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Slavische Volkforschungen

Menschenfleischessen.

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Der Kopf getöteter Feinde diente zuweilen zur Zauberverspeisung, durch die man die Erwerbung der Eigenschaften des Verstorbenen für sich und durch weitere Vererbung für seine Nachkommen erhoffte. Das häufige Vorkommen dieser Erscheinung in Nord- und Südamerika bestätigen die fleissig erbrachten Belege bei Steinmetz. Ich stimme mit ihm darin überein, dass die Zauberverspeisung ein späteres Entwicklungstadium darstellt, das eine vorangehende, allgemein übliche Anaesthesie gegen Menschenfleisch zur bestimmten Voraussetzung hat. Der Mensch auf einer Urstufe verzehrte ebenso gern die Leichen seiner Genossen, wie die seiner Feinde.

Mekić Arslanaga von Kolašin erschoss aus seiner Langflinte den montenegrischen Fähnrich Vučelić Colo, einen berühmten Kämpen aus Rovče, pa mu rusu glavu posijeka und hieb ihm ab sein dunkelharig Haupt. Vezier Mahmut liess es am Burgwall von Nikšić, das jetzt zu Montenegro gehört aufspiessen. Die Geschichte trug sich um das Jahr 1820 zu.

Pak Nikšićke bule i kadune Die Weiber und die Edelfrauen von Nikšić

dovijaju s junake ragjati, um’s Leben gern gebären möchten Helden,

ukradoše i Colevu glavu und darum stahlen sie des Colo Haupt

prvo veče z bedena od grada; herab vom Wall der Burg am ersten Abend,

5 zaludu je pred vezirom stâla, (vergeblich tat sie vor dem Vezier prangen)

skuhaše je kano i govegju, sie sotten ab sie, wie ein Rindviehhaupt,

sve se od nje juhe nasrkaše sie schlürften satt sich an mit dessen Brühe,

ne bi l Cola kojagogj začela leicht könnt’ empfahen eine einen Colo

a u turskom dinu i narodu; im Türkenglauben wohl und Türkenvolke;

10 ma im ne do koji nebom sjaje doch gäb’s nicht ihnen, der am Himmel leuchtet,

i kojino Rovčane ostale derselbe, so die übrigen Rovčanen

herausgerettet und gebracht nach Rovac.

Der Guslar gibt zutreffend den animistischen Beweggrund für den Kannibalismus hier an, doch beutet er ihn aus, um Mosliminnen verächtlich zu machen. Nun sind es aber keine Türkinnen, sondern echte Serbinnen, gleich den christlichen Montenegrinnen. Haben es die Frauen wirklich getan, fragt es sich, wie so hat der Guslar zu Rovci davon Kunde erhalten? Die Sache klärt sich einfach auf; der Guslar übertrug auf die Gegnerinnen den ihm aus seiner engeren Heimat vertrauten Kannibalismus, an dessen Wirksamkeit er bestimmt glaubt, sonst würde er nicht Gott um Erfolglosigkeit für die verhassten Mosliminnen anflehen.

Auf meinem höchsten Gipfel, da ist ein Aar gesessen,

und in den Klauen hält er fest das Haupt von einem Helden.

— O Haupt, was hast du doch getan, was hast du doch gesündigt?

— Iss, Vogel, meine Jugend auf, iss auf meine tapfere Stärke,

5dass ellendick dein Flügel werd und spannendick die Klaue!

In Luros und Xeromeros war ich ein Armatole,

in Chasia und auf diesem Berg zwölf Jahre lang ein Klephte.

Vom eigentlichen Kannibalismus, dem Genuss von Menschenfleisch zur Befriedigung des Hungers, berichtet meines Wissens, nur eine einzige Stelle in einem Guslarenliede. Es ist unzweifelhaft freie, dichterische Erfindung, die ein Greis vorbringt, um eine wegen des Unglücks ihres Sohnes trostlose Mutter durch die Schilderung seines unvergleichlich grässlicheren Jammers zu beruhigen:

Ja sam imo do osam sinova, Besessen hab ich wohl an Söhnen acht,

sve sam osam starac oženio ich greiser Mann hatt alle acht beweibt,

i osmero imo unučadi; und Enkel ich besass auch ihrer acht;

pak su došli pasoglavi turci da brachen hundeköpfige Türken ein

5 pak pojeli do osam sinova und frassen auf wohl alle Söhne acht,

i pojeli do osam snašica und frassen auf acht meiner Schwiegertöchter

und überdies acht meiner Enkelkinder.

Die Hundeköpfe sind in der slovenischen und chrowotischen Überlieferung sehr häufig, doch sehr selten in der serbischen und bulgarischen. Dieser Sagenstoff ist wohl aus der Fremde.

Nisam kumo, života mi moga, Ich tat’s nicht, Gödin, nein, bei meinem Leben,

nijesam ti čedo promjenio; ich habe dir das Kind nicht ausgewechselt;

ako mi se tome ne vjeruješ —, wenn du mir also auch nicht glauben willst —

ja ne imam ot srca evlada mir ist kein Spross vom Herzen mehr beschieden,

5 već Božura u bešici sina, als in der Wiege Božur bloss der Sohn: —

ja pečena izio Božura auffressen soll ich Božur gar gebraten

treći danak na vaskrsenije, am dritten Tag des Auferstehungfestes,

ako sam ti čedo promjenio! wofern dein Kind ich ausgewechselt habe!

II. »Ein starker Grad von Menschenfrass ist, wenn einer das Blut eines abgeschlachteten oder getöteten Menschen trinkt, ein geringerer, wenn er das Blut eines anderen, lebenden Menschen, aus was immer für Grunde geniesst, der schwächste aber, falls einer sein eigenes Blut schlürft, nachdem ihm vor fremdem eckelt, oder es ihm vom Gesetz verboten wird.«

III. Etwa 200 Werst von der Universitätstadt Kasan, d. h. nicht ganz dreissig deutsche Meilen entfernt, liegt das Dorf Stary-Multan, dessen Bewohner sich zur orthodoxen Kirche bekennen, eine Kirche und einen Priester besitzen. Im Jahre 1892 hatte dieses Dorf wie so viele andere Orte derselben Gegend eine schlimme Zeit. Die Missernte hatte eine furchtbare Hungernot geschaffen, in den Hütten der Bauern war der Typhus zu Gast, und dazu drohte noch das Schreckgespenst der Cholera. In dieser allgemeinen Not verwirrten sich die Sinne der Leute; der Gott, zu dem sie beteten, schien taub geworden gegen ihr Flehen, und es wuchs in ihnen der Zweifel empor, ob das überirdische Wesen, das sie mit ihren Priestern bekennen, auch die wahre Gottheit sei. Dunkle Vorstellungen von den alten Göttern, die in den weiten Kasanischen Steppen noch ein reelleres Leben führen, wurden wieder wach, und die orthodoxen Christen von Stary-Multan begannen den Heidengöttern Opfer zu bringen, zuerst Tieropfer. Als aber auch dies nicht half, da erhielt ein Weiser des Dorfes eine Offenbarung: der Gott verlange ein »zweibeiniges« Opfer (kurban) — ein Menschenopfer also. Dem Verlangen des Gottes musste natürlich willfahrt werden. In dem Dorfe lebte ein armer Bauer, der aus einem benachbarten Kreise stammte, im Orte also weder Freunde noch Anverwandte besass. Dieser Arme schien gewissermassen im Vorhinein bestimmt, zum Wohle des Dorfes geopfert zu werden. Der Unglückliche wurde — es geschah dies am 4. Mai 1892 — in das Gemeindehaus geschleppt, dort entkleidet, mit den Füssen an der Decke aufgehängt, und nun begannen fünfzehn Personen mit Messern auf den nackten Körper einzustechen; das den Wunden entströmende Blut wurde sorgfältig aufgefangen, gekocht und dann von den Opfernden zu Ehren des Gottes ausgetrunken. Lungen und Herz des Opfers hat man, nachdem es seinen Qualen erlegen war, ausgeschnitten und ebenfalls verzehrt; dann hackte man der Leiche den Kopf ab und warf den Rumpf auf die Strasse. An der Opferung beteiligten sich der Schulze des Dorfes, der bäuerliche Polizeidiener und der Kirchenälteste. Die Leute waren so sehr von der Rechtmässigkeit ihrer Handlung überzeugt, dass sie sich nicht im Geringsten bemühten, den Mord zu verheimlichen. Er gelangte somit bald zur Kenntnis der Behörden, und die Schuldigen kamen in das Untersuchunggefängnis. Nach dritthalb Jahren gelangte dieser Tage der Prozess endlich zum Abschluss, und die Teilnehmer am Ritualmorde wurden zu langjähriger Zwangarbeit verurteilt.

Im Handumdrehen machten die chrowotischen Blätter aus der überwiegend erzchrowotischen Landbevölkerung »fanatisierte Serben«, um die an der antichrowotischen Volkbewegung vielleicht nur nebenbei oder gar nicht beteiligten serbischen Stammbrüder zu verunglimpfen. Auch versuchen dieselben Blätter, die Juden und Magyaren für das Elend des Volkes verantwortlich zu machen; bisher freilich ohne Erfolg; denn gerade die Gegend Chrowotiens, in der der Aufstand losbrach, ist ganz und gar, wie man im Antisemitenargot sagen würde, juden- und magyarenrein. Das ist der Humor bei der Tragödie des Volkjammers, zu der gleich das Gewehrgeknatter dreier Regimenter Soldaten Musik aufspielte. Bei der ersten Bewegung wurde ein Bauernweib (eine Schwangere) erschossen und sieben Bauern empfingen schwere Verwundungen. »Dreissig »Rädelsführer« glückte es ehebald einzukerkern, die anderen flohen in die Wälder.« Vom Frühjahr 1897 bis zum 23. September 1897 erforderte der chrowotische Ghost-Dance 53 Tote, 137 Schwerverwundete und netto 70 zu mehrjähriger Kerkerstrafe verurteilte »Sozialisten«. (Nach Berichten aus Agram). Bis zum 3. Oktober hatten die Behörden bereits 200 Bauern eingekerkert.

Mich schmerzeten diese Kunden unsäglich. Weiland Brozović war einer meiner letzten Jugendgespielen, mit dem ich mich gut vertragen. Mein wissenschaftliches Sondergebiet sind die Südslaven; mein Leben und meine Liebe dient auch ihnen. Wie vielen von den unglückseligen Bauern mag ich mehr als einmal auf meinen Reisen freundschaftlich die Hand gedrückt haben! Das Los der chrowotischen Bauern ist das der Indianer: Aussterben!

Notes in this chapter

Note 1 · Rich. Andree: Die Anthropophagie, Leipzig 1887. — Dr. P. Bergemann: Die Verbreitung der Anthropophagie und Ermittelung einiger Wesenzüge dieNote 2 · Cit. bei J. Grimm, Deutsche Rechtaltertümer, 488. Verweise auf diese Stellen auch bei Steinmetz, Endokann. 24, der auch auf P. Sartori’s vorNote 3 · K. A. Šapkarev: Sbornik ot blgarsk. nar. umotvor. Sofija 1892. S. 77.Note 4 · Pjevanija cernogorska i hercegovačka sabrana Čubrom Čojkovićem cernogorcem pa i njim izdana istim. Leipzig 1837. S. 247b.Note 5 · Text und Verdeutschung bei Fauriel-Müller, Neugriech. Volklieder. Leipzig 1825. I. S. 15. Nr. VII. Vom Schulterfleisch siehe II. S. 47. Nr. Note 6 · Bei Luka Marjanović: Hrvatske nar. pjesme, što se pjevaju u gornjoj Hrvatskoj, krajini i u turskoj Hrvatskoj. Svezak I. Agram 1864. Nr. XXIINote 7 · Bei Vladimir Krasić: Srpske nar. pjesme starijeg i novijeg vremena. I. Pančevo 1880. Nr. XV. S. 84–88. Das Stück aus Bosnien.Note 8 · Ein Guslarenlied bei Manojlo Kordunaš: Srpske nar. pj., skupio po bivšoj gornjoj krajini. Neusatz 1891. I. S. 4. — Eine Variante bei Vuk KarNote 9 · Vrgl. Krauss, Böhmische Korallen. Folkloristische Börsenberichte aus der Götter- und Mythenwelt. Wien 1897. 2. Aufl.Note 10 · Srpske n. pj. Belgrad 1867. Nr. 54. S. 647–651. 151 Verse; Nr. 55. S. 652–673. 679 Verse; Nr. 56. S. 674–692. 585 Verse. Die schimpfliche ErNote 11 · In den genannten Srpske narod. pjesme S. 43.Note 12 · Zur Erklärung vrgl. Am Urquell I. S. 194.Note 13 · Vrgl. Am Urquell I. S. 196. Derselbe Brauch im Herzogtum.Note 14 · S. Trojanović: Starinska srpska jela i pića. Belgrad 1896. S. III f.Note 15 · R. Sprenger, Der Urquell I. S. 119.Note 16 · The Ghost Dance. Washington 1896.Note 17 · Damit soll keineswegs eine Kritik an dem Urteil geübt werden, das gewiss allen gesetzlichen Formen entsprach, nur die Belastungzeugen, durchNote 18 · Eine chrowotische Korrespondenz berichtet noch folgendes Detail: ‘Als Djaković auf der Strasse im Blut und Staube in den letzten Zügen lag, Note 19 · Note 20 · otle spase i u Rovca snese.5Note 21 · Menschenfleisch, wenn es von einem Helden stammt, namentlich von dessen Kopfe, macht überaus stark und kräftig; das lehrt auch der griechiscNote 22 · i osmero jošter unučadi.7Note 23 · Ein bosnisches Guslarenlied, in dem sich der Heiland als menschenfleischlüstern ankündigt, halte ich lediglich für eine Umdichtung der Sage Note 24 · Dem gleichen Vorstellungkreis gehört auch die Opferung des einzigen Sohnes zu Heilzwecken an. Ein Vater tötete den einzigen Spross, um mit dNote 25 · Ein abstruses Märlein ersann B. Petranović, ein serbischer Veckenstedt10 (dem er zwar an Begabung und Bildung nachsteht), um in einem Zuge sNote 26 · Einen in der gesamten südslavischen Volküberlieferung unerhörten Schwur leistete Held Ljutica Bogdan bei demselben Korallenfabrikanten.12 BoNote 27 · »Für die erste Art gibt es auch bei uns Beispiele. Tötet im Masurer Bezirke ein Wegelagerer jemand, kostet er ein wenig von dessen Blute, imNote 28 · »Im selben Masurer Bezirke ist ein hochinteressanter Brauch des Trinkens fremdes Blutes in Übung, doch möchte ich ihn nicht unmittelbar als Note 29 · IV. Von der Opferung der eigenen Kinder, um einem Freunde das Leben wiederzugeben berichtet die mittelalterliche Sage von den treuen FreundeNote 30 · V. Mooneys Buch über den indianischen Geistertanz17 ist für die Erforschung der Entwicklung und des Verlaufes geistiger Epidemien ausserordeNote 31 · In meinem Buche »Sitte und Brauch der Südslaven« widmete ich dem Liebezauber einen eigenen Abschnitt. Seitdem habe ich selber auf Reisen vie
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