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Der Sohn einer Magd

10. Charakter und Schicksal.

Emil Schering translation

Die Zeit hatte sich zusammengenommen und war lebhaft geworden. Die Ausstellung von 1866 war eine Neuheit und außerdem eine Äußerung von realistischem Skandinavismus. Die Eröffnung des Nationalmuseums, Dietrichsons Vorlesungen, die Bildung des Kunstvereins gab der Ästhetik einen neuen Impuls. Die Wahlen von 1867 waren eine Überraschung, welche die ganze Nation zum Nachdenken veranlaßte, denn die Reform hatte die Gesellschaft so gründlich umgekehrt, daß der Bodensatz nach oben kam.

Schwache Dünungen waren in der höchsten Klasse der Lehranstalt zu merken, wo sich jetzt junge Männer für allgemeine Fragen interessierten. So war die schwarze Tafel eines Morgens mit Namen vollgeschrieben. Der Direktor, der die Morgenzeitung noch nicht gelesen hatte, fragte, was diese Liste zu bedeuten habe. Es waren die Stockholmer Wahlen zur Zweiten Kammer. Darauf gab der Direktor einen Überblick über die Zusammensetzung der Kammer, äußerte Befürchtungen, ob die neue Volksvertretung auch von Nutzen für Land und Reich werden könne.

Man begann schon Unrat zu wittern; und die Begeisterung war vorüber.

Die Klasse war auch eingeteilt in Freihändler oder Schutzzöllner.

Eifrig wurde die Fräuleinreform besprochen. Johan hielt diese Reform für gut. Hatte er doch eben gesehen, wie drei alte Fräulein sich die Haare rauften und in feiner Gesellschaft den „Zeitgeist‟ verfluchten, weil der ehrlichen Leuten das nehme, was ihre Väter ehrlich erworben. Die Reform nahm aber den Fräulein nichts, denn sie durften ihren Titel behalten, gab nur allen das gleiche Recht. Es verhielt sich mit dem Titel ebenso wie mit der Seligkeit. Niemand schätzte ihn mehr, als er allen erlaubt wurde.

— Dann wird man die Mägde auch Mamsell nennen, schrie ein Fräulein.

— Mindestens, antwortete Johan.

Aber diese Reform ließ noch auf sich warten, aus unbekannten Gründen. Die Mägde sollten natürlich Fräulein genannt werden, aber man konnte sie zuerst wenigstens zu Mamsells erheben, damit sie nicht lächerlich gemacht würden.

Das Freidenkertum nahm an Ausdehnung zu. Johan hatte es nach der Predigt als einen Beruf, eine Pflicht empfunden, die neue Lehre auszubreiten und für sie einzutreten. Er begann also vom Morgengebet fortzubleiben und blieb in der Klasse sitzen, während die andern in den Betsaal zogen.

Der Direktor kam, um ihn und seine Mitschuldigen hinauszutreiben. Johan antwortete, seine Religion verbiete ihm, an einem fremden Kult teilzunehmen. Der Direktor berief sich auf Gesetze und Verfassung. Johan antwortete, die Juden brauchten am Gebet nicht teilzunehmen. Der Direktor bat ihn schön, des Beispiels wegen doch zu kommen. Er wolle doch kein schlechtes Beispiel geben. Der Direktor bat herzlich, freundlich; berief sich auf alte Bekanntschaft. Johan gab nach. Aber er sang die Kirchenlieder nicht mit und seine Kameraden auch nicht. Da geriet der Direktor außer sich und hielt eine Strafpredigt; nannte Johan bei Namen und schmähte ihn. Johan antwortete damit, daß er einen Streik organisierte.

Er und Gleichgesinnte kamen regelmäßig so spät zur Schule, daß das Gebet aus war, wenn sie anlangten Kamen sie doch zu früh, blieben sie im Flur sitzen und warteten. Dort beim Holzkasten trafen sie Lehrer, mit denen sie von diesem und jenem plauderten. Der Direktor entdeckte dies. Um die Aufrührer zu zermalmen, ließ er, sobald das Gebet zu Ende ging, während die Schule hoch versammelt war, die Tür zum Flur öffnen und die Revolutionäre hereinrufen. Diese defilierten mit frechen Mienen und unter einem Schauer von Schelte durch den Gebetsaal, aber ohne dort zu bleiben. Schließlich wurde ihnen dies zur Gewohnheit: aus freien Stücken traten sie ein und nahmen die Schelte hin, wenn sie durch den großen Gebetsaal zogen.

Der Direktor begann Johan zu grollen und gab zu verstehen, daß er ihn durchs Examen fallen lassen wolle. Johan setzte hart gegen hart und arbeitete Nächte und Tage.

Die theologischen Stunden arteten jetzt zu Disputationen mit dem Lehrer aus. Der war Geistlicher und Atheist. Zuerst machten ihm die Antworten Spaß, dann aber wurde er müde und befahl, nach dem Lehrbuch zu antworten.

— Wie viele Personen sind in der Gottheit?

— Eine!

— Aber was sagt Norbeck?

— Der sagt drei!

— Dann sagen Sie auch drei!

Im Elternhause war es still. Johan wurde in Ruhe gelassen. Man sah, er war verloren, und es war zu spät, auf ihn einzuwirken. An einem Sonntag machte der Vater einen Versuch im alten Stil, bekam aber Bescheid.

— Warum gehst du nie mehr in die Kirche? fragte er.

— Was habe ich dort zu tun?

— Eine gute Predigt ist immer von Nutzen.

— Predigten kann ich selbst machen.

Schluß!

Die Pietisten ließen einen Geistlichen für Johan in der Bethlehemskirche beten, als sie ihn an einem Sonntagvormittag in Scharfschützenuniform gesehen hatten.

Im Mai 1867 bestand er die Studentenprüfung.

Sonderbare Dinge kamen an den Tag. Da waren Kerle mit Bart und Brille, welche die Halbinsel Malakka Sibirien nannten und die ostindische Halbinsel für Arabien hielten. Leute bekamen das Zeugnis in Französisch, die eu wie y aussprachen und die Hilfsverben nicht konjugieren konnten. Es war unglaublich. Johan selbst war der Meinung, er sei vor drei Jahren stärker in Latein gewesen. In Geschichte wäre jeder durchgefallen, wenn man nicht von den Fragen Wind bekommen hätte. Man hatte zu viel gearbeitet und zu wenig gelernt. Kompendien in allen Stoffen hätten mehr genützt; mit denen hätte man die Studentenprüfung in der vierten Klasse machen können. Aber es war mit der Studentenprüfung und ist es noch heute, wie mit der Seligkeit und dem Fräuleintitel: sie verliert allen Reiz, wenn sie Gemeingut wird; dann aber würde sie reizvoller für alle und viel nützlicher sein.

Die Prüfung endete mit einem Gebet, das von einem Freidenker gesprochen wurde; der stockte beim Vaterunser; das schrieb man aber fälschlich seiner Erregung zu.

Als Johan am Abend Student war, zogen die Kameraden mit ihm in die Stadt hinein, um ihm eine weiße Mütze zu kaufen. (Er selbst hatte nie Geld.) Dann ging er nach dem Kontor, um dem Vater eine Freude zu machen. Johan traf ihn im Flur; er war im Begriff, nach Hause zu gehen.

— Also, bestanden? fragte der Vater.

— Ja!

— Und du hast schon die Mütze?

— Die habe ich auf Kredit gekauft!

— Geh zum Kassierer, dann kannst du sie bezahlen.

Dann trennten sie sich. Kein Glückwunsch, kein Händedruck. Nun, es war die Isländernatur des Alten, keine zärtlichen Gefühle äußern zu können.

Als Johan nach Haus kam, saßen alle am Abendtisch. Er war fröhlich und hatte Punsch getrunken. Aber seine Freude verstimmte. Alle schwiegen. Die Geschwister gratulierten nicht. Da wurde er verstimmt und schwieg selbst.

Als er vom Tische aufstand, ging er sofort wieder weg, in die Stadt, zu den Kameraden. Da herrschte Freude. Kindliche, dumme, übertriebene Freude, mit allzu großen Hoffnungen.

Im Sommer gab er Stunden in großem Stile, indem er zu Hause wohnte. Mit dem Geld wollte er im Herbst nach der Universität Upsala fahren, um den Doktor zu machen. Der Geistliche lockte ihn nicht mehr; der lag hinter ihm; auch war es gegen sein Gewissen, den Eid als Geistlicher abzulegen.

Diesen Sommer war er zum ersten Male bei einem Mädchen. Er fühlte sich enttäuscht, wie so viele andere. — Das war also alles! — Seltsam war, daß es gegenüber der Bethlehemskirche geschah. Aber warum war es nicht früher geschehen; dann wären ihm so viele qualvolle Jahre erspart, soviel Kraft erhalten geblieben. Als es geschehen war, kam eine große Ruhe über ihn; er fühlte sich gesund und froh, als habe er eine Pflicht erfüllt.

Im Herbst fuhr er nach Upsala. Die alte Grete packte ihm die Reisetasche, in die sie Kochgeschirr und Gedeck legte. Darauf zwang sie ihn, fünfzehn Kronen von ihr zu leihen.

Vom Vater erhielt er eine Tasche mit Zigarren und die Aufforderung, sich selber zu helfen.

Achtzig Kronen besaß er selbst; die hatte er sich durch Stunden erworben; mit denen wollte er das erste Vierteljahr auskommen.

Die Welt stand ihm jetzt offen. Die Eintrittskarte hatte er in der Hand. Blieb nur übrig, hinein zu kommen. Nur!

„Des Menschen Charakter ist sein Schicksal‟, war zu dieser Zeit eine beständige und sehr gebilligte Redensart. Jetzt, da Johan in die Welt hinaus sollte, um sein Schicksal zu machen, wandte er viele freie Stunden darauf an, sein Horoskop aufzustellen, indem er von seinem Charakter ausging. Er glaubte nämlich, sein Charakter sei fertig. Die Gesellschaft ehrt mit dem Namen Charakter die, welche ihre Stellung gesucht und gefunden, ihre Rolle übernommen, gewisse Gründe für ihr Betragen ausgedacht haben und nun automatisch danach handeln.

Ein sogenannter Charakter ist eine sehr einfache mechanische Einrichtung; er sieht die so äußerst verwickelten Verhältnisse des Lebens nur von einem Gesichtspunkt; er hat sich entschlossen, für sein Leben eine und dieselbe Ansicht über eine bestimmte Sache zu haben. Um sich nicht der Charakterlosigkeit schuldig zu machen, ändert er nie seine Ansicht, wie einfältig oder sinnlos sie auch sein mag. Ein Charakter muß also ein ziemlich gewöhnlicher Mensch sein und was man dumm nennt. Charakter und Automat scheinen zusammenzufallen. Dickens' berühmte Charaktere sind Puppen für Leierkasten und die Charaktere auf der Bühne müssen Automaten sein. Ein gut gezeichneter Charakter ist gleichbedeutend mit einer Karikatur.

Außerdem soll ein Charakter wissen, was er will. Was weiß man denn davon, was man will? Man will oder man will nicht, das ist alles. Sucht man über seinen Willen nachzudenken, hört der Wille gewöhnlich auf. In Gesellschaft und Leben muß man immer die Folgen bedenken, die eine Handlung über einen selbst und andere haben kann, und muß daher überlegen. Wer augenblicklich handelt, ist unklug, selbstsüchtig, naiv, unbewußt. Solche Menschen kommen weiter im Leben, denn sie sehen nicht nach, ob ihre Handlungen andern schaden können, sondern sie sehen nur darauf, welchen Nutzen die Handlung für sie selbst hat.

Johan hatte ja die christliche Gewohnheit angenommen, Herz und Nieren zu prüfen; so fragte er sich jetzt, ob er einen Charakter habe, der für einen Mann passe, welcher seine Zukunft machen will.

Er erinnerte sich, daß die Magd, die er geschlagen, weil sie seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, nach dem Vorfall sagte: — Es ist Charakter in dem Jungen! — Was meinte sie damit? — Sie hatte gesehen, daß er Tatkraft genug besaß, in den Park zu gehen, einen Stock zu schneiden und sie zu bestrafen. Hätte er den gewöhnlichen Weg eingeschlagen und es den Eltern gepetzt, hätte sie ihn wohl für eine Memme gehalten. Die Mutter dagegen, die damals noch lebte, hatte seine Handlung anders beurteilt: sie hatte ihn rachgierig genannt.

Da hatte er also zwei Auffassungen derselben Sache. Er hielt sich natürlich an die, welche die weniger ehrende war, denn an die glaubte er am meisten. Rache? Das war doch Strafe! Hatte er ein Recht zu strafen? Recht? Wer hatte ein Recht? Die Eltern rächten sich ja immer! Nein, sie straften. Sie hatten also ein anderes Recht als er, und es gab zwei Rechte.

Doch, er war wohl rachgierig. Ein Junge vom Klarakirchhof hatte offen gesagt, Johans Vater habe im Halseisen gestanden. Das war eine Beschimpfung der ganzen Familie. Da Johan schwächer als der Junge war, bot er seinen älteren Bruder auf, und beide zusammen übten mit einigen Schneeballen Blutrache aus. Ja, sie übten die Rache noch weiter aus, denn sie prügelten auch dessen jüngern Bruder, der verhältnismäßig unschuldig war, aber großschnauzig aussah.

Das war wohl alte gute Familienrache mit allen ihren Symptomen. Was hätte er denn tun sollen? Dem Lehrer petzen? Nein, das tat er nie. Er war also rachgierig. Das war ein schwerwiegender Vorwurf.

Dann aber dachte er nach. Hatte er sich am Vater gerächt für die Ungerechtigkeiten, die der ihm zufügte, oder an der Stiefmutter? Nein! Er vergaß und zog sich zurück.

Hatte er sich an den Lehrern der Klaraschule gerächt, indem er ihnen Kasten voll Steine zu Weihnachten geschickt? Nein! War er denn streng gegen die andern und war er kleinlich, wenn er ihre Handlungsweise ihm gegenüber beurteilte? Nein, behüte, er war nicht schwer zu behandeln, glaubte leicht und konnte zu allem verleitet werden, wenn er nur nicht Zwang oder Druck fühlte. Kameraden hatten ihm gegen ein Tauschversprechen sein Herbarium, seine Insektensammlung, seine chemischen Apparate, seine Indianerbücher abgelockt. Hatte er sie gemahnt oder sie schikaniert? Nein, er schämte sich, in ihrem Namen, und nahm fürlieb. Am Ende eines Vierteljahrs hatte der Vater eines Schülers vergessen, Johan zu bezahlen. Er schämte sich zu mahnen, und erst ein halbes Jahr später mußte er auf Verlangen seines Vaters die Forderung eintreiben.

Es war ein eigentümlicher Zug bei Johan, daß er sich mit andern identifizierte, im Namen anderer litt, sich schämte. Wenn er im Mittelalter gelebt hätte, würde er sich stigmatisiert haben.

Wenn ein Bruder eine Dummheit oder Geschmacklosigkeit sagte, schämte sich Johan. In der Kirche hörte er einmal einen Chor Schulkinder gröblich falsch singen. Er verbarg sich im Kirchenstuhl und schämte sich sehr.

Er schlug sich mit einem Kameraden, und es gelang ihm, diesem einen starken Stoß gegen die Brust zu versetzen; als er aber sah, wie sich das Gesicht des Jungen vor Schmerz verzog, fing er an zu weinen und reichte ihm die Hand.

Wenn jemand ihn um eine Sache bat, die er höchst ungern tun wollte, litt er in dessen Namen, dessen Wunsch er nicht erfüllen konnte.

Er war so feige, daß er niemand ungehört von sich gehen ließ, aus Furcht vor dem Anblick eines Unzufriedenen. Er fürchtete sich noch im Dunkel, fürchtete sich vor Hunden, Pferden, fremden Menschen. Doch konnte er, wenn's sein mußte, mutig sein; zum Beispiel, als er sich in der Schule auflehnte, obwohl es seine Studentenprüfung kosten konnte; oder als er sich gegen den Vater empörte.

„Ein Mensch ohne Religion ist ein Vieh‟, stand in dem alten Abcbuch. Da man jetzt entdeckt hat, daß die Tiere sehr religiös sind; daß, wer Wissenschaft besitzt, keine Religion braucht; so wird die nützliche Wirkung der Religion sehr herabgesetzt. Indem er stets die Kraft nach außen, in Gott, verlegte, hatte der Jüngling die Kraft und den Glauben an sich verloren. Gott hatte sein Ich geschwächt. Er betete immer und alle Augenblicke, wenn er in Not war. Er betete in der Schule, wenn die Frage an ihn kam; er betete am Spieltisch, wenn die Karten gegeben wurden. Die Religion hatte ihn verdorben: sie hatte ihn zum Himmel erzogen statt zur Erde. Die Familie hatte ihn verdorben: sie hatte ihn für die Familie gebildet statt für die Gesellschaft. Die Schule hatte ihn für die Universität entwickelt statt fürs Leben.

Er war unschlüssig, schwach. Wenn er Tabak kaufen wollte, fragte er den Freund, welche Sorte. Daher fiel er immer in die Hände von Freunden. Das Bewußtsein, beliebt zu sein, nahm ihm die Furcht vorm Unbekannten, und die Freundschaft stärkte ihn.

Noch verfolgten ihn Launen. Eines Tages, als er in Stellung auf dem Lande war, fuhr er nach der Stadt, um von dort aus Fritz zu besuchen. Als er in die Stadt kam, fuhr er nicht weiter, sondern blieb zu Hause bei den Eltern auf einem Bett liegen, indem er stundenlang mit sich kämpfte, ob er zu Fritz hinausfahren solle oder nicht. Er wußte, der Freund erwarte ihn; sehnte sich selber danach, Fritz zu treffen, fuhr aber nicht. Am nächsten Tage fuhr er zurück zu seiner Herrschaft, schrieb einen klagenden Brief an Fritz und suchte sich zu erklären. Aber Fritz wurde böse und verstand keine Launen.

In all seiner Schwäche fühlte er zuweilen einen ungeheuern Fonds von Kraft: dann traute er sich alles zu.

Im Alter von zwölf Jahren sah er ein französisches Jugendbuch, das der Bruder aus Paris mitgebracht hatte. — Das wollen wir übersetzen und zu Weihnachten erscheinen lassen, sagte er. — Sie übersetzten es; dann wußten sie aber nicht, was weiter zu machen sei, und das Buch blieb liegen.

Er bekam eine italienische Grammatik und lernte Italienisch.

Als er in Stellung war, wollte er, da kein Schneider zu erreichen war, ein Paar Hosen ändern. Er trennte die Nähte auf, nähte sie anders wieder zu und plättete mit dem großen Stallschlüssel.

Er flickte auch seine Schuhe.

Wenn er die Geschwister Quartette spielen hörte, war er nie zufrieden mit der Ausführung. Er spürte eine Lust, aufzuspringen und ihnen die Instrumente fortzunehmen, um ihnen zu zeigen, wie es sein mußte.

Wenn er seine Singstimme übte, benutzte er das Cello. Wenn er nur gewußt hätte, wie die Saiten hießen.

Johan hatte die Wahrheit sagen gelernt. Log ein wenig, wie alle Kinder, aus Selbstverteidigung oder auf naseweise Fragen; es machte ihm aber ein brutales Vergnügen, mitten in einer Unterhaltung, wenn man mit der Wahrheit Umstände machte, gerade heraus zu sagen, was alle dachten. Auf einem Ball fragte seine Dame, als er schweigsam war, ob ihm das Tanzen kein Vergnügen mache.

— Nein, durchaus nicht.

— Warum tanzen Sie denn?

— Weil ich dazu gezwungen bin.

Er hatte Äpfel gestohlen, wie alle Knaben, und das bedrückte ihn nicht; er machte kein Geheimnis daraus. Es war ja hergebracht.

In der Schule hatte er niemals Verdrießlichkeiten gehabt. Einmal am letzten Tage des Vierteljahrs hatte er einen Kleiderhaken abgebrochen und alte Schreibhefte zerrissen, aber mit andern zusammen. Er allein wurde bestraft. Es war eine Unart, ein Ausbruch wilder Freude und wurde nicht weiter tragisch genommen.

Wie er jetzt über sich zu Gericht saß, begann er die Urteile anderer Menschen über sich zu sammeln; jetzt erst war er bestürzt über die wechselnden Urteile. Der Vater hielt ihn für hart; die Stiefmutter für boshaft; die Brüder für sonderbar; die Mägde hatten ebenso viele Urteile, wie ihre Zahl war; die letzte hatte ihn gern, war der Meinung, die Eltern behandelten ihn schlecht und er sei nett; die Freundin hielt ihn zuerst für gefühlvoll; der Ingenieur zuerst für ein liebenswürdiges Kind; Freund Fritz für einen Kopfhänger, aber voller Wildheiten; nach den Tanten hatte er ein gutes Herz; nach Großmutter hatte er Charakter; seine Geliebte, die eine Kellnerin war, vergötterte ihn natürlich; die Lehrer in der Schule wußten nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollten; gegen die schroffen war er schroff, gegen die freundlichen freundlich. Und die Kameraden? Die sagten es nie; Schmeichelei war nicht gebräuchlich, dagegen Schelte und Schläge, wenn's nötig war.

Johan fragte sich jetzt, ob er ein so vielseitiger Mensch sei, oder ob die Urteile so vielseitig waren. War er falsch? Zeigte er sich anders gegen die einen als gegen die andern? Ja, und davon hatte die Stiefmutter Witterung. Sie sagte immer, er tue schön, wenn sie etwas Gutes über ihn hörte. Ja, aber alle taten schön. Sie, die Stiefmutter, war freundlich gegen ihren Mann, hart gegen die Stiefkinder, weich gegen ihr eigenes Kind, war demütig gegen den Hauswirt, hochmütig gegen die Mägde, knickste vor dem Geistlichen, lächelte die Mächtigen an, grinste über die Ohnmächtigen.

Das war das Gesetz der Anpassung, das Johan noch nicht kannte. So waren die Menschen; es war ein Trieb, sich anzupassen; der war berechnet, konnte aber auch unbewußt, eine Reflexbewegung sein. Wie ein Lamm gegen seine Freunde, wie ein Löwe gegen seine Feinde.

Wann aber war man wahr? Und wann war man falsch? Wo war das Ich zu finden? Das der Charakter sein sollte? Es war nicht auf der einen noch auf der andern Seite: es war auf beiden. Das Ich ist kein Selbst; es ist eine Menge Reflexe, ein Komplex von Trieben und Begierden, von denen bald die einen unterdrückt, bald die andern losgelassen werden!

Der Komplex des Jünglings war, durch viele Kreuzungen des Blutes, streitende Elemente im Familienleben, reiche Erfahrungen aus Büchern, bunte Erlebnisse im Leben, ein ziemlich reiches Material, aber ungeordnet. Er suchte noch seine Rolle, da er seine Stellung noch nicht gefunden hatte; darum fuhr er fort „charakterlos‟ zu sein.

Er war noch nicht dazu gekommen, sich zu entscheiden, welche Triebe zu unterdrücken seien und wieviel vom Ich für die Gesellschaft geopfert werden müsse, in die er jetzt eintreten sollte.

Hätte er sich selber sehen können, würde er erkannt haben, daß die meisten Worte, die er sprach, den Büchern und den Kameraden entlehnt waren; seine Gebärden Lehrern und Freunden; seine Mienen Verwandten; seine Natur Mutter und Amme; seine Neigungen dem Vater, dem Großvater vielleicht. Sein Gesicht trug keine Züge, weder von der Mutter noch vom Vater. Da er weder den Vater der Mutter noch die Mutter des Vaters gesehen hatte, konnte er über seine Ähnlichkeit mit diesen beiden nicht urteilen. Was hatte er denn von sich selbst und in sich selbst? Nichts! Aber zwei Grundzüge waren in seinem Seelenkomplex, die für sein Leben und sein Schicksal bestimmend wurden.

Der Zweifel! Er nahm die Gedanken nicht kritiklos an, sondern entwickelte sie, verglich sie miteinander. Darum konnte er nicht Automat werden und sich nicht in die geordnete Gesellschaft eintragen lassen.

Empfindlichkeit gegen Druck! Darum suchte er teils den Druck zu verringern, indem er sein eigenes Niveau hob, teils das höhere zu kritisieren, um einzusehen, daß es nicht so hoch steht, also nicht so erstrebenswert ist.

So trat er ins Leben hinaus! Um sich zu entwickeln, und doch immer zu bleiben, wie er war.

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