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Gemälde und ihre Meister

Gefilde der Seligen Von Arnold Böcklin

Reading edition

Geboren 16. Oktober 1827 in Basel, gestorben 16. Januar 1901 in Fiesole bei Florenz. — Nationalgalerie in Berlin

Buntbild VI

Welch wunderbare, farbenfrohe Märchenwelt!

Ein seltsam fremdes Fabelwesen, Chiron, der Zentaur, halb Mensch, halb Pferd, trägt sinnend, in beschaulichem Wohlgefühl, eine schöne junge Frau über das geheimnisvolle Dunkel blauschimmernden Wassers hinüber an ein grünes, durch ragende, silberglänzende Pappeln belebtes Gestade. Das ist ein Ereignis für die Geister des weltfernen, ruhig in einsamem Stolz dahinflutenden Stromes; denn nur wenigen Auserwählten ist der Zutritt vergönnt zu der Stätte seliger Gottesnähe und ewigen Friedens, zum paradiesischen Reiche der Schönheit und Anmut. Zwei Nixen haben es bemerkt, holde Wesen, denen der schuppige Fischschwanz nichts von ihrer Schönheit nimmt; sie trieben im Wasser blumengeschmückt ihr neckisches Spiel; nun schwimmen sie heran und singen, überwältigt von der Schönheit der Frau, die ihren Einzug hält, zum Gruß am schilfigen Gestade ihr schönstes Lied von Lust und Liebe, von seliger, goldener Zeit. Aber der Beschauer muß lächeln: sie mühen sich vergebens. Mögen sie noch so hingebungsvoll ihren Sang ertönen lassen: die stolze Frau ist solcher Huldigungen gewohnt; sie hört wohl die schmelzenden Klänge, aber ihr Geist ist auf Höheres gespannt; ihr Auge mag flüchtig mit Wohlgefallen auf ihnen geruht haben, jetzt richtet sie den Blick vorwärts und schaut erhobenen Hauptes in das Land ihrer Sehnsucht, und:

Wundersam, auch Schwäne kommen Aus den Buchten hergeschwommen, Majestätisch rein bewegt. Ruhig schwebend, zart gesellig, Aber stolz und selbstgefällig, Wie sich Haupt und Schnabel regt ...

Sie fühlen sich recht wichtig, wie sie von beiden Seiten in großen Bogen würdevoll heranschwimmen, halb neugierig fragend, halb geheimnisvoll-feierlich Ungeahntes kündend. Fast ein wenig aufdringlich scheinen sie den Zugang wahren oder doch prüfen zu wollen, ob der getreue Grenzwächter auf seinem breiten, braunen Rücken auch eine würdige Last herübertrage; ganz erfüllt sind sie von der Herrlichkeit der Dinge, die hier zu schauen sind. Aber Chiron stemmt den Arm in die Seite und ist spöttisch gestimmt. Er hat sein weißes Haar festlich bekränzt, und sein Herz ist voll Neigung zu dem reizvollen Wesen, das auf ihm ruht und seinen Hals so wonnesam umfängt; ihm ist der Augenblick zu kostbar und seine Last zu lieb, um Neugierigen und Propheten Rede zu stehen; halb belustigt, halb verächtlich bannt er sie durch seinen Blick: Was wollt ihr Wichtigtuer? Kümmert euch um euch!

In ähnlicher Spannung wie die Schwäne harrt der Ankommenden ein auf dem Rasen zwischen den Stämmen am Landungswege ruhendes Liebespaar. Erwartungsvoll richten sie sich ein wenig auf: Wer bist du, königliche Frau, so erhaben und doch so lieblich, der die Götter erlauben, mit uns das Paradies zu teilen? In der Ferne, sich klar abhebend von einer einsamen lichten Baumgruppe, sieht man Jünglinge mit Tamburinen und Jungfrauen mit Girlanden in strahlenden, rot, goldgelb und rosa blinkenden Gewändern; sie führen einen festlichen Reigen auf um einen hellen Altar und sind der hohen Frau gewärtig zu freudigem Empfang: ein Götterbote hat verkündet, wer da kommt. An ihnen vorbei blickt man weit hinein in die lachende sonnige Ebene, bis hin zu den sanft schwellenden Hügeln am fernen Horizont.

Vorbei zieht die Kommende an der dunklen Felsengrotte, die schauerlich geheimnisvolle Tiefen birgt: an jenem Eingang zu der traurigen Stätte ewigen Todes, wo die leiblosen Schatten ein dumpf-bewußtloses Dasein führen. Ihr winkt die strahlende Sonne paradiesischer Freude und ungetrübten Glückes, ein erhöhtes Leben voll Genuß und Schönheit, unter südlich leuchtendem Himmel, in vollkommenem Einklang mit der Natur, in seligster Harmonie mit Wesen von gleicher Feierstimmung. Es ist Helena, die lieblichste der Frauen, die Gattin des Menelaos, die einst Paris freventlich entführte, um derentwillen dann der männermordende Trojanische Krieg entbrannte; jetzt ist sie den Ihren daheim gestorben und geht zur Seligkeit ein in das traumhafte Reich ewigen Lichtes, reinster Schönheit, nie aufhörender Wonne. Alles Schwere und Trübe des Erdendaseins ist abgestreift, golden liegt die Zukunft vor ihr. Unter Göttern und Heroen, mit den edelsten Helden der Vorzeit und den blühendsten Mädchen und Frauen vergangener Tage wird sie leben in unverwelkbarer Jugendschöne und unbekümmerter Heiterkeit, in sieghafter Anmut, liebend und geliebt, ein einziges großes Fest feiernd. Von ihr, die so vieles erlebt, die aller Menschen und selbst der Greise Herz rührte, die von allen Dichtern als die Herrlichste auf Erden gepriesen ward, der die gütige Parze zur Schönheit noch alle beglückenden Gaben des Geistes und Herzens in die Wiege legte, von ihr wird Chiron mit den Goetheschen Versen reden, wenn er später dieses Augenblicks gedenkt:

Was! ... Frauenschönheit will nichts heißen, Ist gar zu oft ein starres Bild; Nur solch ein Wesen kann ich preisen, Das froh und lebenslustig quillt. Die Schöne bleibt sich selber selig; Die Anmut macht unwiderstehlich, Wie Helena, da ich sie trug.

Ja, sie hat recht, sie darf sich als Königin, als Göttin fühlen! So zieht sie denn hoch erhobnen Hauptes, mit anmutiger Gebärde den rötlichen Schleier haltend, der von dem blendenden Körper herabzufallen droht, als Herrscherin ein in ihr neues Reich, Glück spendend schon allein durch ihr Dasein. Richtet man ihr, der Göttin, nicht dort schon den Altar? Welch herrliche Festesstunden wird sie erleben im fröhlichen Spiel auf den sanften grünen Wiesen, oder ruhend im Schatten der geheimnisvoll-dunklen Büsche, hingegeben dem sanften Klang der fernher tönenden Hirtenflöte, oder oben auf der ragenden Bergesspitze, wenn sie einmal das Bedürfnis hat, ihre Seele in voller Einsamkeit auszuweiten und ganz mit Gott und der Natur eins zu sein! Jetzt erst wird das wahre Leben beginnen, ein Genießen, das nicht gemein macht, sondern erhebt, das eigene Selbst erhöht und in die Unendlichkeit aufgehen läßt. Der Seele Feiertag hebt an!

Auch das ist Religion. Der christliche Gedanke einer Belohnung im Jenseits für ein Leben voll Güte und Reinheit, für ein nie aufhörendes Ringen nach Vervollkommnung, für eine irdische Laufbahn, an deren Schluß der tröstende Engelsang ertönt, der die Seele der Gnade der himmlischen Mächte gewiß macht:

Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen

— hier ist er durch die Kunst des Malers ins Heidnisch-Antike gewendet. Wir atmen die Luft des alten Griechenlands, wir fühlen den Geist jener glücklichen Heldenzeit, in der Kraft, Schönheit, Anmut inmitten einer gottbegnadeten Natur unter südlichem Himmel sich ungehemmt entfalten durften, in der die Menschen, vollsaftig, schön und gut, kindlich und lebensfroh, ringsum in der Natur Götter, Halbgötter und fabelhafte Zwischenwesen zu spüren meinten, in Baum und Fluß, in Strauch und Tier lebende Wesen verehrten und sich selbst als Götter fühlten.

So liegt religiöse Feierstimmung über diesem Bilde, und sie wird durch die leuchtende Pracht der tiefen, satten Farben noch gesteigert. Wie träumerisch und seltsam erwartungsvoll stimmt uns das tiefe Blau in seinen fein erwogenen Abstufungen, wie wird unser Auge durch das herrliche Grün erquickt, das in mannigfachster Stärke vom zartesten bis zum tiefdunklen Ton das Ganze durchzieht und frohe Hoffnung weckt! Und gibt nicht das schimmernde Rot, zumal das merkwürdige Krapp des Schleiers und das strahlende Weiß der Schwäne und Wolken gerade in Verbindung mit den blauen Farbenwerten den Eindruck des Festlichen? Spüren wir nicht pulsierendes Leben in den hellgetönten Körpern, und den Ernst des Daseins, wenn wir in das Dunkel der Felsengrotte schauen, die den Weg zum Hades allen weist, die nicht des Götterglückes würdig sind?

Und der Eindruck des Feierlich-Prächtigen wird noch erhöht durch die straffe Linienführung. In klarer Schärfe hebt sich der sanft ansteigende Anger vom Wasser ab, und eine fast parallele Linie begrenzt die freie Fläche, auf der die Gestalten des Hintergrundes sich bewegen. Kerzengerade streben die Bäume aus dem Erdboden empor, nur die am weitesten links neigen sich ein wenig zur Seite. Und weil wir ihre Wipfel nicht sehen, haben wir die Empfindung, sie wüchsen immer noch höher hinauf. Nicht minder zeigt auf der rechten Seite die gewaltige Felsenplatte über der Grotte parallele Linien, und senkrecht fließt das träumerisch-plätschernde Quellwasser herab. Aber dieser rechtwinkelige Aufbau wirkt nicht langweilig, sondern gibt nur das Gefühl von Ruhe, Frieden und Sicherheit; dazu erwecken die gleichmäßig aufwärts sich wölbenden Äste den Eindruck reicher Fülle, und die wagerechten Linien werden angenehm durchbrochen durch die üppige Rundung des dunklen Gebüsches in der Mitte und die davon sich lebenswahr abhebenden, das Auge festhaltenden weichen Formen der Körper im Wasser; auch lenken links die weißen Schwäne den Blick von der starren Linie ab, und auf der andern Seite klingt die sich himmelhoch türmende Felsenlandschaft mit ihren Kreisformen an die Rundung des großen Gebüsches an. Die etwas unruhige Zeichnung dieser Felsengegend, in der ein Hirte in weltfliehender Einsamkeit die Flöte bläst, trägt wiederum dazu bei, die beseligende feierliche Stimmung der im frohen Verein sich regenden, zueinander strebenden Gruppen zu betonen; denn auch durch den Gegensatz wirkt der Maler. So zeigt das ganze Bild eine wunderbare Übereinstimmung von Gedanken, Farbe und Form: wir fühlen, es mußte so und konnte nicht anders gemalt werden.

Arnold Böcklin ist der Schöpfer dieses großen Kunstwerkes, ein Künstler von Gottes Gnaden. Er war Baseler von Geburt und ein treuer Schweizer sein Leben lang, wenn er auch viel reiste und lange Zeit in Deutschland und Italien lebte. Die Jahre 1827 bis 1901 begrenzen sein Dasein. Er besaß eine großartige Phantasie, geniale Gestaltungskraft, ein tiefes Gemüt und launigen Humor. Er sah mit dem freudetrunkenen Auge der alten Griechen die Natur belebt durch allerhand Fabelwesen, wie Zentauren, Nixen, Faune, Pane, Einhörner, Tritonen, Meergreise, Waldteufel, Najaden und Wasserkinder, die an Strand und Busch und Felsen, in Wald und Wasser und Heide ihr Spiel treiben, sich necken und zanken, immer von Kraft und Laune strotzen und das innerste Weben und Leben, die schöpferische Kraft der Natur offenbaren. Daneben stehen ergreifende Bilder von höchstem Ernst der Lebensauffassung, wie die Beweinung Christi, die Toteninsel, der alte Eremit, der in rührender Einfalt vor einem Madonnenbild Geige spielt, Odysseus und Kalypso, der heilige Hain, das Schweigen im Walde, und eine geringe Zahl von Porträts, unter denen die Selbstbildnisse am bedeutendsten sind. Er war ein aufrechter Mann, stark, sicher, selbstbewußt, ehrlich auch in der Malerei: er malte mit guter handwerklicher Technik und nur das, was er wirklich empfunden und erlebt hatte. Und dies Erleben war heiß und innig: so steigerte er die Natur über das hinaus, was er mit dem leiblichen Auge sah, gab ihr noch tiefere und leuchtendere Farben und eine strengere und klarere Linienführung, um das innere Schauen und die gehobene Seelenstimmung zum Ausdruck zu bringen. Er wird stets zu den größten deutschen Malern gerechnet werden, denn die Innerlichkeit seines Wesens, die träumende Sehnsucht seiner Phantasie, seine Liebe zur Natur und sein goldener Humor, das alles ist von deutscher Art und erfüllt den Beschauer mit Andacht und Entzücken.

Arnold Reimann.

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