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Der Sohn einer Magd

18. Die Verbindung Runa. (1870)

Emil Schering translation

Das Upsala der sechziger Jahre weist Zeichen des Endes und der Auflösung einer Periode auf, die man die Boströmsche nennen könnte. In welchem Verhältnis steht das für die Zeit geltende philosophische System zu der Zeit selbst? Das System scheint die Gedanken der Zeit an dem bestimmten Zeitpunkt zusammenzufassen. Der Philosoph macht nicht die Zeit, sondern die Zeit macht den Philosophen. Der Philosoph sammelt die Gedanken seiner Zeit; dadurch kann er auf seine Zeit wirken; darum ist und muß seine Wirkung mit dem Ausgang der Epoche zu Ende sein.

Die Boströmsche Philosophie hatte den Fehler, daß sie schwedisch sein wollte, daß sie zu spät kam, daß sie über ihre Zeit leben wollte. Eine schwedische Philosophie zu schaffen, war ein Unding; damit riß man sich von dem großen Mutterstamm los, der draußen auf dem Festland wächst und nur Samen nach der harten Erde der hyperboräischen Halbinsel sendet. Sie kam zu spät, denn es ist Zeit nötig, um ein System zu schaffen; und ehe das fertig wurde, war die Zeit weitergegangen.

Boström als Philosoph kam nicht wie aus einer Kanone geschossen. Alles Wissen ist Sammelwerk und ist gefärbt von der Persönlichkeit. Boström ist gewachsen aus Kant und Hegel, begossen von Biberg und Grubbe, um schließlich einige ziemlich selbständige Schüsse zu treiben. Das ist alles! Den Grundgedanken selbst scheint er aus Krauses Panentheismus geholt zu haben, dem Versuch, die Kant-Fichtesche Philosophie und die Schelling-Hegelsche auszugleichen. Diesen Eklektizismus hatte man schon Grubbe vorgeworfen. Boström studierte zuerst Theologie, und diese scheint seinen Geist zu binden, als er die spekulative Theologie schreibt. Seine Sittenlehre bekam oder nahm er von Kant. Boström einen originellen Philosophen nennen, ist Lokalpatriotismus. Sein Einfluß erstreckt sich nicht über die Grenzen Schwedens und reicht nicht weiter als bis zum Ausgang der sechziger Jahre. Seine Staatslehre war schon 1865 Altertumskunde geworden, als die Studenten noch, aus Ehrerbietung gegen den Lehrer, in der Prüfung nach seinem Lehrbuch erklären mußten, die Volksvertretung durch die vier Stände sei die einzig vernünftige; später wurde das natürlich gestrichen.

Wie kam Boström auf eine solche Idee? Kann man aus dem zufälligen Umstand schließen, daß er, der Sohn eines armen Mannes aus Norrland, in eine zu nahe Berührung mit König Karl Johan und dem Hof kam, nämlich als Lehrer der Prinzen? Konnte der Philosoph dem Schicksal aller entgehen, in gewissen Beziehungen persönliche Neigungen oder hergebrachte Vorstellungen zu verallgemeinern? Wahrscheinlich nicht. Boström war als Idealist subjektiv, so subjektiv, daß er der Wirklichkeit ein selbständiges Dasein versagte, als er erklärte: „Sein ist wahrgenommen werden‟ (vom Menschen). Die Welt der Erscheinungen bestehe also nur in und durch unsere Wahrnehmung. Der Fehlschuß wurde übersehen, und der war ein doppelter. Das System geht nämlich von einem unbewiesenen Satz (petitio principii) aus und müßte wohl darin berichtigt werden: die Welt der Erscheinungen besteht für uns nur durch unsere Wahrnehmung; das hindert aber nicht, daß sie für sich besteht ohne unsere Wahrnehmung. Durch die Naturwissenschaft ist ja bewiesen, daß die Erde mit einem sehr hohen organischen Leben bestanden hat, ehe ein wahrnehmender Mensch da war.

Boström brach mit dem Christentum der Kirche, behielt aber, gleich Kant und sogar wie die späteren Philosophen der Entwicklung, die Sittenlehre des Christentums. Kant war mitten in dem kühnen Vorgehen seines Gedankens infolge Mangels an psychologischen Kenntnissen stehen geblieben und diktiert ganz einfach den kategorischen Imperativ und die praktischen Postulate. Das Sittengesetz, das ja von der Epoche abhängt und mit ihr wechselt, bleibt weiter ganz christlich „Gottes Gebot‟. Boström stand noch „unter dem Gesetz‟, beurteilte den sittlichen Wert oder Unwert einer Handlung nach dem Motiv; und das einzig befriedigende Motiv ist die „Achtung vor dem unsichtbaren Wesen des Verpflichteten‟, das sich im Gewissen offenbart. Aber Gewissen gibt es ebenso viele wie Religionen und Volksstämme; darum wurde die Sittenlehre ganz unfruchtbar.

Boström fördert die Entwicklung nur, als er 1864 gegen Bischof Beckman im Kampfe um die Höllenlehre auftritt, obwohl diese Lehre schon damals von den Gebildeten mit Hilfe der Neurationalisten verworfen war. Hemmend für die Entwicklung wieder wurde Boström durch seine Schriften: „Der Monarch nicht verantwortlich und heilig‟ und „Sind die Stände des Reiches berechtigt, die sogenannte (!) Änderung der Volksvertretung im Namen des schwedischen Volkes durchzuführen?‟

In seiner Eigenschaft als Idealist wird Boström für das heute (1886) lebende Geschlecht nicht nur bedeutungslos, sondern auch reaktionär. Er ist ein notwendiges Glied einzig und allein in der verwerflichen Reaktionsphilosophie, die so verhängnisvoll und verdunkelnd der Aufklärungsphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts folgt. Er hat gelebt und ist tot! Friede seiner Asche!

Ein anderes Barometer der geistigen Atmosphäre soll die schöne Literatur sein. Um das aber sein zu können, muß sie die Freiheit haben, die Fragen der Zeit behandeln zu können; das erlaubte die damalige Ästhetik aber nicht.

Die Poesie sollte sein und war (nach Boström) ein Spiel, ebenso wie die schönen Künste. Die Poesie wurde unter solchen Verhältnissen und mit der üblichen Philosophie der Ichvergötterung lyrisch; drückte des Dichters kleine persönliche Gefühle und Neigungen aus, spiegelte darum die Zeit nur in gewissen Zügen, die vielleicht nicht die wesentlichsten sind.

Die schwedische Poesie der sechziger Jahre war die der Signaturen. Aber von diesen waren nur zwei von Bedeutung: Snoilsky und Björck. Snoilsky war, um einen Ausdruck des Pietismus zu gebrauchen, „erweckt‟; Björck war „tot‟. Beide waren, wie man zu sagen pflegt, geborene Dichter, das heißt, ihre Anlagen zeigten sich früher als gewöhnlich. Beide machten sich schon in der Schule bemerkbar, kamen früh zu Ehre und Ruhm, sahen durch Geburt und Stellung das Leben von den sonnigen Höhen. Snoilsky war, ohne es zu wissen, von den Geistern der neuern Zeit ergriffen. Von der Furcht vor der Hölle und der Mönchsmoral befreit, es erlebend, wie der Adel seine Vorrechte zurückgeben muß, läßt er Geist und Fleisch frei. Er ist Revolutionär in seinen ersten Gedichten und liebt die phrygische Mütze; er predigt die Lebensfreude des Fleisches, hat einen gewissen Haß gegen die Überkultur als konventionelles Band. Aber als Dichter entging er nicht dem tragischen Geschick des Dichters: nicht ernst genommen werden. Poesie war nun einmal Poesie, und Snoilsky war Poet.

Björck war mit einem Sinn begabt, der für starke Eindrücke nicht empfänglich war. Harmonisch, schlaff, fertig von Anfang an, lebt er sein Leben versunken in inneres Nachdenken; oder er bemerkt nur die kleinen Ereignisse der äußeren Welt und schildert die hübsch und korrekt. Die große Mehrheit, die das harmonische Leben des Automaten lebt, glaubt, seine Poesie atme eine unendliche Liebe zum Nächsten. Warum aber erstreckt sich diese Liebe nicht weiter, nicht über die großen Menschenkreise hinaus, über die ganze Menschheit? Björcks Liebe geht nicht über die persönliche Ruhe hinaus, zu welcher der einzelne gelangt, wenn er die Pflichten von sich fern hält, die das Zusammenleben aufstellt. Er ist mit seiner Welt zufrieden, weil die Welt ihm hold gewesen ist; Kampf darf es nicht geben, weil der die persönliche Ruhe stört. Björck zeigt uns den Glücklichen, dessen Leben nicht im Streit mit seiner Erziehung steht, der vielmehr Stein für Stein auf dem einmal gelegten Fundament aufbaut; alles geht handwerksmäßig nach Wasserwage und Lineal; das Haus wird fertig, wie es gezeichnet ist, ohne daß der Plan eine Änderung erfahren hat. Von Familientyrannei gezähmt, früh Achtung und Bewunderung der Menschen kostend, blieb er im Wachstum stehen. Den Boströmschen Kompromiß mit dem Christentum nahm er ungesehen an; damit hatte er sein Lebenswerk gemacht. Seine Dichtung wird besonders als die reine, die seraphische hervorgehoben. Was ist das Reine, das heute so schroff dem Sinnlichen gegenüber gestellt wird? Er kriegte sie nicht, das ist das Geheimnis; wie sich Dantes himmlische Liebe zu Beatrice aus der gleichen unfreiwilligen Ursache herleitete. Björck besingt also das Unerreichbare, mit der stillen Milzsucht der unbefriedigten Liebe. Aber das war doch keine Tugend, und das Reine sollte ja eine Tugend sein. Hätte er sie nur gekriegt!

Übrigens, wie verhielt es sich mit dem Reinen in den Herzen der Signaturen? Blühte nicht die unanständige Anekdote, wurden nicht die „Bierstuben‟ besucht, das Dekameron übersetzt, „Geranien und Kakamoja‟ von den Signaturen herausgegeben? Alle Menschen sind wohl sinnlich veranlagt, aber es galt damals für unrein, seine Sinnlichkeit zu zeigen; darum mußte sie unterirdischen Abfluß haben. Snoilsky brach mit der Heuchelei und sang sich aus; und Björck verriet sich auch, als er erzählte, wie er die Minderjährige auf der Heimfahrt im Wagen geküßt. Nicht das Kind küßte er, sondern das Mädchen, und das Mädchen in kurzem Kleid. Hans Jaegers Feinde hätten das sicher für unrein, frühreif oder etwas noch Schlimmeres gehalten. Auch gibt es Überlieferungen von der Zeit der Signaturen, daß der seraphischeste von allen seraphischen Dichtern ein stürmisches Leben geführt habe und daß die Engelsflügel erst wuchsen, als das Bocksfell Haare ließ. Sie sangen Wasser, aber sie tranken Wein, wie die Dichter von heute (1886) beschuldigt werden, daß sie Wein singen und Wasser trinken. Immer soll das Leben des Dichters in Mißklang zu seinen Lehren stehen. Warum? Will er beim Dichten sich selbst loswerden und einen andern erfinden? Ist es die Sucht, sich zu verkleiden? Ist es Schüchternheit? Die Furcht vor der Hingabe, vorm Entblößen der Scham? Der künftigen Wissenschaft der Seele ist da eine tüchtige Aufgabe gestellt, das herauszubringen!

Björck sang 1865 beim Reformfest in Upsala; aber die königliche Revolution besingt er. Harmonie sieht er in allem; wenn er von der wiederhergestellten Eintracht zwischen Schweden und Norwegen (1864) singt, ist er lauter Wohllaut. Auch Abraham Lincoln besingt er. Negeremanzipation und weiße Sklaverei: das ist das Freiheitsideal der heiligen Allianz. Revolution, aber gesetzliche Revolution von Gottes Gnaden! Nun, er wußte es nicht besser, und wenige wußten es damals besser. Darum kein Gericht über den Mann, sondern nur ein Urteil über seine Tat, deren Motiv für die Nachwelt gleichgültig ist.

Die Jugend las die Signaturen, viele mit großer Erbauung. Sie verkündeten keine neue Zeit, sondern sie weissagten hinterher: jetzt sei das Tausendjährige Reich gekommen, die Ideale verwirklicht, die Grenzlinie aufgehoben, ein für alle Male aufgehoben. Sie sahen mit Befriedigung auf ihr geschaffenes Werk, rieben sich die Hände und fanden alles gut.

Ein stiller Friede hatte sich 1870 über die ganze Universitätsstadt Upsala gebreitet; jetzt könne man bis zum Jüngsten Tage schlafen, meinte alt und jung. Da aber sind Mißlaute zu hören, und in den Tagen des allgemeinen Friedens gewahrt man Feuerzeichen auf den Bergspitzen der Nachbarn. Von Norwegen signalisert man offnes Wasser, und die Leuchttürme werden angezündet.

Rom nahm Griechenland, aber Griechenland nahm Rom ein. Schweden hatte Norwegen genommen, jetzt aber nahm Norwegen Schweden ein.

Lorentz Dietrichson wird 1861 zum Dozenten der Universität Upsala ernannt, und er ist der Vorbote. Er macht Schweden mit der dänischen und norwegischen Dichtung bekannt und gründet die literarische Gesellschaft, aus der die Signaturen hervorgingen.

Nachdem Norwegen von der dänischen Monarchie losgerissen war und aufgehört hatte, eine Filiale des Hauptkontors von Kopenhagen zu sein, wurde es nicht Schweden aufgepfropft, sondern kehrte bei sich selber ein und eröffnete gleichzeitig eine direkte Verbindung mit dem Festland. Während das Land zur Selbständigkeit erwachte, strömte gleichzeitig ein großer Golfstrom vom Ausland unmittelbar an seine Küsten.

Björnson war es, der Norwegen Selbstgefühl gab, und als das zu beschränktem Patriotismus ausartete, kam Ibsen mit der Schere.

Als dieser Kampf hitziger wird und Christiania sich nicht mehr zum Walplatz hergeben will, wird der Streit ins gastfreundliche Schweden verlegt. Der norwegische Wein, der stark „beschnitten‟ war, eignete sich gut zur Ausfuhr, und die Pamphlete gewannen auf der Reise über Land und wurden in Schweden Literatur. Die Gedanken kamen an die Oberfläche, aber die Persönlichkeiten setzten sich auf den Boden des Gefäßes.

Ibsen und Björnson brachen in Schweden ein; Tidemand und Gude waren Sieger in der Kunstausstellung von 66; Kierulf und Nordraak beherrschten Lied und Klavier.

Björnson begann als Bezauberer; Ibsen als Wecker. „Zwischen den Treffen‟ riß die Stockholmer hin, und ganz mit Recht. Den „Bund der Jugend‟ verstand man infolge der lokalen Anspielungen nicht; ja, man verstand nicht einmal, daß er die neuen Bestrebungen verhöhnte, denn er verhöhnte nicht die schwedischen Verhältnisse. Man hörte munkeln, daß Steensgaard Björnson sein solle und daß der Schauspieler sich porträtgetreu maskiert habe; doch das ging einen nichts an. Den „17. Mai‟ gab man preis, aber man bewunderte Dahlqvist als Aslaksen.

Dann kam „Brand‟. Der war bereits 66 erschienen, kam aber erst 69 in Johans Hände. Er griff tief in sein altchristliches Herz, war aber finster und streng. Das Schlußwort vom Deus Caritatis befriedigte nicht, und der Dichter schien zu viel Sympathie für seinen Helden gehabt zu haben, um ihn nur ironisch dem Untergang überlassen zu können.

Brand machte Johan viel Kopfzerbrechen. Er hatte das Christentum fallen gelassen, aber die schreckliche Moral der Askese beibehalten. Er forderte Gehorsam gegen seine alten Lehren, die nicht mehr anzuwenden waren; er verhöhnte das Streben der Zeit nach Menschlichkeit und Vergleich, schließt aber damit, den Gott des Vergleichs zu empfehlen. Brand war ein Pietist, ein Fanatiker, der gegen die Welt recht zu haben glaubte, und Johan fühlte sich verwandt mit diesem entsetzlichen Egoisten, der obendrein unrecht hatte. Keine Halbheit, nur drauflosgehen, alles niederbrechen, was im Wege steht, denn du allein hast recht! Johans zartes Gewissen, das unter jedem Schritt, den er tat, litt, weil dieser Schritt Vater oder Freunden weh tun konnte, wurde von Brand betäubt. Alle Bande der Rücksicht, der Liebe sollten der „Sache‟ wegen zerrissen werden.

Daß Johan jetzt nicht mehr die ungerechte Sache der Haugianer führte, war ein Glück, sonst wäre auch er beim Bergrutsch untergegangen! Brand aber gab ihm den Glauben an ein Gewissen, das reiner war als das, was die Erziehung ihm gegeben hatte, und ein Recht, das höher stand als das gewöhnliche Recht. Und er brauchte diese Eisenstange in seinem schwachen Rücken, denn er hatte lange Perioden, in denen er sich aus Menschlichkeit selbst unrecht und dem ersten besten recht gab; darum war er auch sehr leicht anzuführen.

Brand war der letzte Christ, der einem alten Ideal nachgab, darum konnte er kein Muster für den werden, der eine dunkle Aufruhrlust gegen alle alten Ideale fühlte.

Das Stück bleibt ein schönes Gewächs, das keine Wurzel in der Zeit hat und darum ins Herbarium gehört.

Dann kam „Peer Gynt‟. Der ist eher dunkel als tief und hat seinen Wert als Gegengift gegen die nationale Selbstliebe. Daß Ibsen nicht verbannt oder verfolgt wurde, nachdem er dem stolzen norwegischen Volk so bittere Dinge gesagt hatte, zeigt, daß man in Norwegen den Streit ehrlicher führte als in Schweden.

Die „Komödie der Liebe‟ wirkte „peinlich‟. Sie leugnete die Liebe und zeigte die Ehe als eine Lebensversicherung für das Weib, das die Prämien mit ihrer Gunst bezahlt. So roh wirkte damals die Wahrheit.

Ibsen galt damals als Menschenhasser und als Björnsons Neider und Feind. Man war in zwei Lager geteilt und der Streit, welcher von beiden der größere sei, hatte kein Ende, denn er handelte über das Problem der Kunst: Inhalt oder Form.

Der Einfluß der norwegischen Poesie auf die schwedische Entwicklung ist groß gewesen und zum Teil sehr wohltuend, doch war darin etwas eigentümlich Norwegisches, das auf Schweden, ein Land mit ganz anderer Entwicklung, nicht anzuwenden war.

In den abgesonderten Tälern Norwegens wohnte ein Volk, das aus Not und Mangel in den Entsagungslehren des Christentums eine fertige Askesephilosophie vorfand, die den Himmel als Entgelt fürs Entbehren versprach. Eine schwere, düstere und karge Natur, ein feuchtes Klima, lange Winter, große Entfernungen zwischen des Dörfern, Einsamkeit — alles wirkte zusammen, um das Christentum in den strengen Formen des Mittelalters zu erhalten.

Es ist auch etwas im norwegischen Charakter, das man geisteskrank nennen könnte, von der Art des englischen Spleens; und wer weiß, ob nicht Norwegens intime Berührung mit dem hypochondrischen Inselvolk Spuren in die Kultur gedrückt hat. In Jonas Lies „Hellseher‟ ist diese Geisteskrankheit dargestellt; da herrscht die gleiche unheimliche Stimmung, die man in den isländischen Sagen trifft. Der Kampf des Geistes gegen das physische Dunkel, gegen die Kälte. Die Schilderung vom traurigen Schicksal des Nordländers, von sonnigen Ländern zu den Wildnissen des Dunkels und der Kälte verwiesen zu sein, das jetzt seine Berichtigung in der Auswanderung sucht; deren ethnographische Bedeutung man vor der wirtschaftlichen vergessen hat. Norwegischer Charakter ist die Frucht von vielen hundert Jahren Tyrannei, ungerechter Behandlung, schwerem Brotkampf, Mangel an Freude.

Diese nationalen Eigentümlichkeiten hätte der Schwede nicht mit in den Kauf nehmen sollen, aber sie haben ihn vernorwegert. In der schwedischen Literatur spukt noch der Dovrealte; Brand läuft mit seinen idealen Forderungen herum, die der romanisierte und heitere Schwede nicht aufrichtig teilen kann. Darum sitzt ihm diese fremde Volkstracht jetzt so schlecht; darum klingt die moderne schwedische Musik so unharmonisch, als ein Nachklang der Geige von Hardanger, die von Grieg neu gestimmt ist; darum erscheint die neue Mundartensucht so übel gewählt; darum schnarrt das Wort von größerer sittlicher Reinheit im Munde des lebenslustigen Schweden. Er hat nicht unter langwieriger nationaler Unterdrückung geseufzt und braucht sich nicht in der Vergangenheit aufzusuchen; er ist in seinem offenen flachen See- und Flußland nicht so düster geworden, und darum kleidet ihn die saure Miene nicht.

Als er dagegen große, neue Gedanken via Christiania oder direkt vom Ausland durch Ibsen und Björnson bekam, hätte der Schwede das Nettogewicht behalten, die norwegische Tara aber lassen sollen. Das „Puppenheim‟ sogar ist norwegisch. Nora ist verwandt mit den isländischen Frauen, die das Matriarchat mitnahmen; gehört zur Familie der unheimlichen herrschsüchtigen Frauen der „Krieger auf Helgeland‟: die sind reine Norwegerinnen, bei denen die Gefühle erfroren oder durch die Familienheiraten der Jahrhunderte verwachsen sind. Die schwedische Frauenliteratur ist norwegisch-norwegisch, mit ihrer unbescheidenen idealen Forderung an den Mann und mit ihrem Verhätscheln der verwöhnten Frau; mehrere junge Schriftsteller haben norwegischen Stil in die schwedische Sprache eingeführt, und eine Schriftstellerin hat schließlich die Handlung nach Norwegen verlegt und den Helden norwegisch sprechen lassen. Weiter kann man nicht gehen!

Ausländisches gern, denn das ist universal; aber nicht Norwegisches, denn das ist provinziell, und das haben wir selbst ebenso gut!

So war er wieder in Upsala, in dieser Universitätsstadt, aus der er vor neun Monaten geflohen, in die er höchst ungern wieder zurückging.

Zu etwas gezwungen werden, was er nicht wollte, machte immer den Eindruck auf ihn, als begegnete er einem persönlichen Feinde, der ihm seine Wünsche und seine Abneigungen ablistete und ihn zwang, sich zu beugen. Da er noch unter Gottes besonderer Aufsicht zu stehen glaubte, nahm er das hin, als diene es zu seinem Besten. Später aber hatte er das Gefühl, es gebe eine böse Macht. Aus diesem Gefühl entwickelte sich dann der Glaube an zwei lenkende Mächte, eine böse und eine gute, die sich in der Herrschaft teilten oder sich ablösten.

Er fragte sich wieder, was hast du hier zu tun? Den Doktor zu machen; vor allem aber den Rückzug vom Theater zu decken. Insgeheim wollte er wohl ein Stück schreiben, um sich unter dem Schutz des Erfolges dem Examen zu entziehen.

In der ersten Zeit fühlte er sich durchaus nicht wohl auf seiner einsamen Bodenkammer. Er war jetzt an Komfort gewöhnt, an große Zimmer, guten Tisch, Bedienung und Gesellschaft. Gewohnt, als Mann behandelt zu werden und mit älteren gebildeten Menschen zu verkehren, konnte er sich schwer darein finden, wieder Student zu sein. Aber er warf sich ins Gewimmel und hatte bald drei verschiedene Verkehrskreise.

Zuerst die Mittagsgesellschaft, die aus Medizinern und Naturforschern bestand. Von ihnen hörte er zum ersten Male den Namen Darwin; dieser Name flog an ihm vorbei wie eine Lehre, für die er noch nicht reif war.

Dann die Abendgesellschaft, die aus einem Theologen und einem Juristen bestand; mit denen spielte er Karten bis tief in die Nächte hinein.

Er glaubte jetzt nur deshalb in Upsala zu sein, um zu wachsen, älter zu werden; und daß es ziemlich einerlei war, was er tat, wenn nur die Zeit verbracht wurde. Er warf jetzt ein Trauerspiel „Erich XIV.‟ nieder. Fand es aber schlecht und verbrannte es, denn die Selbstkritik war erwacht und die Forderungen gewachsen.

Später im Semester kam er in eine dritte Gesellschaft, die dann sein besonderer Kreis wurde für die ganze Zeit in Upsala und noch länger. Zufällig traf er eines Abends einen älteren Kameraden, mit dem er die Privatschule besucht hatte. Sie sprachen von Literatur, und bei einem Glase Grog wurde der Plan entworfen, einige junge Dichter zu einer Gesellschaft zusammenzubringen. Das hieß eine Art Wirkungskreis schaffen.

Der Plan wurde ausgeführt. Außer Johan und dem zweiten Stifter wurden vier junge Studenten gewählt. Es waren vortreffliche Jünglinge, ideal angelegt, wie man sagt; hatten gute Vorsätze und schwärmten für unbekannte Ideale. Sie waren mit den Widerwärtigkeiten des Lebens noch nicht in Berührung gekommen, hatten vermögende Eltern, keine Sorgen und wußten noch nichts vom Kampfe ums Brot. Johan hatte eben die unangenehmsten Verhältnisse verlassen, Menschen gesehen, die sich immer die Zähne zeigten, eingebildete leere Schauspielereleven; jetzt sah er sich in eine neue Welt versetzt. Da gingen die seligen Jünglinge an ihren gedeckten Tisch, rauchten feine Zigarren, machten ihre Spaziergänge, poetisierten schön über das schöne Leben, das sie noch nicht kannten.

Satzungen wurden entworfen und die Verbindung nahm den Namen „Runa‟ an, der Lied bedeutet. Daß man sie Runa nannte, kam wohl von der nordischen Renaissance, die mit dem Skandinavismus gekommen war; von König Karl XV. in der Poesie, von Winge und Malmström in der Malerei, von Molin in der Bildhauerei geadelt wurde und jetzt ebenso schön in Björnsons und Ibsens Dramen aus dem alten nordischen Leben aufgelebt war. Auch trug das Studium der isländischen Sprache dazu bei, das eben an der Universität eingeführt war.

Die Anzahl der Mitglieder sollte höchstens neun sein; jeder erhielt als Bundesbruder eine Rune als Namen. Johan wurde Frö und der zweite Stifter Ur. Alle Richtungen waren vertreten. Ur war ein großer Patriot und verehrte Schweden mit dessen Erinnerungen. Das Land habe die feinste Geschichte von Europa und sei immer frei gewesen. Sonst war er ein realistisch veranlagter Mann, der einen ausgebildeten Sinn für Statistik, Staatswissenschaft, Biographie besaß, ein strenger und geschickter Kritiker der Form war, auch die Verwaltung des Bundes führte. Verläßlicher Freund, guter Gesellschafter, hilfreich und herzlich.

Auch ein vollblütiger Romantiker war da, der Heine las und Absinth trank; ein gefühlvoller Jüngling, der noch für alle alten Ideale schwärmte, aber am meisten für Heine.

Da war ein Seraph, der das unendlich Kleine besang, besonders die Seligkeit der Kindheit.

Da war einer, der still die Natur verehrte.

Schließlich einer, der aus allem das Beste auswählte und improvisierte. Es war ein Kind Israels; seine Fähigkeit, auf eine Aufforderung hin zu improvisieren, war unglaublich; und zwar konnte er es in jeder Tonart. Zwei Minuten nach der Aufforderung stand er auf und sprach aus dem Stegreif wie Anakreon, wie Bellman, wie Horaz, wie die Edda; was es auch sein mochte, auch in fremden Sprachen.

Die erste Zusammenkunft war bei Thurs, dem Improvisator, der am geräumigsten wohnte, zwei Zimmer und die besten Pfeifen hatte. Als einer der Stifter verlas Johan zuerst von allen seine Antrittsrede, die nach den Satzungen in Versen sein mußte. Sie begann mit Brages Harfe, die verstummt sei, und fragte nach dem Barden. Das war das Neunordische, das man jetzt wieder ausgraben zu müssen glaubte. Mit den Worten „das kleinliche Streben der Zeit‟ wurde das ganze Programm der Idealisten bezeichnet. Die große Arbeit der Zeitgenossen für die Wirklichkeit, für Verbesserung der Lebensbedingungen sei kleinlich. Der Geist war in der Materie gefangen; darum sollte die Materie der Feind sein: das waren die Lehren der Romantik.

Dann geht der Dichter hinaus in die Natur, hört die Glocken der Domkirche, den Wind und die Vögel singen, um dann die sehr berechtigte Frage zu tun: Die Natur singt, warum sollte ich denn schweigen? Er beschließt, nicht länger zu schweigen, sondern loszusingen: vom Frühling des Lebens, dem fröhlichen und jungen; vom Herbst des Lebens, von der Liebe zur Heimaterde. Da kommt der weise Mann mit dem erfrorenen Herzen, nimmt sein Lied, zerpflückt es und nennt es Unsinn. Da verstummt der Gesang vor der Überklugheit des Tages.

Jetzt (1886) bestimmt zu sagen, was Johan damals (1870) mit Oberklugheit meinte, ist nicht leicht; aber das waren wohl ganz einfach Vorahnungen künftiger Kritiken; und der weise Mann war wohl niemand anders als der Kritiker.

Dann legt er los gegen die elenden Krämerseelen, die das goldene Kalb anbeten, aber keine Lieder lieben. Ein Zusammenhang mit dem Trachten der Zeit war hier nicht zu finden, denn in den sechziger Jahren herrschte infolge schlechter Ernten großer Mangel an Geld. Schwindel und Unwesen der Aktiengesellschaften begann erst mit den siebziger Jahren. Es war das Programm des Dichters damals, auf das goldene Kalb loszuhacken; darum schlüpfte dieses Stichwort in die Verse hinein.

Die Rede schließt wie üblich mit Tegnérs Epilog bei der Doktorpromotion, wenn auch die Todesgedanken des Einundzwanzigjährigen etwas unbegründet sind:

Ist einst in ferner Zeit das Jugendfeuer im Aug erloschen — schlägt der Puls nur schwach, der Sänger nur ein Schatten noch, ein scheuer — wenn wir dann hören einen Frühlingstag die neue Jugend ihre Lieder singen, hier oben in dem alten Odinshain, sie sollen in Erinnerung uns bringen den frischen frohen jungen „Lied‟-Verein.

Die beiden letzten Reihen enthielten kein Versprechen, hatten überhaupt keinen Sinn. Ein Programm wurde nicht gegeben. Daß das Lied im Norden verstummt sei, schwebte dem Jüngling vor; wie aber der neue Ton lauten sollte, gab er nicht an. Daß er oder die Verbindung neue Lieder beginnen werde, ließ er nicht durchblicken. Eine dunkle Ahnung ist in dem Gedicht, daß sie Epigonen seien. Es spricht nämlich die Besorgnis aus, die Nachwelt werde ihnen keinen Marmor errichten, sie würden verschwinden im Grab des Vergessens. Das Ganze ist eine Mischung von Bescheidenheit und Unverschämtheit, die für den Mann bezeichnend ist.

Ein poetisches Faulenzerleben begann. Jeden Abend kam man zusammen, entweder in der Kneipe oder bei einem Bundesbruder. Aber für einen künftigen Schriftsteller war die Zeit nicht verloren. Johan konnte aus der reichen Bibliothek der Kameraden schöpfen; durch den Meinungsaustausch gewöhnte er sich daran, die Literatur von vielen Gesichtspunkten zu sehen. Doch das Leben, die allgemeinen Interessen, die Politik des Tages, die existierten noch nicht; man lebte in Träumen.

Zuweilen erwachte sein Unterklassenbewußtsein und er fragte sich, was er unter den reichen Jünglingen zu schaffen habe. Doch er beruhigte sein Gewissen durch Rausch und Gespräche; er redete sich Mut ein, weiter zu gehen, etwas vom Leben zu verlangen. Denn er hatte, nach der Ansicht der Kameraden, einen guten Einsatz.

Seine Kammer war schlecht; es regnete durchs Dach, ein Bett war nicht vorhanden: nur eine Pritsche, die am Tage Sofa war. Wenn ihm die Zeit lang wurde und die poetischen Gespräche ihn ekelten, suchte er seinen alten Kameraden, den Naturforscher, auf. Da konnte er durchs Mikroskop sehen, hörte von Darwin und der neuen Weltanschauung sprechen. Dort fand er Rat, praktischen, wohlwollenden; und dieser Freund war es, der ihn ermahnte, für das Königliche Theater einen Einakter in Versen zu schreiben.

— Nein, in einem Akt habe ich keinen Spielraum; dann lieber ein Trauerspiel in fünf.

— Aber das ist schwerer zur Annahme zu bringen.

Schließlich ließ er mit sich sprechen und beschloß, eine kleine Idee auszuführen, die von Thorwaldsens erstem Besuch in Rom handelte. Sein Freund lieh ihm Bücher über Italien, und er begann zu arbeiten.

In vierzehn Tagen war das Stück fertig.

— Das wird gespielt werden, sagte der Freund. Das sind Rollen, siehst du!

Da es bis zur nächsten Zusammenkunft der Verbindung noch weit war, eilte Johan am Abend zu Thurs und Rejd hinauf und las ihnen das Stück vor. Sie waren beide der Meinung des Naturforschers: das Stück werde gespielt.

Und sie schmausten und tranken Champagner; hielten Reden und tranken bis zum Morgen; bis sie auf Rejds Fußboden einschliefen, die Punschgläser neben sich. Sie erwachten in einigen Stunden, leerten bei Sonnenaufgang die halbvollen Gläser und gingen hinaus, um weiter zu feiern.

Die Teilnahme der beiden war herzlich, uninteressiert, warm, ohne eine Spur von Neid. Immer erinnerte sich Johan gern an diesen seinen ersten Erfolg: es war eine seiner besten Jugenderinnerungen.

Der schwärmerische ergebene Rejd vermehrte die Dankbarkeitschuld, indem er mit seiner zierlichen Handschrift das Stück ins Reine schrieb. Dann wurde das Erzeugnis an die Direktion des Königlichen Theaters gesandt.

Der Frühling kam und den Mai verlebte man in einem einzigen Rausch. Die Verbindung hatte eine Klause im „Kleinen Verderben‟ für ihre Abendschmäuse ausersehen. Dort wurde gesprochen, Reden gehalten, unmäßig getrunken.

Schließlich mußte man sich trennen, da die Ferien begannen; verabredete aber, sich noch einmal in Stockholm zu treffen, um durch einen Ausflug ins Grüne den Feiertag der Verbindung zu begehen.

An einem Junimorgen um sechs Uhr versammelten sich die vier Stammbrüder der Verbindung im Hafen von Stockholm, wo ein Ruderboot gemietet war. Die Bundeslade, ein großer Karton, in dem die Akten verwahrt wurden, verstaute man neben Mundvorrat und Flaschenkörben. Nachdem Os und Rejd die Ruder genommen, steuerte man auf den Kanal zu, der durch den Tiergarten führt, um den Bestimmungsort, eine Landzunge auf der Lidinginsel, zu erreichen.

Thurs blies Bellmansche Melodien auf einer Flöte und Frö (Johan) begleitete ihn auf einer Gitarre, die er in Upsala spielen gelernt hatte.

Sobald man gelandet, wurde auf einer Wiese am Strande das Frühstück gedeckt. Mitten auf das Tischtuch wurde die Bundeslade gestellt, mit Grün und Blumen bekleidet; auf die stellte man die Branntweinflasche nebst Gläsern. Johan, der für sein in Griechenland spielendes Trauerspiel griechische Altertümer studiert hat, ordnet die Mahlzeit auf griechische Art: die Gäste essen liegend und bekränzt. Darauf macht man zwischen einigen Steinen ein Feuer und kocht Kaffee. Um neun Uhr morgens wird Kognak und Punsch getrunken.

Johan liest sein religiöses Drama „Der Freidenker‟ vor. Nach der Vorlesung wird es kritisiert. Dann läßt man der Beredsamkeit freien Lauf. Thurs ist der größte Sprecher; er macht Gefühlen und Gedanken in gebundener Form Luft. Gedichte werden vorgelesen und mit Beifall aufgenommen.

Man musiziert. Johan singt zur Gitarre, bald romantische Volkslieder mit weinerlichem Vortrag, bald unanständige Weisen.

Als der Mittag kommt, sind die Geister noch heiß, aber etwas schläfrig.

Am Nachmittage, als die Sonne im Westen steht, hält man einen kurzen Schlummer. Dann wird der Rausch wieder aufgefrischt und geht in einen neuen Abschnitt über. Thurs, das Kind Israels, hat ein Gedicht über die Größe des Nordens vorgetragen und die alten Götter Skandinaviens angerufen. Ur, der Patriot, versagt ihm das Recht, sich andere Götter anzueignen. Man fängt Feuer bei der Judenfrage, Streit droht auszubrechen, es endet jedoch mit Umarmungen.

Jetzt beginnt das sentimentale Stadium. Man muß weinen, denn der Alkohol hat diese Wirkung auf Magenhaut und die Nerven der Tränendrüsen. Ur fühlt das Bedürfnis zuerst, und unbewußt sucht er etwas Trauriges auf. Er bricht in Tränen aus. Man fragt warum. Er weiß es zuerst nicht, schließlich aber findet er, daß man ihn als Bruder Lustig behandelt habe. Er beteuert, daß er eine sehr ernste Natur sei; daß er großen Kummer habe, den niemand kennt. Jetzt aber erleichtert er sein Herz und spricht von einer Familiengeschichte. Nachdem er sich erleichtert hat, wird er wieder froh.

Aber der Abend ist lang, und man sehnt sich nach Haus. Die Gehirne sind leer; man ist einander müde, hat Spiel und Rausch satt. Man wird tiefsinnig und untersucht die Philosophie des Rausches. Woher haben die Menschen diese Sucht, sich wahnsinnig zu machen? Und was liegt dahinter? Ist es des südländischen Auswanderers Sehnsucht nach einem verlorenen sonnigen Dasein? Ein Bedürfnis muß dem Rausch zugrunde liegen, denn eine Unart könnte nicht, ohne einen Sinn zu besitzen, die ganze Menschheit ergriffen haben. Ist es der Gesellschaftsmensch, der im Rausch alle gesellschaftliche Lüge abwirft, denn Verkehr und Staat verlangen unwillkürlich, daß man seine Gedanken nicht ausspricht? Warum liegt sonst die Wahrheit im Wein? Warum verehrten die Griechen Bacchus als einen, der Menschen und Sitten veredelt? Warum liebte Dionysos Frieden und warum sollte er Reichtümer verbreiten? Hat der Wein, der hauptsächlich vom männlichen Geschlecht genossen wird, Einfluß auf die Entwicklung der Intelligenz und Tatkraft des Mannes gehabt, so daß er dem Weib überlegen wurde? Und warum blieb Mohammeds Volk, das nicht Wein trinkt, auf einer Kulturstufe stehen, die für niedriger gehalten wird? Als das Salz der tägliche Nahrungsstoff bei Ackerbauer und Hirt wurde, um die Salze zu ersetzen, welche die früheren Jäger im Blut des Wildes erhielten, konnte da nicht der Wein ein Ersatz gewesen sein für verlorene Nahrungsstoffe? Und für welche? Ein Gedanke oder ein Bedürfnis muß einem so seltsamen Brauch zugrunde liegen. Oder sollte das Bedürfnis, das Bewußtsein zu verlieren, dem Satz der pessimistischen Schule recht geben, daß das Bewußte der Anfang des Leidens ist? Man wird ja naiv, unbewußt wie ein Kind; man wird ja ein Tier vom Wein! Ist es die verlorene Seligkeit, die man wiedergewinnen will? Aber die Reue, die hinterher kommt? Reue und Magensäure haben dieselben Symptome. Ist es etwa eine Verwechslung: wird als Reue empfunden, was nur Magenkrampf ist? Oder bereut der wieder zum Bewußtsein erwachte Trinker, daß er sich am Tage vorher entblößt, seine Geheimnisse verraten hat? Da ist doch etwas zu bereuen! Er schämt sich, daß er sich hat überrumpeln lassen; empfindet Furcht, weil er sich entblößt, die Waffen fortgegeben hat. Reue und Furcht liegen ja nahe beieinander.

Noch einmal ertränkten die Bundesbrüder das Bewußtsein. Dann setzte man sich ins Boot, um nach Hause zu fahren. Jetzt aber gerieten Johan und Thurs in einen Streit über Bellman, der bis zum Hafen von Stockholm dauerte und mit scharfen Wahrheiten schloß.

Einen alten Groll hatte Johan auf Bellman. Als er einst in seiner Schulzeit einen ganzen Sommer krank lag, hatte er aus Vaters Bücherschrank zufällig „Fredmans Episteln‟ von Bellman geholt. Er fand das Buch verrückt, aber er war zu jung, um ein begründetes Urteil zu haben. Später kam es zuweilen vor, daß der Vater sich ans Klavier setzte und Bellmansche Lieder summte. Unbegreiflich, dachte der Knabe, daß Vater und Oheim das so köstlich finden können. Eine Weihnacht brach ein sehr heftiger Streit zwischen seiner Mutter und seinem Oheim über Bellman aus. Der Bruder seiner Mutter stellte ihn über alles, über Bibel, über Predigten. Es sei Tiefe in Bellman. Tiefe! Wahrscheinlich war Atterboms romantische Parteikritik durch die Zeitungen zur Mittelklasse durchgesickert. Als Gymnasiast und Student hatte Johan die Idyllen gesungen, natürlich ohne die Worte zu begreifen oder überhaupt an sie zu denken. Er sang eben mit im Quartett oder Chor, denn es klang lustig. Schließlich hatte er Ljunggrens 1867 verfaßte Vorlesungen in die Hand bekommen, und ein Licht ging ihm auf, aber nicht das, was Ljunggren angesteckt. Das ist Wahnsinn, dachte er. Bellman ist ein Liedersänger, ja meinetwegen; aber ein großer Dichter, der größte Dichter, den der Norden besitzt? Unmöglich!

Bellman hat seine nach französischem Muster zugeschnittenen Lieder vor Hof und Freunden gesungen, aber nicht fürs Volk; das hätte Amaryllis, Tritone, Fröja und die ganze Sippschaft des Rokoko nicht begriffen. Er starb und wurde vergessen. Warum wurde er von Atterbom ausgegraben? Weil die kämpfende Partei, die romantische Schule, eine Verkörperung des Regellosen, das sie den Akademikern gegenüber rühmen wollte, brauchte, da sie sich doch nicht selber rühmen konnte. Dann kam die Schule zur Macht. Wenn man weiß, wie feige die Menschen gegen den Druck einer Ansicht sind; wenn man weiß, wie die Mittelklasse nachäfft und die Autorität verehrt, so wundert man sich nicht mehr, daß Bellman so erhoben wurde. Ljunggren und Eichhorn kamen dann als Forscher und mußten noch mehr Schönheit und Geist als Atterbom finden. Dann übernahm die Geistlichkeit den Kultus, und damit war der Gott fertig. Ja, Byström hatte bereits den kleinen Lotteriesekretär und Hofpoeten zu Dionysos gemacht und ihm die Züge des antiken Bacchuskopfes gegeben.

Johans Opposition richtete sich vor allem gegen den Gott. Dann fand er, als Idealist, Bellmans Humor widrig und unwahr. Kein Trunkenbold, und wenn er noch so groß ist, liegt im Rinnstein und denkt an den Beischlaf seiner Mutter, durch den er zur Welt gekommen ist. Keine Lustpartie macht an einem Sonntagvormittag einen Ausflug, um beim Glockengeläut, im Sonnenschein, den Beischlaf auszuüben. Das ist keine Lebensfreude, denn die gehört der Jugend, und es handelt sich hier um impotente Greise. Darum ist Bellman der Dichter für Grogonkels und der Stammvater des garstigen alten Junggesellen Konjander.

Die Idyllen sind nachlässig, aus dem Ärmel geschüttelt, haben Notreime; hängen so wenig zusammen wie die Gedanken in einem berauschten Gehirn. Man weiß nicht, ist es Nacht oder Tag; der Donner rollt bei Sonnenschein; die Wellen schlagen, wenn das Boot in Windstille liegt. Das ist Text für Musik, und als solchen kann man sogar das Adreßbuch benutzen. Einerlei, was es ist, wenn es nur klingt.

Wie gewöhnlich, nahm Thurs es persönlich. Es war ein Angriff auf seinen guten Geschmack und auf seine Sitten. Johan behauptete nämlich, er heuchle diese Bewunderung nur, er habe sie sich angelesen, sie sei nicht echt. Thurs erklärte Johan für übermütig, weil er den größten Dichter meistern wolle.

— Beweise, daß er der größte ist!

— Tegnér, Atterbom haben es gesagt....

— Das ist kein Beweis!

— Natürlich, Widerspruchsgeist!

— Der Zweifel ist der Gewißheit Anfang, und Sinnlosigkeiten müssen bei einem gesunden Gehirn Widerspruch erregen.

Und so weiter!

Während es kein allgemeines oder allgemein gültiges Urteil gibt, da ja jedes Urteil persönlich ist, so gibt es dagegen Urteile der Mehrheit und der Partei. Johan wurde mit diesen geduckt und schwieg seitdem über Bellman mehrere Jahre lang. Als später der alte Fryxell nachwies, daß Bellman kein Apostel der Nüchternheit gewesen, zu dem ihn Eichhorn und Ljunggren gemacht hatten; auch kein Gott, sondern ein mäßiger Liedersänger, da sah Johan einen Funken von Hoffnung, daß sein persönliches Urteil auch einst das Urteil der Mehrheit werden könne. Da sah er die Frage aber schon von einem andern Gesichtspunkt: Schweden würde weder unglücklicher noch schlechter sein, wenn Bellman niemals gelebt hätte. Da hätte er den Patrioten und Demokraten sagen mögen: Bellman war ein Stockholmer Dichter, ein royalistischer Hofpoet, der mit den kleinen Leuten recht grausam scherzte. Da hätte er den Goodtemplern, die Bellman singen, sagen mögen: Ihr singt Trinklieder, die beim Trinken geschrieben sind und das Trinken besingen.

Persönlich blieb er dabei, daß Bellman angenehm zu singen ist wegen der leichten französischen Melodien; und von der vorurteilsfreien französischen Moral war er durchaus nicht verletzt, im Gegenteil. Jetzt aber mit einundzwanzig Jahren wurde er verletzt, denn er war Idealist und verlangte Reinheit in der Poesie, ganz wie die überlebenden Idealisten und Verehrer Bellmans von heute (1886).

Diese haben sich und ihre Moral unter das Wort Humor gerettet. Was aber meinen sie mit Humor? Ist es Scherz oder Ernst? Was ist denn Scherz? Des Feigen Scheu, seine Meinung zu sagen? Im Humor findet sich die Doppelnatur des Menschen wieder: des Naturwesens Gleichgültigkeit gegen hergebrachte Moral und des Christen Seufzen über das Unmoralische, das doch so lockend, so verführerisch ist. Der Humor spricht mit zwei Zungen: des Satyrn und des Mönches. Der Humorist läßt die Mänade los, glaubt sie aber aus alten schlechten Gründen mit Ruten peitschen zu müssen. Es ist eine Übergangsform, die im Sterben liegt und in den unteren Stadien ihr letztes Leben lebt. Die großen modernen Geister haben die Rute fortgefegt und heucheln nicht länger, sondern sprechen gerade heraus. Die alte Säufersentimentalität kann nicht mehr für gutes Herz gelten, da man entdeckt hat, daß es nur schlechte Nerven sind.

Nachdem man sich müde gestritten hatte, stieg die Verbindung an Land. Es war jetzt helle Sommernacht. Mit Eßkörben und Gitarre, die Bundeslade an der Spitze, zogen sie, als wahre Idealisten, zu Mädchen.

Bei Sonnenaufgang saß die Verbindung am offenen Fenster in der Apfelbergstraße. Man tischte aus den Eßkörben auf, Gitarre und Flöte erklangen wieder, die Lieder des Horaz an Lydien und Chloen wurden rezitiert, und in weichen Betten wurden der Aphrodite Pandemos die Feuer der Liebe entzündet.

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