22. Auflösung. (1872)
Emil Schering translation
Bei Beginn des Frühlings zog Johan mit einem ältern Kameraden zusammen, um die Studien fortzusetzen. Als er die alten Bücher, die er schon so lange studiert hatte, wieder vornehmen sollte, waren sie ihm sofort zuwider. Das Gehirn war voller Eindrücke, hatte dichterisches Material angehäuft und wollte nicht mehr aufnehmen; Phantasie und Gedanke arbeiteten bereits und konnten dem Gedächtnis nicht mehr allein die Herrschaft überlassen. Zweifel und Apathie stellten sich ein; manchmal blieb er den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Oft kam ihm ein Verlangen, alles hinzuwerfen, um in Leben und Tätigkeit hinauszukommen. Aber das königliche Stipendium hielt ihn in Fesseln; legte ihm Pflichten auf; hatte er doch, indem er es annahm, die Hand darauf gegeben, er werde den Doktor machen, der jetzt halb fertig war.
So begann er Philosophie. Als er aber die Geschichte der Philosophie gelesen hatte, fand er alle Systeme in gleichem Maße gültig oder ungültig, und sein Gedanke leistete Widerstand gegen alle fremden Gedanken.
In der Verbindung herrschte Spaltung und Schlaffheit. Man hatte alle seine Jugendgedichte vorgelesen und produzierte nichts Neues; die Sitzungen wurden nur mit Punsch abgehalten. Is hatte sich auch hier bloßgestellt; bei einer Szene mit einem andern Bundesbruder war er auch hier hinausgeworfen worden, hatte sein Messer gezogen und Schläge gekriegt. Er hatte sich unter einer lächerlichen Maske gerettet und war jetzt nur noch ein Gegenstand des Spottes, nachdem man entdeckt, daß seine Weisheit in Referaten aus den Zeitschriften der Studentenschaft bestand, welche die andern nicht zu benutzen wußten.
Bei Beginn des Semesters wurde außerdem vom Professor der Ästhetik ein ästhetischer Verein gegründet, durch den die „Runa‟ überflüssig wurde.
Bei einer Sitzung dieses Vereins kam Johans Empörung gegen die Autoritäten zum Ausbruch. Er hatte nämlich am Abend getrunken und war halbberauscht. Während des Gesprächs mit dem Professor kam man auf brennende Fragen. Johan wurde aus seinen Verschanzungen so weit herausgelockt, daß er erklärte, Dante habe wenig Bedeutung für die Menschheit und werde überschätzt. Johan hatte eine ganze Reihe guter Gründe, konnte sie aber nicht anbringen, als der Professor ihm zusetzte, während der ganze Verein sich um die Streiter scharte und sie in die Ofenecke drängte.
Johan wollte zuerst sagen, die Komposition der „Göttlichen Komödie‟ sei nicht originell, sondern eine sehr gewöhnliche Form, die kurz vorher in der Vision des Albericus angewandt worden. Er wollte behaupten, Dante habe in dieser Dichtung nicht die ganze Bildung und alle Gedanken seiner Zeit geben können, da er so ungebildet gewesen, daß er nicht Griechisch konnte. Dante sei kein Philosoph, da er den Gedanken in die Bande der Offenbarung geschlagen; deshalb sei er auch kein Vorläufer der Renaissance oder der Reformation. Er sei kein Patriot, denn er huldige einem deutschen Kaisertum von Gottes Gnaden; höchstens florentinischer Lokalpatriot. Auch Demokrat sei er nicht, denn er träume immer von einem vereinigten Papst- und Kaisertum. Er habe nicht das Papsttum angegriffen, sondern einige Päpste, die unsittlich gelebt, wie er selbst in seiner Jugend. Er sei ein Mönch, ein wahrhaft beschränktes Kind seiner Zeit, eile ihr nicht einen Schritt voraus, da er ungetaufte Kinder in die Hölle sende. Er sei ein enger Royalist, der Brutus neben Satan in den Brennpunkt der Hölle setze. Ihm fehle jede Selbstkritik, da er unter die schlimmsten Verbrechen Undankbarkeit gegen Freunde und Verrat gegen das Vaterland aufnehme, während er selbst seinen Freund und Lehrer Brunetto Latini in die Hölle befördert und den deutschen Kaiser Heinrich VII. gegen seine Vaterstadt Florenz unterstützt habe. Er habe einen schlechten Geschmack, da er zu den sechs größten Dichtern der Welt Homer, Horaz, Lucian, Ovid, Virgil und — sich selbst rechne. Wie könnten moderne Menschen, die so streng gegen allen Skandal sind, Dante preisen, der durch seine Dichtung so viele lebende Personen und Familien entehrt und seine geliebte Vaterstadt Florenz beschimpft habe, als er unter den Dieben fünf Florentiner von edler Geburt findet.
Wie gewöhnlich, wurde der Streit geführt, indem die Standpunkte, sowohl des Angreifers wie des Angegriffenen, wechselten. Johan wollte dem Professor zeigen, daß von dessen Standpunkt aus die „Komödie‟ ein Pamphlet sei; dann aber sattelte der Professor um und ging zum Standpunkt des Feindes über und meinte, er werde sie doch nicht als Pamphlet mißbilligen. Johan antwortete, diese Bezeichnung gebe er ihr, aber nicht die einer außerordentlichen Dichtung von ewigem Wert, wie der Professor sie in seinem Kolleg genannt habe. Dann schlug der Professor wieder um und wollte die Dichtung von ihrer Zeit aus beurteilt sehen.
— Eben, antwortete Johan, aber Sie haben sie von unserer Zeit und allen künftigen Zeiten aus beurteilt; also haben Sie unrecht gehabt. Aber auch von der eigenen Zeit aus gesehen, wird sie nicht epochemachend, da sie nicht ihrer Zeit vorauseilt, sondern mitten in ihr steht und sogar hinter ihr zurückbleibt. Sie ist ein Sprachdenkmal für Italien, nichts mehr, und dürfte an einer schwedischen Universität nicht gelesen werden, weil die Sprache veraltet ist und — das letzte Wort! — weil sie zu wenig Bedeutung hat, um in die Entwicklungsreihe der Bildung zu gehören.
Ergebnis: Johan wurde für unverschämt und halbverrückt gehalten.
Nach dieser Explosion war er erschöpft und unfähig zur Arbeit. Das ganze Leben in dieser Kleinstadt, in der er sich nicht heimisch fühlte, war ihm zuwider. Die Kameraden ermahnten ihn, sich Ruhe zu gönnen, denn er habe zu viel gearbeitet; das hatte er allerdings.
Wieder entstanden Pläne, drängten sich vor, zeitigten aber keine Folgen. Seine Seele befand sich in Auflösung, schwebte wie ein Rauch, war äußerst empfindlich. Die graue, schmutzige Stadt quälte ihn, die Landschaft peinigte ihn. Er lag auf einem Sofa und sah sich die Illustrationen einer deutschen Zeitschrift an. Der Anblick von Landschaften aus andern Ländern wirkte wie Musik auf ihn; er empfand ein Bedürfnis, grüne Bäume und blaue Seen zu sehen. Er wollte aufs Land hinaus; aber es war erst Februar und die Luft war grau wie Sackleinwand, Straßen und Wege kotig.
Wenn er ganz niedergeschlagen war, ging er zu seinem Freunde, dem Naturforscher. Es erfrischte ihn, dessen Herbarien und Mikroskope, Aquarien und physiologische Präparate zu sehen.
Am meisten erfrischte ihn der stille friedliche Atheist selbst, der die Welt ihren Gang gehen ließ, denn er wußte, daß er mit seinen geringen Kräften mehr für die Zukunft arbeite als der Dichter mit seinen konvulsivischen Anstrengungen. Doch war der Kamerad nicht ganz frei von Künstlertum, denn er malte in Öl. Das interessierte Johan außerordentlich. Eine grünende Landschaft mitten in den Nebeln dieses furchtbaren Winters hinmalen und sie an die Wand hängen zu können: das wäre etwas!
— Ist malen schwer? fragte er.
— Nein, behüte, es ist leichter als zeichnen. Versuch es nur!
Johan hatte schon ohne Bangen ein Lied für Gitarrebegleitung komponiert: er hielt also das Malen für nicht so unmöglich. Er lieh sich Staffelei, Farben, Pinsel. Dann ging er nach Hause und schloß sich ein. Aus einer illustrierten Zeitung nahm er eine Zeichnung, die eine Schloßruine vorstellte; die kopierte er. Als er die blaue Farbe wie ein klarer Himmel wirken sah, wurde er sentimental. Als er dann grüne Büsche und eine Wiese hervorzauberte, wurde er unaussprechlich glücklich, als habe er Haschisch gegessen.
Der erste Versuch war gelungen. Dann aber wollte er ein Gemälde kopieren. Das ging nicht. Alles wurde grün und braun; er konnte seine Farben nicht auf den Ton des Originals stimmen. Da verzweifelte er.
Eines Tages, als er sich eingeschlossen hatte, hörte er, wie ein Besuch mit dem Kameraden im äußern Zimmer sprach. Sie flüsterten, als sprächen sie von einem Kranken.
— Jetzt malt er auch noch! sagte der Kamerad in einem sehr niedergeschlagenen Ton.
Was sollte das bedeuten? Hielten sie ihn für gestört? Ja, jetzt verstand er es. So war es. Er dachte über sich selbst nach und kam zu der Schlußfolgerung wie alle Grübler, er sei gestört. Was war da zu machen? Wenn man ihn einsperrte, würde er verrückt werden; davon war er überzeugt. Besser ist, dem zuvorkommen, dachte er. Er erinnerte sich, daß man in seiner Gegenwart einst von einer Privatirrenanstalt auf dem Lande gesprochen hatte, und er schrieb an den Vorsteher.
Nach einiger Zeit erhielt er eine freundliche Antwort, in der er ermahnt wurde, ruhig zu sein. Der Briefschreiber habe sich bei Kameraden nach Johan erkundigt und kenne jetzt seinen Seelenzustand. Das sei eine Krisis, die alle empfindlichen Naturen durchmachten usw.
Also diese Gefahr war überstanden. Aber er wollte ins Leben hinaus, wohin es auch sei.
Eines Tages sieht er, daß eine herumreisende Theatergesellschaft nach der Stadt gekommen ist. Er schreibt einen Brief an den Direktor und ersucht um ein Debüt. Erhält keine Antwort und macht keinen Besuch.
So wurde er hin- und hergeworfen, bis schließlich das Schicksal kam und ihn befreite. Drei Monate waren vergangen und die Hofverwaltung ließ nichts von sich hören. Die Kameraden rieten ihm, an den Hofmarschall zu schreiben und höflich zu fragen, wie es sich mit dem Geld verhalte. Das tat er und bekam diese Antwort: „Es ist nie von einer regelmäßigen Unterstützung die Rede gewesen, sondern Seine Majestät haben die Gratifikation nur für einmal erteilt. Jedoch mit Rücksicht auf Ihre bedrängte Lage geruhen Majestät, noch einmal 200 Kronen zu bewilligen, die gleichzeitig abgehen.‟
Zuerst freute sich Johan, denn jetzt war er frei; dann aber beunruhigte ihn diese Wendung der Sache, da in den Zeitungen gestanden hatte, er sei Stipendiat; auch war das Stipendium ja tatsächlich vom König für „die Jahre‟ versprochen worden, die er noch zum Doktorexamen brauchte. Auch hatte ja der Hofmarschall mit der Zukunft gewinkt, die man doch nicht mit 200 Kronen machen konnte. Man dachte hin und her über die Ursache. Die einen hielten es für wahrscheinlich, der König habe die Sache vergessen; andere, seine wirtschaftliche Lage erlaube es ihm nicht; man wußte nämlich, daß sein guter Wille nicht immer im Verhältnis zu seinem Können stand.
Niemand sprach seine Mißbilligung aus; und Johan war froh in seiner Seele, hätte nicht eine gewise Blamage darin gelegen, daß das Stipendium eingezogen wurde: man konnte ihn ja verdächtigen, er habe nur damit geprahlt. Die an eine „Ungnade‟ glaubten, schrieben diese dem Umstand zu, daß Johan es versäumt hatte, dem König seine Aufwartung zu machen, als er Weihnachten und Neujahr in Stockholm war. Andere schoben die Schuld darauf, daß er seine gedruckte Tragödie „Das sinkende Hellas‟ nicht förmlich überreicht, sondern ganz einfach ins Schloß geschickt hatte; aber seine Geradheit hatte ihm verboten, selbst hinzugehen.
Zehn Jahre später hörte er eine ganz neue Deutung der „Ungnade‟. Er sollte nämlich ein Schmähgedicht auf den König verfaßt haben! Aber diese Geschichte war eine „reine‟ Dichtung, wahrscheinlich die einzige, die der übel bekannte Gewährsmann der Nachwelt geschenkt hat.
Die Tatsache blieb bestehen, und jetzt war der Entschluß bald gefaßt. Er wollte nach Stockholm fahren, um Schriftsteller zu werden, wenn möglich Dichter, falls sich seine Begabung als stark genug erwies.
Der Zimmergenosse nahm es auf sich, ihm den Rückzug zu decken; der schützte vor, Johan müsse einige Zeit in Stockholm weilen, damit der Wirt nicht unruhig wurde und Johan die Miete, die erst am Schluß des Semesters zu bezahlen war, währenddessen zusammenbringen konnte.
Ein Abschiedsfest wurde gehalten. Johan dankte seinen vielen Freunden, indem er die Verpflichtungen, die jeder gegen seinen Verkehr hat, anerkannte, da sich eine Persönlichkeit nicht aus sich selbst entwickelt, sondern aus jeder andern Seele, mit der sie in Berührung kommt, einen Tropfen saugt; wie die Biene aus Millionen Blüten ihren Honig sammelt, den sie doch selbst umschmilzt und als ihren ausgibt.
So fuhr er ins Leben hinaus, fort aus Träumen und vergangenen Zeiten, um in seiner eigenen Zeit und in der Wirklichkeit zu leben. Aber schlecht war er vorbereitet; die Universität war nicht die Schule fürs Leben. Er hatte auch das Gefühl, die Stunde der Entscheidung sei da. In einer schlecht ausgeführten Rede nannte er das Fest einen Abschiedsschmaus, den man dem Bräutigam vor der Hochzeit gibt; denn jetzt solle er Mann werden und die Knabenjahre hinter sich lassen; sich in die Gesellschaft einordnen, ein nützlicher Bürger werden, sein eigenes Brot essen.
So glaubte er damals, aber er sollte bald finden, daß die Erziehung ihn untauglich für die Gesellschaft gemacht hatte. Und als er sich nicht darein fand, ein Ausgestoßener zu sein, erwachten seine Zweifel, ob nicht die Gesellschaft, zu der doch Schule und Universität gehören, auch eine Schuld an seiner Erziehung habe; ob nicht die Gesellschaft Gebrechen habe, die geheilt werden müssen.