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Sämmtliche Werke 7

XVII Über die Aufklärung An W. A. Schukowski

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Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest. Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen; rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst. Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen — ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder, der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen — unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg. Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen — von den Gläubigen wie von den Ungläubigen — zugegeben werden und wie unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot, keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten Vätern der Kirche eingeführt wurden — während Er die andere hieß, sich in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen, selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen, daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß, sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot, gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete, sie einen toten Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge; sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten — der guten sowohl wie der bösen — gelangt ist, jetzt kann die römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund, laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch siebenmal verwickelter wären — unsere Kirche wird sie alle entwirren und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet, beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere Rettung liegt, — der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern. Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all seinen Kräften und Vermögen durchleuchten, nicht nur seinen Verstand; heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle mit ihnen und spricht: „Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret alle!“ Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden Ohr: „Das Licht der Aufklärung!“ ohne daß etwas anderes zu ihnen hinzugefügt würde.

1846.

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