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Der Sohn einer Magd

5. Mit der Oberklasse.

Emil Schering translation

Die Privatlehranstalt war als eine Opposition gegen die Schreckensregierung der öffentlichen Schulen entstanden. Da ihre Existenz vom guten Willen der Schüler abhing, hatte man ihnen große Freiheiten erlaubt und einen äußerst humanen Geist eingeführt. Körperstrafe war verboten; die Schüler waren gewohnt, sich äußern zu dürfen, Einspruch zu erheben, sich gegen Anklagen zu verteidigen; mit einem Wort, sie wurden wie denkende Wesen behandelt.

Hier erst erfuhr Johan, daß er menschliche Rechte hatte. Wenn sich der Lehrer in einer Tatsache geirrt, konnte er sich nicht auf seine Autorität berufen; er wurde von der Klasse berichtigt und unkörperlich gelyncht, indem sie ihm seinen Irrtum nachwies. Auch waren vernünftige Methoden in den Unterricht eingeführt. Wenig Aufgaben. Fortlaufende Übersetzungen gaben den Schülern einen Begriff, was der Unterricht in Sprachen für einen Sinn hat: nämlich übersetzen zu können. Auch waren Ausländer für die lebenden Sprachen angestellt; das Ohr gewöhnte sich an den richtigen Akzent; man lernte, wie eine Sprache gesprochen wird.

Eine Menge Jünglinge waren aus den Staatsschulen in diese Privatlehranstalt geflohen; Johan traf hier viele Kameraden aus Klara wieder. Aber er fand auch Lehrer wieder sowohl aus Klara wie aus Jakob. Diese machten hier ein ganz anderes Gesicht und nahmen eine ganz andere Art an. Johan verstand jetzt, daß sie in gleicher Verdammnis gewesen waren wie ihre Opfer, denn sie hatten Direktor und Schulrat über sich gehabt.

Endlich schien sich also der Druck von oben zu verringern, sein Wille und seine Gedanken Freiheit zu bekommen; er hatte ein Gefühl von Glück und Wohlbefinden. Zu Hause lobte er die Schule, dankte den Eltern für die Befreiung; erklärte, es gefiele ihm nirgends so gut wie in der Schule. Er vergaß alte Ungerechtigkeiten, wurde weicher in seinem Wesen und freimütiger. Die Mutter begann sein Wissen zu bewundern. Außer der Muttersprache lernte er fünf Sprachen; nur ein Jahr hatte er noch bis zum eigentlichen Gymnasium. Der älteste Bruder war schon in Stellung auf einem Kontor, der zweite Bruder war in Paris. Johan war jetzt im Elternhaus gleichsam eine Altersstufe aufgerückt und schloß persönliche Bekanntschaft mit der Mutter. Er erzählte ihr aus seinen Büchern von Natur und Geschichte; und sie, die sich nie Kenntnisse hatte erwerben können, lauschte mit Andacht.

Wenn die Mutter aber eine ganze Weile zugehört hatte, holte sie das einzige Wissen hervor, das den Menschen glücklich machen könne; ob sie sich nun erheben wollte oder wirklich die weltliche Weisheit fürchtete. Sie sprach von Christus. Johan kannte die Rede wohl wieder, aber die Mutter verstand es, sie an ihn persönlich zu richten. Er müsse sich vor geistigem Hochmut hüten und immer einfältig bleiben. Der Knabe verstand das Wort einfältig nicht, und die Rede über Jesus glich nicht den Worten der Bibel. Es war etwas Ungesundes in ihrer Anschauung; er glaubte des Ungebildeten Widerwillen gegen Bildung zu bemerken. Warum denn dieser lange Schulkursus, fragte er sich, wenn er doch für nichts gilt im Vergleich mit diesen dunkeln zusammenhanglosen Lehren von Jesu kostbarem Blut? Er wußte auch, daß die Mutter diese Sprache aus Gesprächen mit Ammen, Nähmädchen, alten Frauen nahm, die zu den Herrnhutern gingen. Sonderbar, daß diese gerade die höchste Weisheit gepachtet haben sollten, von der weder der Geistliche in der Kirche noch der Lehrer in der Schule eine Ahnung hatte. Er fand, diese Demütigen waren geistig recht hochmütig; und der Weg zur Weisheit durch Jesus war ihm ein erfundener Richtweg.

Dazu kam, daß zu seinen Schulkameraden jetzt Grafen und Barone gehörten; und wenn man Namen auf -helm und -schwert in seinen Geschichten aus der Schule hörte, warnte man ihn vor Hochmut. War er hochmütig? Wahrscheinlich! In der Schule suchte er niemals die Vornehmen auf. Er sah sie lieber als die Bürgerlichen: sie sprachen seinen Schönheitssinn an durch ihre guten Kleider, feinen Gesichter, leuchtenden Brillantnadeln. Er fühlte, daß sie eine andere Rasse waren, eine Stellung besaßen, die er nie erreichen konnte; nach der er nicht einmal strebte, denn er wagte nicht, vom Leben etwas zu verlangen. Als aber eines Tages ein Baron ihn um Hilfe bei einer Aufgabe bat, fühlte er sich mindestens ebenso gut wie dieser, ja in einem Falle über ihm. Damit hatte er entdeckt, daß es etwas gab, was ihn den Höchsten der Gesellschaft ebenbürtig machen konnte: Kenntnisse! Die konnte er sich verschaffen!

An dieser Lehranstalt herrschte gerade infolge ihres liberalen Geistes eine Demokratie, die er nicht in Klara gefunden hatte: Grafen und Barone, die meist faul waren, hatten kein Vorrecht vor den andern. Der Direktor, selbst ein Bauernjunge aus Småland, hatte nicht die geringste Ehrfurcht vor hoher Geburt; ebensowenig wie er ein Vorurteil gegen die Adeligen hegte, die er keineswegs ducken wollte. Er duzte alle, Kleine wie Große; war gegen alle gleich vertraulich, studierte jeden einzelnen, rief ihn beim Vornamen, hatte ein Herz für die Jugend.

Durch den täglichen Verkehr zwischen bürgerlichen und adeligen Kindern wurde der Respekt aufgehoben. Kriecher gab es nur in den höhern Klassen des eigentlichen Gymnasiums. Da kamen einige junge Edelleute mit Reitgerte und Sporen in die Klasse, während ein Gardist unten das Pferd hielt. Diese Jünglinge wurden von den Klugen aufgesucht, die schon einen Einblick in die Kunst des Lebens getan hatten. Weiter als bis zum Café oder einem Besuch in der Wohnung reichte dieser Weg jedoch nicht.

Im Herbst kehrten einige der vornehmen Jünglinge von sommerlichen Ausfahrten zurück, die sie als außerordentliche Seekadetten unternommen hatten. Sie kamen dann in Uniform und mit Seitengewehr in die Klasse. Sie wurden viel bewundert, von manchem beneidet, aber Johans Sklavenblut war niemals vermessen in dieser Beziehung: er erkannte das Vorrecht an, träumte sich nie auf diese Höhe hinauf; hatte ein Gefühl, dort würde er noch gedemütigter sein als hier; darum wollte er nicht dorthin. Aber auf eine Höhe mit ihnen kommen durch Verdienste, Arbeit, davon träumte er kühn. Als im Frühling die Abiturienten in die Klasse kamen, um sich von ihren Lehrern zu verabschieden, da sah er ihre weißen Mützen, ihre freie Art, ihre frischen Gesichter; da sehnte er sich in ihre Lage, denn er merkte auch, wie die Seekadetten mit Bewunderung nach der weißen Mütze guckten.

In der Familie war ein gewisser Wohlstand eingetreten. Man war wieder nach der Nordzollstraße gezogen. Dort war es angenehmer als am Sabbatsberg, und die Knaben des Hauswirtes waren Schulkameraden. Den Garten aber pachtete der Vater nicht mehr, und Johan beschäftigte sich auch meistens mit den Schulbüchern. Er führte jetzt das Leben eines wohlhabenden Jünglings. Im Hause herrschte Heiterkeit; erwachsene Kusinen und die vielen Buchhalter des Kontors besuchten es Sonntags; und Johan nahm trotz seinen jungen Jahren an ihrem Verkehr teil. Er legte jetzt Wert auf seinen Anzug, und als vielversprechender Gymnasiast genoß er ein höheres Ansehen, als seine Jahre bedingten. Er ging im Garten spazieren, und weder Beerenbüsche noch Apfelbäume führten ihn jetzt noch in Versuchung.

Dann und wann kamen Briefe von dem Bruder in Paris. Die wurden laut und mit großer Andacht vorgelesen. Das war ein Trumpf der Familie. Zu Weihnachten kam das Bild des Bruders in französischer Schuluniform. Das war Trumpfas. Johan hatte jetzt einen Bruder, der Uniform trug und Französisch sprach. Er zeigte das Bild in der Schule, und sein gesellschaftliches Ansehen hob sich. Die Seekadetten grinsten allerdings und sagten, es sei keine richtige Uniform, denn sie habe kein Seitengewehr. Aber sie hatte Käppi und blanke Knöpfe und etwas Gold am Kragen.

Zu Hause wurden Stereoskopbilder von Paris gezeigt, und man lebte nur noch in Paris. Die Tuilerien und der Triumphbogen waren bekannt wie das Stockholmer Schloß und Gustav Adolfs Denkmal. Es hatte den Anschein, als sei die Redensart, der Vater lebe in seinen Kindern, wirklich begründet.

Das Leben lag jetzt hell vor dem Jüngling. Der Druck hatte nachgelassen, er atmete leichter; wäre wahrscheinlich einen ebenen geraden Weg durchs Leben gegangen, wenn die Umstände es nicht gefügt hätten, daß der Wind ihm verkehrt ins Segel kam.

Die Mutter war längst schwächlich gewesen nach ihren zwölf Wochenbetten. Jetzt mußte sie sich niederlegen und stand nur dann und wann auf. Ihre Laune wurde heftiger und rote Flammen erschienen auf ihren Wangen, wenn man ihr widersprach. Letzte Weihnacht war sie mit ihrem Bruder in einen heftigen Zwist über pietistische Prediger geraten. Der Bruder hatte am Weihnachtstisch behauptet, „Fredmans Episteln‟ von Bellman seien tiefsinnig und ständen an Gedankenreichtum hoch über den Predigten der pietistischen Prediger. Da fing die Mutter Feuer und bekam einen hysterischen Anfall. Das war nur ein Symptom.

Sie begann, solange sie noch auf war, die Wäsche und Kleider der Kinder in Ordnung zu bringen und Schubladen aufzuräumen. Sie sprach oft mit Johan über Religion und andere hohe Fragen. Eines Tages zeigte sie ihm einige goldene Ringe.

— Die sollt ihr haben, wenn Mama stirbt, sagte sie.

— Welcher gehört mir? fragte Johan, ohne sich um den Gedanken an den Tod zu kümmern. Sie zeigte einen geflochtenen Mädchenring mit einem Herzen. Der machte einen starken Eindruck auf den Knaben, da er niemals etwas aus Gold besessen hatte; oft dachte er an den Ring.

Ein Fräulein kam für die Kinder ins Haus. Sie war jung, sah gut aus, sprach wenig. Zuweilen lächelte sie kritisch. Sie war vorher bei einem Grafen in Stellung gewesen und glaubte wahrscheinlich in ein etwas einfaches Haus gekommen zu sein. Sie sollte Kinder und Mägde überwachen, verkehrte aber mit den letzten beinahe vertraulich.

Es waren jetzt drei Mägde im Haus, dazu das Fräulein, ein Knecht, ein Bauernmädchen. Die Mägde hatten ihre Bräutigame und lebten ein lustiges Leben in der großen Küche, die mit ihrem Kupfer und Zinn stattlich aussah. Da wurde gegessen und getrunken und die Knaben wurden auch eingeladen. Sie wurden Herren von den Bräutigamen genannt, und man trank auf ihr Wohl. Der Hausknecht jedoch war nie dabei; er fand es „säuisch‟, so zu leben, während die Frau krank war.

Das Haus kam herunter. Der Vater hatte schlimme Sträuße mit den Dienstboten zu bestehen, seit sich die Mutter zu Bett gelegt hatte. Aber die Mutter blieb die Freundin der Mägde bis in den Tod. Sie gab ihnen aus Instinkt recht. Und die Mägde mißbrauchten die Parteilichkeit der Mutter.

Es war streng verboten, die Kranke aufzuregen, aber die Dienstboten intrigierten gegen einander und sicherlich gegen den Hausherrn auch. Eines Tages hatte Johan in einem silbernen Löffel Blei geschmolzen. Die Köchin petzte es der Mutter. Die wurde heftig und sagte es dem Vater. Den aber reizte nur die Anzeige. Er ging zu Johan und sagte freundlich, als müsse er sich beklagen:

— Du mußt Blei nicht in silbernen Löffeln schmelzen. Auf den Löffel kommt es mir nicht so sehr an; der kann wieder gemacht werden; aber die verdammte Friederike hat Mama Kummer bereitet. Zeig es den Mägden nicht, wenn du was Dummes anstellst; sag es mir, dann werden wir es wieder in Ordnung bringen!

Zum ersten Male waren sie Freunde, Vater und er; jetzt liebte er den Vater, da er zu ihm hinabstieg.

Eines Nachts wird er von der Stimme des Vaters aus dem Schlaf geweckt. Er fährt auf. Es ist dunkel im Zimmer. In der Dunkelheit hört er die Stimme des Vaters, die tief und zitternd sagt:

— Ihr Knaben, kommt an Mutters Totenbett!

Wie ein Blitzschlag traf es ihn. Er fror so, daß die Glieder gegen einander schlugen, während er die Kleider anzog; die Kopfhaut war zu Eis geworden; die Augen standen weit offen und strömten so von Tränen, daß die Lichtflamme wie eine rote Blatter erschien.

Dann standen sie am Krankenbett. Sie weinten eine Stunde, weinten zwei, drei. Die Nacht kroch weiter. Die Mutter war bewußtlos und erkannte niemanden. Der Todeskampf hatte mit Röcheln und Notschreien begonnen. Die jüngsten Kinder wurden nicht geweckt.

Johan saß da und dachte über alles Böse nach, was er getan hatte. Nicht eine Gegenrechnung gegen die Ungerechtigkeiten kam vor. Nach drei Stunden hörten die Tränen auf. Die Gedanken kamen und gingen. Der Tod war das Ende. Wie sollte es werden, wenn Mama nicht mehr da war? Öde und leer. Kein Trost, kein Ersatz. Es war nur ein dichtes Dunkel von Unglück. Er spähte nach einem einzigen Lichtpunkt. Das Auge fällt auf Mutters Kommode, auf der Linné steht, aus Gips, eine Blume in der Hand. Da lag der einzige Vorteil, den dieses bodenlose Unglück ihm brachte: er würde den Ring bekommen. Er sah ihn an seiner Hand. — Das ist eine Erinnerung an meine Mutter, könnte er sagen. Er würde bei dieser Erinnerung weinen, aber er konnte den Gedanken, ein goldener Ring am Finger sei fein, nicht unterdrücken. — Pfui! Wer konnte solch niedrigen Gedanken am Totenbett der Mutter denken? Ein schlaftrunkenes Hirn, ein verweintes Kind. Nein bewahre, ein Erbe. War er geiziger als andere? Hatte er Anlage für Geiz? Nein, dann hätte er nie von der Geschichte gesprochen, denn sie war tief bei ihm begraben. Aber er erinnerte sich sein ganzes Leben daran; sie tauchte dann und wann auf, und wenn sie kam, in einer schlaflosen Nacht, in den beschäftigungslosen Stunden der Müdigkeit, dann fühlte er die Röte an den Ohren brennen. Dann stellte er Betrachtungen über sich selbst und sein Betragen an und bestrafte sich als den Niedrigsten von allen Menschen.

Erst als er älter wurde, eine große Anzahl Menschen und die Mechanik des Gedankenapparates kennenlernte, kam er auf die Idee, daß das Gehirn ein sonderbares Ding ist, das seine eignen Wege geht; und daß sich die Menschen gleichen, auch in dem Doppelleben, das sie führen: was zu sehen ist und was nicht zu sehen ist; was gesprochen wird und was still gedacht wird.

Zu diesem Zeitpunkt aber fand er nur, daß er schlecht sei. Und als er in den Pietismus hineinkam, der vom Kampf gegen böse Gedanken spricht, sah er ein, daß er recht böse Gedanken hatte. Woher kamen die? Von der Erbsünde und vom Teufel, antworteten die Pietisten. Das gefiel ihm, denn er wollte die Verantwortung für einen so häßlichen Gedanken nicht übernehmen; er konnte aber doch nicht umhin, sich verantwortlich zu fühlen, denn er kannte noch nicht die Lehre vom Determinismus oder der Unfreiheit des Willens. Die Verkündiger dieser Lehre hätten gesagt: ein gesunder Gedanke bei dir, mein Junge, von einem Übel das kleinste Übel zu suchen; ein Gedanke, den alle Erben, große und kleine, gedacht haben, und, wohlgemerkt, gedacht haben müssen, nach allen Gesetzen vom Denken. Die christliche Moral der Selbstverleugnung mit dem Ideal des Säulenheiligen nennt diese Gedanken böse, die nur der Selbsterhaltung dienen. Aber das ist ungesund, denn die erste und heiligste Pflicht des einzelnen ist, sein Selbst zu schützen, soweit es möglich ist, ohne andern zu schaden.

Aber seine ganze Erziehung war ja nach damaliger niedriger Vorstellung in der bestimmten Rücksicht auf Himmel und Hölle eingerichtet. Die einen Handlungen galten für böse, die andern für gut. Die ersten sollten bestraft, die letzten belohnt werden. So galt es für eine Tugend, die Mutter tief zu betrauern, ganz abgesehen davon, wie sich diese Mutter gegen ihr Kind betragen hatte. Die Dauerhaftigkeit der Gefühle war eine Tugend; wessen Gefühle nicht so beschaffen waren, galt nicht für tugendhaft. Die Unglücklichen, die diesen Mangel bei sich merkten, wollten sich umschalten, sich besser machen. Daraus folgte Heuchelei, Falschheit gegen sich selbst. Jetzt ist man soweit gekommen, in der Empfindsamkeit eine Schwäche zu entdecken, die in älteren Stadien zum Laster gestempelt wäre.

Die französische Sprache behält noch dasselbe Wort „vice‟ für Gebrechen und Laster bei. Überfluß an Gefühl und Phantasie, der die Wahrheit verbirgt, soll jetzt den niedrigen Stufen der Entwicklung angehören: des Wilden, des Kindes, des Weibes; wird jetzt brachgelegt wie ein durch Überkultur ausgesogener Boden. Die Epoche des reinen Denkens steht jetzt[2] vor der Tür.

Der Jüngling war ein Quadro aus Romantik, Pietismus, Realismus, Naturalismus. Darum wurde er auch nur Flickwerk.

Johan dachte gewiß nicht nur an den armen Schmuck; das Ganze war die Zerstreuung eines Augenblicks, zwei Minuten einer monatelangen Trauer. Als es schließlich still im Zimmer wurde und Vater sagte: Mama ist tot, da war er trostlos. Er schrie wie ein Ertrinkender.

Wie kann der Tod die, welche an ein Wiedersehen glauben, in solch furchtbare Verzweiflung bringen? Es muß doch in diesen Augenblicken schlecht bestellt sein um den Glauben, wenn sich vor unsern Augen die Vernichtung der Persönlichkeit mit unerbittlicher Konsequenz vollzieht.

Der Vater, der sonst die äußere Gefühllosigkeit des Isländers hatte, war jetzt weich geworden. Er nahm die beiden Söhne bei der Hand und sagte:

— Gott hat uns heimgesucht. Jetzt müssen wir wie Freunde zusammenhalten. Die Menschen glauben, sich selbst genug zu sein; dann kommt der Schlag, und man sieht, wie alle einander nötig haben. Laßt uns aufrichtig gegen einander sein und nachsichtig.

Im Nu nahm die Trauer des Knaben ab. Er hatte einen Freund bekommen, und zwar einen mächtigen, klugen, männlichen Freund, den er bewunderte.

Die Fenster wurden jetzt mit weißen Laken verhängt.

— Du brauchst nicht in die Schule zu gehen, wenn du nicht willst, sagte der Vater.

Wenn du nicht willst! Sein Wille wurde also anerkannt.

Dann kamen Tanten, Verwandte, Kusinen, Ammen, alte Dienstboten: alle segneten die Tote. Alle halfen beim Nähen der Trauerkleider: drei kleine Kinder waren da und drei große. Da saßen junge Mädchen und nähten in dem halben Licht, das durch die weißen Laken fiel; und sie sprachen halblaut. Das war mystisch, und die Trauer erhielt ein ganzes Gefolge von ungewöhnlichen Wahrnehmungen. Noch nie hatte der Knabe soviel Teilnahme gefunden, noch nie hatte er soviel warme Hände gefühlt, soviel freundliche Worte gehört.

Am Sonntag las der Vater eine Predigt von Wallin über den Text: Unsere Freundin ist nicht tot, sie schläft nur. Mit welchem unerhörten Vertrauen faßte er diese Worte buchstäblich auf! Wie wußte er die Wunden aufzureißen und sie zugleich zu heilen! Sie ist nicht tot, sie schläft nur, wiederholte er froh. Die Mutter schlief drinnen in dem kalten Salon, und wohl niemand erwartete, daß sie erwachen werde.

Das Begräbnis stand bevor. Der Grabplatz war gekauft. Die Schwägerin nähte mit. Sie nähte und nähte, die alte Mutter von sieben mittellosen Kindern, die einst reiche Bürgerfrau, nähte für die Kinder dieser Ehe, die der Bruder verdammt hatte. Sie steht auf und bittet, mit dem Schwager sprechen zu dürfen. Sie flüstert mit ihm in einer Ecke des Saals. Die beiden Alten fallen sich in die Arme und weinen.

Der Vater teilt mit, daß die Mutter auf Oheims Grabstätte begraben werden soll. Oheims Grabstätte war ein sehr bewundertes Denkmal auf dem Neuen Kirchhof, das aus einer eisernen Säule mit einer Urne bestand. Die Kinder begriffen, daß der Mutter eine Ehre widerfahren sei; aber sie verstanden nicht, daß ein Brüderhaß damit erloschen war; daß man einem guten und pflichtgetreuen Weibe, das man geringgeschätzt, weil es Mutter wurde, ehe es den Titel Frau bekam, ihren guten Ruf zurückgegeben hatte.

Das Haus strahlte jetzt von Versöhnung und Friede. Man überbot sich gegenseitig in Freundlichkeiten. Man suchte des andern Blicke, vermied störende Beschäftigungen, las Wünsche in den Augen.

Dann kam der Begräbnistag. Als der Sarg zugeschraubt und durch den Saal getragen wurde, der von schwarzgekleideten Menschen erfüllt war, bekam eine kleine Schwester einen Anfall. Sie schrie und warf sich Johan an die Brust. Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich, als sei er ihre Mutter und wolle sie schützen. Und als er fühlte, wie sich der kleine zitternde Körper an seinem festklammerte, empfand er eine Kraft, die er lange vermißt hatte. Obwohl selbst trostlos, konnte er Trost geben; als er sie beruhigte, wurde er selbst ruhig.

Es war übrigens der schwarze Sarg und die vielen Menschen, die sie erschreckt hatten; denn die Kleinen vermißten die Mutter kaum, weinten nicht nach ihr und hatten sie in kurzer Zeit vergessen. Das mütterliche Band ist nicht so leicht geknüpft; das geschieht nur durch eine lange persönliche Bekanntschaft. Johans wirkliches Vermissen dauerte kaum ein Vierteljahr. Er trauerte lange, aber das war mehr ein Bedürfnis, in der Stimmung weiterzuleben, die ein Ausdruck für seine natürliche Schwermut war: die hatte jetzt in der Trauer um die Mutter eine geeignete Form gefunden.

Auf den Todesfall folgte ein langer Sommer in Muße und Freiheit. Johan verfügte zusammen mit dem ältesten Bruder, der nicht vor sieben aus seinem Geschäft kam, über zwei Zimmer eine Treppe hoch. Der Vater war den ganzen Tag abwesend, und wenn sie sich trafen, schwiegen sie. Die Feindschaft war abgelegt, aber Freundschaft war unmöglich. Der Jüngling war jetzt sein eigener Herr; kam und ging, schaltete und waltete. Das Hausfräulein wich ihm aus, und sie gerieten niemals in Konflikt. Den Verkehr mit Kameraden ließ er, schloß sich auf seinen Zimmern ein, rauchte Tabak, studierte und grübelte.

Immer hatte er gehört, Kenntnisse seien das Höchste; das sei ein Kapital, das nie verloren gehen könne; damit könne man sich immer wieder hinaufhelfen, wie tief man auch gesellschaftlich sinkt. Alles kennen lernen, alles wissen, war bei ihm eine Manie geworden. So hatte er die Zeichnungen des ältesten Bruders gesehen und sie rühmen hören. In der Schule hatte er nur geometrische Figuren gezeichnet. Er wollte also zeichnen. Während der Weihnachtsferien kopierte er in einem Zuge und mit einer Art Raserei alle Zeichnungen des Bruders. Die letzte der Sammlung war ein Pferd. Als er fertig war und gesehen hatte, daß es keine Kunst war, hörte er auf zu zeichnen.

Alle Kinder spielten ein Instrument, nur Johan nicht. Johan hörte so oft Tonleiter und Übungen auf Klavier, Geige und Cello, daß er's nicht mehr aushalten konnte: die Musik wurde ihm, was die Kirchenglocken gewesen. Er wollte spielen können, aber er wollte nicht die Tonleiter durchmachen. Er nahm insgeheim Noten und spielte sofort die Stücke. Es war schlecht, aber er hatte ein Vergnügen daran. Um sich zu entschädigen, unterrichtete er sich bei allem, was die Geschwister spielten, über Komponist und Werk, um ihnen in Kenntnis der Musikliteratur überlegen zu sein. Einmal wurde ein Notenschreiber gesucht, um die „Zauberflöte‟ für ein Geigenquartett zu kopieren. Johan erbot sich dazu.

— Kannst du Noten schreiben? wurde er gefragt.

— Ich will's versuchen, sagte er.

Er übte sich einige Tage und dann schrieb er alle vier Stimmen aus. Es war eine lange und langweilige Arbeit; er wäre beinahe müde geworden, aber er kriegte sie schließlich fertig. Hier und dort war es wohl etwas nachlässig, aber es konnte benutzt werden.

Er hatte keine Ruhe, bis er alle Pflanzen der Stockholmer Flora kennengelernt hatte. Als er sie kannte, ließ er den Stoff fallen. Eine botanische Exkursion machte ihm kein Vergnügen mehr; Wanderungen in der Natur boten ihm nichts Neues; er konnte keine unbekannte Pflanze mehr finden. Die wenigen Mineralien kannte er. Die Insekten besaß er in seiner Sammlung. Die Vögel kannte er an ihren Stimmen, ihren Federn, sogar an ihren Eiern.

All das waren nur äußere Erscheinungen; Namen von Dingen, die bald ihr Interesse für ihn verloren. Er wollte das Innere sehen. Man pflegte ihn Zerstörungsgeist zu schelten, denn er nahm alles auseinander, erst Spielsachen, dann alles, was ihm in die Hände kam. Zufällig geriet er in eine Vorlesung der Akademie der Wissenschaften und sah chemischen und physikalischen Experimenten zu. Die ungewöhnlichen Geräte fesselten ihn. Der Professor war ein Zauberer, aber einer, der erzählte, wie das Wunder zugeht. Das war ihm neu, und er wollte in das Verborgene eindringen.

Er sprach dem Vater von seiner neuen Neigung. Der hatte sich in jungen Jahren mit Galvanoplastik beschäftigt und gab ihm jetzt Bücher aus seinem Bücherschrank: Focks Physik, Girardins Chemie, Figuiers Entdeckungen und Erfindungen, Nyblaeus' Chemische Technologie. Auf dem Boden befand sich außerdem eine galvanische Batterie mit sechs Elementen des alten Daniellschen Kupfer- und Zinksystems. Die bekam er schon als Zwölfjähriger in die Hände und hantierte so viel mit Schwefelsäure, daß er Handtücher, Servietten, Kleider verdarb. Nachdem er alle Gegenstände, die er geeignet fand, galvanisiert hatte, ließ er diese Beschäftigung liegen.

Jetzt im Sommer in der Einsamkeit warf er sich mit Ungestüm auf die Chemie. Aber er wollte nicht die Experimente machen, die im Lehrbuch standen: er wollte Entdeckungen machen! Alle Mittel fehlten ihm: Geld, Apparate; aber das hinderte ihn nicht. Seine Natur war nun derart und wurde es noch mehr nach dem Tode der Mutter, als er sein eigener Herr geworden, daß sich sein Wille durchsetzen mußte, trotz allem und allem. Spielte er Schach, plante er einen Anfall auf den König des Gegners; ging rücksichtslos darauflos, ohne auf seine Verteidigung zu achten; überrumpelte zuweilen den Gegner durch seine Rücksichtslosigkeit, verlor aber oft die Partie.

— Hätte ich noch einen Zug gehabt, wärest du matt gewesen, sagte er.

— Ja, aber diesen Zug hast du nicht mehr, darum bist du matt.

Wollte er an eine Schublade und der Schlüssel war nicht zur Hand, nahm er die Feuergabel und brach das Schloß so auf, daß Schrauben und Schloß losgerissen wurden.

— Warum hast du das Schloß entzweigemacht? fragte man.

— Weil ich an die Schublade wollte!

Es war jedoch eine gewisse Beharrlichkeit in diesem Draufgängertum; aber nur solange die Raserei dauerte.

Er wollte sich eine Elektrisiermaschine machen. Oben auf dem Boden fand er einen Spinnrocken. Von dem brach er fort, was er nicht gebrauchen konnte, um nun das Rad durch eine runde Glasscheibe zu ersetzen. Er verfiel auf ein Innenfenster. Mit einem Quarzsplitter schnitt er die Scheibe aus. Nun sollte sie aber rund werden und ein Loch in der Mitte erhalten. Mit einem Schlüsselbart brach er Splitter nach Splitter ab, oft nicht größer als ein Sandkorn. Das nahm mehrere Tage in Anspruch. Rund wurde nun die Scheibe. Aber wie sollte er ein Loch hinein bekommen? Ein Loch in eine Glasscheibe. Er machte sich einen Drillbohrer. Für den Bügel brach er einen Regenschirm entzwei, um ein Fischbein zu bekommen, und nahm eine Geigensaite zum Strang. Dann ritzte er die Scheibe mit Quarz, befeuchtete sie mit Terpentin und drillte. Er merkte aber keinen Erfolg. Als er dem Ziel so nahe war, verlor er Geduld und Besinnung. Er wollte das Loch durch eine Sprengkohle erzwingen. Die Scheibe zersprang.

Da warf er sich auf sein Bett, machtlos, müde, hoffnungslos. In den Verdruß mischte sich auch das Gefühl der Armut. Hätte er nur Geld! Er ging oft an das Schaufenster von Spolander auf der Westlichen Langgasse, um sich die chemischen Apparate anzusehen. Er hätte gern gewußt, was sie kosteten, wagte aber nicht hineinzugehen und zu fragen. Was hätte das für einen Zweck gehabt? Er hätte ja doch kein Geld vom Vater erhalten.

Nachdem er sich von seinem Mißgeschick erholt hatte, wollte er machen, was noch niemand gemacht hat und niemand machen kann: ein Perpetuum mobile. Der Vater hatte erzählt, längst sei ein großer Preis auf die Erfindung des Unmöglichen ausgesetzt. Das war etwas, das ihn lockte. Er stellte einen Wasserfall, der eine Pumpe zog, mit einem Heronsbrunnen zusammen. Der Fall sollte die Pumpe in Gang setzen, die Pumpe sollte wieder das Wasser hochziehen, und der Heronsbrunnen dabei helfen. Er mußte auf den Boden gehen und eine Razzia abhalten. Nachdem er alle möglichen Dinge zerbrochen hatte, um Material zu sammeln, begann die Arbeit. Ein Kaffeekocher mußte eine Röhre hergeben, eine Sodawassermaschine gab das Sammelbecken, die Kommode gab Beschlag, der Sekretär Holz, ein Vogelbauer lieferte Eisendraht, eine Ampel wurde ein Becken und so weiter.

Der Tag war gekommen, als die Probe gemacht werden sollte. Da kommt das Hausfräulein und fragt, ob er mit den Geschwistern nach Mamas Grab gehen will. — Nein, er habe nicht Zeit. — Ob nun das böse Gewissen ihn bei der Arbeit störte oder ob er nervös war, genug: der Versuch mißlang. Da nahm er, ohne den Fehler gutmachen zu wollen, den ganzen seltsamen Apparat und zerschlug ihn an den Steinen des Kachelofens. Da lag das Werk, das so vielen nützlichen Dingen den Garaus gemacht hatte.

Später entdeckte man, wie er auf dem Boden gehaust hatte. Er bekam Schelte, machte sich aber nichts daraus.

Um sich für den Hohn, den er sich durch seine mißlungenen Versuche im Hause zugezogen hatte, zu entschädigen, machte er einige Knallgasexplosionen und fertigte eine Leidener Flasche an. Einer toten schwarzen Katze, die er auf dem Hügel der Sternwarte gefunden, zog er das Fell ab und trug es in seinem Taschentuch nach Hause.

Eines Nachts, als der älteste Bruder und er von einem Konzert nach Hause kamen, waren keine Streichhölzer zu finden, und sie wollten das Haus nicht wecken. Johan suchte Schwefelsäure und Zink hervor, stellte beim Schein der Gaslaterne Wasserstoffgas her, schlug Feuer mit dem Elektrophor und steckte die Lampe an. Damit war sein Ruf als „Chemiker‟ gemacht.

Er stellte auch Jönköpinger Streichhölzer nach dem Rezept der Technologie her. Deshalb war er sehr erstaunt, daß die Jönköpinger Streichhölzer später ein Patent erhielten; übrigens waren die bereits im Handel gewesen als Björneborger Wachsstreichhölzer.

Dann ließ er die Chemie wieder für einige Zeit liegen.

Vaters Bücherschrank enthielt eine kleine Sammlung, die jetzt zu Johans Verfügung stand. Da waren, außer den oben erwähnten chemischen und physikalischen Arbeiten: Gartenbücher, eine illustrierte Naturgeschichte, Meyers Universum, Handbuch für Mütter nebst Entbindungskunst, eine deutsche Anatomie mit Figuren, eine deutsche Geschichte Napoleons mit Stahlstichen, Wallins, Franzéns und Tegnérs Gedichte, Wallins Predigten, Blumauers Aeneis, Don Quichotte, Frau Carléns und Fredrika Bremers Romane, Deutsche Klassiker...

Außer den Indianerbüchern und Tausendundeiner Nacht hatte Johan noch keine Dichtungen gelesen. Er hatte in Romane hineingeblickt, sie aber langweilig gefunden, besonders weil sie keine Illustrationen hatten. Als jetzt aber die Chemie und alle andern Wirklichkeiten der Natur durchforscht waren, stattete er eines Tages dem Bücherschrank einen Besuch ab. Er blickte in die Gedichte hinein. Da fühlte er sich in der Luft schweben und wußte nicht, wo er zu Hause war. Er verstand sie nicht. Dann bekam er Fredrika Bremers „Schilderungen aus dem Alltagsleben‟ in die Hand. Daraus schlug ihm Familienklatsch und Tantenmoral entgegen, und er stellte sie zurück. Dann las er den „Jungfrauenturm‟. Das waren Erzählungen und Abenteuer. Die unglückliche Liebe rührte ihn. Aber wichtiger als alles war, daß er sich unter diesen erwachsenen Menschen erwachsen fühlte. Er verstand, was sie sprachen; er merkte, daß er kein Kind mehr war. Diese Erwachsenen waren ja seinesgleichen. Er war unglücklich verliebt gewesen, hatte gelitten, gekämpft, war aber im Gefängnis der Kindheit zurückgehalten worden. Und jetzt kam es ihm ganz zum Bewußtsein, daß seine Seele im Gefängnis lag. Sie war längst flügge gewesen, aber man hatte ihre Schwingen beschnitten und sie ins Bauer gesetzt.

Er suchte den Vater auf, um mit ihm zu sprechen wie mit einem Gleichaltrigen, aber der Vater verschloß sich und brütete auf seiner Trauer.

Im Herbst wurde Johan von neuem zurückgesetzt und aufgehalten. Er war reif für das eigentliche Gymnasium, wurde aber in der Schule zurückgehalten, weil er zu jung sei und reifen solle. Er raste. Zum zweiten Male riß man ihn am Rock zurück, als er laufen wollte. Er fühlte sich wie ein Omnibuspferd, das unaufhörlich anzieht und unaufhörlich zurückgehalten wird.

Das riß sein Nervenleben entzwei, erschlaffte seine Willenskraft, legte den Grund zu seiner künftigen Mutlosigkeit. Er wagte nie etwas recht lebhaft zu wünschen, denn er hatte oft gesehen, wie seine Wünsche vereitelt wurden. Er wollte sich der Arbeit hingeben, aber Arbeit half ja nicht: er war zu jung. Nein, die Schule war zu lang! Die zeigte das Ziel in der Ferne, setzte aber dem Läufer Schlagbäume. Er hatte ausgerechnet, daß er mit fünfzehn Jahren Student werden könne. Er wurde es erst mit achtzehn. Und in den letzten Jahren, als er den Ausgang aus dem Gefängnis so nahe sah, wurde ihm noch ein weiteres Strafjahr auferlegt, da die höchste Klasse zweijährig gemacht wurde.

Kindheit und Jugend waren für ihn recht qualvoll; er war des ganzen Lebens müde und suchte jetzt den Trost im Himmel.

Notes in this chapter

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