← Table of contents
Bach und Strom

Die Weinmörder

Reading edition

Im Rheingau treiben die Reben, Mit einem Kusse lind Erweckte sie zum Leben Ein weicher Frühlingswind. Und grüßend jauchzt der Ferge, Der auf dem Strome zieht: „Gott schirm die schimmernden Berge Und was drauf sproßt und blüht!“ Hoch droben aber im Blauen, Dort schmunzelt Sankt Urban, Dort lacht beim Herunterschauen Manch seliger deutscher Mann. Dort ruft Herr Karl, der Degen, Des Rebenbaus Wardein: „Allvater, gib deinen Segen Dem Weine am deutschen Rhein!“ Schon will der Herr willfahren Und schreitet zur Himmelstür, Da tritt aus den frommen Scharen Sankt Bonifaz herfür: „Genug ist, Herr an Weine! Halt ein, eh dich’s gereut! Ich kenne die am Rheine, Das sind gar durstige Leut! Jetzt beten sie und halten Dein Wort in Zucht und Scham. Das kommt vom Wasser, dem kalten, Das einst beim Taufen ich nahm. Der Wein tät wieder erwecken Die Götter, die ich beschwor: Die trinkgewaltigen Recken Odhin und Asathor. Statt Glocken hörte man läuten Die Becher in Zechers Hand, Wallfahrer sähe man schreiten Von Schenke zu Schenke durchs Land. Die Pfaffen und die Laien Am sonnigen Ufer des Rheins Vergäßen auf Glauben und Treuen Beim Überschwange des Weins. Drum laß zwei Helfer mich wählen; Wir tilgen in kurzer Frist, Was drunt zum Schaden der Seelen Zu üppig gediehen ist.“ „Sei’s denn, so schafft’s mir Trauer,“ Spricht darauf des Höchsten Mund. „Gern hätt ich dem rheinischen Bauer Ein gutes Tröpflein vergunnt!“ — Im Rheingau treiben die Reben, Doch all die Frühlingspracht Traf tief ins junge Leben Ein Reiffrost über Nacht. „Das haben,“ so schelten mit Grimme Die Schiffer im gleitenden Kahn, „Pankraz, Servaz und der schlimme Herr Bonifaz getan!“ O. Kernstock

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings