]—Ja, laß meine erlöste Seele deinen Namen in alle Ewigkeit lobpreisen, du, mein Herr und mein Gott.
Amen!