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Der Sohn einer Magd

6. Die Schule des Kreuzes.

Emil Schering translation

Die Trauer hat die glückliche Eigenschaft, sich selbst aufzuzehren. Sie stirbt Hungers. Da sie im wesentlichen ein Abbruch von Gewohnheiten ist, kann sie durch neue ersetzt werden. Da sie ein leerer Raum ist, wird der bald wieder gefüllt wie durch einen wirklichen horror vacui.

Eine zwanzigjährige Ehe war aufgelöst. Ein Kamerad im Kampfe gegen die Widrigkeiten des Lebens war gefallen; eine Gattin, an deren Seite ein Mann gelebt hatte, war dahingegangen und ließ einen Cölibatär zurück. Die Leiterin des Hauses hatte ihren Posten aufgegeben: alles geriet in Unordnung. Die kleinen schwarz gekleideten Kinder, die überall, in den Zimmern, im Garten, dunkle Flecken bildeten, hielten die Trauer am Leben. Der Vater glaubte, sie seien verlassen und schutzlos. Er kam von seiner Arbeit oft schon nachmittags heim und saß dann allein in der Lindenlaube an der Straße. Er hatte die älteste Tochter, die sieben Jahre alt war, auf dem Schoß, und die andern spielten zu seinen Füßen. Oft sah Johan den grauhaarigen Mann mit den hübschen traurigen Zügen dort in dem grünen Halblicht der Laube sitzen. Er konnte ihn nicht trösten und er suchte ihn nicht mehr auf. Er sah, daß der Vater weich sein konnte, was er nicht geglaubt hatte; sah, wie er die Tochter anstarrte, als suche er in den unbestimmten Gesichtslinien des Kindes die Züge der Toten. Dieses Bild sah er oft von seinem Fenster aus, zwischen den Stämmen der Bäume, in der langen Perspektive der Allee. Es machte ihn warm und erschütterte ihn; ihm wurde bange um den Vater, weil dieser nicht mehr derselbe war wie früher.

Sechs Monate waren vergangen, als der Vater eines Herbstabends mit einem fremden Herrn nach Hause kam. Es war ein alter Mann, der außerordentlich gemütlich aussah. Er scherzte gutmütig, war freundlich und artig gegen Kinder und Dienstboten; er hatte eine unwiderstehliche Art, die Menschen zum Lächeln zu bringen. Er wurde Rendant genannt, war ein Jugendfreund von Johans Vater; man hatte entdeckt, daß er im Hause nebenan wohnte. Die Alten sprachen von den Erinnerungen an ihre Kindheit. Da war ein Vorrat, der den leeren Raum füllen konnte. Zum ersten Male erweichten sich die erstarrten Züge des Vaters, wenn er von dem geistreichen und lustigen Mann zum Lächeln verlockt wurde. In einer Woche lachte er, und mit ihm die ganze Familie, wie nur die lachen können, die lange geweint haben. Der Rendant war ein Spaßmacher ersten Ranges; dazu spielte er Geige, Gitarre und sang Bellman. Neue Luft kam ins Haus, neue Anschauungen in die Menschen, die Trugbilder der Trauer verdunsteten. Der Rendant hatte auch Trauer gehabt: er hatte seine Braut verloren und war dann Junggeselle geblieben. Das Leben hatte ihm nicht gelächelt, aber er hatte die Sache mit dem Leben nie recht ernst genommen.

Dann kam Gustav heim von Paris; in Uniform, mengte französische Worte unter schwedische; war eine lebhafte Natur, hatte schnelle Gebärden. Der Vater empfing ihn mit einem Kuß auf die Stirn, und eine Wolke von Trauer zog vorbei, denn der Sohn war bei Mutters Tod nicht zu Hause gewesen. Dann aber wurde es wieder klar, und Leben kam ins Haus. Gustav trat ins Geschäft ein; jetzt hatte der Alte einen, mit dem er von dem sprechen konnte, was ihn interessierte.

An einem Abend spät im Herbst nach dem Essen, als der Rendant da war und alle zusammensaßen, stand der Vater auf und bat ums Wort. — Meine Kinder und mein Jugendfreund, begann er. Dann verkündete er seine Absicht, seinen kleinen Kindern eine neue Mutter zu schenken. Er fügte hinzu, daß die Zeit der Leidenschaften für ihn vorbei sei, und daß nur das Interesse für die Kinder ihn zu dem Entschluß bestimmt habe, Fräulein X. zu seiner Ehefrau zu machen.

Es war das Hausfräulein.

Dies sagte er mit einem überlegenen Tone, als wolle er ausdrücken: das geht euch eigentlich nichts an; aber ihr müßt es doch erfahren!

Dann wurde das Fräulein gerufen, um die Glückwünsche entgegenzunehmen; die des Rendanten waren recht warm, aber die der drei Jünglinge sehr gemischt.

Zwei von ihnen hatten ein nicht ganz reines Gewissen; sie hatten sie heftig, aber unschuldig angebetet. Der dritte, Johan, hatte in letzter Zeit mit ihr auf dem Kriegsfuß gestanden. Wer am meisten verlegen war, ist nicht zu entscheiden.

Eine lange Pause entstand. Die Jünglinge prüften Herz und Niere, stellten ihr Konto auf, überlegten die Folgen dieses nicht erwarteten Ereignisses.

Johan muß sich zuerst in die neue Situation gefunden haben, denn er ging noch am selben Abend in die Kinderstube und trat direkt auf das Fräulein zu. Ihm wurde schwarz vor den Augen, als er diese kleine Rede hielt, die er in der Eile nach Art des Vaters zusammengestellt und auswendig gelernt hatte.

— Da wir jetzt in ein ganz anderes Verhältnis zu einander kommen werden, so bitte ich Sie, Fräulein, das Vergangene zu vergessen und uns Freunde sein zu lassen.

Das war aufrichtig gemeint, klug gehandelt, hatte keinen Hintergedanken. Es war ein Abschluß der Vergangenheit und ein guter Wunsch für die Zukunft.

Am nächsten Mittag kam der Vater zu Johan in seine Kammer hinauf und dankte ihm für sein edles Benehmen gegen das Fräulein. Als Ausdruck seiner Freude überreichte er ihm ein kleines Geschenk, ein lange ersehntes sogar: einen chemischen Apparat.

Johan schämte sich, das Geschenk anzunehmen, und fand seine Handlung nicht edel. Die war eine natürliche Folge, sie war klug. Aber Vater und Fräulein wollten sie durchaus erhöhen und in ihr eine gute Vorbedeutung für ihr Liebesglück lesen. Sie mußten natürlich bald ihren Irrtum einsehen, der dann auf das Schuldkonto des Knaben gesetzt wurde.

Daß sich der Vater der Kinder wegen wieder verheiratete, daran war nicht zu zweifeln; daß er aber auch das junge Weib liebte, das ist sicher. Und warum sollte er nicht? Das ging niemanden etwas an. Aber die Erscheinung ist konstant: sowohl daß sich Witwer bald wieder verheiraten, wie schwer die Ehe auch gewesen sein mag; wie daß sie eine Untreue gegen die Verstorbene zu begehen glauben. Sterbende Gatten pflegen in der letzten Stunde am meisten von dem Gedanken gequält zu werden, daß der Überlebende sich wieder verheiraten könnte.

Die Brüder nahmen die Sache flott und beugten sich. Sie trieben den Vaterkultus wie Religion: glauben und nicht zweifeln. Sie hatten nie daran gedacht, daß die Vaterschaft nur eine zufällige Eigenschaft war, die jedem zufallen konnte.

Aber Johan zweifelte. Er geriet in endlose Erörterungen mit den Brüdern und griff den Vater an, weil er sich vor Ausgang des Trauerjahres verlobt hatte. Er beschwor den Schatten der Mutter, weissagte Unglück und Verderben, wurde zu Übertreibungen gereizt und ging weiter, als er wollte.

Das Argument der Brüder war: es geht uns nichts an, was Papa tut!

— Es ist wahr, daß ihr nicht darüber urteilen dürft; aber angehen tut es euch sehr.

— Wortklauber, sagten sie, denn sie wußten nicht, daß die Worte mehrere Werte haben können.

Eines Abends kurz darauf, als Johan von der Schule nach Hause kam, sah er, daß das Haus erleuchtet war und hörte Musik und Geplauder. Er ging auf das Zimmer und setzte sich hin, um zu arbeiten. Da kam das Hausmädchen: der Vater bitte ihn, hinunter zu kommen; es sei Besuch da.

— Wer?

— Die neuen Verwandten.

Er bat, einen schönen Gruß zu bestellen und zu sagen, er habe keine Zeit.

Dann kam ein Bruder herauf. Der schalt zuerst, bat dann aber. Des Alten wegen könne er wohl hinunter kommen, nur einen Augenblick, um guten Tag zu sagen. Er müsse sofort kommen.

— Ja, ich will's mir überlegen.

Schließlich ging er hinunter; sah den Saal voller Damen und Herren: drei Tanten, eine neue Großmutter, ein Großvater, ein Oheim. Die Tanten waren junge Mädchen. Er machte mitten im Zimmer eine Verbeugung, artig aber steif.

Der Vater war böse, wollte es aber nicht zeigen. Er fragte Johan, ob er ein Glas Punsch nehmen wolle. Johan nahm es. Darauf fragte der Alte ironisch, ob er soviel für die Schule zu arbeiten habe. Ja, das habe er. Dann ging er wieder auf sein Zimmer hinauf.

Dort war es kalt und halbdunkel. Arbeiten konnte er kaum, da er von unten Musik und Tanz hörte. Die Köchin kam und rief zum Essen. Er wolle nichts haben. Hungrig und außer sich ging er im Zimmer auf und ab. Oft wollte er hinuntergehen, wo es warm, hell und fröhlich war; viele Male hatte er die Türklinke in der Hand; immer aber kehrte er wieder um. Er war schüchtern. Von Natur furchtsam vor den Menschen, war er während des Sommers, in dem er mit niemandem gesprochen hatte, noch wilder geworden. So ging er hungrig zu Bett und hielt sich für den unglücklichsten Menschen, den es geben konnte.

Am folgenden Tag kam der Vater auf sein Zimmer hinauf. Jetzt sagte er ihm, er sei falsch gewesen, als er damals das Fräulein um Verzeihung gebeten.

— Um Verzeihung? Er hatte ja nichts begangen!

Jetzt aber wolle der Vater ihn beugen, wenn er sich auch noch so hart mache.

— Versuch's nur, dachte Johan.

Die Versuche blieben eine Zeit lang aus; aber Johan stählte sich unterdessen, um ihnen zu begegnen.

Der Bruder saß oben auf der Kammer bei der Lampe und las. Johan fragte: Was liest du? Der Bruder zeigte den Titel auf dem Umschlag. Da stand in großen Frakturbuchstaben auf gelbem Umschlag der berüchtigte Titel: „Eines Jugendfreundes Warnung vor dem gefährlichsten Feinde der Jugend.‟

— Hast du das gelesen? fragte Gustav.

Johan antwortete ja und zog sich zurück. Als Gustav mit dem Lesen fertig war, legte er das Buch in seine Schublade und ging hinunter. Johan öffnete die Schublade und nahm die unheimliche Schrift an sich. Die Augen liefen über die Seiten, ohne daß sie es wagten, haften zu bleiben. Die Knie klapperten, das Blut verschwand aus dem Gesicht, die Pulse froren. — Er war also mit fünfundzwanzig Jahren zum Tode oder zum Wahnsinn verurteilt. Sein Rückgrat und sein Gehirn würden schrumpfen, sein Gesicht einem Totenkopf ähnlich werden, sein Haar ausfallen, die Hände zittern — es war entsetzlich. Und das Heilmittel? Jesus! Aber Jesus konnte den Körper nicht heilen, nur die Seele. Der Körper war zum Tode verurteilt — bei fünfundzwanzig Jahren — blieb einem nur übrig, die Seele von ewiger Verdammnis zu retten.

Das war Dr. Kapffs berüchtigte Parteischrift, die so viele Jünglinge ins Irrenhaus gebracht hat, aus dem einzigen Grunde, um die Anzahl der protestantischen Jesuiten zu vermehren. Eine solche Schrift, so tief unsittlich, so schädlich, müßte wahrhaftig verfolgt, beschlagnahmt, verbrannt werden. Oder wenigstens durch aufgeklärte Gegenschriften unschädlich gemacht werden.

Eine solche gab es wirklich. Sie fiel später in Johans Hände, der dann alles tat, um sie zu verbreiten, denn sie war so selten. Sie hieß „Onkel Palles Rat an junge Sünder‟ und sollte von Medizinalrat Wistrand verfaßt sein. Es war ein herzliches Buch, das die Sache unbefangen auffaßte; aufmunternd zu den Knaben sprach; besonders betonte, daß man die Gefahren des Lasters übertrieben habe. Auch gab es praktische Ratschläge und gesundheitliche Anweisungen.

Aber noch heute (1886) herrscht Kapffs unvernünftige Schrift, und Ärzte werden von Sündern überlaufen, die mit klopfenden Herzen das Bekenntnis ablegen. Vor nicht langer Zeit kam ein Student zu einem berühmten Stockholmer Arzte und gestand mit Tränen in den Augen, er habe sein Leben vergeudet und warte nur noch auf den Tod.

— Ach Geschwätz, Herr, antwortet der Arzt. Sehen Sie mich an: niemand hat die Unart so getrieben wie ich.

Der Sünder sah ihn an und fand vor sich einen fünfundvierzigjährigen Herkules, der eine starke, ungestörte Intelligenz besaß.

Johan aber bekam ein ganzes Jahr lang kein Wort des Trostes in seiner schweren Betrübnis zu hören. Er war zum Tode verurteilt; es blieb ihm nur übrig, ein tugendhaftes Leben in Jesu zu leben, bis der Schlag kam. Er holte die alten pietistischen Schriften der Mutter hervor und las über Jesus. Er betete und peinigte sich. Hielt sich allein für einen Verbrecher, demütigte sich. Als er am nächsten Tage durch die Straßen ging, trat er vor jedem Menschen vom Trottoir hinunter. Er wollte sein Selbst töten und in Jesus aufgehen; seine Zeit ausleiden und dann in seines Herrn Freude eingehen.

Eines Nachts erwachte er und sah die Brüder um ein Licht sitzen. Sie sprachen davon. Er kroch unter die Decke, steckte die Finger in die Ohren, um nicht zu hören. Aber er hörte doch. Der Bruder erzählte von Pensionen in Paris, in denen Jünglinge in ihren Betten gebunden wurden, ohne daß dieses Mittel jedoch half. Er wollte in die Höhe stürzen, ihnen bekennen, um Gnade bitten, um Hilfe flehen, aber er wagte nicht, sein Todesurteil bestätigt zu hören. Wenn er das getan hätte, würde er vielleicht Trost und Hilfe gefunden haben. Aber er schwieg. Er schwitzte und betete zu Jesus, nicht mehr zu Gott. Wohin er auch kam, überall sah er das fürchterliche Wort in schwarzen Frakturbuchstaben auf gelbem Grund, an Hauswänden, auf den Tapeten des Zimmers. Und der Schreibtisch, in dem das Buch lag, enthielt die Guillotine. Jedesmal, wenn sein Bruder an die Schublade ging, zitterte Johan und lief hinaus. Er stand stundenlang vor dem Spiegel und sah nach, ob die Augen eingesunken, das Haar ausgefallen, der Totenschädel hervorgetreten war. Aber er sah gesund und rot aus.

Er wurde verschlossen und still und wich allem Verkehr aus. Der Vater bildete sich ein, Johan wolle zeigen, daß er Vaters neue Ehe mißbillige; Johan sei hochmütig. Jetzt mußte er gebeugt werden. Er war schon gebeugt und als er sich schweigend unter dem neuen Druck beugte, triumphierte der Vater, daß seine Kur gelungen sei.

Das reizte den Jüngling, und zuweilen erhob er sich. Zuweilen kam ihm eine schwache Hoffnung, daß der Körper gerettet werden könne. Er ging in die Turnhalle, wusch sich mit kaltem Wasser, aß wenig zu Abend.

Übrigens, Pietist sein oder Jesus lieben, ist nicht etwas Ganzes; das muß man nicht glauben. Das ist eine Stimmung, die in Augenblicken kommt und geht wie ein Gewitter; das ist eine Art, die Dinge zu sehen; das ist eine Rolle, die man nicht so schnell lernt. Pessimist sein, wenn man jung und stark ist, das geht nicht so leicht; der Jesuismus war nämlich reiner Pessimismus, da er glaubte, die Welt sei durch und durch elend. Die Lebensfreude liegt da, und man sieht viele sogenannte aufrichtige Selbstbetrüger unter den Pietisten, die recht munter sind. Sind sie verheiratet und gesund, müssen sie unbedingt oftmals Augenblicke haben, in denen sie Jesus ganz und gar vergessen. Das sind gerade die Augenblicke, in denen sich die Lebenskraft so vervielfacht, daß sie über den einzelnen hinaus auf die Gattung reicht.

Durch Leben, Schulverkehr, Unterricht war das Ich des Jünglings ein ziemlich reicher Komplex geworden, und wenn er sich mit andern einfacheren Ichs verglich, fand er sich überlegen. Jetzt aber kam Jesus und wollte sein Ich töten. Das ging nicht so leicht, und der Kampf wurde schwer, wild. Er sah auch, wie kein andrer sein Ich verleugnete: warum denn in Jesu Namen sollte er seins verleugnen?

Auf der Hochzeit empörte er sich. Er trat nicht vor, um die Braut zu küssen, wie die andern Geschwister; er zog sich vom Tanz zu den Grog trinkenden alten Herren zurück, bei denen er sich etwas berauschte.

Jetzt sollte die Strafe kommen und sein Selbst niedergebrochen werden.

Er wurde Gymnasiast. Das stimmte ihn nicht heiterer. Es kam zu spät, wie eine Schuld, die längst verfallen war. Diesen Genuß hatte er als Vorschuß vorweggenommen. Niemand gratulierte ihm, und er bekam nicht gleich die Gymnasiastenmütze. Warum nicht? Sollte er geduckt werden? Oder wollte der Vater nicht, daß Johans Wissen noch äußerlich hervorgehoben werde? Schließlich wurde vorgeschlagen, eine Tante solle den Kranz auf den Sammet sticken, der auf eine gewöhnliche schwarze Mütze genäht wurde. Sie stickte einen Eichen- und einen Lorbeerzweig, aber schlecht; er wurde deshalb von den Kameraden geuzt. Er war der einzige, der eine Zeitlang nicht die gewöhnliche Mütze trug. Der einzige! Gezeichnet allein, übergangen allein!

Darauf wurde das Frühstücksgeld, das in der Schule sich auf fünf Pfennige belaufen hatte, auf vier herabgesetzt. Das war eine unnötige Grausamkeit, denn das Haus war nicht arm, und ein Jüngling braucht mehr Essen. Die Folge war, daß Johan nie mehr Frühstück aß, denn das Geld ging für Tabak auf. Er hatte einen furchtbaren Appetit und war immer hungrig. Wenn es Kabeljau zu Mittag gab, aß er sich mit den Kiefern müde, stand aber hungrig vom Tische auf. Kriegte er wirklich zu wenig zu essen? Nein, denn es gibt Millionen Körperarbeiter, die viel weniger bekommen; aber die Magen der höheren Klassen müssen sich an stärkere und bessere Nahrung gewöhnt haben. Ihm blieb deshalb seine ganze Jugend wie ein langes Hungern in der Erinnerung haften.

Unter der Herrschaft der Stiefmutter wurde die Diät noch mehr herabgesetzt und das Essen ward schlechter. Die Wäsche wurde von jetzt an auch nur einmal in der Woche gewechselt, während sie früher zwei Male gewechselt wurde. Es war zu spüren, daß eine aus der Unterklasse ans Steuer gekommen war. Der Jüngling war nicht so hochmütig, daß er auf die niedrige Geburt des frühern Hausfräuleins herabgesehen hätte; wenn sie aber als unterdrückende Macht auftrat, die von unten gekommen und über ihn gesetzt war, dann empörte er sich — da aber trat Jesus dazwischen und bat ihn, auch die andere Backe hinzuhalten.

Er wuchs und trug Anzüge, aus denen er herausgewachsen war. Die Kameraden fingen an, ihn wegen seiner kurzen Hosen zu uzen, nachdem sie über seinen selbstgemachten Kranz auf der Mütze gespottet. Seine Schulbücher wurden antiquarisch in alten Auflagen gekauft; daraus entstand ihm viel Verdruß in der Schule.

— So steht es in meinem Buche, antwortete Johan.

— Zeig mir dein Buch!

Skandal! Und Befehl, die neueste Auflage zu kaufen, was nie geschah.

Die Ärmel seines Hemdes endeten am halben Arm und konnten nicht zugeknöpft werden. In der Turnhalle behielt er immer die Jacke an. Eines Mittags sollte er als Rottenführer besonderen Unterricht beim Leutnant haben.

— Zieht die Jacken aus, Jungen; wir wollen uns etwas Bewegung machen, sagte der Leutnant.

Alle warfen die Jacken ab, nur Johan nicht.

— Nun, ist die Jacke noch nicht ausgezogen?

— Nein, mich friert, sagte Johan.

— Du wirst bald warm werden, sagte der Leutnant. Zieh nur die Jacke aus.

Er weigerte sich. Der Leutnant trat freundlich scherzend auf ihn zu und zog an den Ärmeln. Er leistete Widerstand. Der Lehrer sah ihn an.

— Was ist dir denn? Ich bitte freundlich, und du willst mir nicht den Willen tun? Dann geh deiner Wege!

Der Jüngling wollte etwas zu seiner Verteidigung sagen; sah den freundlichen Mann, bei dem er sich immer gut gestanden hatte, betrübt an — aber er schwieg und ging!

Er fühlte, wie er niedergehalten wurde. Armut, als Demütigung ihm von der Grausamkeit auferlegt, nicht von Not hervorgerufen. Er beklagte sich den Brüdern gegenüber; die aber sagten, er solle nicht hochmütig sein. Die Kluft, welche die ungleiche Bildung zwischen ihnen gezogen, klaffte. Sie gehörten jetzt verschiedenen Gesellschaftsklassen an. Die beiden Brüder gingen auf Vaters Seite über, da er zu ihrer Klasse gehörte und die Macht besaß.

Ein andermal bekam er eine Jacke, die aus einem blauen Frack mit blanken Knöpfen geändert war. Die Kameraden verhöhnten ihn: er wolle wohl Kadett spielen. Das war das letzte, das er wollte: mehr sein als scheinen, darin lag sein Hochmut. Unter dieser Jacke litt er unglaublich.

Darauf begann man ihn systematisch zu beugen. Er wurde früh aus dem Bett geholt und auf Besorgungen ausgesandt, die er vor der Schule erledigen mußte. Er schützte Aufgaben vor; das half aber nicht. Dir wird das Lernen so leicht; du lernst doch nur andern Kram, hieß es.

Daß er Besorgungen machte, während ein Knecht, ein Bauernmädchen, Dienstboten sich im Hause befanden, war unnötig. Er sah ein, das war die Zuchtrute. Jetzt haßte er seine Unterdrücker, und sie ihn.

Darauf begann ein anderer Kursus der Dressur. Er mußte des Morgens früh aufstehen, um den Vater in die Stadt zu fahren; und zwar ehe er in die Schule ging; mußte mit Pferd und Wagen zurückkommen, ausspannen, den Stall fegen, das Pferd füttern. Dasselbe Manöver wurde mittags wiederholt. Also Aufgaben lernen, die Schule besuchen und zwei Male am Tage nach dem Ritterholm hin und zurückfahren.

Er fragte sich in reiferen Jahren, ob es aus irgendeiner Fürsorge geschehen sei; ob der kluge Vater eingesehen, seine Gehirntätigkeit sei ihm schädlich, er brauche körperliche Arbeit. Oder ob es aus wirtschaftlichen Gründen geschah, um die Arbeitszeit des Knechtes zu sparen. Körperliche Arbeit ist ja nützlich und sollte allen Eltern zur Erwägung empfohlen werden. Johan aber konnte kein Wohlwollen darin sehen, denn das Ganze ging so boshaft zu, so offen boshaft wie möglich, zeigte so die Absicht, ihm Böses zuzufügen, daß er keine guten Absichten darin entdecken konnte, die sich ja auch neben den bösen hätten finden können.

Als die Sommerferien kamen, artete das Fahren zum Stalldienst aus. Das Pferd mußte zu bestimmten Zeiten gefüttert werden; Johan mußte sich zu Hause halten und auf den Glockenschlag passen. Mit seiner Freiheit war es aus. Und er empfand die große Veränderung, die in seiner Lage eingetreten war und die er der Stiefmutter zuschrieb. Früher war er ein freier Mann gewesen, der über seine Zeit und Gedanken verfügen konnte; jetzt war er Diener geworden: du kannst dich fürs Essen etwas nützlich machen! Und wenn er sah, wie die andern Brüder mit der Knechtesarbeit verschont wurden, war er davon überzeugt, daß es Bosheit war. Häcksel schneiden, den Stall kehren, Wasser tragen, all das war sehr gut für ihn, aber die Absicht verdarb alles. Wenn der Vater ihm gesagt hätte, es sei sehr nützlich für seine Gesundheit, besonders für sein Geschlechtsleben, dann hätte er es mit Vergnügen getan. Jetzt aber haßte er es. Er fürchtete sich im Dunkeln, denn er war wie alle Kinder von Mägden erzogen worden; und er mußte sich große Gewalt antun, um abends auf den Heuboden gehen zu können. Er verwünschte es jedesmal, wenn er dahin mußte. Aber das Pferd war ein gutmütiges Tier; mit dem sprach er oft und beklagte sich. Auch war er Tierfreund und hielt sich Kanarienvögel, die er sorgfältig pflegte.

Er haßte diese Arbeit, weil sie ihm wegen der Hausdame auferlegt wurde, die sich rächen wollte, um ihre Überlegenheit über seine Überlegenheit zu zeigen. Er haßte diese Arbeit, weil sie ihm als Bezahlung für seine Studien auferlegt wurde. Jetzt hatte er die Absichten, die man mit seinem Studium hatte, durchschaut. Man prahlte mit ihm und seinem Wissen; also nicht aus Güte erhielt er den Unterricht.

Da trotzte er und fuhr eine Feder des Wagens entzwei. Wenn sie auf dem Markt vorm Ritterhaus abstiegen, besichtigte der Vater immer den ganzen Wagen. Jetzt sah er, daß eine Feder entzwei war.

— Fahr zum Schmied, sagte er.

Johan schwieg.

— Hast du gehört?

— Ja, ich habe gehört.

Er mußte also nach der Malerstraße fahren, wo der Schmied wohnte. Der erklärte, er brauche drei Stunden, um die Feder auszubessern. Was war da zu machen? Ausspannen, das Pferd nach Haus bringen und wiederkommen. Aber ein angeschirrtes Pferd durch die Hauptstraße der Stadt führen, während er die Gymnasiastenmütze trug? Vielleicht die Jungen bei der Sternwarte treffen, die ihm seine Mütze neideten; oder, was noch schlimmer, die schönen Mädchen auf der Nordzollstraße, die ihn freundlich anzulächeln pflegten. Nein, lieber alles andere! Er wollte den Braunen einen Umweg führen; dann aber mußte er an der Kadettenanstalt Karlberg vorbei, und dort kannte er Kadetten. Er blieb auf dem Hofe, in der Sonnenglut auf einem Balken sitzend, und verwünschte sein Schicksal. Er dachte an die Sommer, die er auf dem Lande zugebracht hatte; an alle Kameraden, die jetzt auf dem Lande wohnten; und danach maß er sein Unglück. Hätte er aber an die Brüder gedacht, die jetzt zehn Stunden lang auf heißen, dunkeln Kontoren saßen, ohne Hoffnung, einen einzigen Tag frei zu bekommen, dann wäre er zu einem andern Ergebnis über seine Lage gelangt. Daran dachte er jetzt aber nicht. Doch hätte er gern mit ihnen getauscht. Sie verdienten wenigstens ihr Brot und brauchten nicht zu Hause zu hocken. Ihre Stellung war klar, aber seine war unklar. Warum hatten die Eltern ihn am Apfel riechen lassen, um den dann wegzureißen? Er sehnte sich fort, wohin es auch sein mochte. Seine Stellung war falsch, und er wollte sie richtig machen. Hinunter oder hinauf, aber nicht zwischen die Räder, um zermalmt zu werden!

Darum ging er eines Tages zum Vater und bat, mit der Schule aufhören zu dürfen. Der Vater machte große Augen und fragte freundlich, warum. Er habe alles satt, lerne nichts Neues, wolle ins Leben hinaus, um zu arbeiten und sich selbst zu ernähren.

— Was willst du denn werden?

Das wußte er nicht. Und dann weinte er.

Einige Tage danach fragte der Vater ihn, ob er Kadett werden wolle. Kadett? Es blitzte ihm vor den Augen. Er wußte nicht, was er antworten solle. Das war zuviel. Solch ein feiner Herr mit einem Säbel werden. So kühn hatte er nicht geträumt.

— Überleg es dir, sagte der Vater.

Er überlegte den ganzen Abend. Dort auf Karlberg, wo er beim Baden von den Kadetten fortgejagt worden, dort sollte er in Uniform einziehen. Offizier werden, das heißt zu Macht kommen: die Mädchen würden ihn anlächeln und — niemand würde ihn mehr unterdrücken. Ihm war, als werde das Leben heller, als hebe sich der Druck von der Brust, als erwache die Hoffnung. Aber das war zuviel für ihn. Das paßte weder für ihn noch für seine Umgebung. Er wollte nicht hinauf, um zu befehlen; er wollte nur nicht blind gehorchen, nicht bewacht werden, nicht geduckt werden. Der Sklave, der nichts vom Leben zu verlangen wagt, erwachte bei ihm! Er sagte nein! Es war zuviel für ihn!

Aber der Gedanke, das werden gekonnt zu haben, nach dem sich vielleicht alle Jünglinge sehnen, war ihm genug. Er verzichtete, stieg hinunter und nahm seine Kette wieder auf. Als er später selbstgefälliger Pietist wurde, bildete er sich ein, um Jesu willen der Ehre entsagt zu haben. Das war nicht wahr, aber etwas Selbstquälerei lag sicher in dem Opfer.

Indessen hatte er wieder den Eltern in die Karten gesehen: Ehre sollte er ihnen einbringen. Wahrscheinlich kam die Kadettenidee von der Stiefmutter!

Neue Zwistigkeiten entstanden, und zwar von ernsterer Natur. Johan hatte zu bemerken geglaubt, daß die jüngeren Geschwister schlecht gekleidet waren; auch hatte er Geschrei aus der Kinderstube gehört.

— Sie schlägt sie!

Er spionierte. Eines Tages bemerkte er, wie das Kindermädchen auf eine verdächtige Art mit dem jüngeren Bruder spielte, als dieser zu Bett lag. Der Junge wurde böse und spuckte in seiner Entrüstung dem Mädchen ins Gesicht. Die Stiefmutter wollte eingreifen, aber Johan trat dazwischen. Er hatte Blut geleckt. Die Sache wurde verschoben, bis der Vater heimgekehrt sei.

Nach dem Mittagessen mußte die Entscheidung fallen. Johan war bereit. Er fühlte sich als Vertreter der toten Mutter. Es begann. Als ihm Anzeige gemacht wurde, wollte der Vater den Knaben schlagen.

— Schlag ihn nicht! schrie Johan in einem befehlenden und drohenden Ton und rückte dem Vater auf den Leib, als wollte er ihn beim Kragen packen.

— Was in Jesu Namen sagst du?

— Rühr ihn nicht an! Er ist unschuldig.

— Komm in mein Zimmer, damit ich mit dir sprechen kann; du bist ja ganz närrisch, sagte der Vater.

— Ja, ich komme, fuhr Johan fort, einem Besessenen gleich.

Der Vater gab einen Augenblick diesem sichern Ton nach, und sein klarer Verstand mußte ihm gesagt haben, daß die Sache faul sei.

— Was hast du zu sagen, fragte er ruhiger, aber immer noch mißtrauisch.

— Ich sage, es ist Karins Schuld; sie hat sich schlecht betragen, und wäre Mama noch am Leben, so...

Der Hieb saß!

— Was schwatzest du von Mama! Du hast jetzt eine neue Mama. Beweise, was du sagst. Was hat Karin getan?

Ja, das war gerade das Unglück, daß er das nicht sagen konnte, denn er fürchtete einen empfindlichen Punkt zu berühren. Er schwieg, und er fiel. Tausend Gedanken fuhren ihm durch den Kopf. Wie sollte er sich ausdrücken? Die Worte drängten sich und er sagte eine Dummheit, die er aus einem Schulbuch nahm.

— Beweisen? sagte er. Es gibt klare Dinge, die weder bewiesen werden können noch es brauchen. (Pfui Teufel, wie dumm, dachte er, aber es war zu spät!)

— Nein, hör mal, jetzt bist du dumm, sagte der Vater und hatte das Übergewicht.

Johan war geschlagen, aber er wollte noch immer zubeißen. Eine neue Redensart aus der Schule, die man ihm selbst an den Kopf geworfen und die noch schmerzte, fiel ihm ein.

— Wenn ich dumm bin, ist es ein Naturfehler, den mir niemand vorwerfen darf.

— Ach, schäme dich, solchen Unsinn zu schwatzen. Mach, daß du hinaus kommst! Und komm mir nicht wieder!

Er wurde hinausgeworfen.

Seitdem wurden alle Bestrafungen abgemacht, wenn Johan fort war. Man glaubte, er werde ihnen an die Kehle fliegen, wenn er etwas höre; und das war nicht ganz unwahrscheinlich.

Es gab auch eine andere Art, ihn zu beugen, eine schauderhafte Art, die leider oft in Familien Brauch ist. Man hielt ihn im Wachstum zurück, indem man ihn zwang, mit jüngeren Geschwistern umzugehen. Kinder werden oft dazu gezwungen, mit jüngeren Geschwistern zu spielen, ob sie einander sympathisch sind oder nicht. Das ist ein grausamer Zwang; aber ein älteres Kind zum Verkehr mit einem viel jüngeren zwingen, das ist ein Verbrechen gegen die Natur; das heißt einen jungen, wachsenden Baum verstümmeln. Johan hatte einen jüngeren Bruder, ein Kind von sieben Jahren, ein nettes Kind, das allen vertraute und keinem zu nahe trat. Johan achtete genau darauf, daß man ihn nicht mißhandelte und hatte ihn gern. Aber mit einem so kleinen Knaben sprechen oder vertraulich mit ihm verkehren, ging nicht, da er des Älteren Gedanken und Sprache nicht verstand.

Jetzt mußte er es. Am ersten Mai, als Johan mit Kameraden ausgehen wollte, sagte der Vater ganz einfach: Nimm Pelle mit und geh in den Tiergarten, aber achte auf ihn. — Widerspruch kam nicht in Frage.

Sie kamen in den Tiergarten, wo sie Kameraden trafen, und Johan empfand den kleinen Bruder wie einen Block am Bein. Er führte ihn, damit er nicht von den Leuten getreten werde, aber er wußte, daß er ihn nach Hause wünschte. Der Knabe sprach und zeigte auf Vorübergehende; Johan korrigierte ihn. Da er sich aber mit ihm solidarisch fühlte, schämte er sich in seinem Namen. Warum mußte er von neuem solche Empfindungen durchmachen, wie Scham für Fehler der Etikette, wenn er sie nicht selber beging? Er wurde steif, kalt, hart.

Der Knabe wollte das Kasperletheater sehen, aber Johan wollte nicht. Er wollte nichts von allem, was der Bruder wollte. Und dann schämte er sich über seine Härte. Verwünschte seine Selbstsucht, haßte sich, verachtete sich, konnte sich aber von den schlechten Gefühlen nicht befreien. Pelle verstand nichts; er sah nur traurig und entsagend aus, war aber geduldig und mild. — Du bist hochmütig, sagte Johan zu sich selbst; du raubst dem Kinde ein Vergnügen. Sei doch weich! — Aber er wurde hart.

Schließlich bat der Kleine Johan, ihm Pfefferkuchen zu kaufen. Johan peitschte sich, um den Einkauf zu machen. Aber wenn ihn jemand sähe? Ein Gymnasiast, der Pfefferkuchen kauft! Die Kameraden saßen in der Wirtschaft und tranken Punsch. Er kaufte die Pfefferkuchen und steckte sie dem Kinde in die Tasche. Dann gingen sie weiter.

Zwei Kadetten, die Johans Kameraden gewesen sind, kommen ihnen entgegen. Johan sieht sie auf sich zugehen. In diesem Augenblick reicht ihm ein Händchen einen Pfefferkuchen: — Da, Johan, hast du auch! — Er stößt das Händchen zurück. Und er sieht zwei blaue, treuherzige Augen, die fragend, bittend zu ihm aufsehen. — Er wollte vergehen, weinen, das verletzte Kind in seine Arme nehmen, es um Verzeihung zu bitten; das Eis auftauen, das sich in seinem Herzen kristallisierte. Er war ein Elender, der eine Hand fortstieß.

Sie gingen nach Hause.

Er wollte sein Vergehen abschütteln, konnte es aber nicht. Er rief das Bild der Mitschuldigen hervor, die ihn in die jämmerliche Lage gebracht hatten, und er peitschte sie in seinen Gedanken.

Er war zu alt, um sich in gleicher Höhe mit dem Kind zu befinden; und er war zu jung, um zum Kind hinuntersteigen zu können.

Der Vater, der durch seine Verbindung mit einem vierundzwanzigjährigen Mädchen wieder aufgelebt war, wagte jetzt auch, Johans gelehrten Autoritäten zu widersprechen; auch auf diesem Gebiet wollte er ihn ducken. Als der Abendtisch abgedeckt war, saßen sie da, der Vater mit seinen drei Stockholmer Zeitungen, „Abendblatt‟, „Allerlei‟, „Postzeitung‟, Johan mit einem Schulbuch.

— Was lernst du da? fragte der Vater.

— Philosophie!

Lange Pause. Die Knaben nannten Logik immer Philosophie.

— Was ist Philosophie eigentlich?

— Die Lehre vom Denken.

— Hm! Muß man das Denken erst lernen? Kann ich mal sehen?

Er schob die Brille in die Höhe und las.

— Glaubst du, die Bauern im Reichstag (er haßte die Bauern, jetzt aber brauchte er sie) haben Philosophie gelernt? Das glaube ich nicht, aber doch hauen sie den Professoren auf die Finger, daß es eine Lust ist. Ihr lernt soviel Unnötiges!

Damit war die Philosophie verabschiedet.

Auch des Vaters Sparsamkeit versetzte Johan in höchst unangenehme Lagen. Zwei Kameraden erboten sich, ihn während der Ferien in Mathematik zu unterrichten. Johan fragte den Vater um Erlaubnis.

— Ja, meinetwegen.

Als sie nachher aber ein Honorar bekommen sollten, meinte der Alte, sie seien so reich, daß man sie nicht bezahlen könne.

— Aber man könnte ihnen ein Geschenk geben, meinte Johan.

Sie haben nichts erhalten!

Er schämte sich ein ganzes Jahr und empfand zum ersten Male das schauderhafte Gefühl einer Schuld. Die Kameraden gaben zuerst feine Winke, dann grobe. Er wich ihnen nicht aus, lief hinter ihnen her, um seine Dankbarkeit zu zeigen. Er fühlte, daß sie Stücke seiner Seele, seines Körpers besaßen, daß er ihr Sklave war und daß er nicht frei werden konnte. Oft machte er Versprechungen, indem er sich einbildete, sie erfüllen zu können; aber sie wurden nie erfüllt, und die Schuldenlast wurde durch gebrochene Gelübde vermehrt. Es war eine Zeit endloser Qualen, die damals vielleicht noch bitterer waren, als sie ihm später in der Erinnerung vorkamen.

Um ihn im Wachstum zurückzuhalten, wurde auch die Konfirmation aufgeschoben. Er lernte Theologie in der Schule und las die Evangelien auf Griechisch, aber er war nicht reif für die Konfirmandenprüfung!

Der Zwang im Elternhause wurde um so drückender, je mehr seine Stellung in der Schule die eines freien Mannes wurde. Er hatte als Gymnasiast dort Rechte erhalten. Er konnte die Klasse verlassen, ohne erst um Erlaubnis bitten zu müssen; blieb bei den Fragen sitzen und wagte dem Lehrer seine Meinung zu sagen. Er war der Jüngste in der Klasse, saß aber unter den Ältesten und Längsten. Die Lehrer traten mehr als Vorleser auf, als daß sie Aufgaben abfragten.

Der frühere Menschenfresser aus Klara war ein Patriarch, der Ciceros „Alter‟ und „Freundschaft‟ erklärte und sich nicht viel um die Vokabeln kümmerte. Ja, er ging soweit, Didos und Aeneas' Begegnung in der Grotte zu erläutern, indem er damit anfing, „dem Reinen sei alles rein‟. Er ließ sich über die Liebe aus, kam auf Abwege und wurde melancholisch. (Die Jünglinge erfuhren nachher, daß er gerade im Begriff war, um ein altes Fräulein zu freien.) Er schlug nie mehr einen hochmütigen Ton an, sondern war so hochherzig, einmal, als er einen Fehler machte (er war schwach im Latein), ganz offen zu bekennen, daß man niemals unvorbereitet in die Schule kommen dürfe, wenn man auch noch so befähigt sei. Das machte großen Eindruck auf die Jünglinge. Er gewann als Mensch, wenn er auch als Lateiner verlor. Seitdem half man sich gegenseitig bei den Übersetzungen.

Da er in den Naturwissenschaften bewandert war, wurde Johan in den Verein „Freunde der Naturwissenschaft‟ gewählt. Da er der einzige aus seiner Klasse war, galt es für eine große Ehre. Jetzt konnte er mit Kameraden aus den obersten Klassen zusammen sein, die im nächsten Jahr Studenten wurden.

Er sollte einen Vortrag halten. Er erzählte es zu Hause, daß er einen Vortrag halten solle. Er schrieb eine Abhandlung über die Luft und las sie vor.

Nach der Zusammenkunft ging der Verein in eine Kneipe am Heumarkt, wo man Punsch trank. Johan war den großen Herren gegenüber schüchtern, fühlte sich aber merkwürdig wohl. Zum ersten Male war er aus seiner Altersklasse emporgehoben worden. Der Reihe nach wurden unanständige Anekdoten erzählt. Er erzählte nur eine unschuldige und schämte sich sehr dabei.

Später besuchten die Herren ihn im Elternhause; dabei nahmen sie seine besten Alpenpflanzen und einige chemische Apparate mit.

Aus reinem Zufall hatte Johan einen Freund in der Schule bekommen. Als er Primus in der obersten Klasse war, kam der Rektor eines Tages mit einem großen Herrn herein, der Gehrock, Schnurrbart, Kneifer trug.

— Hör mal, Johan, sagte er, nimm dich dieses Burschen an, er kommt eben vom Lande, und mach ihn mit den Verhältnissen vertraut.

Der Kneifer sah verächtlich auf das Bürschlein in Jacke, und es kam zu keiner Annäherung. Aber sie saßen neben einander; Johan hielt das Buch und sagte dem ältern vor, der nie etwas konnte, aber von Getränken und Cafés sprach.

Eines Tages spielt Johan mit dem Kneifer und die Feder bricht ihm entzwei. Der Kamerad wurde böse. Johan versprach, den Kneifer wieder heil machen zu lassen. Er nahm ihn mit nach Hause. Er war schwer zu tragen, denn er wußte nicht, wie er das Geld bekommen solle: So machte er sich selbst ans Werk. Nahm die Schrauben heraus, durchbohrte eine alte Uhrfeder; aber es gelang ihm nicht.

Der Kamerad erinnerte. Johan verzweifelte. Der Vater würde es nie bezahlen.

— Dann lasse ich's machen; du kannst es später bezahlen.

Der Kneifer wurde repariert; kostete fünfzig Pfennige. Am nächsten Montag lieferte Johan zwölf Schillinge in Kupfer ab und versprach den Rest für den nächsten Montag.

Der Kamerad verstand den Zusammenhang.

— Das ist dein Frühstücksgeld, sagte er. Hast du nur zwölf Schillinge in der Woche?

Johan errötete und bat ihn, sie zu nehmen. Am nächsten Montag brachte er die andern Kupferstücke. Neuer Widerstand, neues Drängen.

Die beiden Jünglinge hielten seitdem zusammen, auf der Schule in Stockholm, auf der Universität in Upsala und noch länger. Der Freund war eine heitere Natur und nahm die Welt ohne alle Umstände. Disputierte etwas mit Johan, brachte ihn aber meist zum Lachen.

Durch den Gegensatz zu dem freudlosen Elternhause wurde ihm die Schule jetzt ein heiterer, heller Zufluchtsort, wohin er vor der Familientyrannei flüchtete. Daraus aber entstand ein Doppelleben, das ihn wieder in allen Gelenken verrücken sollte.

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