Part 1 — PART I (continued 2)
Reading edition
XVIII. THE LAY OF THE NIBELUNGS
The most important poetic production of medieval Germany. It embodies legends that date back, in part, to the 5th century and were handed down from age to age by oral tradition. The different versions known to us point back to a lost original which probably took shape toward the end of the 12th century and was the work of an Austrian poet of whom nothing is known. The form is a four-line strophe, with masculine rimes paired in the order aa bb. Each line is divided into two parts by a cesura, which regularly falls after an unstressed syllable. The first seven half-lines usually have three accents each, the eighth four.
Reasoning from incongruities in the text, the famous scholar Lachmann concluded that the poem consists of twenty old songs, or ballads, pieced together with new matter in the shape of introductions, transitions, and amplifications. This theory gave rise to a great controversy which still divides scholarship to some extent, with opinion tending more and more to the confirmation of Lachmann’s general view, but to the rejection of his specific conclusions. That is to say: The poem is a working-over of old songs; but just how many of these there were, where the dividing lines come, and how much merit of originality may rightly be claimed for the nameless 12th century poet, cannot be definitely settled.
The most popular modernization is that of Simrock, 56th edition, 1902, from which the selections below are taken. It has its defects, but none of the many attempts to improve upon it has met with a generally recognized success.
From Adventure 1:1 Kriemhild and her dream.
Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein, Dass in allen Landen nichts Schön’res mochte sein. Kriemhild war sie geheissen und ward ein schönes Weib, Um die viel Degen mussten verlieren Leben und Leib. 5 Es pflegten sie drei Könige, edel und reich, Gunter und Gernot, die Recken ohnegleich, Und Geiselher der junge, ein auserwählter Degen; Sie war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie zu pflegen. Die Herren waren milde, dazu von hohem Stamm, 10 Unmassen kühn von Kräften, die Recken lobesam. Nach den Burgunden war ihr Land genannt: Sie schufen starke Wunder noch seitdem in Etzels Land. Zu Worms am Rheine wohnten die Herren in ihrer Kraft. Von ihren Landen diente viel stolze Ritterschaft 15 Mit rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit, Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen Streit. In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden, Sie zög’ einen Falken, stark-, schön- und wilden, Den griffen ihr zwei Aare, dass sie es mochte sehn; 20 Ihr konnt’ auf dieser Erde grösser Leid nicht geschehn. Sie sagt’ ihrer Mutter den Traum, Frau Uten; Die wusst’ ihn nicht zu deuten als so der guten: “Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann; Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn getan.” 25 “Was sagt Ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein? Ohne Reckenminne will ich immer sein; So schön will ich verbleiben bis an meinen Tod, Dass ich von Mannesminne nie gewinnen möge Not.” “Verred’ es nicht so völlig,” die Mutter sprach da so, 30 “Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh, Das geschieht von Mannesminne; du wirst ein schönes Weib, Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib.”2 “Die Rede lasst bleiben, vielliebe Mutter mein. Es hat an manchen Weiben3 gelehrt der Augenschein, 35 Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt; Ich will sie meiden beide, so bleib’ ich sicher verschont.” Kriemhild in ihrem Mute hielt sich von Minne frei. So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei, Dass sie niemand wusste, der ihr gefiel zum Mann, 40 Bis sie doch mit Ehren einen werten Recken gewann. Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot, Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod Den nächsten Anverwandten wie gab sie blut’gen Lohn! Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn.
From Adventure 5: Having lived a whole year at Worms as the guest-friend of King Gunter, Siegfried at last sees the maid he came to woo.
45 Da liess der reiche König mit seiner Schwester gehn Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand: Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land. Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 50 Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid; Auch folgte Kriemhilden manche waidliche4 Maid. Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn. Da musste heftig Drängen von Helden bald geschehn, 55 Die alle harrend standen, ob es möchte sein, Dass sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein. Da kam die Minnigliche, wie das Morgenrot Tritt aus trüben Wolken. Da schied von mancher Not, Der sie im Herzen hegte, was lange war geschehn. 60 Er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor sich stehn. Von ihrem Kleide leuchtete gar mancher edle Stein, Ihre rosenrote Farbe gab minniglichen Schein. Was jemand wünschen mochte, er musste doch gestehn, Dass er hier auf Erden noch nichts so Schönes gesehn. 65 Wie der lichte Vollmond vor den Sternen schwebt, Des Schein so hell und lauter sich aus den Wolken hebt, So glänzte sie in Wahrheit vor andern Frauen gut; Das mochte wohl erhöhen den zieren Helden den Mut. Die reichen Kämmerlinge schritten vor ihr her, 70 Die hochgemuten Degen liessen es nicht mehr: Sie drängten, dass sie sähen die minnigliche Maid; Siegfried dem Degen war es lieb und wieder leid. Er sann in seinem Sinne: “Wie dacht’ ich je daran, Dass ich dich minnen sollte? das ist ein eitler Wahn. 75 Soll ich dich aber meiden, so wär’ ich sanfter5 tot.” Er ward von Gedanken oft bleich und oft wieder rot. Da sah man den Sieglindensohn so minniglich da stehn, Als wär’ er entworfen auf einem Pergamen Von guten Meisters Händen; gern man ihm zugestand, 80 Dass man nie im Leben so schönen Helden noch fand. Die mit Kriemhilden gingen, die hiessen aus den Wegen Allenthalben weichen; dem folgte mancher Degen. Die hochgetrag’nen Herzen freute man sich zu schaun; Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun. 85 Da sprach von Burgunden der König Gernot: “Dem Helden, der so gütlich Euch seine Dienste bot, Gunter, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn Vor allen diesen Recken. Des Rates spricht man mir nicht Hohn. Heisset Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 90 Dass ihn das Mägdlein grüsse; das bringt uns immer Frommen. Die niemals Recken grüsste, soll sein mit Grüssen pflegen, Dass wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen.” Des Wirtes Freunde gingen, dahin wo man ihn fand; Sie sprachen zu dem Recken aus dem Niederland: 95 “Der König will erlauben, Ihr sollt zu Hofe gehn. Seine Schwester soll Euch grüssen; die Ehre soll Euch geschehn.” Der Rede ward der Degen in seinem Mut erfreut; Er trug in seinem Herzen Freude sonder Leid, Dass er der schönen Ute Tochter sollte sehn. 100 In minniglichen Züchten empfing sie Siegfrieden schön. Als sie den Hochgemuten vor sich stehen sah, Ihre Farbe ward entzündet. Die Schöne sagte da: “Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.” Da ward ihm von dem Grusse gar wohl erhoben der Mut. 105 Er neigte sich ihr minniglich, als er den Dank ihr bot; Da zwang sie zu einander sehnender Minne Not. Mit liebem Blick der Augen sahn einander an Der Held und auch das Mägdlein; das ward verstohlen getan. Ward da mit sanftem Drucke geliebkost weisse Hand 110 In herzlicher Minne, das ist mir unbekannt. Doch kann ich auch nicht glauben, sie hätten’s nicht getan. Liebebedürft’ge Herzen täten Unrecht daran.
From Adventure 7: The strenuous games at Isenstein6; Brunhild is fraudulently vanquished for Gunter by the invisible Siegfried.
Brunhildens Stärke zeigte sich nicht klein, Man trug ihr zu dem Kreise einen schweren Stein, 115 Gross und ungefüge, rund dabei und breit; Ihn trugen kaum zwölfe dieser Degen kühn im Streit. Den warf sie allerwegen, wie sie den Speer verschoss; Darüber war die Sorge der Burgunden gross. “Wen will der König werben?” sprach da Hagen laut; 120 “Wär’ sie in der Hölle doch des übeln Teufels Braut!” An ihre weissen Arme sie die Ärmel wand, Sie schickte sich und fasste den Schild an die Hand; Sie schwang den Spiess zur Höhe: das war des Kampfs Beginn. Gunter und Siegfried bangten vor Brunhildens grimmem Sinn. 125 Und wär’ ihm da Siegfried zu Hilfe nicht gekommen, So hätte sie dem König das Leben wohl benommen. Er trat hinzu verstohlen7 und rührte seine Hand; Gunter seine Künste mit grossen Sorgen befand. “Wer war’s, der mich berührte?” dachte der kühne Mann, 130 Und wie er um sich blickte, da traf er niemand an. Er sprach: “Ich bin es, Siegfried, der Geselle dein; Du sollst gar ohne Sorge vor der Königin sein.” Er sprach: “Gib aus den Händen den Schild, lass mich ihn tragen Und behalt’ im Sinne, was du mich hörest sagen: 135 Du habe die Gebärde, ich will das Werk begehn.” Als er ihn erkannte, da war ihm Liebes geschehn. “Verhehl’ auch meine Künste, das ist uns beiden gut; So mag die Königstochter den hohen Übermut Nicht an dir vollbringen, wie sie gesonnen ist. 140 Nun sieh doch, welcher Kühnheit sie wider dich sich vermisst.” Da schoss mit ganzen Kräften die herrliche Maid Den Speer nach einem Schilde, mächtig und breit, Den trug an der Linken Sieglindens Kind; Das Feuer sprang vom Stahle, als ob es wehte der Wind. 145 Des starken Spiesses Schneide den Schild ganz durchdrang, Dass das Feuer lohend aus den Ringen sprang. Von dem Schusse fielen die kraftvollen Degen; War nicht die Tarnkappe, sie wären beide da erlegen. Siegfried dem kühnen vom Munde brach das Blut. 150 Bald sprang er auf die Füsse, da nahm der Degen gut Den Speer, den sie geschossen ihm hatte durch den Rand; Den warf ihr jetzt zurücke Siegfried mit kraftvoller Hand. Er dacht’: “Ich will nicht schiessen das Mägdlein wonniglich.” Des Spiesses Schneide kehrt’ er hinter den Rücken sich; 155 Mit der Speerstange schoss er auf ihr Gewand, Dass es laut erhallte von seiner kraftreichen Hand. Das Feuer stob vom Panzer, als trieb’ es der Wind, Es hatte wohl geschossen der Sieglinde Kind. Sie vermochte mit den Kräften dem Schusse nicht zu stehn; 160 Das wär’ von König Guntern in Wahrheit nimmer geschehn. Brunhild die schöne bald auf die Füsse sprang: “Gunter, edler Ritter, des Schusses habe Dank!” Sie wähnt’, er hätt’ es selber mit seiner Kraft getan; Nein, zu Boden warf sie ein viel stärkerer Mann. 165 Da ging sie hin geschwinde, zornig war ihr Mut, Den Stein hoch erhub sie, die edle Jungfrau gut; Sie schwang ihn mit Kräften weithin von der Hand, Dann sprang sie nach dem Wurfe, dass laut erklang ihr Gewand. Der Stein fiel zu Boden von ihr zwölf Klafter weit, 170 Den Wurf überholte im Sprung die edle Maid. Hin ging der schnelle Siegfried, wo der Stein nun lag; Gunter musst’ ihn wägen, des Wurfs der Verhohl’ne pflag. Siegfried war kräftig, kühn und auch lang, Den Stein warf er ferner, dazu er weiter sprang; 175 Ein grosses Wunder war es, und künstlich genug, Dass er in dem Sprunge den König Gunter noch trug. Der Sprung war ergangen, am Boden lag der Stein, Gunter war’s, der Degen, den man sah allein; Brunhild die schöne ward vor Zorne rot, 180 Gewendet hatte Siegfried dem König Gunter den Tod. Zu ihrem Ingesinde sprach die Königin da, Als sie gesund den Helden an des Kreises Ende sah: “Ihr, meine Freund’ und Mannen, tretet gleich heran; Ihr sollt dem König Gunter alle werden untertan.”
From Adventure 16: Siegfried is treacherously slain by Hagen.8
185 Die höf’sche Zucht erwies da Siegfried daran: Den Schild legt’ er nieder, wo der Brunnen rann; Wie sehr ihn auch dürstete, der Held nicht eher trank, Bis der König getrunken; dafür gewann er übeln Dank. Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut, 190 Da neigte sich Gunter hernieder zu der Flut. Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann; Also hätt’ auch gerne der kühne Siegfried getan. Da entgalt er seiner höf’schen Zucht; den Bogen und das Schwert Trug beiseite Hagen von dem Degen wert, 195 Dann sprang er zurücke, wo er den Wurfspiess fand, Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand. Als der edle Siegfried aus dem Brunnen trank, Er schoss ihm durch das Kreuze,9 dass aus der Wunde sprang Das Blut von seinem Herzen hoch an Hagens Gewand; 200 Kein Held begeht wohl wieder solche Untat nach der Hand. Den Gerschaft im Herzen liess er ihm stecken tief. Wie im Fliehen Hagen da so grimmig lief, So lief er wohl auf Erden nie vor einem Mann! Als da Siegfried Kunde der schweren Wunde gewann, 205 Der Degen mit Toben von dem Brunnen sprang; Ihm ragte von der Achsel eine Gerstange lang. Nun wähnt’ er da zu finden Bogen oder Schwert, Gewiss, so hätt’ er Hagnen den verdienten Lohn gewährt. Als der Todwunde da sein Schwert nicht fand, 210 Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand, Den rafft’ er von dem Brunnen und rannte Hagen an; Da konnt’ ihm nicht entrinnen König Gunters Untertan. Wie wund er war zum Tode, so kräftig doch er schlug, Dass von dem Schilde nieder wirbelte genug 215 Des edeln Gesteines; der Schild zerbrach auch fast, So gern gerochen hätte sich der herrliche Gast. Da musste Hagen fallen von seiner Hand zu Tal, Der Anger von den Schlägen erscholl im Wiederhall. Hätt’ er sein Schwert in Händen, so wär’ es Hagens Tod. 220 Sehr zürnte der Wunde, es zwang ihn wahrhafte Not. Seine Farbe war erblichen, er konnte nicht mehr stehn, Seines Leibes Stärke musste ganz zergehn, Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug; Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug. 225 Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann, Das Blut von seiner Wunde stromweis nieder rann; Da begann er die zu schelten, ihn zwang die grosse Not, Die da geraten hatten mit Untreue seinen Tod. Da sprach der Todwunde: “Weh, ihr bösen Zagen, 230 Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen? Ich war euch stets gewogen, und sterbe nun daran; Ihr habt an euren Freunden leider übel getan. Die sind davon bescholten, so viele noch geborn Werden nach diesem Tage. Ihr habt euern Zorn 235 Allzusehr gerochen an dem Leben mein; Mit Schanden geschieden sollt ihr von guten Recken sein.” Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag, Es war ihrer vielen ein freudeloser Tag. Wer Treue kannt’ und Ehre, der hat ihn beklagt; 240 Das verdient’ auch wohl um alle dieser Degen unverzagt. Der König der Burgunden klagt’ auch seinen Tod. Da sprach der Todwunde: “Das tut nimmer Not, Dass der um Schaden weine, von dem man ihn gewann; Er verdient gross Schelten, er hätt’ es besser nicht getan.” 245 Da sprach der grimme Hagen: “Ich weiss nicht, was euch reut; Nun hat doch gar ein Ende, was uns je gedräut. Es gibt nun nicht manchen, der uns darf bestehn; Wohl mir, dass seiner Herrschaft durch mich ein End’ ist geschehn.” “Ihr mögt Euch leichtlich rühmen,” sprach der von Niederland; 250 “Hätt’ ich die mörderische Weis’ an Euch erkannt, Vor Euch behütet hätt’ ich Leben wohl und Leib. Mich dauert nichts auf Erden als Frau Kriemhild, mein Weib. Nun mög’ es Gott erbarmen, dass ich gewann den Sohn, Der jetzt auf alle Zeiten den Vorwurf hat davon, 255 Dass seine Freunde jemand meuchlerisch erschlagen; Hätt’ ich Zeit und Weile, das müsst’ ich billig beklagen.” “Wohl nimmer hat begangen so grossen Mord ein Mann,” Sprach er zu dem König, “als Ihr an mir getan; Ich erhielt Euch unbescholten in grosser Angst und Not; 260 Ihr habt mir schlimm vergolten, dass ich so wohl es Euch bot.” Da sprach in Jammer weiter der todwunde Held: “Wollt ihr, edler König, noch auf dieser Welt An jemand Treue pflegen, so lasst befohlen sein Doch auf Eure Gnade Euch die liebe Traute mein. 265 Es komm’ ihr zu Gute, dass sie Eure Schwester ist; Bei aller Fürsten Tugend helft ihr zu jeder Frist. Mein mögen lange harren mein Vater und mein Lehn; Nie ist an liebem Freunde einem Weib so leid geschehn.” Er krümmte sich in Schmerzen, wie ihm die Not gebot, 270 Und sprach aus jammerndem Herzen: “Mein mordlicher Tod Mag euch noch gereuen in der Zukunft Tagen; Glaubt mir in rechten Treuen, ihr euch selber habt erschlagen.” Die Blumen allenthalben waren vom Blute nass. Da rang er mit dem Tode, nicht lange tat er das, 275 Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr. Da konnte nicht mehr reden dieser Degen kühn und hehr.
From Adventure 39: The end of the Nibelungs.10
Den Schild liess er fallen, seine Stärke, die war gross; Hagnen von Tronje mit den Armen er umschloss. So ward von ihm bezwungen dieser kühne Mann; 280 Gunter der edle darob zu trauern begann. Hagnen band da Dietrich und führt’ ihn, wo er fand Kriemhild die edle, und gab in ihre Hand Den allerkühnsten Recken, der je Gewaffen trug; Nach ihrem starken Leide ward sie da fröhlich genug. 285 Da neigte sich dem Degen vor Freuden Etzels Weib: “Nun sei dir immer selig das Herz und auch der Leib; Du hast mich wohl entschädigt aller meiner Not, Ich will dir’s immer danken, es verwehr’ es denn der Tod.” Da sprach der edle Dietrich: “Nun lasst ihn am Leben, 290 Edle Königstochter; es mag sich wohl begeben, Dass Euch sein Dienst vergütet das Leid, das er Euch tat. Er soll es nicht entgelten, dass Ihr ihn gebunden saht.” Da liess sie Hagnen führen in ein Haftgemach, Wo niemand ihn erschaute, und er verschlossen lag. 295 Gunter der edle hub da zu rufen an: “Wo blieb der Held von Berne? Er hat mir Leides getan.” Da ging ihm hin entgegen von Bern Herr Dieterich. Gunters Kräfte waren stark und ritterlich; Da säumt’ er sich nicht länger, er rannte vor den Saal. 300 Von ihrer beider Schwertern erhob sich mächtiger Schall. So grossen Ruhm erstritten Dietrich seit alter Zeit, In seinem Zorne tobte Gunter so im Streit, Er war nach seinem Leide von Herzen feind dem Mann; Ein Wunder musst’ es heissen, dass da Herr Dietrich entrann. 305 Sie waren alle beide so stark und mutesvoll, Dass von ihren Schlägen Palast und Turm erscholl, Als sie mit Schwertern hieben auf die Helme gut. Da zeigte König Gunter einen herrlichen Mut. Doch zwang ihn der von Berne, wie Hagnen war geschehn, 310 Man mochte durch den Panzer das Blut ihm fliessen sehn Von einem scharfen Schwerte, das trug Herr Dieterich; Doch hatte sich Herr Gunter gewehrt, der müde, ritterlich. Der König ward gebunden von Dietrichens Hand, Wie nimmer Kön’ge sollten leiden solch ein Band. 315 Er dachte, liess er ledig Guntern und seinen Mann, Wem sie begegnen möchten, die müssten all den Tod empfahn. Dietrich von Berne nahm ihn bei der Hand, Er führt’ ihn hin gebunden, wo er Kriemhilden fand. Ihr war mit seinem Leide des Kummers viel benommen. 320 Sie sprach: “König Gunter, nun seid mir höchlich willkommen.” Er sprach: “Ich müsst’ Euch danken, vieledle Schwester mein, Wenn Euer Gruss in Gnaden geschehen könnte sein; Ich weiss Euch aber, Königin, so zornig von Mut, Dass Ihr mir und Hagen solchen Gruss im Spotte tut.” 325 Da sprach der Held von Berne: “Königstochter hehr, So gute Helden sah man als Geisel nimmermehr, Als ich, edle Königin, bracht’ in Eure Hut; Nun komme meine Freundschaft den Heimatlosen zu Gut.” Sie sprach, sie tät’ es gerne. Da ging Herr Dieterich 330 Mit weinenden Augen von den Helden tugendlich. Da rächte sich entsetzlich König Etzels Weib: Den auserwählten Degen nahm sie Leben und Leib. Sie liess sie gesondert in Gefängnis legen, Dass sich nie im Leben wiedersahn die Degen, 335 Bis sie ihres Bruders Haupt hin vor Hagen trug. Kriemhildens Rache ward an beiden grimm genug. Hin ging die Königstochter, wo sie Hagen sah. Wie feindselig sprach sie zu dem Recken da: “Wollt Ihr mir wiedergeben was Ihr mir habt genommen, 340 So mögt Ihr wohl noch lebend heim zu den Burgunden kommen.” Da sprach der grimme Hagen: “Die Red’ ist gar verloren, Vieledle Königstochter. Den Eid hab’ ich geschworen, Dass ich den Hort nicht zeige; so lange noch am Leben Blieb’ einer meiner Herren, wird er niemand gegeben.” 345 “Ich bring’ es zu Ende,” sprach das edle Weib. Dem Bruder nehmen liess sie Leben da und Leib. Man schlug das Haupt ihm nieder, bei den Haaren sie es trug Vor den Held von Tronje; da gewann er Leids genug. Als der Unmutvolle seines Herrn Haupt ersah, 350 Wider Kriemhilden sprach der Recke da: “Du hast’s nach deinem Willen zu Ende nun gebracht, Es ist auch so ergangen, wie ich mir hatte gedacht. Nun ist von Burgunden der edle König tot, Geiselher der junge, dazu Herr Gernot. 355 Den Hort weiss nun niemand als Gott und ich allein; Der soll dir Teufelsweibe immer wohl verhohlen sein.” Sie sprach: “So habt Ihr üble Vergeltung mir gewährt; So will ich doch behalten Siegfriedens Schwert. Das trug mein holder Friedel, als ich zuletzt ihn sah, 360 An dem mir Herzensjammer vor allem Leide geschah.” Sie zog es aus der Scheide, er konnt’ es nicht wehren, Da dachte sie dem Recken, das Leben zu versehren. Sie schwang es mit den Händen, das Haupt schlug sie ihm ab; Das sah der König Etzel, dem es grossen Kummer gab. 365 “Weh!” rief der König: “wie ist hier gefällt Von eines Weibes Händen der allerbeste Held, Der je im Kampf gefochten und seinen Schildrand trug! So feind ich ihm gewesen bin, mir ist leid um ihn genug.” Da sprach Meister Hildebrand: “Es kommt ihr nicht zu Gut, 370 Dass sie ihn schlagen durfte; was man halt mir tut, Ob er mich selber brachte in Angst und grosse Not, Jedennoch will ich rächen dieses kühnen Tronjers Tod.” Hildebrand im Zorne zu Kriemhilden sprang, Er schlug der Königstochter einen Schwertesschwang. 375 Wohl schmerzten solche Dienste von dem Degen sie; Was konnt’ es aber helfen, dass sie so ängstlich schrie? Die da sterben sollten, die lagen all umher, Zu Stücken lag verhauen die Königstochter hehr. Dietrich und Etzel huben zu weinen an 380 Und jämmerlich zu klagen manchen Freund und Untertan. Da war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tod; Die Leute hatten alle Jammer und Not. Mit Leid war beendet des Königs Lustbarkeit, Wie immer Leid die Freude am letzten Ende verleiht. 385 Ich kann euch nicht bescheiden, was seither geschah, Als dass man immer weinen Christen und Heiden sah, Die Ritter und die Frauen und manche schöne Maid; Sie hatten um die Freunde das allergrösseste Leid. Ich sag’ euch nicht weiter von der grossen Not. 390 Die da erschlagen waren, die lasst liegen tot. Wie es auch im Heunland hernach dem Volk geriet, Hier hat die Mär’ ein Ende. Das ist das Nibelungenlied.
XIX. GUDRUN
A ballad epic of the Lowlands, in which ancient viking tales of bride-stealing and sea-fighting have been worked over under the influence of Christianity and chivalry. Although the only extant manuscript dates from the early years of the 16th century, the poem was probably composed about 1200,—not long after the Nibelungenlied, the style of which it to some extent imitates. There are in all 1705 four-line strophes. The strophe is like that of the Nibelungenlied save that the rimes bb are feminine, and the final half-line has five accents. This last feature gives to the verse a dragging effect which is unpleasant to the modern ear.
The locus of the poem is the coast of the North Sea from Jutland to Normandy. The story consists of a Hilde-saga and a Gudrun-saga, the whole being preceded by an introductory account of Hilde’s lineage. She is the daughter of ‘wild Hagen,’ King of Ireland, and is abducted, not much against her will, by envoys of Hetel, King of the Hegelings. Gudrun is the daughter of Hetel and Hilde. She betroths herself to Herwig of Seeland, but is violently abducted, during the absence of her father’s fighting men, by Hartmut of Normandy. The Hegelings pursue, and a great fight takes place on the Wülpensand (near the mouth of the Scheldt). King Hetel and many of his men are killed, and the Normans sneak away in the night with the captured women. For fourteen years (while a new generation of Hegelings is growing up) Gudrun lives as exile in Normandy, faithful to her absent lover Herwig, and cruelly treated by the fiendish mother of Hartmut because she refuses to take the Norman for a husband. Then come rescue and revenge.
There are several translations, the most popular being, again, that of Simrock. To illustrate the meter the first of the selections below is given in Simrock’s rendering; the others are in the smoother translation of Löschhorn, who ruthlessly amputates the two extra feet in the last half-line.
From Adventure 6: Horand the Dane, one of Hetel’s envoys, does some wonderful singing, which captivates the princess Hilde.
Als die Nacht ein Ende nahm und es begann zu tagen, Horand hub an zu singen, dass ringsum in den Hagen Alle Vögel schwiegen vor seinem süssen Sange. Die Leute, die da schliefen, lagen in den Betten nicht mehr lange. 5 Sein Lied erklang ihm schöner und lauter immerdar, Herr Hagen hört’ es selber, der bei Frau Hilde war. Aus der Kemenate mussten sie zur Zinne, Der Gast war wohl beraten; die junge Königin ward des Sanges inne. Des wilden Hagen Tochter und ihre Mägdelein 10 Sassen da und lauschten, wie selbst die Vögelein Auf dem Königshofe vergassen ihr Getöne; Wohl hörten auch die Helden, wie der von Dänenlanden sang so schöne. Als er schon das dritte Lied zu Ende sang, Allen, die es hörten, währt’ es nicht zu lang. 15 Es däuchte sie in Wahrheit nur spannenlange Weile, Wenn er immer sänge, während einer ritte tausend Meilen. Als er gesungen hatte und von der Stelle ging, Die Königstochter morgens wohl nie so froh empfing, Die ihr die Kleider brachten, die sie sollte tragen. 20 Das edle Mägdlein schickte sie alsbald nach ihrem Vater Hagen. Der König ging zur Stelle, wo er die Tochter fand. In traulicher Weise war da des Mägdleins Hand An ihres Vaters Kinne; sie wusst’ in ihn zu dringen. Sie sprach: “Liebes Väterlein, heiss ihn uns noch neue Lieder singen.” 25 Er sprach: “Liebe Tochter, wenn er zur Abendstund’ Dir immer singen wollte, ich gäb’ ihm tausend Pfund. Doch sind so hochfährtig des fremden Landes Söhne, Dass uns hier am Hofe nicht so leicht erklingen seine Töne.” Was sie bitten mochte, der König blieb nicht mehr. 30 Nun fliss sich wieder Horand, dass er nie vorher So wundersam gesungen; die Siechen und Gesunden Konnten nicht vom Platze, wo sie da wie angewurzelt stunden. Die Tier’ im Walde liessen ihre Weide stehn; Die Würme, die da sollten in dem Grase gehn, 35 Die Fische, die da sollten in dem Wasser fliessen, Verliessen ihre Fährte; wohl durft’ ihn seiner Künste nicht verdriessen. Was er da singen mochte, das däuchte niemand lang, Verleidet in den Chören war aller Pfaffen Sang. Auch die Glocken klangen nicht mehr so wohl als eh’; 40 Allen, die ihn hörten, war nach Horanden weh. Da liess ihn zu sich bringen das schöne Mägdelein; Ohn’ ihres Vaters Wissen, gar heimlich sollt’ es sein. So blieb es ihrer Mutter, Frau Hilden, auch verhohlen, Dass der Held so heimlich sich zu ihrem Kämmerlein gestohlen.
From Adventure 15: The abduction of Gudrun by the Normans.
45 Ludwig und Hartmut drangen in das hohe Tor, Viel todeswunde Streiter liessen sie davor. Eine edle Jungfrau zu weinen drob begann; Viel Schaden ward von Feinden in Hetels Burg getan. Von Ormanie der König gewann da frohen Mut. 50 Seine Zeichen trugen er und die Helden gut Bis an den Saal der Feste. Da liess man von den Zinnen Die lichten Fahnen flattern; Weh traf die Königinnen. Hartmut, der schnelle Degen, zur schönen Kudrun geht. Er spricht: “Edle Jungfrau, Ihr habt mich stets verschmäht; 55 Drum werden wir’s verschmähen, ich und die Freunde mein, Dass wir Gefangene machen. Man hängt sie, gross und klein.” Nichts mehr gab sie zur Antwort als: “Wehe, Vater mein! Könntest du es wissen, dass man die Tochter dein Gewaltsam wagt zu führen hinweg aus deinem Lande, 60 Du spartest der Verlass’nen den Schaden und die Schande.” Gern wüsst’ ich, was wäre den Fremden wohl geschehn, Wenn der grimme Wate hätte zugesehn, Wie Hartmut der kühne durch den Saal geschritten kam, Und mit ihm König Ludwig Kudrun gefangen nahm. 65 Wate und auch Hetel hätten es ihm verwehrt Und manchen Helm zerhauen mit ihrem guten Schwert, Wär’s ihnen nur verraten! Man sähe nimmermehr Geführt die schöne Kudrun gefangen übers Meer. Es standen alle Leute in trübem Sinn und Mut; 70 Nicht anders wär’ es heute. Man nahm da Hab’ und Gut Mit Raub den armen Bürgern und trug es fort zugleich. Glaubt mir, es wurde jeder von Hartmuts Recken reich. Als sie genommen hatten Schätze und Gewand, Führte man Frau Hilde hinaus an ihrer Hand. 75 Gern hätte auf die Zinnen man roten Brand gesetzt; Dass einst die Rache folgte, wer dachte daran jetzt? Hartmut befahl, es bleibe die Feste unversehrt. Schnell das Land zu räumen hat der Fürst begehrt, Eh’ man die üble Kunde hätt’ Hetel überbracht, 80 Der noch in Waleis kämpfte mit stolzer Heeresmacht. “Auch sollt ihr Raub nicht nehmen,” sprach der Held Hartmut, “Sind wir daheim, so zahl’ ich mit meines Vaters Gut. Auch fahren wir um so leichter über die weite See.” Ludwigs grimmes Wüten tat Kudruns Herzen weh. 85 Die Burg, die war gebrochen; die Stadt, die war verbrannt. Da hatte man gefangen die besten, die man fand; Zweiundzwanzig Frauen, minnigliche Maide, Führten sie von dannen zu Hildes Herzeleide. Wie traurig stand im Saale die edle Königin! 90 Sie schritt betrübten Herzens zu einem Fenster hin, Zu grüssen die Gefangenen mit einem letzten Blick; Es blieb manch edle Fraue klagend bei ihr zurück.
From Adventure 17: The battle on the Wülpensand.
Es war ein breiter Werder, der Wülpensand genannt, Da hatten Ludwigs Recken aus Normannenland 95 Für sich und ihre Rosse geschafft willkommne Rast. Wie bald bedrängt’ die Frohen der grimmen Sorge Last! Man führte aus den Schiffen auf den öden Strand Die minniglichen Mädchen aus Hegelingenland. Wie sie das Herz es lehrte, so klagten da die Frauen 100 Und liessen ihre Tränen die Feinde reichlich schauen. Da sah der Schiffer einer auf den Wogen nahn Ein Schiff mit vollen Segeln; dem König sagt’ er’s an. Und als sie es erblickten, rief Hartmut und die Seinen: “Pilger sind es. Sehet das Kreuz im Segel scheinen!” 105 Bald erschaute jeder drei Kiele fest und gut, Dabei neun volle Kocken; die führten durch die Flut Manchen, der noch nimmer zu Gottes Ruhm und Ehr’ Ein Kreuz getragen hatte!1 Der Normann griff zur Wehr. Bald waren sie so nahe, dass man die Helme sah 110 Auf dem Verdecke glänzen. Viel Not erhob sich da Und mancher arge Schaden für Ludwig und sein Heer. “Auf!” rief Hartmut, “uns suchen die Feinde über Meer.” Nicht träge waren die Fremden, nah kamen sie dem Land, Dass man schon knarren hörte die Ruder an dem Strand. 115 Dort standen zum Empfange in hellem Waffenkleid Die Alten und die Jungen am Ufer schon bereit. Laut rief der König Ludwig, den Seinen zugewandt: “Ein Kinderspiel nur war es, was je im Kampf ich fand! Heut gilt’s zum ersten Male mit guten Helden Streit. 120 Wer meiner Fahne folget, dem lohn’ ich’s alle Zeit.” Hartmuts Feldzeichen trug man auf den Sand. So nah schon waren die Schiffe, dass man mit der Hand Die Speere konnte stossen zum Bord vom Ufer wild; Nur wenig Musse gönnte Herr Wate seinem Schild. 125 So grimmig ward verteidigt niemals zuvor ein Land. Die Hegelingenrecken drangen an den Strand, Sie schwangen ohn’ Ermüden die Speere und das Schwert, Sie tauschten scharfe Hiebe,— die keiner doch begehrt. Da galt es Speere werfen! Es dauerte gar lang, 130 Bis sie das Land gewannen. Der alte Wate sprang Voll Ingrimm auf die Feinde und griff sie hurtig an; Was er im Sinne hatte, bald ward es kund getan. Es drang der König Ludwig auf Waten ein voll Wut. Mit einem scharfen Speere traf er den Recken gut, 135 So dass die Stücke sprangen hoch auf in alle Winde. Stark war der König Ludwig. Da kam das Ingesinde. Auf den Helm des Königs das Schwert Herr Wate schwang, Dass die scharfe Schneide bis auf das Haupt ihm drang. Trüg’ er nicht unter der Brünne ein dichtes Hemd, geschnitten 140 Aus Abalier Seide, den Tod hätt’ er erlitten. Wider den Degen Irolt der kühne Hartmut sprang. Ihrer beider Waffe auf dem Helm erklang, Es hallte das Schwertgetöse weit über die Schar dahin. Wacker hielt sich Irolt, Hartmut war stark und kühn. 145 Herwig von Sewen, ein Held berühmt und gut, Verfehlt’ im Sprung’ das Ufer; so sprang er in die Flut, Dass er bis an die Achsel tief in dem Wasser stand, Ein harter Dienst um Minne ward Herwig da bekannt. Den edlen Recken wollten ertränken in der Flut 150 Seine grimmen Feinde. Viele Schäfte gut Mussten an ihm splittern, er eilte auf den Sand Entgegen seinen Feinden; nicht ruhte seine Hand. Grössere Kampfesmühe ward niemals Helden kund. Nie hat man so viel Recken gedrängt zum tiefen Grund. 155 Die ohne Wunden starben, versenkt ins wilde Meer, Ihrer war von beiden Seiten ein ganzes Kriegesheer. Als sie den Strand gewannen, sah man die Wasserflut Aus tiefen Todeswunden gefärbt ringsum wie Blut. Aus Freunden und aus Feinden ein purpurroter Fluss, 160 So breit—sein End’ erreichte nicht eines Speeres Schuss.
From Adventure 21: The hard fate of Gudrun in Normandy.
Da bot man Hetels Tochter Burgen an und Land. Weil keines sie begehrte, musste sie Gewand Alle Tage waschen vom Morgen bis zur Nacht. Drum sah man später Ludwig sieglos vor Herwigs Macht. 165 Es ging der Degen Hartmut, wo er die Seinen fand, Er befahl in ihre Obhut die Leute und das Land, Dann zog er in die Ferne. Er dacht’ in Sorgen schwer: “Mich drängen viele Feinde; drum setz’ ich mich zur Wehr.” Da sprach mit Wolfessinne die böse Frau Gerlind: 170 “Nun will ich, dass mir diene der stolzen Hilde Kind. Weil sie in ihrer Bosheit sich dünkt so gut und treu, Soll sie als Magd mir dienen; leicht wär’ vom Schmach sie frei.” Darauf die edle Jungfrau: “Was ich leisten kann, Das sei mit diesen Händen früh und spät getan; 175 Mit Fleiss und gutem Willen tu’ ich es immerdar, Da mich mein herbes Schicksal schuf aller Freude bar.” Da sprach die böse Gerlind: “Du sollst mein Gewand Jeden Morgen tragen nieder an den Strand; Du sollst die Kleider waschen mir und dem Ingesinde. 180 Und hüte dich, du Stolze, dass man dich müssig finde.” Darauf die edle Jungfrau: “Fraue, hört mich an! Nun lasst mich unterweisen, dass ich lernen kann, Wie ich die Kleider wasche unten an dem Meer. Ich mag nicht Freude haben, ja, quält mich nur noch mehr!” 185 Da hiess sie eine Wäscherin nieder an den Strand, Dass sie es Kudrun lehrte, tragen das Gewand. Die Fürstentochter diente in harter Pein und Not; Niemand konnt’ es wehren; es war Gerlinds Gebot.
From Adventure 28: The Hegelings take revenge; King Ludwig’s end.
Laut rief der edle Herwig: “Wer ist der Alte da? 190 Von seinen starken Händen schon vieles Leid geschah. Er schlägt so tiefe Wunden mit seiner grossen Kraft, Dass er daheim den Frauen viel Not und Wehe schafft.” Das hörte König Ludwig, der Held von Normandie. “Wer ist’s, der im Getümmel dort so gewaltig schrie? 195 Ich heisse König Ludwig und Normandie mein Reich. Wer mich zum Kampfe fordert, dem achte ich mich gleich.” Er sprach: “Ich heisse Herwig, und du stahlst mir mein Weib. Das sollst du wieder geben, oder tot liegt hier ein Leib— Der meine oder deine— und dazu mancher Held.” 200 Herr Ludwig drauf: “Mit Drohen hast du dich mir gestellt. Doch sprachst du deine Beichte wahrhaftig ohne Not. Ich schlug schon manchem andern die Anverwandten tot Und nahm ihm seine Habe. Du, prahle nicht so sehr; Die Gattin, die du forderst, küssest du nimmermehr.” 205 Kaum war das Wort gesprochen, da sprengten sie heran, Beide aneinander. Mancher kühne Mann Sprang an des Herren Seite aus des Getümmels Drang; Es musste heiss sich mühen, wer da den Sieg errang. Wohl war Herr Herwig wacker und seiner Stärke froh, 210 Doch schlug Herrn Hartmuts Vater den jungen König so, Dass er begann zu sinken vor Ludwigs rauher Hand; Gern hätt’ er ihn auf ewig getrennt vom Vaterland. Wäre nicht so nah gewesen Herrn Herwigs gutes Heer, Das vor dem Feind ihn schützte, er wäre nimmermehr 215 Von Ludwig geschieden anders als im Tod; Den jungen Herren brachte der Held in grosse Not. Sie halfen, dass das Fechten kein böses Ende nahm. Als er von seinem Falle nun wieder zu sich kam, Da hat nach einer Zinne2 er schnell emporgeschaut, 220 Ob er darin erblickte wohl seines Herzens Traut. Er dacht’ in seinem Herzen: “Ach, wie ist mir geschehn! Wenn meine Herrin Kudrun hat meinen Fall gesehn, Und wenn ich einst zum Weibe die Königin gewinne, So wird sie mich drum schelten und weigern mir die Minne. 225 Dass mich der greise Recke hier hat zu Fall gebracht, Muss billig mich beschämen.” Da hiess zu neuer Schlacht Er seine Zeichen tragen dahin, wo Ludwig stand; Nach drängten seine Helden mit Speer und Schildesrand. In Ludwigs Rücken tobte der Hegelinge Heer; 230 Er kehrte sich zum Feinde und setzte sich zur Wehr. Da rasselten die Hiebe, da krachte mancher Schaft; Die in der Nähe standen, erprobten Ludwigs Kraft. Es traf Kudruns Geliebter unterm Helm und überm Rand Den alten König Ludwig mit heldenstarker Hand. 235 Er schlug ihm eine Wunde, dass man nicht länger stritt; Da war’s, wo König Ludwig den grimmen Tod erlitt.
From Adventure 29: The fate of Queen Gerlinde.
Da trat dahin auch eilend die böse Frau Gerlind; Demütig fiel zu Füssen sie Hildes schönem Kind. “Nun schütze uns, o Herrin, vor Wate,” war ihr Flehn; 240 “Denn du nur kannst es wenden, sonst ist’s um uns geschehn.” “Dass Ihr um Gnade bittet, erhabene Königin, Das höre ich nicht ungern; doch steht nicht so mein Sinn. Wann durfte ich Euch bitten? Wann winktet Ihr Gewähr? Ihr waret mir nie gnädig. Drum trifft mein Zorn Euch schwer.” 245 Als nun der alte Wate Herrn Ludwigs Königin sah, Wie knirscht’ er mit den Zähnen! Näher trat er da, Ihm funkelten die Augen, sein Bart war ellenbreit, Vor dem von Stürmen bebte im Saale Mann und Maid. Er fasste ihre Hände und zog zur Tür sie hin, 250 Da hub sie an zu jammern, die arge Königin. Er sprach in blindem Zorne: “Fürstin stolz und hehr! Für Euch wäscht meine Herrin die Kleider nimmermehr.” Als er hinaus die Fürstin zog aus dem Gemach, Da schaute manches Auge ihm voller Neugier nach. 255 Er fasste ihre Haare, wer hatt’ ihm das erlaubt? Sein Zürnen war gewaltig, er schlug ihr ab das Haupt.
XX. THE EARLIER MINNESINGERS
‘Early’ means, roughly, from 1150 to 1190. The lyric poets of this period were for the most part Austrian and Bavarian knights who lived remote from the French border and were little influenced by the now well-developed art of the troubadours and trouvères. They got their impulse rather from the simple love-messages and dance-songs which had long been current in Latin, probably also in artless German verses. These trifles were now translated, so to speak, into the terms of chivalrous sentiment. The art of the minnesingers culminated in the fascinating songs of Walter von der Vogelweide, and then, as their numbers increased, it gradually degenerated toward conventional inanity.
Of the selections below, the first five are by unknown authors. No. 1 is preserved in a girl’s Latin letter to her lover; see Des Minnesangs Frühling, by Lachmann and Haupt, page 221. No. 2 is found at the end of a Latin poem; see Vogt and Koch’s Geschichte der deutschen Literatur, 2nd edition, page 87. The translations of Nos. 6, 8, and 9 are also from Vogt and Koch; the others are those of Kinzel as found in Bötticher and Kinzel’s Denkmäler.
1 Mein. Du bist mein, ich bin dein: Des sollst du gewiss sein. Du bist beschlossen In meinem Herzen. 5 Verloren ist das Schlüsselein, Du sollst immer drinnen sein.
2 Tanzlust des Mädchens. Alles Trauern werf’ ich hin, Auf die Heide steht mein Sinn; Kommt, ihr Trautgespielen mein, Dort zu sehn der Blumen Schein. 5 Ich sage dir, ich sage dir, Meine Freundin, komm mit mir. Minne süss, Minne rein, Mache mir ein Kränzelein: Tragen soll’s ein stolzer Mann, 10 Der wohl Frauen dienen kann. Ich sage dir, ich sage dir, Meine Freundin, komm mit mir.
3 Frühlingswonne. Noch keinen Sommer sah ich je, Der so lieblich deuchte mich. Mit wie viel schönen Blumen hat Die Heide heut gezieret sich! 5 Der Wald ist eitel Sanges voll, Die Zeit, die tut den kleinen Vögeln wohl.
4 Gruss. Der aller Welten Meister ist, Der geb’ der Lieben guten Tag, Von der ich wohl getröstet bin. Sie hat mir all mein Ungemach 5 Durch ihre Freundlichkeit genommen, Hat mich vor Untreu wohl bewahrt: In ihre Gunst bin ich gekommen.
5 Zum Reihen! Lasst springen den Reihen Uns, Fraue mein, Uns freuen des Maien, Uns kommet sein Schein. 5 Der vordem der Heide Bracht’ schmerzliche Not, Der Schnee ist zergangen, Und sie ist umfangen Von Blumen so rot.
6 Herr von Kürenberg: Der Falke. Ich zog mir einen Falken länger denn ein Jahr. Da er nach meinem Wunsche nun gezähmet war, Und ich ihm sein Gefieder mit Golde schön umwand, Hoch stieg er in die Lüfte und flog dahin in fremdes Land. 5 Und nun hab’ ich ihn wieder in stolzem Flug erblickt, Es hält die seidne Fessel ihm noch den Fuss umstrickt, Ganz rot ihm das Gefieder vom goldnen Schmucke scheint: Gott sende die zusammen, die in Liebe wären gern vereint!
7 Dietmar von Eist: Erinnerung. Oben auf der Linde Ein kleiner Vogel lieblich sang, Vor dem Wald es hell erklang. Da flog mein Herz geschwinde 5 An einen wohlbekannten Ort; Viel Rosenblumen sah ich stehn. Die mahnen die Gedanken mein Dass sie zu einer Jungfrau gehn.
8 Dietmar von Eist: Der Falke. Es stand eine Frau alleine Und blickte über die Heide, Blickt’ aus nach ihrem Lieben. Einen Falken sah sie fliegen: 5 “Wie glücklich, Falke, du doch bist! Du fliegst, wohin dir’s lieb ist. Du erwählest in dem Walde Einen Baum dir nach Gefallen. Also hab’ auch ich getan: 10 Ich selbst erwählte mir den Mann, Der wohlgefiel den Augen; Das neiden andre Frauen. Ach, liessen sie mir doch mein Lieb, Da mich zu ihren Trauten nie Verlangen trieb!”
9 Dietmar von Eist: Tagelied. “Schläfst du, holder Liebling du? Man weckt uns, ach, nach kurzer Ruh’: Schon hört’ ich, wie mit schönem Sang Ein Vöglein auf der Linde Zweig sich schwang.” 5 “Von Schlafes Hülle sanft bedeckt, Werd’ ich durch dein ‘Wach auf!’ geschreckt: So folgt auf Liebes stets das Leid; Doch, was du auch befiehlst, ich bin bereit.” Aus ihrem Äug’ die Träne rann: 10 “Du gehst, verlassen bin ich dann. Wann kehrst du wieder her zu mir? Ach, meine Freude führst du fort mit dir.”
10 Heinrich von Veldeke: Vogelsang. So in den Aprillen Die Blumen entspringen, Sich lauben die Linden Und grünen die Buchen, 5 So mögen nach Willen Die Vögelein singen. Denn Minne sie finden, Allda sie sie suchen, Bei ihrem Genoss. Ihr Frohsinn ist gross; 10 Des nie mich verdross. Denn sie schwiegen all den Winter stille. Da sie an dem Reise Die Blumen sahn prangen Und Blätter entspringen, 15 Da hörte man schöne Oft wechselnde Weise, Wie vordem sie sangen. Sie hoben ihr Singen Mit lautem Getöne 20 Niedrig und hoch. Mein Sinn steht also: Bin heiter und froh. Recht ist’s, dass ich laut mein Glück preise.
11 Reinmar der Alte: Glücksverkündigung. Froh bin ich der Märe, Die ich hab’ vernommen, Dass des Winters Schwere Will zu Ende kommen. 5 Kaum erwart’ ich noch die Zeit, Denn ich hatte nichts als Leid, Seit die Welt rings war verschneit. Hassen wird mich keiner, Wenn ich fröhlich bin; 10 Weiss Gott! tät’ es einer, Wär’s verkehrter Sinn. Niemand ich ja schaden kann. Wenn sie Gutes mir tut an, Was geht’s einen andern an? 15 Sollt’ ich meine Liebe Bergen und verhehln, Müsst’ ich ja zum Diebe Werden und gar stehln. Nein, das kommt mir nicht zu Sinn, 20 Weil ich gar zu fröhlich bin, Geh’ ich hier, geh’ dort ich hin. Spielt sie mit dem Balle, In der Mägdlein Chor: Dass sie nur nicht falle, 25 Da sei Gott davor! Mädchen, lasst eu’r Drängen sein! Stosset ihr mein Mägdelein, Halb dann ist der Schade mein.
12 Friedrich von Hausen: Zwiespalt. Es will mein Herze und mein Leib sich scheiden; So lange waren innig sie gesellt! Mein Leib will einzig kämpfen mit den Heiden, Doch hat mein Herz ein andres sich erwählt 5 Vor aller Welt. Wie quält es mich so sehr, Dass Herz und Leib sich nicht mehr folgen beide! Viel taten meine Augen mir zu Leide. Entscheiden kann den Streit allein der Herr. Von solchen Nöten glaubt’ ich mich errettet, 10 Da ich das Kreuz annahm zur Ehr’ des Herrn, Mein Herze enger nur mit mir verkettet; Doch bleibt beständig es in weiter Fern. Welch reiches Leben sollte mir erstehn, Liess fahren nur mein Herz sein töricht Streben. 15 Doch fragt es, merk’ ich, nichts nach meinem Leben, Und wie es mir am Ende soll ergehn. Doch, da ich, Herz, es nimmermehr kann wenden, Dass du mich traurig lässt und einsam hier, So bitt’ ich Gott, dass er dich wolle senden, 20 Dahin, wo man sich freundlich neiget dir. O weh! Wie wird sich enden doch dein Wahn! Wie durftest du entfliehen meinen Händen? Wer soll dir deinen Kummer helfen enden So treulich, wie ich sonst es hab’ getan?
13 Spervogel: Weibes Tugend. Ob auch ein reines Weib nicht reiche Kleidung trägt, Doch kleidet ihre Tugend sie, wer’s recht erwägt, Dass sie so schön geblümet geht, So wie die lichte Sonne steht 5 An einem Tag mit vollem Glanz, Erstrahlend hell und reine.— So viel die Falsche sich mit Kleidern schmückt, Ihre Ehre bleibt doch kleine.
14
Spervogel: Priamel.1
Wer einen Freund will suchen,
Wo er niemand traut,
Und spürt des Wildes Fährte,
Wenn der Schnee schon taut,
5
Kauft ungesehn der Ware viel,
Und hält noch aufgegebenes Spiel,
Und dient nur bei geringem Mann,
Wo ohne Lohn er bleibet:
Den wird es einmal noch gereun,
10
Wenn er’s zu lange treibet.
XXI. WALTER VON DER VOGELWEIDE
The greatest of medieval lyrists. He was an Austrian, of knightly rank but poor, and was born about 1170. He led a wandering life, visiting many courts, taking a deep interest in public affairs and distinguishing himself by his matchless songs and Sprüche. In 1215 Emperor Friedrich II gave him a small estate near Würzburg. He died about 1230.
There are many translations of Walter, the best being by Simrock (1832), Panier (1878), Kleber (1894), and Eigenbrodt (1898). The translations below are from the sumptuous work of J. Nickol, Düsseldorf, 1904, which is itself eclectic and aims to give, for each poem, the best translation that could be found. No. 1 is by Pfaff, No. 2 by Simrock, 3 by Eigenbrodt, 4, 5, 6, 10 by Nickol, 7, 9, 11 by Panier, 8, 12 by Kleber.
1 Maienlust. Wollt ihr schauen, was dem Maien Wunders ist beschert? Seht die Pfaffen, seht die Laien, Wie das alles fährt! 5 Gross ist sein’ Gewalt: Hat er Zauber sich ersonnen? Wo er kommt mit seinen Wonnen, Da ist niemand alt. Uns soll alles wohl gelingen, 10 Fröhlich woll’n wir sein. Lasst uns tanzen, lachen, singen, Doch in Züchten fein. Weh! Wer wär’ nicht froh, Seit die Vöglein also schöne 15 Singen ihre besten Töne? Tun wir auch also! Wohl dir, Maie, dass du leidest Weder Hass noch Streit! Wie du schön die Bäume kleidest 20 Und die Heide weit! Die hat Farben viel. “Du bist kurzer, ich bin langer:” Also streiten auf dem Anger Blumen sich im Spiel. 25 Roter Mund, sollst dich bezähmen, Lass dein Lachen sein! Ach, es kann dich nur beschämen, So zu spotten mein. Ist das wohl getan? 30 Wehe der verlornen Stunde, Soll von minniglichem Munde Unminn’ ich empfahn! Was mir alle Freude störet, Seid Ihr, Frau, allein. 35 Ihr nur habt mich ja betöret, So erbarmt Euch mein. Wie steht Euch der Mut? Wollt Ihr mir zu allen Tagen Eure Gnade ganz versagen, 40 So seid Ihr nicht gut. Lasst die Sorgen von mir scheiden, Macht mir lieb die Zeit! Sonst muss ich die Freude meiden, Dass Ihr selig seid. 45 Wollt Ihr um Euch sehn? Alles freut sich im Vereine, Lasst von Euch auch eine kleine Freude mir geschehn!
2 Frühling und Frauen. Wenn die Blumen aus dem Grase dringen, Gleich als lachten sie hinauf zur Sonne, Des Morgens früh an einem Maientag, Und die kleinen Vöglein lieblich singen 5 Ihre schönsten Weisen: welche Wonne Hat wohl die Welt, die so erfreuen mag? Man glaubt sich halb im Himmelreiche. Wollt ihr hören, was sich dem vergleiche, So sage ich, was wohler doch 10 Schon öfter an den Augen tat und immer tut, erschau’ ich’s noch. Denkt, ein edles, schönes Fräulein schreite Wohlbekleidet, wohlbekränzt hernieder, Sich unter Leuten fröhlich zu ergehn, Hochgemut im fürstlichen Geleite, 15 Etwas um sich blickend hin und wieder, Wie Sonne neben Sternen anzusehn: Der Mai mit allen Wundergaben Kann doch nichts so Wonnigliches haben Als ihr viel minniglicher Leib; 20 Wir lassen alle Blumen stehn und blicken nach dem werten Weib. Nun wohlan, wollt ihr Beweise schauen: Gehn wir zu des Maien Lustbereiche, Der ist mit seinem ganzen Heere da. Schauet ihn und schauet edle Frauen, 25 Was dem andern wohl an Schönheit weiche. Ob ich mir nicht das bessre Teil ersah. Ja, wenn mich einer wählen hiesse, Dass ich eines für das andre liesse, Ach, wie so bald entschied’ ich mich: 30 Herr Mai, ihr müsstet Jänner sein, eh’ ich von meiner Herrin wich’.
3 Schönheit und Tugend. Heil sei der Stunde, da sie mir erschienen, Die mir den Leib und die Seele bezwungen! Alle Gedanken ihr einziglich dienen; Das ist mit Güte der Guten gelungen. 5 Dass ich nicht lassen und meiden sie kann, Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht. Seele und Sinne, die hab’ ich gewendet Auf die Vielreine, die Liebe, die Gute. 10 Werde uns beiden noch lieblich vollendet, Was zu gewähren sie hold mir geruhte! Was ich an Freude auf Erden gewann, Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.
4 Das Tröstelein In einem zweifelvollen Wahn War ich gesessen und gedachte Zu lassen ihren Dienst fortan, Als mich ein Trost ihr wiederbrachte. Trost mag es wohl nicht heissen, denn zur Stund’ Ist es ja kaum ein kleines Tröstelein, So klein, wenn ich’s euch sag’, ihr spottet mein. Doch Freude ist erlaubt auch aus geringem Grund. Mich hat ein Halm gemachet froh, Der sagt, ich solle Gnade finden. Ich mass dasselbe kleine Stroh, Wie ich zuvor es sah bei Kinden. Nun höret denn und merket wohl, ob sie es tu’: “Sie tut, tut’s nicht, sie tut, tut’s nicht, sie tut.” Wie oft ich mass, so war noch je das Ende gut. Das tröstet mich, doch da gehöret Glaube zu. Wie lieb sie mir von Herzen sei, So kann ich es gar wohl noch leiden, Zählt sie mich nur den Besten bei; Ich darf ihr Werben ihr nicht neiden. Wie ich es kann erkennen, glaub’ ich nicht, Dass sie ein andrer wankend machen möge; Ich wollte, die Getäuschten sähn, dass Wahn sie tröge, Denn allzulange schon hört sie auf jeden Wicht.
5 Wert der Minne. Was soll ein Mann, der nicht begehrt Zu werben um ein reines Weib? Bleibt er von ihr auch unerhört, Es hebt ihm Seele doch und Leib. Er tu’ um Einer willen so, Dass er den andern wohlbehagt, Dann macht ihn wohl die Eine froh, Wenn sich die Andre ihm versagt. Des achte, wenn er liebt, der Mann, Viel Glück und Ehre liegt daran. Wer guten Weibes Minne hat, Der schämt sich keiner Missetat.
6 Doppelzüngigkeit.1 Gott gibt zum König, wen er will; Darüber wundr’ ich mich nicht viel: Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre, Was sie gelehrt vor wenig Tagen, Dass woll’n sie heut schon anders sagen. Nun denn, bei Gott und eurer eignen Ehre, So sagt uns denn in Treue, Mit welcher Red’ ihr uns betrogen. Erkläret uns die eine recht von Grunde, Die alte oder neue. Uns dünket, eines sei gelogen; Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde.
7 Glückes Ungunst. Frau Glück verteilet rings um mich Und kehret mir den Rücken zu. Sie will nicht mein erbarmen sich; Ich weiss nicht, was ich dazu tu’. Sie zeigt nicht gern ihr Antlitz mir, Lauf ich um sie herum, bin ich doch hinter ihr Denn ihr beliebt’s nicht mich zu sehn; Ich möcht’, dass ihr die Augen an den Nacken ständen, dann müsst’s ohn’ ihren Wunsch geschehn.
8 Das Lehen. Ich hab’ ein Lehen, alle Welt, ich hab’ ein Lehen! Jetzt fürcht’ ich weder mehr den Hornung an den Zehen, Noch will die bösen Herrn um ihre Gunst ich flehen. Der edle Herr, der milde Herr hat mich beraten, Dass ich im Sommer Luft, im Winter Wärme haben kann. Die Nachbarn sehn mich jetzt mit andern Augen an, Sie sehn nicht mehr den Butzemann in mir, wie sie es taten. Zu lange war ich arm, das weiss ich keinem Dank; Ich war so voll des Scheltens, dass mein Atem stank. Den hat der König rein gemacht, dazu auch meinen Sang.
9 Morgengebet. Mit Segen lass mich heut erstehn, Herr Gott, in deiner Obhut gehn Und reiten, wo hinaus mein Fuss sich kehre. Herr Christ, lass sichtbar an mir sein 5 Die grosse Kraft der Güte dein Und schütze mich um deiner Mutter Ehre. Wie ihrer Gottes Engel pflag Und dein, der in der Krippe lag, Jung als Mensch und alt als Gott, 10 Demütig vor dem Esel und dem Rinde, Und dennoch schon in fester Hut Hielt Joseph sie und dich so gut Wohl mit Treuen sonder Spott: So schütz’ auch mich, dass man gehorsam finde 15 Mich deinem göttlichen Gebot.
10 Die drei Dinge. Ich sass auf einem Steine Und deckte Bein mit Beine. Darauf setzt’ ich den Ellenbogen; Ich hatt’ in meine Hand gezogen 5 Das Kinn und eine Wange. Da dachte ich gar bange, Wie man auf Erden sollte leben; Doch keinen Rat konnt’ ich mir geben, Wie man drei Ding’ erwürbe, 10 Dass keins davon verdürbe. Die zwei sind Ehr’ und fahrend Gut, Das oft einander Schaden tut; Das dritt’ ist Gottes Segen, Daran ist mehr gelegen. 15 Die wünscht’ ich gern in einen Schrein. Ja, leider mag das nimmer sein, Dass Gut und weltlich’ Ehre Und Gottes Huld, die hehre, Je wieder in Ein Herze kommen. 20 Ihnen ist Weg und Steg benommen: Untreue liegt im Hinterhalt, Und auf der Strasse fährt Gewalt; Friede und Recht sind beide wund, Die dreie finden kein Geleit, die zwei denn werden erst gesund.
11 Abschied von der Welt. Frau Welt, Ihr sollt dem Wirte sagen, Dass ich ihn ganz bezahlet habe; All meine Schuld sei abgetragen, Dass er mich aus dem Schuldbrief schabe. 5 Wer ihm was soll, der mag wohl sorgen; Eh’ ich ihm lange schuldig blieb, eh’r wollt’ ich bei den Juden borgen. Er schweiget bis auf einen Tag, Dann aber nimmt er sich ein Pfand, wenn jener nicht bezahlen mag.
Elegie.
O weh, wohin entschwunden sind alle meine Jahr!
Ist mir mein Leben geträumet, oder ist es wahr?
Was ich je wirklich wähnte, war’s nur ein Traumgesicht?
So hab’ ich denn geschlafen, und ich weiss es nicht!
5
Jetzt bin ich erwacht, und ist mir unbekannt,
Was mir vordem war kundig, wie meine rechte Hand.
Leut’ und Land, da ich von Kindheit an erzogen,
Die sind mir fremd geworden, als ob es sei erlogen;
Die mir Gespielen waren, die sind träg’ und alt,
10
Geackert ist das Feld, gehauen ist der Wald.
Wenn nicht das Wasser flösse, wie es weiland floss,
Fürwahr, ich wähnte, mein Unglück es wär’ gross.
So kalt grüsst jetzt mich mancher, der einst mich wohl gekannt;
Voll Not und Trübsal ist die Welt in Stadt und Land.
15
So ich gedenk’ an manchen wonniglichen Tag,
Die sind mir entfallen, recht wie ins Meer ein Schlag.
Immermehr o weh!
O weh, wie jämmerlich doch junges Volk jetzt tut,
Dem ehmals nie verzagte in der Brust der Mut!
20
Die tragen sich mit Sorgen, weh, was tun sie so!
Wohin ich immer blicke, keinen seh’ ich froh.
Tanzen, Lachen, Singen, vergeht vor Sorgen gar;
Nie sah man unter Christen so jämmerliche Schar.
Seht nur der Frauen Schmuck, der einst so zierlich stand;
25
Die stolzen Ritter tragen bäurisches Gewand.
Uns sind ungnädige Briefe2 her von Rom gekommen;
Uns ist erlaubt zu trauern, und Freude gar benommen.
Das schmerzt mich tief im Herzen—wir lebten einst so wohl—
Dass ich nun für mein Lachen Weinen tauschen soll.
30
Die Vöglein in dem Walde betrübet unsre Klage,
Was Wunder, wenn auch ich darüber schier verzage?
Doch, ach, was sprech’ ich Tor in meinem sündigen Zorn?
Wer dieser Wonne folget, der hat jene dort verlorn.
Immermehr o weh!
35
O weh, wie ward uns Gift mit Süssigkeit gegeben!
Die Galle seh’ ich mitten in dem Honig schweben.
Die Welt ist aussen lieblich, weiss und grün und rot,
Doch innen schwarzer Farbe, finster wie der Tod.
Wen sie verleitet habe, der suche Trost bei Zeit;
40
Er wird mit leichter Busse von schwerer Schuld befreit.
Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding!
Ihr tragt die lichten Helme und manchen harten Ring,
Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwert;
Wollte Gott, ich wäre für ihn zu streiten wert!
45
So wollt’ ich armer Mann verdienen reichen Sold;
Nicht mein’ ich Hufen Landes, noch der Herren Gold.
Ich möchte jene ewigliche Krone tragen,
Ein Söldner könnte sie wohl mit seinem Speer erjagen.
Könnt’ ich die teure Reise fahren über See,
50
So wollt’ ich wieder singen “wohl” und nimmermehr “o weh,”
Nimmermehr o weh!
XXII. HEINRICH VON VELDEKE’S ENEID
A Low German poem of 13,528 verses, completed between 1184 and 1190. Its author was a Netherlander of knightly rank who finished his poem in Thuringia and was regarded by his successors as the father of the riming love-romance. His chief source was an Old French Roman d’Enéas, but he dealt very freely with his French text, omitting much, adding much and making some use, possibly, of the Latin original.
Lines 1450-1534: The love-smitten Dido confides in her sister Anna.
1450 Sie ging in ihre Kemenate, Wo ihre Frauen lagen. Als die sie kommen sahen, Waren sie all’ in Sorgen: Es war doch früh am Morgen. 1455 Sie hatte grosses Ungemach; Bedeutungsvoll sie sprach Zu ihrer Schwester Annen; Die führte sie von dannen In ihre Kemenate wieder. 1460 Sie fiel am Bette nieder Und klagte ihr ihr Ungemach, Wie sie die ganze Nacht Schlaflos geblieben war. Sie seufzte tief fürwahr, 1465 Gar traurig war ihr Sinn, Sie sprach: “Mein’ Ehr’ ist hin.” “Fraue Schwester Dido,” Sprach Anna, “wie denn so? Sagt, was ist Eure Not?” 1470 “Schwester, ich bin fast tot.” “Erkranktet Ihr? Zu welcher Stund’?” “Schwester, ich bin ganz gesund, Doch kann ich nicht genesen.” “Schwester, wie mag das wesen? 1475 Ich meine, Frau, ‘s ist Minne.” “Ja, Schwester, zum Wahnsinne.” “Warum betragt Ihr Euch also, Liebe Fraue Dido? Was wollt Ihr so verderben? 1480 Ihr dürft nicht an Minne sterben. Ihr mögt sehr wohl genesen Und nachher glücklich wesen. Es ist kein Mann auf Erden, Der nicht Euer könnte werden, 1485 Der nicht froh wär’ Eurer Minnen; Ihr sollt Euch bass besinnen.” Da versetzte Frau Dido: “Es steht mir nicht also. Wahr ist es in der Tat, 1490 Ich sollte finden andern Rat; Ich tät’ es, wär’s in meiner Wahl. Ihr wisset, dass ich dem Gemahl Sicheus gelobte und verhiess, Der mir ein gross Gut hinterliess 1495 Und auch grosse Ehr’, Dass ich nun nimmermehr Einen Mann würde nehmen, Was für Freier immer kämen.” Da sprach aber Anna: 1500 “Ihr redet von dem Manne Allzuviel und ohne Not. Er ist seit vielen Tagen tot. Wo steht denn Euer Sinn? Wie hätte er Gewinn, 1505 Wenn Ihr jetzt verdürbet Und törichterweise stürbet? Ihr braucht nicht Euer Leben Seinetwegen zu vergeben. Er könnt’ es Euch nicht lohnen. 1510 Ihr sollt Euch selber schonen. Die Rede, die Ihr tut, Sie ist ja gar nicht gut. Lasst solche Rede sein Und folgt dem Rate mein; 1515 Das ist grössere Weisheit. Sagt mir nur die Wahrheit: Wer ist der selige Mann, Dem Gott es gönnen kann, Dass Ihr ihn wollt minnen? 1520 Das gebt mir zu besinnen. Ich will Euch raten dann So gut, wie ich es kann, Weil ich Euch Gutes gönne. Ob ich so raten könne, 1525 Dass Ihr damit gedienet seid? Nun sagt es mir, es ist ja Zeit.” Sie sprach: “Ich will’s nicht hehlen. Ich will Euch jetzt befehlen Ehre so wohl als Leben. 1530 Ihr sollt mir Rat drauf geben. Es ist,” sprach sie, “ein Mann, Dem keiner gleichen kann. Ich muss verraten seinen Nam’ Trotz meiner grossen Scham; 1535 Das Nennen tut mir weh. Er heisset,” sprach sie, “E”— Und nach dem NE ward es gar lang, So sehr die Minne sie bezwang, Bevor sie deutlich sagte AS;— 1540 Dann wusste Anna, wer er was.
Lines 9735-9820: Pending the fight between Eneas and Turnus, Lavinia hears of Minne from her mother.
9735 Da nun zwischen beiden Der Zweikampf sollt’ entscheiden, Recht war es ihrer Tapferkeit. Sie machten sich bereit Mit mannlichem Sinn. 9740 Da ging die Königin Eines Abends spat In ihre Kemenat Und rief die Tochter zu sich, Eine Jungfrau minniglich. 9745 Zu reden sie begonnte, Wie sie es wohl konnte, Mit sehr klugem Sinn. Es sprach die Königin: “Lavine, schönes Mägdelein, 9750 Du liebe Tochter mein, Vielleicht es nun so endet, Dass der Vater dir entwendet Grosses Gut und grosse Ehr’: Turnus, der edle Herr, 9755 Der deine Minne stark begehrt, Ist deiner durchaus wert; Des hab’ ich sichere Kunde. Und wärest du zur Stunde Tausendmal so schön und gut, 9760 Du könntest billig deinen Mut Dem tapfern Mann zukehren; Ich gönne dir die Ehren. Ich will, dass du ihn minnest, Und dabei auch erkennest, 9765 Dass er ein edler Herr. Drum lob’ ich dir so sehr Den Helden wonnesam. Sei doch Eneas gram, Jenem Trojaner schlecht, 9770 Der ihn erschlagen möcht’, Der dich im Herzen trägt Dir ist’s ja auferlegt, Ihm Ungunst zu erzeigen Und stetiges Abneigen, 9775 Ihm keine Ehr’ zu zollen, Ihm Gutes nicht zu wollen. Du sollst ihm bleiben kalt, Weil er dich mit Gewalt Nun wähnet zu gewinnen. 9780 Er strebt nach deiner Minnen Nur wegen deines Gutes: Was er bestrebt, er tut es, Damit er dich erwerbe Und mit dir nun als Erbe 9785 Gewinne auch zugleich Deines Vaters Reich. Du tätest, wie ich wollt’, Würdest du Turnus hold.” “Womit soll ich ihn minnen?” 9790 “Mit Herzen und mit Sinnen.” “Soll ihm mein Herze geben? Wie könnte ich dann leben?” “Unwissend bist du, wie man sieht.” “Was, wenn es nicht geschieht?” 9795 “Was, wenn’s geschehen tut?” “Wie kann ich meinen Mut Einem Manne zukehren?” “Die Minne wird’s dich lehren.” “Um Gotteswillen, was ist Minne?” 9800 “Sie ist vom Urbeginne Der Erde Herrscherin Und bleibt’s auch fernerhin Bis zu dem jüngsten Tag. In keiner Weise mag 9805 Ein Mensch ihr widerstehen, Denn sie kann niemand sehen Noch betasten mit der Hand.” “Die hab’ ich, Fraue, nie gekannt.” “Du sollst sie kennen lernen noch.” 9810 “Wann erwartet Ihr es doch?” “Ich erwart’ es, wie ich mag. Vielleicht erleb’ ich noch den Tag, Da du ungebeten minnest. Und wenn du es beginnest, 9815 Wirst du empfinden Lust dazu.” “Ich weiss, dass ich’s nicht tu’.” “Es kommt, so sicher du auch bist.” “Dann sagt mir, was die Minne ist.” “Ich kann sie nicht beschreiben.” 9820 “Dann lasst es doch noch bleiben.”
Lines 10031-79: Lavinia’s first glimpse of Eneas.
Als der Held dahin kam, Und die Jungfrau wonnesam Ihre Augen kehrte dar Und sein da unten ward gewahr 10035 Von ihrer hohen Zinne, Durchschoss sie nun Frau Minne Mit einem scharfen Pfeil; Drum ward ihr Qual zuteil Auf manche lange Stunde. 10040 Sie empfing eine Wunde, In ihrem Herzen drinnen, So dass sie musste minnen Und konnte nichts dafür. Gram ward die Mutter ihr, 10045 Deren Huld sie ganz verlor, Denn sie brannte und sie fror Fast in derselben Stunde. Die Art und Weis’ der Wunde, Das Übel war ihr unbekannt. 10050 Sehr bald sie nun verstand Ihrer Mutter Geheiss. Sie ward unmässig heiss Und danach wieder kalt, Sie kam in Ungewalt, 10055 Unangenehm sie lebte, Sie schwitzte und sie bebte, Wurde bleich und wurde rot; Sehr gross war ihre Not Und ihres Leibes Ungemach, 10060 Da fand sie Kraft und sprach. Als das Herz ihr wiederkam, Sprach die Jungfrau wonnesam Jämmerlich sich selber zu: “Ich weiss nicht leider, was ich tu’; 10065 Ich weiss nicht, was mich schiert, Dass ich bin so verwirrt. Nie ward mir solches kund; Ich war bisher gesund Und bin nun jetzt fast tot. 10070 Wer hat in kurzen Stunden Das Herz mir festgebunden, Das früher ledig war und frei? Mir ahnt, es sei das Ungemach, Von dem vorher die Mutter sprach. 10075 Zu früh hat’s mir passiert! Wär’ ich doch ungeniert Von—Minne, wie ich sie verstand, Ja, Minne hat sie es genannt!”
XXIII. HARTMANN VON AUE
The first in order of the three great romancers who interpreted the French tales of chivalry for medieval Germany. They were adapters rather than translators, just as were the French poets themselves in relation to their Keltic sources. Hartmann was born in Swabia about 1165, took part in a crusade, probably that of 1197, and died before 1220. His chief works are the two Arthurian romances Erec and Iwein, and the two pious ‘legends’ Gregorius and Der arme Heinrich. The selection from Der arme Heinrich is given in Bötticher’s translation, as found in Bötticher and Kinzel’s Denkmäler, II, 2.
I
From ‘Iwein’, lines 2073-2338: The enterprising maid Lunete persuades her mistress to marry Iwein, who has just slain her husband.
Dass sie der Magd je Hartes sprach, Davon litt sie solch Ungemach, 2075 Dass sie es sehr bereute. Als sich der Tag erneute, War jene noch einmal gekommen Und wurde besser aufgenommen Als sie entlassen ward vorher. 2080 Die Frau ermunterte sie sehr Mit gütigem Empfange. Es dauerte nicht lange, Bevor sie nun also begann: “Du lieber Gott, wer ist der Mann, 2085 Den du mir gestern lobtest? Ich glaube nicht, du tobtest, Denn der war nicht von Herzen matt, Der meinen Herrn erschlagen hat. Hat er Geburt und Jugend 2090 Und sonst etwa ‘ne Tugend, So dass er mir zum Herren ziemt, Und dass die Welt, wenn sie’s vernimmt, Mir’s nicht zu sehr verdenken kann, Dass ich genommen hab’ den Mann, 2095 Der mir den Herrn erschlagen? Kannst du mir von ihm sagen, Was mir in seiner Tugend Licht Dem üblen Ruf die Spitze bricht? Und rätst du mir sodann, 2100 Ich nähme ihn zum Mann?” Sie sprach: “Es dünkt mich gut. Mich freut, dass Ihr den Mut So schnell habt umgekehret. In ihm seid Ihr geehret; 2105 Zu fürchten wäre keine Scham.” Sie sprach: “Was ist also sein Nam’?” “Er nennt sich Herr Iwein.” Gleich stimmten sie nun überein. Sie sprach: “Der Nam’ ist mir doch kund 2110 Seit mancher langen Stund’. Er ist gewiss vom hohen Stamm Des Königs Vriën lobesam. Nun ist die Sache klar zum Teil, Und krieg’ ich ihn, so hab’ ich Heil. 2115 Aber, Gesellin, weisst du recht, Ob er mich auch haben möcht’?” “Es wär’ ihm lieb, wär’s schon geschehn.” “Und sage mir, wie bald wird’s gehn?” “In ungefähr vier Tagen.” 2120 “Ach Gott, was willst du sagen! Zu lang machst du die Frist. Bedenke dich, ob’s möglich ist, Dass ich ihn morgen—heute—sehe.” “Wie wollt Ihr, Frau, dass das geschähe? 2125 Zu denken wäre nicht daran: Es lebt auf Erden nicht der Mann, Er habe denn Gefieder, Der käme hin und wieder In solcher kurzen Frist; 2130 Ihr wisst, wie fern es ist.” “So überlass es meinem Witz. Mein Garçon läuft ja wie der Blitz; Zwei Tag’ ein andrer reiten muss, Er macht’s in einem Tag zu Fuss. 2135 Der Mondschein ihm auch helfen mag: Er mache ja die Nacht zum Tag. Auch sind die Tag’ unmässig lang; Sag’ ihm, es lohnt sich hoch sein Gang, Und dass es ihm recht lange frommt, 2140 Wenn er schon morgen wiederkommt. Er rühre tüchtig nur die Bein’ Und mache die vier Tag’ zu zwein. Er soll sich sputen sehr Und ausruhen nachher, 2145 So lang er eben ruhen möcht’. Nun, Trautgesellin, mach’s ihm recht!” Sie sagte: “Frau, es soll geschehn; Doch eines sei nicht übersehn: Befragt doch Eure Leute 2150 Gleich morgen oder heute; Denn paart Ihr Euch ohn’ ihren Rat, Es wäre eine üble Tat. Wer sich berät in diesen Dingen, Dem kann es nimmermehr mislingen. 2155 Was man alleine tut, Wird es nachher nicht gut, Bringt böses Leid in Doppelmass: Den Schaden und der Freunde Hass.” Sie sprach: “O weh Gesellin traut, 2160 Wie mir vor diesem Schritte graut! Man wird vielleicht dagegen sein.” “Nur nichts vom Bangen, Fraue mein! Es ist gewiss kein andrer Held, Und sucht Ihr durch die ganze Welt, 2165 Der wahrte Euch wie er den Bronn; So wird die Meinung sein davon. Mit Freude, zweifelt nicht daran, Wird jederman in Eurem Bann Solch Landeshut begrüssen; 2170 Man wirft sich Euch zu Füssen Und bittet Euch, hat man’s erfahren, Geschwinde Euch mit ihm zu paaren.” Sie sprach: “Nun lass den Garçon ziehn! Indessen will ich mich bemühn, 2175 Botschaften auszusenden; Wir wollen die Rede enden.” Leicht hätte sie ihn fortgesandt, Denn er befand sich gleich zur Hand. Der Garçon auf den Wink der Maid 2180 Verbarg sich mit Geschwindigkeit; Schnell fasste ja der flinke Knapp, Was man ihm auszuführen gab. Er konnt ihr helfen bei dem Lügen Und ohne jede Bosheit trügen. 2185 Eh’ ihre Herrin hatte Zeit, Zu träumen von der Möglichkeit, Der Knabe sei schon auf dem Wege, Nahm sie den Ritter in die Pflege,1 Wie Gott allein sie lohnen kann. 2190 Mit schönster Bitte ging sie dran. Es lagen Kleider da bereit In dreifacher Vortrefflichkeit, Grau, hermelin und bunt; Ging doch der Wirt zu jeder Stund’ 2195 Gekleidet wie ein Hofgalan, Der viel auf Leibespflege sann Und nie am Prunk es fehlen liess. Das schönste sie ihn wählen hiess Und kleidete ihn damit an. 2200 Am nächsten Abend ging sie dann, Wo sie die Frau alleine fand, Und machte sie gleich vor der Hand Von Freude bleich und rot. Sie sprach: “Gebt mir das Botenbrot! 2205 Der Garçon ist gekommen.” “Hast schon etwas vernommen? Ist’s gute Märe? Sprich doch! Wie? Also ist Herr Iwein hie? Wie ist es ihm so früh geglückt?” 2210 “Die Liebe hat ihn hergeschickt.” “Ach Gott! Doch sprich! Wer weiss davon?” “Es weiss bisher kein Muttersohn Als Euer Knab’ und wir.” “Wann führst du ihn zu mir? 2215 Geh stracks zu ihm, ich bitte dich.” Die flinke Magd entfernte sich Und machte mit verstellter Mien’, Als vor dem Ritter sie erschien, Als ob mit böser Märe 2220 Sie ihm gesendet wäre. Sie hing den Kopf und sah ihn an Und trauriglich also begann: “Ach, lieber Gott, mit mir ist’s aus! Die Herrin weiss, dass Ihr im Haus. 2225 Für mich hat sie nun nichts als Zorn; Ich habe ihre Huld verlorn, Weil ich Euch barg im Schlosse hier. Doch sagt sie, es beliebe ihr Euch einmal näher anzusehen.” 2230 “Und sollte das nun nicht geschehen, Ich liess ihr eher meinen Leib.” “Sie sollt’ Euch töten? Sie, ein Weib?” “Sie hat ja doch ein starkes Heer.” “Oh, Ihr genest wohl ohne Wehr. 2235 Ich hab’s von ihr mit Sicherheit, Dass Euch in keiner Weise leid Von ihren Händen soll geschehen; Sie wünscht Euch nur allein zu sehen. Ihr müsst Euch nur gefangen geben; 2240 Es geht Euch anders nicht ans Leben.” Er sagte: “Sie holdseliges Weib! Ich will es gern, dass dieser Leib Auf immer ihr Gefangener sei, Und dass mein Herz sei auch dabei.” 2245 Jetzt stand er auf und ging dahin, Ein seliger Mann mit frohem Sinn, Und ward kühl aufgenommen. Als er vor sie gekommen, Begrüsst’ ihn weder Wort noch Neigen. 2250 Ihr langes, langes Stilleschweigen Begann ihm endlich sauer zu werden; Er wusste nicht sich zu gebärden. Er blieb in weiter Fern’ zurück Und sah sie an mit scheuem Blick. 2255 Da beide schwiegen, sprach die Magd: “Herr Iwein, warum so verzagt? Lebt Ihr und habt Ihr einen Mund? Ihr redetet vor kurzer Stund’; Jetzt werdet Ihr ganz stumm. 2260 In Gottes Namen, sagt warum Ihr meidet ein so schönes Weib. Weh dessen unglücksel’gem Leib, Der ohne Dank je einen Mann, Der doch geläufig sprechen kann, 2265 Zu einer schönen Frau geleitet, Die er dann anzureden meidet! Rückt ihr nur näher ohne Scheu! Ich sage Euch bei meiner Treu, Sie wird Euch doch nicht beissen! Traun! 2270 Fügt man dem andern solches Graun, Wie ihr von Euch geschehen, Und will man Gnade sich versehen, Dazu gehört ein besserer Lohn. Ihr habt den König Askalon, 2275 Den ihr so lieben Herrn erschlagen: Könnt Ihr auf Gunst zu hoffen wagen? Ihr steht in grosser Schuld; Nun werbt um ihre Huld! Wir wollen sie beide bitten, 2280 Dass sie, was sie erlitten, Geruhe zu vergessen.” Jetzt ward nicht mehr gesessen. Er warf sich ihr zu Füssen Und bat um holdes Grüssen 2285 Als schuldbelad’ner Mann. Er sprach: “Ich mag und kann Euch Besseres nicht bezeigen An Ehr’ und treuem Neigen Als wenn ich sage: Richtet mich! 2290 Was Ihr mögt wollen, das will ich.” “Wollt Ihr denn alles, was ich will?” “Ja wohl; es dünkt mich nicht zu viel.” “So nehm’ ich Euch vielleicht den Leib.” “Wie Ihr gebietet, holdes Weib.” 2295 “Nun ja, was soll ich reden lang? Da Ihr Euch ohne jeden Zwang In meine Macht ergeben, Nähm’ ich nun Euch das Leben, Es ziemte nicht dem Weibe. 2300 Glaubt aber nicht bei Leibe, Dass es aus Wankelmut geschehe, Wenn ich Euch jetzt, wie ich gestehe, Nur allzu früh empfang’ in Gnade. Von Euch entstand mir solcher Schade, 2305 Dass, stünd’ es mir um Ehr’ und Gut, Wie es den meisten Frauen tut, Ich sicherlich nicht wollte, Wie ich es auch nicht sollte, So jäh Euch Gnad’ erteilen. 2310 Nun gilt es aber eilen; Denn da es zu erwarten steht, Dass mir mein Land verloren geht Gleich heute oder morgen, Muss ich mich schnell versorgen 2315 Mit einem Mann zur Landeswehr. Ihn find’ ich nicht in meinem Heer, Seit mein Gemahl erschlagen ist; Drum muss ich nun in kurzer Frist Mir einen Mann erküren 2320 Oder mein Land verlieren. Nun sollt Ihr mir aufrichtig sagen: Da Ihr den Herrn mir habt erschlagen, So seid Ihr wohl ein tüchtiger Mann; Und wenn ich Euch gewinnen kann, 2325 Bin ich mit Euch doch wohl bewahrt Vor fremdem Hochmut jeder Art. Und glaubt, was ich Euch nun erkläre: Eher als dass ich Euch entbehre, Gält’ ich sogar als ungesittet; 2330 Obwohl das Weib den Mann nicht bittet, Bitt’ ich zuerst und bitte sehr. Bedrängen will ich Euch nicht mehr, Ich will Euch gerne. Wollt Ihr mich?” Er sagte: “Frau, verneinte ich, 2335 So wär’ es um mein Glück geschehen. Der liebste Tag, den ich gesehen, Der ist mir heute widerfahren, Und möge Gott mein Heil bewahren!”
II
From ‘Der arme Heinrich’, lines 1004-1247: Poor Henry at Salerno with the maid who is eager to give her heart’s blood that he may be cured of his leprosy.
So fuhr denn nach der Stadt Salern 1005 Die treue Magd mit ihrem Herrn. Es trübt des Herzens Fröhlichkeit Nichts mehr, als dass der Weg so weit, Dass ihr so lang das Licht noch schien. Und als er sie gebracht dahin, 1010 Wo er den Meister wohlbekannt, Wie er gedachte, wiederfand, Ward’s dem gar fröhlich angesagt, Gefunden wäre jetzt die Magd, Die einst er ihn gewinnen hiess. 1015 Zugleich er ihn sie sehen liess. Den däuchte das unglaublich schier. Er sprach: “Mein Kind, und hast du dir Solch Willen wohl auch klar gemacht? Wie? Hat zu dem Entschluss gebracht 1020 Dich Wunsch und Drohung deines Herrn?” Die Jungfrau sprach, sie tu’ es gern Aus ihrem eignen Herzen sei Der Wunsch gekommen, frank und frei. Gross Wunder däucht’ ihn das, und fern 1025 Nahm er besonders sie vom Herrn Und fragt’ sie auf die Seligkeit, Ob nicht ihr Herr in seinem Leid Solch Reden hätt’ ihr aufgedroht. Dann sprach er: “Kind, es ist dir not, 1030 Dass du dich mehr noch kümmerst drum, Was dir bevorsteht—hör’, warum. Wenn du den Tod nun leiden musst Und nicht von Herzen gern es tust, So ist dein junges Leben hin 1035 Und bringt doch keinen Deut Gewinn. Verschliess’ vor mir nicht deinen Mund. Was dir geschieht, tu’ ich dir kund. Ich muss dich ausziehn, nackt und bloss; Da wird die Pein der Scham dir gross. 1040 Ich binde dich an Bein- und Armen; Fülst du mit deinem Leib Erbarmen, Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen! Ich schneide dich bis tief zum Herzen Und reiss’ es lebend noch aus dir. 1045 Nun, Mädchen, sprich und sage mir, Wie es mit deinem Mute steh’; Geschah noch keinem Kind so weh, Als dir von mir nun muss geschehen. Dass ich es tun muss und es sehen, 1050 Das macht mir Angst und Not genug. Bedenk’ nun selber bei dir klug: Gereut dich’s auch nur um ein Haar, So hab’ ich meine Arbeit gar Und du den jungen Leib verloren.” 1055 So ward um alles sie beschworen, Dass fern sie bleibe solcher Pflicht, Wär’ felsenfest ihr Wille nicht. Die Jungfrau aber lachend sprach, Da sie erfuhr, dass an dem Tag 1060 Ihr helfen sollte noch der Tod Aus aller Welt- und Erdennot: “Gott lohn’ Euch, lieber Herr, dass Ihr So ganz und gar und treulich mir Die volle Wahrheit habt gesagt. 1065 Nun bin ich wahrlich doch verzagt: Ein Zweifel mir das Herz erregt; Euch sei’s geklagt, was mich bewegt. Mir bangt jetzt, unser Unternehmen Möcht’ Euer zager Mut noch lähmen, 1070 Dass es vielleicht gar unterbleibe! Eu’r Reden ziemte einem Weibe. Ihr seid des Hasen Spielgenoss, Und Eure Angst ist viel zu gross Um mich, dass ich nun sterben soll. 1075 Wahrhaftig, Herr, Ihr tut nicht wohl Bei Eurer grossen Meisterschaft. Ich bin ein Weib, doch hab’ ich Kraft. Wagt Ihr nur mich zu schneiden, Ich wag’ es wohl zu leiden. 1080 Die Angst und bittre Todesqual, Davon Ihr mir erzählt zumal, Die hab’ ich wohl von Euch vernommen; Doch wär’ ich wahrlich nicht gekommen, Wüsst’ ich so fest nicht meinen Mut, 1085 Dass ich vergiessen könnt’ mein Blut Und alle Leiden gern erdulden. Mir ist von Euren Hulden Die bleiche Farbe ganz genommen Und also fester Mut gekommen, 1090 Dass ich nicht ängstlicher hier steh’, Als wenn ich froh zum Tanze geh’; Die Not kann doch so gross nicht sein, Die einen Tag nur währt; ich mein’, Dass ich fürs ewige Leben 1095 Den einen Tag wohl könnte geben. Euch kann an meinem festen Willen Kein Zweifel mehr das Herz erfüllen. Könnt’ Ihr dem Herrn Gesundheit geben Und mir zugleich das ew’ge Leben, 1100 Um Gotteswillen, tut’s beizeit. Lasst sehn, ob Ihr ein Meister seid. Ihr sollt noch reizen mich dazu. Ich weiss es wohl, um wen ich’s tu’. In dessen Namen es geschieht, 1105 Der unsre guten Dienste sieht Und lässt sie ungelohnet nicht. Ich weiss wohl, dass er selber spricht, Wer grosse Dienste leiste, Des Lohn sei auch der meiste. 1110 Drum halt’ ich diesen grimmen Tod Auch nur für eine süsse Not Um solch gewissen Himmelslohn. Liess’ ich die reiche Himmelskron’, So wär’ zu töricht doch mein Sinn, 1115 Da ich so arm geboren bin.” Nun sah er, dass unwandelbar Und ohne Reu’ ihr Wille war. Noch einmal führt’ er sie sodann Hin zu dem armen, siechen Mann 1120 Und sprach zu ihrem Herren: “Dem Zweifel lasst uns wehren, Zum Werke sei die Magd nicht gut! Nun habt Vertraun und guten Mut, Ich mache bald Euch ganz gesund.” 1125 Hin führt’ der Meister sie zur Stund In sein geheimes Arbeitszimmer, Damit ihr Herr es sehe nimmer, Verschloss vor ihm sogleich die Tür Und warf noch einen Riegel für: 1130 Er wollte nicht, dass er es seh’, Wie’s nun mit ihr zu Ende geh’. In einer Kemenaten, Die er gar wohl beraten Mit Arzenein für jung und alt, 1135 Hiess er die Jungfrau alsobald Vom Leibe ziehn der Kleider Zier. Drob ward sie froh und fröhlich schier. Sie riss die Näte gleich entzwei Und war bald ihrer Kleider frei. 1140 Als sie der Meister nun ansah, In seinem Herzen fühlt’ er da, Wie sehr ihn dauerte die Maid, Dass Herz und Mut vor Traurigkeit Ihm beinah wären noch verzagt. 1145 Da sah die gute, reine Magd Gar einen hohen Tisch da stehn, Auf den hiess sie der Meister gehn. Alsbald er fest darauf sie band Und nahm ein Messer in die Hand, 1150 Das nahe lag, gar lang und scharf, Des man für solches Werk bedarf. So guten Stahl das Messer trug, Dem Meister war’s nicht scharf genug. Ihn jammerte die grosse Not, 1155 Er wollt’ ihr lindern noch den Tod. Nun lag ein guter Wetzstein auch Ganz nahe bei, wie noch der Brauch. Auf dem hub jetzt zu streichen an Gar langsam der bedrückte Mann. 1160 Das Wetzen aber hörte, Der ihre Freude störte, Der arme Heinrich vor der Tür. Und als das Wetzen drang herfür, Da klagt’ und trauert’ er gar sehr, 1165 Dass er das Mägdlein nimmermehr Lebendig sollte sehen. Er hub zu suchen an und spähen, Bis endlich in der dünnen Wand Sein Aug’ ein kleines Löchlein fand. 1170 Da sah er durch den schmalen Spalt Sie auf dem Tisch gebunden bald. Sie war so hold, so jung und schön, Da musst’ er reuig sich ansehn, Und anders ward ihm da zu Mut. 1175 Ihn deucht’, es sei wohl nimmer gut, Wie ihm bisher das Herz gesinnt. Und so verwandelt’ er geschwind Den alten eigensücht’gen Sinn Und gab sich neuem Fühlen hin. 1180 Er sprach: “Das war unklug Beginnen, Dass wider den in trotz’gen Sinnen Du leben wolltest einen Tag, Dem niemand doch entrinnen mag. Du weisst fürwahr nicht, was du tust, 1185 Da du doch einmal sterben musst, Dass du dies jammervolle Leben, Das Gott allein dir hat gegeben, Nicht willig willst zu Ende tragen, Zumal du sicher nicht kannst sagen, 1190 Ob dich erlöst des Kindes Tod. Was dir beschert der liebe Gott, Das lass dir alles auch geschehn. Ich will des Kindes Tod nicht sehn.” Sogleich war der Entschluss gefasst. 1195 Er pochte an die Wand mit Hast Und bat: “Lasst mich sogleich hinein!” Der Meister sprach: “Das kann nicht sein, Mir fehlt die Musse jetzt dazu, Dass ich Euch auf die Türe tu’.” 1200 “Nein, Meister, höret nur ein Wort!” “Wie kann ich, wartet ruhig dort, Bis es geschehn.” “Ach Meister, nein, Hört mich, es muss vor dem noch sein!” “Nun sagt mir’s denn durch diese Wand!” 1205 “Ach, nein, so ist es nicht bewandt” Da öffnet endlich er die Tür. Der arme Heinrich trat herfür, Wo sein Gemahl2 gebunden lag. Zum Meister alsobald er sprach: 1210 “Dies Mägdlein ist so wonniglich, Wahrhaftig, nimmermehr kann ich Ihr jämmerliches Ende sehn. Des Ewigen Wille soll geschehn. Heisst sie vom Tische sich erheben; 1215 Das Silber will ich gern Euch geben, Das ich Euch bot für Eure Müh’. Nur lasst, ich bitt’, am Leben sie!”
XXIV. WOLFRAM VON ESCHENBACH
The deepest of the three chief romancers and the most strongly marked in his individuality. His date is approximately 1170-1220. He was a Bavarian knight of humble estate, who spent some time at the court of Landgrave Hermann in Thuringia. He speaks of himself as ‘ignorant of what the books contain,’ which is usually taken to mean that he could not read or write. His great work is Parzival, a blend of Arthurian and Grail romance, which he says he got from a French poet Kyot. Nothing is known of any such poet, and some think him an invention. Certain it is, however, that Wolfram had some other source than Chrestien de Troyes’ Conte del Graal, though he was acquainted with that, and that he invented freely. Two other narrative poems, Titurel and Willehalm, were left unfinished. The selections from Parzival below are from the translation by W. Hertz, Stuttgart, 1898.