7. Erste Liebe.
Emil Schering translation
Wenn der Charakter des Menschen schließlich die Rolle ist, bei der er in der Komödie des sozialen Lebens stehen bleibt, so war Johan in dieser Periode sehr charakterlos; das heißt recht aufrichtig. Er suchte, fand nicht und konnte bei nichts bleiben. Seine brutale Natur, die jedes Geschirr, das man ihm auflegte, abwarf, beugte sich nicht; und sein Gehirn, das zum Empören geboren war, konnte nicht automatisch werden. Er war ein Reflexionsspiegel, der alle Strahlen, die ihn trafen, zurückwarf. Ein Kompendium aller seiner Erfahrungen, aller wechselnder Eindrücke und voller streitender Elemente.
Einen Willen hatte er, der stoßweise arbeitete und dann fanatisch. Gleichzeitig aber wollte er eigentlich nichts; war sanguinisch und hoffte alles. Hart wie Eis im Elternhaus, war er oft gefühlvoll bis zur Empfindsamkeit; konnte in einen Torweg treten und sich die Unterjacke ausziehen, um sie einem Armen zu geben; konnte weinen, wenn er eine Ungerechtigkeit sah. Sein Geschlechtsleben, das sich nach der Entdeckung der Sünde gelegt hatte, brach jetzt in nächtlichen Träumen los, die er dem Teufel zuschrieb; gegen den rief er Jesus als Helfer an. Er war jetzt Pietist. Aufrichtig? So aufrichtig jemand sein konnte, der sich in eine veraltete Weltanschauung einleben wollte. Er war es aus Bedürfnis zu Hause, wo alles seine geistige und körperliche Freiheit bedrohte. In der Schule war er ein heiterer Weltmann, ohne Empfindsamkeit, weich und umgänglich. Dort wurde er für die Gesellschaft erzogen und hatte Rechte. Im Elternhause wurde er wie eine eßbare Pflanze für den Gebrauch der Familie gezogen und hatte keine Rechte. Er war auch Pietist aus geistigem Hochmut wie alle Pietisten. Beskow, der bußfertige Leutnant, war von Christi Grab heimgekehrt, wo er den Richtweg über die theologische Prüfung zum Himmel gefunden hatte. Seine „Reise‟ wurde zu Hause von der Stiefmutter gelesen, die den Pietismus beschnupperte. Beskow brachte den Pietismus in Mode, und dieser Mode folgte jetzt ein großer Teil der Unterklasse. Der Pietismus war damals, was der Spiritismus jetzt (1886) ist: ein wohlfeiles Wissen, eine angeblich höhere Kenntnis verborgener Dinge. Deshalb traten ihm auch alle Frauen und Ungebildeten mit Begier bei; er drang schließlich auch bei Hofe ein....
Kam das von einem allgemeinen geistigen Bedürfnis? War die Zeit so hoffnungslos reaktionär, daß man Pessimist werden mußte? Nein! Der König führte auf Ulriksdal ein munteres Wesen und gab dem gesellschaftlichen Leben einen heiteren, vorurteilsfreien Ton. Frische Ströme brausten im politischen Leben, in dem man jetzt eine Änderung der Volksvertretung vorbereitete. Der deutsch-dänische Krieg machte aufs Ausland aufmerksam; die Blicke richteten sich über die Landesgrenzen hinaus; Bürgerwehr und Schützenbewegung weckten Land und Stadt mit Trommeln und Spiel; die neuen Oppositionsblätter „Dagens Nyheter‟ und der ungestüme „Söndags-Nisse‟ wurden Ventile für eingeschlossenen Dampf, der heraus mußte. An allen Enden wurden Eisenbahnen eröffnet, die Einöden in Verbindung mit den großen motorischen Nervenzentren brachten. Es war durchaus kein dunkler Niedergang; im Gegenteil eine helle, hoffnungsvolle Jugendzeit des Erwachens.
Wo kam der Pietismus denn her? Es war ein wehender Wind; vielleicht auch eine Rettung für die von der Bildung Vernachlässigten vor dem Druck der Gelehrsamkeit. Es lag auch ein demokratisches Element darin, daß eine für hoch und niedrig gemeinsame Weisheit zugänglich war, die alle Gesellschaftsklassen auf ein Niveau brachte. Da der Geburtsadel im Rückgang war, wurde der Bildungsadel um so drückender empfunden. Durch den Pietismus schaffte man den auf einmal ab, glaubte man.
Johan wurde Pietist aus vielen Gründen. Bankerott auf Erden, da er mit fünfundzwanzig Jahren mit eingeschrumpftem Rückgrat und ohne Nase sterben mußte, suchte er den Himmel. Schwermütig von Natur, aber voller Wildheiten, liebte er das Schwermütige. Der Lehrbücher, die nicht lebendiges Wasser gaben, weil sie nichts mit dem Leben zu tun hatten, müde, fand er bessere Nahrung in einer Religion, die unaufhörlich auf das tägliche Leben angewandt werden konnte. Dazu kam noch unmittelbarer, daß die ungelehrte Stiefmutter, die seine Überlegenheit in Bildung fühlte, auf der Jakobsleiter über ihn hinaus zu kommen suchte. Sie sprach oft mit dem ältesten Bruder von den höchsten Dingen; war Johan dann in der Nähe, bekam er zu hören, wie sie seine weltliche Weisheit verachtete. Das reizte ihn und er mußte hinauf zu ihnen; mußte über sie hinauskommen. Ferner hatte die Mutter ein Testament hinterlassen, in dem sie sich gegen geistigen Hochmut aussprach und auf Jesus hinwies. Zuletzt kam die Gewohnheit, im Kirchenstuhl der Familie jeden Sonntag einen pietistischen Geistlichen predigen zu hören. Auch war das Haus überschwemmt mit pietistischen Schriften. Von allen Seiten drang der Pietismus auf ihn ein.
Die Stiefmutter und der älteste Bruder pflegten zusammen zu sitzen und in der Erinnerung eine gute pietistische Predigt durchzugehen, die sie in der Kirche gehört hatten. Eines Sonntags, als der Kirchendienst zu Ende war, machte sich Johan ans Werk und schrieb die ganze bewunderte Predigt auf. Er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, sie der Stiefmutter zu überreichen. Das Geschenk wurde nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen. Geduckt war sie. Aber sie gab nicht einen Zoll nach.
— Gottes Worte sollen im Herzen geschrieben sein und nicht auf dem Papier, sagte sie.
Das war nicht übel gesagt, aber Johan sah, daß es Hochmut war. Sie glaubte, weiter auf dem Weg der Heiligung gekommen und schon Gottes Kind zu sein.
Das Wettlaufen beginnt, und Johan geht in außerkirchliche Betstunden. Darauf wird mit einem halben Verbot geantwortet, denn er sei noch nicht konfirmiert; also nicht reif für den Himmel. Die Erörterungen mit dem ältesten Bruder werden fortgesetzt. Johan sagt, Jesus habe erklärt, daß auch die Kinder ins Himmelreich gehören. Man schlägt sich um den Himmel. Johan kann die Theologie von Norbeck, aber die wird ungesehen verworfen. Er nimmt Krummacher, Kempis und alle Pietisten zu Hilfe. Nein, es hilft nicht — So muß es sein! — Wie? — Wie ich es habe, aber wie du es nicht haben kannst! — Wie ich! Das ist die Formel der Pietisten: Selbstgerechtigkeit.
Eines Tages sagte Johan, alle Menschen seien Gottes Kinder! — Unmöglich! dann wäre es ja keine Kunst, selig zu werden! — Es sollte eine Kunst sein, die nur sie konnten! — Sollen denn alle selig werden? — Ja gewiß, Gott ist die Liebe und will niemandes Verderben. — Wenn alle selig werden, was hat es dann für einen Zweck, sich zu quälen? Ja, das ist eben die Frage! — Du bist also ein Zweifler, ein Heuchler?
Sehr wohl möglich, daß sie es alle waren!
Johan wollte jetzt den Himmel stürmen und ein Kind Gottes werden; vielleicht damit auch die anderen ducken. Die Stiefmutter war nämlich nicht konsequent. Sie ging ins Theater und tanzte gern. Eines Sonnabends im Sommer wurde verkündet, die ganze Familie werde am nächsten Sonntag einen Ausflug machen. Das war ein Befehl. Johan hielt es für Sünde und wollte die Gelegenheit benutzen, um in der Einsamkeit Jesus zu suchen, den er noch nicht gefunden hatte. Die Bekehrung sollte nämlich nach der Beschreibung wie ein Blitzschlag eintreten; dem würde die Gewißheit folgen, daß man ein Kind Gottes sei; und dann sei der Friede da.
Als der Vater am Abend die Zeitung las, trat Johan an ihn heran und bat, zu Hause bleiben zu dürfen.
— Warum denn? fragte er freundlich.
Johan schwieg. Er schämte sich.
— Wenn deine religiöse Überzeugung es dir verbietet, dann folg deinem Gewissen.
Die Stiefmutter war geschlagen. Sie wollte den Sabbat entheiligen, er aber nicht.
Die Familie fuhr ab. Johan ging in die Bethlehemskirche und hörte Rosenius. Der Raum war dunkel, unheimlich, und die Menschen sahen aus, als hätten sie die verhängnisvollen fünfundzwanzig Jahre erreicht. Bleigrau im Gesicht, erloschne Blicke. Sollte dieser Dr. Kapff sie alle zu Jesus gescheucht haben? Sonderbar war es.
Rosenius sah wie der Friede selbst aus und strahlte von himmlischer Freude. Er gestand allerdings, daß er ein alter Sünder sei, aber Jesus habe ihn gereinigt, und jetzt sei er glücklich. Er sah auch glücklich aus. War es möglich, daß es einen glücklichen Menschen gibt? Warum wurden dann nicht alle Pietisten!
Johan hatte jedoch die Gnadenwirkung noch nicht erfahren; in ihm war noch Unfriede. Es war ein zu kleines Publikum, als daß er hätte glauben können, nur in diesem Haus hätten die Seligen ihre Wohnung. Alle die großen Kirchen, in denen tote Priester predigten, waren ja voll von künftigen Unseligen.
Am Nachmittag las er Thomas a Kempis und Krummacher. Darauf ging er nach Haga hinaus und betete die ganze Nordzollstraße entlang, daß Jesus ihn suchen möge. Im Hagapark saßen kleine Familien mit Eßkörben, und die Kinder spielten. War es möglich, daß all diese in die Hölle kommen sollten? Ja allerdings! Unmöglich, antwortete sein guter Verstand. Aber es war so. Eine Kalesche mit feinen Herren und Damen fuhr vorbei. Und die dort, die waren längst verurteilt! Aber sie waren wenigstens lustig. Die lebhaften Bilder fröhlicher Menschen verdüsterten ihn noch mehr, und er empfand die furchtbare Einsamkeit in einer Volksmenge.
Er hatte sich müde gedacht und ging nach Hause, niedergeschlagen wie ein Dichter, der mit Gewalt Eingebung gesucht, sie aber nicht hat finden können. Er legte sich auf sein Bett und sehnte sich fort von dem ganzen Leben.
Abends kamen die Geschwister nach Hause, fröhlich und geräuschvoll, und fragten, ob er sich vergnügt habe.
— Ja, antwortete er; und ihr?
Und er mußte Einzelheiten von dem Ausflug hören und fühlte jedesmal Stiche im Herzen, wenn er sie beneidete. Die Stiefmutter sah ihn nicht an, denn sie hatte den Sabbat entheiligt. Das war sein Trost!
Jetzt müßte der durchschaute Selbstbetrug sich aufgezehrt haben und gestorben sein; da aber tritt ein neuer wichtiger Faktor in sein Leben ein, der die Selbstquälerei zum Fanatismus treibt, bis sie dann Knall und Fall stirbt.
Sein Leben war während dieser Jahre nicht von so furchtbar einförmiger Tristheit gewesen, wie es sich später in der Perspektive zeigte, als alle dunklen Punkte so zahlreich waren, daß sie zu einem einzigen grauen Hintergrund zusammenschmolzen. Aber hinter und unter allem ruhte seine zurückgesetzte Stellung als Kind, während er mannbar war; der Lehrstoff konnte ihn nicht mehr interessieren; er war darauf gefaßt, daß er mit fünfundzwanzig Jahren sterben müsse; sein Geschlechtstrieb war unbefriedigt; seine Umgebung hatte einen ganz andern Bildungsgrad und konnte ihn infolgedessen nicht begreifen.
Mit der Stiefmutter kamen drei junge Mädchen ins Haus, ihre Schwestern. Sie schlossen bald Freundschaft mit den Stiefsöhnen, machten gemeinsame Spaziergänge, fuhren zusammen auf der Rutschbahn, spielten mit ihnen. Sie suchten immer Versöhnungen zustande zu bringen; erkannten an, daß die Schwester dem Jüngling gegenüber schuld hatte; und damit war er sofort zufrieden, so daß sich sein Haß legte.
Auch die Großmutter übernahm die Rolle der Vermittlerin, trat schließlich entschieden als Freund Johans auf und beschwor oftmals den Sturm. Aber ein verhängnisvolles Geschick ließ ihn auch diesen Freund bald verlieren. Die Tante hatte die neue Ehe nicht geliebt, und ein Bruch mit dem Bruder war eingetreten. Das war ein großer Kummer für den Alten. Der Verkehr hörte auf, und man sah sich nicht mehr. Es war natürlich Hochmut. Aber eines Tages trifft Johan die Kusine, damals ein älteres Mädchen, das sehr fein gekleidet ist, auf der Straße. Sie ist neugierig, will etwas über die neue Ehe hören und geht mit Johan spazieren.
Als er nach Hause kommt, trifft er Großmutter, die ihm in scharfen Worten vorhält, daß er sie auf der Straße nicht gegrüßt habe; er sei wohl in zu feiner Gesellschaft gewesen, um die Alte zu grüßen. Er beteuert seine Unschuld; es ist aber vergebens.
Da er nicht viele Freunde zu verlieren hatte, war dieser Verlust schmerzlich.
Auch mit andern jungen Mädchen aus dem Bekanntenkreis der Stiefmutter verkehrte man. Es wurden Spiele gespielt, Pfänderspiele nach den einfachen Sitten der Zeit; dabei küßte man die Mädchen und faßte sie um die Taille. Eines Tages hatte er tanzen gelernt und wurde nun ein eifriger Walzertänzer. Das war eine sehr gute Erziehung für den Jüngling: dadurch wurde er daran gewöhnt, den weiblichen Körper zu sehen und zu berühren, ohne daß seine Leidenschaften erwachten. Als er zum ersten Male geküßt werden sollte, zitterte er, bald aber war er ruhig. Die Elektrizität verteilte sich, die Phantasien nahmen feste Form an, und die Träume wurden nicht mehr so oft gestört. Aber das Feuer brannte, und die Kühnheit trat einige Male hervor. Als die Pfänder in einem dunklen Zimmer gelöst wurden, faßte er ein junges hübsches schwarzhaariges Mädchen an die Brust, die nur von einem dünnen Garibaldihemd verborgen wurde. Sie fauchte. Er schämte sich nachher, konnte aber nicht umhin, sich männlich zu fühlen. Wenn sie nur nicht gefaucht hätte!
Einen Sommer weilte er mit der Stiefmutter bei einem ihrer Verwandten, einem Landwirt in Östergötland. Dort wurde er als Weltmann behandelt und ward gut Freund mit der Stiefmutter. Auch das währte nicht lange, und bald brach der Streit wieder in hellen Flammen aus. So ging es auf und nieder, hin und zurück.
Zu dieser Zeit, im Alter von fünfzehn Jahren, geht er seine erste Liebesverbindung ein, wenn es Liebe war. Die Kulturliebe ist ein sehr verfälschtes und verwickeltes Gefühl und im Grunde ungesund. Reine Liebe ist ein Widerspruch in sich, wenn man nämlich unter rein unsinnlich versteht. Die Liebe als Geschlechtstrieb muß sinnlich sein, wenn sie gesund sein soll. Als sinnliche Liebe muß sie den Körper lieben. Während des Rausches passen sich die Seelen einander an und Sympathie entsteht. Sympathie ist Waffenruhe, Ausgleich. Darum bricht die Abneigung gewöhnlich aus, wenn sich das sinnliche Band gelöst hat, nicht umgekehrt. Aber das Wort sinnlich hat durch die tote Moral des Christentums eine niedrige Bedeutung erhalten: „Der Geist ist im Fleisch gefangen.‟ „Töte das Fleisch und laß den Geist frei.‟ Geist und Fleisch sind jedoch eins; tötet man das Fleisch, so tötet man auch den Geist.
Kann Freundschaft zwischen den beiden Geschlechtern entstehen und dauern? Nur scheinbar, denn die beiden Geschlechter sind geborene Feinde; + und - bleiben immer Gegensätze, positive und negative Elektrizität sind feindlich, aber suchen einander, um einander zu ergänzen. Freundschaft kann nur entstehen zwischen Personen mit denselben Interessen, ungefähr denselben Anschauungen. Mann und Weib sind durch die gesellschaftliche Ordnung mit verschiedenen Interessen, verschiedenen Anschauungen geboren. Darum kann Freundschaft zwischen den Geschlechtern nur in der Ehe entstehen, in der die Interessen dieselben geworden sind; dann aber nur, solange das Weib sein ganzes Interesse der Familie widmet, für die der Mann arbeitet. Sobald sie sich einer Sache widmet, die außerhalb der Familie liegt, ist der Vertrag gebrochen; dann haben Mann und Weib verschiedene Interessen, und es ist aus mit der Freundschaft. Darum ist eine geistige Ehe unmöglich, weil sie zur Sklaverei des Mannes führt: diese Ehe löst sich denn auch bald auf.
Der Fünfzehnjährige verliebte sich in ein Weib von dreißig Jahren. Wäre es reine, sinnliche Liebe gewesen, dann hätte man etwas Ungesundes bei ihm argwöhnen können; aber er konnte zu seiner Ehre damit prahlen, daß seine Liebe unsinnlich war.
Wie er dazu kam, sie zu lieben? Viele Gründe wie immer, nicht nur einer.
Sie war die Tochter des Hauswirts, nahm als solche eine höhere Stellung ein, und das Haus war reich und gastfrei. Sie war gebildet, wurde bewundert, herrschte im Hause, stand intim mit der Mutter; sie konnte die Wirtin machen, führte die Unterhaltung, war von Herren umgeben, die alle von ihr beachtet zu werden wünschten. Dazu war sie emanzipiert, ohne jedoch den Männern feindlich zu sein; sie rauchte und trank ihr Glas, aber nicht etwa auf geschmacklose Art. Dazu war sie mit einem Manne verlobt, den der Vater haßte und den er nicht zum Eidam haben wollte. Der Bräutigam weilte im Auslande und schrieb selten. Im Hause verkehrten ein Amtsrichter, Studenten der Technischen Hochschule, ein Literat, Geistliche, Bürger. Alle umschwärmten sie. Johans Vater bewunderte sie, die Stiefmutter fürchtete sie, die Brüder warteten ihr auf.
Johan hielt sich hinter allen andern zurück und beobachtete sie. Es dauerte lange, ehe sie ihn entdeckte. Schließlich eines Abends, als sie alle Herren angesprüht und entzündet hatte, zog sie sich müde in einen Salon zurück, in dem Johan saß.
— Gott, wie unglücklich bin ich! sagte sie zu sich selbst und warf sich auf ein Sofa.
Johan machte eine Bewegung und ward gesehen. Er glaubte etwas sagen zu müssen.
— Sie sind unglücklich? Sie lachen doch beständig! Sie sind sicher nicht so unglücklich wie ich!
Sie sah den Burschen an, setzte das Gespräch fort, und sie waren Freunde.
Seitdem sprach sie am liebsten mit ihm. Das erhob ihn. Er war verlegen, wenn sie einen Kreis erwachsener Männer verließ, um sich neben ihn zu setzen. Er begann in ihrer Seele zu forschen, stellte Fragen nach ihrem Seelenzustand, die verrieten, daß er viel beobachtet und viel gedacht hatte. Er bekam die Oberhand und wurde ihr Gewissen. Wenn sie einen Abend zu lebhaft gescherzt hatte, kam sie zu dem Jüngling, um bestraft zu werden. Das war eine Art Geißelung, angenehm wie eine Liebkosung.
Schließlich begannen sich die Herren um den Jüngling zu kümmern.
— Können Sie sich denken, sagte sie eines Abends, sie behaupten, ich sei in Sie verliebt.
— Das sagen sie von allen Menschen verschiedenen Geschlechts, die Freunde sind.
— Glauben Sie, daß es Freundschaft zwischen Mann und Weib geben kann?
— Ja, davon bin ich überzeugt, antwortete er.
— Danke, sagte sie und reichte ihm ihre Hand. Wie sollte ich, die ich doppelt so alt bin wie Sie, die ich häßlich und krank bin, in Sie verliebt sein können! Und dann bin ich ja auch verlobt!
Nein, das war natürlich nicht möglich, daß eine ältere und häßliche Frau in den Körper eines jungen, durch Turnen gut entwickelten Jünglings verliebt sein konnte, zumal der Jüngling kleine fleischige Hände mit langen, wohlgepflegten Nägeln, kleine Füße und schlanke Beine mit starken Waden hatte; auch noch einen frischen Teint mit keimendem Bartwuchs besaß. Aber die Logik ist nicht stark, wenn das Herz verletzt ist. Daß Johan dagegen ein dreißigjähriges Weib, das groß gewachsen und männlich gestaltet war, das Zuckerkrankheit und Wassersucht hatte, liebte, das war beinahe unmöglich.
Seit diesem Abend aber hatte sie das Übergewicht. Sie wurde mütterlich. Das packte ihn. Und als sie dann wegen ihrer Neigung geneckt wurde, fühlte sie sich beinahe verlegen und ließ alle Gefühle fallen, mit Ausnahme der mütterlichen; auch begann sie an seiner Bekehrung zu arbeiten, denn auch sie war Pietistin.
Sie trafen sich in einem französischen Konversationszirkel und gingen den langen Weg nach Hause zusammen; dabei sprachen sie französisch. Es war leichter, heikle Sachen in einer fremden Sprache zu sagen. Auch fing er an, französische Aufsätze für sie zu schreiben, die sie korrigierte.
Vaters Bewunderung für das alte Mädchen nahm ab, und dieses Französischsprechen war der Stiefmutter unangenehm, weil sie es nicht verstand. Des älteren Bruders Vorrecht auf Französisch war auch damit aufgehoben. Das ärgerte den Vater so, daß er eines Tages zu Johan sagte, es sei unpassend, eine fremde Sprache in Gegenwart von Menschen zu sprechen, die sie nicht verstehen; er begreife nicht, wie Fräulein X., die so gebildet sein solle, sich eine solche Taktlosigkeit erlauben könne. Aber die Bildung des Herzens sei nicht dieselbe wie die Bildung durch Bücher.
Sie wurde im Elternhaus nicht mehr gern gesehen, und man „verfolgte‟ die beiden. Dazu kam, daß die Familie in den benachbarten Hof zog; der Verkehr wurde daher etwas weniger lebhaft.
Am ersten Tage nach dem Umzug war Johan aufgerieben. Er konnte ohne ihre tägliche Gesellschaft nicht leben; er konnte nicht leben ohne ihre Hilfe, die ihn aus seiner Altersklasse herausgehoben und unter die Erwachsenen versetzt hatte. Zu ihr gehen und wie ein lächerlicher Liebhaber sie aufsuchen, nein, das konnte er nicht. Blieb nur übrig, Briefe zu schreiben.
Jetzt beginnt ein Briefwechsel, der ein Jahr dauerte. Die Schwester der Stiefmutter, die das intelligente und fröhliche Mädchen vergötterte, überbrachte heimlich die Briefe. Die Briefe wurden französisch geschrieben, damit sie nicht gelesen werden konnten, wenn sie einmal in falsche Hände fielen. Auch konnte man sich leichter bewegen unter dieser Deckung.
Wovon die Briefe handelten? Von allem. Von Jesus, dem Kampf gegen die Sünde, vom Leben, vom Tode, von Liebe, Freundschaft, Zweifel. Obwohl sie Pietistin war, verkehrte sie mit Freidenkern und litt unter Zweifeln, zweifelte an allem. Johan war bald ihr gestrenger Lehrer, bald ihr bestrafter Sohn.
Lange Auseinandersetzungen und Beweisführungen hatten sie auch über ihr Verhältnis. War es Liebe oder Freundschaft? Aber sie liebte ja einen andern Mann, von dem sie fast nie sprach. Johan betrachtete niemals ihren Körper. Er sah nur ihre Augen, die tief und ausdrucksvoll waren. Es war auch nicht gerade die Mutter, die er verehrte, denn er sehnte sich niemals danach, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen; was er dagegen gern bei andern Frauen getan hätte. Er hatte beinahe ein Entsetzen davor, sie anzurühren; nicht das Entsetzen der verborgenen Begierde, sondern des Ekels. Er tanzte einmal mit ihr, aber tat es nicht wieder. Wenn es draußen windig war und ihr Kleid wurde aufgeweht, sah er fort. Es war wohl Freundschaft, und ihre Seele war so männlich, und ihr Körper auch, daß eine Freundschaft entstehen und dauern konnte.
Geistige Ehen können darum nur zwischen mehr oder weniger Ungeschlechtlichen stattfinden; und wo es die gibt, wird man immer etwas Anormales beobachten können. Die besten Ehen, das heißt die am besten ihre wirkliche Bestimmung erfüllen, sind gerade die „mal assortis‟.
Abneigung, Verschiedenheit der Ansichten, Haß, Verachtung können die wahre Liebe begleiten. Verschiedene Intelligenzen und Charaktere bringen die reichsten Kinder hervor, die beider Anlagen erben. Frau Maria Grubbe, die an Überkultur litt, sucht und sucht mit vollem Bewußtsein einen geistigen Gatten. Sie wird unglücklich, bis sie einen Stallknecht bekommt, der ihr gibt, was sie braucht, und Schläge dazu. Das hatte sie nötig als Ergänzung.
Inzwischen näherte sich die Konfirmation. Die war so lange wie möglich aufgeschoben worden, um den Jüngling unter den Kindern zurückzuhalten. Und auch die sollte benutzt werden, um ihn zu ducken. Als der Vater ihm seinen Entschluß mitteilte, sprach er die Hoffnung aus, der Unterricht werde sein Eis ums Herz schmelzen.
Es wurde eine gehörige Strafaufgabe. Zuerst kam er unter die Kinder der Unterklasse, Tabaksbinder und Schornsteinfeger, Lehrlinge aller Art. Er empfand wie früher Mitleid mit ihnen, aber er liebte sie nicht, konnte sich ihnen nicht nähern und wollte es auch nicht. Er war durch seine Erziehung ihnen entwachsen, wie er seiner Familie entwachsen war.
Er wurde wieder Schuljunge; wurde geduzt und mußte auswendig lernen; bei den Fragen aufstehen und zusammen mit dem Haufen Schelte anhören.
Der Geistliche war Hilfsprediger und Pietist. Er sah aus, als leide er an einer ansteckenden Krankheit oder habe Dr. Kapff gelesen. Streng, unbarmherzig, gefühllos, ohne ein Wort der Gnade oder des Trostes. Cholerisch, jähzornig, nervös, war dieser eingebildete Bauernjunge der Liebling aller Damen. Aber dadurch, daß er oft gehört wurde, machte er schließlich Eindruck. Er predigte vom Schwefelpfuhl, verfluchte Theater und alle Arten Vergnügen. Lehre und Leben sollten eins sein.
Johan begann mit sich selbst und seiner Freundin. Sie wollten ihr Leben ändern; nicht tanzen, nicht ins Theater gehen, nicht scherzen. Er schrieb jetzt in der Schule pietistische Aufsätze und nahm sich vor, nicht mehr leichtsinnige Geschichten anzuhören.
— Pfui Teufel, du bist ja Mucker, sagte eines Tages ein Kamerad öffentlich.
— Ja, das bin ich, sagte er. Er wollte seinen Erlöser nicht verleugnen.
Die Schule wurde jetzt unerträglich. Er litt jetzt ein Martyrium; ihm war bange vor den Lockungen der Welt, denn er hatte empfunden, wie das Leben lockte. Er fühlte sich auch als Mann und wollte ins Leben hinaus, um zu arbeiten, sich selbst zu ernähren und sich zu verheiraten. Sich verheiraten war sein Traum, denn unter einer andern Form konnte er sich die Verbindung mit einem Weib nicht denken. Es mußte gesetzlich und geheiligt sein.
Unter diesen Träumen erzeugte er einen Entschluß, der wohl etwas seltsam war, aber seine Gründe hatte. Ein Beruf mußte es sein, der leicht zu erlernen war, der seinen Mann bald ernährte; eine Stellung, in der er nicht der Letzte war, aber auch nicht der Höchste; eine unbedeutende, demütige Stellung, die aber ein bewegliches, gesundes Leben in der freien Luft mit einer bald errungenen wirtschaftlichen Selbständigkeit vereinigte. Die Bewegung in der freien Luft, ein Leben in Turnen war vielleicht der Hauptgrund, daß er sich dafür entschied, Unteroffizier in einem Reiterregiment zu werden, um diesem fatalen Todesjahr zu entgehen, vor dem der Geistliche ihn von neuem gewarnt hatte. War es vielleicht auch die Uniform und das Pferd? Wer weiß? Der Mensch ist ein sonderbares Geschöpf. Aber er hatte ja die Kadettenuniform ausgeschlagen.
Die Freundin riet ab, so sehr sie nur konnte; sie malte die Sergeanten als die schlimmsten von allen Menschen aus. Aber er war stark und sagte, der Glaube an Jesus werde ihn rein von aller Ansteckung halten; ja, er werde ihnen Christus predigen und sie alle rein machen.
Er ging zum Vater. Der faßte das Ganze als eine Phantasie auf; sprach von dem nahen Studentenexamen, das ihm eine ganze Welt öffnen werde. So mußte er vorläufig die Sache aufschieben.
Die Stiefmutter hatte einen Sohn bekommen. Johan haßte den aus Instinkt, als einen Konkurrenten, der seine jüngeren Geschwister in den Hintergrund drängen mußte. Aber die Macht der Freundin und des Pietismus war so stark, daß er aus Selbstkasteiung sich auferlegte, den Kleinen zu lieben. Er trug ihn auf seinen Armen und wiegte ihn.
— Das ist sicher gewesen, wenn niemand es sah, sagte die Stiefmutter, wenn er mit diesem Beweis seines guten Willens kam.
Ja, eben, wenn niemand es sah, denn er wollte nicht damit prahlen. Oder schämte sich darüber. Das Opfer war aufrichtig, als es geschah; als es ihm widrig wurde, hörte es auf.
Gründlich wurde man für die Konfirmation zurechtgewiesen, privatim wie öffentlich, im halbdunkeln Chor der Kirche, während einer Reihe von Passionspredigten, endlosen Gesprächen über Jesus, Kasteiungen; höher konnte die Stimmung nicht hinaufgeschraubt werden. Nach der Prüfung schalt er die Freundin aus, weil er gesehen hatte, wie sie lachte.
Am Tage des Abendmahls hielt der Pfarrer die Predigt. Es war der wohlwollende Rat eines alten aufgeklärten Mannes, den er der Jugend fürs Leben gab; es war herzlich und tröstend; keine Posaunen des Gerichts, keine Strafe für nicht begangene Sünden. Während der Predigt fielen ihm die Worte oft wie Balsam aufs verwundete Herz, und zuweilen kam es ihm vor, als habe der Alte recht.
Der Akt selbst am Altar, von dem er sich soviel versprochen hatte, verfehlte seine Wirkung. Die Orgel spielte stundenlang „O Lamm Gottes, erbarme dich unser‟. Knaben und Mädchen weinten und waren halbtot, wie beim Anblick einer Hinrichtung. Aber Johan war nur benommen; er wußte weder aus noch ein. Die Gnadenmittel hatte er im Küsterhause aus der Nähe gesehen, und die Sache war jetzt bis ins Sinnlose getrieben. Sie war reif zum Fallen. Und sie fiel!
Er bekam einen hohen Hut; erbte die abgelegten Kleider des Bruders, die weit und fein waren. Der Freund mit dem Kneifer nahm sich jetzt seiner an. Er hatte ihn allerdings auch nicht verlassen, als Johan Pietist war. Der nahm die Sache leicht, wohlwollend, nachsichtig; bewunderte ein wenig das Märtyrertum und den festen Glauben, den Johan in Handlung umsetzen wollte. Jetzt aber griff er ein. Er nahm Johan mit auf den Mittagspaziergang. Zeigte ihm die Schönheiten der Stadt; sagte ihm die Namen der Schauspieler, die sie trafen; nannte die Offiziere, welche die Parade anführten. Johan war noch schüchtern und besaß kein Selbstvertrauen.
Eines Mittags um zwölf, als sie ins Gymnasium gehen wollten, sagte der Freund:
— Komm, wir wollen in den „Drei Römern‟ Frühstück essen.
— Nein, wir müssen in die griechische Stunde!
— Ach, wir schwänzen das Griechische heute.
Schwänzen! Das war das erstemal. Aber etwas Schelte konnte man ja ertragen.
— Ja, aber ich habe kein Geld.
— Das brauchst du auch nicht; ich habe dich ja eingeladen.
Der Freund schien verletzt zu sein.
Sie gingen in die Kneipe. Ein schöner Geruch von Beefsteak schlug ihnen entgegen; die Kellner nahmen ihnen die Mäntel ab und hingen die Hüte an.
— Die Speisekarte! rief der Freund mit Sicherheit, denn er aß seit einigen Jahren in der Kneipe.
— Willst du ein Beefsteak haben?
— Ja, bitte!
Er hatte nicht mehr als zwei Male in seinem Leben Beefsteak gegessen.
— Butter, Käse und Branntwein; und zwei Halbe Bier!
Ohne Umstände goß Fritz den Schnaps ein.
— Nein, ich weiß nicht, ob ich darf!
— Hast du noch keinen Schnaps getrunken?
— Nein!
— Ach, nimm nur, der tut einem gut!
Er nahm ihn. Ab! Das wärmte den Körper, die Tränen traten ihm in die Augen, und ein leichter Nebel lagerte sich über das Zimmer; aber durch den Nebel klärte es sich auf; die Kräfte wuchsen, der Gedanke arbeitete, es kamen neue Gesichtspunkte, die dunkle Vergangenheit wurde heller.
Dann kam das saftige Stück Fleisch. Das war Essen!
Der Freund aß noch ein Butterbrot mit Käse. Johan fragte:
— Was sagt der Wirt dazu?
Der Freund lächelte ihn wie ein alter Onkel an:
— Iß nur; es kostet ebensoviel!
— Nein, aber Käsebutterbrot zum Beefsteak! Welche Unsitte!
Aber wie gut das schmeckte! Es war ihm, als esse er heute zum ersten Male. Und dann Bier.
— Soll jeder eine ganze halbe Flasche trinken? Bist du verrückt?
Das war doch einmal Essen! Das war kein so leerer Genuß, wie der blasse Mann behauptet hatte! Nein, das war ein solider Genuß, starkes Blut in halbleere Ader rollen zu fühlen, welche die Nerven zum Kampf des Lebens versehen sollten. Es war ein Genuß, zu fühlen, wie die entschwundene Manneskraft zurückkehrte; zu fühlen, wie sich die schlaffen Sehnen eines halb gebrochenen Willens wieder spannten. Die Hoffnung erwachte, der Nebel wurde eine rosenrote Wolke; und der Freund ließ ihn in die Zukunft blicken, wie sie von der Freundschaft und der Jugend gedichtet wird.
Diese Illusionen der Jugend über das Leben, woher kommen sie? Aus Kraft, sagt man. Aber der Verstand, der so viele Wünsche der Kindheit in nichts hat aufgehen sehen, müßte den Schluß ziehen können, daß es unmöglich ist, die Illusionen der Jugend zu verwirklichen. Alle diese Träume sind ungesunde Illusionen, die von unbefriedigten Trieben hervorgerufen werden, und sie werden einst verschwinden; dann werden die Menschen verständiger werden und glücklicher.
Johan hatte nichts anderes vom Leben fordern gelernt als Freiheit von Tyrannei und Mittel zum täglichen Brot. Das genügte. Er war kein Aladdin und glaubte nicht ans Glück. Er besaß Kräfte genug, aber kannte sie nicht. Der Freund mußte ihn erst entdecken.
— Du mußt öfters mit uns ausgehen und dich etwas aufrütteln, sagte er; sitz nicht soviel zu Hause!
— Das kostet Geld, und ich bekomme keins.
— Dann gib Stunden!
— Stunden? Ich? Glaubst du, ich könnte Stunden geben?
— Du hast ja so gute Kenntnisse; das muß sehr leicht gehen.
Er hatte gute Kenntnisse! Das war eine Anerkennung oder eine Schmeichelei, wie die Pietisten es nannten, und die fiel in fruchtbaren Boden.
— Aber ich habe keine Bekannte! Keine Verbindungen!
— Sag es nur dem Direktor, dann geht's! Es ist ja für mich gegangen!
Johan wagte kaum an ein solches Glück zu glauben, daß er sich Geld verdienen könne. Aber wenn er hörte, daß andere es konnten, und er sich mit ihnen verglich! Ja, aber die hatten Glück!
Der Freund brachte ihn in Bewegung. Bald hatte er des Abends die Schulaufgaben durchzunehmen und war Lehrer in einem Mädchenpensionat.
Jetzt erwachte sein Selbstgefühl. Die Mägde des Elternhauses nannten ihn Herr Johannes, und die Lehrer in der Schule redeten die Klasse an: meine Herren. Auf eigne Faust begann er jetzt sein Schulwesen zu reformieren. Zuerst hörte er mit dem Griechischen auf. Längst hatte er den Vater gebeten, ihm das zu erlassen; aber vergeblich. Jetzt tat er's auf eigene Faust, und der Vater erfuhr es erst lange nach dem Studentenexamen. Darauf stellte er die Mathematik ein, nachdem er erfahren, daß ein Lateiner das Recht hatte, in diesem Lehrstoff auf ein Zeugnis zu verzichten. Ferner wurde er nachlässig in Latein. Er wollte in einem Monat vor der Prüfung alles noch einmal durchnehmen, indem er büffelte. Dann führte er die Gewohnheit ein, während der Stunden französische, deutsche, englische Romane zu lesen. Die Fragen gingen gewöhnlich der Reihe nach; er hatte sein Buch vor sich, bis sich die Frage näherte; er rechnete aus, was er für eine Stelle bekommen werde, und bereitete sich rasch vor. Die lebenden Sprachen wurden jetzt seine Stärke, neben den Naturwissenschaften.
Mit Minderjährigen die Aufgaben durchnehmen, war eine neue furchtbare Strafarbeit, aber es war eine Arbeit, die sich bezahlte. Natürlich hatten nur Knaben, die widerwillig lernten, einen besonderen Lehrer. Es war eine grausame Arbeit für sein lebhaftes Gehirn, sich diesen Köpfen anzupassen. Sie waren einfach unmöglich! Sie konnten nicht aufmerksam sein. Er glaubte, sie seien störrisch. Die Wahrheit war, daß ihr Wille die Aufmerksamkeit nicht erzwingen konnte. Mit Unrecht galten diese Knaben für dumm. Sie waren im Gegenteil aufgeweckt; aber ihre Gedanken drehten sich um wirkliche Dinge. Später scheinen sie die Torheit der Lehrstoffe durchschaut zu haben. Viele von ihnen sind dann tüchtige Männer im Leben geworden; und noch mehrere wären es geworden, wenn sie nicht von ihren Eltern gezwungen wären, ihrer Natur Gewalt anzutun und die Studien fortzusetzen.
Im Mädchenpensionat arbeitete er nur mit den Kleineren. Die Großen dagegen gingen frei im Zimmer herum und zeigten ihre Strümpfe gegen Tischbeine und Stuhlfüße. Er war ihnen gut, wagte sich aber nicht ihnen zu nähern.
Als die Freundin die Änderung in seinem Wesen bemerkte, entstand ein neuer Streit. Sie warnte ihn vor dem Freund, der ihm schmeichle; und sie warnte ihn vor den jungen Mädchen, von denen er mit einer gewissen Wärme sprach. Sie war eifersüchtig. Sie berief sich auf Jesus, aber Johan hörte nicht zu. So zog er sich von ihr zurück.
Er führte jetzt ein munteres und tätiges Leben. Mittags Parade und einen Trunk. Abends Serenaden, denn er sang jetzt in einem Quartett, Punsch und etwas Liebelei mit Kellnerinnen. Er verliebte sich in eine kleine Blonde, die hinter dem Ladentisch saß und schlief. Er wollte sie für sich retten, sie auf einer Pfarre in Pension geben, selbst Geistlicher werden und sich mit ihr verheiraten. Aber die Liebe ging bald vorüber, als er eines Abends sah, wie die Kameraden sie in einem Privatzimmer an die Brust faßten.
Währenddessen war Jesus aus seinem Amt entsetzt worden, aber ein schwacher Grundton von Frömmlertum und Askese klang noch nach. Er betete noch aus Gewohnheit, aber ohne Hoffnung, daß sein Gebet erhört werde; er hatte ja so lange diese Bekanntschaft gesucht, die so leicht zu finden sein soll, wenn man nur ein wenig an die Tür der Gnade klopfe. Um die Wahrheit zu sagen, es lag ihm nicht soviel daran, beim Wort genommen zu werden. Wenn sich die Tür geöffnet und der Gekreuzigte ihn hereingerufen hätte, er wäre nicht erfreut gewesen. Sein Fleisch war zu jung und zu gesund, um sich gern kreuzigen zu lassen.