8. Eisgang.
Emil Schering translation
Die Schule erzog, nicht das Elternhaus. Die Familie ist zu eng und hat zu kleine, selbstsüchtige, antisoziale Zwecke. Treten dann noch obendrein so abnorme Verhältnisse ein wie Wiederverheiratung, so ist es mit der einzigen Berechtigung der Familie zu Ende. Das Kind einer verstorbenen Mutter müßte ganz einfach aus der Familie herausgenommen werden, wenn der Vater sich wieder verheiratet. Damit wären die Interessen aller Teile gewahrt; nicht am wenigsten des Vaters, der vielleicht am meisten leidet, wenn er eine neue Familie bildet. In der Familie gibt es nur einen (oder zwei) Willen, der herrscht, gegen den keine Berufung möglich ist; deshalb ist Gerechtigkeit ausgeschlossen. In der Schule ist eine ständige und wache Jury, die Kameraden wie Lehrer schonungslos beurteilt.
Die Jünglinge begannen ihre Wildheit abzulegen; soziale Instinkte erwachten; man fing an einzusehen, daß die eigenen Interessen gemeinsam durch Ausgleich gefördert werden müßten. Unterdrückung durfte nicht stattfinden, denn der Mitglieder waren genug, um eine Partei zu bilden und sich zu empören. Ein Lehrer, der von einem Schüler schlecht behandelt wurde, konnte am ehesten Gerechtigkeit erlangen, wenn er an die Schüler appellierte. Aber auch die Teilnahme an größeren allgemeinen Angelegenheiten, des Volkes, des Landes, der Menschheit, begannen sich zu zeigen.
Während des deutsch-dänischen Krieges bildete man einen Fonds zum Einkauf von Kriegsdepeschen; die wurden an der schwarzen Tafel angeschlagen, von den Lehrern mit Interesse gelesen und veranlaßten vertrauliche Gespräche, in denen die Lehrer über Ursachen und Entstehung des Krieges sprachen. Man war natürlich einseitig skandinavisch, und die Frage wurde vom Gesichtspunkt der Studententage beantwortet. Für den künftigen Krieg wurde jetzt der Grund gelegt zu einem Preußen- und Deutschenhaß, der schon beim Begräbnis des beliebten Turnlehrers Leutnant Betzholtz einen leisen fanatischen Zug annahm.
Das Jahr 1865 näherte sich. Der Geschichtslehrer, Edelmann und Aristokrat, ein gefühlvoller und freundlicher Mann, suchte die Jünglinge in der Frage der Volksvertretung heimisch zu machen. In der Klasse hatten sich Parteien gebildet; einer von den Söhnen der Sprecher des Herrenhauses, ein Graf S., der allgemein beliebt und geschätzt war, wurde das Haupt der Opposition. Er war von alter deutscher Schwertritterfamilie, aber arm, verkehrte mit seinen Kameraden vertraulich, hatte aber doch ein starkes Geburtsgefühl. An den Tagen vor der letzten Abstimmung hatten die Kameraden geholfen, den geistlichen Stand anzuspeien. Eine Schlacht, eher ein Spiel, entstand in der Klasse, und Tische und Bänke wurden umgeworfen.
Die Sache des Volkes war durchgesetzt. Graf S. blieb aus. Der Geschichtslehrer sprach mit Bewegung von dem Opfer, das Ritterschaft und Adel auf dem Altar des Vaterlandes gebracht hätten, als sie auf ihre Privilegien verzichteten. Der gute Mann wußte noch nicht, daß Privilegien keine Rechte sind, sondern Vorrechte, die man an sich gerissen hat, die aber zurückgenommen werden können, wie Eigentum bei gewissen nicht ganz gesetzlichen Käufen. Der Lehrer bat die Klasse, Mäßigung über den Sieg zu zeigen und die Besiegten nicht zu verletzen. Der junge Graf wurde auch mit ausgesuchter Achtung empfangen, als er wieder in die Klasse eintrat. Aber die Gefühle überwältigten ihn, als er die vielen Unebenbürtigen sah, die jetzt mit ihm auf gleicher Stufe standen, dermaßen, daß er in Tränen ausbrach und hinausgehen mußte.
Johan war in der Politik nicht zu Hause. Die war natürlich als ein allgemeines Interesse vom Elternhaus ausgeschlossen, in dem nur Privatinteressen gewahrt wurden, allerdings auch recht schlecht. Söhne werden erzogen, als sollten sie ihr ganzes Leben lang Söhne bleiben, ohne daß man daran denkt, daß sie einmal Väter werden sollen. Aber Johan hatte seinen Unterklasseninstinkt, der ihm sagte, eine Ungerechtigkeit werde abgeschafft; die obere Fläche senke sich so weit, daß die untere auf das gleiche Niveau kommen konnte. Er war natürlich liberal; da aber der König auch liberal war, so war man zugleich Royalist.
Parallel mit dem starken Gegenstrom, dem Pietismus, lief der neue Rationalismus, aber in entgegengesetzter Richtung. Das Christentum, das man mit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts zur Mythologie verwiesen hatte, war wieder in Gnaden aufgenommen worden; und da die Lehre Staatsschutz genoß, konnten die Söhne der Restauration sich nicht gegen die von neuem eingeimpften Dogmen wehren. Aber 1835 hatte Strauß' „Leben Jesu‟ eine neue Bresche geschlagen, und auch in Schweden sickerte neues Wasser in die vermodernden Brunnen. Das Buch wurde Gegenstand eines Prozesses, aber auf dieser Grundlage wurde dann das ganze moderne Reformationswerk aufgebaut; von selbständigen Reformatoren wie immer, denn die andern reformieren nicht.
Pfarrer Cramér hat die Ehre, der erste gewesen zu sein. Schon 1859 gab er seinen „Abschied aus der Kirche‟ heraus, eine populäre, aber kenntnisreiche Kritik des Neuen Testaments. Er besiegelte seinen Glauben mit der Tat und trat aus der Staatskirche aus, indem er sein Amt niederlegte. Seine Schrift grub am tiefsten, und wenn auch Ignells Bücher mehr von Theologen gelesen wurden, bis zur Jugend gelangten sie nicht.
Im selben Jahre erschien „Der letzte Athener‟ von Victor Rydberg. Dessen Wirkung wurde dadurch sehr abgeschwächt, daß man die Arbeit als literarischen Erfolg begrüßte und auf das neutrale Gebiet der Dichtung verwies. Tiefer griff 1862 Rydbergs „Lehre der Bibel von Christus‟, welche die Theologen zur Götterdämmerung weckte. Renans „Leben Jesu‟, in der Übersetzung von Ignell, packte alle Leute, alte wie junge, wie ein Sturm; und es wurde in der Schule neben Cramér gelesen, was mit der „Lehre‟ nicht der Fall war. Und mit Boströms Angriff auf die Höllenlehre von 1864 waren die Pforten geöffnet für den Rationalismus oder das Freidenkertum, wie es genannt wurde. Boströms eigentlich unbedeutende Schrift wirkte doch außerordentlich durch den großen Namen des Professors der Universität Upsala und frühern Prinzenlehrers, den der mutige Mann aufs Spiel setzte; und den niemand nach ihm aufs Spiel gesetzt hat, seit es keine Ehre mehr ist, Freidenker zu sein oder für die Freiheit des Gedankens und dessen Rechte zu arbeiten.
Genug, alles war bereit, und nur ein Hauch war nötig, um das Kartenhaus des Jünglings umzustoßen. Da kam ein junger Ingenieur auf seinen Weg. Der war sogar Mieter im Hause der Freundin. Der beobachtete Johan lange, ehe er an ihn herantrat. Johan hatte Achtung vor ihm, weil er einen guten Kopf haben sollte; und er war wohl auch etwas eifersüchtig. Die Freundin bereitete Johan auf die Bekanntschaft vor und warnte ihn. Es sei ein äußerst interessanter Mensch, ein brillanter Kopf, aber er sei gefährlich. Johan traf den Mann. Es war ein stark gebauter Wermländer mit groben ehrlichen Zügen; einem kindlichen Lächeln, wenn er lächelte, was nicht oft geschah; eher still als geräuschvoll. Sie waren sofort bekannt.
Am ersten Abend wurden nur einige Hiebe gewechselt. Es handelte sich um Glauben und Wissen.
— Der Glaube müßte die Vernunft töten, meinte Johan nach Krummacher.
— Pfui, sagte der Freund. Die Vernunft ist eine Gabe Gottes, die den Menschen über das Tier erhebt. Soll denn der Mensch sich zu einem Tier erniedrigen, indem er Gottes Gabe verwirft?
— Es gibt Dinge, antwortete Johan (nach Norbeck), die man sehr wohl glauben kann, ohne daß man einen Beweis verlangt. Wir glauben an den Kalender, ohne selbst etwas von den Bewegungen der Planeten zu wissen.
— Ja, antwortete der Freund, wir glauben, wenn wir nicht fühlen, daß unsere Vernunft etwas annimmt. Meine Vernunft hat sich nicht gegen den Almanach erhoben.
— Ja, antwortete Johan, aber zu Galileis Zeit war es gegen alle Vernunft, anzunehmen, daß die Erde um die Sonne läuft. Das ist nur Widerspruchsgeist, sagte man; er will originell sein.
— Wir leben nicht in Galileis Zeit, antwortete der Freund; und es ist gegen die Vernunft unserer aufgeklärten Zeit, an Christi Gottheit und die ewigen Strafen zu glauben.
— Über diese Dinge wollen wir nicht streiten, sagte Johan.
— Warum nicht?
— Die stehen über allem Streit!
— Genau dasselbe habe ich vor zwei Jahren auch gesagt, als ich gläubig war.
— Sind Sie.. Pietist gewesen?
— Ja, das bin ich gewesen.
— Hm! Und Sie haben jetzt Frieden?
— Jetzt habe ich Frieden!
— Wie haben Sie den gefunden?
— Ich lernte durch einen Prediger den Geist des wahren Christentums kennen.
— Sind Sie denn Christ?
— Ja, ich bekenne Christus!
— Aber Sie glauben nicht, daß er Gott war?
— Das hat er selbst nie gesagt. Er nennt sich nur Gottes Sohn, und Gottes Söhne sind wir alle.
Die Freundin kam und brach das Gespräch ab, das, nebenbei gesagt, typisch für religiöse Wortstreite von 1865 war.
Johans Neugier war geweckt worden. Es gab Menschen, die nicht an Christus glaubten und doch Frieden hatten. Nur Kritik aber hätte die alten Götterbilder nicht gestürzt; die Furcht vor dem leeren Raum hielt ihn zurück, bis ihm Parker in die Hand fiel. Predigten ohne Christus und Hölle, das war, was er brauchte. Und so schöne Predigten. Johan las sie äußerst schnell, und es lag ihm am meisten daran, daß Geschwister und Angehörige sie genossen, auf daß sie ihn mit ihrer Mißbilligung verschonten. Er verwechselte nämlich fremde Mißbilligung mit bösem Gewissen; war so gewohnt, andern recht zu geben, daß er in Zwietracht mit sich selbst geriet.
Aber Christus, der Inquisitor, fiel; die Gnadenwahl, das jüngste Gericht, alles stürzte zusammen, als sei es längst reif zum Fallen gewesen. Er war erstaunt, daß es so schnell ging. Es war, wie alte Kleider ablegen und neue anziehen.
Eines Sonntagmorgens ging er mit dem Ingenieur in den Hagapark hinaus. Es war Frühling. Der Hasel blühte und die Leberblümchen waren herausgekommen. Das Wetter war halbklar, die Luft weich und feucht nach einem nächtlichen Regen. Sie sprachen von der Freiheit des Willens. Der Pietismus hatte eine sehr schwankende Auffassung von der Sache. Man hatte keinen freien Willen, Gottes Kind zu werden. Der Heilige Geist würde einen aufsuchen: also Prädestination. Johan hatte wohl den Willen gehabt, bekehrt zu werden, es aber nicht werden können. „Herr, schaff in mir einen neuen Willen‟, hatte er beten gelernt. Wie aber konnte er denn für seinen bösen Willen verantwortlich sein? Durch den Sündenfall, antwortete der Pietist; da der mit freiem Willen begabte Mensch das Böse wählte, wurde sein Wille böse durch Vererbung; böse für alle Zeiten und hörte auf, frei zu sein. Und er konnte diesen bösen Willen nur durch Jesus und durch die Gnadenwirkung des Heiligen Geistes loswerden. Aber von neuem geboren werden, hing nicht von seinem eigenen Willen ab, sondern von Gottes Gnade. Also unfrei. Aber obwohl unfrei, blieb er verantwortlich. Da lag der Fehlschluß.
Der Ingenieur war ein Verehrer der Natur, und Johan auch. Was ist diese Naturverehrung, die heute für so kulturfeindlich gilt? Ein Rückfall in die Barbarei, sagen die einen; eine gesunde Rückkehr von der Überkultur, sagen die andern. Als der Mensch in der Gesellschaft eine Einrichtung entdeckt, die auf Irrtümern und Ungerechtigkeiten beruht; als er einsieht, daß die Gesellschaft gegen kleine Vorteile auf Triebe und Begierden harten Zwang legt; als er die Illusion, er sei ein Halbgott und ein Kind Gottes, durchschaut und findet, daß er ganz einfach eine Tierart ist: flieht er die Gesellschaft, die mit Rücksicht auf den göttlichen Ursprung des Menschen aufgebaut ist, und geht in die Natur, in die Landschaft hinaus. Da fühlt er sich in seinem Milieu als Tier, fühlt sich als Staffage ins Gemälde eingestellt, sieht seinen Ursprung, die Erde, die Wiese; sieht den Zusammenhang der ganzen Schöpfung in lebendem Auszug; die Berge, die Erde geworden; den See, der Regen ward; die Wiese, die zerbröckelter Berg ist; der Wald, der aus Berg und Wasser gestiegen; sieht die Luft, die er und alle lebenden Wesen einatmen, in großen Massen (den Himmel); hört die Vögel, die von den Insekten leben; sieht die Insekten, welche die Pflanze befruchten; schaut die Säugetiere, von denen er selbst lebt. Er ist bei sich zu Hause.
In der heutigen Zeit mit ihrer naturwissenschaftlichen Weltanschauung könnte eine einsame Stunde in der Natur, wo die ganze Entwicklungsgeschichte in lebenden Bildern gezeichnet ist, der einzige Ersatz für einen Gottesdienst sein. Aber die Evolutionsoptimisten ziehen es vor, in einer Gassenhöhle zusammenzukommen, um dort dieselbe Gesellschaft, die sie verachten und bewundern, zu verwünschen. Sie preisen sie als höchste Höhe der Entwicklung, wollen sie aber stürzen, da sie mit dem wahren Glück des Tieres unvereinbar sei. Sie wollen sie umbilden und entwickeln, sagen einige. Aber ihre Umbildung kann nicht geschehen, ohne daß das Bestehende gestürzt wird; und halbe Maßregeln wollen sie nicht. Sehen sie denn nicht, daß die bestehende Gesellschaft eine mißlungene Evolution ist, selber kulturfeindlich, wie zugleich naturfeindlich?
Die Gesellschaft ist wie alles ein Produkt der Natur, sagen sie, und Kultur ist Natur. Ja, aber es ist schlechte Natur; Natur, die sich auf Abwegen befindet, da sie ihrem Zweck, dem Glück, entgegenwirkt.
Diese Naturverehrung des Ingenieurs, des Vorläufers und Zeitgenossen Johans, entdeckte die Mängel der Kulturgesellschaft und bahnte einen Weg für die neue Ansicht von der Abstammung des Menschen. Schon 1859 war Darwins „Abstammung der Arten‟ erschienen, aber noch war sie nicht durchgedrungen, hatte noch weniger blühen und befruchten können. Moleschott wurde damals gepredigt, und Kreislauf der Materie war das Schlagwort. Mit dem und seiner Geologie zerpflückte der Ingenieur die mosaische Schöpfungsgeschichte. Er sprach noch vom Schöpfer, denn er war Theist, und sah dessen Weisheit und Güte in den geschaffenen Werken.
Während sie im Hagapark spazierengehen, beginnen die Glocken in der Stadt zu läuten. Johan bleibt stehen und lauscht: das waren die furchtbaren Glocken von Klara, die seine traurige Kindheit eingeläutet; das waren die von Adolf Friedrich, die ihn in die blutigen Arme des Gekreuzigten getrieben; das war die Johanniskirche, die des Sonnabends der Jakobischule verkündet hatte, daß die Woche zu Ende sei. Ein leiser, südlicher Wind trug das Geläute aus der Stadt, und unter den hohen Kiefern klang es wider, mahnend, warnend.
— Willst du in die Kirche gehen? fragte der Freund.
— Nein, sagte Johan, ich gehe nie mehr in die Kirche.
— Folg nur deinem Gewissen, sagte der Ingenieur.
Zum ersten Male blieb Johan aus der Kirche fort. Er trotzte sowohl dem Gebot des Vaters wie der Stimme seines Gewissens. Er erhitzte sich und legte los gegen Religion und Familientyrannei; er sprach von Gottes Kirche in der Natur; sprach mit Entzücken von dem neuen Evangelium, das Seligkeit für alle, Leben und Glück für alle verkündete. Dann aber verstummte er.
— Du hast ein böses Gewissen, sagte der Freund.
— Ja, sagte Johan, entweder nicht tun, was man bereut; oder nicht bereuen, was man tut!
— Das letzte ist besser!
— Aber ich bereue doch! Bereue eine gute Handlung, denn es wäre unrecht, zu heucheln. Mein neues Gewissen sagt mir, daß ich recht habe; und mein altes Gewissen, daß ich unrecht habe. Ich kann keinen Frieden mehr finden!
Das konnte er auch nicht. Sein neues Ich stand auf gegen sein altes, und sie lebten in Uneinigkeit, wie unglückliche Ehegatten, sein ganzes Leben hindurch, ohne sich trennen zu können.
Die Reaktion gegen das Alte, das ausgerodet werden sollte, brach in heftigen Angriffen hervor. Die Furcht vor der Hölle war fort, Selbstentsagung war Einfalt, und die Natur des Jünglings nahm sich ihr Recht. Als Konsequenz entstand eine neue Moral, die er auf sein Gefühl hin so formulierte: was keinem Mitmenschen schadet, ist mir erlaubt. Er fühlte, der Familiendruck war ihm schädlich und niemandem nützlich: so erhob er sich gegen diesen Druck. Den Eltern, die ihm nie Liebe erwiesen, aber auf Dankbarkeit pochten, weil sie ihm aus Gnade und unter Demütigung sein gesetzliches Recht gaben, zeigte er nun seine wirklichen Gefühle. Sie waren ihm antipathisch: er zeigte ihnen Kälte. Auf die ununterbrochenen Angriffe gegen das Freidenkertum antwortete er frank und frei, vielleicht übermütig. Sein halbgebrochener Wille begann sich zu erheben, und er sah ein, daß er vom Leben Rechte zu fordern habe.
Der Ingenieur, dem man die Rolle des Bösen zuerteilte, wurde verflucht und von der Freundin bearbeitet, die jetzt einen Freundschaftsbund mit der Mutter geschlossen. Der Ingenieur war der Frage nicht auf den Grund gegangen: indem er Parkers Kompromiß annahm, hatte er die Selbstverleugnung des Christentums beibehalten. Man sollte liebevoll und verträglich sein, Christi Beispiel folgen und so weiter. Johan hatte alles fortgeworfen und geriet jetzt in Gegensatz zu seinem Lehrer. Von der Freundin, für die er eine stille Neigung nährte, aufgefordert, über die Konsequenzen seiner Lehren erschrocken, schrieb der Ingenieur diesen Brief nieder. Furcht vor dem Feuer, das er entzündet, Liebe zur Freundin, Freundschaft für den Schüler, aufrichtige Überzeugung hatten den diktiert.
„An meinen Freund Johan!
Wie froh begrüßen wir den Frühling, der uns jetzt mit seiner göttlichen Frische berauscht und mit seinem herrlichen Grün entzückt! Die Vögel stimmen ihre heiteren und leichten Melodien an, Leberblümchen und Anemonen stecken schüchtern ihre Köpfchen heraus, unter den flüsternden Zweigen der Tanne.‟
— Es ist doch merkwürdig, dachte Johan beim Lesen, wie dieser natürliche Mann, der so einfach und wahr spricht, so schwülstig schreiben kann. Dies ist unwahr.
„Welche Brust, sie sei alt oder jung, weitet sich nicht, um die frischen Düfte des Frühlings einzusaugen, die in jedes Herz himmlischen Frieden bringen; eine Sehnsucht, die eine selige Ahnung von Gott und seiner Liebe sein muß. (Dieser Frühlingsduft wird wie ein Atemzug Gottes genossen.) Kann jetzt noch etwas Böses in unserm Herzen wohnen? Können wir nicht verzeihen? O doch! Wir müssen es jetzt, nachdem die Liebesstrahlen der Frühlingssonne die kühlende Schneedecke von Natur und Herz fortgeküßt haben. Wir warten darauf und sehnen uns danach, den schneefreien Boden grünen zu sehen; die guten und liebevollen Taten des guten und warmen Herzens zu begrüßen; Friede und Seligkeit sich durch die ganze Natur verbreiten zu sehen.‟
— Verzeihen? Ja gewiß, wenn man nur sein Benehmen änderte und ihn freigab. Aber man verzieh ja ihm nicht! Mit welchem Recht forderte man dann Nachsicht von seiner Seite? Mit welchem Recht? Es müßte doch gegenseitig sein!
„Johan, Du glaubst in der Natur und durch die Vernunft Gott auf eine bessere Art aufgefaßt zu haben, als Du es bisher getan hast, da Du an Christi Gottheit und die Bibel glaubtest; aber Du begreifst die Idee nicht mit Deinen eigenen Gedanken. Du hast nur den Schatten aufgefaßt, den das Licht hinter einen Gegenstand wirft, aber nicht die Hauptsache, das Licht selbst. Du glaubst, ein wahrer Gedanke wird den Menschen immer veredeln; das ist aber leider nicht der Fall; das merkst du wohl selber in Deinen bessern Augenblicken. Mit Deinen frühern Ansichten konntest Du einen Fehler bei einem Mitmenschen verzeihen; Du konntest eine Sache von ihrer guten Seite auffassen, wenn sie auch böse zu sein schien. Wie aber steht es jetzt? Du bist heftig und bitter gegen eine liebevolle Mutter; Du beurteilst unzufrieden die Handlungen Deines zärtlichen, erfahrenen, grauhaarigen Vaters.‟
— Mit seinen früheren Ansichten konnte Johan nie einen Fehler bei jemandem verzeihen, am wenigsten bei sich selbst; manchmal bei andern; aber das war dumm. Das war ja schlaffe Moral! — Eine liebevolle Mutter? Die liebevoll? Wie kam Axel zu dieser Ansicht? Sie hatten ja die harte Frau zusammen kritisiert! Und einen zärtlichen Vater? Warum sollte er dessen Handlungen nicht beurteilen? Hart gegen hart in Selbstverteidigung! Nicht noch die linke Backe hinhalten, wenn die rechte brennt.
„Früher warst Du ein anspruchsloses, liebenswürdiges Kind; jetzt aber bist Du ein selbstsüchtiger und eingebildeter Jüngling.‟
— Anspruchslos? Doch, das war er sicher; gerade darum wurde er geduckt; jetzt aber fühlte er seine rechtmäßigen Ansprüche! — Eingebildet! Haha! Der Lehrer fühlte sich von dem undankbaren Schüler vernachlässigt.
„Deiner Mutter warme Tränen strömen über ihre Backen...‟
— Meiner Mutter? Habe keine Mutter! Und die Stiefmutter weint nur, wenn sie böse ist! Wer zum Teufel hat das diktiert?
„... wenn sie in der Einsamkeit an Dein hartes Herz denkt...‟
— Was hat sie mit meinem Herzen zu schaffen, da sie einen Haushalt und sieben Kinder zu besorgen hat?
„... und Deinen elenden Seelenzustand...‟
— Das ist ja Pietismus! Meine Seele hat sich niemals so gesund und lebenskräftig gefühlt wie jetzt!
„... und die Brust Deines Vaters springt fast vor Kummer und Sorge...‟
— Das war eine Lüge. Vater ist selber Theist und bekennt Wallin; übrigens hat er nicht Zeit, an mich zu denken. Er weiß, daß ich fleißig und ehrlich bin und nicht zu Mädchen gehe. Er hat mich sogar in diesen Tagen gelobt.
„... Du begreifst nicht die traurigen Blicke Deiner Mutter...‟
— Die hat andere Gründe, denn die Ehe ist nicht glücklich.
„... Deines Vaters liebevolle Warnungen. Du bist wie eine Kluft oberhalb der Schneegrenze, aus der die Küsse der Frühlingssonne den Schnee nicht fortschmelzen noch einige Körner davon in einen Tropfen Wasser verwandeln können.‟
— Er muß Romane lesen. Übrigens war Johan überaus freundlich und weich gegen seine Freunde in der Schule. Aber gegen die Feinde zu Hause war er kalt geworden; das war ihre Schuld.
„Was werden die Menschen denken von Deiner jetzigen Religion, da sie so elende Früchte trägt? Man wird sie verwünschen. (Und Deine Ansichten geben einem unbedingt ein Recht dazu.)‟
— Kein Recht, aber die Veranlassung!
„... Man muß den niedrigen Elenden, der dieses höllische Gift in Dein unschuldiges Kinderherz getan, hassen und verachten.‟
— Da haben wir's. Der niedrige Elende! Er war überflügelt.
„Beweise fortan durch Deine Handlungen, daß Du die Wahrheit nicht so übel auffassest, wie Du bisher getan hast. Denke daran, duldsam zu sein...‟
— Die Stiefmutter!
„... mit Liebe und Milde die Fehler und Mängel Deiner Mitmenschen zu übersehen...‟
— Nein, das wollte er nicht! Sie hatten ihn gequält, bis er log; sie waren in seine Seele gedrungen und hatten gute Saat als angebliches Unkraut herausgerissen; sie wollten sein Ich ersticken, das ebensoviel Recht auf Dasein hatte wie ihres. Sie hatten niemals Nachsicht mit seinen Fehlern gehabt: warum sollte er sie mit ihren haben? Weil Christus gesagt hatte... Er gab nichts mehr darauf, was Christus gesagt hatte; das war nicht mehr anzuwenden. Übrigens kümmerte er sich nicht um die zu Hause; er verschloß sich in sich selbst. Sie waren ihm antipathisch und konnten niemals seine Sympathie gewinnen. Das war alles! Sie besaßen indessen Fehler und wollten seine Verzeihung erhalten! Schön! Er verzieh ihnen! Wenn sie ihn nur in Frieden ließen!
„Lerne dankbar gegen Deine Eltern sein, die keine Mühe (hm!) gescheut haben, um Dich zufrieden und glücklich zu machen.‟
„Daß Deine Liebe zu Gott Deinem Schöpfer, der Dich in dieser veredelnden (hm! hm!) Schule hat geboren werden lassen, um Dich schließlich zu Frieden und Seligkeit zu führen, es dahin bringe, dafür betet trauernd aber hoffnungsvoll
Axel.‟
Ich habe genug von Beichtvätern und Inquisitoren, dachte Johan. Seine Seele war gerettet und er fühlte sich frei. Sie streckten die Krallen nach ihm aus, aber er floh. Der Brief des Freundes war unwahr und gemacht; er fühlte Esaus Hände. Er antwortete nicht, sondern brach den Verkehr mit Freund und Freundin ab.
Sie nannten ihn undankbar. Wer auf Dankbarkeit pocht, ist schlimmer als ein Gläubiger; er gibt erst ein Geschenk, mit dem er prahlt, um dann später die Rechnung zu schicken. Diese Rechnung kann nie bezahlt werden, denn ein Gegendienst soll die Dankbarkeitschuld nicht tilgen können; das ist eine Einschreibung auf die Seele eines Menschen, die nicht bezahlt werden kann und sich übers ganze Leben erstreckt. Nimmst du einen Dienst an, so verlangt der Freund, du sollst dein Urteil über ihn fälschen; seine eignen schlechten Handlungen wie die seiner Frau und seiner Kinder loben.
Aber Dankbarkeit ist ein tiefes Gefühl, das den Menschen ehrt und das ihn erniedrigt. Mögen wir dahin kommen, daß wir für eine Wohltat, die vielleicht nur eine Pflicht und Schuldigkeit war, nicht durch Dankbarkeit gebunden sind.
Johan schämte sich über den Bruch mit den Freunden; aber er fühlte, daß sie ihn zurückhielten und unterdrückten. Übrigens: was hatten sie ihm an Freude des Verkehrs geschenkt, das er ihnen nicht zurückgegeben hätte?
Fritz, so hieß der Freund mit dem Kneifer, war ein kluger Weltmensch. Beide Worte, klug und Weltmensch, hatten damals eine häßliche Bedeutung. Klug sein während der spätromantischen Epoche, als alle etwas gestört waren — das war ein Zeichen der Oberklasse — klug sein war damals gleichbedeutend mit etwas schlecht sein. Ein weltlicher Mensch sein, während sich alle, so gut sie konnten, in den Himmel zu schmuggeln suchten, war noch schlimmer. Fritz war klug. Er wollte sein einziges Leben gut und angenehm leben; Karriere machen und so weiter. Darum suchte er die Vornehmen auf. Das war klug, denn die hatten Macht und Geld. Warum sollte er sie nicht suchen?
Wie er dazu kam, sich um Johan zu kümmern? Vielleicht animalische Sympathie, vielleicht vieljährige Gewohnheit. Interessen konnte Johan nicht fördern, höchstens daß er ihm vorsagte und mit seinen Büchern aushalf. Fritz bereitete sich nämlich niemals vor und kaufte Punsch für das Geld, das für Bücher bestimmt war.
Als Fritz jetzt sah, daß Johan inwendig gesäubert und sein äußerer Mensch präsentabel sei, führte er ihn in seinen Kreis ein. Es war ein kleiner Kreis von teils vermögenden, teils vornehmen jungen Leuten aus der Klasse, in die Johan ging. Der war zuerst etwas schüchtern gegen die netten Herren; bald aber wurde er vertraut mit ihnen. Eines Tages kommt Fritz, um Johan zu erzählen, er sei zu einem Ball geladen.
— Ich auf Ball, bist du verrückt? Dazu tauge ich nicht!
— Solch ein netter Bursche, wie du bist, wird Glück bei den Mädchen machen.
Hm! Da sah er seine Person aus einem neuen Gesichtspunkt. Sollte er — hm? Und zu Hause bekam er nie etwas anderes als Tadel zu hören!
Er ging auf den Ball. Es war in einem bürgerlichen Hause. Die Mädchen hatten Bleichsucht, einige andere waren rot wie Beeren. Johan liebte am meisten die weißen, die um die Augen blau oder schwarz waren. Die sahen so leidend und schmachtend aus; warfen so bittende Blicke, so bittende. Da war eine, die war leichenblaß, ihre Augen brannten kohlschwarz in tiefen Höhlen; die Lippen waren so dunkel, daß sich der Mund beinahe wie ein schwarzer Strich öffnete. Die machte Eindruck auf ihn; er wagte aber nicht, es auf sie abzusehen, denn sie hatte schon ihren Anbeter. So blieb er bei einer nicht ganz so Blendenden, die mehr süß und mild war.
Auf dem Balle fühlte er sich wohl. Mit fremden Menschen zusammen sein, ohne die kritischen Augen eines einzigen Verwandten zu sehen! Aber es wurde ihm so schwer, mit den Mädchen zu sprechen.
— Was soll ich ihnen sagen? fragte er Fritz.
— Kannst du nicht etwas Unsinn mit ihnen schwatzen! Es ist schönes Wetter; macht Ihnen das Tanzen Vergnügen; laufen Sie Schlittschuh; haben Sie die und die Schauspielerin gesehen? Flott sein muß man.
Johan ging und haspelte das Programm herunter; aber der Gaumen wurde ihm trocken, und beim dritten Tanze empfand er Ekel. Er wurde auf sich selbst böse und schwieg.
— Macht dir das Tanzen kein Vergnügen? fragte Fritz. Muntere dich auf, alter Leichenbitter!
— Das Tanzen ist ja ganz nett, wenn man nur nicht sprechen müßte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Das war tatsächlich der Fall. Er hatte die Mädchen gern; es machte ihm Freude, sie zu umfassen; das war so männlich. Aber mit ihnen sprechen? Er fühlte, daß er es mit einer andern Art homo zu tun hatte, die in gewissen Fällen höher, in andern niedriger stand. Er betete in der Stille die kleine Milde an und hatte sie zu seiner Frau erkoren. Nur unter der Form von Ehefrau konnte er sich das Weib denken.
Er tanzte unschuldig; fing aber furchtbare Reden von den Kameraden auf, die er erst später verstand. Die konnten nämlich einen Walzer rückwärts durch den Saal tanzen, auf unkeusche Art, und sprachen geringschätzig von den Mädchen.
Sein ewiges Grübeln, sein beständiges Prüfen seiner Gedanken hatte ihm das Unmittelbare genommen. Wenn er mit einem Mädchen sprach, hörte er seine eigene Stimme, kritisierte seine eigenen Worte. Dann fand er den ganzen Ball albern. Und die Mädchen? Was war es, das ihnen fehlte? Sie genossen ja dieselbe Erziehung wie er; konnten Weltgeschichte und lebende Sprachen; lernten Isländisch im Seminar und waren in Wortwurzeln bewandert; rechneten Algebra. Sie besaßen also dieselbe Bildung; und doch konnte man nicht mit ihnen sprechen!
— Schwatz Unsinn mit ihnen, sagte Fritz.
Das aber konnte er nicht. Und er dachte auch höher vom Mädchen.
Er wollte nicht mehr auf einen Ball gehen, da er dort keine glückliche Figur spielte; aber er wurde mitgeschleppt. Es schmeichelte ihm, daß man ihn einlud; auch rüttelte es ihn immer etwas auf. Eines Tages war er in einer adeligen Familie, deren Sohn Kadett war. Dort traf er zwei Schauspielerinnen vom Dramatischen Theater. Mit denen mußte er doch sprechen können! Sie tanzten mit ihm, antworteten ihm aber nicht. Er war zu unschuldig. Da lauschte er auf Fritzens Worte, mit denen der die Mädchen unterhielt. Aber um Gottes willen, von was für Dingen der in eleganten Ausdrücken sprach! Und die Mädchen waren hingerissen von ihm. So also mußte man sprechen! Aber das konnte er nicht! Es gab Dinge, die er begehen wollte: aber davon sprechen? Nein! Seine asketische Religion hatte sogar den Mann bei ihm getötet: er fürchtete das Weib wie der Schmetterling, der weiß, daß er sterben wird, wenn er befruchtet hat.
Eines Tages sprach ein durchreisender Freund im Vorbeigehen davon, daß ein älterer Bruder bei einem Mädchen gewesen sei. Ein Entsetzen kam über ihn; er wagte den Bruder nicht anzusehen, als er sich abends ins Bett legte. Der Verkehr mit einem Mädchen war für ihn mit der Vorstellung von nächtlichen Schlägereien, Polizei und furchtbaren Krankheiten verbunden. Er war einmal an dem gelben langen Zaun der Handwerkerstraße vorbeigegangen, als ein Kamerad zu ihm sagte: Dort ist ein Bordell. Nachher ging er heimlich wieder hin und suchte durch die Tür zu blicken, um etwas Furchtbares zu sehen. Es lockte und erschütterte ihn wie einst ein Leierkastenbild an einer Stange, das eine Hinrichtung darstellte. Er wurde von diesem Anblick so aufgewühlt, daß es trübes Wetter für ihn wurde, obwohl die Sonne schien. Und als er abends in der Dämmerung nach Hause kam, hatten ihn einige zum Trocknen ausgebreitete Laken, die an das Bild der Hinrichtung erinnerten, so erschreckt, daß er in Tränen ausbrach. Ein Kamerad, den er als Leiche gesehen, erschien ihm nachts im Schlaf.
Als er an einem Bordell in der Apfelbergstraße vorbeiging, zitterte er vor Entsetzen, nicht vor Lust. Die ganze Prozedur hatte für ihn scheußliche Formen angenommen. Die Kameraden in der Schule hatten ansteckende Krankheiten, hielten sich gegenseitig für verloren. Nein, niemals zu solchen Mädchen gehen, aber sich verheiraten; zusammen mit der Einzigen wohnen, die er liebte; sie pflegen und von ihr gepflegt werden; Freunde bei sich sehen: das war sein Traum. In jedem Weib, für das er entflammte, sah er ein Stück von einer Mutter. Er verehrte daher nur solche, die mild waren; und er fühlte sich geehrt, wenn man ihn gut behandelte. Vor den geputzten, umschwärmten, lachenden Mädchen war ihm bange. Die sahen aus, als gingen sie auf Raub aus und wollten ihn verschlingen.
Diese Bangigkeit war zum Teil angeboren wie bei allen Knaben, würde aber vergangen sein, wenn die Geschlechter nicht abgesondert lebten. Der Vater hatte früher einmal vorgeschlagen, die Söhne in eine Tanzschule zu bringen; die Mutter war aber dagegen gewesen. Da hatte sie einen Fehler gemacht.
Johan war von Natur schamhaft. Er wollte sich nicht entkleidet zeigen und beim Baden zog er gern Schwimmhosen an. Ein Dienstmädchen, das seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, schlug er am nächsten Morgen, als die Brüder es ihm mitteilten, mit einem Rohrstock.
Auf die Bälle folgten Serenaden und auf diese Punschabende. Johan hatte großes Verlangen nach starken Getränken; es war ihm, als habe er einen konzentrierten flüssigen Nahrungsstoff getrunken.
Seinen ersten Rausch holte er sich auf einem Schmaus, den die Kameraden in einem Wirtshause im Tiergarten veranstalteten. Der Rausch machte ihn selig, selig froh, stark, freundlich und mild; später aber wahnsinnig. Er schwatzte Unsinn, sah Bilder in den Tellern, trieb Possen.
Dieses Spielen kam ihm in Augenblicken, wie dem ältesten Bruder, der, obwohl tiefer Melancholiker in der Jugend, doch einen gewissen Ruf als Komiker hatte. Er verkleidete sich, maskierte sich und spielte eine Rolle. Sie hatten auch ein Stück auf dem Boden gespielt; aber Johan war schlecht, fühlte sich verlegen; er war nur gut, wenn er eine überspannte Stelle wiederzugeben hatte. Als Komiker war er unmöglich.
Jetzt tritt ein neues Moment in die Entwicklung des Jünglings ein. Das ist die Ästhetik.
In Vaters Bücherschrank hatte Johan Lenströms Ästhetik, Boijes Malerlexikon, Oulibicheffs Mozart gefunden; außer den schon erwähnten klassischen Dichtern. Aus einem Nachlaß kam zu dieser Zeit auch ein großer Ballen Remittenden eines Verlages. Der trug viel dazu bei, daß Johan früh Kenntnisse in der schönen Literatur erwarb.
Da waren in mehreren Exemplaren die Gedichte von Talis Qualis, die er ungenießbar fand. Byrons „Don Juan‟ in Strandbergs Übersetzung konnte er nie Geschmack abgewinnen, denn die beschreibende Poesie haßte er und Verse liebte er nicht; die übersprang er regelmäßig, wenn sie in Prosa vorkamen. Tassos „Befreites Jerusalem‟ in Kullbergs Übersetzung war langweilig. Carl von Zeipels Erzählungen unmöglich. Walter Scotts Romane zu lang, besonders die Schilderungen. (Darum verstand er Zolas Größe nicht, als er nach vielen Jahren dessen überladene Schilderungen las; daß die nicht fähig waren, einen Totaleindruck zu geben, davon hatte Lessings „Laokoon‟ ihn überzeugt.) Dickens blies Leben in seine leblosen Gegenstände und stellte etwas mit ihnen dar; stimmte die Landschaft mit Mensch und Situation. Das verstand Johan besser. Eugen Sues „Wandernden Juden‟ fand er großartig; den wollte er kaum zu den Romanen rechnen, denn „Roman‟ war etwas aus der Leihbibliothek und Mädchenkammer. Dies aber war eine weltgeschichtliche Dichtung, meinte er, und der Sozialismus darin fand leicht Eingang bei ihm. Alexander Dumas' Romane waren für ihn Indianerbücher; mit denen begnügte er sich nicht mehr; jetzt mußte er einen Inhalt haben. Den ganzen Shakespeare verschlang er in Hagbergs Übersetzung. Aber es wurde ihm immer schwer, Dramen zu lesen, weil das Auge von den Personennamen zum Text springen mußte. Seine übertriebenen Erwartungen von „Hamlet‟ erfüllten sich nicht, und die Lustspiele schienen ihm reiner Schund zu sein.
Die Familie hielt sich verwandt mit Holmbergsson, dessen Bild an der Wand hing und von dem man Geschichten erzählte. Er war wohl ein Vetter des Vaters. Schillers und Goethes Büsten standen auf dem Bücherschrank, und über dem Klavier hingen Bilder aller großen Komponisten. „Lithographisches Allerlei‟ wurde gehalten, in dem die großen Künstler der Zeit ihren Lebenslauf erhielten. Der Vater war Mitglied des „Vereins für nordische Kunst‟; liebte, wie schon erwähnt, Musik, spielte Klavier und etwas Cello. Die erwachsenen Söhne und die älteste Tochter veranstalteten jetzt Geigenquartette, und zwar nur von Haydn, Mozart und Beethoven. Das Elternhaus hatte also einen leichten Anflug von Kunstliebhaberei erhalten, nachdem es die kleinen Verhältnisse eines dürftigen Bürgerhauses durchgemacht.
In der Schule hatte Johan Svedboms Lesebuch und Bjurstens Literaturgeschichte gelesen, die letzte unter Bjursten selbst in der Klaraschule. Ein Junge wußte, daß Bjursten ein Dichter war. Was bedeutete Dichter? Ja, das wußte niemand so genau. Später pflegte Johan seinen dichtenden Freunden zu erzählen, wie er von Herman Bjursten bestraft wurde, weil er während der Stunde ein Märchenbuch las. Das sollte ein Vorzeichen für seinen künftigen Beruf sein, wie man damals glaubte. Noch später, als man Bjursten geringschätzte, wurde die Geschichte als Spaß erzählt.
An der Privatlehranstalt wurde die schöne Literatur recht gut vom Lehrer der schwedischen Sprache gepflegt, der etwas literarisch war. In der vierten Klasse hatten sie Runebergs „Fähnrich Stahl‟ gelesen. Der Direktor, der Lateiner war, fragte eines Tages, was sie lesen:
— „Fähnrich Stahl‟!
— Den müssen Sie nicht lesen; der verschlechtert den Geschmack, sagte er zum Lehrer, der damals ein Regimentspastor und Naturforscher war. Realismus, Barbarei!
Der spätere Lehrer hatte bessern Geschmack. Man mußte Runebergs langweilige „Könige von Salamis‟ lesen, die damals in allen gebildeten Familien vorgelesen wurden. Ein literarischer Verein war gebildet worden, und dort las man an den Feiertagen Gedichte. Fritz hatte ein großes Gedicht geschrieben, das von der Ritterholmskirche handelte und „Die schwedische Nekropolis‟ hieß. Es ging nach der Melodie: „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟ und war wohl recht schlecht.
Johan konnte Poesie nicht leiden. Die sei gemacht, unwahr, fand er. Die Menschen sprachen nicht auf diese Weise und sprachen selten so schöne Dinge. Jetzt aber wurde er aufgefordert, einen Vers in Fannys Album zu schreiben.
— Dazu kannst du dich wohl aufschwingen, sagte der Freund.
Johan saß die Nächte auf, kam aber nicht über die beiden ersten Zeilen hinaus; auch wußte er nicht, was für einen Inhalt er nehmen solle. Seine Gefühle konnte man doch nicht so vor allen Leuten auskramen. Fritz half ihm schließlich, und zusammen kamen sechs oder acht Reihen, die reimten. Snoilskys später so bekannter Sperling auf der Fensterscheibe aus dem „Weihnachtsabend in Rom‟ mußte Federn dazu hergeben. Eigentümlich war, daß Fritz seitdem nie mehr im Leben einen Vers schrieb.
Der Begriff „Genie‟ war oft Gegenstand der Erörterung. Der Lehrer pflegte zu sagen: die Genies stehen über allem Rang wie die Exzellenzen. Johan dachte über dieses Wort viel nach und meinte, auf diese Weise könne man auf die gleiche Höhe wie die Exzellenzen kommen, ohne hoch geboren zu sein, ohne Geld zu haben, ohne Karriere zu machen. Was aber Genie war, wußte er nicht. Er äußerte einmal in einem empfindsamen Augenblick zu der Freundin, er wolle lieber ein Genie sein als ein Kind Gottes; dafür hatte er eine scharfe Zurechtweisung erhalten. Ein andermal sagte er zu Fritz, er möchte ein gelehrter Professor sein, der wie ein Strolch gekleidet sein und sich roh benehmen könne, ohne sein Ansehen zu verlieren. Wenn aber jemand fragte, was er werden wolle, antwortete er: Geistlicher. Er sah, daß alle Bauernjungen das werden konnten, und er glaubte, das passe für ihn. Als er Freidenker geworden war, wollte er den Doktor machen. Und dann? Das wußte er nicht. Aber Lehrer wollte er um keinen Preis werden.
Der Lehrer war natürlich Idealist. Braun war Barbierstubendichter; Sehlstedt war nett, aber ohne Idealismus; Bjurstens „Napoleon-Prometheus‟ mußte laut gelesen werden; das Dekameron, das damals in schwedischer Übersetzung erschien, konnte ohne Gefahr nur von starken Charakteren verdaut werden, war sonst eine klassische Arbeit; Runeberg war in den „Elchschützen‟ ein starker Realist in der Form, wurde aber zuweilen roh, wo er klassisch einfach sein wollte; so in dem verlausten „Aron am Herd‟.
Zu Weihnachten bekam Johan zwei Bände Gedichte von Fritz: Topelius und Nyblom. Topelius lernte er allmählich lieben, weil der Liebesqualen Worte lieh und in den „Träumen des Jünglings‟ das damalige Ideal für einen Jüngling formulierte. Nyblom war dürftig als Poet, spielte aber eine gewisse Rolle als Vertreter der Ästhetik, teils durch seine italienischen Briefe an die „Illustrierte Zeitung‟, teils durch seine Vorlesungen für Damen, die er in der Börse hielt. Nyblom war noch in seinen Vorlesungen kein gesunder Realist, sondern Verehrer der Antike.
Eine größere Bedeutung hatte das Theater, das ein starkes Bildungsmittel für Jugend und Ungebildete sein kann, die sich noch von bemalter Leinwand und unbekannten Schauspielern, mit denen sie noch keine Brüderschaft getrunken haben, täuschen lassen können. Als achtjähriger Knabe hatte Johan ein Stück gesehen, von dem er keine Spur verstand. Es war wohl der „Reiche Oheim‟ von Blanche; alles, was ihm in der Erinnerung geblieben, war ein Herr, der eine silberne Schnupftabaksdose in die See warf und von Rio Janeiro sang. Später sah er Blanches „Engelbrecht‟ und war hingerissen. Und zur selben Zeit den „Besieger des Bösen‟ von dem Dänen Overskou. Dann folgten Opern, die während der pietistischen Periode für gut angesehen wurden, weil sie weniger sündhaft seien. Einmal war er im Dramatischen Theater und erinnerte sich später an den Schauspieler Knut Almlöf in einem französischen Stück „Die schwache Seite‟ und an die Schauspielerin Hammarfeldt im „Ausflug ins Grüne‟.
Die Sittenkomödie der Zeit, die nicht ohne Einfluß war, bestand aus Jolins Stücken: „Müllerfräulein, Meister Smith, Lachen und Weinen, der Schmähschreiber‟. In „Meister Smith‟ wurde bewiesen, laut dem Kompromiß nach den mißlungenen Revolutionen des Jahres 1848, daß wir alle Aristokraten seien. Wie aber diesem Übelstand abzuhelfen sei, davon erfuhr man nicht das geringste. Die Tatsache blieb, und man war zufrieden mit der Tatsache. Im „Müllerfräulein‟ wurde die Revolution von 1865 vorbereitet, denn darin wies Jolin nach, daß der Adel keine höhere Rasse ist. „Der Schmähschreiber‟ machte Aufsehen, weil er unter dem Gesindel der Zeitungsreptile aufräumte: einen Besen warf man dem Autor auf die Bühne. Das Stück war indessen so realistisch — der Autor hatte unter anderm den lebenden Schriftsteller Nybom auf die Bühne gebracht —, daß die Ausfälle, die Jolin später in seinem Alter gegen modernen Realismus machte, nicht befugt waren.
Etwas Angenehmes und Sympathisches hatte Jolin; und seine Bedeutung für das Theater war beinahe größer als die von Blanche, der schließlich zu einem Cliquendichter des Opernkellers herabsank.
Frans Hedberg, der mit dem Pamphlet „Vier Jahre beim Provinztheater‟ eine ärgerliche Aufmerksamkeit erregte und dann durch sein „Sendschreiben an den Theaterdirektor Stedingk‟ die mehr scherzhafte als ernsthafte Aufforderung erzielte, die Schauspielerschule des Theaters zu leiten, rettete sich vom vollständigen Sonnenuntergang durch die „Hochzeit von Ulfåsa‟, die volkstümlich wurde und sowohl „Wermländer‟ wie „Engelbrecht‟ überglänzte.
Die „Hochzeit‟ ist tot, aber Södermanns Marsch lebt. Das Stück hatte übrigens keine Bedeutung in der Entwicklung Johans oder eines andern Zeitgenossen. Es war ein Schattenspiel, hohl wie ein Operntext, und wurde nur von den Damen hochgehalten, denen darin ein Rauchopfer im großen Stile des Mittelalters gebracht wurde. Der unterjochte Mann murrte allerdings und wollte sich in dem Helden Beugt nicht wiedererkennen; das aber wurde nicht so genau genommen.
Von größerer Bedeutung wurde das Erscheinen von Offenbachs Operette auf dem Königlichen Theater. Nachdem der Autor der „Schönen Helena‟ in die Französische Akademie aufgenommen ist, wird es wohl nicht mehr lebensgefährlich sein, wenn man gerecht gegen ihn ist. Halevy und Offenbach waren Israeliten und Pariser unter dem zweiten Kaisertum. Als Israeliten hatten sie keine Pietät vor den Ahnen der europäischen Kultur, vor Griechen und Römern, deren Bildung sie als Morgenländer nicht hatten durchmachen müssen. Als Israeliten waren sie skeptisch gegen abendländische Kultur und am meisten gegen die christliche Moral des Abendlandes. Sie sahen eine christliche Gesellschaft die strengste Moral bekennen und wie Heiden leben. Sie entdeckten den Widerspruch in Lehre und Leben; dieser Widerspruch konnte nur dadurch gelöst werden, daß man die veraltete Lehre änderte; denn das Leben war nicht zu ändern, man hätte denn ins Kloster gehen oder sich kastrieren lassen müssen. Die Menschen waren es müde, heucheln zu müssen; sie freuten sich, daß sie eine neue Moral bekamen, die in voller Übereinstimmung mit der Beschaffenheit der menschlichen Natur und allgemeiner Sitte stand. Offenbach gefiel, weil die Sinne vorbereitet waren und man allgemein die unbequeme Mönchskutte satt hatte. Dann lieber nackt! Offenbachs Operette packte fest zu, denn sie lachte über die ganze veraltete Kultur des Abendlandes, über Geistlichkeit, Königstum, Speisehaus, Ehe, die zivilisierten Kriege; und über was man lacht, das wird nicht mehr verehrt. Offenbachs Operette hat dieselbe Rolle gespielt wie die Komödie des Aristophanes; ist ein ähnliches Symptom gewesen am Ende einer Kulturperiode und hat darum ihre Aufgabe erfüllt. Sie war scherzhaft, aber Scherz ist gewöhnlich maskierter Ernst. Nach dem Lachen kam der reine Ernst, und da stehen wir jetzt (1886).
Die Juden lächelten beim Ausgang der Epoche über diese Christen, die zwei Jahrtausende lang eine Hölle aus dem fröhlichen Erdenleben zu machen gesucht hatten und jetzt erst einsahen, daß Christi Lehre eine subjektive ist. Für die geistigen Bedürfnisse ihres Urhebers und seiner Zeitgenossen, die unter der römischen Herrschaft seufzten, war sie geeignet, mußte aber den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Die von Natur Positivisten waren und ganze Epochen durchlebt hatten, ohne an Christi Lehre teilzunehmen, sahen jetzt, wie die Christen das Christentum fortwarfen, und sie lächelten. Das war die Rache des Juden und seine Mission in Europa.
Der Jüngling von 1865, der von der Stigmatisierung noch zittert, vom Kampf gegen das Fleisch und den Teufel entnervt ist, dessen Ohren von Glockenläuten und Kirchenliedern gepeinigt worden, kommt in den festlich erleuchteten Zuschauerraum, mit kühnen Jünglingen von guter Geburt und guter Stellung; sieht vom ersten Rang aus diese Bilder des fröhlichen Heidentums sich aufrollen; hört eine Musik, die ursprünglich ist, etwas Gemüt hat, denn Offenbach war germanisiert, liederreich, mutwillig. Schon die Ouvertüre bringt ihn zum Lächeln. Und dann! Der Tempeldienst hinter den Vorhängen erinnert ihn an das Brotbacken in der Küche des Küsters; der Donner erweist sich als eine unverzinnte Eisenplatte; die Göttinnen sind drei schöne Schauspielerinnen; die Götter unsichtbare Regisseure.
Aber hier wurde auch die ganze antike Welt gestrichen. Diese Götter, Göttinnen, Helden, die durch die Lehrbücher einen Anflug von Heiligkeit erhalten hatten, wurden gestürzt. Griechenland und Rom, auf die man sich immer berief als auf den Ursprung aller Bildung, wurden auf ihr richtiges Niveau gebracht. Das war demokratisch, denn nun fühlte man den Druck weniger; und die Furcht, sich nicht so hoch erheben zu können, war einem genommen.
Dann aber kam das Kapitel von der Lebensfreude. Menschen und Götter paarten sich durcheinander, ohne erst zu fragen; Götter halfen jungen Mädchen, alten Greisen zu entlaufen; der Priester tritt aus dem Tempel, da er das Heucheln satt hat, flicht die Weinranke um die feuchte Stirn und tanzt Cancan mit den Hetären.
Das war offenes Spiel! Das nahm Johan auf wie Gottes Wort; er hatte nichts dagegen einzuwenden; es war, wie es sein sollte. War es ungesund? Nein! Aber es aufs Leben anzuwenden, dazu fühlte er kein Verlangen. Es war ja ein Theaterstück; es war unwirklich, und sein Gesichtspunkt war noch der ästhetische.
Was war dies Ästhetische, unter dessen Begriff soviel eingeschmuggelt werden, unter dessen Deckung soviel Zugeständnisse gemacht werden konnten? Ja, Ernst war es nicht; Scherz auch nicht; es war etwas sehr Unbestimmtes. Das Dekameron verherrlichte das Laster, aber sein ästhetischer Wert blieb bestehen. Was war das für ein Wert? Ethisch war das Buch zu verdammen, ästhetisch aber zu loben. Ethisch und ästhetisch! Eine neue Zauberschachtel mit doppeltem Boden, aus der man nach Belieben Mücken oder Kamele hervorholte.
Aber das Stück wurde mit Autorität vom Königlichen Theater gegeben und von den hervorragendsten Künstlern dargestellt; Knut Almlöf selber spielte Menelaus. Der Generalprobe folgte ein Frühstück, bei dem der König und Gardeoffiziere die Wirte machten. Das wußten die Jünglinge durch den Sohn des Kammerherrn, der ihnen Karten gab. Man spielte das Stück beinahe auf höchsten Befehl!
Das Geschrei stieg jedoch ebenso hoch wie das Entzücken. Man konnte nicht mehr sprechen, ohne einen Ausdruck aus der „Schönen Helena‟ zu benutzen. Man konnte Virgil nicht mehr lesen, ohne daß man Achilles mit dem hochnäsigen Achilles übersetzte. Johan sah das Stück erst, als es schon ein halbes Jahr gespielt wurde; deshalb verstand er seinen Lateinlehrer nicht, als der ein Zitat aus der „Schönen Helena‟ gebrauchte. Da fragte der, ob er das Stück nicht gesehen habe. — Nein! — Ist nicht möglich! Aber das müssen Sie sehen! Man mußte es sehen; und er sah es.
Der Lehrer in Literatur, der etwas Pietist war, predigte dagegen und warnte; aber er griff das Stück vorsichtigerweise vom ästhetischen Gesichtspunkte an; sprach von schlechtem Geschmack, simplem Ton. Das machte auf einige Eindruck, und auf des Lehrers Aufforderung gingen diese ästhetischen Snobs in den „Ritter Blaubart‟ und zischten, natürlich, nachdem sie sich gründlich amüsiert hatten.
Das Stück hatte das bedrückte Herz des Jünglings etwas erleichtert und ihn über Götzen lächeln gelehrt; aber auf sein Geschlechtsleben oder seine Auffassung vom Weibe hatte es keinen Einfluß.
Tiefer drang dagegen der schwermütige Hamlet. Wer ist dieser Hamlet, der noch heute lebt, nachdem er zur Zeit Johans des Dritten von Schweden das Rampenlicht erblickt hat? Der noch ebenso jung geblieben ist? Man hat ihn zu so vielem gemacht und zu allen möglichen Zwecken benutzt. Johan nahm ihn sofort für seine in Anspruch.
Der Vorhang geht auf: König und Hof in glänzenden Trachten, Musik und Freude. Dann kommt der blasse Jüngling im Trauergewand und lehnt sich gegen den Stiefvater auf. Aha! Er hat einen Stiefvater! Das ist mindestens ebenso schlimm wie eine Stiefmutter haben, denkt Johan. Das ist mein Mann! Und nun soll er gedemütigt werden, man will ihm Sympathie mit den Tyrannen abzwingen. Das Ich des Jünglings erhebt sich. Empörung! Aber sein Wille ist gelähmt; er droht, aber kann nicht zuschlagen. Er züchtigt jedoch die Mutter! Schade nur, daß es nicht der Stiefvater war! Dann aber kommt die Gewissensqual. Gut, gut! Er ist Grübler, wühlt in seinem Innern, bedenkt seine Handlungen so lange, bis sie sich in nichts auflösen. Und dann liebt er die Braut eines andern. Das stimmt ja vollständig. Johan beginnt zu zweifeln, daß er eine Ausnahme ist. So geht es also gewöhnlich im Leben zu? Schön! Dann muß ich's mir nicht so nahe gehen lassen, darf aber auch kein Original sein wollen.
Der zurechtgehauene Schluß verfehlte seinen Eindruck, wenn ihm auch Horatios schöne Rede etwas aufhalf. Den heillosen Fehler des Bearbeiters, Fortinbras zu streichen, merkte der Jüngling nicht. Aber Horatio, der jetzt der Gegensatz wurde, war kein Gegensatz; er war eine ebensolche Memme wie Hamlet und sagte nur ja und nein. Fortinbras, das war der Mann der Tat, der Sieger, der den Thron heischt; aber er war gestrichen, und nun schloß alles mit „Jammer und Elend‟.
Aber es war schön, sein Schicksal beweinen zu können und sein Schicksal beweint zu sehen. Hamlet blieb für ihn vorläufig nur der Stiefsohn; später wurde er der Grübler; noch später der Sohn, das Opfer für die Familientyrannei. So wächst die Auffassung. Der Schauspieler Schwartz gab den Phantasten, den Romantiker, der sich mit der Wirklichkeit nicht versöhnen kann; mit dieser Auffassung erfüllte er, was der damalige Geschmack verlangte. Eine positivistische Zukunft, welche die Romantik ganz lächerlich gemacht hat, wird vielleicht in Hamlet einen Don Quichotte sehen, der von einem Komiker gespielt wird. Hamletische Jünglinge sind schon längst dem Lächeln verfallen, denn ein neues Geschlecht ist heute (1886) gekommen, das ohne Visionen denkt und handelt, wie es denkt.
Das neutrale Gebiet der schönen Literatur und des Theaters, auf dem die Moral nichts zu sagen hatte; wo sich die Menschen nackt in grünen Hainen trafen, um das Tier mit den beiden Rücken zu spielen; wo man Gott und sein heiliges Evangelium verleugnen; wo man, wie in „Ritter Blaubart‟, auf höchsten Befehl die Königlichkeit zum Narren halten konnte; diese Unwirklichkeiten der Dichtung mit ihrer Wiederherstellung einer Welt, die besser ist als die vorhandene — wurde von dem Jüngling als etwas mehr als Dichtung aufgefaßt. Bald verwechselte er Dichtung und Wirklichkeit; bildete sich ein, das Leben außerhalb seines Elternhauses, also seine Zukunft, sei ein solcher Lustgarten. Besonders das nächste Paradies, die Universität Upsala, begann ihm jetzt vor Augen zu schweben als die Stätte der Freiheit. Dort konnte man schlecht gekleidet gehen, arm sein und doch zu den Studenten, das heißt zur Oberklasse, gehören. Dort durfte man singen und trinken, berauscht nach Hause kommen, sich mit der Polizei herumschlagen, ohne sein Ansehen zu verlieren. Das war das Idealland.
Wer hatte ihn das gelehrt? Wennerbergs „Burschen‟, die er jetzt mit seinem Bruder sang. Aber er wußte nicht, daß die „Burschen‟ die Sache vom Gesichtspunkt der Oberklasse aus sehen; daß diese Lieder Stück für Stück entstanden, um von Prinzen und künftigen Königen gehört zu werden; daß die Helden von Familie waren. Er dachte nicht daran, daß Pumpen nicht so gefährlich ist, wenn eine Tante im Hintergrund lebt; die Prüfung nicht so streng, wenn man den Bischof zum Oheim hat; das Einschlagen von Fensterscheiben nicht so teuer, wenn man in guter Gesellschaft ist.
Jedenfalls, die Zukunft begann ihn zu beschäftigen; ihm war die Hoffnung auf eine Zukunft wiedergekommen; das verhängnisvolle fünfundzwanzigste Jahr wirkte nicht mehr so erschreckend. Das hatte seinen Grund darin, daß die Schuldirektionen Maßregeln getroffen hatten, um sich über den Sittlichkeitszustand in den Schulen der Hauptstadt zu unterrichten. Der Bericht wurde in den Abendzeitungen gedruckt. Das kam Johan zu Ohren. Die Untersuchung hatte erwiesen, daß die meisten Knaben und die meisten Mädchen einem Laster verfallen waren, das der gefährlichste Feind der Jugend war. Also konnte man in guter und zahlreicher Gesellschaft in den Himmel eingehen! Er war nicht allein ein Sünder! Dazu kam, daß man in der Schule offen von der Sache sprach, als gehöre sie zur Vergangenheit eines jeden; und zwar sprach man nicht ernsthaft und gewichtig davon, sondern in Anekdotenform. Johan wurde es nun klar, daß es keine geschlechtliche Krankheit ist, sondern daß diese nur entstehen konnten, wenn man mit einer Frau verkehrt hatte. Er war jetzt beruhigt, zumal sich keine üblen Folgen gezeigt hatten. Seine Gedanken waren mit Arbeiten beschäftigt oder mit unschuldigen Flammen für reine Mädchen, welche die Bleichsucht hatten.
Zu dieser Zeit blühte die Scharfschützenbewegung. Das war ein schöner Gedanke, der Schweden ein Heer gab, das größer war als das stehende Heer: 40 000 gegen 37 000.
Johan trat als Aktiver ein, erhielt Uniform, machte sich Bewegung, lernte schießen. Aber er kam auch in Berührung mit jungen Leuten aus andern Klassen der Gesellschaft. In seiner Kompagnie waren Handwerkergesellen, Ladenburschen, Kontoristen, jüngere Schauspieler ohne Namen. Die waren ihm sympathisch, aber fremd. Er suchte sich ihnen zu nähern, aber sie nahmen ihn nicht auf. Sie sprachen ihr Argot, die Sprache ihres Kreises, die er nicht verstand. Jetzt merkte er, wie die Bildung ihn von den Kameraden seiner Kindheit getrennt hatte, und er wurde verschlossen. Von vorneherein galt er für hochmütig. Aber er sah im Gegenteil in gewisser Hinsicht zu ihnen auf. Sie waren naiv, furchtlos, selbständig, wirtschaftlich besser gestellt als er, denn sie hatten immer Geld.
Das Gefühl, auf langen Märschen im Trupp zu gehen, hatte etwas Beruhigendes für ihn. Er war nicht zum Befehlen geboren und gehorchte gern, wenn er nur nicht Übermut und Herrschsucht im Befehlen merkte. Er sehnte sich nicht danach, Korporal zu werden; dann mußte er für die andern denken und, was schlimmer war, beschließen. Er blieb Sklave aus Natur und Neigung, empfand aber die Unbefugtheit des Tyrannen und bewachte ihn genau.
Bei einem größeren Manöver konnte er seine Ansicht über gewisse Sonderbarkeiten nicht unterdrücken. Die Infanterie der Garde hielt bei einer Landung den Kanonen der Flotte stand, welche die Prahme bedeckten, auf denen Johan war. Die Kanonen spielten auf einige Klafter Entfernung den Gardisten mitten ins Gesicht; die blieben aber dennoch stehen. Sie gehorchten wohl, sie auch, ohne zu begreifen. Johan schimpfte und fluchte, aber er gehorchte, denn er hatte sich zum Gehorchen verpflichtet.
Während einer Rast auf Tyresö im Stockholmer Inselmeer rang er aus Scherz mit einem Kameraden. Der Kompagniechef trat dazwischen und verbot etwas barsch das Ringen. Johan antwortete scharf, es sei jetzt Rast, und sie spielten nur.
— Aber das Spiel kann ernst werden.
— Das kommt auf uns an! antwortete er und gehorchte.
Aber er fand es frech vom Chef, sich in solche Einzelheiten zu mischen. Ein gewisser Unwille des Vorgesetzten verfolgte ihn seitdem. Der wurde Doktor genannt, weil er für Zeitungen schrieb; aber er war nicht einmal Student. Da haben wir's, dachte Johan; er will mich ducken. Und jetzt bewachte er ihn. Die Abneigung dauerte auf beiden Seiten das Leben hindurch.
Die Scharfschützenbewegung war zunächst vom deutsch-dänischen Krieg hervorgerufen worden und hatte einen gewissen Nutzen, wenn sie auch vorübergehend war. Sie machte der Jugend Vergnügen und nahm dem Militär etwas von seinem allzu hohen Ansehen, da die unteren Klassen jetzt sahen, daß es nicht so schwer ist, Soldat zu spielen. Später war diese Einsicht Ursache, daß man gegen die preußische Wehrpflicht stimmte, für deren Einführung viel agitiert wurde, seit König Oscar II. in Berlin Kaiser Wilhelm I. gegenüber die Hoffnung ausgesprochen, die schwedischen und preußischen Truppen würden noch einmal Waffengenossen werden.