17. Er wird Dichter. (1869)
Emil Schering translation
Am nächsten Morgen war er zerschlagen, wund, zerrissen. Die Nerven zitterten noch; Scham und Rausch heizten den Körper. Was sollte er tun? Die Ehre mußte gerettet werden! Er wollte einige Monate als Eleve aushalten, um sich dann von neuem als Schauspieler zu versuchen.
Er blieb an diesem Tage zu Hause und las die „Erzählungen des Feldschers‟ von Topelius. Wie er so las, kam es ihm vor, als habe er es selber erlebt. Es handelte von einer Stiefmutter und einem Stiefsohn, die sich versöhnten. Der Bruch mit seinen Eltern hatte ihn immer wie eine Sünde gequält, und er verlangte nach Versöhnung und Frieden. Diese Sehnsucht nahm heute einen ungewöhnlich traurigen Ausdruck an; während er auf dem Sofa lag, begann sein Gehirn Pläne auszusinnen, wie die Disharmonie mit dem Elternhaus zu lösen sei. Als Frauenverehrer, der er damals war und unter dem Einfluß des „Feldschers‟ dachte er, nur ein Weib könne ihn mit dem Vater versöhnen. Und diese schöne Rolle gab er der Stiefmutter.
Während er so daliegt, fühlt er ein ungewöhnliches Fieber im Körper; während dieses Fiebers arbeitet der Kopf daran, die Erinnerungen an die Vergangenheit zu ordnen, einige auszuscheiden und andere hinzuzufügen. Neue Nebenpersonen treten auf; er sieht, wie sie sich in die Handlung einmischen; hört sie sprechen. Es ist, als sehe er sie auf der Bühne.
Nach einigen Stunden hat er eine Komödie in zwei Akten fertig im Kopf.
Es war eine sowohl schmerzhafte wie wollüstige Arbeit; wenn man es eine Arbeit nennen kann, denn es ging ganz von selber, ohne seinen Willen, ohne sein Zutun.
Jetzt aber mußte es geschrieben werden.
In vier Tagen war das Stück fertig. Zwischen Schreibtisch und Sofa ging er hin und her; in den Zwischenstunden fiel er wie ein Lappen auf dem Sofa zusammen. Als das Stück zu Ende war, stieß er einen tiefen Seufzer aus, als seien Jahre von Schmerz vorüber; als sei ein Geschwür geschnitten. Er war so froh, daß es in ihm sang. Jetzt wollte er sein Stück dem Theater einreichen. Das war die Rettung!
Am selben Abend setzte er sich hin, um einem Angehörigen einen Glückwunsch zu schreiben, weil er eine Stellung gefunden. Als er die erste Zeile geschrieben hatte, schien sie wie ein Vers zu klingen. Da fügte er die zweite Zeile hinzu, die reimte auf die erste.
Schwerer war das nicht?
In einem Zuge schrieb er einen vier Seiten langen Brief in gereimten Versen nieder. Er konnte also auch Verse schreiben!
Schwerer war das nicht? Und einige Monate früher hatte er einen Freund gebeten, ihm bei Versen für einen Namenstag zu helfen; hatte aber eine ablehnende Antwort erhalten, die ihn jedoch ehrte: Er solle nicht im Mietswagen fahren, wenn er einen eigenen besitze.
Man wird also nicht geboren, Verse zu schreiben; man lernt es auch nicht, trotzdem man in der Schule alle Versarten lernt; sondern es kommt — oder kommt nicht.
Ihm schien's der Gnadenwirkung des Heiligen Geistes zu gleichen. War die seelische Erschütterung nach seiner Niederlage als Schauspieler so stark gewesen, daß sie das ganze Lager von Erinnerungen und Eindrücken umgekehrt hatte? War die Einbildungskraft unter einen so starken Druck gebracht worden, daß sie zu arbeiten anfing? Alles war ja längst vorbereitet! War es nicht seine Phantasie, die Bilder erzeugte, wenn er sich im Dunkeln fürchtete? Hatte er nicht in der Schule Aufsätze geschrieben? Nicht seit Jahren Briefe? Hatte er nicht seinen Stil durch Lektüre, Übersetzen, Schreiben für Zeitungen gebildet? Doch, so war es wohl, aber jetzt erst merkte er das sogenannte künstlerische Arbeitsvermögen.
Die Kunst des Schauspielers war also nicht die Form, in der er sich ausdrücken konnte; das war ein Irrtum, der jetzt aber leicht zu berichtigen war.
Indessen mußte er seine Schriftstellerei ziemlich geheimhalten und bis Ende der Spielzeit als Eleve beim Theater bleiben, damit seine Niederlage nicht allen offenbar ward. Oder bis das Stück angenommen war; angenommen mußte es natürlich werden, da er es für gut hielt.
Doch wollte er die Probe machen, ob es wirklich gut sei. Zu diesem Zweck lud er zwei von seinen gelehrten Bekannten ein, die außerhalb des Theaters standen. An dem Abend, als sie kommen sollten, räumte er seine Bodenkammer auf. Er putzte sie, zündete an Stelle der Studierlampe zwei Stearinlichter an, deckte den Tisch mit einem reinen Tischtuch und stellte darauf: eine Flasche Punsch mit Gläsern, Aschenbecher und Streichhölzchen.
Es war das erste Mal, daß er Besuch hatte, und die Veranlassung war neu und ungewöhnlich. Man hat oft die Arbeit des Dichters mit Gebären verglichen, und der Vergleich hat eine gewisse Berechtigung. Es war wie der Friede des Kindbettes nach dem Sturm; man hatte das Gefühl, es sei etwas oder jemand gekommen, das oder der vorher nicht da gewesen war; man hatte gelitten und geschrien, und jetzt war es still und friedlich geworden!
In Festtagsstimmung befand er sich; es war wie früher zu Hause: die Kinder waren fein gekleidet, und der Vater in seinem schwarzen Gehrock warf den letzten Blick auf die Anordnungen, ehe der Besuch kam.
Die beiden Bekannten langten an. Unter Schweigen las er das Stück bis zu Ende vor. Dann wurde das Urteil gefällt: die älteren Freunde begrüßten ihn als Dichter.
Als sie wieder gegangen waren, fiel er auf seine Knie und dankte Gott, daß er ihn aus der Bedrängnis befreit und ihm die Dichtergabe gegeben.
Sein Verkehr mit Gott war recht unregelmäßig gewesen. Eigentümlich war, daß er in großer Not seine Kräfte sammelte und nicht gleich zum Herrn schrie; in der Freude dagegen fühlte er ein unwillkürliches Bedürfnis, sofort dem Geber alles Guten zu danken. Es war umgekehrt wie in der Kindheit; und das war natürlich, da sich der Begriff von Gott zum Geber aller guten Gaben entwickelt hatte, während der Gott der Kindheit der Gott der Furcht gewesen war, der alles Unglück in seiner Hand hielt.
Endlich hatte er seine Bestimmung gefunden, seine Rolle im Leben, und nun bekam sein loses Wesen ein Gerippe. Er wußte jetzt ungefähr, was er wollte, und damit hatte er wenigstens ein Steuer auf seinem Boot. Und nun stieß er vom Lande, um sich auf Langfahrt hinaus zu begeben, immer bereit, abzufallen, wenn der Wind zu hart gegen den Bug stieß; aber nicht um in See abzutreiben, sondern um im nächsten Augenblick wieder vollen Wind zu nehmen und anzuluven.
Nachdem er sich seinen Familienkummer vom Herzen geschrieben hatte, brach die Erinnerung an die religiösen Kämpfe in einer dreiaktigen Komödie hervor. Die leichtete das Schifflein bedeutend.
Seine Schaffenskraft während dieser Zeit war unerhört. Das Fieber kam jetzt tagtäglich: in nicht mehr als zwei Monaten schrieb er zwei Komödien und eine Tragödie in Versen; außerdem schüttelte er Verse aus dem Ärmel.
Das Trauerspiel war sein erstes eigentliches Kunstwerk, wie man es nennt, denn es handelte nicht von etwas, das sich in seinem eigenen Leben zugetragen hatte. Das sinkende Hellas: nicht mehr und nicht weniger war das Thema. Die Kompostion war ganz und klar, doch waren die Situationen nicht neu und es wurde viel deklamiert. Das einzige, was er aus seiner eigenen Vorratskammer holte, war strenge asketische Moral und Verachtung des ungebildeten Demagogen. So ließ er einen alten Mann gegen die Unsittlichkeit der Zeit und gegen den Mangel an Vaterlandsliebe wettern. Demosthenes höhnt den Demagogen auf eine Art, die an den Schornsteinfeger und den Pfandleiher der Kopenhagener Reise erinnerte. Der Leiter der Schauspielerschule bekam auch seinen Teil, weil er sich oft Johan gegenüber beklagte, er habe keine genügende Bildung erhalten. Das Stück war aristokratisch, und die Freiheit, die hier ausposaunt wurde, war die der sechziger Jahre: die nationale Freiheit.
Inzwischen war die Familienkomödie der Direktion des Königlichen Theaters eingereicht worden, jedoch anonym.
Während sie da lag, tat er frohen Mutes Dienst als Statist. Wartet nur, dachte er, bald kommt die Reihe an mich, dann habe ich ein Wort mitzusprechen. Er war jetzt kühn auf der Bühne und fühlte sich, auch wenn er im „Wilhelm Tell‟ den Anzug eines Bauernjungen trug, als ein verkleideter Prinz. „Ich bin gewiß kein Schweinehirt, wenn ihr's auch glaubt‟, summte er vor sich hin.
Die Antwort auf das Stück ließ auf sich warten. Schließlich verlor er die Geduld und vertraute sich dem Leiter der Schauspielerschule an. Der hatte das Stück gelesen und Talent darin gefunden, aber — gespielt konnte es nicht werden.
Das war ja kein Donnerschlag für ihn, da er noch das Trauerspiel besaß. Das ward besser aufgenommen, sollte aber hier und dort umgearbeitet werden.
Eines Abends, als die Schule schloß, bat der Lehrer ihn, zu bleiben.
— Jetzt haben wir gesehen, wozu Sie taugen, sagte er. Sie haben eine schöne Laufbahn vor sich: warum denn die schlechtere wählen. Daß Sie Schauspieler werden können, ist wahrscheinlich, wenn Sie einige Jahre arbeiten; aber warum sich abquälen auf diesem undankbaren Gebiet? Reisen Sie nach Upsala zurück und beendigen Sie Ihr Studium! Werden Sie dann später Schriftsteller, denn man muß erst Erfahrungen machen, ehe man gut schreiben kann.
Schriftsteller werden, das gefiel ihm, das Theater verlassen, auch; aber nach Upsala zurückkehren — nein! Er haßte die Universität und sah nicht ein, wie das Unnütze, das man dort lernte, dem Schreiben zugute kommen könne; dafür müßte man doch das Leben selbst studieren.
Dann aber begann er nachzudenken. Da er einsah, daß er jetzt noch nicht ein Stück zur Annahme bringen könne, um es als Rettungsbrett zu benutzen, griff er nach dem andern Strohhalm: Upsala. Wieder Student werden, war mit zwanzig Jahren keine Schande; und beim Theater wußte man jetzt, daß er kein durchgefallener Anfänger war, sondern auch ein Dichter.
Gleichzeitig erfuhr er, daß er noch ein mütterliches Erbe von einigen hundert Kronen ausstehen habe. Mit denen konnte er das erste Semester leben. Er ging zum Vater, nicht als verlorener Sohn, sondern als vielversprechender Schriftsteller und Gläubiger. Es kam zu einem heftigen Zwist, der damit endete, daß sein Erbe ihm ausgezahlt wurde.
Er hatte jetzt ein Trauerspiel mit dem gewaltigen Titel „Jesus von Nazareth‟ entworfen. Das behandelte Jesu Leben in dramatischer Form und sollte mit einem Schlage und für alle Zeiten das Götterbild zerschmettern und das Christentum ausroden. Als er aber einige Szenen vollendet hatte, sah er ein, daß der Stoff zu groß sei und langwierige Studien verlange.
Die Spielzeit ging ihrem Ende zu. Die Schauspielerschule gab ihre übliche Vorstellung auf der Bühne des Dramatischen Theaters. Er hatte keine Rolle bekommen, übernahm aber das Soufflieren. Und im Souffleurkasten schloß seine Laufbahn als Schauspieler. Soviel war übrig geblieben von seinem Karl Moor, den er auf der Bühne des Großen Theaters hatte spielen wollen! Verdiente er dieses Schicksal? War er schlechter für die Bühne ausgerüstet als die andern? Das war nicht wahrscheinlich, wurde aber nie entschieden.
Am Abend nach der Vorstellung wurde den Schülern ein Schmaus gegeben. Johan war auch eingeladen, hielt eine Rede in Versen, um seinen Rückzug zu decken. Berauschte sich wie gewöhnlich, betrug sich dumm und verschwand vom Schauplatz.