Am Bach des Lebens
Reading edition
Es saß im frischen Frühlingswind Mit Augen, unschuldsfrommen, Am klaren Bach ein Menschenkind, Und wie halt Menschenkinder sind: Es harrte auf sein Glück, sein Glück — Doch dies wollt nimmer kommen. Wohl schwammen Blumen rot und weiß Den Wellenbach hinunter; Da ward ihm Stirn und Wange heiß Im Haschen nach dem Blütenpreis — Im Haschen nach dem Glück, dem Glück — Glücksblümlein war nicht drunter. Und eine Frau, gar licht und schön, Strich tröstend ihm die Wangen, So oft der Mut ihm wollt vergehn: „Bleib nur noch ein klein Weilchen stehn! Es kommt schon noch, dein Glück, dein Glück! Du brauchst nicht drob zu bangen!“ Und Stund um Stund und Jahr um Jahr Verrannen gleich der Welle. Das Kind schon längst kein Kind mehr war; Denn weiß wie Schnee ward ihm das Haar; Doch immer noch: „Mein Glück? Mein Glück!“ Rief’s an der gleichen Stelle. Und immer noch stand licht und schön Das hohe Weib zur Seite Und sprach, wollt ihm der Mut vergehn: „Bleib nur noch ein klein Weilchen stehn! Es kommt schon noch, dein Glück, dein Glück!“ Und wies in ferne Weite. — Und wer die beiden auf der Au Nicht gleich erkennen sollte, Der wähl sein eigen Herz zur Schau; Ich glaub, drin wohnt die lichte Frau Mit ihrem Trost, mit ihrem „Glück“ — „Frau Hoffnung“ nennt sich die Holde! Ernst Weber