XXVI Rußlands Schrecken und Grauen An die Gräfin ***
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XXVI Rußlands Schrecken und Grauen An die Gräfin ***
Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen, Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlässigen Persönlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird. Was mich dazu veranlaßte, war der Umstand, daß mein Brief vielleicht auch manchen andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit. Wenn ich Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich weiß ohne Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann würde sich Ihr Geist verfinstern, es würde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie würden nur noch daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. Wohin aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch schwieriger als die Rußlands. Der Unterschied ist bloß der, daß es dort noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberfläche eines oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den Zeitschriften in Form frühreifer Folgerungen und übereilter Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in jenen so wohlgeordneten Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemühen und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf, solche furchtbare Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt überall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird ausrichten können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland vor unseren Augen sehen. In Rußland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer späteren Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: „Alle lassen den Mut sinken wie in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals“ treffen in der Tat das Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: „sauve qui peut“. So liegen die Dinge heute wirklich, und so muß es auch sein. Gott hat gewollt, daß es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verächtlichen irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich selbst zu retten suchen, während er mitten im Herzen des eigenen Staates weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig auf den himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies kann keiner gerettet werden. Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland von ehedem, sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines andern himmlischen Reiches wäre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, gegen die Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen, sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so erfüllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat. Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine große Bedeutung beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefühl oder unserer Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt — wir müssen immer im Auge behalten, daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und daß wir es darum so verwalten müssen, wie kein anderer als Christus es uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die ägyptische Finsternis, die uns König Salomon so gewaltig geschildert hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte. Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten des hellen Tages; von allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen unaufhörlich vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie alle eine furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefühle, alle Regungen, alle Kräfte schwanden ihnen dahin außer der einen einzigen Furcht, und dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten im Licht und im Tage.
Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. Beten Sie lieber und bitten Sie Gott, daß er Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen können, wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr für Scherze. Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher, zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. Vielleicht ist sie von jener schwächlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was glänzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt genießt. Vielleicht birgt sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir besitzen, zu vernichten vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darüber zu erschrecken, was in uns selbst, als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. Was aber die Schrecken und Grauen Rußlands anbelangt, so sind auch sie nicht ohne Nutzen. Sie waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege eröffnet hat, hat bei vielen schlummernde Fähigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem einen Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten Wirkungskreisen Männer von echter Lebensweisheit und wahre Helden des Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg, sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europäischen Märkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen viele Leute nennen, die einstmals die Zierde Rußlands sein und ihm zu unvergänglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts sei es gesagt, daß die Zahl solcher Frauen größer ist als die der Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Töchtern zu beginnen, die es mir so lebendig zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel mächtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft (Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner Seele erfüllt haben) — Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen Sie kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht nie etwas hören werden, die aber noch weit vollkommener sind als die, von denen Sie etwas gehört haben — Sie alle gleichen einander kaum, und jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche Erscheinung. Nur Rußland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren schwierigen Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden überragt von einer, die ich nicht persönlich kenne und nicht gesehen habe, und von der nur ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine so kluge und großmütige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen, wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht einmal der Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und das ganze Verdienst auf die andern abzuwälzen, so daß diese sich des von jener vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, in der festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht haben, — es sich so klug im voraus zu überlegen, wie man dem entgehen könne, daß der Name der Urheberin bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut von sich künden und sie bekanntmachen mußte, und dies alles dennoch zu vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine ähnliche hohe Weisheit habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als blaß und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der Fiebertraum der Phantasie gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes. Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen, die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders schwierig geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere Verhältnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und Unruhe versetzen.
1846.