XXVII An einen kurzsichtigen Freund
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Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet und glaubst nun, ein richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben. Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung ist ohne Gott gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot, sie ist nur ein verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr finden, sondern nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Rußland ist nicht Frankreich, das französische Element ist nicht das russische Element.] Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben Ereignisse die gleiche Wirkung auf jedes Volk ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das Eisen, auf das er herniedersaust. Deine Gedanken [über die Finanzen] beruhen auf der Lektüre ausländischer Bücher und englischer Zeitschriften und sind darum tote Gedanken. Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger Mensch, dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwüchsig entfalten könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch nicht, daß du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden Witzes nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während du den Brief schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen, obwohl du dies gerne möchtest, und deine Taten werden nicht die Früchte tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schönsten Absichten kann man Böses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren Kräften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wärest, aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und großen Verstand mit allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen gefährlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du wirst auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten dazu besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt über dich wachen. Führe die Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, daß man heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Böses anrichten kann. Schon aus deinen gegenwärtigen Projekten spricht mehr Ängstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet, in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart besorgt sein. Gott will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu großes Selbstvertrauen: du glaubst schon alles zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und Verhältnisse [in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß es niemand gibt, von dem du etwas lernen könntest. Du bist aus allen Kräften darum bemüht, jenen (Staats)-Leuten ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze glänzende Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso schnell wieder verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, um sehr viel Gutes zu vollbringen, ja die sogar von dem glühenden Wunsche durchdrungen waren, Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen ist: wie ein Ring auf dem Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden, und noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung auf ihre großen Männer hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein großer Mann ist, klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas Dauerndes hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von Taten übereinander auf — die doch zugleich mit uns wie Staub vom Angesicht der Erde hinweggeweht werden. „Du bist stolz,“ sage ich dir, und muß es dir immer wieder sagen: „du bist stolz.“ Wache über dich und rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich zu allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste von allen bist und daß du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mußt, klüger zu werden. Höre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind noch ein Rätsel für dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen. Dann wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder daß du von einer schweren Erschütterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er möge dir diese Erschütterung senden, daß dir irgendeine unerträgliche Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch finden möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft, so daß du nicht weißt, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie sehr haben wir es nötig, einmal öffentlich und in Gegenwart aller eine Ohrfeige zu empfangen.
1844.