Die Nixen
Reading edition
Die Nixen han im Fluß viel Fisch, Doch wollen’s Fleisch für ihren Tisch. Ein Nixlein hätt auch Fleisch gewollt, Doch fand’s in seinem Fluß kein Gold. Da nahm’s vom Karpfen Schuppen blank, Trug sie ins Dorf zu Metzgers Bank. Er strich für bare Münz es ein, Und fand die Schuppen hinterdrein. Und als es ihm dreimal war geschehn, Da mußt er’s seiner Frau gestehn. Da sprach das Weib zum Metzger schlau: „Das tut gewiß die Wasserfrau.“ Drauf, als das Nixlein wiederkam, Der Metzger scharf ins Aug es nahm. Da war sie rings am ganzen Leib Getan als wie ein andres Weib. Nur hinten ihres Rockes Saum War wie getaucht in Wasserschaum. „Nun, fremdes Weiblein, tritt heran, Daß ich dein Fleisch dir hauen kann.“ Sie wirft die Schuppen auf den Tisch Und greift nach ihrem Fleische frisch. Doch eh sie recht es angepackt, Ist ihr der Finger abgehackt. Ihr Blut bespritzt die Metzgerei, Und sie erhebt ihr Wehgeschrei. Und aus der Flur und aus dem Wald Erklingt es wieder tausendfalt. Die Nixen kommen all herbei Und fragen, was geschehen sei. Und als sie’s ihnen kundgetan, Da heben sie ihr Wesen an. Da wird dem Metzger schlimm zu Mut Vor dem vergoßnen Nixenblut. Sie ziehn einher aus Fluß und Bach Mit ihren Wogen tausendfach. Sie wollen all mit ihrer Flut Aufwaschen ihrer Schwester Blut. Da waschen sie so lang ums Haus, Bis es zerfällt in Schutt und Graus. Sie waschen ums ganze Dorf so lang, Bis das Wasser es gar verschlang. Friedrich Rückert