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Sämmtliche Werke 7

XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie (continued 2)

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Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes, das Dershawin gezeichnet hat, wäre noch nicht vollständig und würde noch nicht die ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen über die Schönheit der Schöpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden weiß, wie wir ihn besonders bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow äußert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht, das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrücken vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische Erziehung und Bildung verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser Bauer versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und über ihm Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, während wir es häufig nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür aber einmal in einem von uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich vorhanden ist, dann genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie gestatten würde, ihm nimmt niemand etwas übel. Alle unsere Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmütigsten unter ihnen und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser jugendliche Wagemut und dieser stürmische Drang, seine Kräfte für alles Hohe und Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet, sich für eine große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen — solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze bunte, mit sich im Streit liegende Masse in einem mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher Streit, alle engherzigen persönlichen Interessen — alles ist vergessen, und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale Eigentümlichkeiten unseres Volks, die in ihnen bloß schärfer und deutlicher zur Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor. Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher noch nie bekannten Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß nicht, ob die Dichter irgendeiner andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versmaß und seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten, hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu sein scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte Vers Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten, dieser leichte ätherische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer Äolsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers und häufig von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut durchdrungene Vers Wjasemskis — sie alle haben wie verschieden abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flöten einer herrlichen Orgel einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen. Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie die glauben mögen, die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde auserprobt, hat die Einflüsse der Literatur aller Völker erfahren, hat der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache geschaffen, um alle Menschen für eine größere Aufgabe vorzubereiten. Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige, sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewußte junge Dichtergeneration leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen — so schön und beglückend ein solcher Dienst auch sein mag —, ohne ihre höhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar zu sein, wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin läßt sich nicht wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch durch die stolze Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter eine höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der Poesie. Wie sie während der Kindheit der Völker dazu diente, die Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken, so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, höheren Kampf aufzurufen — zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um unsere zeitlichen Güter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen hält. Zahlreiche Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft alles wahrhaft Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das sinnlose Leben von heute geraubt ward. Nein, diese künftigen Dichter werden keinem von unseren früheren Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel lebendiger und kräftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener eigene urwüchsige Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug, der schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strömte, als selbst das Wort Poesie noch in keines Menschen Munde war. Noch immer erscheint dieser unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren Liedern entgegentönt, und über das Leben und sogar über das Lied selbst hinweg in unbekannte Fernen stürmt, noch erscheint uns dieser glühende, verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt — wie ein Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren vieläugigen Sprichwörtern verborgen ist, völlig Fleisch und Blut geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen und Schlüsse zu ziehen, als dem Menschen in Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren, als er noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu leben; so sind sie uns eine lebendige Mahnung, was für gewaltige Folgerungen der moderne Mensch in Rußland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen. Noch ist vielen diese Lyrik — dies Produkt einer höchsten Verstandsreife und Nüchternheit — ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt und die Seele unserer Dichter noch unbewußt begeistert, wie ihm die heimatlichen Klänge unserer Lieder unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthält sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen, von den kräftigsten bis herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der biblischen Kirchensprache schöpft und sich andererseits die treffendsten Ausdrücke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt, aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich in ein und derselben Rede bis zu einer Höhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen, die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich ist; — eine Sprache, die selbst und an und für sich schon dichtet, und die nicht umsonst für eine geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen worden war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles Häßliche und Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdländischen Bildung angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und ausplauderten, damit alle die unklaren Töne und die ungenauen Bezeichnungen für die Dinge — diese Produkte ungeklärter und verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen — die kindliche Klarheit unserer Sprache nicht mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurückkehren konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch Felsblöcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen mächtigen Impuls verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen anklingen, und selbst die rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der Ehrfurcht erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland ans Licht rufen — unser russisches Rußland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen wollen, nein, das Rußland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns hinstellen wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mögen, einstimmig ausrufen werden: „Ja, das ist unser Rußland; hier fühlen wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der Fremde!“

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