IV Etwas über die Bedeutung des Wortes
Reading edition
Als Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode Derschawins an Chrapowizky las:
„Mag der Satiriker die Worte schmähn, Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt“,
sagte er: „Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte des Dichters sind bereits seine Taten.“ Puschkin hat recht. Der Poet soll im Reiche des Worts ebenso einwandfrei und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen und bestimmte Umstände für die Unaufrichtigkeit, Unüberlegtheit oder Übereiltheit seiner Worte verantwortlich machen wollte, dann kann auch jeder ungerechte Richter eine Entschuldigung dafür finden, daß er sich bestechen läßt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel getrieben hat, indem er die Schuld auf seine beschränkten Verhältnisse, auf seine Frau, oder auf Krankheiten in seiner Familie abwälzt. Finden sich doch immer genug Gründe, die man anführen kann! Ein Mensch gerät plötzlich in schwierige Verhältnisse. Es geht die Nachkommen doch nichts an, wer schuld daran war, daß der Schriftsteller eine Dummheit, etwas Törichtes und Albernes gesagt hat und daß er seinen Gedanken in unüberlegter und unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. Sie werden nicht danach fragen, wer seine Hand geführt hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrühtem Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der nur um den Erfolg seiner Zeitschrift besorgt war. Die Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf Journalisten, ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige Lage Rücksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen ihn und nicht gegen sie richten. Warum konntest du dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch ein Gefühl für die Ehre deines Standes, du selbst hast ihn doch allen andern, ja den aussichtsreichsten und vorteilhaftesten Ämtern und Berufen vorgezogen und hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur darum getan, weil du dich von Gott dazu berufen fühltest. Zu alledem ward dir noch ein Verstand geschenkt, der weiter und tiefer blickte, einen größeren Umkreis von Dingen umspannte, als die, die dich anspornten und vorwärts stießen! Warum also bliebst du ein Kind und wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil geworden war, was dazu gehört, ein Mann zu sein? Kurz, ein gewöhnlicher Schriftsteller könnte sich vielleicht noch mit den Umständen entschuldigen, nicht aber ein Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, daß er nicht wenigstens die größere Hälfte seiner Oden verbrannt hat. Diese Hälfte seiner Oden ist höchst merkwürdig und wunderbar: noch nie hat ein Mensch so über sich selbst und über das Heiligtum seiner Überzeugungen und Gefühle gespottet, wie dies Derschawin in dieser unseligen Hälfte seiner Oden getan hat. Wie wenn er sich bemüht hätte, eine Karikatur seiner eigenen Person zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern Stellen schön und frei klingt, so durchwärmt ist von der inneren Kraft eines geistigen Feuers, erscheint hier kalt, seelenlos und gezwungen; und was das schlimmste ist, — all jene Wendungen, jene Ausdrücke, ja ganze Sätze (jene königliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten Oden) finden sich hier wieder, aber sie wirken hier bloß komisch und erzeugen einen Eindruck, wie wenn ein Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und ihn überdies noch verkehrt angezogen hätte. Wieviel Menschen urteilen heute über Derschawin lediglich nach seinen banalen Oden! Wie viele zweifeln an der Aufrichtigkeit seiner Gefühle, bloß weil sie den Eindruck haben, daß diese Gefühle an vielen Stellen schwächlich und seelenlos ausgedrückt sind! Was für zweideutige Gerüchte sind über seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens und über die Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, für die er eintrat! Und dies bloß darum, weil er das nicht verbrannt hat, was er dem Feuer hätte übergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten Schriftsteller entdeckt, veröffentlicht er sie sofort in einer Zeitschrift, ohne es sich gründlich zu überlegen, ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre gereichen. Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten Ausrede der Journalisten: „Wir hoffen, die Leser und die Nachwelt werden uns dankbar sein für die Mitteilung dieser wertvollen Zeilen; alles, was von einem großen Mann herrührt, hat Anspruch auf unser Interesse“ und dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein unbedeutender Leser wird es ihm vielleicht danken, aber die Nachwelt wird diese kostbaren Zeilen gar nicht beachten, wenn sie nur eine seelenlose Wiederholung dessen sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns nicht einen Hauch von der Heiligkeit dessen fühlen lassen, was wirklich heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit ist, um so vorsichtiger muß man mit ihr umgehen; sonst verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und Phrasen schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei weitem nicht soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler oder die Propheten Gottes, die noch nicht genügend für ihr Amt vorbereitet waren und sich erdreisteten, Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verkünden. Man muß redlich mit dem Worte umgehen: es ist die höchste Gabe, die Gott den Menschen verliehen hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick ein Wort spricht, wo er unter dem Einfluß leidenschaftlicher Verirrungen, des Ärgers, des Zornes oder einer persönlichen Abneigung steht, kurz, zu einer Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die allen Widerwillen und Ekel einflößen, und in solchen Fällen kann man selbst beim reinsten Streben nach dem Guten Unheil anrichten. Unser obenerwähnter Freund P*** kann als Beweis dafür dienen: er war sein ganzes Leben lang eifrig darum bemüht, seinen Lesern sofort alles mitzuteilen, sie von allem in Kenntnis zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu überlegen, ob ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe auch genügend ausgereift war, um auch allen andern vertraut und verständlich zu sein, mit einem Wort — er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit und Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben die Leser etwa das edle und schöne Streben bemerkt, das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von ihm angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, sie haben nichts an ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit und Unreinlichkeit, die der Mensch zuallererst bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreißig Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt wie eine Ameise, sein ganzes Leben hindurch war er bemüht, alles eiligst an den Mann zu bringen, was sich ihm an Gegenständen darbot, die zur Bildung und Aufklärung Rußlands beitragen konnten, und kein Mensch hat ihm dafür gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren Jüngling begegnet, der erklärt hätte, er schulde ihm Anerkennung für ein neues Licht, das er ihm aufgesteckt, oder für das edle Streben nach dem Guten, das sein Wort ihm eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mußte ihn oft verteidigen und für die Reinheit seiner Absichten und für die Aufrichtigkeit seiner Worte gegenüber solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl hätten verstehen können. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand zu überzeugen, weil er es verstanden hat, sich so vor allen zu vermummen, daß es völlig unmöglich ist, ihn den Leuten in seiner wahren Gestalt vorzuführen. [Wenn er vom Patriotismus spricht, dann spricht er so über ihn, daß es den Anschein hat, als ob sein Patriotismus ein bezahlter Patriotismus sei; spricht er von der Liebe zum Zaren, einem Gefühl, das er warm und aufrichtig und wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so äußert er sich so, daß man nichts wie Kriecherei und habsüchtige Liebedienerei herauszuhören meint. Seiner aufrichtigen ungekünstelten Empörung über jede Bestrebung, die Rußland schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn er bestimmte Leute, die er allein kennt, denunzieren wollte. Mit einem Wort, auf Schritt und Tritt verleumdet er sich selbst.] Es ist eine große Gefahr für einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: „Ein faules Wort gehe nie aus eurem Munde.“ Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden von uns bezieht, um wieviel mehr muß es für die gelten, deren Reich — das Wort ist und deren Bestimmung es ist, von allem Schönen und Hohen zu reden. Wehe, wenn mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit faulen Worten von faulen Dingen. Alle großen Erzieher der Menschheit haben denen, die die Gabe des Wortes besaßen, in erster Linie ein langes Schweigen auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, wo sich in ihnen der Wunsch am stärksten regte, mit Worten zu prunken, und wenn ihre Seele den Drang fühlte, den Menschen viel Gutes und Nützliches zu sagen; sie fühlten, wie leicht man schänden kann, was man erhöhen will, und wie unsere Zunge auf Schritt und Tritt zur Verräterin wird. „Leg’ Tür und Riegel deinem Munde auf“, sagt Jesus Sirach: „Du verzäunest deine Güter mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr deinem Munde Tür und Riegel? Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht auch deine Worte auf der Goldwage?“
1844.