XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von der Einseitigkeit überhaupt An den Grafen A. P. T...
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Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein Mensch, der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den Weg nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt für sündhaft und für ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das Theater ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Stütze für Ihre Ansicht, daß auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater eifern: und sie haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken Sie einmal etwas tiefer darüber nach: sind Sie wirklich gegen das Theater oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum überall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von überall vertriebenen Heidentums und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mächtig gegen das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die ganze Welt hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europäischer Völker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage begann, und nun waren es die heiligen Männer selbst, die das Theater wieder begründeten und einführten: an den geistlichen Akademien wurden Theater gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete selbst Stücke, die zur Aufführung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater. Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig. Man muß einem Ding jedoch stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine unwichtige Angelegenheit, wenn man berücksichtigt, daß es eine große Menge von fünf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen Räumen aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze Menge, in der die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander gemein haben, plötzlich von einer großen Erschütterung ergriffen werden, in einem einzigen Augenblick in einen Strom von Tränen oder in ein einziges allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie müssen freilich einen Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren Theater und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen und all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstücke, die nur für das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das eigentliche Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragödien und Komödien aufgeführt werden, muß in völliger Unabhängigkeit von allen anderen Künsten dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare mit Tänzern und Tänzerinnen in weißledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen. Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das begriffen: dort gibt es eigene Theater für die Werke der höheren dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken, ob es nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur Aufführung zu bringen, daß das Publikum auf sie aufmerksam würde und daß die wohltätige moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare, Sheridan, Molière, Goethe, Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den großen Gegenständen zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die leisesten Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken der fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die sich mit politischen Fragen beschäftigten und die Saat der Mißachtung gegen das Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung, Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe für das Gute ist selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stücke, die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschäftigen, müssen dazu führen, daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen und in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere unmerklich innerlich kräftigen und befestigen, während diese Flut von leichten und nichtssagenden Stücken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig macht. Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glänzender Gegenstände in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht, die zum Christentum emporführt, und wenn man sie nicht auf einen höheren Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des Christentums besser überschauen und alles besser erkennen kann, was ihr früher gänzlich unverständlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann, die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das Theater, wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden könnte. Man müßte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Völker in ihrer ganzen strahlenden Schönheit zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und dasselbe Werk fortwährend wiederholen. Und das ist sehr wohl möglich. Man kann allen Stücken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle interessieren, die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht, sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß sie veraltet sind und daß das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre üblen Melodramen vorsetzen würden, würde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird das Publikum in Scharen herbeiströmen. Molière wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein, und diese Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler und dem allerersten und tüchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet, anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen, irgendeinen Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen, sondern er soll alles allein machen und allein über alles verfügen. Es muß sogar besonders dafür gesorgt werden, daß die ganze Verantwortlichkeit ihm allein zufalle; man muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum sämtliche Nebenrollen — und zwar eine nach der anderen — spielen lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten Vorbildern, die durch eine dunkle Überlieferung bis auf sie gekommen sind, sie schöpfen ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal nacheinander anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf seine alte Rolle zurückkommt, nachdem er sämtliche anderen Rollen gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben; das Stück aber wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung — etwas bisher völlig Unerhörtes — für den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert, als jene vollkommene Ausgeglichenheit und Übereinstimmung aller Teile, wie sie ihm bisher nur in der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, daß ein Werk der dramatischen Kunst häufiger hintereinander gegeben werden kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger, als die Töne der Musik. Ich muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur dann möglich, wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt, wie es sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit für das Repertoire einem erstklassigen Schauspieler zufällt, d. h. wenn die Tragödien von dem ersten tragischen und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich weiß, wieviel Leute es bei uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich überall herandrängen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit irgendwelchen Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher er plötzlich kommt, das weiß Gott allein: es ist, wie wenn er plötzlich aus dem Wasser emporgetaucht wäre; er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann fängt er allmählich an, sich in alles hineinzumengen, bis schließlich alles in Unordnung gerät. Diese Sekretäre sind wie ein unsichtbarer Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und Ämter unterwühlt, und das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich verwirrt und verschoben. Wir haben uns erst neulich über alle Berufe und Ämter unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, daß sie gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie gewissermaßen wie durch die Hand des Höchsten dafür geschaffen sind, um allen Bedürfnissen unseres Staatslebens zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu zerstören oder sich völlig über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Tätigkeit überschreiten, weil sie glaubten, daß sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und edler werden müßten. Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von den höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre aber haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen ihres Berufs zu überschreiten. Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm diese Vermittlung übertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut dem Untergebenen gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre, er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang auf sich warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten zu erleichtern, trägt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und dies alles geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretärs einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in meiner Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen erröten mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stümper gegen sie. Dies alles wäre übrigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so viele traurige Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der Niedertracht eines Sekretärs, der die gleiche Achtung für sich in Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich, wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte, daß er ihn zu verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten Mittel bediente, deren nur ein ehrloser Mensch fähig ist. In den Departements für die schönen Künste usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees oder eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt es meist keinen Sekretär, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat er lediglich die Verfügungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat die Geschäftsführung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber kommt es doch auch dort vor, daß er sich dort infolge der Trägheit der Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen Leiters an sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbäcker fängt an Stiefel zu machen und der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler erhält Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren; es erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt nicht verstehen kann, wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der doch bis dahin ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes Schriftstück abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat’s hingeschmiert, dem der Name Hündchen gebührt.]
Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung und Ausführung in den Händen eines höchsten Meisters dieser Kunst liegen [und nicht in den Händen irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der Verwaltung des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Künstler ist, kann eine gute Auswahl von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige Leseproben und Probeaufführungen des ganzen Stückes zu veranstalten. Er wird es dem Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler das Ganze zusammen einstudieren und daß jeder seine Rolle ganz von selbst während der Proben lernt und im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße Berührung mit ihm unwillkürlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen: solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können, können sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfüllt sich jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und Natürlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er nie wieder loswerden können. Du wirst nie einen andern aus ihm machen, kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen; die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm für ihn bleiben, und auch das Stück wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein wahrhafter Künstler ist, hat ein Gefühl für das Leben, das in einem Stück pulsiert, und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er allein hat den richtigen Maßstab für die Veranstaltung der Proben, wie sie geleitet werden müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und wieviel Proben genügen, um das Stück dem Publikum in wirklicher Vollendung vorzuführen. Man muß es nur verstehen, diesen Schauspieler und Künstler dazu zu bewegen, daß er sich dieser Sache wie seiner eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen, daß das seine Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert — so wird er es tun, so wird er es durchführen, weil er seine Kunst lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen, daß auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er wird nie dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf die Bühne gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, daß möglichst viel Geld in die Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird es nicht dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das Stück ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm anvertrauten Schauspieler auszuüben, sie zu tyrannisieren und zu schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben. [Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär dagegen wird dreist und ruhig eine Gemeinheit begehen, da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten zuschulden kommen läßt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet. Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes zuschulden kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, daß bei jeder Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fällt, den bereits jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner Kunst lebt und aufgeht, dessen höchstes Lebenselement die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er wacht und die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das Theater eine Pflanzstätte des Lasters werde. — Also: die Schuld liegt nicht beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber urteilen, was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern deshalb, weil man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf alle Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände, die darunter zu leiden haben, daß man ihre eigentliche Bedeutung verfälscht und verdreht, und da es ja überhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben, gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im Sprichwort heißt, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“[3] lieben, so wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte, vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker sind, sind ein Krebsschaden für die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen. Sie wissen nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind fest davon überzeugt, daß die ganze Welt lügt und nur sie allein die Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefährlichen Zustande. Es ist ein Glück, daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie nicht mit der Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne, der dazu befähigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil und Unordnung anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen Sie sich auch mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie nicht wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt gibt, vernichten möchten, da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es ist ihr Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas Ähnliches hat sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind plötzlich Leute erschienen und haben öffentlich in der Presse erklärt, Puschkin sei ein Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele hineingeblickt hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet gewesen wäre, in seinen Gedichten von den höchsten Dogmen des Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur mit großer Angst und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten und erhabensten Ideen des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es nicht wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen war, in Verse zu kleiden, und daß er es vorzog, allen denen, die sich bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse zum Höchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum völlig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte und einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig für den Autor ist, und nicht eine falsche und gekünstelte, die dem Autor schaden muß. Wenn das sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit hat, sich vor dem Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr muß sich die Kritik das zum Gebot machen, die selbst über die unbedeutendsten Motive und Handlungen Aufklärung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! Öffentlich erklären, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi, indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft, daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von uns ihnen erliegt — ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich auch dem Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein Christ könne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein kennt und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser Verstand nur bei einem ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu befähigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, anzubeten geboten hat, — denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er wird ferner erklären: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es ist schon nicht leicht, über einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu fällen, und erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom Geist der Poesie in sich trägt und beinahe ein dem Dichter selbst ebenbürtiger Dichter ist — wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Maße mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und endgültiges Urteil fällen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie Demut üben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann, daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind, die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwärmerischen Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht „An einen Kirchenfürsten“ anführen, in dem Puschkin von sich selbst redet und sagt: auch in den Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick des Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
Da traf dein Wort mich wundereigen Mit überirdischer Gewalt, Und meine Finger ließen schweigen Die Saiten, die wie Hohn geschallt. Mein Herz in seinem tiefsten Horte Schlug reuekrank, gewissenswund; Beim Chrysam deiner duft’gen Worte Ward es zu neuem Sein gesund. Aus deiner Geisteshöhe reichst du Mir deine Hand zur Stütze nun; Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du Den Sturm — und meine Sinne ruhn. Das ewig Wahre, ewig Schöne Durchflammt das Herz mir im Gebet; Stumm hört des Seraphs Harfentöne Im heiligen Schauder der Poet. (Fiedler.)
Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen seiner Zeit umfaßte, Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten Momenten, in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums über alles stellte. Was aber hat die Kritik jetzt für einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut sein, daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel und Argwohn gegen Puschkin in ihre Seelen sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den klügsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das Christentum negiert — einen Menschen, zu dem das geistige Rußland wie zu seinem Führer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich gelassen und überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter und unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher nicht gelingen konnte, einer solchen Lüge Eingang zu verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte hinterlassen, die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, was hätte er anderes tun können, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?] So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund, Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch überall nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Tätigkeit, in der Gesellschaft — kurz überall! Ein einseitiger Mensch ist von sich selbst überzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein; er kann bloß ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein Zeichen dafür, daß der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, daß er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum unserm Geist Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich entgegengesetzte Seiten haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und Theater — das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob man in Entzücken gerät, wenn eine Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst hoch in die Höhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen wird, wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde Rede die höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer Höhe steigert. Ein andres sind die Tränen, die ein fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem er sein Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich höre, heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, die nicht Musiker sind, und ein andres sind die Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen, wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste erschüttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft, noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen Handlung stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein Freund. Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstören und zu vernichten, sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken — selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bösen gewandt haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes geweiht wäre. Alle diese Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen die Heiden ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des Königs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß dieselben Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem Preis und Ruhme tönten.
1845.