Der Zinsgroschen Von Tizian
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Geboren um 1477 in Pieve di Cadore (Friaul), gestorben 27. August 1576 in Venedig. — Gemäldegalerie in Dresden
Buntbild II
Glänzend entfaltet sich im 16. Jahrhundert die Malerei Italiens. Mit Recht spricht man von den drei Großmeistern dieser Zeit, Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael Santi. Aber neben sie tritt fast ebenbürtig Tizian Vecellio, der größte unter den Malern Venedigs.
Venedig hat von jeher einen besonderen Platz in der Malerei Italiens behauptet. Das hängt mit seiner Lage und der Tätigkeit seiner Bewohner zusammen. Im Mittelalter geht der gesamte Verkehr des Abendlandes mit dem Morgenlande über Oberitalien, über die drei Städte Venedig, Florenz und Genua. Unter diesen ist Venedig die bedeutendste; sie beherrscht den größten Teil des Levantehandels, d. h. den Austausch der Güter zwischen Europa und den Mittelmeerküsten Nordafrikas, Syriens und Kleinasiens bis zum Bosporus und dem Schwarzen Meere.
So kommt es, daß sich damals in Venedig die Schätze des Morgen- und des Abendlandes begegnen. Nach Venedig gelangen die Seidengewebe Chinas, die Teppiche Persiens, die Gewürze und Edelsteine Indiens, das Gold und Silber Südasiens, das Elfenbein Afrikas. Aus dem Norden aber strömen in Venedig zusammen alle die Einfuhrgüter, die abendländischer Gewerbefleiß erzeugt, Eisen und Stahl, Kupfer und Messing, Gefäße und Geräte aus Metall und Holz, Waffen aller Art, Leinwand, Tuch und Leder, rheinische Goldarbeiten, Nürnberger Spielwaren, Augsburger Kunstwerke.
All die Farbenpracht und Farbenfreude, die dem Morgenlande eigen sind, sie entfalten sich ganz von selbst in Venedig. Unterstützt wird diese Freude an Pracht und Farbe durch die gewaltigen, schier unermeßlichen Vermögen, die durch den Handel in Venedig aufgehäuft werden. Vor allen Dingen aber behauptet Venedig damals eine Machtstellung sondergleichen, dank der großzügigen, wenn auch rücksichtslosen Handelspolitik, die die Lagunenstadt im gesamten Gebiete des Mittelmeeres entwickelt. Nicht ohne Grund lautete damals ein Merkwort:
Straßburger Geschütz, Nürnberger Witz, Venediger Macht, Augsburger Pracht, Ulmer Geld, bezwingen die ganze Welt.
All diese venezianische Freude an Pracht und Schönheit, an Form und Farbe ist getaucht in den hellen Sonnenglanz, der den größten Teil des Jahres über der Stadt liegt und den das Meer mit seinen vielen, die Stadt durchziehenden Armen und Kanälen tausendfach widerstrahlt. Daher rührt es, daß in den Werken der Maler Venedigs immer eine berückende Farbenpracht und eine glänzende Farbengebung vorwalten, gleichsam als sei alles mit den leuchtenden Strahlen von Sonne und Meer getränkt. Das zeigt sich schon im 15. Jahrhundert in den Schöpfungen eines Jacopo Bellini und tritt noch schärfer hervor in den Werken seiner Söhne Gentile und Giovanni Bellini. Besondere Förderung erfährt dieses Bestreben dadurch, daß die beiden Brüder zwischen 1473 und 1475 die Technik der Ölfarbe erlernen und seitdem anwenden. Diese durch Antonella da Messina 1473 in Venedig eingeführte Öltechnik ist von der größten Bedeutung, denn sie allein gestattet die Wiedergabe der Farbe in ihrer vollen Tiefe, die Wiedergabe des Lichtes in seinem vollen Glanze. Bis dahin konnten sich die Maler nur mattwirkender Farben bedienen, indem sie entweder mit Kalkfarbe al fresco, d. h. auf den frischen Bewurf der Wand malten, oder aber Tafelbilder auf Holz, Kupfer oder Leinwand in Leimfarben oder Eifarben (Tempera) herstellten. In dem einen wie dem anderen Falle erscheinen nach dem Auftrocknen die Farben stumpf und flach. Jetzt ermöglicht die Ölmalerei die Anwendung von Farben, die denen der Wirklichkeit gleich sind an Kraft und saftiger Schönheit, die dabei jede Abwandlung vom zartesten Hauche bis zur sattesten Tiefe gestatten und die, nachdem sie aufgetrocknet sind, durch einen Überzug von Firnis (Lack) eine unveränderliche Leuchtkraft gewinnen. Darum haben so viele von den Meisterwerken jener Tage ihre volle Wirkung bis heute bewahrt.
In dieses Venedig hinein und gleich zu den Bellinis in die Lehre kommt im Jahre 1487 unser Tizian. Er war 1477 als Sprößling einer angesehenen Familie zu Pieve di Cadore im Friaul geboren, also inmitten einer großartigen, majestätisch-monumentalen Alpenwelt aufgewachsen. Wenn auch damals und noch mehr in späteren Jahren die Handelsmacht Venedigs sich allmählich verringerte, weil der Welthandel infolge der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien mit der Zeit andere Bahnen einschlug, so verschob sich das alles doch nur Schritt für Schritt, so daß Venedig seine Vormachtstellung im Mittelmeer noch Jahrhunderte behielt und damit seinen Reichtum und seinen Glanz, seine Pracht und seinen Ruhm.
Knapp zehn Jahre hat Tizian gebraucht, um zu einer selbständigen Wirksamkeit als Maler zu gelangen. Aber wie jeder heranwachsende Künstler unterliegt auch er in der ersten Zeit seines Schaffens fremden Einflüssen. Die Auffassung und Malweise seiner Lehrer hält er längere Zeit fest, dann nähert er sich mehr der weichen Art des Giorgione, mit dem zusammen er bis 1508 an der Ausmalung des deutschen Fondaco, des deutschen Kaufmannshofes in Venedig, tätig ist. Aber auch Leonardo da Vinci bleibt nicht ohne Wirkung auf ihn. Schließlich verläßt er Venedig und malt 1511 bis 1512 in Padua Fresken.
Aber Venedig hat es ihm doch angetan. Er mag es gefühlt haben, daß er, der hochgemute, scharfblickende, kühn und fest vorwärtsstrebende Sohn der Alpen, nur in dem stolzen, reichen, von allen Schätzen der Welt erfüllten Venedig sein Ziel erreichen könne, ein großer Maler zu werden. Und er wird es dort. Mit seiner Rückkehr nach Venedig 1512 beginnt der zweite Abschnitt seine Lebens voll künstlerischer Selbständigkeit und reicher Wirksamkeit. Schon 1516 wird er zum Ratsmaler von Venedig ernannt. Er knüpft Verbindungen mit den Fürstenhöfen von Ferrara und Mantua an, arbeitet zeitweilig auch dort. So sind die zwanzig Jahre von 1512 bis 1532, also sein Mannesalter vom fünfunddreißigsten bis fünfundfünfzigsten Jahre, ausgefüllt von unermüdlichem, niemals erlahmendem Schaffen, das ihn auf die Höhe seiner Kunst führt.
Das Jahr 1532 bringt eine entscheidende Wendung im Leben Tizians. Er malt Kaiser Karl V. und tritt zu ihm in enge Beziehungen. Damit wird er ganz von selbst zum gesuchtesten Maler seiner Zeit, dem seine großen Einkünfte gestatten, ein fürstliches Haus zu führen, dem aber auch seine ausgebreiteten persönlichen Verbindungen gestatten, die Größten und Besten seiner Zeit als Gäste bei sich zu sehen: die fürstlichen Staatshäupter, die Träger der höchsten kirchlichen Würden, die Großen an Geist und die Großen an Geld. Selbst wie ein Fürst anzusehen, hochgewachsen und von breiten Schultern, mit Adlernase und großen, kühnen Augen, vornehm und gelassen in Haltung und Bewegung, empfängt der 1533 Geadelte seine fürstlichen Gäste. Als ihn 1576 die Pest hinwegrafft, hat der Neunundneunzigjährige noch keine Abnahme seiner Arbeitskraft verspürt.
Groß ist die Zahl der Werke, die Tizian geschaffen. Nur die wichtigsten können genannt werden. In den Jahren seiner Entfaltung vor 1512 entstehen drei seiner berühmten Jugendwerke, der heilige Markus, der Zinsgroschen und das unter dem Namen der himmlischen und der irdischen Liebe bekannte Bild. In sein Mannesalter fällt die Assunta, d. h. die Himmelfahrt Mariä, weiter die Madonna der Familie Pesaro, die Ermordung des Petrus Martyr, die Madonna in der Glorie, die drei Bacchanale, die Flora, die Venus von Urbino. Aus der Zeit seines Alters, zwischen 1532 und 1576, stammen seine reifsten Werke, die Bildnisse Karls V., des Herzogs und der Herzogin von Urbino, des Papstes Paul III., seine Selbstbildnisse und das schöne Bild seiner Tochter Lavinia mit der Fruchtschale in den hocherhobenen Händen. Daneben der Tempelgang der Maria, die Dornenkrönung Christi, Danae im Goldregen.
Wie kaum ein anderer seiner Zeit hat Tizian es verstanden, die Farbe zur höchsten Wirkung zu bringen. Die Farben im Bild zusammenzustimmen, sie zu voller Harmonie und höchstem Schmelze zu entwickeln, das ist das koloristische Ziel, das ihm vorschwebt und das er erreicht. Daneben aber der hohe künstlerische, geistige und sittliche Gehalt seiner Werke. Denn was er malt, ist erfüllt von Schönheit und Kraft, von erhobener Ruhe, Würde und Majestät, stolzer Sicherheit und tiefstem innerlichen Leben.
So verlockend es ist, einem Künstler auf die Höhe seiner Laufbahn zu folgen, so reizt es doch noch mehr, aus einem seiner Jugendwerke das herauszulesen, was er als reifer Meister bekundet hat. Deshalb ist hier der Zinsgroschen ausgewählt, jenes Jugendwerk, das in der Dresdner Galerie hängt. Das Ölgemälde ist um 1508 entstanden, also zu einer Zeit, als Tizian etwa 31 Jahre gezählt hat.
Es handelt sich um die bekannte Begebenheit aus der Biblischen Geschichte. Die Pharisäer wollen dem Heiland aus seinen Reden einen Fallstrick drehen und entsenden einige ihrer Jünger, ihm verfängliche Fragen vorzulegen. So fragen sie ihn, ob es recht sei, dem Kaiser Zins zu zahlen, d. h. ihm Steuern zu entrichten. Sie hatten natürlich dabei die Absicht, den Erlöser zu einer unbedachten Antwort zu verleiten, zu einer Äußerung etwa des Inhalts, daß der Kaiser nicht berechtigt sei, Steuern zu erheben. Dann hätten sie natürlich diese Äußerung der Obrigkeit hinterbracht und Jesus Christus als Aufwiegler gebrandmarkt. Aber Jesus Christus, der die Fragenden durchschaut, spricht zu ihnen: Weiset mir die Zinsmünze, und als sie ihm einen Groschen reichen, fragt er sie: Wes ist das Bild und die Umschrift? Als sie ihm darauf antworten: Des Kaisers, spricht Jesus die Worte zu ihnen: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.
Es ist unverkennbar, daß Tizian dieses Bild unter dem Einflusse von Leonardo da Vinci geschaffen hat. Aber nur unter seinem mittelbaren Einflusse insofern, als Aufbau und Durchführung an das Vorbild Leonardos erinnern. Im übrigen aber ist das Werk eine vollkommen selbständige Schöpfung Tizians. Und mit welcher Meisterschaft hat er den Vorgang bewältigt! Zunächst schon erfüllt er in der Komposition, im Entwurfe das erste Erfordernis aller Kunst, sich auf das Notwendige zu beschränken, indem er weiter nichts darstellt als Christus und einen seiner Versucher, nämlich den fragenden. Und auch diese beiden gibt er nur als Halbfiguren wieder. Dadurch erzielt Tizian eine wertvolle Zusammendrängung seines Werkes, er führt den Vorgang zurück auf das Wesentliche, auf die an sich höchst einfache Handlung. Da aber setzt er mit allen Mitteln der Kunst die beiden Personen zueinander in Gegensatz und vereinigt sie doch wieder zu einer künstlerischen Einheit, den fragenden Pharisäer und den antwortenden Christus. Scharf sind beide gegeneinander gekennzeichnet. Christus, das Antlitz voll Milde und Sanftmut, durchgeistigt und voll ruhigen Ernstes, die Lippen als ob sie sprächen und doch um Mund und Augen herum so etwas wie ein gelassenes Lächeln innerer Überlegenheit über die Plumpheit, mit der der andere seine Schlinge stellt. Die Hand Christi, die auf den Zinsgroschen weist, ist ebenso durchgeistigt wie das Gesicht. Es ist die Hand eines tief und viel Denkenden, eines Mannes, der über die letzten Rätsel der Menschheit gegrübelt hat und erfüllt ist von Mitleid und Erbarmen. Ganz anders der Fragende. Braun von Hautfarbe, hager, ein Mann des Gierens und Erraffens, ein selbstsüchtig Hastender, der zeitlebens an nichts anderes gedacht hat als an das Erringen des Leiblichen, ein Mann voll Tücke und Schliche. Das Nachdenken über sich selbst und sein Beginnen, oder gar über Gott und Menschen hat er nie geübt oder doch schon längst verlernt. Das von Leidenschaften durchfurchte braune Gesicht des Fragenden steht in schlagendem Gegensatze zu dem feinen hellen, von unendlicher Güte durchleuchteten Antlitze Christi, und die grobe, braune, derbknochige, von dicken Adern durchzogene Hand des Pharisäers bildet ein vollständiges Widerspiel zu der feinen, schlanken Hand Christi. Dazu die Haltung der beiden. Der Fragende, der sich plötzlich wie eine falsche Katze an Christus herangedrängt hat und ihm nun listig und schmeichlerisch anhängt; Christus, der sich im Weiterschreiten nicht aufhalten läßt, sondern sich nur halb zu dem Fragenden umwendet und so ihm seine Antwort gibt.
Bemerkenswert weiterhin, mit welcher Meisterschaft die Farben der Gewänder gegeneinander abgestimmt sind. Christus mit dem hellrötlichen Untergewand und dem blaugrünen Mantel dazu, der Pharisäer in dem grünlichen Gelb seines Gewandes. So beherrscht der Farbendreiklang Hellrot, Blaugrün und Grünlichgelb das ganze Bild; und zu diesem Dreiklang gesellen sich harmonisch das Braun in der Hautfarbe des einen, der helle Ton in der Haut des anderen, die braunen Haare des einen, die braunschwarzen des anderen. Also auch hier wieder eine große Meisterschaft des Urhebers.
Vor allem aber tritt uns schon in diesem Jugendwerke Tizians alles das entgegen, was sein späteres Schaffen kennzeichnet, die monumentale Größe des Vorwurfes, die Wucht und Eindringlichkeit der Darstellung, die vornehme Ruhe und der tiefgeistige Gehalt des Vortrags, der klare, nur auf das Notwendige beschränkte Aufbau, die meisterhafte Beherrschung der Farbe, die unvergängliche Schönheit der Leistung. Man versteht es, daß solch ein Maler zu einem Fürsten unter den Künstlern heranreifen mußte.
Georg Lehnert.