Part 2 / Book 1 — From ‘Arminius,’ Book I: The temple of the Ancient Germans and its wonderful inscription.
Reading edition
Es war ein Thal, welches ungefähr eine Meilweges im Umkreise hatte, rings herum mit steilen Felsen umbgeben, welche allein von einem abschüssenden Wasser zertheilet waren. An dieser Gegend hatte die andächtige Vorwelt dem Anfange aller Dinge, nehmlich dem Schöpfer der Welt, zu Ehren auf ieder Seiten eine dreyfache Reihe überaus hoch und gerade empor wachsender Eich-Bäume gepflantzet, und wie dieses gantze Thal, also auch insonderheit den in der Mitte gelegenen Hügel, und die in selbtem von der Natur gemachte Höle, als auch den daraus entspringenden Brunnen für eines der grössesten Heiligthümer Deutschlands verehret, auch den Glauben, dass in selbtem die Andacht der Opfernden durch einen göttlichen Trieb geflügelt, und das Gebet von den Göttern ehe als anderwerts erhöret würde, von mehr als tausend Jahren her auf ihre Nachkommen fortgepflantzet. Denn die alten andächtigen Deutschen waren bekümmerter Gott recht zu verehren, als durch Erbauung köstlicher Tempel die Gebürge ihres Marmels zu berauben und ihre Ertzt-Adern arm zu machen. Diesemnach sie für eine der grösten Thorheiten hielten, Affen, Katzen und Crocodilen, ja Knobloch und Zwibeln mit Weyrauch zu räuchern; welche bey den Egyptiern mehr die aus Iaspis und Porphyr erbaueten, oder aus einem gantzen Felsen gehauene Wundertempel verstellten, als durch derselben Pracht einiges Ansehen ihrer schnöden Hesslichkeit erlangeten.
Nichts minder verlachten sie die zu Rom angebetete Furcht und das Fieber, als welche Kranckheiten wohl unvergöttert, ja abscheulich bleiben, wenn gleich zu Überfirnsung ihrer Bilder und Heiligthümer alle Meere ihr Schnecken-Blut, und gantz Morgenland seine Perlen und Edelgesteine dahin zinset. Da hingegen eine wahre Gottheit1 eben so ein aus schlechtem Rasen erhöhetes Altar, und ein mehr einem finstern Grabe als einem Tempel ähnliches, aber von dem Feuer andächtiger Seelen erleuchtetes Heiligthum; wie die Sonne alle düstere Wohnungen mit ihrem eigenen Glantze erleuchtet und herrlich macht, also dass ohne die Gegenwart des grossen Auges der Welt alle gestirnte Himmels-Kreise düstern, in Abwesenheit einer wesentlichen Gottheit all von Rubin und loderndem Weyrauch schimmernde Tempel irrdisch sind. Denn ob wohl Gott in und ausser aller Dinge ist, seine Macht und Herrschafft sonder einige Beunruhigung sich über all Geschöpfe erstrecket, seine Liebe ohne Ermüdung allen durch ihre Erhaltung die Hände unterlegt; ob er gleich ohne Ausdehnung alles auswendig umbschleust, alles inwendig ohne seine Verkleinerung durchdringet; und er also in, über, unter und neben allen Sachen, iedoch an keinen Ort angebunden, noch nach einigem Maasse der Höhe, Tieffe und Breite zu messen, seine Grösse nirgends ein-, sein Wesen nirgends auszuschlüssen ist: So ist doch unwidersprechlich, dass Gott seiner Offenbarung nach, und wegen der von denen Sterblichen erfoderten Andacht, einen Ort für dem andern, nicht etwan wegen seiner absonderlichen Herrligkeit, sondern aus einer unerforschlicher Zuneigung, ihm belieben lasse, ja mehrmahls selbst erkieset habe. Über dem Eingange nun dieser ebenfals für andern erwehlten Höle waren nachfolgende Reimen in einen lebendigen Steinfels gegraben, iedoch gar schwer zu lesen; weil sie nicht allein mit denen vom Tuisco erfundenen Buchstaben geschrieben, sondern auch vom Regen abgewaschen und vom Mooss verstellet waren:
Ihr Eiteln, weicht von hier! der Anfang aller Dinge, Der eh als dieser Fels und dieser Brunnquell war, Hat hier sein Heiligthum, sein Wohnhaus, sein Altar; Der will, dass man ihm nur zum Opfer Andacht bringe. 5 Die ist das Eigenthum der Menschen. Weyrauch, Blut, Gold, Weitzen, Oel, und Vieh ist sein selbsteigen Gut. Die Opfer, die ihr ihm auf tausend Tischen schlachtet, Die machen ihn nicht feist, und keine Gabe reich. Ihr selbst genüsset es, wenn ihr den Schöpfer gleich 10 Durch eure Erstlingen hier zu beschencken trachtet. Euch scheint der Fackeln Licht, ihr rücht des Zimmets Brand; Ja, was ihr gebt, bleibt euch mit Wucher in der Hand. Gott heischt diss zwar, doch nicht aus lüsterner Begierde. Denn was ergeitzt das Meer ihm an der armen Flut 15 Des Thaues? welcher Stern wünscht ihm der Würmer Glut, Die bey den Nachten scheint, und der Rubinen Zierde? Ihr weiht Gott nur das Hertz zum Zeichen euer Pflicht; Euch selbst zu eurem Nutz, ihm zur Vergnügung nicht. Ja auch die Andacht Selbst weiss Gott nichts zuzufrömen; 20 Denn eignet sie uns zu gleich seine Gnad und Heil, So hat sein Wohlstand doch nicht an dem unsern Theil, Wie unsre Freude rinnt aus seinen Wohlthats-Strömen. Hingegen wie kein Dunst versehrt der Sonnen Licht, So verunehrt auch ihn kein Aberglaube nicht. 25 Der Lästerer ihr Fluch thut ihm geringern Schaden, Als wenn ein toller Hund den vollen Mond anbillt. Es rühmt als Richter ihn, was in der Hölle brüllt; Wie’s Lob der Seligen preist seine Vater-Gnaden. Den grossen Gott bewehrt die Kohle, die dort glüht, 30 So wohl als die, die man wie Sterne gläntzen sieht. So ist’s nun Übermaass, unsäglich grosse Gütte, Dass Gott die Betenden hier würdigt zu erhörn. Weicht, Eitele! um nicht diss Heil’ ge zu versehrn! Denn dass Gott in diss Thal nur einen Blick ausschütte, 35 Ist gröss’re Gnad, als wenn das Auge dieser Welt Den schlechtsten Sonnen-Staub mit seinem Glantz erhält.
LIX. HANS JAKOB CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN
The most important writer of prose fiction in the 17th century (ca. 1625-1676). He spent his early years as a roving soldier. After the war he published anonymously a number of tales, which are known collectively as Simplicianische Schriften. The best of them is Der abentheuerliche Simplicissimus, which is largely autobiographic. The book parodies the fashionable romances of adventure and takes hints from the picaresque tales which had begun to come in from Spain. It is particularly interesting for its truthful pictures of German life in the time of the great war. The selection follows Braune’s Neudrucke, Nos. 19-25.