Part 1 / Book 2 — From the Low German ‘Reinke de Vos,’ Book 2: Reinke under the Pope’s ban; Martin the Ape offers to assist him.
Reading edition
Als Martin der Affe das vernommen, Reinke wolle zu Hofe kommen, Zu reisen gedacht’ er just nach Rom. Er ging ihm entgegen und sprach: “Lieber Ohm, 5 Fasst Euch ein Herz und frischen Mut.” Den Stand seiner Sache kannt’ er gut, Doch frug er nach ein und anderm Stück. Reineke sprach: “Mir ist das Glück In diesen Tagen sehr zuwider. 10 Gegen mich klagen und zeugen wieder Etliche Diebe, wer es auch sei, Das Kaninchen ist und die Krähe dabei. Der eine hat sein Weib verloren, Der andre die Hälfte von seinen Ohren. 15 Könnt’ ich selber vor den König kommen, So sollt’ es beiden wenig frommen. Was mir am meisten schaden kann, Ist dies: Ich bin in des Papstes Bann. Der Probst hat in der Sache Macht, 20 Aus dem der König selber viel macht. Warum man in den Bann mich tat, Ist, weil ich Isegrim gab den Rat, Da er ein Klausner war geworden, Dass er weglief’ aus dem Orden, 25 In den er bei Clemar sich begeben. Er schwur, er könne nicht mehr leben In solch hartem, strengem Wesen, So lang zu fasten, so viel zu lesen. Ich half ihm weg; das reut mich jetzt, 30 Zumal er mich zum Dank verschwätzt: Er feindet mich beim König an Und tut mir Schaden, wo er kann. Geh’ ich nach Rom, so setz’ ich fürwahr Weib und Kinder in grosse Gefahr, 35 Denn Isegrim wird es nicht lassen, Ihnen nachzustellen und aufzupassen Mit andern, die mir zu schaden trachten Und schon manches wider mich erdachten. Würd’ ich nur aus dem Bann gelöst, 40 So wär’ mir Mut ins Herz geflösst; Ich könnte getrost mit besserm Gemache Sprechen für meine eigne Sache.” Martin sprach: “Reineke, lieber Ohm, Ich bin eben auf dem Weg nach Rom; 45 Da will ich Euch helfen mit schönen Stücken, Ich leide nicht, dass sie Euch unterdrücken. Als Schreiber des Bischofs, könnt Ihr denken, Versteh’ ich was von solchen Ränken. Ich will den Probst nach Rom citieren 50 Und will so gegen ihn plädiren; Seht, Ohm, ich schaff’ Euch Excusation Und bring’ Euch endlich Absolution, Und wenn der Probst sich vor Ärger hinge. Ich kenn’ in Rom den Lauf der Dinge, 55 Und was zu tun ist, weiss ich schon. Da ist auch mein Oheim Simon, Der sehr mächtig ist und hochgestellt Und jedem gerne hilft fürs Geld. Herr Schalkefund steht auch da hoch, 60 Dr. Greifzu und andre noch, Herr Wendemantel und Herr Losefund, Die sind da all mit uns im Bund. Ich habe Geld voraus gesandt, Mit Geld wird man am besten bekannt. 65 Ja, Quark, man spricht wohl von Citieren; Sie wollen nur, man soll spendieren. Wär’ eine Sache noch so krumm, Man biegt mit Geld sie um und um. Wer Geld bringt, mag sich Gnade kaufen; 70 Wer das nicht hat, den lässt man laufen. Seht, Ohm, seid ruhig um den Bann, Ich nehme mich der Sachen an Und bring’ Euch frei, Ihr habt mein Wort. Geht dreist zu Hof, Ihr findet dort 75 Frau Riechgenau, mein Ehgemahl. Der König liebt sie, und zumal Auch unsre Frau, die Königin, Denn sie hat klugen, behenden Sinn. Sprecht sie an, sie liebt die Herrn 80 Und verwendet sich für Freunde gern. Sie ist Euch zu jedem Dienst erbötig. Das Recht hat manchmal Hilfe nötig. Bei ihr sind ihrer Schwestern zwei, Dazu auch meiner Kinder drei 85 Und viel andre noch von Euerm Geschlecht, Die gern Euch helfen zu Euerm Recht. Kann Euch denn sonst kein Recht geschehn, So lass’ ich meine Macht Euch sehn. Macht es mir nur gleich bekannt. 90 Alle, die wohnen im ganzen Land, Den König und alle, Weib und Mann, Die bring’ ich in des Papstes Bann Und schick’ ein Interdict so schwer, Man soll nicht begraben noch taufen mehr, 95 Und keine Messe lesen noch singen. Drum, lieber Ohm, seid guter Dingen! Der Papst ist ein alter, schwacher Mann, Er nimmt sich keiner Sache mehr an; Drum hat man sein auch wenig acht. 100 Am Hofe übt die ganze Macht Der Kardinal von Ohnegenügen, Ein rüstiger Mann, der weiss es zu fügen. Ich kenn’ ein Weib, die hat er lief, Die soll ihm bringen einen Brief. 105 Mit der bin ich sehr wohl bekannt, Und, was sie will, geschieht im Land. Sein Schreiber heisst Johann Partei, Der kennt wohl Münze alt und neu. Horchgenau ist sein Kumpan, 110 Der ist des Hofes Kurtisan. Wendundschleich ist Notarius, Beider Rechte Baccalaureus; Übt der ein Jahr noch seine Tücken, So wird er Meister in Praktiken, 115 Moneta und Donarius halten jetzt Die Richterstühle dort besetzt; Wem sie das Recht erst abgesprochen, Dem ist und bleibt der Stab gebrochen. So gilt in Rom jetzt manche List, 120 Daran der Papst unschuldig ist. Die muss ich alle zu Freunden halten: Sie haben über die Sünden zu schalten Und lösen das Volk all aus dem Bann. Oheim, vertraut Euch mir nur an! 125 Der König hat es schon vernommen, Dass ich Euch will zu Hilfe kommen. Er weiss auch, dass ich der Mann dazu bin; Drum kommt Ihr nicht zu Ungewinn. Bedenkt alsdann der König recht, 130 Wie viele vom Affen- und Fuchsgeschlecht, In seinem geheimsten Rate sitzen. Geh’s wie es will, das muss Euch nützen.” Reineke sprach: “Ich bin getröstet; Ich dank’ Euch’s gern, wenn Ihr mich löstet.”
XXXVI. PETER SUCHENWIRT
The most gifted verse-writer of the poetically barren 14th century. He was a ‘wandering singer’ who depended for his livelihood upon the patronage of princes and spent the most of his life in Austria. He died about 1400. The selection is a translation of his Red’ von der Minne.
A Discourse of Love. Ich wanderte an einem Tag In einen wonniglichen Hag, Darin die Vögel sungen; Da kam ich unbezwungen 5 Auf einem wonniglichen Raume Zu einem dichtbelaubten Baume, An deren Wurzeln wundervoll Hervor ein kaltes Brünnlein quoll. Da fand ich sitzen hart anbei 10 Drei Frauen alle mangelfrei, Minne, Stæt’ und Gerechtigkeit. Die erste klagt’ ihr Herzensleid, Bezwungen von des Schmerzes Not; Sie sprach: “Ich bin beinahe tot 15 An Ehren und an Sinnen: Die mich sollten minnen, Sie sind ein ehrloses Geschlecht. Da ich nun, Minne, mit Unrecht Auf Erden kam zu solchem Leben, 20 Sollt ihr getreuen Rat mir geben. Gerechtigkeit, in Gottes Namen, Von dem die zehn Gebote kamen, Macht, dass mein Recht mir werd’ erteilt: Wer Minne lasterhaft vergeilt 25 Und reiner Frauen Würdigkeit, Der büss’ es! Das ist nun mein Leid.” Gerechtigkeit sprach zu der Stæte: “Wir hätten nötig gute Räte, Um recht zu richten die Geschicht’.” 30 Frau Stæte sprach mit Worten schlicht: “Nun hört und merkt, was ich will sagen: Wem Minne Hass mag tragen, Den wollen wir in aller Schnelle Sogleich verhören auf der Stelle.” 35 Gerechtigkeit tat auf den Mund: “Macht uns allhier mit Worten kund, Durch wen Ihr leidet solche Pein.” Frau Minne sprach: “Der Jammer mein Ist leider hart und schauderhaft, 40 Weil mancher Prahler lügenhaft Von reinen Frauen faselt. Ach, Dass Gott ihn nicht mit seinem Schlag Getroffen aller Welt zur Lehr’! Das würde mich erfreuen sehr, 45 Wie ich bekenne öffentlich. Die schnöden Dinge liebt er sich Und schwatzt von dem, was er nie sah. Drum sollt’ er in die Höll’ und da Die heisse Loh ihn sengen, 50 Der Teufel hart bedrängen, Zur Ahndung seiner falschen List, Weil er ein loser Schwätzer ist. Darüber sollt ihr richten mir.” Gerechtigkeit erwidert’ ihr: 55 “So sei’s! Ein Urteil soll geschehn: Ihn soll kein lieblich Aug’ ansehn, Von einer reinen Frauen zart; Ihr Mund sei gegen ihn verspart, Dass ihm kein Gruss mag werden kund 60 Von einem rosenroten Mund. Das ist der strenge Wille mein.” Frau Stæte sprach: “Ich leid’ auch Pein In meinem Herzen mannigfalt: Ich habe Diener, jung und alt, 65 Die sagen, dass sie stätig sein Und tun das öffentlich zum Schein Bei reinen Frauen manchmal kund; Doch tief in ihres Herzens Grund Liegt falscher List ein grosser Hort: 70 Das ist der Seele arger Mord Und reiner Frauen Ungewinn. Ich wollt’, wer hätt’ so falschen Sinn, Dass dem doch aus dem Munde sein Die Zähne wüchsen, wie dem Schwein; 75 Daran erkenntlich wären die Leut’, Und reine Frauen leicht befreit Von jener Schälkchen loser Schar Mit Worten sanft und doch nicht wahr, Mit Zungen, die wie Messer schneiden; 80 Ach, was muss man davon leiden! Und noch eins mich mit Schmerz bewegt: Dass mancher Blau am Leibe trägt Und wähnt davon stätig zu sein, Weil er in blauer Farbe Schein 85 Erzeiget sich den Frauen gut. Mich dünkt nun so in meinem Mut: Wäre die Farbe, wie man hört, Die Elle hätte wohl den Wert Von hundert Gulden sicherlich; 90 Doch Stæte wiegt im Herzen sich, Sie tut nicht von der Farbe kommen, Drum kann es manchem wenig frommen, Wenn er der Unstæt’ huldigt Und wird von Fraun beschuldigt.” 95 Ich hört’ ihr Plaudern mannigfalt, Und was zu tun, entschied ich bald. Ich ging hinzu und sprach kein Wort. Frau Minn’ erblickte mich sofort, Die war gar wundersam geziert: 100 “Sag’ mir, mein lieber Suchenwirt,” Sprach sie, “was tust du hie?” Geschwinde fiel ich auf ein Knie. “Gnade, Frau,” darauf sprach ich; “Der Mai hat Blumen wonniglich 105 Im ganzen Land herumgestreut, Dass manches Herze wird erfreut, So wie die kleinen Vögelein. Ich kam verlockt vorn Augenschein Auf diesen Anger wunderbar; 110 Da wurde Euer ich gewahr Und hörte Eure Klage gross.” Sie sprach: “Ich bin der Freuden bloss Und weiss, was ich beginnen soll. Die Welt ist schlechter Kniffe voll: 115 Hast du gehört des Jammers Pein, So handle nach dem Willen mein Und tu’ es offenherzig kund Den Edlen hier zu mancher Stund’, Dass sie vor Schande hüten sich.” 120 “Das tu’ ich gerne, Frau,” sprach ich. So schied ich von der Minne dann Beglückt und ohne argen Wahn.
XXXVII. BRANT’S SHIP OF FOOLS
A famous satire published at Basel in 1494, with numerous excellent woodcuts. Its author, Sebastian Brant, was born at Strassburg in 1457, took his degree in law, became city clerk of his native place and died in 1521. The Ship of Fools, which consists of disconnected sections describing the various kinds of fools—over a hundred of them—who have embarked in the ship for Fool-land, was translated into Latin, into French three times and into English twice. It was Germany’s first important contribution to world literature. The selections are from the modernization by Simrock, Berlin, 1872.
1 Von Geiznarren. Wer sich verlässt auf zeitig Gut, Drin Freude sucht und guten Mut, Der ist ein Narr mit Leib und Blut.1 Der ist ein Narr, der sammelt Gut 5 Und hat nicht Freud’, und guten Mut Und weiss auch nicht, wem er’s wird sparen, Wenn er muss zum düstern Keller fahren. Noch törichter ist, wer vertut In Üppigkeit und Frevelmut 10 Was Gott ins Haus ihm hat gegeben. Er nur verwalten soll sein Leben Und Rechenschaft drum geben muss Wohl schwerer als mit Hand und Fuss. Ein Narr häuft den Verwandten viel; 15 Die Seel’ er nicht bedenken will, Sorgt, ihm gebrech’ es in der Zeit, Und fragt nicht nach der Ewigkeit. O armer Narr, wie bist du blind! Du scheust den Ausschlag, kriegst den Grind. 20 Erwirbt mit Sünden mancher Gut Und brennt dann in der Hölle Glut, Des achten seine Erben klein: Sie hülfen ihm nicht mit einem Stein, Lösten ihn kaum mit einem Pfund, 25 Wie tief er läg’ im Höllenschlund. Gib weil du lebst, ist Gottes Wort: Ein andrer schaltet, bist du fort. Kein weiser Mann trug je Verlangen Mit Reichtum auf der Welt zu prangen. 30 Er trachtet nur sich selbst zu kennen; Den Weisen mag man steinreich nennen. Das Geld am Ende Crassus trank; Danach gedürstet hatt’ ihn lang. Crates sein Geld warf in das Meer, 35 So stört’s im Lernen ihn nicht mehr. Wer sammelt, was vergänglich ist, Begräbt die Seel’ in Kot und Mist.
2 Selbstgefälligkeit. Den Narrenbrei ich nie vergass, Seit mir gefiel das Spiegelglas: Hans Eselsohr mein Herz besass.2 Der rührt sich wohl den Narrenbrei, 5 Der wähnt, dass er sehr witzig sei, Und gefällt sich selber gar so wohl, Dass er in den Spiegel guckt wie toll Und doch nicht mag gewahren, dass Er einen Narren sieht im Glas. 10 Und sollt’ er schwören einen Eid, Spricht man von Zucht und Artigkeit, Meint er, die hätt’ er ganz allein, Seinsgleichen könnt’ auch nirgends sein, Der aller Fehler ledig wär’. 15 Sein Tun und Ruhn gefällt ihm sehr. Des Spiegels er drum nicht enträt, Wo er sitzt und reitet, geht und steht, Wie es Kaiser Otho hat gemacht, Der den Spiegel mitnahm in die Schlacht 20 Und schor die Backen zwier am Tag, Mit Eselsmilch sie wusch hernach. Dem Spiegel sind die Fraun ergeben; Ohne Spiegel könnte keine leben. Eh’ sie sich recht davor geschleiert 25 Und geputzt, wird Neujahr wohl gefeiert. Wem so gefällt Gestalt und Werk, Ist dem Affen gleich zu Heidelberg.3 Dem Pygmalion gefiel sein Bild, Vor Narrheit ward er toll und wild. 30 Sah in den Spiegel nicht Narciss, Lebt’ er noch manches Jahr gewiss. Mancher sieht stets den Spiegel an, Der ihm doch nichts Schönes zeigen kann. Wo du solch närrisch Schaf siehst weiden, 35 Das mag auch keinen Tadel leiden, Es geht in seinem Taumel hin, Und kein Verstand will ihm zu Sinn.
XXXVIII. FOLK-SONGS OF THE FIFTEENTH CENTURY
A large number of folk-songs originated in the 15th and still more in the 16th century. From the nature of the type they can seldom be exactly dated unless they relate to a known historical occurrence. The following selections are taken from Erk and Böhme’s admirable Deutscher Liederhort, 3 volumes quarto, Leipzig, 1893-4. As any translation into smooth modern verse would destroy a part of the characteristic flavor of the songs, they are printed as in Erk and Böhme, but with occasional modernizations of spelling and grammar.
In this chapter, textual notes are shown alongside the poems, as in Part II.
1
Reigen um das erste Veilchen.1
Der Maie, der Maie
Bringt uns der Blümlein viel;
Ich trag’ ein frei’s Gemüte,
Gott weiss wohl, wem ich’s will.
Ich will’s ei’m freien Gesellen,
Derselb’ der wirbt um mich,
Er trägt ein seiden Hemd an,
Darein so preist2 er sich.
Er meint, es säng’ ein’ Nachtigall,
Da war’s ein’ Jungfrau fein:
Und kann er mein nicht werden,
Trauret das Herze sein.
2
Burschenleben.3
Ich weiss ein frisch Geschlechte,
Das sind die Burschenknechte,
Ihr Orden steht also:
Sie leben ohne Sorgen
5
Den Abend und den Morgen,
Sie sind gar stätiglich froh.
Du freies Burschenleben!
Ich lob’ dich für den Gral;4
Gott hat dir Macht gegeben
10
Trauren zu widerstreben,
Frisch wesen überall.
Sie können auch nit hauen
Des Morgens in dem Taue
Die schönen Wiesen breit;
15
Sonder5 die schönen Frauen
Die können sie wohl schauen
Die Nacht bis an den Tag.
Das macht ihr frei’s Gemüte
Der schönen Frauen klar;
20
Gott selber sie behüte
Durch seine milde Güte,
Die minnigliche Schar!
Wie selten sie auch messen
Das Koren,6 das sie essen,
25
Und was der Metzen7 gilt!
Die Bauern müssen schneiden
Und dazu Gerwel reiden8
Viel gar ohn’ ihren Dank.9
Du feines Burschenleben!
30
Ich lob’ dich für den Gral;
Gott hat dir Macht gegeben
Trauren zu widerstreben,
Frisch wesen überall.
3
Mädchenkunde eines fahrenden Sängers.10
4
Anweisung zum Raubritterberuf.23
Der Wald hat sich belaubet,
Des freuet sich mein Mut.
Nun hüt’ sich mancher Bauer,
Der wähnt, er sei behut!24
5
Das schafft des argen Winters Zorn,
Der hat mich beraubet,
Das klag’ ich heut und morn.
Willst du dich ernähren,
Du junger Edelmann,
10
Folg’ du meiner Lehre,
Sitz’ auf und trab’ zum Bann!25
Halt’ dich zu dem grünen Wald,
Wenn der Bauer ins Holz fährt,
So renn’ ihn frischlich an!
15
Erwisch’ ihn bei dem Kragen,
Erfreu’ das Herze dein,
Nimm ihm, was er habe,
Spann’ aus die Pferdlein sein!
Sei frisch und dazu unverzagt,
20
Wann er nummen26 Pfennig hat,
So russ ihm d’ Gurgel ab.27
Heb’ dich bald von dannen,
Bewahr’ dein’ Leib, dein Gut!
Dass du nit werdest zu Schannen,28
25
Halt’ dich in stäter Hut!
Der Bauern Hass ist also gross;
Wenn der Bauer zum Tanze geht,
So dünkt er sich Fürstengenoss.
Er nimmt die Metze29 bei der Hand,
30
Die gibt ihm einen Kranz;
Er ist der Metze eben
Derselbe Ferkelschwanz.30
Die Tölpel trippeln hinten nach,
Das ist der Metze eben31
35
Und dem Conzen32 auch.
Ich weiss ein’ reichen Bauern,
Auf den hab’ ich’s gericht’;
Ich will ein’ Weile lauern,
Wie mir darum geschicht.33
40
Er hilft mir wohl aus aller Not,
Gott grüss’ dich, schönes Jungfräulein,
Gott grüss dich, Mündlein rot!
5
Ritter und Schildknecht.34
6
Tannhäuser.42
Nun will ich aber heben an
Von dem Tannhäuser singen,
Und was er Wunders hat getan
Mit Venus, der edlen Minne.
5
Tannhäuser war ein Ritter gut,
Wann er wollt’ Wunder schauen,
Er wollt’ in Frau Venus Berg,
Zu andern schönen Frauen.
“Herr Tannhäuser, Ihr seid mir lieb,
10
Daran sollt Ihr gedenken!
Ihr habt mir einen Eid geschworn,
Ihr wollt von mir nit wenken.”
“Frau Venus, das en43 hab ich nit,
Ich will das widersprechen;
15
Und red’t das jemands mehr denn Ihr,44
Gott helf’ mir’s an ihm rächen!”
“Herr Tannhäuser, wie red’t Ihr nun?
Ihr sollt bei mir beleiben;45
Ich will Euch mein’ Gespielin geben
20
Zu einem stäten Weibe.”
“Und nähm’ ich nun ein ander Weib,
Ich hab’ in meinem Sinne:
So müsst’ ich in der Hölle Glut
Auch ewiglich verbrinnen.”
25
“Ihr sagt mir viel von der Hölle Glut,
Habt es doch nie empfunden;
Gedenkt an meinen roten Mund,
Der lacht zu allen Stunden.”
“Was hilft mich Euer roter Mund?
30
Er ist mir gar unmäre;46
Nun gebt mir Urlaub, Fräulein zart,
Durch aller Frauen Ehre!”
“Herr Tannhäuser, wollt Ihr Urlaub han,
Ich will Euch keinen geben;
35
Nun bleibt hie, edler Tannhäuser,
Und fristet Euer Leben.”
“Mein Leben das ist worden krank,
Ich mag nit länger bleiben;
Nun gebt mir Urlaub, Fräulein zart,
40
Von Eurem stolzen Leibe!”
“Herr Tannhäuser, nit reden also,
Ihr tut Euch nit wohl besinnen;
So gehn wir in ein Kämmerlein
Und spielen der edlen Minne.”
45
“Eu’r Minne ist mir worden leid,
Ich hab’ in meinem Sinne:
Frau Venus, edle Fraue zart,
Ihr seid ein’ Teufelinne.”
“Herr Tannhäuser, was red’t Ihr nun,
50
Und dass Ihr mich tut schelten?
Nun, sollt Ihr länger hierinnen sein,
Ihr müsst’ es sehr entgelten.”
“Frau Venus, das en will ich nit,
Ich mag nit länger bleiben.
55
Maria Mutter, reine Maid,
Nun hilf mir von dem Weibe!”
“Herr Tannhäuser, Ihr sollt Urlaub han,
Mein Lob das sollt Ihr preisen,
Wo Ihr in dem Land umfahrt;
60
Nehmt Urlaub von dem Greisen!”47
Da schied er wieder aus dem Berg,
In Jammer und in Reuen:
“Ich will gen Rom wohl in die Stadt
Auf eines Papstes Treuen.
65
Nun fahr’ ich fröhlich auf die Bahn,
Gott müss’ sein immer walten!
Zu einem Papst, der heisst Urban,
Ob er mich möcht’ behalten.”
“Ach Papste, lieber Herre mein,
70
Ich klag’ Euch hie mein’ Sünde,
Die ich mein’ Tag’ begangen hab’,
Als ich Euch’s will verkünden.
Ich bin gewesen auch ein Jahr
Bei Venus, einer Frauen.
75
So wollt’ ich Buss’ und Beicht’ empfahn,
Ob ich möcht’ Gott anschauen.”
Der Papst hat ein Stäblein in seiner Hand,
Das war sich also dürre:
“Als wenig das Stäblein grünen mag,
80
Kommst du zu Gottes Hulde!”
“Und sollt’ ich leben nur ein Jahr,
Ein Jahr auf dieser Erden,
So wollt’ ich Beicht’ und Buss’ empfahn
Und Gottes Trost erwerben.”
85
Da zog er wied’rum aus der Stadt
In Jammer und in Leiden:
“Maria Mutter, reine Magd,
Muss ich mich von dir scheiden!”
Er zog nun wied’rum in den Berg
90
Und ewiglich ohn’ Ende:
“Ich will zu meiner Frauen zart,
Wo mich Gott will hin senden.”
“Seid gottwillkommen, Tannhäuser!
Ich hab’ Eu’r lang entboren;48
95
Seid gottwillkommen, mein lieber Herr,
Zu einem Buhlen auserkoren.”
Das währet an den dritten Tag,
Der Stab hub an zu grünen.
Der Papst schickt’ aus in alle Land:
100
Wo der Tannhäuser wär’ hinkommen?
Da war er wieder in den Berg
Und hatt’ sein Lieb erkoren;
Des muss der vierte Papst Urban
Auf ewig sein verloren!
XXXIX. LATE MEDIEVAL RELIGIOUS PROSE
Prior to Luther the most noteworthy prose is found in the sermons of Berthold von Regensburg, the great 13th century preacher, and in the somewhat later writings, largely sermons, of the mystics Eckhart, Seuse, Tauler and Meerschwein. Their interest is rather more religious than literary. The earliest example of imaginative prose is the so-called Farmer of Bohemia, written in 1399, in which a bereaved husband discourses of his lost wife with Death. The 15th century shows a considerable body of prose literature in the form of sermons, chronicles, translations, paraphrases, but nothing of great artistic distinction.
1
From a Sermon of Berthold von Regensburg ‘On the Angels.’1
Wir begehen heute das Fest der grossen Fürsten, der heiligen Engel, die der ganzen Welt ein überaus grosses Wunder sind, und an denen der allmächtige Gott viele Wunder und grosse Wunder geschaffen hat. Und wollte ein Mensch nicht aus anderm Grunde in den Himmel kommen, so könnte er doch gerne darum in den Himmel kommen, nur damit er sähe, was für Wunder und Wunder da sind. Und des Wunders kann niemand zu Ende kommen, das Gott in den heiligen Engeln an den Tag gelegt hat. Und sie sind unseres Herrn Boten, denn Engel heisst auf Griechisch ein Bote. Unser Herr hatte grosse Freude, da er ohne Anfang war, wie er auch auf immer ohne Ende ist. Ich rede von der Gottheit, von der Krone; ehe er etwas erschuf, wie wir jetzt sind, da hatte er gar grosse Freude in sich selbst und mit sich selbst. Da gedachte er zu machen, er wollte zwei Kreaturen machen, zweierlei Kreaturen, damit diese seiner Freude teilhaftig würden, er selbst aber darum nicht weniger Freude hätte. Und wie grosse Freude er auch ihnen gab, hatte er doch selbst darum nicht mindre Freude, recht wie der Sonnenschein. Wie viel die Sonne uns auch alle Tage ihres Lichtes gibt, hat sie selbst um nichts weniger. Und also machte Gott zwei Kreaturen: das waren der Mensch und der Engel. Da machte Gott ein Ding,2 und das war das allerbeste Ding unter allen Dingen, die Gott je gemacht hat. Und nie machte er ein Ding so gut unter allen Dingen, die Gott gemacht hat, [wie dieses, das er machte,] damit Mensch und Engel seiner Freude teilhaftig würden, da es so nütze und so gut war. Und also machte es Gott, dass Menschen und Engel davon immermehr Freude haben sollten. Und wie ausserordentlich nütze das Ding auch war, und wie viel Ehre und Seligkeit auch daran liegt, so waren doch etliche Engel im Himmel, die das Ding nicht behalten wollten, und diese wurden verstossen aus den ewigen Freuden und wurden in die ewige Marter geworfen. Und alle, die das Ding behielten, die blieben bei dem allmächtigen Gott in den ewigen Freuden, weil sie das Ding behielten, das so gut ist, unter allen Dingen das beste . . . .
Und also begeht man heute das Fest der Engel, die bei Gott blieben und aushielten, dass sie nicht fielen. Und also begeht man heute das Fest Sankt Michaels und der heiligen Engel. Und dass man das Fest der heiligen Engel nicht oft im Jahre begeht, daran tat unser Herr gar weislich und wohl; wie billig es auch wäre, dass man ihr Fest dreimal im Jahre beginge, so tat unser Herr gar weislich und wohl daran, und es ist besser, dass man es nicht oft begeht. Warum? Seht, aus diesem Grunde. Wenn man ihr Fest mit Singen und Lesen beginge, müsste man auch von ihnen predigen. Und wenn wir also oft von den Engeln predigen müssten, so käme vielleicht ein Frevler und würde vielleicht so frevelhaft sein, dass er von den heiligen Engeln Ketzerei predigen könnte. Denn unser Herr hat so viel Wunders an den Engeln gemacht, dass wir es nicht alles sicherlich wissen. Er hat etliche Wunder an den Engeln gemacht, wovon wir nicht genau wissen sondern nur vermuten. Und wer ein Ding vermutet, der weiss es nicht sicherlich. So hat auch unser Herr manches Ding an ihnen gemacht, das wir wohl wissen. Wer daher die Dinge predigen wollte, die wir vermuten, der könnte vielleicht Ketzerei predigen. Also soll niemand etwas predigen als das, was man sicherlich weiss.
2
From Eckhart’s tractate ‘On the Nature and Dignity of the Soul.’3
Die Seele hat zwei Füsse, das Verständnis und die Minne; und je mehr sie versteht, desto mehr minnet sie. Und wer kann sie fällen, da der sie erhält, der alle Kreaturen erhält? Denn die Gnade reizet die Begierde und ziehet die Seele aus sich selber heraus, so dass sie mit der Gnade und in der Gnade in Gnade kommt, und über die Gnade in Gott, ihren ersten Ursprung kommt, wo es ihr wohler als je wird in wonnesamer Einigung. Denn da verstummen alle Sinne, und der Seele Wille und der Wille Gottes fliessen ineinander, so dass die zwei Willen sich minnesam umfangen in rechter Einigung. Und da kann die Seele weder mehr noch minder denn göttliche Werke hervorbringen, und zwar deshalb, weil an ihr nichts mehr als Gott lebet. Darum spricht die Seele in dem Buch der Minne: Ich habe den Kreis der Welt umlaufen und konnte nicht zu dessen Ende kommen; deshalb habe ich mich in den einzigen Punkt meines einzigen Gottes versenkt, weil er mich verwundet hat mit seinem Anblicke. Und wen dieser Anblick nicht verwundet hat, dessen Seele ist von der Minne Gottes nie verwundet worden. Darum sagt Sankt Bernhard: Welcher Geist den Anblick empfunden hat, der vermag ihn nicht zu beschreiben, und wer ihn nicht empfunden hat, der vermag nicht daran zu glauben. Denn da wird ein Pfeil ohne Zorn geschossen, und man empfindet es ohne Schmerzen; denn da wird der lautere und klare Brunnen der Arzenei der Gnade aufgetan, der die inneren Augen erleuchtet, so dass die Seele mit einem wonnesamen Anschauen den Wollust der göttlichen Heimsuchung empfindet, in dem man unerhörte Dinge geistlichen Gutes gewahrt, die nie gehört noch gepredigt wurden und in keinem Buche geschrieben stehen.
3
From Seuse (Suso): The Prelude to the Silent Mass.4
Er ward gefragt, was er damit meinte, als er Messe sang und vor der stillen Messe das Präludium anhub: Sursum corda. (Denn nach ihrer gewöhnlichen Bedeutung meinen die Worte auf Deutsch: Saust auf in die Höhe, alle Herzen, zu Gott!). Die Worte kamen recht begehrlich aus seinem Munde, so dass die Menschen, die sie hörten, auf einen sonderbaren Andacht haben daraus schliessen können. Auf diese Frage antwortete er mit einem minniglichen Seufzer und sprach also:
“Wenn ich diese lobreichen Worte sursum corda in der Messe sang, geschah es gewöhnlich, dass mein Herz und meine Seele zusammenflossen von göttlicher Qual und Begierde, die mein Herz sofort aus sich selbst entrückten; denn es erhoben sich gewöhnlich drei hochentzückende Vorstellungen, in denen ich zu Gott aufgeschwungen ward, und durch mich alle Kreaturen. Die erste einleuchtende Vorstellung war also: Mich selbst nach allem, was ich bin, nahm ich vor meine inneren Augen mit Leib und Seele und allen meinen Kräften und stellte um mich herum alle Kreaturen, die Gott je erschuf im Himmel und auf Erden und in den vier Elementen, waren es Vögel der Luft, Tiere des Waldes, Fische des Wassers, Laub und Gras des Erdreiches, oder der unzählige Sand am Meer, und dazu all das kleine Gestäube, das im Glanz der Sonne schimmert, und alle die Wassertröpflein, die vom Tau oder vom Schnee oder vom Regen je gefallen sind oder fallen werden, und wünschte, es hätte deren jegliches ein süsses, aufdringendes Saitenspiel, wohlgenährt vom Safte meines innigsten Herzens, und dass also ein neues, hochherziges Lob dem geminnten, zarten Gott aufklänge von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und dann zertrennten und zerteilten sich auf eine fröhliche Weise die minnereichen Arme der Seele gegen die unsägliche Zahl aller Kreaturen, und es war ihr Gedanke, sie alle darin eifrig zu machen, recht wie ein freier, wohlgemuter Vorsänger die singenden Gesellen anspornt, fröhlich zu singen und ihre Herzen zu Gott aufzubieten: Sursum corda!”
“Die zweite Vorstellung,” sprach er, “war also: Ich nahm in meine Gedanken mein Herz und aller Menschen Herzen und überlegte, welche Lust und Freude, was für Glück und Frieden die geniessen, die ihr Herz Gott allein geben, und dagegen was für Schaden und Leiden, was für Qual und Unruhe vergängliche Minne ihren Untertanen einträgt, und ich rief dann mit grosser Sehnsucht zu meinem Herzen und den andern Herzen, wo sie auch sein möchten in allen Enden dieser Welt: Wohlauf, ihr gefangenen Herzen, aus den engen Banden vergänglicher Minne! Wohlauf, ihr schlafenden Herzen, aus dem Tode der Sünde! Wohlauf, ihr üppigen Herzen, aus der Lauheit eures trägen, lässigen Lebens! Hebt euch auf mit einer gänzlichen ledigen Umkehr zu dem minniglichen Gott: Sursum corda!”