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Sämmtliche Werke 7

XII Der Christ schreitet vorwärts An Schtsch—w

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Mein Freund! Halte dich nicht für mehr, als für einen Lehrling und für einen Schüler. Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um noch zu lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon die rechte Reife und den höchsten Grad der Entwicklung erreicht und daß dein Charakter und deine Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser werden können. Für einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schüler bis zum Grabe. Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine höchste Verstandesreife mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein wenig aufwärts; jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser, sondern sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen, und wo für die andern die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst für den Christen. Die begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie das vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde und schwach. Nimm alle Philosophen und die größten weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit fällt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar häufig in Kindheit zurück. Denke zum Beispiel an Kant, der während seiner letzten Jahre fast gänzlich das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb. Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, daß sie an Verstand und Geisteskräften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden und je mehr sie sich dem Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von Natur keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes Leben lang für einfältig und dumm galten, setzten die Menschen später durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch nur während seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten träumt, denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes haben. Versinken aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten — so erlischt auch die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergängliche Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling sehnt er sich nach den Kämpfen des Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter Blick, der immer an Schärfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher können auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder schwächer werden, sie werden vielmehr unaufhörlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn, wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersättlichen Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rückschritte machen, und warum er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet.

Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in uns. Er hat lediglich polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber schreitet nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in uns, aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen. Abstrakte Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er ist weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie die Leidenschaften in uns zu toben beginnen, wird er blind und töricht; ist unsere Seele dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt auch er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein weit höheres Vermögen; aber sie wird nur durch den Sieg über die Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwärts zu streben. Es gibt ein noch höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren, sondern ist ein Geschenk der höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in heißem Gebet bittet, sie ihm herabzusenden, daß er seine Seele bis zur reinsten unschuldigsten Güte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem Vermögen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und wo noch nicht alles ganz einträchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen, und er lernt die ganze wundersame Süßigkeit kennen, die darin liegt, ein Schüler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat weiß er die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das törichteste Ding wendet ihm seine tiefste, klügste Seite zu, und das ganze Weltall liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle andern wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als den andern wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß er ein Schüler ist. Sollte ihn jedoch auch nur für einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine Lehrjahre beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt fühlen, so wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen werden, und er wird im Dunkeln zurückbleiben, wie König Salomon in seinen letzten Tagen.

1846.

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