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Sämmtliche Werke 7

I Mein Testament

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Völlig meiner Sinne mächtig und im vollen Besitz meines Verstandes lege ich hier meinen letzten Willen nieder.

I. Erstens ordne ich an, daß mein Leib nicht eher begraben werden soll, als bis sich an ihm deutliche Spuren der Auflösung bemerkbar machen. Ich erinnere ausdrücklich daran, weil mich schon während meiner Krankheit Augenblicke der Ohnmacht überkamen, wo das Leben stockte, mein Herz aufhörte, zu schlagen, mein Puls stillstand ... Da ich während meines Lebens schon häufig Zeuge vieler trauriger Vorfälle war, an denen unsere unvernünftige Übereilung in allen Dingen, selbst bei einer solchen Angelegenheit wie die Beerdigung, schuld war, so spreche ich dies hier gleich zu Beginn meines Testamentes aus, in der Hoffnung, daß meine Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein zur Vorsicht mahnen wird. Im übrigen aber soll man meinen Leib der Erde übergeben, ohne lange zu überlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen keine Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen Reste geknüpft werden. Jeder sollte sich schämen, der meinen faulenden Knochen irgendwelche Achtung erweisen wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, er würde sich vor den Würmern beugen, die sie zernagen. Ich bitte daher alle, lieber um so kräftiger für meine Seele zu beten, und statt aller Bestattungsfeierlichkeiten und Ehren lieber einige arme Leute, denen es am täglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit einem einfachen Mittagessen zu bewirten.

II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf meinem Grabe zu errichten, ja gar nicht erst an diese Torheiten, die eines Christen unwürdig sind, zu denken. Die Menschen, die mir nahestanden und die mich wirklich lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal errichten: und zwar werden sie es in sich selbst aufrichten, durch unerschütterliches Festhalten an ihrem Lebenswerk und durch Aufmunterung und Ermutigung aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem Tode zu höherer geistiger Reife emporwachsen wird, als sie ihm während meines Lebens eigen war, der wird damit beweisen, daß er mich wahrhaft geliebt hat, daß er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal errichten, denn auch ich habe, bei all meiner Schwäche und Nichtigkeit, meine Freunde stets ermutigt, und keiner von denen, die mir in der letzten Zeit näher traten, hat in Stunden des Kummers und der Entmutigung bei mir ein trübseliges Gesicht gefunden, obwohl ich selbst schwere Augenblicke zu durchleben hatte und nicht weniger litt und bekümmert war, als andere. So möge denn auch ein jeder von ihnen nach meinem Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte erinnern und noch einmal all meine Briefe durchlesen, die ich vor einem Jahre an ihn geschrieben habe.

III. Drittens ordne ich an, daß mich niemand beweinen soll; ja, der würde eine Sünde auf seine Seele laden, der meinen Tod für einen großen und allgemeinen Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen sein sollte, etwas Nützliches zu vollbringen, wenn ich wirklich schon begonnen haben sollte, so wie es sich gehört, meine Pflicht zu erfüllen, und wenn der Tod mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk — das ja nicht dem Vergnügen einzelner dienen sollte, sondern dem, was allen not tut — begonnen, hinweggenommen haben sollte, so wäre es dennoch unrichtig, sich einer fruchtlosen Verzweiflung zu überlassen. Selbst wenn heute in Rußland ein Mann stürbe, dessen das Land bei der gegebenen Lage der Dinge wirklich bedürfte, so wäre auch dies noch kein Grund für einen der Lebenden, zu trauern und mutlos zu werden, obwohl es schon richtig ist, daß, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen, einer nach dem andern entrissen wird, dies ein Zeichen des göttlichen Zornes ist, und daß wir hierdurch aller Mittel und Werkzeuge beraubt werden, mit deren Hilfe sich mancher dem Ziele nähern könnte, das uns alle zu sich ruft. Wir dürfen nicht gleich traurig und mutlos werden bei jedem plötzlichen Verlust, sondern müssen in unser Inneres blicken und nicht an die Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit denken. Die Bosheit und Verderbnis der Seele ist fürchterlich, warum aber erkennen wir das erst dann, wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen?

IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten (wobei ich lediglich davon ausgehe, daß ein jeder Schriftsteller seinen Lesern irgendeinen guten Gedanken als Vermächtnis hinterlassen sollte), viertens vermache ich ihnen das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat — ich hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel Abschiedserzählung trägt. Diese Erzählung handelt, wie sie erkennen werden, von ihnen selbst. Ich habe sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen größten Schatz, wie ein Zeichen der göttlichen Gnade, die sich an mir vollzogen hat. Sie war mir ein Quell verborgener Tränen, seit den Tagen meiner Kindheit. Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermächtnis. Allein ich flehe all meine Landsleute an, es nicht als Kränkung und Beleidigung anzusehen, wenn sie etwas wie eine Belehrung aus ihr heraushören sollten. Ich bin ein Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers besteht nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu unterhalten; er muß strenge Rechenschaft ablegen, wenn seine Werke der Seele keinen Nutzen gebracht haben und keine Wohltat gewesen sind und wenn keine Belehrung für die Menschen in ihnen enthalten ist. Meine Landsleute mögen doch bedenken, daß ja auch jeder unserer Brüder, der diese Welt verläßt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein Recht hat, uns etwas wie eine Lehre, eine brüderliche Mahnung zu hinterlassen, und dabei kommt es weder darauf an, ob er nur eine geringe Stellung bekleidet, noch ob er ein ohnmächtiger, oder gar ein unvernünftiger Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, daß ein Mensch, der auf dem Totenbett liegt, viele Dinge besser durchschauen kann, als ein solcher, der sich in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses mein wohlbegründetes Recht berufen könnte, hätte ich es doch nicht gewagt, zu erwähnen, was man aus meiner Abschiedserzählung heraushören wird; denn nicht mir, dessen Seele häßlicher und sündhafter ist, als die aller andern, und der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit krankt, kommt es zu, solche Reden zu führen. Allein was mich dazu treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. Landsleute! Es ist furchtbar. Die Seele möchte vor Schrecken vergehen bei der bloßen Ahnung der überirdischen Majestät und Erhabenheit des Jenseits und jener höchsten geistigen Schöpfungen Gottes, vor denen die ganze Größe alles Erschaffenen, das wir hier unten erblicken und das uns hier in Erstaunen setzt, in Staub versinkt. Mein sterblicher Leib ächzt beim Gedanken an all die monströsen gigantischen Gebilde und Früchte, deren Samen wir während unseres Lebens säeten, ohne zu ahnen und ohne zu fühlen, was für Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht wird meine Abschiedserzählung einen gewissen Eindruck auf die machen, die das Leben noch immer für ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas von seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen Musik dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! — ich weiß nicht, ich finde kein Wort dafür, wie ich euch in diesem Augenblick anreden soll. — Fort mit dem leeren Anstand! Landsleute! — ich habe euch geliebt, ich habe euch geliebt mit jener Liebe, von der man nicht spricht, die mir Gott geschenkt hat, für die ich Ihm danke, wie für Seine höchste Wohltat, weil diese Liebe mir Trost und Freude war während meiner schwersten Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich euch, meiner Abschiedserzählung euer Ohr und Herz zu leihen. Ich schwöre es euch, ich habe sie nicht erfunden, ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst entströmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen gebildet hat, und ihre Klänge entsprangen aus den innersten Kräften und Elementen unseres russischen Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das ich euch allen aufs engste verschwistert bin[1].

V. Fünftens bitte ich, meiner Werke nach meinem Tode in der Presse und in den Zeitschriften weder mit übereiltem Lob noch Tadel zu gedenken; alle diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr Verurteilungswürdiges als solches, was Lob verdient. Alle Ausfälle, die sich gegen sie richteten, waren ihrem eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. Mir gegenüber hat sich niemand schuldig gemacht; es wäre unedel und ungerecht, wenn ein Mensch jemand um meinetwillen in irgendeiner Hinsicht tadeln, oder ihm einen Vorwurf machen wollte. Ferner erkläre ich laut, damit alle es hören können: daß es außer den schon gedruckten Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was an Manuskripten vorhanden war, habe ich verbrannt, wie etwas Kraftloses, wie etwas Totes, das ich in einer krankhaften Gemütsverfassung und in einem Zwangszustande niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies für eine nichtswürdige Fälschung zu halten. Dafür aber mache ich es meinen Freunden zur Pflicht, alle meine Briefe zu sammeln, die ich seit dem Ende des Jahres 1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen für unsere Seele sein kann, und nach Verwerfung alles übrigen, das nur der eitlen Unterhaltung dient, in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten einiges, das denen von Nutzen gewesen ist, an die sie gerichtet waren. Gott ist barmherzig; vielleicht werden sie auch andern von Nutzen sein; und vielleicht wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit für die Wertlosigkeit dessen, was ich früher geschrieben habe, von meiner Seele genommen.

VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr berechtigt sein, sich selbst anzugehören — sondern nur noch den Bekümmerten, den Leidenden und denen gehören, die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden hatten. Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer Herberge für fremde Pilger, als der Wohnstätte eines Gutsbesitzers gleichen; wer auch immer zu den Meinen kommt, den sollen sie aufnehmen, wie einen nahen Verwandten und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen Lebensverhältnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er nicht hilfsbedürftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu erheitern und zu ermuntern, auf daß keiner das Gut ungetröstet verlasse. Wenn der Reisende aber einfachen Standes, wenn er an ein ärmliches Leben gewöhnt ist und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im Hause des Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen sie ihn zu einem wohlhabenden Bauern, zu dem besten und tüchtigsten im ganzen Dorfe, führen, der sich eines musterhaften Lebenswandels befleißigt und seinem Bruder mit einem guten Rate zur Seite stehen kann; dieser soll seinen Gast ebenso herzlich und freundlich nach seinen Verhältnissen ausfragen, ihm Mut zusprechen, ihn ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf den Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles Bericht erstatten, damit auch diese ihrerseits ein gutes Wort und einen guten Ratschlag hinzufügen oder ihm Hilfe und Unterstützung schenken können, was und wie sie es für angemessen halten, auf daß niemand ungetröstet davonfahre oder das Gut ohne Zuspruch verlasse.

VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fällt mir ein, daß ich hierüber schon nicht mehr zu verfügen habe. Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich meines Eigentumsrechtes beraubt worden: mein Porträt ist gegen meinen Willen und ohne Erlaubnis öffentlich verbreitet worden. Aus vielen Gründen, die ich hier nicht näher anzugeben brauche, habe ich dies nicht gewünscht; ich habe daher auch niemand durch Verkauf das Recht abgetreten, eine öffentliche Ausgabe dieses Porträts zu veranstalten, und sämtlichen Buchhändlern, die mit einem solchen Antrag an mich herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte mir dies erst dann zu gestatten, wenn es mir mit Gottes Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu vollenden, das meine Gedanken während meines ganzen Lebens beschäftigt hat, und zwar so zu vollenden, daß all meine Landsleute einstimmig erklärten, ich hätte meine Aufgabe redlich gelöst, und den Wunsch äußerten, die Züge des Menschen kennen zu lernen, der bis zu diesem Augenblick in aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen hätte, einen unverdienten Ruhm zu genießen. Dazu kam noch ein anderer Umstand: mein Bild konnte in solch einem Falle sofort in einer großen Anzahl von Exemplaren verbreitet werden und dem Künstler, der mein Bild stechen würde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. Dieser Künstler ist bereits seit mehreren Jahren in Rom damit beschäftigt, einen Stich nach dem unsterblichen Bilde Raffaels: Die Verklärung Christi herzustellen. Er hat dieser Arbeit alles geopfert — einer aufreibenden Arbeit, zu der er viele Jahre gebraucht und die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er hat dies Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer solchen Vollkommenheit ausgeführt, wie dies bisher noch keinem Radierer gelungen ist. Wegen der hohen Kosten und da es nur eine kleine Zahl von Kunstkennern und Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Maße verbreitet werden, um ihn für alles zu entschädigen. Hätte er mein Bild stechen können, so wäre ihm geholfen gewesen. Nun aber ist mein Plan zerstört: ist das Bild einer Persönlichkeit einmal in der Öffentlichkeit verbreitet, so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der sich mit der Herausgabe von Stichen und Steindrucken beschäftigt. Sollte es sich jedoch so fügen, daß nach meinem Tode unveröffentlichte Briefe von mir herausgegeben werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen sein könnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige Streben, Nutzen zu stiften), und sollten meine Landsleute den Wunsch haben, mein Porträt kennen zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder, hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen bitte ich die Leser, die sich aus einem übertriebenen Wohlwollen für alles, was Ruhm und Ansehen genießt, ein Porträt von mit angeschafft haben, es sofort, nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so mehr, da diese Porträts schlecht und gar nicht ähnlich sind, und sich nur ein solches Porträt zu kaufen, das die Unterschrift: Gestochen von Jordanow trägt. Dies wäre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber wäre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich statt meines Bildes den Stich: Die Verklärung Christi kaufen wollten, einen Stich, der selbst nach dem Urteil von Ausländern die Krone der Radiererkunst darstellt und Rußland zum höchsten Ruhme gereicht.

Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in allen Zeitungen und Journalen veröffentlicht werden, damit sich niemand aus Unkenntnis und ohne es zu wollen, gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine Seele lade.

Notes in this chapter

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