V Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen An L**
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V Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen An L**
Ich freue mich, daß man bei uns endlich mit dem öffentlichen Vortrag der Dichtungen unserer russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat nur schon aus Moskau einiges hierüber geschrieben, dort soll man verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter auch einige Stücke aus meinen Erzählungen, vorgetragen haben. Ich war immer der Ansicht, daß solche öffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit für uns sind. Wie es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, selbst beim Lesen; wenn wir allein sind, sind wir alle träge, und solange wir sehen, daß sich die andern nicht regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden tüchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es nur wenig Schwätzer, die über die Macht der Rede verfügen und die sich in den Gerichtssälen und Parlamenten hervortun könnten, aber wir besitzen viele Leute, die die Fähigkeit haben, mit jedem andern zu fühlen. Eine Empfindung mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, das wird bei manchen geradezu eine Leidenschaft, die um so stärker wird, je mehr sie merken, daß sie sich nicht in Worten auszudrücken vermögen (ein Zeichen ist eine ästhetische Natur). Auch unsere Sprache begünstigt die Ausbildung von Rezitatoren; sie ist wie geschaffen für den kunstvollen Vortrag, da sie über alle Klangnuancen verfügt und die kühnsten Übergänge vom Erhabenen zum Einfachen in ein und derselben Rede ermöglicht. Ich glaube sogar, daß die öffentlichen Vorlesungen bei uns mit der Zeit das Schauspiel ersetzen werden. Ich wünschte freilich, daß für diese Vorlesungen, wie sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewählt würden, die es wirklich verdienen, öffentlich vorgetragen zu werden, so daß es auch den Rezitator nicht zu gereuen brauchte, Mühe und Arbeit auf die Vorbereitung zu verwenden. In unserer modernen Literatur aber gibt es nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht nötig, daß durchaus etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum liest es ja doch ohnedies wegen seiner großen Vorliebe für alles Neue. Alle diese neuen Erzählungen (darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend genug, als daß man sie öffentlich vortragen sollte. Wir sollten uns an unsere Poeten halten, an jene hohen Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in langem Nachdenken und langer Arbeit ausreiften und an denen auch der Rezitator lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im Publikum so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften viel über sie geredet, sie ausführlich und unter Aufwand vieler Worte analysiert, aber diese Analysen waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der Verfasser als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben damit nur das erreicht, daß sie die Begriffe, die unser Publikum von seinen Dichtern hatte, noch mehr verwirrt und durcheinandergebracht haben, so daß die Persönlichkeit jedes Dichters für unser Publikum zweideutig und widerspruchsvoll geworden ist und daß sich niemand mehr ein klares Bild davon macht, was eigentlich das wahre Wesen eines jeden Dichters ist. Nur ein kunstvoller Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter vermitteln. Aber natürlich sollte der Vortrag nur von einem Redner übernommen werden, der jede kleinste, verschwindende Nuance des Werks, das er vorliest, wiederzugeben vermag. Dazu braucht man kein feuriger Jüngling zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in einem Zug an einem und demselben Abend eine Tragödie, eine Komödie, eine Ode und wer weiß was sonst noch herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches Gedicht wie es sich gehört vorzutragen — das ist durchaus keine Kleinigkeit: dazu muß man es erst lange durcharbeiten. Man muß das hohe Gefühl, das die Seele des Dichters erfüllte, aufrichtig mit ihm teilen; man muß jedes seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und erst dann zum öffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein Vortrag wird keineswegs laut und lärmend und nicht aus der Fieberglut geboren sein. Im Gegenteil, er kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausströmen, die ein Zeugnis für seine echte innere Rührung ist. Diese Kraft wird sich allen mitteilen und Wunder wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie ergriffen wurden, werden erschüttert werden. Der Vortrag unserer Dichtwerke kann der Öffentlichkeit sehr zum Nutzen gereichen. In unseren Dichtern gibt es viel Schönes, das nicht bloß gänzlich vergessen, sondern auch verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den unsere hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht haben. Ich weiß nicht, von wem der Gedanke stammt, den Ertrag der öffentlichen Vorlesungen den Armen zuzuwenden: dieser Gedanke ist jedenfalls sehr schön. Er kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es in Rußland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, Feuersbrünsten, Krankheiten und allerhand Mißgeschick zu leiden haben. Wie würden sich die Geister der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, wenn ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht würde!
1843.