Part 1 / Book 3 — From the ‘French Guest,’ Book 3: Life’s compensations; riches and poverty.
Reading edition
Der Bauer möchte werden Knecht, Dünkt ihm einmal das Leben schlecht; Der Knecht, der wäre gern ein Bauer, Dünkt ihm einmal das Leben sauer. 5 Der Pfaffe möchte Ritter wesen, Langweilt es ihm, sein Buch zu lesen; Sehr gern der Ritter Pfaffe wär’, Wenn er den Sattel räumt dem Speer. Der Kaufmann, kommt er in die Not, 10 Sagt: “Weh und ach, o wär’ ich tot! Mir ist ein elend Los gegeben. Der Werkmann hat ein gutes Leben; Er bleibt zu Hause, sel’ger Mann, Da ich, der ich nicht werken kann, 15 Muss fahren immer hin und her Und leiden Mühsal hart und schwer.” Der Werkmann sagt: “Wie wonniglich Lebt doch der Kaufmann! Während ich Mich nachts mit harter Arbeit plag’, 20 Schläft ja der Kaufmann, wenn er mag.” Was diesem lieb, ist jenem leid; Das macht die Unbeständigkeit. Wollte ziehen der Hund am Wagen, Und der Ochse Hasen jagen, 25 Es deuchte uns doch wunderlich. Noch schlimmer aber reimt es sich, Bei diesem oder jenem Leiden Den Stand des andern zu beneiden, Der Knecht den Bauer und umgekehrt; 30 Das ist ja beiderseits verkehrt. Wird Pfaffe Ritter, Ritter Pfaffe, So handelt jeder wie der Affe, Der, sorglos ob es ihm sei recht, Ein jedes Amt bekleiden möcht’. 35 Die Sach’ ist trüglich ganz und gar; Ich sage euch, und es ist wahr: Das seine würde keiner geben, Kannt’ er nur des andern Leben. Des Armen Mühen und des Reichen, 40 Die beiden sich vollständig gleichen. Wer hat Verstand, der deutlich sieht, Dass Armut nicht den kürzern zieht. Dem Armen weh die Armut tut, Der Reiche quält sich um sein Gut. 45 Ist man mir schuldig, tut’s mir leid, Dass keine Barschaft steht bereit; Bin ich der Schuldige, leid’ ich Qualen, Weil ich nichts habe zu bezahlen. Man sieht ja, zwischen arm und reich 50 Ist alles abgewogen gleich. Der arme Mann sehnt sich nach Gut, Der reiche Mann bedarf der Hut. Gut wünschen ist des Armen Plage, Und wer es hat, kommt in die Lage, 55 Dass er um Hilfe bitten muss; Auf gleicher Stufe geht ihr Fuss. Der Arme plagt sich nach dem Gute, Dem Reichen ist es schlecht zu Mute, Weil er noch ungesättigt bleibt; 60 Besitz die Sorgen nie vertreibt. Wer hat genug und mehr noch will, Dem hilft sein Gut genau so viel, Als Rauch den Augen nützlich ist; Das ist nun wahr zu jeder Frist. 65 Der ist sehr arm bei grossem Gut, Der mehr begehrt in seinem Mut. Der hat an kleinen Dingen viel, Der hat genug und nichts mehr will. Hat jemand einen reichen Mut, 70 Er ist nicht arm bei kleinem Gut. Wem nicht genüget, was er hat, Für dessen Armut ist kein Rat: Des bösen Mannes kargem Mut Genügt ja nicht das grösste Gut. 75 Der Geiz’ge hätte stets die Fülle, Wäre nur nicht sein böser Wille. Wer nicht mit wenigem kann leben, Muss seinen Leib zu eigen geben. Der brave Mann weiss stets Bescheid 80 In Reichtum und in Dürftigkeit. Wir wenden mehr der Müh’ und List An das, was uns nicht nötig ist, Als an das Nötige sogar: Ist doch die Art sehr wunderbar. 85 Man lässt zu Hause Kind und Weib Und plagt mit Arbeit seinen Leib, Und der Gewinn ist manchmal klein; Es würd’ also viel besser sein, Wenn man mit nur geringer Müh’ 90 Nach Tugend würbe; so gedieh’ Uns Reichtum und ein grosses Gut (Ich meine in dem reichen Mut). Man gibt sehr oft den eignen Leib, Freiheit, Seele, Kind und Weib 95 Um weniges, und wenn zur Stund’ Wir’s kaufen sollten für ein Pfund, Wir liessen es ganz unberührt. Der tör’chte Mensch zu Markte führt Sein eignes Selbst und weiss nicht wie, 100 Um lauter Sorge, Reu’ und Müh’, Mit seinem Selbst kauft er was ein, Und meint, das Ding nun wäre sein; Doch mit der Zeit wird er belehrt, Dass er vielmehr dem Ding gehört. 105 Er wäre sein, wär’ nicht sein Gut; Dermassen hat er seinen Mut, Und seinen Sinn dem Gut gegeben Und muss als ein Leibeigner leben. Der, der verkauft den freien Mut, 110 Erhält niemals ein gleiches Gut. Wem sein Reichtum läufet vor, Der folget nach ihm wie ein Tor. Wer mit dem Gute unrecht tut, Der unterwirft ihm seinen Mut, 115 Und wer es nicht beherrschen kann, Der ist des Pfennigs Dienstemann. Jetzt von der Unbeständigkeit: Von grosser Lieb’ kommt grosses Leid. Was man erwirbt mit grosser Not, 120 Man lässt es doch zurück im Tod. Der Reichtum macht niemand gesund, Der ruft ihn in der Krankheit Stund’. Wer da ihn liebt mit grossem Neid, Verlässt ihn auch mit grossem Leid; 125 Und wie er sich mag wenden, Es muss mit ihm doch enden. Und Leid von Lieb’ entstehen mag, Sogar auch vor dem Todestag: Feind, Feuer, Spiel und Tod und Diebe, 130 Die können machen Leid aus Liebe. Drum mein’ ich, dass der Reiche tut Das beste, wenn er gibt sein Gut Um ein viel besseres, das heisst, Um Gottes Huld, die allermeist 135 Einträglich ist und ihm gewährt Den Reichtum, der sich ewig mehrt, Den kauft des Armen reiner Mut; Drum haben sie ein gleiches Gut. Der Arme kommt zu seinem Ziel 140 Geschwinder, wenn er es nur will. Der Reiche fährt in seiner Würde, Der Arme mit geringer Bürde Und ohne Sorge, wie’s ihm passt; Der Reiche mit des Reichtums Last, 145 Dazu mit Angst und argem Wahn. Hört er nur etwas, hält er an. Rührt sich irgendwo ’ne Maus, Er meint, es wäre in sein Haus Ein Dieb gekommen, und schreit “Diebe!” 150 Das macht doch nur des Geldes Liebe. Indessen dringt der Arme vor Dem Reichen zu des Herren Tor. Wer stets behalten will sein Gut, Der geb’ es in des Armen Hut; 155 Denn dieser bringt es an den Ort, Wo es ihm bleibt als ew’ger Hort. Wer seine Kammer hier will machen, Er mag sie, wie er will, bewachen, Verliert den Schatz, das Wort ist wahr, 160 So hier wie dort auf immerdar. Der Karge bleibt ein Nimmersatt: Solch Wesen auch die Hölle hat; Drum sollten beide, meine ich Zusammenhalten ewiglich. 165 Wer sich erweist der Hölle gleich, Gehört nicht hin in Gottes Reich.
XXXI. DER STRICKER
The assumed name of a thirteenth century writer whose real name is unknown. Der Stricker probably means ‘the composer,’ ‘the poet.’ He wrote a long epic, Karl the Great, an Arthurian romance, Daniel of the Blooming Vale, and several short tales of which the best is Pfaffe Ameis. The hero is a peripatetic rogue and practical joker who plays tricks on people and makes much money. The selection is from the translation by Karl Pannier in the Reclam library.
From ‘Pfaffe Ameis’, lines 805 ff: Ameis as doctor.
805 Als nun Ameis durch diesen Schlich Gar vieles Gut erworben sich Dort an dem Hof zu Karolingen,1 Ritt er hin nach Lotharingen Und fragete da unverwandt, 810 Bis er des Landes Herzog fand. Dem meldete er eine Märe, Dass nach dem Herrgott keiner wäre, Der besser heilen könnt’ als er. “So hat Euch Gott gesendet her,” 815 Hat da das Wort der Herzog nommen; “So bin ich froh, dass Ihr gekommen. Ich hab’ Verwandt’ und Dienstleut’ hier, Von deren Leiden Kummer mir Ersteht; siech ist ein grosser Teil 820 Verleiht Euch Gott ein solches Heil, Dass Ihr sie machen könnt gesund, Ihr werdet reich zur selb’gen Stund’.” Ameis zu sprechen da begann: “Ich bin ein Arzt, der solches kann. 825 Die von dem Aussatz sind befreit Und nicht durch Wunden haben Leid, Die haben Krankheit nicht so schwer— Und wären’s tausend oder mehr,— Dass ich sie nicht gesunden macht’, 830 Bevor der Tag entweicht der Nacht; Geschieht dies nicht, nehmt mir das Leben. Drum bitt’ ich Euch, mir nicht zu geben Geschenke oder Lohn, bevor Ihr nicht gehört mit eignem Ohr, 835 Dass sie gesagt, sie sei’n gesund. Dann tut mir Eure Gnade kund.” Des freute sich der Herzog sehr: “Ihr redet wohl,” erwidert’ er Und rief die Kranken unverweilt. 840 An zwanzig kamen da geeilt; Die führt’ der Pfaff’ in ein Gemach. “Bald hab’ ich,” er zu ihnen sprach “Von eurer Krankheit euch befreit, Wenn ihr mir schwöret einen Eid, 845 Erst nach Verlauf von sieben Tagen Von meiner Red’ etwas zu sagen. Nicht anders ich euch heilen kann.” Als er mit solcher Red’ begann, Da liessen sie sich bald besiegen. 850 Sie schworen, dass sie es verschwiegen, Und er zu ihnen nun begann: “Nun gehet ohne mich hindann Und wollt besprechen euch dabei, Wer unter euch der kränkste sei. 855 Ist er gefunden, tut’s mir kund— Bald sollt ihr werden dann gesund. Den kränksten will ich nämlich töten, Um euch zu helfen aus den Nöten Mit seinem Blute allsogleich. 860 Mein Leben sei zum Pfande euch.” Darob erschraken alle Siechen, Und wer da kaum vermocht’ zu kriechen Vor seiner Krankheit grimmer Not, Der fürchtete, es sei sein Tod, 865 Wenn seine Not gemerkt man hab’, Und ging dahin gar ohne Stab, Wo sie die Unterredung hatten. Vernehmet jetzo, wie sie taten. Es dachte da ein jeder Mann: 870 “Wie klein ich auch behaupten kann, Dass meiner Krankheit Leiden sei, So redet einer doch dabei, Das seine sei noch kleiner; Dann redet wieder einer, 875 Das seine sei zweimal so klein. Dann sprechen alle insgemein, Ich sei der allerkränkste hie. So sterbe ich, geheilt sind sie. Drum will ich mich behüten eh’r 880 Und sagen, dass gesund ich wär’.” So dachte er bei sich allein, So dachten alle insgemein. Und alle gaben zu verstehn, Dass ihnen Gnade wär’ geschehn; 885 Sie wären munter und gesund. Das taten sie dem Meister kund. Er sprach: “Ihr wollt betrügen mich.” Da schwor ein jeder feierlich Bei seiner Treu’, es wäre wahr, 890 Nichts tät’ ihm weh, auch nicht ein Haar. Da ward der Meister hoch erfreut. “Geht hin nun,” sprach er, “liebe Leut’, Und saget es dem Herzog an.” Das wurde unverweilt getan: 895 Sie gingen hin und sagten an, Sobald sie ihren Herren sahn, Es wär’ ein heil’ger Mann gekommen; Der Krankheit wären sie benommen. Darob zu staunen er begann 900 Und fragte alle Mann für Mann, Ob sie durch Lug ihn täuschten nicht. Da zwang sie ihres Eides Pflicht, Den sie Ameis, dem Pfaffen, taten, Dass keine andre Red’ sie hatten, 905 Als die: “sie wären ganz gesund.” Da liess an Silber zu der Stund’ Dem Pfaffen hundert Mark er geben. Und dieser kannt’ kein Widerstreben, Liess ab sich schnell das Silber wägen 910 Und forderte den Reisesegen; Dann eilt’ hinweg er unverwandt.
XXXII. FREIDANK.
The assumed name of a popular gnomic poet who lived in the first half of the 13th century. His fame rests on his Bescheidenheit, which means the ‘wisdom’ or ‘sagacity’ that comes of experience. The book is a miscellaneous collection of proverbial and aphoristic sayings. The titles of those given below were supplied by the translator.
1 Geheimnis der Seele. Wie die Seele geschaffen sei, Des Wunders werd’ ich hier nicht frei. Woher sie komme, wohin sie fahr’, Die Strass’ ist mir verborgen gar. Hier weiss ich selbst nicht, wer ich bin; Gott gibt die Seel’, er nehme sie hin: Gleichwie ein Hauch verlässt sie mich, Und wie ein Aas da liege ich.
2 Unentbehrlichkeit der Toren. Der Weisen und der Toren Streit Hat schon gewähret lange Zeit Und muss auch noch viel länger währen; Man kann sie beide nicht entbehren.
3 Borniertheit der Toren. Der Tor, wenn er ’ne Suppe hat, Kümmert sich gar nicht um den Staat. 4 Nachahmungssucht der Toren. Findet ein Tor eine neue Sitt’, Dem folgen’ alle Toren mit.
5 Selbstgefälligkeit. Uns selbst gefallen wir alle wohl; Drum ist das Land der Toren voll. 6 Selbstüberschätzung. Wer wähnt, dass er ein Weiser sei, Dem wohnt ein Tor sehr nahe bei. 7 Alter und Jugend. Haben alte Leute jungen Mut, Und junge alten, das ist nicht gut; Singen, springen soll die Jugend, Die Alten wahren alte Tugend. 8 Grenzen der Fürstenmacht. Und sollte es der Kaiser schwören, Der Mücken kann er sich nicht wehren; Was hilft ihm Herrschaft oder List, Wenn doch ein Floh sein Meister ist. 9 Der unbedeutende Feind. Dem Löwen wollt’ ich Friede geben, Liessen mich die Flöhe leben. 10 Der kühnste Vogel. Die Flieg’ ist, wird der Sommer heiss, Der kühnste Vogel, den ich weiss.
11 Rom und der Papst. Zu Rom ist manche falsche List, Daran der Papst unschuldig ist. 12 Weisheit und Reichtum. Ich nähme Eines Weisen Mut Für zweier reicher Toren Gut. 13 Scheinheiligkeit. Von manchem hört’ ich schon mit Neid, Er pflege grosser Heiligkeit; Und sah ich ihn, da dünkt’ es mich, Er wäre nur ein Mensch wie ich. 14 Der freie Gedanke. Deshalb sind Gedanken frei, Dass die Welt unmüssig sei. 15 Lebensregel. Man soll nach Gut und Ehre jagen Und Gott dennoch im Herzen tragen. 16 Minneglück. Wer minnet, was er minnen soll, Dem ist mit Einem Weibe wohl; Ist sie gut, so ist ihm gewährt, Was man von allen Weibern gehrt.
XXXIII. PLAY OF THE TEN VIRGINS
One of the earliest attempts at dramatic composition in German. There is a tradition that it was played in 1322 before the Landgrave of Thüringen and that he was so overwhelmed by its picture of Christ as stern judge that he fell into a moody despair which endured five days and ended with an apoplectic stroke from which he died three years later.
Die erste Törichte spricht also: Herr Vater, himmelischer Gott, Tu’ es bei deinem bittern Tod, Den du am Kreuze hast erduldet: Verzeih’ uns armen Jungfraun, was wir verschuldet. 5 Verleitet hat uns leider unsre Torheit; Lass uns geniessen deiner grossen Barmherzigkeit, Und Mariens, der lieben Mutter dein, Und lass uns zu dem Gastmahl hier herein. Jesus spricht also: Wer die Zeit der Reue versäumet hat 10 Und auch nicht büsste seine Missetat Und kommt zu stehn vor meiner Tür, Der findet keinen Eintritt hier. Die zweite Törichte spricht: Tu’ auf, o Herr, dein Tor! Die gnadenlosen Jungfraun stehen davor 15 Lieber Herr, wir bitten dich sehr, Dass deine Gnade sich uns zukehr’. Jesus spricht also: Ich weiss nicht, wer ihr seid. Da ihr zu keiner Zeit Mich selber habt erkannt 20 Noch die Taten meiner Hand, So bleibt euch Gnadenlosen Das Himmelstor verschlossen. Die dritte Törichte spricht also: Da Gott uns Heil versagt, Beten wir zu der reinen Magd, 25 Mutter aller Barmherzigkeit, Dass sie uns huld sei in unsrem grossen Herzeleid Und zu ihrem Sohn flehe für uns Armen, Dass er sich unser woll’ erbarmen. Die vierte Törichte spricht: Maria, Mutter und Magd, 30 Uns ward gar oft gesagt, Du seiest aller Gnade voll; Nun bedürfen wir der Gnade wohl. Dies bitten wir dich sehr Bei aller Jungfrauen Ehr’, 35 Dass du zu deinem Sohn flehest für uns Armen, Er möge sich unser gnädig erbarmen. Maria spricht also: Tatet ihr je mir oder meinem Kinde etwas zu Frommen, Es müsste euch jetzt zu statten kommen. Das tatet ihr aber leider mit nichten, 40 Drum wird unser beider Bitte wenig ausrichten. Doch will ich’s versuchen bei meinem Kinde, Ob ich vielleicht Gnade finde. Maria fällt auf die Kniee vor unsern Herrn und spricht: Ach, liebes Kind mein, Gedenke der armen Mutter dein, 45 Gedenke der mannigfaltigen Not, Die ich erlitt durch deinen Tod. Herr Sohn, da ich dein genas, Hatt’ ich weder Haus noch Palas, Ganz arm war ich; 50 Das hab’ ich erlitten für dich. Ich hatte mit dir Mühe, es ist wahr, Mehr als dreiunddreissig Jahr; Sieh, liebes Kind, das lohne mir Und erbarme dich dieser Armen hier. Jesus spricht zu Maria: 55 Mutter, denkt an das Wort, Das sie finden geschrieben dort: Wolken und Erde sollen vergehn, Meine Worte sollen immer stehn. Du errettest den Sünder nimmermehr, 60 Weder du noch das ganze himmlische Heer. Die erste Törichte spricht also: Ach Herr, bei deiner Güte Erweiche dein Gemüte Und erzürne dich nicht so sehr. Bei aller Jungfrauen Ehr’ 65 Schau’ heute unser Elend an; Es reut uns, was wir dir zu Leid je haben getan. Nicht wieder wollen wir uns vergehen; Erhöre deiner Mutter Flehen Und lass uns arme Jungfrauen 70 Die Festlichkeit beschauen. Maria, aller Sünder Trösterin, Hilf uns zum Freudensaal darin! Maria spricht also: Eure Fürsprecherin will ich gerne sein. Wäret ihr nur von Sünde frei, 75 Ihr kämet desto leichter herein. Ich will aber für euch mein Kind Jesum bitten. Liebes Kind, lass dich meiner Bitte nicht verdriessen! Lass heute unsre Tränen vor deinen Augen fliessen, Und denke an das Ungemach, 80 Das ich erlitt an deinem Todestag, Da ein Schwert durch meine Seele ging. Also für jene Pein, die ich um dich empfing, Belohne mich zu gunsten dieser Armen Und ihrer lass dich nun erbarmen. 85 Du bist ihr Vater, eine jede ist dein Kind; Denke, wie lästig sie dir auch geworden sind In manchem Ungemache, Und in was für einer Sache Der Sünder dich auch geplagt, 90 Er ist dennoch die Schöpfung deiner Macht. Mein Sohn, du trauter, guter, Erhöre deine Mutter. Hab’ ich dir je einen Dienst getan, So nimm dich dieser Armen an, 95 Damit die jammervolle Schar Zu Himmel ohne Urteil fahr’. Jesus spricht also: Nun schweiget, Frau Mutter mein; Solche Rede mag nicht sein. Da sie auf der Erde waren, 100 Gute Werke sie nicht gebaren, Ihnen gemäss war alle Schlechtigkeit; Drum versag’ ich ihnen meine Barmherzigkeit, Nach der sie dort nie suchten, Und schicke sie zu den Verfluchten; 105 Ihre späte Reue soll nichts nützen. Zu Gericht will ich jetzt sitzen: Geht, ihr Verfluchten an Seel’ und Leibe, Wie ich euch von mir jetzt vertreibe. Geht in das Feuer unter die Hut 110 Des übeln Teufels und seiner Brut! Sünder, geh von mir! Trost und Gnade versag’ ich dir. Kehre von den Augen mein, Fern bleibe dir meines Antlitz’ Schein! 115 Scheide von meinem Reich, Das du, dem Toren gleich Durch deine Sünden verloren hast; Trage mit dir der Sünden Last! Gehe hin und schrei’ und heul’! 120 Keine Hilfe wird dir je zu teil.
XXXIV. EASTER PLAYS
The Easter plays grew out of a brief and solemn church function, which followed a Latin ritual. In time German superseded the Latin, but without replacing it entirely; the performances increased greatly in scope, took in elements of fun, buffoonery and diablerie, outgrew the churches and became great popular festivals, which were usually held in the market-place. The performance of an Easter play together with a preceding passion play might occupy several hundred actors for a number of days. The texts as known to us are hardly ‘literature’ in the narrower sense. They were written by men of small poetic talent, who rimed carelessly, used the rough-and-ready language of the people, did not shrink from indecency and aimed at dramatic rather than poetic effects.
1 From the Redentin play: Christ’s descent into hell.1 Lucifer Nun seht, ist das nicht ein wunderlich Getue, Dass wir nicht mehr sollen leben in Ruhe? Wir wohnen hier schon über fünftausend Jahr Und wurden solches Unfugs noch nie gewahr, 5 Wie man ihn jetzt gegen uns will treiben; Dennoch wollen wir hier verbleiben, So lange wir stehen noch kampfbereit, Ob es euch allen sei lieb oder leid. Lucifer (ad David) David, wer ist dieser König der Ehren? David 10 Das kann ich dir wohl leicht erklären: Er ist der starke Herr, Mächtig im Kampf und in aller Ehr’; Er ist’s, der alle Dinge hat erschaffen. Lucifer O weh, so sind unnütz all unsre Waffen 15 Und all unsre Wehr, Kommt der gewaltige König hierher. Jesus Ich fordre, Riegel an dieser Hölle, Dass du dich auftuest in der Schnelle. Ich will zerbrechen das Höllentor 20 Und die Meinen führen hervor. (et cantat: Ego sum Alpha et Omega, etc.) Ich bin ein A und auch ein O; Das sollt ihr wissen alle, so Hier seid in dieser Höllenfeste. Ich bin der Erste und auch der Letzte. 25 Der Schlüssel Davids bin ich gekommen, Um zu erlösen meine Frommen. Satanas Wer ist dieser Mann mit dem roten Kleide, Der uns so vieles tut zu Leide? Eine Unanständigkeit ist das 30 Und beleidigt uns in hohem Mass. Jesus Schweig’, Satan, und sei bange! Schweige, verdammte Schlange! Spring auf, du Höllentor! Die Seelen sollen hervor, 35 Die darin sind gefangen. Ich habe am Galgen gehangen Für die, die taten den Willen mein. Ich habe gelitten grosse Pein In meines Leibs fünf Wunden. 40 Damit soll Lucifer sein gebunden Bis an den jüngsten Tag: Ihm ewige Pein und ein grosser Schlag. (Tunc cum vehemencia confringit infernum) Weichet von hier geschwinde, All ihr Höllengesinde! (et arripit Luciferum) 45 Lucifer, du böser Gast, Du trägst fortan dieser Ketten Last, Nicht mehr treibst du dein schändlich Wesen; Meine Lieben sollen vor dir genesen. (Chorus cantat: Sanctorum populus —Anime cantant: Advenisti —Jesus cantat: Venite benedicti —cum ricmo:) Kommt her, meine Benedeiten! 50 Not sollt ihr nicht mehr leiden. In meines Vaters Reich begleitet ihr mich, Um dort euch zu freuen ewiglich Im lauteren Glanz der Seligkeit, Die euch ohn’ Ende stehet bereit. (et arripit Adam manu dextra) 55 Adam, gib mir deine rechte Hand! Heil und Glück sei dir bekannt! Ich vergebe dir, Was du verbracht zu Leide mir. Adam Lob sei dir und Ehr’, 60 Du Weltgebieter hehr! Ich und all mein Geschlecht Waren verdammt mit Recht. Doch wolltest du in deiner Barmherzigkeit Uns erlösen aus solcher Jämmerlichkeit. 65 Eva! Eva! Selig Weib, komm mal her ja! (et cantat: Te nostra vocabant suspiria—) Jesus Du warst an deinen Sünden gestorben; Nun hab’ ich sterbend dich wieder erworben Und will dich führen zu des Vaters Thron. Eva 70 O Herr Jesus, Gottes Sohn, Ich habe gesündigt gegen dich, Indem ich liess betrügen mich Und Trotz bot deinem Worte. Drum wohn’ ich hinter der Höllenpforte 75 Wohl fünftausend Jahr! Nun bin ich erlöset offenbar. 2 From the Vienna play: The quacksalver scene.2 (Nun kommen die Personen und singen.) Allmächtiger Gott, Vater der höchste, Der Engel Trost, der aus der Not Uns rettete und Trost uns bot— Die zweite Person Vater, allmächtiger Gott, 5 Dem die Engel stehn zu Gebot, Was soll uns Armen nun geschehen, Da wir dich nicht mehr sollen sehen? Wir haben den verloren, Der uns zum Troste ward geboren, 10 Jesus Christus, Der reinen Jungfrau Sohn, Der der Welt Hoffnung war. O, wie gross ist unser Schmerz! Wir haben verloren Jesus Christ, 15 Der aller Welt ein Tröster ist, Mariens Sohn, den reinen; Drum müssen wir beweinen Bitterlich seinen Tod, Da er uns half aus grosser Not. Die dritte Person 20 Wir wollen dahin, wo er im Grabe liegt, Und ihn betrauern, der den Tod besiegt Für uns, und salben ihm die Wunden sein; O weh, wie gross ist unsre Herzenspein! Geliebte Schwestern beide, 25 Wie sollen wir leben in unserm Leide, Wenn wir entbehren müssen Jesus den süssen? Drum gehen wir und kaufen Salben, Damit wir ihm allenthalben 30 Bestreichen seine Wunden In diesen frühen Stunden. (Der Kaufmann ruft dem Knechte) Rubein! Rubein! Rubein! (Rubinus kommt gelaufen) Was wollt Ihr denn, Herr Meister mein? Mercator Rubein, wo hast du so lange gesteckt? 35 Du tust deinen Dienst nicht recht. Du solltest hier kaufen und verkaufen Und die Leute schinden und täuschen. Rubinus Herr, ich besuchte jene alten Weiber; Ich wollte auftreten als Harnsteinschneider. Mercator 40 Rubein, es wird wohl nächstens tagen. Ich hör’ ein jämmerlich Klagen Von drei Frauen, die singen; Uns mag jetzt wohl gelingen, Ein gut Geschäft zu machen mit Ehr’; 45 Geh und rufe sie hierher. Rubinus Herr, welche meinest du? Soll ich sie alle rufen herzu? Mercator Doch nicht! Rufe nur die allein, Die am Wege klagen und schrein. (Rubinus geht zu den Schwestern) 50 Gott grüss’ euch, Frauen, zu jeder Zeit. Ich sehe wohl, dass ihr betrübet seid. Was euch mag immer schmerzen, Ihr seufzt mit schwerem Herzen. Es tut mir leid, das glaubet mir, 55 Dass so betrübt ihr stehet hier. Die Personen sagen: Gut Kind, Gott lohn’ es dir! Wir haben ein schwer Gemüt allhier. Rubinus Das bessere Gott in seiner Güte Und euch vor allem Leid behüte! 60 Ausser Trost hättet ihr was gern, So geht und fragt bei meinem Herrn. Die zweite Person Gott segne dich, du guter Knabe, Und lass gedeihen deine Habe! Unser Leid ist verborgen. 65 Wir wollen dir gerne folgen; Nicht länger wollen wir hier stehn, Wir wollen gerne mit dir gehn. Mercator canit: Ihr Frauen, seid mir höchst willkommen! Ich hoffe zu fördern euer Frommen. 70 Ist etwas hier, was ihr begehrt, Es wird euch gern von mir gewährt. Ich habe die besten Salben, Die da allenthalben Im Lande werden zu finden sein, 75 In Ysmodia und in Neptaleim. So wahr ich mir den Korb und Stab Mitgebracht habe aus Arab; So wahr mein schönes Weib Antonie Mit mir kam von Babylonie, 80 So muss euch diese recht gedeihen, Denn ich brachte sie von Alexandreien. Die dritte Person Guter Mann, ich hab’ in der Hand Drei schöne Gulden von Byzant. Gib uns dafür reichlichermassen, 85 Und möge Gott dich leben lassen! Mercator Da ihr beim Kauf nicht feilschen wollt, Will ich verdienen euer Gold. Nehmt also erstens diese Büchse, Die besser ist als andre fünfe. 90 Und nehmet diese auch dabei, Die besser ist als andre zwei. Und diese Büchse nehmet, so Noch besser ist als andre zwo. Tertia Persona Nun sage uns, du guter Mann, 95 Sollen wir mit dieser Salbe gahn? Mercator Ja, Frau, und wär’ ich rotes Gold, Ihr sollt sie tragen, wohin ihr wollt. Die Ärztin spricht zornig: Ihr Frauen, lasst die Büchsen stehn! Ihr sollt damit von hier nicht gehn, 100 Sie kosteten mir allzuteuer; Die macht’ ich neulich überm Feuer. Geht schnell von meinem Krame ab, Sonst schlag’ ich euch mit einem Stab. Der Krämer spricht zu ihr: Wie doch, Ihr böse Haut! 105 Wie dürft Ihr immer werden laut? Wollt Ihr tadeln mein Verkaufen, Ich will Euch schlagen, will Euch raufen. Mercatrix Wie ist der Flachsbart doch so dreist! Du bist ein rechter Plagegeist. 110 Der Geier soll dich schänden Hier unter meinen Händen! Mercator Frau, lasst ab von Eurem Schwatzen, Sonst fühlt Ihr nächstens meine Tatzen. Mercatrix Ich schweige nicht, das sag’ ich dir! 115 Wenn du kommst von deinem Bier, Bist du betrunken wie ein Schwein. Mög’ es dir nimmermehr gedeihn! Mercator Schweigt, Frau, sonst rollt Ihr bald zu Hauf. Mercatrix Da drüben geht der Vollmond auf. Mercator 120 Schweigt, oder ich geb’ Euch einen Schlag. Mercatrix Klotz, da er hier besoffen lag! Mercator O du altes Redefass! Ich trug dir doch niemals Hass. Nun geb’ ich dir eins auf den Kopf, 125 Dass es summt dir unterm Schopf. Und eins noch kriegst du auf den Rücken, Das weh tun soll in allen Stücken. Mercatrix Ach, ach, ach und leider! Sind das doch die neuen Kleider, 130 Die du zu Ostern mir gesandt. Wärst du nur ins Feuer gerannt! Gott gebe dir Geschwür’ im Magen, Dass du krepierst in wenig Tagen! Wärst du nicht zu Wien entgangen, 135 Man hätte dich schon längst gehangen. Du hast auch einen roten Bart Und bist ein Kobold schlimmster Art. Mercator Fraue, liebe Fraue mein, Möget Ihr immer selig sein! 140 Vergib mir, dass ich dich geschlagen, Aber du hast so viel zu sagen. Die Klage machst du mannigfalt, Und daran tust du mir Gewalt. Du hast ein wunderlich Gebärde, 145 Und willst mich bringen unter die Erde. Mercatrix Ja, ich vergebe dir die Schläge Am Tag, wo ich dich ins Grab hinlege. Mercator (zu Rubin) Hinweg mit den Pulvern! Hier kann ich nicht mehr bleiben. 150 Hebe auf Korb und Stab, Und laufen wir nach Arab Weithin von diesem Lande: Sonst kämen wir vielleicht zu Schande. Rubinus (dicit) Herr, ich packe ein recht gerne 155 Und laufe mit in weite Ferne.
XXXV. REYNARD THE FOX
A humorous poem, with incidental satire, which enjoyed the favor of all medieval Europe. The earliest German attempt to weave a continuous narrative out of the animal-stories that had previously been current in Latin, and to some extent in French, was that of an Alsatian poet, Heinrich der Glichezare, who wrote about 1180 and drew upon French sources. With the exception of a badly preserved fragment this poem is lost. It was called Isengrines Not and described the pranks played by the cunning fox on the stupid wolf. Half a century later it was worked over by an unknown rimester who changed the title to Reinhart Fuchs. This is the High German version from which the first of the selections below is translated. More important in a literary way is the Low German version, of which the earliest print dates from 1498. A specimen of this is given in Simrock’s translation.
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From the High German ‘Reinhart Fuchs,’ lines 663 ff: Reynard initiates the wolf as a monk and teaches him to catch fish.
“Gevatter,” sprach Herr Isengrin, “Gedenkst du stets als Mönch hierin 665 Zu wohnen bis zu deinem Tod?” “Ja wohl,” sprach er, “es tut mir not: Du wolltest ohne meine Schuld Mir versagen deine Huld Und nehmen wolltest du mein Leben.” 670 Sprach Isengrin: “Ich will’s vergeben, Hast du mir je ein Leid getan, Wenn ich nun mit dir wohnen kann.” “Vergeben? Mir?” sprach da Reinhart, “Mein Leben sei nicht mehr bewahrt, 675 Tat ich je was zu Leide dir. Wüsstest du mir Dank dafür, Ich gäbe dir zwei Stücke Aal, Den Rest von meinem letzten Mahl.” Herr Isengrin war hoch erfreut. 680 Er öffnete das Maul sehr weit. Und Reinhart warf sie ihm in Mund. “Ich bliebe immermehr gesund,” Sprach Isengrin mit blödem Sinne, “Wär’ ich nur einmal Koch da drinne.” 685 Reinhart sprach: “Ist bald getan. Willst du hier Brüderschaft empfahn, So wirst du Meister über die Braten.” Dem war es recht, wie ihm geraten. “Das tu’ ich,” sagte Isengrein. 690 “Also steck deinen Kopf herein,” Sprach Reinhart. Jener war bereit, Und eilig nahte sich sein Leid. Er tat hinein die Schnauze gross, Und Bruder Reinhart ihn begoss 695 Mit heissem Wasser, das ist wahr, Und brachte ihn um Haut und Haar. Isengrin sprach: “Weh tut das mir.” Reinhart sagte: “Wähnet Ihr Den Himmel mühlos zu gewinnen? 700 Ihr seid doch nicht so ganz von Sinnen? Gern mögt Ihr leiden diese Not, Gevatter, wenn Ihr läget tot: Die Brüderschaft habt Ihr empfahn, Und alle Tage von nun an 705 Habt Ihr an tausend Messen teil, Was sicherlich Euch bringt zum Heil.” Isengrin meint’, es wäre wahr; Er klagte nicht um Haut und Haar, Die er nun nicht mehr nannte sein. 710 Er sprach: “Jetzt, Bruder, sind gemein Die Äle, die noch drinne sind, Da ich wie du ein Gotteskind. Wer mir ein Stück davon versagt, Wird vor dem Abte angeklagt.” 715 Reinhart sprach: “Nie tät’ es not; Euch steht das Unsrige zu Gebot In brüderlicher Minn’ und Ehr’, Doch hier sind keine Fische mehr. Ich will Euch aber führen gleich 720 Zu unserm klösterlichen Teich, In dem so viele Fische gehen, Dass niemand mag sie übersehen. Die Brüder taten sie hinein.” “Lasst uns nur hin,” sprach Isengrein; 725 Da gingen sie; gleich ohne Zorn, Der Teich war aber überfrorn. Sie begannen nachzuschauen; Es war ein Loch im Eis gehauen, Wo man sich Wasser herausnahm, 730 Was Isengrin zu Schaden kam. Sein Bruder trug ihm grossen Hass Und einen Eimer nicht vergass; Reinhart war froh, als er ihn fand Und an den Schwanz dem Bruder band. 735 Da sprach Herr Isengrein: “In nomine patris! Was soll das sein?” “Senkt hier den Eimer,” Reinhart sprach, “Und wartet ruhig und gemach Indem ich treibe sie hierher; 740 Nicht lange bleibt Ihr magenleer, Weil ich sie sehen kann durchs Eis.” Herr Isengrin war nicht sehr weis’. Er sprach: “Sagt mir in Bruderminne, Gibt es denn wirklich Fisch’ hierinne?” 745 “Ja Tausende hab’ ich gesehn.” “Wohl denn, es kann uns Glück geschehn.” Isengrin hatte dummen Sinn; Bald fror der Schwanz ihm fest darin. Die Nacht ward schrecklich kalt am Ort, 750 Doch Reinhart schwieg nur immerfort. Herr Isengrin fror mehr und mehr; Er sprach: “Der Eimer wird mir schwer.” “Ich zähle drin, bei meiner Ehr’, Der Äle dreissig,” sprach Reinhart; 755 “Dies wird uns eine nütze Fahrt. Steht nur noch wenig Zeit in Ruh’, Es kommen hundert noch dazu.” Nachher, als es begann zu tagen, Sprach Reinhart: “Leider muss ich sagen, 760 Mir bangt des grossen Reichtums wegen. Ich bin in hohem Grad verlegen, Weil so viel Fische uns gegönnt, Dass Ihr sie gar nicht heben könnt. Versucht’s doch, ob es Euch gelingt, 765 Dass Ihr heraus den Eimer bringt.” Herr Isengrin fing an zu ziehen, Doch all umsonst war sein Bemühen; Den Eimer musst’ er lassen stehen. Reinhart sprach: “Ich will jetzt gehen 770 Zu den Brüdern, dass sie kommen; Es soll der Fang uns allen frommen.” Bald kam herauf die helle Sonn’, Und Reinhart machte sich davon.