Medea Von Anselm Feuerbach
Reading edition
Geboren 12. September 1829 in Speyer, gestorben 4. Januar 1880 in Venedig. — Neue Pinakothek in München
Buntbild VII
In herber, trauervoller Größe blickt uns aus dem Medea-Bilde Anselm Feuerbachs in der Neuen Pinakothek zu München der Geist der griechischen Tragödie an. Um dies einsame Felsenufer weht heroische Luft. Aus dem Vorgang, den unser Auge verfolgt, steigt die Ahnung einer furchtbaren Tat, eines schweren Schicksals auf, das unerbittlich waltet. Medea, die Tochter eines barbarischen Stammes, in dem noch die Künste finsterer Zauberei gedeihen und die ungebändigte Wildheit ursprünglicher Leidenschaft regiert, hatte in ihrer Verbindung mit dem Griechenfürsten Jason den Weg zu höherer Gesittung beschritten. Nun sieht sie sich von Jason betrogen und verraten, und die schreckliche Enttäuschung dieses Erlebnisses wirft sie wieder in barbarische Art zurück. In dem Herzen der Beleidigten reift ein ungeheurer Entschluß der Rache: sie will Jason verlassen und die Kinder, die sie ihm geschenkt, töten. Der Augenblick des heimlichen Aufbruchs ist dargestellt, und wie der Wille und die Gedanken Medeas von dem felsigen Gestade, das sich zur Linken auftürmt, in die Ferne fortstreben, so wird das ganze Bild durch eine Linienbewegung von links nach rechts hin bestimmt. Durch die stehende Gestalt des Knaben wird das Auge in die Höhe geführt, zu seinem Kopf, zu dem Haupte der Mutter, das sich nach rechts beugt, und dessen Neigung die in großem Schwung abfallenden Umrisse des Gebirges im Hintergrunde wiederholen. Dann wandert der Blick weiter, über die zweite sitzende Gestalt in der Mitte der Komposition, zu der Gruppe der kräftigen Gestalten rechts, die das Segelschiff vom Strand ins Meer stoßen, um es flott zu machen. Während vorher aufrechte Linien betont wurden, gleitet nun alles in die Wagerechten über, die durch den Schiffsbord und das zusammengerollte Segel gebildet werden. So ist die Anordnung darauf gestellt, daß ein starker, mächtiger Ton zur Linken angeschlagen wird, der nach rechts hin langsam abklingt. Wundervoll wird durch dies Liniengefüge die heldenhafte, tragische Stimmung des Ganzen zum Ausdruck gebracht. Erschütternd wirkt auf uns der Blick, den Medea auf ihr Jüngstes senkt, die Bewegung ihrer Hände, mit denen sie die Kinder an sich zieht, die ahnungslos sich an die Mutter schmiegen — denn wir wissen, welch gräßliche Gedanken in ihrem Haupte reifen. Mit unvergleichlicher Kunst hat der Maler in der ganzen Haltung dieser Frau den Widerstreit zwischen mütterlicher Zärtlichkeit und entschlossener Härte gespiegelt. Was sie sinnt, wird noch deutlicher zum Ausdruck gebracht durch die dunkle, verschleierte Gestalt der Dienerin, die das kommende Unheil zu ahnen scheint und ihr Haupt in den Händen verbirgt. Der sitzenden Gestalt Medeens, in geringer Verkleinerung, im Umriß fast gleich, sitzt sie dort wie ein düsterer Schatten ihrer Herrin, wie eine Verkörperung ihres entsetzlichen Planes. Der Druck der seelischen Wirrnis, die unter der Hülle äußerer Ruhe lebt, wird noch fühlbarer durch den Gegensatz zu der Tätigkeit der kräftigen Männer, die das Schiff gegen die Brandung ins Wasser drücken.
Es geht durch dies Werk etwas wie eine Klage über die tragischen Verkettungen, denen das Dasein des Menschen unterworfen ist. Und wir fühlen aus dem innerlichen Ernst, mit dem das Ereignis geschildert wird, daß der Künstler sich nicht für eine einzelne Arbeit in diese Stimmung hineinzwang, sondern daß sie seinem tiefsten Wesen eigen war. Anselm Feuerbach gehörte zu den großen Meistern der deutschen Kunst des vorigen Jahrhunderts, die bis zu ihrem Ende mit dem Unverstand der Menschen zu ringen hatten und, diesem Kampfe nicht gewachsen, früh verbittert und zerrüttet starben, um erst lange nach ihrem Tode die Anerkennung und den Ruhm zu finden, nach dem sie im Leben vergebens gedürstet hatten. In einer Zeit, da die allgemeine Aufmerksamkeit der Erforschung der Naturkräfte zugewandt und daher auch das ganze Streben der Kunst darauf gerichtet war, die Wahrheit des Lebens ringsum zu schildern, gehörte Feuerbach zu dem kleinen Kreise der Meister, in deren Herzen eine unbezwingliche Sehnsucht nach Schönheit, Größe und Hoheit lebendig war, die sie in ihren künstlerischen Werken zu offenbaren suchten. Um die Umgebung zu finden, die solchem Schaffen entsprach, zog Feuerbach, ebenso wie der Schweizer Arnold Böcklin und der Rheinländer Hans von Marées, über die Alpen nach Italien, wo die großartigen Linien der südlichen Landschaft, der freiere Zug des Volkslebens und die Erinnerungen an die Welt der Antike, deren Reste und Trümmer den fremden Wanderer grüßen, den Deutschen von jeher aus Gegenwart und Alltag in eine ferne Schönheitswelt entrückt haben. Mit den beiden Meistern, die eben genannt wurden, lebt Feuerbach in der Kunstgeschichte fort als einer der Führer des Kreises der „Deutsch-Römer“, die sich in ausgesprochenen Gegensatz zu den Realisten und Impressionisten stellten. Diese wollten die malerische Spiegelung von Leben und Bewegtheit, von Natur und modernem Wesen wiedergeben, den Zauber des Lichtes und seiner farbigen Brechungen ergründen, den Reiz und den Schimmer der Erscheinungen festhalten, die das Auge ringsum, überall und jeden Augenblick wahrnimmt. Die Deutsch-Römer erstrebten ganz andere Ziele. Einer mit der Phantasie erschauten bedeutungsvolleren Welt wollten sie Form geben, die in der Wirklichkeit nicht zu finden ist, und in der menschliche Empfindungen und Leidenschaften, unser innerstes Lebensgefühl und unsere Träume in Gebilden von einer höheren Geltung sichtbaren Ausdruck gewinnen. Stärker noch als seine Genossen fühlte sich Feuerbach bei solchem Streben zu der Schönheit und der Kultur Italiens hingezogen. Als Sohn eines gelehrten Archäologen war er 1829 in Speyer geboren. Er entstammte einer Familie von Wissenschaftlern und Universitätsprofessoren. Von Kindheit an war ihm die Welt des klassischen Altertums nahe vertraut. Als blutjunger Kunstschüler war er zuerst, sechzehnjährig, auf die Akademie nach Düsseldorf, dann nach München und Antwerpen gekommen, um das malerische Handwerk zu erlernen. In Paris, im Atelier von Thomas Couture, der um die Mitte des Jahrhunderts unzählige Schüler aus der ganzen Welt unterrichtete, schloß Feuerbach dann seine Ausbildung ab. Aber sein Herz ging ihm erst auf, als er 1855 nach Italien kam. „In Venedig“, so heißt es in seinen wundervollen Briefen, deren Sammlung einen kostbaren Schatz unserer Kunstliteratur bedeutet, „verkündigte sich das Morgengrauen, in Florenz brach die Morgenröte an, in Rom aber vollzog sich das Wunder, das man eine vollkommene Seelenwanderung nennen kann — eine Offenbarung.“ Seine zarte, empfindsame Seele suchte hier die freie Heiterkeit der Antike, die Klarheit und Geschlossenheit der alten Kunst. In dem Gegensatz und Widerspruch zwischen dieser Sehnsucht und der Wirklichkeit des modernen Lebens, in die er sich geschleudert sah, ruht der tragische Konflikt seines Wesens, ruht aber auch der Reiz seiner Kunst. In seinen Bildern ist etwas wie Trauer, wie eine Klage um ein verlorenes Glück. Wiederholt hat er Iphigenie gemalt, wie sie, an ein fernes, fremdes Gestade verbannt, über das Meer hinblickt, „das Land der Griechen mit der Seele suchend.“ So mochte er selbst empfinden. Und nicht anders mag er auch die tragische Zerrissenheit im Herzen der Medea in sich gefühlt haben. Alle diese Bilder wurden nicht nur Darstellungen aus einem Stoffgebiet der Sage, sondern zugleich persönliche Bekenntnisse eigenen Erlebens. Daher die zurückhaltende Farbenstimmung seiner Werke, das schwermütige Halbdunkel, der trübe nordische Himmel, der Landschaft wie Menschen in ein ernstes Grau hüllt. Auch auf unserm Bilde herrscht dieser graublaue Ton, der sich über die breiten Farbflächen legt. Er dämpft und mildert das satte Rot vom Mantel der Medea und von den Mützen der halbnackten Schiffsmannschaft, das Blau der Hose, die der eine Bursche trägt, das Weiß vom Gewande der Fürstin und von dem lässig über die Schulter geschlungenen Hemde des einen Bootsmanns — und er sinkt nieder bis zu schwärzlicher Dunkelheit in der Gestalt der Dienerin, die wie eine aus dem Boden gestiegene, unheimliche Schicksalsgöttin mitten im Bildviereck als finsteres Wahrzeichen schattenhaft aufragt. Deutlich erkennen wir auf diesem Meisterwerke, wie der Aufenthalt in Italien Feuerbachs Art beeinflußte. Medea selbst ist die Idealisierung einer schönen Italienerin. Ihr Faltenwurf deutet auf das Studium antiker Kunstwerke. Die prachtvoll bewegte Gruppe der Schiffsleute zeigt, was der Künstler dort unten mit durstigen Blicken in sich aufgenommen hatte: dergleichen kann man an den Küsten Italiens jederzeit beobachten. Auch die Kinder Medeas stammen von den Straßen italienischer Städte und Dörfer. So gewann die ganze Szene eine unmittelbare Wahrheit und Lebendigkeit. Aber sie wurde darüber hinaus emporgehoben zu einer heroischen Würde und edlen Hoheit. Die innere Erregung ist durch die Ruhe und Gemessenheit der Anordnung gebändigt. Ein Griechentum steigt empor, das durch die Seele eines modernen Menschen hindurchgegangen ist.
Nicht lange nachdem Feuerbach dies Werk geschaffen, schien sein Leben eine glückliche Wendung zu nehmen. Im Jahre 1873 wurde er nach Wien berufen, um dort zu wirken. Endlich glaubte er Anerkennung und Verständnis gefunden zu haben. Aber was ihn erwartete, war nur noch grimmigere Enttäuschung. In der fröhlichen österreichischen Stadt, die damals den farbentrunkenen Bildern von Hans Makart zujubelte, konnte die schlichte Vornehmheit der Feuerbachschen Kunst sich nicht durchsetzen. In nervöser Überreizung verließ er Wien nach wenigen Jahren wieder und flüchtete nach Venedig. Die Verzweiflung darüber, daß sein heißer Wunsch, den Deutschen eine monumentale Malerei großen Stiles zu schenken, ohne Echo blieb, trieb ihn, wenig über fünfzig Jahre alt, 1880 in den Tod. Seine Selbstbiographie, die unter dem Titel „Ein Vermächtnis“ nach seinem Hingang erschien, zeigt ergreifend das schmerzvolle Ringen, in dem er sich zerquält hat, und bleibt für alle Zeiten eine Mahnung für unser Volk, das einen seiner größten Künstler verkannte und mißachtete.
Max Osborn.