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Sämmtliche Werke 7

IX Über denselben Gegenstand Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.

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Die Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig Autorität und Bedeutung hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so töricht, wie die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer Kirche an jeder Berührung mit dem Leben gehindert und durch die Regierung in ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wäre nicht gut, wenn unsere Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an unseren täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen teilnähmen oder sich in unsere Familienangelegenheiten mischen würden. Der Geistliche ist vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien kommen, die man den römisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die römisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit hat zwei Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf denen sie mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jährlich Gelegenheit zur Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten. Und wenn der Priester es nur verstände, angesichts des vielen Häßlichen und Bösen, das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und sich’s gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie er so zu den Menschen reden solle, daß jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mächtige Worte dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen mit uns nie gelingen würde. Er muß von einem erhöhten Platz zu dem mitten im Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der sie alle beide hört, und daß von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch ausgeht, der beide mit ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist sogar gut, daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch ihre Kleidung, die keinerlei Wandlungen und Launen unserer törichten Mode unterworfen ist, von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schön, groß und würdig. Das ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert übernommenes Rokoko, das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende Kleidung der römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der Heiland selbst getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an Den mit sich führen, dessen Abbild er für uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen Augenblick vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und den nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns; daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß sie gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er überhaupt nur bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen. Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen einläßt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint, darstellen können. Der Priester muß auch Zeit für sich selbst haben, er muß an sich selbst arbeiten können. Er muß sich ein Beispiel an unserem Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge Köpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der Welt herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die Welt erzogen, sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge verborgen: suche zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du ihn erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel auch die Seelen aller anderen aufschließen.

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