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Gemälde und ihre Meister

Im Herbst Von Johann Christian Kröner

Reading edition

Geboren 3. Februar 1838 in Rinteln, gestorben 16. Oktober 1911 in Düsseldorf. — Gemäldegalerie in Dresden

Bild 35

An einem wunderschönen Herbstmorgen war es, der Nebel hatte sich verzogen, die Sonne glitzerte im feuchten Grase, da wanderte ein junger Mann frohgemut durchs Waldgebirge. Er war groß und schlank, trug einen grau-grünen Joppenanzug, den derben Wanderstock in der Hand, und aus seiner Rocktasche lugte etwas von der grauen Leinwand eines Skizzenbuches hervor. Langsam stieg er aufwärts und hielt Umschau, manchmal blieb er stehen, um tief aufzuatmen. Der Zauber des deutschen Waldes hatte ihn ergriffen. Feierlich ernst standen die alten Tannen da, die schon soviel Leben gesehen hatten, Menschen und Getier, Blumen und Gräser — das alles war gekommen und gegangen, die Bäume hatten es überdauert. Sie mochten nun bald ihre hundert Jahre auf derselben Stelle stehen. Freilich, auch ihre Zeit war binnen kurzem vorüber, die Axt hieb sie nieder, sie gingen hinaus, um menschlichen Zwecken dienstbar gemacht zu werden, und neues Leben siedelte sich dann dort an, wo jetzt noch die tiefen Schauer des Hochwaldes den Wanderer umfingen. Ein geheimnisvolles Dunkel lag zwischen den Stämmen. Dort rauschte das Wasser hernieder zwischen Gestein und allerlei Kräutern. Hie und da flog ein Vöglein vom Bache auf, eine Meise oder eine Bachstelze. Ein Raubvogel strich langsam von einer Tanne ab und verschwand im Dickicht. — Der junge Mann kam auf die Höhe des Gebirgskammes, stand auf einer Halde und blickte tief hinein auf waldige Hänge, die in blaugrauem Dunste dalagen, und sah weit hinüber auf immer neue Gebirgsbildungen und grüne Täler.

Da — was war das? Ein Schrei, laut und fast schrecklich, ein tiefes Orgeln, drang ihm ins Ohr. War es ein Mensch, der dort in tiefer Angst um Hilfe rief? Oder war es der Schrei eines Tieres? Es wiederholte sich mehrmals. Der junge Mann blieb stehen und lauschte. Er wußte: es war der brünstige Schrei des Edelhirsches, des Königs dieser Wälder.

So wie an diesem Tage ist der Wanderer gar manches Mal in seiner Jugend und in seinem Mannesalter durch den Wald gegangen. Er ist Maler geworden, einer der bedeutendsten und bekanntesten, sein Name: Christian Kröner. Immer wieder hat er Wald und Wild zum Gegenstande seines Schaffens gemacht. Früh schon hat er gezeichnet und gemalt und auch in jungen Jahren schon die Freuden der Jagd kennengelernt, in seiner hessischen Heimat, wo er in Rinteln am 3. Februar 1838 geboren wurde. Im dortigen Revier des Herrn von Münchhausen hat er sich zuerst als Jäger betätigt.

Es sieht nicht mehr so wild aus in unserem deutschen Walde wie in früheren Jahrhunderten. Da gab es ganze Waldgebiete, die keines Menschen Fuß betrat, und die in voller Unberührtheit dalagen; andere, die von den Menschen nutzbar gemacht wurden, in denen aber keine geregelte Waldwirtschaft bestand. Der Wald ergänzte sich durch eigene Besamung immer wieder neu, der Mensch aber nutzte ihn aus, ohne ihn zu pflegen.

Das alles ist jetzt anders, der deutsche Wald ist zahmer und ordentlicher geworden. Mit der Erkenntnis, daß die zügellose Wirtschaft das Holzkapital rasch aufzehren würde, begann das Streben nach Ordnung im Walde und seine Pflege. Saat und Pflanzung, Schutz des natürlichen Nachwuchses unter dem Schirme der alten Bäume führten zur Aufzucht junger Holzbestände. Aber auch heute noch ist genügend Mannigfaltigkeit im deutschen Walde vorhanden, um uns zu erfreuen. Schonungen und Bestände verschiedenen Alters wechseln miteinander ab, Berg und Tal, Bäche und Teiche, anmutige Waldwiesen, Farnkräuter und Blumen gefallen uns wohl, und gerne atmen wir die reine Luft, die uns neue Kräfte verleiht. Und immer noch gibt es Wild und Jagdgründe, wenn auch diese meist gegen das Ackerland hin eingehegt sind, damit das Wild auf den Feldern keinen Schaden tun kann, wie das einst vor allem durch Hirsche und wilde Schweine geschah. Noch immer weiß der Jäger dieses Großwild zu hegen und zu erlegen, häufiger als dieses finden wir das zierliche Reh, der Fuchs schleicht noch immer vorsichtig auf Raub aus, Habichte nisten im hohen Gipfel, der Kuckuck ruft, und die wilde Taube gurrt, und die Scharen der kleinen Singvögel beleben Busch und Tann.

Von Jagd und Jägerleben wollen allerdings heute viele nichts mehr wissen. Es mag dies daher kommen, daß große Teile des Volkes der Natur entfremdet sind. Der wahre Jäger ist nicht nur ein Freund der freien, schönen Natur und besonders des Waldes und seiner Bäume, die er mit Verständnis behandelt, er ist auch ein Freund des Wildes, das er nach Möglichkeit hegt und zur rauhen Winterszeit an bestimmten Stellen füttert. Das Erlegen des Wildes vollführt er weidgerecht und mit Schonung, und sehr schmerzlich ist es ihm, wenn er einmal ein Stück Wild schlecht getroffen hat und es krank „zu Holze“ zieht, wo es trotz eifrigster Nachsuche häufig nicht gefunden wird.

Ist der Jäger aber ein Maler, so bringt er doppelte Beute mit heim, das Wild und die Beobachtungen, die er mit Auge und Stift im Revier gemacht hat.

„Der Wald hat ihn geboren“, so schrieb einmal jemand über Kröner, den großen Meister. Nie ging er ohne sein Skizzenbuch, dem er mit dem Stifte seine Beobachtungen anvertraute. Oft wanderte er mit Leinwand, Pinsel und Farben hinaus, um landschaftliche Skizzen zu machen, denn als Maler der Landschaft war er ebenso hervorragend wie als Wildmaler. Er hat Wald und Wild in allen Jahreszeiten gemalt, im knospenden Frühling, im stillen Sommer, im bunten Herbst und im weißen Gewande des Winters. Es gelang ihm sowohl das Liebliche, Anmutige, wie das Große und Erhabene. Jede Stimmung der Landschaft und die ganze Tierwelt des Waldes hat er uns in zahlreichen Bildern überliefert. Das Wild hat er in der Bewegung beobachtet und seine Studien am erlegten Tiere fortgesetzt. Von der Sorgfalt solchen Studiums machen sich wohl viele kaum einen rechten Begriff. Der Maler läßt sich sogar die Mühe nicht verdrießen, das tote Wild mittels eines Drahtgestelles aufzurichten, um die Formen und Farben nun genauer auf der Leinwand festhalten zu können. Er malt das erlegte, „zerwirkte“ Wild, d. h. von der Decke entblößt, um so die Muskelteile und Sehnen und ihre Lage besser zu erkennen und dieses Studium rückwärts wieder bei der Darstellung des lebenden Tieres verwerten zu können. Auch an eingefangenen lebenden Tieren lassen sich natürlich gute Studien machen.

Mit Zielbewußtsein ging Kröner seinen Weg. Eine Zeitlang studierte er in Düsseldorf. Auch Paris besuchte er zu weiterer Ausbildung. Immer wieder aber ging er zu seinem besten Lehrmeister, der Natur selbst, in die Schule. Nicht sogleich stellte sich der Erfolg ein, nach und nach aber wurde er als einer der ersten Maler des Waldes und Wildes anerkannt. Viele ehrende Auszeichnungen sind ihm zuteil geworden, zahlreiche silberne und goldene Medaillen wurden ihm auf Ausstellungen verliehen, auch wurde er zum Mitgliede der Berliner Akademie gewählt. Seine Bilder wanderten in die bedeutendsten Gemäldegalerien Deutschlands. Er hat nicht nur in Ölfarben, sondern auch meisterhaft in Wasserfarben gemalt. Auch die Schwarzweißkunst übte er, radierte Blätter eines Jagdbuches und zahlreiche Einzelblätter.

Ein glückliches Familienleben war ihm beschieden. In seiner Gattin Magda Kröner, seiner Schülerin, fand er eine gleichstrebende Lebensgefährtin. Wie oft sind sie gemeinsam miteinander gewandert! Im Teutoburger Walde hatte Kröner seine Jagd, dort hat er viel nach der Natur gemalt, ebenso an der Mosel, besonders aber im Harz, in der Brockengegend bei Schierke. Hochbetagt ist er am 16. Oktober 1911 in Düsseldorf gestorben. Außer seiner Witwe überlebten ihn zwei Söhne, von denen der ältere Kaufmann, der jüngere ebenfalls ein tüchtiger Maler geworden ist.

Das Bild „Im Herbst“ ist ein Werk aus Kröners bester Zeit. Schauplatz ist der Teutoburger Wald, in der Nähe der Externsteine. Wie da ein leichter herbstlicher Duft über dem Walde lagert, wie das Licht hindurchdringt und überall seinen Glanz verbreitet, wie sich dagegen die dunklen Flächen der großen Buche und der hinteren Wipfel abheben, und wie dann wieder über diesen die letzte Höhe, von der Sonne voll beschienen, in lichtem Blau das Ganze krönt. Wie aber auch alles einzelne den Eindruck voller Naturwahrheit macht, zum Greifen deutlich und doch nicht kleinlich, in flotten Strichen hingesetzt; je ferner, desto mehr Fläche, denn auch in der Natur erkennt man da die Einzelheiten nicht mehr. Gerade fällt die Sonne auf die Lichtung, der leichte Schatten der großen Buche nur dämpft diese Helligkeit in der Mitte ein wenig. Auf diese sonnenbeschienene Fläche fällt naturgemäß das Auge des Beschauers zuerst, und dort spielt sich denn auch der dargestellte Vorgang ab. Die dunkleren Körper der Tiere treten aus dem Hellen deutlich hervor, besonders die des vorderen Hirsches mit den beiden Alttieren. Es ist der Platzhirsch mit dem Wilde, das sich ziemlich gleichgültig verhält, er steht ruhig in seiner sicheren Kraft da, der andere, der Angreifer fordert ihn schreiend zum Kampfe heraus, man erkennt seinen Atem in der kühlen Herbstluft. Er will dem Gegner seinen Rang als Führer des Rudels streitig machen. Was wird werden?... Es kommt zum Kampfe. Gewaltig geraten sie aneinander, man hört das Klappen der Geweihe. Die Kämpfer schieben sich hin und her, endlich weiß der Schwächere sich los zu machen und zu flüchten — wenn er nicht, was selten vorkommt, schwerverwundet auf der Walstatt bleibt und seinen Wagemut schließlich doch mit dem Leben bezahlen muß.

Es sind ein Paar kräftige Knaben, die sich hier auf dem Bilde gegenüberstehen, „Zehnender“, wie man sie nach dem Geweih nennt, d. h. sie haben fünf Enden an jeder Stange. Im ersten Jahre schiebt der Hirsch nur ein Paar Spieße aus, im zweiten manchmal ein Paar Gabeln, daher Gabler genannt, meist aber schon ein Geweih mit drei Enden an jeder Stange, so daß er zum Sechsender geworden ist. In der Regel wird er dann mit jedem Jahre stärker, es folgt der Achtender, der Zehnender. Die starken Geweihe über zwölf Enden sind immer seltener geworden.

Der Maler-Jäger Christian Kröner vereinigte den scharfen Blick des Malers mit dem des Jägers. Er schenkte uns herrliche Kunstwerke, er lehrte uns aber auch eindringlich, wie wir mit offenem Auge und Herzen vertieft sehen sollen, um die Schönheit der Dinge in unserem deutschen Walde reicher zu genießen.

Felix Freiherr v. Stenglin.

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