XIII Karamsin Aus einem Brief an N. M. Jasykow
Reading edition
Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat, mit großem Vergnügen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen Ausfälle fehlen hier ganz, und auch der Stil hat nichts von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr schadet. Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt, geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen ganz durch sich selbst beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine außergewöhnliche Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und für die fünf Talente, die ihm verliehen waren, noch fünf neue hinzuerworben! Karamsin war der erste, der den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei uns unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster Bürger unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkündet, daß die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß sie, wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen Streben nach dem Guten beseelt sei, daß dieses Streben seine ganze Seele erfüllt, ihm in Fleisch und Blut übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist, nie zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er überall Freiheit genießen könne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat eine so kühne und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken brauchte, trotzdem sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen Regierung übereinstimmten, und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller! Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man könne in Rußland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn im Auge! Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus, daß sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmütigen Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und deren maßlose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie empört, daß niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhören will! Nein, man muß ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin, dann erst hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden: dann werden uns alle anhören, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man in keinem Lande der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Bürgerrechte und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und Hingebung vermag eben nur unser herrliches Rußland zuzuhören [von dem man sich erzählt, daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt].
1846