14. Vor dem Vorhang. (1869)
Emil Schering translation
Johans Versuch, die Universität Upsala nach Stockholm zu verlegen, sollte nicht ohne Folgen bleiben; die Kameraden hatten ihn ja gewarnt. Als er also zeitig im Frühling nach Upsala fuhr, um seine lateinische Arbeit zu schreiben, hatte er durch die Post an den Dozenten die üblichen drei Probeaufsätze und die festgesetzten fünfzehn Kronen vorausgeschickt. So gelang sein Attentat oder wurde nicht bemerkt, und die Arbeit leistete er.
Jetzt aber im Mai wollte er die Vorprüfung in Chemie machen. Um ganz sicher zu gehen, ließ er sich vom Assistenten der Technischen Hochschule prüfen. Der erklärte, er besitze mehr Kenntnisse, als zur medizinischen Prüfung notwendig seien. So vorbereitet, fuhr Johan nach Upsala. Den ersten Besuch machte er bei einem Kameraden, der schon die Vorprüfung in Chemie bestanden hatte und die Geheimnisse kannte.
— Ich kann Synthese und Analyse; auch kenne ich die organische Chemie, begann Johan.
— Das ist gut, denn wir brauchen nur die Synthese zu kennen; aber das hilft nichts, denn du hast nicht auf seinem Laboratorium gearbeitet.
— Das ist wahr, aber das der Hochschule ist viel besser.
— Das hilft nichts, denn es ist nicht seins.
— Wir werden doch sehen, ob Kenntnisse nicht genügen.
— Wenn du so sicher bist, dann mach den Versuch; aber höre auf das, was ich dir jetzt sage. Zuerst mußt du zum Dozenten gehen, um die Fragen kennen zu lernen.
— Was?
— Für eine Krone paukt er eine Stunde mit dir; er fragt dich alle die merkwürdigeren Fragen, die der Professor während des letzten Jahres gestellt hat. So pflegt er jetzt zu fragen, ob man aus seinem Kadaver Streichhölzchen und Ammoniak aus deinen alten Stiefeln machen könne. Aber die Fragen erfährst du vom Dozenten. Zweitens darfst du nicht in Frack und weißer Binde kommen, am allerwenigsten so fein gekleidet, wie du jetzt bist. Darum will ich dir meinen Reitrock leihen, der auf den Schultern grün und an den Nähten rot ist, und meine Schaftstiefel, denn Stiefeletten liebt er nicht.
Johan befolgte die Instruktion und ging zuerst zum Dozenten. Der stellte an ihn die Fragen, die zuletzt vorgekommen waren. Zum Entgelt mußte Johan versprechen, unter allen Umständen zurückzukehren und die Fragen zu nennen, die er selbst erhalten. Mit denen wollte der Dozent sein Material an Fragen vermehren.
Am nächsten Tage ging Johan zu dem Kameraden, um sein Kostüm anzuziehen. Die Hosen wurden hochgezogen, damit die Schäfte der Stiefel zu sehen seien; der Kragen wurde auf der einen Seite aufgebogen, damit die Haut zwischen Bündchen und Kragen zu sehen war.
So vorbereitet ging er zu seinem ersten Tentamen.
Der Professor der Chemie war ein früherer Fortifikationsoffizier, der seinerzeit von der gelehrten Gilde in Upsala nicht gern empfangen worden. Er war Soldat, nicht akademisch gebildet, also eine Art „Philister‟. Das hatte ihn gereizt und leberkrank gemacht. Um sein laienhaftes Äußeres zu verwischen, affektierte er den überstudierten und geradsinnigen Gelehrten. Ging schlecht gekleidet und machte sich ungewöhnlich. Schüler des Berzelius, viele Hunderte waren das wohl gewesen, liebte er's, daran zu erinnern. Das war sein Trumpf. Berzelius trug unter anderm zerrissene Hosen; daher war ein Loch in den Hosen das Kennzeichen eines tüchtigen Chemikers. Daher alle diese Sonderbarkeiten.
Johan stellte sich vor, wurde mißtrauisch betrachtet und gebeten, in einer Woche wiederzukommen. Da erklärte er, er sei besonders hergereist und könne sich, da er arm sei, keine Woche in der Stadt aufhalten. Wirkte sich die Erlaubnis aus, am nächsten Tage wiederkommen zu dürfen. — Es würde bald erledigt sein, meinte der Alte. — Was?
Am nächsten Tage saß Johan auf einem Stuhl vor dem Professor. Es war ein sonniger Nachmittag im Mai und der Alte schien sein Mittagessen schlecht verdaut zu haben. Er sah unheimlich aus, als er von seinem Schaukelstuhl seine erste Frage hinwarf.
Zuerst kamen die Antworten korrekt. Dann wurden die Fragen gewundener, als seien sie Schlingen.
— Wenn ich ein Stück Land habe und vermute Salpeter, wie soll ich's da anfangen, um eine Salpeterfabrik anzulegen?
Johan antwortete, indem er eine Salpeteranalyse vorschlug.
— Nein.
— Dann weiß ich nichts anderes.
Es wurde still und die Fliegen summten. Lange still, unangenehm still.
— Jetzt werden die Stiefel bald kommen oder die Streichhölzchen, dachte Johan; da werde ich glänzen. Aber es kam nichts. Johan brachte sich in Erinnerung und hustete. Aber der Professor schwieg. Johan überlegte sich, ob er durchschaut sei und der Alte den Prüfungsrock wiedererkannt habe.
Dann kam eine neue Frage, die unbeantwortet blieb. Dann noch eine.
— Es ist zu früh, sagte der Alte und stand auf.
— Aber ich habe ein Jahr auf dem Laboratorium gearbeitet und kann auch Analyse.
— Die Rezeptur können Sie wohl, aber Sie haben sie nicht verdaut! Sehen Sie, auf der Hochschule ist man Handwerker, hier aber ist man Gelehrter.
Es verhielt sich nun gerade umgekehrt, denn die Mediziner beklagten sich darüber, daß sie wie Köchinnen dastehen und Mixturen und Salze bereiten müßten, ohne eine Analyse machen zu dürfen; während doch diese gerade Aufgabe des Arztes war; die Synthese hatte der Apotheker zu machen. Jetzt aber hatte die einige Jahre früher angeregte Frage, ob die Universität nicht nach Stockholm zu verlegen sei, Upsala gegen die Hauptstadt erhoben; auch war das Laboratorium der neu erbauten Technischen Hochschule zu Stockholm ebenso berühmt wegen seiner vortrefflichen Einrichtungen, wie das der Universität Upsala wegen seiner erbärmlichen berüchtigt war. Hier spielte also kleinlicher Sinn mit, und Johan fühlte die Ungerechtigkeit.
— Ich bekomme also kein Zeugnis?
— Nein, Herr, nicht dieses Jahr; aber kommen Sie nächstes Jahr wieder!
Er schämte sich zu sagen: Gehen Sie auf mein allein seligmachendes Laboratorium.
Johan war außer sich. Also weder Kenntnisse noch Fleiß, allein Geld und Kriechen. Hatte er etwa Richtwege gesucht? Nein, im Gegenteil, er hatte Umwege gehen müssen, weite und mühsame, während die andern die gerade Straße zogen, und der direkte Weg ist der kürzeste!
Er kam in den Park der Bibliothek, böse wie eine Biene. Wollte zuerst gar nicht wieder in die Stadt hinein, sondern setzte sich auf eine Bank. Hätte er das verdammte Loch nur in Brand stecken können. Ein Jahr? Nein, niemals! Er hatte alles satt. Warum soviel Unnötiges lernen, wenn es doch vergessen wurde und nie in der Praxis vorkam. Und so lange schuften, um schließlich diesen schmutzigen Beruf auszuüben: Urinproben analysieren, im Auswurf stochern, in allen Winkeln des Körpers wühlen? Pfui Teufel!
Wie er da sitzt, kommt eine Gesellschaft fröhlicher Menschen und bleibt lachend vor der Rückseite der Bibliothek stehen. Sie blicken nach den Fenstern hinauf, wo die langen Bücherreihen zu sehen sind, Gestell neben Gestell! Sie lachen! Damen und Herren lachen über die Bücher! Er glaubte sie zu erkennen! Ja, es sind Levasseurs französische Schauspieler, die er in Stockholm gesehen hat und die jetzt in Upsala gastieren. Sie lachen die Bücher aus. Glückliche Menschen, die Träger der Bildung und des Geistes sein können, ohne Bücher zu studieren! Vielleicht hatte jede Seele etwas zu geben, was nicht in den Büchern stand, aber einst darin stehen würde. Ja, gewiß, so war es. Er selbst besaß ja solche Vorräte an Erfahrungen und Gedanken, die sicherlich die Wissenschaft vom Menschen bereichern konnten; und reif lagen sie da.
So beschlich ihn wieder der Gedanke, in diesen bevorrechtigten Stand einzutreten, der außerhalb und über allen kleinen Gesetzen der Gesellschaft stand, der keinen Rang kannte, in dem man sich also nicht als Unterklasse fühlte. Da konnte man sich auf das allgemeine Urteil berufen und in voller Öffentlichkeit arbeiten. Das war etwas anderes als hier in einem abgelegenen dunkeln Loch aufgehängt zu werden, ohne Untersuchung, ohne Urteil, ohne Zeugen.
Gestärkt von dem neuen Gedanken, stand er auf, lächelte über die Bücher oben in der Bibliothek und ging in die Stadt hinein, entschlossen, nach Hause zu fahren und um ein Debüt auf dem Königlichen Theater zu bitten.
Jeder Stadtmensch wird einmal in seinem Leben die Lust empfunden haben, als Schauspieler aufzutreten. Das ist wohl der Kulturtrieb, sich zu vergrößern, etwas aus sich zu machen, sich mit andern, größern, erdichteten Personen zu identifizieren, der hier wirkt. Bei Johan, der Romantiker war, sprach auch das Verlangen mit, vorzutreten und zum Volke zu sprechen. Er glaubte nämlich, daß er sich seine Rollen wählen könne, und er wußte schon, welche. Daß er, wie alle andern, die Fähigkeit zu haben glaubte, kam wohl von dem Überschuß an unverbrauchter Kraft, den der Mangel an körperlicher Arbeit hervorbringt, und von dem daraus folgenden Vergrößerungstrieb beim Gehirn, das durch die geistige Überanstrengung unregelmäßig arbeitet. In dem Beruf selbst sah Johan keine Schwierigkeit, erwartete aber Widerstand von anderer Seite.
Vererbung annehmen, weil die Neigung in der Familie gewesen, dürfte vielleicht übereilt sein, da wir eben angenommen haben, daß sich das Verlangen bei den meisten findet. Doch hatte der Großvater väterlicherseits, Bürger von Stockholm, Theaterstücke für eine Liebhaberbühne geschrieben, und ein junger entfernter Verwandter lebte noch als warnendes Beispiel. Dieser letzte war Ingenieur gewesen, hatte in einem großen Eisenwerk gelernt, war an einer Bahn angestellt. Hatte also eine schöne Zukunft vor sich gehabt, aber plötzlich seine Laufbahn abgebrochen und war zum Theater gegangen. Johan erinnerte sich noch, wie in seiner Jugend zu Hause bei dem Verwandten Stücke von Studenten der Technischen Hochschule eingeübt wurden; er hatte auch eine solche Aufführung im Saal eines Restaurants gesehen. Der Schritt des Ingenieurs wurde ein Familienkummer, der sich niemals legte, und der viel bedauerte junge Mann war zu dieser Zeit noch nichts geworden, sondern reiste mit einer namenlosen Provinzgesellschaft umher. Das also war der schwierigste Punkt. — Ja, das ist er, antwortete Johan sich selber, aber ich werde Glück haben! — Warum? Weil er es glaubte. Und er glaubte es, weil er es wünschte.
Man könnte vielleicht die Lust für angeboren halten, weil Johan als Kind viel mit einem kleinen Kindertheater spielte; aber alle Kinder spielen Theater. Er hatte wohl die Lust dadurch bekommen, daß er andere spielen sah. Und das Theater war ja eine unwirkliche, bessere Welt, die einen aus der langweiligen wirklichen herauslockte. Die letzte wäre einem nicht so langweilig vorgekommen, wenn die Erziehung harmonischer, realistischer wäre, nicht so romantisch, wie sie ist.
Genug, der Entschluß war gefaßt. Ohne irgend einem etwas zu sagen, geht er zum Leiter der Schauspielerschule, dem Dramaturgen des Königlichen Theaters.
Als er seine eigenen Worte hörte: ich will Schauspieler werden, schauderte ihn. Es war ihm, als risse er sich angeborene Scnüchternheit ab und tue seiner Natur Gewalt an.
Der Lehrer fragte, was er sei.
— Ich wollte Arzt werden.
— Und eine solche Laufbahn wollen Sie verlassen, um die schwerste und schlechteste von allen zu wählen?
— Ja!
Das sagten alle Schauspieler von ihrer Laufbahn: die schwerste und schlechteste, obwohl sie es so gut hatten. Das geschah nur, um einen abzuschrecken.
Johan bat um Privatstunden, damit er debütieren könne. Der Lehrer wollte gerade aufs Land reisen, denn die Spielzeit war zu Ende; aber er ersuchte Johan, am ersten September wiederzukommen, dann werde das Theater wieder eröffnet und die Direktion sei wieder in der Stadt. Das war eine Verabredung, und er war zufrieden.
Als er auf die Straße hinunterkam, ging er mit aufgesperrten Augen dahin, als sehe er in eine helle Zukunft hinein; den Sieg hatte er selbstverständlich in der Hand, er war bereits davon berauscht und flog, aber mit schwankenden Schritten, die Straße hinunter.
Im Hause des Doktors sagte er nichts, auch allen andern gegenüber schwieg er. Drei Monate lagen vor ihm: in denen wollte er für sich alles lernen, um bereit zu sein. Aber geheim, denn er war schüchtern und feig. Feig vor dem Kummer des Vaters, feig vor der Enttäuschung des Doktors; schüchtern vor der ganzen Stadt, die erfahren würde, daß er sich zum Schauspieler zu eignen glaubte; schüchtern vor dem Hohn der Verwandten, dem Grinsen und Abraten der Freunde. Das war die Frucht der Erziehung: was werden die Menschen sagen? Und die Furcht wurde so übertrieben, daß seine Einbildung die Handlung zu einem Verbrechen machte. Es war ja auch ein Eingriff in den Seelenfrieden vieler Menschen, denn Verwandte, Freunde, Bekannte fühlen ja eine Erschütterung, wenn ein Glied gewaltsam aus der Kette gerissen wird. Das empfand er, darum mußte er die Bedenklichkeiten des Gewissens abschütteln.
Als Debütrollen hatte er sich Karl Moor und Wijkanders Lucidor gewählt. Das war kein Zufall, sondern streng logisch. In diesen beiden hatte er beim Lesen sein Inneres ausgedrückt gefunden, deshalb wollte er in ihren Zungen sprechen. Lucidor, den schwedischen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, faßte er als eine höhere Natur auf, die, durch Armut untergraben, unzufrieden wurde und unglücklich endete. Natürlich eine höhere Natur! In diesen Schwärmereien fürs Theater tauchte auch etwas von dem auf, was er empfunden, als er predigte, als er sich beim Schulgebet empörte; das war der Verkünder, der Prophet, der Wahrheitsager!
Was seine Vorstellungen von der hohen Bedeutung des Theaters noch erhöhte, war die Lektüre von Schillers Vorlesung „Die Schaubühne, als moralische Anstalt betrachtet‟. Sätze wie diese zeigten doch, wie hoch das Ziel war, nach dem er strebte: „Die Schaubühne ist der große Kanal, in dem das Licht der Weisheit von dem denkenden bessern Teil des Volkes herniederströmt, um sich in milden Strahlen über den ganzen Staat auszubreiten.‟ — „In dieser künstlichen Welt träumen wir uns von der wirklichen fort, wir finden uns selbst wieder, unser Gefühl wird geweckt, heilsame Gemütsbewegungen erschüttern unsere schlummernde Natur und treiben unser Blut in raschen Wellen. Der Unglückliche weint hier seinen eigenen Kummer in fremdem aus, der Glückliche wird nüchtern, der Sichere nachdenklich. Der empfindsame Weichling härtet sich zum Mann, der rohe Unmensch beginnt hier erst zu fühlen. Und dann endlich, welch ein Triumph für dich, Natur! — so oft zu Boden getretene, so oft wiederauferstehende Natur! — wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geschlecht wieder aufgelöst, ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlischen Ursprung sich nähern. Jeder einzelne genießt die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum — es ist diese: ein Mensch zu sein!‟
So schrieb der fünfundzwanzigjährige Schiller, und der zwanzigjährige Jüngling unterschrieb es.
Das Theater ist wohl eine Bildungsanstalt für Jugend und Mittelklasse, die sich noch von Schauspielern und bemalter Leinwand täuschen lassen können. Für Ältere und Gebildete ist es ein Vergnügen; besonders die Kunst des Schauspielers nimmt die Aufmerksamkeit gefangen. Darum ist es beinahe eine Regel, daß alte Kritiker unzufrieden und brummig werden. Sie haben die Illusion verloren und lassen keinen Fehler in der Technik durch.
Die neueste Zeit hat das Theater, besonders die Kunst des Schauspielers, bis zum Äußersten überschätzt; darauf ist dann der Rückschlag erfolgt. Die Schauspieler haben nämlich ihre Kunst von der Dramatik losgerissen, indem sie sich einbildeten, auf eignen Füßen gehen zu können. Daher das Sternwesen, die Schauspielerverehrung. Dann kam die Opposition. In Paris, wo man am weitesten gegangen, zeigte sich der Gegenstrom zuerst. Der Figaro rief die Helden am Théatre-Français zur Ordnung und erinnerte sie daran, daß sie die Puppen der Dichter seien.
Daß heute (1886) alle großen europäischen Theater herunterkommen, deutet an, daß die Kunst an Interesse verliert. Die Gebildeten gehen nicht mehr ins Theater, weil der Wirklichkeitssinn sich entwickelt hat und die Phantasie, ein Überrest des Wilden, zurückgeht. Die Ungebildeten haben weder Zeit noch Geld, um ins Theater zu gehen. Dem Varieté, das ergötzt, ohne zu erziehen, scheint heute die Zukunft zu gehören, denn es ist Spiel und gewährt Erholung. Alle bedeutenden Dichter wählen eine andere, geeignetere Form, um die großen Fragen zu behandeln. Ibsens Stücke haben immer ihre Wirkung in Buchform ausgeübt, ehe sie gespielt wurden; und wenn sie gespielt werden, dreht sich das Interesse am meisten darum, wie man sie spielt — also ein Interesse zweiten Grades.
Johan machte den gewöhnlichen Fehlschluß der Jugend, daß er Schauspieler und Dichter vermengte. Der Schauspieler war der Verkünder, und der Dichter war der Verantwortliche, der hinter jenem steht.
Jetzt im Frühling verließ Johan seine alte Stellung als Hauslehrer bei den beiden Mädchen; er hatte also freie Zeit genug, um während des Sommers seine Kunst zu studieren, im geheimen und auf eigene Faust. Er hatte über die Bücher gelächelt, und die ersten, die er jetzt aufsuchte, waren die Bücher. Darin standen die Gedanken und Erfahrungen der Menschen, und mit diesen, von denen die meisten tot waren, konnte er jetzt vertraulich sprechen, ohne verraten zu werden. Er hatte gehört, daß im Schloß eine Bibliothek sei, die dem Staate gehöre und aus der man Bücher leihen könne. Er verschaffte sich eine Bürgschaft und ging ins Schloß. Es war feierlich: viele, viele Bücher standen in den kleinen Zimmern, und grauhaarige, stille Greise saßen da und studierten. Er bekam seine Bücher und ging scheu und glücklich nach Hause.
Er wollte seine Sache gründlich behandeln, ihr auf den Grund gehen, und er war gründlich. Aus Schiller holte er die Äußerung von der tiefen Bedeutung des Theaters; aus Goethe nahm er eine ganze Abhandlung, mit direkten Vorschriften, wie man gehen und stehen, sich halten und setzen, hereinkommen und hinausgehen solle; in Lessings „Hamburgischer Dramaturgie‟ las er einen ganzen Band Theaterkritiken mit den feinsten Beobachtungen. Lessing machte ihm am meisten Hoffnung; der erklärte sogar, das Theater sei durch die Kunst der Schauspieler heruntergekommen und verlangte, man solle mit Dilettanten aus den gebildeten Klassen spielen; die würden die Rollen besser verstehen als die geschulten und oft ungebildeten Schauspieler. Auch las er Remond de Sainte Albine[4], dessen viel zitierte Beobachtungen über Bühnenkunst von großem Wert sind.
Daneben unternahm er praktische Übungen. Zu Hause beim Doktor ordnete er eine Bühne an, wenn die Knaben fort waren. Er übte sich im Auftreten und im Abgang. Inszenierte die ganzen „Räuber‟, maskierte und kostümierte sich als Karl Moor und spielte ihn. Er ging ins Nationalmuseum, um die Gebärden der antiken Skulpturen zu sehen; legte den Spazierstock ab, um sich auf der Straße im freien Gehen zu üben. Seiner Schüchternheit, die ihm beinahe die Krankheit der Platzfurcht zugezogen hatte, tat er Gewalt an: er ging jetzt mit Vorliebe über den nächsten großen freien Platz, wo große Volkshaufen standen. Er turnte zu Hause jeden Tag und focht mit den Schülern. Er gab acht auf jede Bewegung der Muskel; übte sich im Gehen mit hocherhobenem Kopf und vorgestreckter Brust, während die Arme frei herabhingen, die Hand (nach Goethe) lose geballt war, die Finger in einer abnehmenden Reihe schön herabfielen.
Am schlimmsten stand es um die Ausbildung der Stimme, denn er wurde im Hause gehört, wenn er deklamierte. Da kam er darauf, aus der Stadt herauszugehen. Und der Ort, der einzige, wo er ungestört sein konnte, war der große Exerzierplatz im Norden der Stadt. Dort überschaute er die ganze weite Ebene und konnte aus großer Entfernung einen Menschen kommen sehen; dort erstarb der Laut so sehr, daß er sich anstrengen mußte, um sich selber zu hören. Auf die Weise erhielt er eine starke Sprechstimme.
Jeden Tag ging er dort hinaus. Dort raste er gegen Himmel und Erde. Die Stadt, deren Kirchtürme er sehen konnte, war die Gesellschaft, während er hier draußen in der Natur stand. Er ballte die Faust gegen Schloß, Kirchen, Kasernen; schnaubte gegen die Truppen, die ihm bei ihren Manövern oft zu nahe kamen. Etwas Fanatisches lag in seiner Arbeit, und er scheute keine Mühe, um sich seine unbändigen Muskeln gehorsam zu machen.