Die unheimlichsten Waldfrauen.
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Auf ihren wiederholten unheimlichen Wanderungen hat sich die Pest überall ein trauriges Andenken gesichert. Von der äussersten Spitze Griechenlands und Spaniens, bis weit oben in Island erzählen sich die Völker schauerliche Sagen von der Pest. Grimm und Panzer haben über diesen Sagenkreis der Völker ausführlich gehandelt und dessen viele verwandte Züge hervorgehoben. Es wird aber durchaus nicht notwendig sein, eine Entlehnung bei den einzelnen Völkerstämmen anzunehmen, denn unter gegebenen gleichen Bedingungen mussten notwendigerweise ähnliche Sagen überall entstehen, womit wir aber keineswegs bestreiten, dass überhaupt keine Wanderung der einen oder anderen Anschauung stattgefunden habe, nur hält es unendlich schwer, immer genau zu bestimmen, wieweit das eine oder andere Volk von seinem Nachbar beeinflusst worden sein mag. Wir müssen uns mit einer übersichtlichen Gruppierung des vorhandenen Stoffes und der Erläuterung des zweifellos Feststehenden begnügen. Nur auf diese Weise kann es uns mit der Zeit gelingen, eine Grundlage zu gewinnen, auf der sich dann bei weiterem Zufluss an neuen Belegen historischer Art leicht weiter bauen lassen wird.
Dass die südslavischen Pestsagen ebensowenig als die nächst verwandten rumänischen und griechischen in ein hohes Altertum hinaufreichen, das lehrt uns der erste Blick auf ihren Charakter. Wohl hat sich mancher Zug aus uraltem Heidenglauben in diesen Sagen bis auf unsere Zeit vererbt, ihr eigentlicher Kern aber entwickelte sich erst in den letzten fünf oder sechs Jahrhunderten. Die Pest hatte nachweislich niemals in Europa ihre eigentliche Heimatstätte; man hat sie jedesmal aus Asien oder Afrika eingeschmuggelt. Im klassischen Altertum trat sie nur höchst selten und dies nur sporadisch auf und verschwand ebenso geräuschlos, wie sie gekommen. Als Epidemie grassierte sie zum erstenmal unter der Regierung Justinian’s. Im vierzehnten Jahrhundert ward ganz Europa von der schwarzen Pest heimgesucht. Damals mögen im Süden die ersten Pestsagen entstanden sein. Im Jahre 1453 fiel Konstantinopel unter dem Ansturm der Türken. Hundert Jahre später stand schon die ganze Balkanhalbinsel unter türkischer Botmässigkeit. Die türkische gesundheitliche Sorglosigkeit bürgerte die Pest unter den Südslaven ein. In wehmütigem Tone berichten alte Ragusäer Chroniken von den häufigen Heimsuchungen, denen das Land ausgesetzt gewesen.
In Bulgarien nennt man sie gewöhnlich wie im kleinrussischen Gebiet čuma. Morija, die Mordung ist nur ein Beiwort. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Kuga ist dunkel. In der Kmetijske in rokodelske Novice in Laibach versuchte der bekannte slovenische Altertumforscher Davorin Trstenjak in einem kleinen Aufsatze »Besedi ‘Epidemie’ in ‘Kuga’ pred jezikoslovno sodijo« (Jahrg. 1856, p. 86 u. 91) mit unberechtigter Willkür eine Erklärung dieses Wortes. Sein Versuch hatte zwar zur Folge, dass ein ganzer Haufe von Zuschriften über Pestsagen an den Herausgeber J. Bleiweiss eingesandt wurde. Neues Licht über die Bedeutung des Wortes lieferten freilich auch diese Zuschriften nicht, selbst die Sagen sind auch anderweitig bekannt und man kann daher ruhig von diesen Äusserungen Umgang nehmen. Weitere Aufsätze über die südslavischen Sagen sind meines Wissens nie geschrieben, zum mindesten nicht veröffentlicht worden. Was ich im folgenden biete, schöpfe ich teils aus eignen Ermittelungen, teils aus verschiedenen Quellen, die ich jedesmal angebe.
I. Die Pest im Sprichwort.
Kupi kao kuga djecu. Rafft wie die Pest die Kinder.
Ne izbiva kao kuga iz Sarajeva. Fehlt nicht (d. h. stellt sich pünktlich jedesmal ein) wie die Pest in Sarajevo.
Kud će kuga već u Sarajevo? Wohin wendet sich die Pest als nach Sarajevo.
Aus letzteren zwei Sprichwörtern ersieht man, dass sich das Volk vollkommen bewusst ist, wer der eigentliche Einschlepper der Pest sei. Wenn einer besonders entsetzt tut, so pflegt man in Slavonien zu fragen: »Šta ti je? jesi l tursku kugu vidio?« (Was fehlt Dir? Hast Du die türkische Pest gesehen?)
Ne će kuga u buhe, Die Pest überfällt die Flöhe nicht,
sagt zuweilen scherzweise der slavonische Bauer für die gewöhnlichere Redewendung: »ne će grom u koprive« (der Blitz schlägt nicht in Brennnesseln ein). Unwillkürlich denkt man hierbei an das Horazsche »Petunt fulmina summa montium«, was vielleicht gleichfalls auf eine volktümliche Ausdruckweise zurückzuführen sein dürfte.
Ne bi jih ni kuga pomorila. Nicht einmal die Pest könnte sie (alle) hinraffen,
sagt der slavonische Bauer, wenn er ein Übel verwünscht, das er gern missen möchte, z. B. Heuschrecken, Raupen, Fliegen, die ihm lästig fallen.
Ne bi se čovjek ni okužio, (Daran) könnte ein Mensch nicht einmal pestkrank werden,
Biži Rade, kuga mori! Fliehe Rade, die Pest würgt!
Wie mir im Jahre 1869 mein damaliger Lehrer, später Gymnasialdirektor in Essek, Herr Mato Gršković, erzählte, ist dies im chrowotischen Küstenlande ein geflügeltes Wort, das man gebraucht, wenn man irgend eine schlechte und unrichtige Erklärung lächerlich machen will. Folgende Anekdote liegt ihm zu Grunde. Pera und Rade, zwei tapfere chrowotische Grenzsoldaten, die kein Wort Italienisch verstanden, ergingen sich einmal im Jahre 1848 durch die Strassen Mailands. Da kam ihnen ein Grünzeugverkäufer entgegengerannt, der auf seinem Karren Hülsenfrüchte, Rettiche und Gurken feilbot und fortwährend aus voller Kehle schrie: »Bizi, rade, cucomeri!« — »Möchte gerne wissen, was der Mensch so furchtbar schreit,« sagte Rade, und Pera entgegnete: »Er spricht ja doch ganz verständlich: »Biži Rade, kuga mori!«« Da aber rannte Rade.
II. Die Pest in der Sage.
Gospodnjimi dojde mačonoša, Und es naht der Engel mit dem Schwerte,
A šnjim žena.... u njoj sreća loša; Und ein Unglückweib ist sein Gefährte.
Crna kosa holo zarugjena; Schwarz das Haar, in wirr zerzausten Zoten
Mutno čelo, tisno i lakomo; Finster, schmal die Stirn, sie starrt von Habgier,
5 Mačije oči, razbludna pogleda; Katzenäugig, Lüsternheit im Blicke,
Oštar nosić, pun zmijinja jeda. Spitz die Nase, voll von Schlangentücke.
Široka joj proždorita usta; Aufgesperrt der nimmersatte Rachen,
Žuto lice, nenavidno, suho; Gelb das Antlitz, voll von Neid und trocken,
Od ljenosti podavite ruke, Träge hängen ihr die Hände nieder
10 Zagalila suvokustne šljuke. Ganz entblösst sind ihre dürren Glieder.
Razgledav ju, velim sam u sebi: Sie betrachtend, sprach zu mir ich leise:
»Nu ti žene sedam smrtnih grjeha...!« »Welch ein Weib! Wie sieben Todessünden!«
Znatiželjan ja pitam joj druga: Neubegierig fragt’ ich den Geleiter:
»Ko je ova?« Odgovara: »Kuga!«... »Wer ist dies?« — »Die Pest.« — Ich forscht’ nicht weiter.
Nach einer chrowotischen Sage macht die Pest jedes siebente Jahr eine Rundreise durch die Welt. Hier ist, sowie in einer später folgenden Sage das Auftreten der Zahl Sieben bemerkenswert, die ja nicht nur bei den Südslaven, sondern bei vielen Völkern eine grosse Rolle spielt.
Es gibt nicht bloss eine Pest, sondern mehrere, entweder sind es ihrer zwei oder drei, oder gar sieben Schwestern, wie mir ein Bauer vor Jahren erzählte. Dagegen nimmt man in Serbien an, ihre Zahl sei gar nicht zu bestimmen, denn sonst wären sie schon längst von den Hunden, ihren Erbfeinden, gänzlich vertilgt worden. Die Pest kommt nämlich alljährlich ins Land, nach Angabe eines meiner Freunde in Slavonien, doch, den Hunden sei es gedankt, muss sie sich schleunig wieder aus dem Staube machen oder sie wird von den Hunden zerrissen. Ja es gibt auch Menschen, die durch böse Beschwörungen die Pest herbeirufen können. Man kann sie aber auch gewissermassen sowohl für Menschen als für Tiere erzeugen. Das Rezept dazu lautet:
»Wer die Pest erzeugen will, muss sich die Milch von zweien Schwestern zu verschaffen suchen und sich damit in der Johannisnacht um die zwölfte Stunde auf den Friedhof begeben, die Milch in ein Grab schütten und dann zuhorchen; da wird ein Jammergeschrei von vielen Menschenstimmen an sein Ohr dringen. So erzeugt man die Pest für Menschen; wer aber eine Pest über Kühe, Pferde und andere Haustiere heraufbeschwören will, nehme Milch von zweien Kühen, die von einer Mutter stammen, oder von zweien Stuten von einer Mutter, mache es ebenso wie zuvor gesagt, und er wird ein furchtbares Rindergebrülle vernehmen.« — (Die Sage stammt aus der Gegend von Warasdin.)
Wie tief dieser Glaube im Volke wurzelt, beweist folgende Erzählung:
So reich und gesegnet von Mutter Natur der slavische Süden auch ist, geschah es dennoch in früheren Zeiten, als der Anbau der Kartoffeln und des Maises noch nicht allgemein war, dass wütende Hungernot das Land von seinen Bewohnern lichtete. Die natürliche Folge davon war, dass sich die Pest einstellte. So einen Fall bezeugt folgende Sage:
Es war einmal ein ausserordentlich reicher König, nur hatte er gar keine Kinder. Siebenmal verheiratete er sich und mit jeder Frau lebte er sieben Jahre, doch keine dieser Ehen war mit Nachkommenschaft gesegnet. Sobald sieben Jahre in der Ehe mit einer Frau verstrichen, ohne dass sie ein Kind gebar, liess er sie ohne weiteres hinrichten. Zuletzt gab er jeden Gedanken an eine neue Ehe auf, denn kein Frauenzimmer mehr mochte ihn zum Manne haben. Nun geschah es, dass er sich einmal auf der Jagd im Walde verirrte und bei dieser Gelegenheit ein Frauenzimmer fand. Mit ihr lebte er drei Jahre und zeugte mit ihr drei Töchter, doch alle drei Töchter kamen mit Bockfüssen zur Welt. Als die Mädchen erwachsen waren, gestand ihre Mutter dem König, sie sei der Teufel selbst, gestand’s und verschwand. Als dies der König nun erfuhr, sperrte er alle seine drei Töchter ins Gefängnis ein, wo sie die längste Zeit eingesperrt sassen. Da traf es sich, dass sich ein vorwitziger Mensch (ein Hofmann bei Ilić), im Glauben, die Mädchen seien wer weiss wie schön, auf irgend eine Art die Schlüssel zum Gefängnis verschaffte und die Mädchen freiliess. Sie ergriffen sogleich die Flucht und fingen an, überall die Menschen hinzuraffen. Es währte nicht lange und es gelangte die Kunde zu des Kaisers Ohren, die Pest wüte in seinem ganzen Reiche. Er liess sogleich alle Ärzte, die grössten Gelehrten kommen, damit sie sein Volk von der Plage befreiten, doch alle Mühe war vergebens, denn die Leute starben ununterbrochen Tag für Tag hin, so dass zuletzt der König allein am Leben blieb, und um das Strafgericht vollends über ihn hereinbrechen zu lassen, versank sein ganzes Reich in die Erde, und wo sich sein Reich befand, dehnt sich jetzt ein weites Meer aus. Seine drei Töchter aber begaben sich in drei verschiedene Weltteile, um dort zu morden. Weil es aber fünf Weltteile gibt, deshalb wechseln die Schwestern im Besuch der anderen zwei Weltteile ab. Doch sollte es sich durch einen Zufall fügen, dass diese drei Schwestern zusammenkommen, so wird sich unter ihnen ein Kampf entspinnen, in dem alle drei umkommen werden.
»Sarajevo, o du Horst der Falken!
Sarajevo, deine Spur verschwinde!
In dir starben mir drei Herzensgüter.
Erstes Gut: die alte, teure Mutter,
5Die mich Jungen zärtlich auferzogen,
Auferzogen, an der Brust gesogen.
Zweites Gut: der waffentücht’ge Bruder,
Mit dem ich das Waffenhandwerk lernte,
Und das dritte: Liebchen Angelika,
10Die mir schön zurecht die Kissen legte.
Möge Gott und auch die heilge Sonntag,
Und Sankt Petrus und Johann der Täufer,
Über dich ein böses Unheil schicken,
Dass in dir kein Liebchen je heirate,
15Je heirate und kein Bursche freie!
In dir soll kein Kind geboren werden,
Noch in Mutterarmen Tränen weinen.
In dir haust ein Drachentier dreiköpfig,
Mit drei Köpfen und mit Ziegenfüssen.«
Sie erwidern ihm, dem fremden Kämpen:
»Steh ein Gott dir bei, o fremder Kämpe!
Was verfluchst du ’s eb’ne Sarajevo,
Dass in ihm kein Liebchen je heirate,
25Je heirate und kein Bursche freie,
Und darin kein Kind geboren werde,
Noch in Mutterarmen Tränen weine,
Weil da haust ein Drachentier dreiköpfig,
Wohl dreiköpfig und mit Ziegenfüssen?
30Dies ist wohl kein Drachentier dreiköpfig,
Mit drei Köpfen und mit Ziegenfüssen,
Wohl kein Drache ist’s, o fremder Kämpe!
Doch die Pest ist’s; ihre Spur verschwinde,
Und auch Jenes, der sie freigelassen
35Aus des mächt’gen Kaisers Burgverliesse,
Dass sie Dorf und Stadt uns arg verwüste,
Und vom Liebchen trenne den Geliebten!«
Ganz gemordet, kam sie auch nach Travnik.
Aus den Städten flohen alle Menschen.
Mit der Mutter flüchtete Mariechen,
5Flüchtete sich auf die Vlašić-Alpe.
Oft ergeht sich Mara auf dem Vlašić,
Schaut nach Travnik in das grause Elend,
Wo man fort und fort die Toten austrägt,
Wo an Fahnen Fahnen traurig wehen,
10Lauter Helden unter Heeresfahne,
Junge Frauen mit dem Witwenschleier,
Lauter Mädchen unter Perlenzweigen.
Als die Pest nun zu der Alp’ gelangte,
Traf sie Mara an der kühlen Quelle.
15»Steh dir Gott, Mariechen, bei, du Mädchen!«
— »Gott gesegn’s meine liebe Muhme!«
Gab die Pest, von Gott gesandt, zur Antwort:
»Wohl bin ich dir keine liebe Muhme,
Sondern bin die Pest, von Gott entsendet;
20Morde hin, so Jugend wie das Alter,
Und vom Liebchen trenn ich den Geliebten.«
Da nun hub Mariechen an zu flehen:
— »Tu mich junges Blut doch nicht ermorden,
Schon auch meinen Liebsten in der Ferne!«
25Gab die Pest, von Gott gesandt, zur Antwort:
»Hab den Liebsten dir schon längst gemordet,
Längst gemordet, d’ran schon fast vergessen.«
Als Mariechen dies vernahm, das Mädchen,
Sank sie leblos hin ins kühle Wasser.
Warum besorgen splitternackte Leute die Umackerung? Es ist zu erinnern, dass noch in Bulgarien die Erzeugung des reinen Feuers durch Holzreibung nackten Leuten obliegt und dass alle die schweren Zaubereien zur Abwehr tückischer Waldgeister ganz nackt zu vollziehen sind. Was die Nacktheit zu bedeuten hat, lehren die erotischen Zauberbannsprüche in den Anthropophyteia IV. und Dr. Iwan Blochs treffliche Darlegungen im Sexualleben unserer Zeit (1908). Es ist nicht angebracht, hier auf Anschauungen einzugehen, deren nähere Besprechung nur unter strengstem Ausschluss der Öffentlichkeit kaum noch geduldet wird, aber ich muss bemerken, dass der Kleidermangel beim Umackern und der Feuererzeugung nicht allein auf die religiöse Vorstellung hinweist, sondern auch auf eine Zeit, wo das Volk, klar und klipp herausgesagt, nur bei festlichen Gelegenheiten Kleider als einen Schmuck und im Winter zum Schutz gegen Kälte anzulegen pflegte. Sonst wandelte man sonder Scheu und Scham ohne Gewandung einher und ward sich seiner Nacktheit nicht bewusst. Weil man in längst vergangenen Tagen nur im natürlichen Kleide der Unschuld den Brauch vollzog, meinen die späten Nachfahren, die was anzuziehen haben, die Nacktheit gehöre mit zur Weihe des Umzuges und der Feuererzeugung. Darin bestärkt sie die Anschauung, den Bösen dürfe man nicht einen Faden von seinem Leibe überlassen, damit sie keine Gewalt über einen gewinnen mögen. Beim Umzug aber tritt man in unmittelbare Berührung mit den Geistern, und da ist es am rätlichsten, man habe nichts am Leibe, wessen sich die Namenlosen bemächtigen könnten. Darum eben bewahrt man tiefstes Schweigen, denn auch ein unbedachtes Wort, das einem über die Lippen glitte, könnte zu einem Haken werden, an dem einen der tückische Waldgeist an sich zöge.
Weitere Angaben über die Pest bieten folgende Sagen.
Ein Mann ging spät abends vom Felde nach Hause. In der Nähe des Dorfes begegnete er zweien merkwürdigen Weibsbildern. Die Weiber waren von etwas kleiner Gestalt, ohne Nasen und Ohren und hatten kleine Schlangenaugen, die tief im Spitzkopf drin sassen, die Hände glichen Katzenpfoten und die ganze Gestalt trugen Bockfüsse. Der Mann entsetzte sich bei diesem Anblick, ermannte sich aber schnell und fragte sie, wer sie sind und wohin sie gehen.
Die furchtbaren Weiber gaben ihm zur Antwort: »Wir sind die Pest, zwei leibliche Schwestern. Eine von uns wird die Leute in diesem Dorfe hinraffen, während die andere weiterzieht. Wir kommen geradenwegs aus Sarajevo und stammen aus dem Pestlande. In Sarajevo erhielten wir von unserem Pestkönig den Befehl, auf eine Zeitlang hieher zu ziehen.«
Bei diesen Worten vermeinte der Mann, er müsse sich auf der Stelle vor Grauen in einen Baum oder Felsen verwandeln. Doch die Pestschwestern sprachen ihm Mut zu und suchten ihn zu beruhigen. »Sei ganz getrost,« munterten sie ihn auf, »Dir und Deinem Gesinde soll kein Haar gekrümmt werden, wenn Du uns Folge leistest und bereit bist, uns eine kleine Gefälligkeit zu erweisen.«
Der Mann wäre bereit, mit blossen Händen glühende Kohlen zu scharren, damit ihn die Pest nur verschone, er fleht sie an und beschwört das Schwesterpaar bei allem, was ihnen hoch und heilig ist, Gnade zu üben.
»Es soll Dir nicht das Geringste widerfahren,« beruhigten ihn die Pestschwestern, »nur musst Du uns auf deinen Rücken nehmen und in Euer Dorf hineintragen, damit uns die Hunde nicht zusetzen; dann wirst Du uns dein Haus bezeichnen, damit wir es umgehen können, sobald wir von Haus zu Haus zu wandern und die Menschen hinzuraffen beginnen.«
»Warum mordet Ihr denn die Menschen hin, die sich ja nie auch das Geringste gegen Euch zu Schulden kommen liessen?« fragte der Mann.
»Wir gehorchen nur dem Befehle,« entgegneten die Schwestern.
Wiederum hub der Mann an: »Gibt es nicht irgend ein Mittel, durch das sich der Mensch vor Euch Pestschwestern irgendwie schützen könnte?«
»Noch eins. Während des Umackerns müssten sie wie ein Marmorstein das tiefste Schweigen beobachten, keiner dürfte begierig und lüstern den Blick erheben, geschweige denn den anderen berühren. So müssten sie siebenmal immer in derselben Furche ackernd ums Dorf ziehen, bis die Furche zu einem kleinen Graben erweitert ist.«
Während die Pestschwestern, bald die eine, bald die andere, erzählten, musste sie der Mann fortwährend tragen. Die Augen traten ihm aus den Höhlen vor der grossen Bürde — so schwer waren sie —, doch er durfte ja mit keinem Worte Einspruch erheben. Sobald sie in die nächste Nähe des Dorfes gelangten, erhoben alle Hunde ein Gebell, als wenn sie jemand loshetzte. Da fragte der Mann die Pestschwestern, wie sie sich denn, wenn sie allein gehen, der Hunde erwehren. Die Pestschwestern antworteten: »Trifft es sich, dass uns ein wilder Hund anfällt, so verwandeln wir uns schnell in eine Wetzkiste oder einen Korb oder eine Fledermaus.« — »Wie rafft Ihr aber die Menschen hin?« fragte der Mensch und sie gaben ihm zur Antwort: »Entweder vergiften wir die Luft und die Brunnen, oder wir gehen von Haus zu Haus, wenn die Leute beim Nachtmahl sitzen, und jeder, den wir ins Auge fassen, bekommt eine schwarze Beule, an der er sterben muss. Ein andermal fangen wir mit Gedärmereissen, Erbrechen, Durchfall und Krämpfen an.«
Diese Sage tritt in ihren Grundzügen in mannigfachen Versionen auf, z. B. in folgender: (Valjavec, Narodne pripoviedke, p. 243 f.)
Ein Bauer kehrte aus der Stadt, wohin er einen Wagen Steine geführt, abends nach Haus, als er plötzlich ein ganz weiss gekleidetes Frauenzimmer herannahen sah, das sich ohne Umstände zu ihm auf den Wagen setzte. Er erschrak darüber gewaltig, denn er dachte, Gott weiss was dies zu bedeuten habe. Doch das Weib beruhigte ihn: »Du brauchst nicht die geringste Furcht zu haben, fahre Du mich nur getrost bis zu Deinem Hauswesen.« — Als sie im Dorf anlangten, war schon vollends Dunkelheit angebrochen. Da sprach das Weib zu dem Bauer: »Nun gut, Du hast mich hiehergebracht, doch ich habe kein Geld, um Dich dafür zu bezahlen, aber ich will Dich ein Bild sehen lassen, komm näher und tritt mir auf die grosse Zehe.« — Er näherte sich ihr, trat ihr auf die Zehe und er schaute ein grausiges Bild, ganze Ströme von Blut, abgeschlagene Köpfe und tote Menschen. Hierauf versetzte das Weib: »Siehst Du dieses Schauspiel? — So wie es Dir jetzt vorgeführt wird, so wird es in kürzester Zeit hier aussehen, drum trachte Du mit allen Deinen Angehörigen aus diesem Dorfe fort auf mindestens drei Tagereisen weit Dich zu entfernen.« — Und so geschah es. Er wanderte mit den Seinen aus und die Pest stellte sich nach seinem Abzug ein, raffte die Menschen hinweg, stachelte sie gegeneinander auf, so dass sie einander selber hinmordeten. So kam es, dass Blut in Strömen floss, und es überall abgeschlagener Köpfe und toter Menschen gab.
Etwas vollständiger ist folgende Sage:
Als uns letztesmal die Pest aufsuchte, wohnte sie bei einem alten Weibe, das weder einen Hund noch eine Katze hatte; vor diesen Tieren hat nämlich die Pest eine besondere Furcht, ausgenommen, sie wären von jemand mit einem Besen, einem brennenden Holzscheit oder einem Schürhaken geschlagen worden. Nach geraumer Zeit liess sich die Pest durch jemand in ein anderes Dorf tragen, und diese Geschichte trug sich folgendermassen zu:
Es kam einmal an einem Abend ein Wanderer zu derselben alten Frau, um bei ihr über Nacht eine Herberge zu nehmen. Die Pest, die schon im ganzen Dorfe gehörig aufgeräumt hatte, beschloss ihre Reise fortzusetzen, doch da ihr kein Wagen zur Verfügung stand, um darauf zu fahren, befahl sie dem Manne, er müsse sie tragen. Er lud sie sich auf den Rücken und machte sich mit ihr auf den Weg. Nachdem er eine Weile gegangen, fragte ihn die Pest, ob sie ihm schwer scheine. Er verneinte es. Doch, sowie er das Wort aussprach, in demselben Augenblicke machte sie sich schwerer. So richtete sie mehrmals an ihn dieselbe Frage und machte sich jedesmal schwerer, so dass der Ärmste jeden Augenblick umsinken zu müssen glaubte. Die Pest merkte, der Mann könne unter ihrer schweren Last kaum mehr von der Stelle — sie spielte ihm nur deshalb so arg mit, weil er fortwährend sagte, sie falle ihm nicht schwer, er getraute sich eben aus Furcht nicht die Wahrheit zu gestehen — und so forderte sie ihn auf, ein Weilchen Rast zu halten. Kaum war er wiederum ein wenig zu Atem gekommen, so warf sie sich schon wieder auf ihn, damit er sie weiter schleppe. Und wieder fragte sie ihn fast jeden Augenblick, ob sie ihm schwer erscheine. Er verneinte es neuerdings, worauf sie sich allmählich so leicht machte, dass er schon vermeinte, er trage sie überhaupt nicht mehr. So kamen sie endlich in das Dorf, wo ihm die Pest zum Lohn dafür, dass er sie getragen, die Zusicherung gab, sie werde niemand aus seinem Hause hinraffen. Kurze Zeit darauf gelang es den Leuten, die Pest aus dem Dorfe zu vertreiben, sie flüchtete an die Save. Das Wasser war ausgetreten und hatte weit und breit alles überschwemmt, die Pest aber konnte nicht hinüber. Und sie bat einen Fährmann, der die Leute auf seinem Kahne über die Save setzte, er möge sie hinüberfahren, doch wusste sie zu ihrem Leide nicht, dass der Mann unter seinem Pelze einen Hund habe. Der Mann nahm sie ohne weiteres in seinen Kahn auf und fing zu rudern an. Als sie sich nun in der Mitte des Flusses befanden, erwachte der Hund, erblickte die Pest und griff sie unbarmherzig an. Die Pest flehte den Mann an, er möge sie schützen, doch alles umsonst; der Hund setzte ihr so lange zu und zerbiss sie so jämmerlich, bis sie ins Wasser fiel. Mit grosser Müh und Not gewann sie das jenseitige Ufer und drohte ihre Wunden zu rächen, bis alle Hunde verenden. Doch, Gott sei Lob und Dank, das wird nicht so bald geschehen, denn das Hundegeschlecht vermehrt sich von Tag zu Tag immer mehr.
Es war einmal ein Bauer, der fuhr einen Juden aus einem Orte in einen anderen und bedang sich von ihm als Fuhrlohn fünf Gulden aus. Der Jude gab ihm drei Rheinische Drangeld und der Bauer liess ihn auf den Wagen steigen. So kamen sie vor die Maut und mussten ein Weilchen dort anhalten. Der Jude erlegte das Mautgeld. Der Abend war schon angebrochen und dem Juden kam plötzlich ein Gedanke. Er forderte nämlich den Bauer auf, ins Mauthaus hineinzugehen und dort um einige Zündhölzchen zu bitten. Arglos stieg der Bauer vom Wagen herab und begab sich zu dem Mautner, um einige Zündhölzchen zu holen. In der Zwischenzeit trieb der Jude die Pferde an und machte sich so mit Pferden und Wagen aus dem Staube. Zwar rief ihm der Bauer nach, er soll nicht davongehen, doch der Jude kehrte sich nicht daran und warf des Bauern Sachen aus dem Wagen heraus. Dieser Bauer war aber mit einer Pest bekannt. Das traf sich nämlich so: Einst fuhr er die Pest von einer Brücke bis zu seinem Hause. Als sie dort anlangten, fragte sie ihn, was er dafür verlange. Nun wusste er nicht, dass dieses Frauenzimmer die Pest sei, und sagte, er verlange gar nichts. Hierauf entgegnete die Pest, er möge sich, wenn er irgendwie in eine Notlage geraten sollte, drei Haare aus dem Kopfe reissen und sie werde gleich zur Stelle sein und ihm Hilfe leisten. Da dachte der Bauer in seiner jetzigen Notlage an die Pest und befolgte ihre Weisung. Sogleich stellte sich die Pest ein, fing den Juden und stellte dem Bauern seine Pferde und seinen Wagen zurück. Den Juden aber, sowie alle übrigen Juden, die in dem Dorfe wohnten, wo des Bauers Häuschen stand, raffte sie schmählich hin.
Man braucht der Pest nicht einmal einen Dienst zu erweisen, um sie gnädig zu stimmen, es genügt mitunter, wenn man ihrer Einladung Folge leistet.
In der Nähe von Pavlovac im Walde hauste einst die Pest. Ein Bauer fuhr auf seinem Wagen allein durch den Wald, da brach die Pest hinter dem Gesträuch hervor, schlachtete den Mann und die Pferde ab, und warf den Wagen in den Graben hinab, so dass der Wagen in Stücke zerfiel. Dann nahm sie die Halfter und die Holzstücke, trug sie zu einem nahen Baume und machte dort ein grosses Feuer an. Als sie einen Mann des Weges kommen sah, rief sie ihm zu: »Gevatter, kommen Sie doch her Fleisch essen. Ich habe eben Mann und Pferde abgeschlachtet, den Wagen zerschlagen und mit den Holzstücken ein Feuer angemacht. Die Halfter habe ich mir aufgehoben.« Hierauf trat der Mann zu ihr hin und sie gab ihm die Halfter. Er wärmte sich nun an ihrer Seite am Feuer, ass mit ihr von dem Fleische des Menschen, den sie abgeschlachtet und kehrte dann heim. Nun würgte die Pest im ganzen Pavlovac alles hin, nur im Hause des letzteren gab es keinen Toten, nicht einmal einen toten Hund oder eine tote Katze.
Am liebsten hält sich die Pest auf Friedhöfen auf, und Wehe dem, der sie plötzlich aufscheucht. Sie rafft ihn ohne Erbarmen hin, ja sie verscharrt ihn sogar sorgfältig, damit sie ihn nicht mehr vor Augen habe. Darauf bezieht sich eine zweite Sage:
Es traf sich einst, dass zu gleicher Zeit, wo die Pest auf dem Friedhofe herumging, ein Mann dort etwas zu tun hatte. Die Pest überfiel den Mann, schlachtete ihn ab und legte ihn ins Grab zu seinen übrigen Anverwandten. Am anderen Tag ging man ihn suchen, doch alles Nachforschen war vergebens. Sein Weib war vor Schmerz ganz aufgelöst und begab sich zuletzt auch auf den Gottesacker ihn suchen. Grab für Grab öffnete sie unter Beihilfe des Oheims und endlich fanden sie den Gesuchten in einem Grabe. Ihr Erstaunen war sehr gross: »Was mag ihn denn hierher geschafft haben?« — Schliesslich sagten sie, es könne nicht anders sein, als die Pest habe ihn erwürgt und hier verscharrt.
Es war einmal ein Messner, der läutete einst am späten Abend »Ave Maria« und gewahrte ein scheussliches Gespenst, das auf dem Berge auf einem Karren gegen ihn zufuhr. Das Gespenst hatte einen Totenkopf auf und ein Kreuz, und ging schnurstracks auf den Mann los. Da ergriff ihn panischer Schrecken und er rannte wie blind dem Dorfe zu, doch das Gespenst holte ihn ein, trat vor ihn und sprach: »Steh still! Sei ausser jeder Furcht, ich bin die Pest, und tu Dir gar nichts an, nur sollst Du Morgen kund machen, dass Du beim »Ave Maria-Läuten« die Pest gesehen, und dass ich erklärt habe, innerhalb fünf Wochen zurückzukehren und dreihundert Seelen dahinzuraffen.« — Mit diesen Worten liess sie ihn stehen. Am nächstfolgenden Tage erzählte der Messner alles haarklein, was er gesehen und gehört. Auf das hin wanderten die Leute aus dem Dorfe aus und kehrten nach Ablauf von fünf Wochen wieder zurück, die Pest aber stellte sich drei Tage später in der sechsten Woche im Dorfe ein. Da kamen die Leute der Reihe nach elendiglich um und im ganzen Dorfe blieben etwa fünf oder sechs Seelen am Leben.
In einem Dorfe trat eine so verheerende Rinderpest auf, dass kaum einem oder keinem ein Rind am Leben blieb. Ein Weib aber hatte zwei Kühe und dachte bei sich: »Am Gescheidtesten ist’s, wenn ich meine Kühe da verkaufe und den Gelderlös aufhebe. Hört die Seuche auf, so kauf ich mir andere Kühe. Warum sollt ich durch meine Kühe solchen Schaden leiden?« Gedacht, getan. Da besuchte sie die Rinderpest in Gestalt einer Frau und sagte: »Gevatterin, wie ich gehört habe, hast Du Deine Kühe verkauft.« — »So ist es, ich hab mich vor der Pest gefürchtet.« Hierauf bemerkte hinterlistigerweise die Pest: »Freilich hast Du die Kühe verkauft, aber der Mann, dem Du sie verkauft, hat Dich betrogen.« — »Das ist doch nicht möglich, er kann mich nicht betrogen haben.« — Doch die Pest behauptete Stein und Bein: »Er hat Dich ganz gewiss betrogen, wenn Du es nicht glaubst, lass uns das Geld nachzählen.« — So liess sich das Weib bereden, das Geld aus dem Kasten herauszunehmen, die Pest überzählte es, verschlang den Erlös von der einen Kuh und sagte zu dem Weibe: »Die eine Kuh hätte ich Dir ohnehin fortgerafft, Du hast sie aber verkauft, dafür habe ich Dir den Erlös verschluckt. Hilf Dir wo du kannst, suche aber nie, Gottes Willen zu durchkreuzen!«
Diese Pest ging regelmässig zu einem Bauer auf die Herberge. Sie schlief immer auf der Bank am Ofen und sobald ihre Stunde schlug, entfernte sie sich, ohne den geringsten Schaden in diesem Hause angerichtet zu haben.
In irgend einer Stadt erfuhr man, dass sich die Pest zu ihnen auf den Weg gemacht, um die Bevölkerung der Stadt hinzuwürgen. Da rüsteten sich alle waffenfähigen Männer in der Stadt und erwarteten die Pest in einem engen Passe, durch den sie, die Pest notwendigerweise durch musste. Da naht ein hühnengrosses Weib, ganz in Schwarz gekleidet; in der rechten Hand trägt sie einen Speer, in der linken eine Sense. Das Volk stellte an sie die Frage: »Was bist Du so zeitlich aufgebrochen, wohin lenkst Du deine Schritte und was gedenkst Du zu tun?« — »Ich will«, entgegnete die Pest, »in Euerer Stadt einige ihrer Bewohner hinwürgen!« — »Zurück!« donnerten sie alle wie aus einer Kehle, spannten die Gewehre und legten auf sie an. Kaltblütig versetzte die Pest: »Wenn ihr mich tötet, so ist’s um Euch und Euere Stadt getan. Ich mach Euch allen den Garaus. Lasst ihr mich aber in Frieden meinen Einzug halten, so schwöre ich Euch bei Gottes Treu, dass ich nicht mehr als fünf von hundert hinraffe.« Das Volk überlegte sich diesen Vorschlag und sagte nach erfolgter Verabredung zur Pest: »Wenn dem so ist, zieh denn ein, doch hüte Dich anders zu tun!« Innerhalb zehn Tagen starben aber schon von je hundert Einwohnern zehn, worauf das Volk die Pest einfing, um sie zu töten. Man sprach zu ihr: »Was hast Du aus uns gemacht? Du verfluchte Menschenpest! Wie mochtest du dein bei Gott gegebenes Treuwort mit Füssen treten! Gott und sein Treuwort mögen deinen Sinn verwirren!« Hierauf erwiderte ihnen die Pest: »Ich habe mein Wort gehalten und ich kann Euch jeden namentlich anführen, den ich bisher hingewürgt!« »Wie denn das? Du ehrloses Geschöpf!« rief das Volk aus, »nach unserer Abmachung hättest Du im schlimmsten Falle ihrer hundert hinmähen dürfen, es sind aber ihrer mehr als zweihundert gestorben!« Da lachte die Pest und entgegnete: »Ich habe wohl auch nicht mehr als ihrer hundert hingewürgt, das andere hundert Menschen, die vor Schrecken gestorben sind, habe ich doch nicht zu verantworten, denn wisst, es sterben mehr an der Furcht vor mir, als an mir.«
Schlusswort: Überblicken wir zum Schlusse noch einmal die hier mitgeteilten Pestsagen, so fallen uns zwei Hauptmomente vorzüglich in die Augen. Einerseits begegnen wir, wie einem roten Faden, der sich durch alle Sagen hindurchzieht, der Vorstellung von der Krankheit als einer Person, als einem Krankheitdämon, der dem Baum oder Wald entstammt, andererseits finden wir in den verschiedenen Arten und Weisen, wie man diesen Dämon abzuwehren sucht, mannigfache Erinnerungen sowohl an uralte heidnische Agrarkulte, als auch an Geisterbeschwörungen, in genau erkennbarer Gestalt erhalten. Durch das Ganze wieder machen sich überall rein christliche Vorstellungen von bösen Geistern, dem Teufel und seiner Sippe bemerkbar. Ferner konnten wir die Erscheinung beobachten, wie fremde Namen für einheimische allmählich in Gebrauch kommen, ohne dass dadurch die ursprünglichen Volkvorstellungen eine auffällige Schwächung erlitten. Hieraus lernen wir zugleich, dass religiöse Vorstellungen auf viel festerer Grundlage als die Sprache im Volkgemüte fussen, die viel leichter als jene fremden Einflüssen weicht. Die eigentliche geistige Anschauung eines ganzen Volkes geht nur sehr langsam unter. Um einen vollständigen Umschwung hervorzubringen, dazu bedarf es eines jahrtausendelangen Zersetzungvorganges.
»Lěto 1531. je bila nekakva pošast, koja se imenuje Škrapec (dialektische Nebenform von Škratelj) ili šumski vrag, pod ladanjem (?) Kardinala i Eršeka vu Salcburgu, Matheja Lang vu Haunsbergu vu lovu vlovljena. Ona je bila žute boje, zevsema divja, niti nikak ni hotela vu ljudi gledati, nego se vse zmir je skrivala po kutih; na glavi je imala kokotovu rožu, človečanski obličaj z bradum, orlovske noge, lěpe oroslanske tace i pesji rep, i je poginula od glada, akoprem se njoj ljudi jesu milili, nju nudili i takaj silili, da bi jela i pila.« Im Jahre 1531 wurde ein Ungetüm [pošast wird auch für das deutsche Wort »Seuche« gebraucht], das man Škrapec oder Waldteufel nennt, unter der Herrschaft [wahrscheinlich dürfte vladanjem zu lesen sein] des Kardinals und Herzogs von Salzburg Mathias Lang in Haunsberg in der Jagd eingefangen. Sie war [es war also eine Waldfrau] von gelber Farbe, vollends wild, und wollte um keinen Preis den Leuten ins Gesicht schauen, sondern verbarg sich fortwährend in den Winkeln; auf dem Kopf hatte sie einen Hahnenkamm [eigentlich: Hahnenrose], sie hatte ein männliches Gesicht mit einem Barte, Adlerfüsse, schöne Löwentatzen und einen Hundschwanz. [Und] sie ist vor Hunger umgekommen, wenngleich ihr die Leute schön taten, ihr [Speisen] antrugen und sie so zu zwingen suchten, dass sie Speise und Trank zu sich nehme.