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Der Sohn einer Magd

9. Er ißt fremdes Brot.

Emil Schering translation

Ein kühner Traum war ihm in Erfüllung gegangen: er hatte eine Stellung für den Sommer erhalten. Warum nicht früher? Er hatte es nicht zu hoffen gewagt; also sich nicht darum bemüht. Was er recht lebhaft wünschte, danach wagte er nicht die Hände auszustrecken, aus Furcht, eine Enttäuschung zu erleben. Eine vereitelte Hoffnung war das schwerste, was er sich denken konnte. Jetzt aber schüttete das Glück auf einmal sein ganzes Füllhorn über ihn aus: die Stellung war in einem vornehmen Hause, das in der schönsten Natur lag, die er kannte: im Stockholmer Inselmeer; und zwar in der poetischesten Gegend des ganzen Inselmeers: Sotaskär hieß sie.

Er liebte jetzt die Vornehmen. Die Stiefmutter hatte ihn schlecht behandelt; die Verwandten standen immer auf der Lauer, Hochmut bei ihm zu entdecken, wo nur überlegener Verstand, Edelmut und Opferwilligkeit war; die Kameraden bei den Scharfschützen hatten sich bemüht, ihn zu ducken: all das hatte ihn von der Klasse verjagt, aus der er gekommen war; er dachte nicht mehr wie sie, fühlte nicht mehr wie sie; hatte eine andere Religion, andere Begriffe vom Leben. Seinen Schönheitssinn hatte das maßvolle Wesen der vornehmen Kameraden, ihre harmonische Art und ihr sicheres Auftreten angesprochen; er fühlte sich ihnen durch seine Erziehung näher und der Unterklasse ferner. Ihm schienen die Vornehmen nicht so hochmütig wie die Bürgerlichen zu sein; sie räkelten sich nicht, traten andere nicht; schätzten Bildung und Talent; sie waren in gewisser Weise, da sie ihn als ihresgleichen aufnahmen, demokratischer gegen ihn als seine Verwandten, die ihn wie einen recht Untergeordneten, Unterlegenen behandelten.

Fritz zum Beispiel, der ein Müllersohn vom Lande war, wurde beim Kammerherrn empfangen und spielte mit den Söhnen Komödie vor dem Direktor des Königlichen Theaters, der ihm Engagement anbot: niemand fragte, was sein Vater gewesen sei. Als Fritz aber einmal in Johans Elternhaus auf Ball war, wurde er von vorn und hinten untersucht; und mit großem Vergnügen hatte ein Verwandter auskundschaftet, Fritzens Vater sei zuerst nur Müllerknecht gewesen.

Johan war Aristokrat geworden, ohne seine Sympathien für die Unterklasse aufzugeben. Und da der Adel um 1865 sehr liberal war, herablassend und augenblicklich volkstümlich, wurde er getäuscht. Er begriff nicht, daß die, welche einmal oben waren, andere nicht mehr zu treten brauchten; daß die, welche auf der Höhe saßen, herablassend sein konnten, ohne herabzusteigen. Er sah nicht ein, daß die, welche unten waren, sich von denen, die an ihnen vorbei und hinaufsteigen wollten, getreten fühlten; daß die, welche keine Aussicht hatten, hinaufzukommen, nur den Trost besaßen, die herunterzuholen, die oben oder auf dem Wege dorthin waren. Das war ja das Gesetz des Gleichgewichts, das er noch nicht eingesehen hatte. Er war entzückt, zu den Vornehmen zu kommen.

Fritz gab ihm Vorschriften, wie er sich zu benehmen habe. Man solle nicht kriechen, nur bescheiden sein; nicht alles sagen, was man denke, denn das verlange niemand zu wissen; könne man Artigkeiten sagen, ohne grob zu schmeicheln, sei es gut; konversieren, aber nicht räsonnieren, vor allem nicht disputieren, denn recht bekomme man doch nicht. War das ein kluger Jüngling! Johan fand ihn entsetzlich, verbarg das Wort aber in seinem Herzen. Was er gewinnen konnte, war eine akademische Stellung, vielleicht eine Reise ins Ausland, nach Rom oder Paris, mit den Schülern. Das war das höchste, was er von den Vornehmen verlangte. Das hielt er für sein Glück, und nach diesem Glück wollte er jetzt jagen.

Er machte seinen ersten Besuch bei der Baronin an einem Sonntagnachmittag, als sie in der Stadt war. Sie glich dem alten Porträt einer Dame mittleren Alters. Adlernase, große braune Augen, das Haar über die Schläfen gekräuselt. Sie war elegisch, hatte einen schleppenden Ton, sprach etwas durch die Nase. Johan fand nicht, daß sie fein aussah, und die Wohnung war dürftiger als sein Elternhaus. Aber sie hatten ja das Herrenhaus, das Schloß, auf dem Lande. Sie gefiel ihm jedoch, denn sie hatte einen Zug, der ihn an seine Mutter erinnerte. Sie prüfte ihn, sprach mit ihm, ließ ihr Knäuel fallen. Johan sprang auf, nahm das Knäuel, aber gab es mit einer Miene zurück, die selbstzufrieden sagte: das kann ich, denn ich habe schon viele Taschentücher für die Damen aufgehoben. Die Prüfung fiel zu seinem Vorteil aus, und er wurde angenommen.

Am Morgen des Tages, an dem sie aus der Stadt abfahren sollten, fand er sich in der Wohnung ein. Der Königliche Sekretär, so wurde der Hausherr genannt, stand in Hemdsärmeln vor dem Spiegel und band sein Halstuch. Er sah stolz und milzsüchtig aus, grüßte kurz und kalt. Johan nahm ungebeten einen Stuhl, versuchte die Unterhaltung zu beginnen; das gelang ihm aber nicht, weil der Sekretär ihm den Rücken drehte und kurz antwortete.

— Das ist kein Vornehmer, dachte Johan; das ist ein Knoten!

Und sie waren einander antipathisch als zwei aus der Unterklasse, von denen jeder scheel auf das Hinaufklettern des andern sah.

Der Wagen stand vor der Tür. Der Kutscher hatte Livree an und grüßte mit der Mütze in der Hand. Der Sekretär fragte Johan, ob er im Wagen oder auf dem Kutschbock sitzen wolle; jedoch in einem Ton, daß Johan beschloß, fein zu sein und die Einladung auf den Kutschbock zu verstehen. Er setzte sich also neben den Kutscher.

Als die Peitsche knallte und die Pferde anzogen, hatte Johan nur einen Gedanken: Fort von Haus! Hinaus in die Welt!

Beim ersten Gasthaus, wo sie rasteten, stieg Johan ab und trat ans Wagenfenster. Dort erkundigte er sich in einem leichten, verbindlichen, vielleicht etwas vertraulichen Ton nach dem Befinden der Herrschaft; erhielt aber von dem Herrn eine kurze scharfe Antwort, die jede weitere Annäherung abschnitt.

Was hatte das zu bedeuten?

Sie saßen wieder auf. Johan steckte sich eine Zigarre an und bot auch dem Kutscher eine; der aber antwortete flüsternd, er dürfe auf dem Kutschbock nicht rauchen. Dann versuchte er den Kutscher auszufragen; erfuhr etwas über den Verkehr und dergleichen, aber nur wenig.

Gegen Abend langten sie auf dem Herrensitz an. Das Gebäude lag auf einem mit Bäumen bewachsenen Hügel und war ein weißes Steinhaus mit Markisen. Das Dach war flach, und dessen stumpfer Winkel gab dem Gebäude etwas Italienisches; aber diese rot- und weißgestreiften Markisen, das war wirklich etwas Feines.

Johan wurde in einen Flügel gewiesen, der aus einem besonderen Häuschen von zwei Zimmern bestand; in dem einen sollte er mit drei Knaben hausen, während das andere vom Kutscher bewohnt wurde.

Als er acht Tage auf dem Gut gewesen war, hatte Johan entdeckt, daß er ein Diener war, und zwar in einer recht unangenehmen Stellung. Der Knecht seines Vaters hatte ein besseres Zimmer, und vor allem ein eigenes Zimmer; der Knecht seines Vaters war doch einige Stunden am Tage Herr über seine Person und seine Gedanken; Johan nie. Nacht und Tag sollte er mit den Kindern zusammen sein, mit ihnen spielen, mit ihnen arbeiten, mit ihnen baden. Nahm er sich einen Augenblick Freiheit und jemand von der Herrschaft erblickte ihn, fragte man sofort: Wo sind die Kinder? Die Knaben pflegten nämlich zu den Instleuten zu laufen; dort durften sie sich aber nicht aufhalten, weil das Flüßchen dort vorbeifloß. Johan lebte in beständiger Unruhe, es könne etwas passieren. Er war für das Betragen von vier Personen verantwortlich: sein eigenes und das dreier Knaben. Wurden sie getadelt, bekam er etwas ab. In seinem Alter war niemand da, mit dem er sich hätte aussprechen können; keine jungen Leute. Der Inspektor hatte den ganzen Tag zu tun und war nie zu sehen.

Aber zweierlei entschädigte ihn: die Natur und die Freiheit vom Elternhause.

Die Baronin behandelte ihn vertraulicher, beinahe mütterlich; es unterhielt sie, mit ihm über Literatur zu sprechen. Da hatte er Augenblicke, in denen er sich durch seine Belesenheit ebenbürtig und überlegen fühlte; kam aber nur der Sekretär nach Haus, war er wieder Kindermädchen.

Die Landschaft des Inselmeers hatte für ihn einen größeren Reiz als die Ufer des Mälarsees, und die zauberischen Erinnerungen an Drottningholm und Vibyholm verblaßten. Das Jahr vorher war er bei einem Plänkeln mit den Scharfschützen bei Tyresö auf eine Höhe hinaufgekommen. Es war tiefer Fichtenwald. Zwischen Blaubeeren und Wacholder krochen sie, bis sie an eine steile Klippe kamen. Da öffnete sich plötzlich ein Gemälde, so entzückend, daß ihn fror. Meer und Inseln, Meer und Inseln, weit, weit, bis in Unendlichkeit. Er hatte, obwohl Stockholmer, das Inselmeer noch nie gesehen und wußte nicht, wo er sich befand. Dieses Gemälde machte einen solchen Eindruck auf ihn, als habe er ein Land wiedergefunden, das er in schönen Träumen gesehen, oder in einem früheren Dasein, an das er glaubte, von dem er aber nichts wußte.

Die Jägerkette zog sich nach der Seite in den Wald hinein, aber Johan saß auf der Klippe und betete an; das war das richtige Wort. Die feindliche Kette hatte sich genähert und gab Feuer; es sauste ihm um die Ohren; er verbarg sich; fortgehen konnte er nicht. Das war seine Landschaft, das wahre Milieu seiner Natur: Idyllen, arme, holperige Inseln aus Graustein, bedeckt mit Fichtenwald, auf große, stürmische Meeresflächen hinausgeworfen; und im Hintergrunde, in gehöriger Entfernung, das unendliche Meer.

Er blieb dieser Liebe auch treu, die nicht damit erklärt ist, daß sie die erste war. Weder die Alpen der Schweiz, noch die Olivenhügel des Mittelmeers, noch die Felsenküste der Normandie konnten sie verdrängen.

Jetzt war er in diesem Paradies, wenn auch etwas zu weit im Innern; die Ufer bei Sotaskär waren grüne, fette Weiden unter dem Schatten von Eichen, und das Meer öffnete sich nach Mysing zu, aber in weiter Entfernung. Das Wasser war rein und salzig; das war neu.

Während der Streifzüge mit Flinte, Hunden, Knaben kam er an einem sonnenhellen Tage an den Strand hinunter. Auf der andern Seite lag ein Schloß; ein großes, altmodisches Schloß aus Stein. Er hatte jetzt entdeckt, daß er nur auf einem Gute wohnte; daß sein Herr nicht adelig und nur Pächter war.

— Wer wohnt in diesem Schloß? fragte er die Knaben.

— Dort wohnt Onkel Wilhelm, antworteten die.

— Wie heißt der?

— Baron X.

— Besucht ihr denn den nicht?

— Doch, zuweilen.

Es gab also doch ein Schloß, mit einem Baron darin. Hm! Johans Spaziergänge schlugen seitdem fast regelmäßig die Richtung nach dem Strand ein, von wo er das Schloß sah. Es war von einem Park und einem großen Garten umgeben. Seine Herrschaft hatte keinen Garten. Dies war etwas anderes!

Eines Tages teilte ihm die Freiherrin mit, er solle am nächsten Tage die Knaben zu Barons begleiten; dort sollten sie den Tag über bleiben. Sie und der Herr Sekretär würden nicht mitfahren; er müsse also das Haus vertreten, fügte sie scherzend hinzu.

Er fragte nach seiner Toilette.

Er könne in seinem Sommeranzug hinfahren, aber den schwarzen Rock auf den Arm nehmen, um sich in dem kleinen Gobelinzimmer zu ebener Erde für das Mittagessen umzukleiden.

Gobelinzimmer? Hm! Müsse er vielleicht Handschuhe anziehen.

Sie lachte. Nein, behüte, keine Handschuhe.

Er träumte die ganze Nacht vom Baron, vom Schloß, vom Gobelinzimmer.

Am nächsten Morgen fuhr ein Leiterwagen auf den Hof, um die Jugend zu holen. Nein, den liebte er nicht; der erinnerte an den Küsterhof.

Sie fuhren ab. Kamen in eine große Lindenallee, fuhren auf den Hof, hielten vorm Schloß. Es war wirklich ein Schloß, wie aus Dahlbergs „Suecia‟, und es datierte von der Unionszeit. Aus einer Laube hörten sie die wohlbekannten Laute des Brettspiels. Und heraus trat ein Herr mittleren Alters in weitem Anzug aus Hanfleinen. Sein Gesicht war nicht vornehm, eher bürgerlich, und von einem graugelben Seemannsbart bedeckt. Er hatte auch Ohrringe.

Johan nahm den Hut in die Hand und stellte sich vor. Der Baron begrüßte ihn freundlich und bat ihn, in die Laube zu kommen. Dort stand ein Brettspiel, und da saß ein kleiner Greis, der einen Frühstücksschirm an der Mütze hatte und sehr entgegenkommend war. Er wurde vorgestellt als Rektor aus einer Kleinstadt. Johan bekam Kognak und mußte Neuigkeiten aus Stockholm erzählen. Er vertiefte sich in Theaterklatsch und dergleichen, und man hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit zu.

Da haben wir's, dachte er; die wirklich Vornehmen sind viel demokratischer als die nicht ganz Vornehmen.

— Verzeihen Sie, Herr..., sagte der Baron; wie war doch der Name? — Ja, so war es. Sind Sie mit Oskar verwandt?

— Das ist mein Vater!

— Ist das wirklich wahr? Das war ja mein alter Freund, als ich den Dampfer Strengnäs führte.

Was? Johan traute seinen Ohren nicht! Der Baron hatte einen Dampfer geführt? Ja, das hatte er.

Aber der Alte ging weiter und wollte Auskunft haben über Oskar und dessen Schicksal.

Johan sah das Schloß an und fragte sich, ob es auch der Baron selbst sei. Da kam die Baronin herunter. Die war ebenso einfach und freundlich wie der Baron.

Man läutete zum Essen.

— Jetzt wollen wir einen Schnaps trinken, sagte der Baron, kommen Sie.

Johan machte eine Volte im großen Flur und wollte den Gehrock hinter einer Tür anziehen; daraus wurde aber nichts. Er tat es doch, denn die Freiherrin hatte es gesagt.

Sie kamen in den großen Saal. Doch, es war ein richtiges Schloß. Steinfußboden; die Decke aus Holz geschnitzt; Fensternischen, tief wie kleine Zimmer; ein Kamin, in dem ein Klafter Holz Platz hatte; ein Klavier auf drei Füßen; eine Krone, deren Gläser so groß wie Pfefferkuchen waren; schwarze Porträts an den Wänden. Es war ganz, wie es sein sollte.

Das Essen war vorbei und Johan fühlte sich heimisch. Am Nachmittage spielte er Brett mit dem Baron und trank Grog. Alle Artigkeiten, die er sich ausgedacht, wurden eingestellt. Und als sein Tag zu Ende ging, war er sehr zufrieden damit.

In der großen Allee drehte er sich um und sah auf das Schloß zurück. Es sah jetzt nicht mehr so stattlich aus; beinahe dürftig. So paßte es besser für ihn, aber dieses Märchenschloß vom andern Ufer war schöner anzusehen. Jetzt hatte er nichts mehr, zu dem er hinaufsehen konnte. Aber er stand nicht mehr so tief unten. Vielleicht war es doch angenehmer, etwas dort oben zu haben, nach dem man gaffen konnte!

Als er nach Hause kam, wurde er von der Freiherrin ausgefragt.

— Wie finden Sie den Baron?

— Er ist nett und herablassend.

Johan war schon so klug, die Bekanntschaft mit dem Vater zu verschweigen. Das werden sie doch schon erfahren, dachte er. Ihm war jetzt etwas wärmer in den Kleidern, und er war nicht mehr so demütig.

Eines Tages lieh er sich ein Reitpferd vom Sekretär, ritt aber so wild, daß die Pferde beim nächsten Male nicht zu haben waren. Da schickte er einen Jungen von den Instleuten ins Kirchspiel, um ein Pferd zu mieten. Es war ein stolzes Gefühl, so hoch zu sitzen und dahin zu eilen; es war, als habe er eine neue Kraft bekommen.

Illusionen hatten sich zwar aufgelöst, aber es war doch angenehm, auf dem gleichen Niveau zu stehen, ohne daß man einen hatte herunterreißen müssen. Er schrieb an den Bruder nach Haus und prahlte. Bekam aber eine abweisende Antwort. Da er allein war und mit niemandem sprechen konnte, schrieb er ein Tagebuch an den Freund. Der hatte eine Stellung bei einem Kaufmann am Mälarsee gefunden, bei dem es Mädchen, Musik, Jugend und gutes Essen gab. Johan wünschte zuweilen an dessen Stelle zu sein; er hatte die Empfindung, als sei er in eine unglückliche Familie gekommen. Im Tagebuch suchte er die Wirklichkeit umzudichten, und es gelang ihm auch, den Neid des Freundes zu erregen.

Die Geschichte, daß der Baron Johans Vater kannte, verbreitete sich. Die Baronin glaubte schlecht von ihrem Bruder sprechen zu müssen. Johan hatte schon so viel Verstand, daß er einsah, hier lag etwas aus einem Majoratstrauerspiel vor. Da das ihn aber nichts anging, wollte er auch nicht danach forschen.

Bei einem Besuche im Pfarrhaus hörte der Unterpfarrer von Johans Plänen, Geistlicher zu werden. Da der Pfarrer aus Altersschwäche zu predigen aufgehört hatte, war sein Vertreter der einzige, der den Dienst versah. Und der fand die Arbeit so schwer, daß er nach jungen Studenten fahndete, die debütieren wollten. Er fragte Johan, ob er nicht einmal predigen möchte. — Aber er sei ja noch nicht Student. — Das tue nichts. — Hm! Er wolle es sich überlegen!

Der Unterpfarrer ließ nicht locker. Hier hätten schon so viele Studenten und Gymnasiasten gepredigt; ja, die Kirche habe einen gewissen Ruf, weil der berühmte Schauspieler Knut Almlöf dort in seiner Jugend gepredigt habe. — Menelaus? In der „Schönen Helena‟? — Eben der! — Das Evangelienbuch wurde aufgeschlagen, Postillen geliehen, und Johan versprach, sich am Freitag einzufinden, um die Predigt zu probieren.

Ein Jahr nach der Konfirmation sollte er also auf die Kanzel steigen und im Namen des Herrn sprechen; und die andern, sein Hausherr, die Baronin, die Mädchen, würden als andächtige, demütige Zuhörer dasitzen. Schon am Ziel, so schnell, ohne theologisches Examen, ja sogar ohne Studentenprüfung. Mantel und Kragen würde er leihen, das Stundenglas umkehren, Vaterunser beten, die Aufgebote vorlesen. Das stieg ihm zu Kopf; er wuchs um eine halbe Elle. Als er wieder nach Haus fuhr, war er überzeugt, daß er kein Knabe mehr sei.

Zu Hause aber erwachten die Bedenken. Er war ja Freidenker. War es ehrlich, zu heucheln? Nein, nein! Aber sollte er darum verzichten? Das war ein zu großes Opfer. Die Ehre winkte; vielleicht konnte er auch einige Samen freier Gedanken aussäen, die einst keimen würden. Ja, aber das war unehrlich! Er sah nämlich mit seiner alten Egoistenmoral auf die Absicht des Handelnden, nicht auf den Nutzen oder Schaden der Handlung. Es war nützlich für ihn, zu predigen, und es war nicht schädlich für andere, ein neues, wahres Wort zu hören: also... Aber es war nicht ehrlich! Er kam nicht davon los. So erleichterte er sein Gewissen bei der Baronin.

— Meinen Sie, der Geistliche glaubt an alles, was er sagt?

Das sei Sache des Geistlichen, er aber könne nicht.

Schließlich ritt er nach der Pfarre und bekannte kurz. Der Unterpfarrer war wenig erfreut, sein Vertrauen entgegennehmen zu müssen.

— Aber sie glauben doch wohl an Gott, in Jesu Namen!

— Ja, das tue ich gewiß!

— Nun, dann sprechen Sie nicht von Jesus. Bischof Wallin erwähnte niemals Jesu Namen in seinen Predigten. Aber berühren Sie den Punkt nicht; lassen Sie mich nichts davon wissen.

— Ich werde mein Bestes tun, sagte Johan, froh, seine Ehre gerettet zu haben!

Sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot, und die Sache war abgemacht.

Es war etwas, wie er mit seinem Tabak und seinen Postillen dasaß: als der Sekretär nach dem Hauslehrer fragte, antwortete die Magd:

— Der Herr Lehrer schreibt an seiner Predigt.

Er hatte den Text vor sich, über den er sprechen sollte. Es war der siebente Sonntag nach Trinitatis, und die Worte lauteten so:

„Jesus sagte: Jetzt ist des Menschen Sohn verkläret, und Gott ist verkläret in ihm. Ist nun Gott in ihm verkläret, so wird auch Gott ihn in sich selber verklären; und wird ihn bald verklären.‟

Das war alles. Johan drehte und wendete den Text, fand aber keinen Sinn darin. Das ist etwas dunkel, dachte er. Aber es berührte den empfindlichsten Punkt: Christi Gottheit. Wenn er sich nun ein Herz faßte und Christi Gottheit forterklärte, dann hätte er eine große Tat vollbracht. Die Aufgabe lockte ihn, und mit Parkers Hilfe dichtete er ein Loblied in Prosa über Christus als Sohn Gottes. Äußerst vorsichtig rückte er damit heraus, daß wir alle Gottes Söhne sind, Jesus aber, Gottes auserwählter lieber Sohn, an dem Gott ein besonderes Gefallen fand und dessen Lehren wir hören müssen.

Das war aber nur die Einleitung, und das Evangelium wurde ja nach der Einleitung vorgelesen. Worüber sollte er denn predigen? Jetzt hatte er sein Gewissen beschwichtigt, indem er seine Überzeugung von Christi Gottheit ausgesprochen. Das Fieber glühte, der Mut wuchs: er fühlte, daß er einen Beruf zu erfüllen habe. Er wollte das Schwert gegen die Dogmen ziehen, gegen Gnadenwahl und Pietismus. Das war eine Aufgabe.

Als er dann nach Verlesung des Textes sagen sollte: Auf Grund des verlesenen heiligen Textes wollen wir in dieser kurzen Stunde zum Thema der Betrachtung nehmen ... schrieb er: Da der Text des Tages uns zu weiteren Betrachtungen keine Veranlassung gibt, wollen wir in dieser kurzen Stunde ein Thema betrachten, das von größerer Bedeutung als etwas anderes ist... Dann betrachtete er Gottes Gnadenwerk in der Bekehrung.

Das waren zwei Angriffe: einer gegen die Textkommission, einer gegen die Lehre der Kirche von der Gnadenwahl.

Er sprach zuerst von der Bekehrung als von einer ernsten Sache, die ihre Opfer fordere und von dem freien Willen des Menschen abhänge. (Das war ihm nicht ganz klar.) Er berührte die Ordnung der Gnade und schlug schließlich die Tore des Himmelreichs für alle auf: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Zöllner und Sünder, Huren und Statthalter: alle sollten in den Himmel kommen! Sogar der Räuber hörte die frohe Botschaft: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Das war Jesu Evangelium für alle. Niemand solle glauben, die Schlüssel zum Himmel zu besitzen, und sich einbilden, allein ein Kind Gottes zu sein (das war für die Mucker!), sondern die Türen der Gnade ständen offen für alle, alle!

Er wurde jetzt ernst und fühlte sich wie ein Missionar.

Am Freitag fand er sich in der Kirche ein und las von der Kanzel herab einige Stellen aus der Predigt vor. Er wählte die unschuldigsten. Darauf wurden die Gebete wiederholt, während der Unterpfarrer unter der Orgel stand und „lauter, langsamer!‟ rief. Johan ward approbiert, und sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot.

Am Sonntag war die Kirche besetzt. Johan wurde in der Sakristei mit Mantel und Kragen angetan. Einen Augenblick fand er es lächerlich; dann aber kam die Angst über ihn. Er betete zu dem einzigen wahren Gott um Hilfe, da er jetzt für seine Sache das Schwert ziehen solle gegen tausendjährigen Irrtum. Als der letzte Laut der Orgel verklungen war, stieg er unbefangen auf die Kanzel hinauf.

Alles ging gut. Als er aber an die Stelle kam: „Da der Text des Tages uns keine Veranlassung zu weiteren Betrachtungen gibt‟, und er die vielen weißen Flecke, die Gesichter waren, sich unten in der Kirche bewegen sah, zitterte er. Aber nur einen Augenblick. Dann begann er, und mit ziemlich starker und sicherer Stimme las er seine Predigt vor.

Als er ans Ende kam, war er selber so gerührt über die schönen Lehren, die er verkündete, daß seine Tränen die Schrift auf dem Papier undeutlich machten.

Er atmete auf. Las alle Gebete, bis die Orgel wieder anfing; dann stieg er hinunter.

Da stand der Unterpfarrer und empfing ihn mit einem „Danke‟.

— Aber, aber, fügte er hinzu, es ist nicht gut, vom Text abzugehen. Wenn das Konsistorium das erfährt! Aber es hat wohl niemand gemerkt, wollen wir hoffen. Am Inhalt selbst war nichts auszusetzen.

Dann gab es ein Essen in der Pfarre. Man spielte mit Mädchen und es wurde getanzt. Johan war so etwas wie der Held des Tages.

— Das war eine sehr gute Predigt, sagten die Mädchen, sie war so kurz.

Er hatte zu schnell gelesen. Und dann hatte er ein Gebet übersprungen.

— Alle sind Kinder am Anfang, sagte der Unterpfarrer.

Im Herbst kehrte Johan mit den Knaben nach der Stadt zurück, um bei ihnen zu wohnen und die Aufgaben mit ihnen zu machen. Sie gingen in die Klaraschule. Wieder eine Strafarbeit. Dieselbe Klaraschule, derselbe Direktor, derselbe Lehrer in Latein. Johan arbeitete gewissenhaft mit den Knaben, überhörte sie und konnte darauf schwören, daß sie ihre Aufgaben gelernt hatten. Und doch kamen sie mit einem Tadel nach Haus, und in ihren Büchern las der Vater von soundsoviel Aufgaben, die sie nicht gekonnt.

— Das ist eine Lüge, sagte Johan.

— Es steht jedenfalls hier zu lesen, sagte der Vater.

Es war eine schwere Arbeit. Gleichzeitig bereitete er sich auf die Studentenprüfung vor.

Als die Weihnachsferien anfingen, fuhr man wieder aufs Land. Man saß am Kamin, knackte Nüsse auf, einen ganzen Sack, und las „Frithjofs Sage, Axel, Die Abendmahlskinder‟ von Tegnér. Die Abende waren lang und unerträglich. Johan aber entdeckte einen neuen Inspektor, der beinahe wie ein Knecht behandelt wurde. Das reizte Johan, mit ihm Bekanntschaft zu machen; auf dessen Zimmer brauten sie Punsch und spielten sie Karten.

Die Baronin sagte Johan tadelnd, der Inspektor sei keine Gesellschaft für ihn.

— Warum nicht?

— Er hat keine Bildung!

— Hm! Das ist nicht so gefährlich.

Sie sagte auch, es sei ihr angenehm, wenn der Hauslehrer abends die Gesellschaft der Familie wähle oder wenigstens sich im Zimmer der Knaben aufhalte. Er zog das letzte vor, denn oben war es dumpfig; auch war er es müde, vorzulesen und die Unterhaltung zu führen.

Er saß also auf dem Zimmer der Knaben, das zugleich das seine war. Der Inspektor kam dorthin und sie spielten ihre Partie. Die Knaben bettelten, mitspielen zu dürfen. Warum nicht? Johan hatte in seinem Elternhaus stets mit Vater und Brüdern Whist gespielt; dieses unschuldige Vergnügen wurde als Erziehungsmittel in Disziplin, Ordnung, Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit angewandt; um Geld hatte er nie gespielt. Mogeln wurde augenblicklich zurückgewiesen, unzeitiger Jubel über Gewinnen zum Schweigen gebracht, mißvergnügte Mienen über Verlieren verspottet.

Die Sache ging durch, ohne daß ein Tadel ausgesprochen wurde, denn die Herrschaft war zufrieden, daß die Knaben beschäftigt waren und ihnen nicht selbst zur Last fielen. Aber den Verkehr mit dem Inspektor liebten sie nicht. Im Sommer hatte Johan einmal aus seinen Schülern und den Knaben der Instleute eine Truppe gebildet, die er auf dem Felde übte. Sofort erging das Verbot, nicht mit den Kindern der Instleute zu verkehren.

— Jede Klasse soll für sich bleiben, sagte die Baronin.

Aber Johan konnte den Grund nicht verstehen, da der Klassenunterschied ja 1865 aufgehoben war!

Das Gewitter zog inzwischen auf und konnte jeden Augenblick losbrechen. Eine Kleinigkeit entzündete es.

Eines Morgens schlug der Herr des Hauses Lärm, weil seine Fahrhandschuhe fortgekommen seien. Er warf seinen Argwohn auf den ältesten Knaben. Der leugnete und beschuldigte den Inspektor: der habe auf einer Fahrt nach der Pfarre die Handschuhe benutzt.

Der Inspektor wird gerufen.

— Sie haben meine Fahrhandschuhe genommen; was soll das heißen?

— Nein, ich habe sie nicht genommen!

— Was sagen Sie? Hugo behauptet es!

Johan, der zugegen ist, tritt, ohne aufgefordert zu sein, vor und sagt:

— Hugo lügt. Er selbst hat sie genommen.

— Was sagen Sie?

Er gibt dem Inspektor einen Wink, zu gehen.

— Ich sage die Wahrheit!

— Wie können Sie sich unterstehen, meinen Sohn in Gegenwart eines Knechtes zu beschuldigen?

— Herr X. ist kein Knecht! Und übrigens ist er unschuldig!

— Ja, Sie sind unschuldig! Sie spielen Karten mit den Knaben und trinken mit ihnen! Das ist sauber!

— Warum haben Sie diesen Tadel nicht früher ausgesprochen? Dann hätten Sie erfahren, daß ich nicht mit den Knaben trinke!

— Verdammter Junge, was erlauben Sie sich!

— Sie können sich einen andern Jungen zum Hauslehrer für Ihre Jungen nehmen, da Sie so geizig sind, daß Sie keinen Erwachsenen nehmen wollen.

Damit ging Johan.

Am selben Tag mußten sie nach der Stadt fahren, da die Weihnachtsferien zu Ende waren. Nach Hause also, wieder nach Hause. Hals über Kopf zurück in die Hölle, wo er verhöhnt und geduckt werden würde; sieben Male schlimmer, seit er mit seiner neuen Stellung geprahlt und Vergleiche mit dem Elternhaus gezogen hatte. Er weinte vor Grimm, aber er konnte nach einer solchen Beschimpfung nicht wieder zurück.

Die Baronin schickte nach ihm. Er ließ sie warten. Darauf schickte sie noch einmal. Jetzt ging er mürrisch zu ihr hinauf. Sie war recht milde. Bat ihn, noch einige Tage zu bleiben, bis sie einen neuen Hauslehrer bekommen hätten. Er versprach, als sie dringend bat.

Die Baronin wollte mit den Knaben mitfahren.

Der Schlitten fuhr vor. Der Sekretär stand daneben und sagte:

— Sie können auf dem Kutschbock sitzen.

— Ich kenne meinen Platz, antwortete Johan.

Indessen muß die Furcht des Sekretärs vor seiner Frau größer gewesen sein als seine Lust, Johan zu demütigen, denn bei der ersten Rast bat die Baronin Johan, in den Schlitten zu steigen.

Nein, er wolle nicht!

In der Stadt blieb er noch acht Tage in seiner Stellung. Während dieser Zeit schrieb er einen etwas spanischen Brief in weltmännischem Tone nach Haus; der Ton gefiel dem Alten aber nicht, trotzdem Johan ihm schmeichelte.

— Ich finde, du hättest erst fragen müssen, ob du wieder nach Haus kommen darfst, sagte er.

Da hatte er recht. Der Sohn aber hatte sich das Elternhaus nie anders gedacht als ein Hotel, in dem man umsonst ißt und wohnt.

So war er wieder zu Hause.

Durch eine unergründliche Naivität hatte sich Johan bewegen lassen, noch einige Zeit zu seinen früheren Schülern zu kommen, um die Aufgaben mit ihnen durchzugehen. Eines Abends wollte Fritz ihn mit in ein Café nehmen.

— Nein, sagte Johan, ich muß Stunden geben.

— Wo?

— Beim Königlichen Sekretär!

— Was? Bist du noch nicht fertig mit ihnen?

— Nein, ich habe versprochen, so lange zu kommen, bis sie einen neuen Hauslehrer haben.

— Was kriegst du denn dafür?

— Was ich dafür kriege? Ich habe Wohnung und Essen gehabt!

— Ja, aber was kriegst du jetzt, nachdem du nicht mehr Wohnung und Essen hast?

— Hm! Daran habe ich nicht gedacht!

— Du bist ein Narr, wenn du die Kinder von reichen Leuten umsonst unterrichtest! Jetzt gehst du mit mir und setzest nie mehr einen Fuß in das Haus!

Johan kämpfte auf dem Trottoir einen Kampf mit sich aus.

— Ich habe versprochen!

— Du mußt nicht versprechen! Komm und schreib ab!

— Ich muß Abschied nehmen!

— Das ist nicht nötig! Man hatte dir zu Weihnachten eine Gratifikation versprochen; die gehörte zu deinen Bedingungen; aber du hast nichts erhalten. Und dann läßt du dich wie einen Knecht behandeln. Komm mit und schreib!

Er wurde in die Kneipe geschleppt. Die Kellnerin holte Papier und Feder. Nach dem Diktat des Freundes schrieb er, mit Rücksicht auf sein nahes Examen könne er keine Stunden mehr geben!

Er war frei!

— Aber ich schäme mich, sagte er.

— Weshalb schämst du dich?

— Ich schäme mich, weil ich unhöflich gewesen bin.

— Ach, Geschwätz! Eine halbe Punsch!

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