Part 1 — PART I
Reading edition
FROM THE EARLIEST TIMES TO THE SIXTEENTH CENTURY
IN MODERN GERMAN TRANSLATIONS
I. THE LAY OF HILDEBRAND
The only surviving remnant, in the German language, of the ancient heroic poetry cultivated by the Germanic tribes prior to their Christianization. The precious fragment consists of 69 alliterating verses, which are preserved in a Kassel manuscript of the 8th or 9th century. The language shows a mixture of Low and High German, there are gaps in the text, the meaning of several words is doubtful, and the versification is here and there defective. All this, which some account for by supposing that the manuscript was copied from a version which had been written down from memory and not perfectly recalled, makes translation difficult and uncertain. The poetic version here given is that found in Bötticher and Kinzel’s Denkmäler der älteren deutschen Literatur, 9th edition, 1905, which in the main follows Müllenhoff’s text and theories with regard to gaps, transpositions, etc. For a careful prose version by a very competent scholar see Kögel’s Geschichte der deutschen Literatur, I, I, 212.
Das hört’ ich sagen . . . Dass zwei Kämpfer allein sich kamen entgegen, Hildebrand und Hadubrand, zwischen zwei Heeren. Sohn und Vater besorgten ihre Rüstung, 5 Bereiteten ihr Schlachtkleid, die Schwerter fest sie gürteten, Die Recken über die Ringe;1 dann ritten sie zum Kampfe. Hildebrand erhob das Wort; er war der hehrere2 Mann, In der Welt erfahrener. Zu fragen begann er Mit wenigen Worten, wer sein Vater wäre 10 Von den Helden im Volke . . . . . . “oder welcher Herkunft bist du? So du mir einen nennst, die andern weiss ich mir, Kind, im Königreiche: kund sind mir alle Geschlechter.” Hadubrand erhob das Wort, Hildebrands Sohn: 15 “Das sagten längst mir unsere Leute, Alte und weise, die früher waren, Dass Hildebrand hiess mein Vater; ich heisse Hadubrand . . .3 Vorlängst zog er ostwärts, Otakers Zorn floh er, Hin mit Dietrich und seiner Degen vielen. 20 Er liess elend im Lande sitzen Das Weib in der Wohnung, unerwachsen den Knaben, Des Erbes beraubt, da ostwärts er hinritt. Dem mächtigen Otaker war er masslos erzürnt, Der beste der Degen war er bei Dietrich; 25 Seitdem entbehrte Dietrich den Beistand —Er war so freundlos4— meines Vaters: Der war dem Volke voran stets; fechten war immer ihm lieb. Kund war er manchen kühnen Mannen. Nicht wähne ich mehr, dass er wandelt auf Erden.” 30 Hildebrand erhob das Wort, Heribrands Sohn: “Das wisse Allvater oben im Himmel, Dass nimmer du Worte bis heute gewechselt Mit so nah gesipptem Mann.” . . . Da wand er vom Arme gewundene Ringe, 35 Aus Kaisermünzen5 gemacht, wie der König sie ihm gab, Der Herrscher der Hunnen: “Dass ich um Huld dir’s gebe!” Hadubrand erhob das Wort, Hildebrands Sohn: “Mit dem Ger soll man Gabe empfahen,6 Spitze wider Spitze. Ein Späher bist du, 40 Alter Hunne, (heimlich)7 lockst du mich Mit deinen Worten, willst mit dem Speer mich werfen, Bist worden so alt nur immer Trug sinnend. Das sagten mir Leute, die zur See gefahren Westwärts über den Wendelsee:8 Hinweg nahm der Krieg ihn, 45 Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn.” Hildebrand erhob das Wort, Heribrands Sohn: . . .9 “Wohl hör’ ich’s und seh’ es an deinem Harnisch, Dass du daheim hast einen Herrn so gut, Dass unter diesem Fürsten du flüchtig nie wurdest.” . . . 50 “Weh nun, waltender Gott, Wehgeschick erfüllt sich! Ich wallte der Sommer und Winter sechzig, Da stets man mich scharte zu der Schiessenden Volk: Vor keiner der Städte zu sterben doch kam ich; Nun soll mit dem Schwerte mich schlagen mein Kind, 55 Mich strecken mit der Mordaxt, oder ich zum Mörder ihm werden! Magst du nun leichtlich, wenn langt dir die Kraft, An so altem Recken die Rüstung gewinnen, Den Raub erbeuten, wenn du Recht dazu hast! Der wäre der ärgste aller Ostleute,10 60 Der den Kampf dir weigerte, nun dich so wohl lüstet Handgemeiner Schlacht! Es entscheide das Treffen, Wer heute sich dürfe der Harnische rühmen Oder der Brünnen beider walten!” Da sprengten zuerst mit den Speeren sie an 65 In scharfen Schauern; dem wehrten die Schilde. Dann schritten zusammen sie (zum bittern Schwertkampf),11 Hieben harmlich die hellen Schilde, Bis leicht ihnen wurde das Lindenholz, Zermalmt mit den Waffen . . . .
II. THE MERSEBURG CHARMS
Two incantations that date back to pagan times, albeit the manuscript, discovered at Merseburg in 1841, is of the 10th century. The dialect is Frankish. No. 1 is for loosening a prisoner’s fetters, the other for curing the sprained leg of a horse. The translation is Bötticher’s.
1 Einst sassen Idise,1 sassen nieder hier und dort. Die hefteten Hafte, die hemmten das Heer, Die klaubten an den Kniefesseln:2 Entspring den Banden, entfleuch den Feinden! 2 Phol3 und Wodan ritten zu Walde. Da ward Balders Pferd der Fuss verrenket. Da besprach ihn Sinthgunt, (dann) Sonne, ihre Schwester; Da besprach ihn Frija, (dann) Volla, ihre Schwester; Da besprach ihn Wodan, wie er es wohl konnte, Sei’s Beinverrenkung, sei’s Blutverrenkung, Sei’s Gliedverrenkung: Bein zu Beine, Blut zu Blute, Gelenk zu Gelenken, als ob geleimt sie seien!
III. THE WESSOBRUNN PRAYER
A Christian prayer in prose, preceded by nine defective verses which probably preserve old epic turns of expression. The dialect is Bavarian, the theme that of Psalm XC, 2. The manuscript dates from the year 814. Wessobrunn was the seat of a Bavarian monastery.
Das erfuhr ich unter dem Volke als das vornehmste Wunder, Dass Erde nicht war, noch Überhimmel, Noch Baum (noch Stein?) noch Gebirge war; Dass (Stern?) gar keiner noch Sonne schien, Noch der Mond leuchtete, noch das Meer so herrlich. Und als da nichts war von Enden noch Wenden, Da war der eine allmächtige Gott, Der Männer mildester, und manche waren mit ihm Glorreiche Geister. Und Gott der heilige . . . .
Allmächtiger Gott, der du Himmel und Erde geschaffen, und der du den Menschen so vieles Gute verliehen hast, gib mir in deiner Gnade rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, den Teufeln zu widerstehen und Böses zu vermeiden und deinen Willen zu wirken.
IV. THE MUSPILLI
A fragment of 103 alliterating verses written in the Bavarian dialect and dating from the 9th century. The beginning and end of the poem are lost. The extant verses describe the fate of the soul after death and the terrors of the final judgment. The title, which means ‘destruction of the earth,’ was given to the fragment by Schmeller, its first editor (1832). The translation is Bötticher’s.
Lines 31-56: The battle of Elias and Antichrist and the ensuing world-fire. So hört’ ich künden Kund’ge des Weltrechts, Dass der Antichrist wird mit Elias streiten.1 Der Würger ist gewaffnet, Streit wird erhoben: Die Streiter so gewaltig, so wichtig die Sache. 35 Elias streitet um das ewige Leben, Will den Rechtliebenden das Reich stärken; Dabei wird ihm helfen, der des Himmels waltet. Der Antichrist steht bei dem Altfeinde, Steht beim Satan; er2 wird ihn2 versenken: 40 Auf der Walstatt wird er wund hinsinken Und in dem Streite sieglos werden. Doch glauben viele Gottesgelehrte, Dass Elias auf der Walstatt Wunden erwerbe. Wenn Elias’ Blut auf die Erde dann träufelt, 45 So entbrennen die Berge, kein Baum mehr stehet, Nicht einer auf Erden, all Wasser vertrocknet, Meer verschlingt sich, es schwelt in Lohe der Himmel, Mond fällt, Mittelgart3 brennt, Kein Stein mehr steht. Fährt Straftag ins Land, 50 Fährt mit Feuer, die Frevler zu richten: Da kann kein Verwandter vor dem Weltbrand4 helfen. Wenn der Erdflur Breite ganz nun verbrennt, Und Feuer und Luft ganz leer gefegt sind, Wo ist die Mark, wo der Mann stritt mit den Magen? 55 Die Stätte ist verbrannt, die Seele steht bedrängt, Nicht weiss sie, wie büssen: so wandert sie zur Pein. Lines 73-84: The summons to the last judgment. Wenn laut erhallet das himmlische Horn, Und sich der Richter anschickt zur Reise, 75 Dann erhebt sich mit ihm gewaltige Heerschar, Da ist alles so kampflich, kein Mann kann ihm trotzen. So fährt er zur Richtstatt, wo errichtet der Markstein, Da ergeht das Gericht, das dorthin man berufen, Dann fahren die Engel hin über die Marken, 80 Wecket die Toten, weisen zum Thinge. Dann wird erstehen vom Staube männiglich, Sich lösen von Grabes Last; dann wird das Leben ihm kommen, Dass all seine Sache er sagen müsse, Und nach seinen Werken ihm werde das Urteil.
V. THE HELIAND
An Old Saxon Messiad written in the first half of the 9th century (between 814 and 840) for the purpose of familiarizing the lately converted Saxons with the life of Christ. Nothing is known of the author except that he was a learned cleric who had some skill in handling the old alliterative verse, which had now nearly run its course. A few verses are lacking at the end of the poem, which breaks off, with the story nearly all told, at line 5983. The name ‘Heliand,’ Old Saxon for ‘Savior,’ was given to the poem by Schmeller, who edited it in 1830. The selections are from Edmund Behringer’s Heleand, 1898.
Lines 1189-1202: The calling of Matthew to discipleship. Da wanderte des Waltenden Sohn 1190 Mit den vieren vorwärts; sich den fünften dann erkor Kristus an einer Kaufstätte, eines Königes Jünger, Einen mutigen, klugen Mann, Mattheus geheissen, Er war beamteter edler Männer. Er sollte zu Händen seines Herrn hier annehmen 1195 Zins und Zoll. Treue zeichnete ihn aus, Den angesehenen Adeligen; alles zusammen verliess er, Gold und Geld, die Gaben in Menge, Hochwerte Schätze, und er ward unseres Herrn Dienstmann. Es erkor sich des Königs Degen Kristus als Herrn, 1200 Der milderen Gemütes gab, als der, dessen Mann er war, Ihn, der waltet über diese Welt; wonnigere Gaben gewährt dieser, Lange währende Lebensfreude. Lines 2006-2048: The turning of water into wine at Cana. Voll Lust waren beisammen die Landessöhne, Die Helden heiteren Herzens, hin und her eilten Diener, Schenken mit Schalen trugen schimmernden Wein In Krügen und Kannen. Gross war der Kühnen Jubel, 2010 Beseliget in dem Saale. Da dort unter sich auf seinen Sitzen Am fröhlichsten das Volk sein Freudengetön erhob; Als der Wonne voll sie waren, da gebrach es ihnen an Wein, Den Landeskindern an Lautertrank,1 nichts war übrig gelassen Irgendwo in dem Hause, was vor die Heerschar fürder 2015 Die Schenken trügen, sondern die Schäffer2 waren Des Lautertrankes leer. Da war es nicht lange hernach, Dass dieses sofort erfuhr der Frauen schönste, Kristi Mutter; sie kam, mit ihrem Kinde zu sprechen, Mit ihrem Sohne selbst, sie sagte ihm sogleich, 2020 Dass da die Wehrhaften nicht mehr des Weines hätten Für die Gäste beim Gastmahle; bittend begehrte sie, Dass hiefür der heilige Krist Hilfe schüfe Den Wehrhaften zu Willen. Da hatte hinwieder sein Wort bereit Der mächtige Gottessohn, und zu seiner Mutter sprach er: 2025 “Was liegt dir und mir an dieser Mannen Trank, An dieses Festvolkes Wein? Warum sprichst du, Frau, hierüber so viel, Mahnst mich vor dieser Menge? Noch sind meine Zeiten nicht gekommen!” Dann hegte doch sicheres Zutraun In ihres Herzens Tiefe die heilige Jungfrau, 2030 Dass nach diesen Worten des Waltenden Sohn, Der Heilande bester, helfen wollte. Es trug da auf den Amtleuten der Edelfrauen schönste, Den Schenken und Schöpfwarten, die dort den Scharen aufwarten sollten, Nicht von Wort noch Werk irgendwas zu unterlassen, 2035 Was sie der heilige Krist heissen würde Zu leisten vor den Landessöhnen. Leer standen dort Der Steinfässer sechse; da gebot so stille Der mächtige Gottessohn, so es der Männer viele In Wahrheit nicht wussten, wie er es mit seinen Worten gesprochen; 2040 Er hiess die Schenken da mit schimmerndem Wasser Füllen die Gefässe und hat dies da mit seinen Fingern dort Selber gesegnet; mit seinen Händen Verwandelt’ er Wasser in Wein. Er liess aus den weiten Gefässen Schöpfen mit einer Schale; und zu den Schenken sprach er da, 2045 Hiess sie von den Gästen, die bei dem Gastmahle waren, Dem Hehrsten in die Hand geben Ein volles Gefäss, dem, der über das Volk dort Dem Wirte zunächst gewaltet. Lines 2235-2264: The stilling of the storm on the sea of Galilee. 2235 Da hiess er die anderen Wehrmänner Weiter wandern; und mit wenigen nur bestieg Einen Kahn Kristus, der Heiland, Schlummermüde zu schlafen. Die Segel liessen schwellen Die wetterweisen Wehrmänner, leiteten den Wind hinein, 2240 Trieben auf dem Meerstrom, bis in die Mitte kam Der Waltende mit seinen Wehrhaften. Da begann des Wetters Gewalt, Stürme stiegen auf, die Stromfluten wuchsen, Her schwang sich Wolkengeschwirr, es schäumte der See, Es wütete Wind und Wogen; die Wehrmänner bangten, 2245 Das Meer war wildmutig, nicht wähnte der Männer einer Länger zu leben. Da eilten sie, den Landeswart Zu wecken mit ihren Worten und wiesen ihm des Wetters Wut, Baten, dass ihnen hilfreich würde Kristus, der Heiland, Wider die Wasser, oder “wir werden hier in Weh und Angst 2250 Versinken in diesem See.” Selbst erhob sich Der gute Gottessohn, gnädig sprach er zu seinen Getreuen, Forderte sie auf bei der Wellen Aufruhr die Angst zu besiegen: “Warum seid ihr so in Furcht? Noch nicht ist gefestigt euer Herz, Euer Glaube zu gering; vergehen wird kurze Zeit, 2255 Und stille wird werden die Sturmflut, Wonnesam der Lüfte Wehen.” Da sprach zu dem Winde er Und zu dem See ebenso und hiess sie sanfter sich Beide gebaren. Seinem Gebote gehorchten sie, Dem Worte des Waltenden; die Wellen wurden stille, 2260 Friedlich die Flut. Da fing das Volk unter sich an, Die Wehrhaften, sich zu wundern; manche fragten mit Worten, Was das für ein so mächtiger unter den Männern wäre, Dass ihm so der Wind und die Woge auf sein Wort gehorchten, Beide seinem Gebote. Lines 4858-4931: The smiting of Malchus by Simon Peter. Die weisen Männer standen In tiefem Kummer, Kristi Jünger, 4860 Vor dem Frevel der Frechheit und zu ihrem Fürsten riefen sie: “Wäre es dein Wille,” sagten sie, “waltender Herr, Dass durch des Speeres Spitze wir sterben sollten, Wund durch die Waffen, dann wäre für uns nichts so wertvoll, Als dass wir hier für unsern Herrn hinsinken müssten, 4865 Erbleicht im Kampfbegier.” Erbost wurde da Der schnelle Schwertdegen, Simon Petrus, Mächtig wallte ihm innen sein Mut, dass er nicht vermochte ein Wort zu sprechen; So harmvoll war ihm um das Herz, dass man seinen Herrn da Binden wollte. Erbost schritt er dahin, 4870 Der treugemute Degen, zu treten vor seinen Fürsten, Hart vor seinen Herrn; nicht war sein Herz in Zweifel, Nicht blöde in seiner Brust, sondern sein Beil zog er, Das scharfe, an seiner Seite, schlug es entgegen Dem vordersten der Feinde mit der Fäuste Kraft. 4875 Da ward Malchus durch des Beiles Macht An der rechten Seite gerötet durch die Waffe, Das Gehör ward ihm verhauen, an dem Haupte wurde er wund, Dass die Todeswunde traf Kinn und Ohr, Das Bein zerbarst. Blut sprang nach, 4880 Wallend aus der Wunde. Da war schartig an seinen Wangen Der vorderste der Feinde; da schaffte das Volk Raum, Des Beiles Biss fürchtend. Da sprach aber der Gottgeborene, Selber zu Simon Petrus, hiess sein Schwert ihn stecken, Das scharfe, in die Scheide: “Wenn ich gegen diese Schar,” sprach er, 4885 “Gegen dieser Männer Ansturm Kampfweise wollte üben, Dann mahnte ich den erlauchten, mächtigen Gott, Den heiligen Vater im Himmelreiche, Dass er mir zahlreiche Engel von oben sendete, Kampfeskundige; ihrer Waffen Kraft würden nimmer 4890 Diese Männer ertragen. Keine Macht stünde je, selbstgeeint, So fest unter den Völkern, dass ihm das Leben gefristet Werden möchte; aber es hat der waltende Gott, Der allmächtige Vater, es anders geordnet, Dass wir mit Milde ertragen alles, was uns diese Männerschar 4895 Bitteres bringet. Nimmer sollen erbost Wir uns wehren wider den Angriff, weil jeder, der Waffenhass, Grimmen Gerkampf, gerne üben will, Oft hinschwindet durch des Schwertes Schärfe, Blutigen Todes stirbt; durch unsere Taten Soll nichts verwüstet werden.” 4900 Hinschritt er da zu dem wunden Manne, Fügte mit Vorsicht das Fleisch zusammen, Die Wunde am Haupte, dass sofort geheilet ward Des Beiles Biss, und es sprach der Gottgeborene Zu der wütenden Wehrschar: “Wunder dünket mich mächtig,” sprach er, 4905 “Wenn ihr meinem Leben was Leides wolltet tun, Warum ihr mich nicht fasstet, da ich unter eurem Volke stand, In dem Weihtume innen und Worte so zahlreich, Wahrhaftige, sagte. Da war Sonnenschein, Trauliches Tageslicht, da wolltet ihr mir nichts tun 4910 Leides in diesem Lichte, und nun leitet ihr mir eure Leute zu In düsterer Nacht, so man Dieben tuet, Wenn man sie fahen will, die Frevler, die da haben Verwirket ihr Leben.” Das Wehrtum der Juden Ergriff nun den Gottessohn, das grimme Volk, 4915 Der Hassenden Haufe, die Heerschar umdrängte ihn Der übermütigen Männer, nicht achteten sie die Missetat, Hefteten mit eisenharten Banden seine Hände zusammen, Seine Arme mit Fesseln. Nicht war ihm so furchtbare Pein Zu ertragen Not, Todesqual 4920 Zu erdulden, solche Marter; aber für die Menschheit tat er es, Weil die Erdgeborenen er wollte erlösen, Heil entnehmen der Hölle für das Himmelreich, Für die weite Welt des Wohlseins; deshalb widersprach er auch nicht Dem, was mit trotzigem Willen sie ihm wollten antun. 4925 Da wurde darüber frech das übermütige Volk der Juden, Die Heerschar wurde hochmütig, weil sie Kristus den Heiligen, In leidigen Banden hinleiten konnte, Führen in Fesseln. Die Feinde schritten wieder Von dem Berge zu der Burg, es ging der Gottgeborene 4930 Unter dem Haufen, an den Händen gebunden, Trauernd zu Tale.
VI. THE OLD SAXON GENESIS
A fragment, or rather several fragments, of a poetic version of Genesis, contemporary with the Heliand and possibly by the same author. They were discovered at the Vatican Library in 1894 and comprise in all 337 lines. The translation is by Vetter, Die neuentdeckte deutsche Bibeldichtung, 1895.
Lines 27-79; The punishment of Cain. Er wandelte zur Wohnung, gewirkt war die Sünde, Die bittre am Bruder; er liess ihn am Boden liegen In einem tiefen Tale betäubt im Blute, 30 Des Lebens ledig; zur Lagerstatt hatte Den Sand der Geselle. Da sprach Gott selbst jenen an, Der Waltende, mit seinen Worten— ihm wallte sein Herz Unmilde dem Mörder— er fragte ihn, wo er den Mann hätte, Den blutjungen Bruder. Der Böse drauf sprach— 35 Er hatte mit seinen Händen grosse Harmtat Frevelnd gewirkt; die Welt war so sehr Mit Sünden besudelt:— “Zu sorgen nicht brauch’ ich, Zu wachen, wohin er wandle, noch wies mich Gott an, Dass ich sein hätte irgend zu hüten, 40 Zu warten in der Welt.” Er wähnte fürwahr, Dass er verhehlen könne seinem Herren Die Untat und bergen. Ihm gab Antwort unser Herr: “Ein Werk vollführtest du, des fürder dein Herz Mag trauern dein Lebtag, das du tatst mit deinen Händen; 45 Des Bruders Mörder bist du; nun liegt er blutig da, Von Wunden weggerafft, der doch kein einig Werk dir, Kein schlechtes, beschloss; aber erschlagen hast du ihn, Hast getan ihm den Tod; zur Erde trieft sein Blut; Die Säfte entsickern ihm, die Seele entwandelt, 50 Der Geist, wehklagend, nach Gottes Willen. Es schreit das Blut zum Schöpfer und sagt, wer die Schandtat getan, Das Meinwerk in diesem Mittelkreis; nicht mag ein Mann freveln, Mehr unter den Menschen in der Männerwelt Mit bittren Bosheitswerken, als du an deinem Bruder hast 55 Untat geübt.” Da ängstete sich Kain nach des Herrn Worten; er bekannte wohl zu wissen, Nie möge vor dem Allmächtigen ein Mann, solang die Welt steht, Eine Tat vertuschen: “So muss ich darob nun betrübten Sinn Bergen in meiner Brust, dass ich meinen Bruder schlug 60 Durch meiner Hände Kraft. Nun weiss ich, dass ich muss unter deinem Hasse leben Fürder, unter deiner Feindschaft, da ich diesen Frevel getan. Nun mich meine Schandtat schwerer dünkt, Die Missetat mächtiger als die Milde deines Herzens: So bin ich des nicht würdig, allwaltender Gott, 65 Dass du die schreckliche Schuld mir vergebest, Von dem Frevel mich befreiest. Der Frommheit und Treue Vergass mein Herz gegen deine Heiligkeit; nun weiss ich, dass ich keinen Tag mehr leben kann; Erschlagen wird mich, wer auf meinem Weg mich findet, Austilgen ob meiner Untat.” Da gab ihm Antwort selber 70 Des Himmels Herrscher: “Hier sollst du fürder Noch leben in diesem Lande. So leid du allen bist, So befleckt mit Freveln, doch will ich dir Frieden schaffen, Ein Zeichen an dir setzen, dass du sicher magst Weilen in dieser Welt, ob du des auch nicht würdig seist: 75 Flüchtig doch sollst du friedlos für und für Leben in diesem Lande, solang du dieses Licht schaust; Verfluchen sollen dich die Frommen, du sollst nicht fürder vor deines Herrn Antlitz treten, Noch Worte mit ihm wechseln; wallend wird Die Strafe für den Bruder dich brennen in der Hölle.”
VII. OTFRIED’S BOOK OF THE GOSPELS
A Messiad written in the dialect of the southern Rhenish Franks and comprising some 15,000 lines in five books. It was completed after years of toil about 870. Its author, a monk of Weissenburg in Alsatia, is the earliest German author whose name is known and the first to employ rime or assonance in place of alliteration. The selections are from the translation in Bötticher and Kinzel’s Denkmäler, II, 3, in which the crude assonances of the pioneer are replaced by regular modern rimes.
Book I, section 1, lines 1-34: Otfried tells why he wrote in German. Es hat viel Leute schon gegeben, die waren stark in dem Bestreben, Durch Bücherschreiben zu bereiten sich gut Gerücht für alle Zeiten; Und darauf auch gerichtet war ihr starkes Sehnen immerdar, Dass man in Büchern es erzählte, wie ihnen Tatenlust nicht fehlte. 5 Dazu verlangte ihre Ehre, dass auch ihr Scharfsinn sichtbar wäre, So wie der Anmut schöne Feinheit in ihres Dichtens klarer Reinheit. Sie haben alles, wie’s sich schickt, sorgsam und kunstvoll ausgedrückt, Und haben’s gut herausgefunden— zwar dunkel scheint’s, doch wohl verbunden— Wodurch es dann auch dazu kam, dass jedermann sie gern vernahm, 10 Und wer daran Gefallen fand, des Witz sich übte und Verstand. Wie leicht wohl könnte man dafür gar vieler Leute Namen hier Aufzählen und besonders nennen, von denen wir die Bücher kennen. Griechen und Römer, hochberühmt, die machen’s, wie es sich geziemt, Und haben’s also hergestellt, wie es dir immer wohlgefällt. 15 Sie machen’s nach dem rechten Mass und schlecht und recht ohn’ Unterlass; So muss es denn ein Ganzes sein, grad’ so, als wär’s aus Elfenbein. Wenn man die Taten so erzählt, die Lust zum Leben keinem fehlt. Und willst du dich zur Dichtung kehren, so wirst du deine Einsicht mehren. So wohl der Prosa schlichtes Wesen wirst mit Genuss du immer lesen, 20 Als auch des Metrums feine Zier ist eine reine Freude dir. Sie machen es mit vieler Süsse und messen gut der Verse Füsse, Ob kurz, ob lang sie müssen sein, auf dass es würde glatt und fein. Auch darauf stets ihr Trachten geht, dass jede Silbe sicher steht, Und dass ein jeder Vers so klingt, wie jeder Versfuss es bedingt. 25 Sie zählen mit Genauigkeit die Läng’ und Kürze jeder Zeit, Und sichre Grenzen sind gezogen, wonach das Silbenmass gewogen. Auch säubern sie’s mit rechter Reinheit und auch mit ausgesuchter Feinheit, So wie ein Mann mit Fleiss und Treu’ die Körner sondert von der Spreu. Ja, selbst den heil’gen Büchern geben sie eine Versform rein und eben, 30 Kein Fehler findet sich darin, so liest du es mit frohem Sinn.— Nun, da so viele es betreiben, dass sie in eigner Zunge schreiben, Und da sie eifrig danach streben, sich selber rühmend zu erheben, Wie sollten da die Franken zagen, auch selber den Versuch zu wagen, Dass sie’s mit Eifer dahin bringen, auf Fränkisch Gottes Lob zu singen? 35 Zwar ist der Sprache nicht bekannt der Regeln festgefügtes Band, Doch fehlt der grade Ausdruck nicht, noch auch die Einfalt schön und schlicht. I, 1, lines 59-90: The same theme continued; Otfried praises the Franks. Sie sind genau so unverzagt, wie man es von den Römern sagt. 60 Auch darf man nicht zu sagen wagen, dass kühnern Mut die Griechen tragen. Ganz ebenso ist es bewandt mit ihrem Wissen und Verstand. Sie sind voll Mut und Tapferkeit an jedem Ort, zu jeder Zeit, Viel Macht und Ansehn haben sie, und Kühnheit fehlet ihnen nie. Zum Schwerte greifen sie verwegen, das ist die Art der wackern Degen. 65 Vollauf versehn und wohl im Stande, so wohnen sie in reichem Lande. Von alters her ihr Gut sich mehrt, derhalben sind sie hochgeehrt. Gar schön und fruchtbar ist ihr Land; wem wäre dies nicht wohlbekannt? Es gibt dort vielerlei Gewinnst— es ist nicht eigenes Verdienst— Dort kann man Erz und Kupfer haben, das zum Gebrauche wird gegraben. 70 Und denket nur, wie wunderbar! Eissteine1 gibt es dort sogar. Und von Metallen man noch füge dazu das Silber zur Genüge; Auch lesen sie daselbst im Land Gold, das sie finden in dem Sand. Es ist ihr Sinnen fest und stet, das immer nur aufs Gute geht, Und ist zum Nutzen hingewandt, so wie sie’s lehret ihr Verstand. 75 Sie sind zu jeder Zeit bereit, zu schützen sich vor Feindes Neid; Der mag nichts gegen diese wagen, zu Boden wird er stets geschlagen. Kein Volk gibt’s, das ihr Land berührt, das ihre Gegenwart nicht spürt; Sie dienen ihnen notgedrungen, von ihrer Tüchtigkeit bezwungen. Sie haben alles Volk besiegt, wo nicht die See dazwischen liegt. 80 Nach Gottes Willen und Gedanken hat jedermann Furcht vor den Franken, Da nirgendwo ein Volk wohl lebt, das da nach Kampf mit jenen strebt. Den Feinden haben sie mit Waffen Beweise oft genug geschaffen Und haben gründlich sie belehrt nicht mit dem Wort, nein, mit dem Schwert, Mit Speeren scharf und spitz geschliffen, deshalb hat alle Furcht ergriffen. 85 Kein Volk gibt’s, das nicht deutlich wüsste: trägt es nach Frankenkrieg Gelüste, Dann sinken sie dahin geschwind, wenn’s Meder auch und Perser sind! Ich las dereinst in einem Buch und weiss es drum genau genug: Ganz eng verwandt sind mit einander das Frankenvolk und Alexander, Der aller Welt ein Schrecknis war, die er besiegte ganz und gar, 90 Die er darnieder zwang und band mit seiner allgewalt’gen Hand. I, 17, lines 9-62: The Magi and the star of Bethlehem. Da kamen Leute in das Land von Osten, denen war bekannt 10 Der Sonne und der Sterne Lauf; denn all ihr Sinnen ging darauf. Nun fragten diese nach dem Kind bei der Gelegenheit geschwind Und kündeten zugleich die Märe, dass dieses Kind der König wäre, Und forschten eifrig immerfort nach dieses Knaben Heimatort Mit stetem Bitten und mit Fragen, man möcht’ es ihnen doch ja sagen 15 Und auch die Wegfahrt zeigen an, auf der zum Kind man kommen kann. Nun sprachen sie auch von dem Zeichen, das seltsam war und ohnegleichen, Dass hier von einer Jungfrau zart jemals ein Mensch geboren ward, Und dass ein Zeichen schön und klar im Himmelsraum erschienen war. Sie sagten, dass sie hoch und fern plötzlich erblickten einen Stern, 20 Und machten ruchbar laut und frei, dass dies der Stern des Herren sei: “Sein Stern sich uns gezeiget hat, wenn wir auch irrten2 in der Stadt, Wir sind gekommen anzubeten, dass seine Gnade wir anflehten. So ist uns denn im Osten fern daheim erschienen dieser Stern. Lebt nun wohl einer hier im Land, dem davon etwas ist bekannt? 25 So viel wir Sterne auch gezählt, der hat bis jetzt uns stets gefehlt; Derhalben glauben alle wir, ein neuer König zeigt sich hier. Das haben Greise uns gelehrt zu Hause, klug und hochgeehrt; Nun bitten wir euch vorzutragen, was eure Bücher davon sagen.” Als nun zum König selbst sofort die Kunde drang von diesem Wort, 30 Ward durch die Nachricht er sogleich von Angst erfüllt und schreckensbleich, Und auch so mancher andre Mann daraus viel Traurigkeit gewann. Die hörten ungern und mit Schmerzen, was uns mit Freude füllt die Herzen. Die weisen Schriftgelehrten dort versammelten sich dann sofort Und forschten, wo auf dieser Erde wohl Christ der Herr geboren werde, 35 Und wandten sich in diesen Tagen auch an die Priester mit den Fragen. Doch mocht’ er arm sein oder reich, stets lautete die Antwort gleich. Sie nannten ihm sogleich die Stadt, wie’s früher schon bezeuget hat Vom alten Bunde manch Prophet, so wie es aufgeschrieben steht. Als es ihm so ward offenbar, wo Christ der Herr geboren war, 40 Ersann er schnell und fürchterlich nun eine grosse Bosheit sich. Er liess die Weisen zu sich kommen von denen ihr durch mich vernommen, Die fing er heimlich an zu fragen und ohne andern es zu sagen Und forschte dann mit Emsigkeit nach dieses Sternes Ankunftszeit Und bat sie selber zu ergründen, wo wohl das Kindlein sei zu finden: 45 “Vergesst nicht, mir zu offenbaren den Weg, den dieser Stern wird fahren, Und reiset dann an jenen Ort und fraget nach dem Kindlein dort. Wenn ihr dort angekommen seid, dann forscht nach ihm mit Emsigkeit Und tut es schleunig mir zu wissen, der Arbeit seid nur recht beflissen; Ich bete ihn dann selber an, dazu riet mir gar mancher Mann, 50 Auf dass ich selber danach strebe, dass ich dem Kind Geschenke gebe.” Wie kläglich jener Mann da log und gegen Recht und Wahrheit trog! Er wünschte, dass der Heiland stürbe, dass unser Segen so verdürbe! Als sie gehört des Königs Wort und nach dem Ziele eilten fort, Da zeigte ihnen sich von fern sogleich der wunderbare Stern! 55 Wie waren sie da hochentzückt, als sie ihn alsobald erblickt! Erfreut versäumten sie es nicht, ihn zu behalten im Gesicht, Er führte sie auch dorthin klar, wo Gottes Kind zu finden war. Und da, wo ging des Sternes Bogen, sind sie ihm willig nachgezogen; Da haben sie das Haus gesehn und nicht gezögert hinzugehn. 60 Da fanden sie denn auch geschwind die Mutter mit dem guten Kind Und fielen eilig vor ihm nieder, die guten Männer, treu und bieder; Sie beteten das Kindlein an und baten es um Gnade dann. I, 18, lines 1-34: Symbolical meaning of the return of the Magi. Daran ermahnt uns diese Reise, dass auch wir selbst in gleicher Weise Mit Eifer dafür Sorge tragen, das Land der Heimat zu erfragen. Doch ist dies, glaub’ ich, nicht bekannt: das Paradies wird es genannt. Hoch rühmen ich es kann und muss, doch fehlet mir der Rede Fluss. 5 Und wenn auch jedes meiner Glieder Rede und Sprache gäbe wieder, So hätt’ ich’s niemals unternommen, mit seinem Lob zu End’ zu kommen. Doch siehst du’s nicht mit eignen Augen, was können meine Worte taugen? Und selbst dann wird sehr viel dran fehlen, dass du es könntest her erzählen. Dort gibt es Leben ohne Tod, Licht ohne Finsternis und Not, 10 Dazu der Engel schöne Schar und sel’ge Minne immerdar. Das haben selbst wir aufgegeben, des müssen wir in Trauer leben, Und innen muss uns heimatwärts sich klagend sehnen unser Herz. Sind wir doch selbst herausgegangen, in unserm Übermut befangen, Denn uns verlockte leis’ und stille des Herzens eigner böser Wille. 15 Wir haben Schuld auf uns geladen, das ist jetzt klar zu unserm Schaden. Nun weinen wir im fremden Land, von Gott verstossen und verbannt. Ja, unbenutzt liegt und verloren das Erbgut, das für uns erkoren. Nichts nützt uns dieses grosse Gut, das macht nur unser Übermut. So wird denn, ach! von uns entbehrt das Schöne, das uns war beschert, 20 Wir müssen bittre Zeiten dulden von nun an nur durch unsre Schulden. Viel Leid ist uns und Not bekannt mit Schmerzen hier in diesem Land, Voll Wunden sind wir und voll Pein um unsre Missetat allein, Viel Elend und Mühseligkeit, das ist hier stets für uns bereit. Zur Heimat können wir nicht reisen, wir jammervollen, armen Waisen. 25 O weh, du fremdes Schreckensland, wie hab’ ich dich als hart erkannt! Ach, wie so schwer ertrag’ ich dich, das sage ich dir sicherlich! Nur Müh’ und Not wird dem gegeben, der nicht kann in der Heimat leben. Ich hab’s erfahren ja an mir, nichts Liebes fand ich je an dir. Ich fand an dir kein ander Gut als Jammer und betrübten Mut, 30 Ein tief verwundet, wehes Herz und mannigfaches Leid und Schmerz! Doch kommt uns einmal in den Sinn, dass uns verlangt zur Heimat hin, Und hat sich unser Herz gewandt voll Sehnsucht nach dem Vaterland, Dann fahren wir, wie jene Mannen, auf andrer Strasse gleich von dannen, Auf dem Weg, welcher führt allein in unser Vaterland hinein.
VIII. THE LAY OF LUDWIG
A riming (assonating) song in the dialect of the Rhenish Franks, composed in glorification of a victory won by Ludwig III over the Normans at Saucourt (between Abbeville and Eu). The battle was fought Aug. 3, 881, and the song must have originated soon afterwards; for it speaks of the king as living, and he died in 882. The translation is a literal line-for-line version, the rimes and assonances being disregarded.
Einen König weiss ich, er heisst Herr Ludwig, Er dient Gott gerne; ich weiss, er lohnt es ihm. Als Kind ward er vaterlos; dafür ward ihm bald Ersatz: Der Herr berief ihn, sein Erzieher ward er. 5 Er gab ihm Tüchtigkeit, herrliche Degenschaft, Den Thron hier in Franken; so brauch’ er ihn lange! Das teilte er dann sofort mit Karlmann, Seinem Bruder, die Fülle der Wonnen. Als das alles geendet ward, wollte Gott ihn prüfen, 10 Ob er Mühsal so jung dulden könnte. Er liess heidnische Männer über See kommen, Das Volk der Franken ihrer Sünden zu mahnen. Einige würden bald verloren, einige erkoren. Züchtigung duldete, wer früher misgelebet. 15 Wer dann ein Dieb war, und von dannen sich rettete, Nahm seine Fasten; danach ward er ein guter Mann. Mancher war Lügner, mancher Raubmörder, Mancher voll Zuchtlosigkeit, und er befreite sich davon. Der König war entfernt, das Reich ganz zerrüttet, 20 Christus war erzürnt: leider, des entgalt es.1 Doch Gott erbarmte sich dessen, er wusste all die Not. Er hiess Ludwig sofort dahin reiten: “Ludwig, mein König, hilf meinen Leuten! Die Normannen haben sie hart bedrängt.” 25 Da sprach Ludwig: “Herr, so tue ich, Wenn mich der Tod nicht hindert, alles, was du gebietest.” Da nahm er Gottes Urlaub, er hob die Kriegsfahne auf, Er ritt dahin in Frankreich gegen die Normannen. Gott sagten Dank, die seiner harrten, 30 Sie sagten alle: “Mein Herr, wie lange harren wir dein!” Da sprach laut Ludwig der gute: “Tröstet euch, Gesellen, meine Notgefährten, Her sandte mich Gott und mir selber gebot, Ob es euch Rat dünkte, dass ich hier föchte, 35 Mich selber nicht schonte, bis ich euch rettete. Nun will ich, dass mir folgen alle Gottes Holden. Beschert ist das Hiersein, so lange Christus will. Will er unsere Hinfahrt, deren hat er Gewalt. Wer hier mit Kraft Gottes Willen tut, 40 Kommt er gesund davon, ich lohne es ihm; Bleibt er darin, seinem Geschlechte.” Da nahm er Schild und Speer, kraftvoll ritt er, Er wollte die Wahrheit darlegen seinen Widersachern; Da war es nicht sehr lang, er fand die Normannen, 45 Gott sagte er Lob, er sieht, dessen er begehrte. Der König ritt kühn, sang ein heilig Lied, Und alle sangen zusammen: “Kyrie eleison!”2 Der Sang war gesungen, der Kampf war begonnen. Blut schien auf den Wangen, froh kämpften da die Franken, 50 Da focht der Degen jeglicher, keiner so wie Ludwig, Hurtig und kühn; das war ihm angeboren. Manchen durchschlug er, manchen durchstach er. Er schenkte zu Handen seinen Feinden Bitteres Trankes; so weh ihnen stets des Lebens! 55 Gelobt sei Gottes Kraft! Ludwig ward sieghaft. Und allen Heiligen Dank! Sein ward der Siegkampf. Heil aber Ludwig, König kampfselig! So bereit wie er stets war, wo irgend des Not war, Erhalte ihn der Herr bei seiner Herrlichkeit!
IX. WALTHARIUS MANU FORTIS
A Latin poem in Vergilian hexameters, composed about 930 by Ekkehard, a pupil in the monastic school at St. Gall, and afterwards revised by another monk of the same name. It is based on a lost German poem and preserves, with but little admixture of Christian and Latin elements, a highly interesting saga of the Hunnish-Burgundian cycle. The selections are from the translation by H. Althof, in the Sammlung Göschen.
Lines 215-286: Walter and Hildegund plot to escape from Etzel’s court. 215 Siehe, da eilte herab von der Burg des Palastes Gesinde, Freute sich sehr, ihn wiederzusehn, und hielt ihm das Streitross, Bis der preisliche Held dem hohen Sattel entstiegen, Richtet die Frage an ihn,1 ob günstig die Sache verlaufen. Wenig erzählte er nur, denn müde war er, und trat dann 220 Ein in die Burg und eilte darauf zum Gemache des Königs. Aber er fand auf dem Wege die einsam sitzende Hildgund Und er sagte zu ihr nach süssem Kuss und Umarmung: “Bringe mir schnell zu trinken, denn müde bin ich und durstig.” Eilig füllte mit Wein sie drauf den köstlichen Becher, 225 Reichte dem Helden ihn dar, der fromm ihn bekreuzte und annahm Und mit der Hand darauf die Rechte der Jungfrau umfasste. Schweigend stand sie dabei und sah dem Manne ins Antlitz. Und es reichte ihr Walter sodann das geleerte Gefäss hin; Wohl war beiden bekannt, dass einst sie verlobt mit einander. 230 Und er sprach zu der teueren Maid mit folgenden Worten: “Lange erdulden zusammen wir schon das Los der Verbannung Und sind dessen bewusst, was einstmals unsere Eltern Über unser zukünft’ges Geschick mit einander bestimmten. Was verhehlen wir dies so lange mit schweigendem Munde?” 235 Aber die Maid, die wähnte, es rede im Scherz der Verlobte, Schwieg ein Weilchen und sagte darauf als Erwiderung dieses: “Warum heuchelt die Zunge, was tief in der Brust du verdammest, Und überredet der Mund zu dem, was im Herzen du abweist? Gleich als wäre es Schmach, dir solche Verlobte zu freien!” 240 Drauf antwortete ihr der verständige Jüngling und sagte: “Fern sei, was du geredet! O wolle nicht falsch mich verstehen! Kund ist dir, dass ich nie mit verstelltem Herzen gesprochen; Glaube mir nur, es steckt nicht Trug noch Falsches dahinter. Niemand ist in der Näh’, wir sind hier beide alleine. 245 Wenn ich wüsste, du wärst mir geneigt mit ergebenem Herzen, Und du würdest verschweigen die klug ersonnenen Pläne, Wollte ich dir entdecken ein jedes Geheimnis des Herzens.” Da nun begann das Mädchen, die Kniee des Jünglings umfassend: “Alles, wozu du mich rufst, will ich gern, mein Gebieter, erfüllen 250 Und will nichts in der Welt vorziehn den wilkommnen Befehlen.” Jener darauf: “Mit Verdruss ertrage ich unsre Verbannung Und gedenke gar oft der verlassenen Marken der Heimat. Drum begehre ich, bald zu heimlicher Flucht mich zu rüsten. Lange zuvor schon wäre dazu ich imstande gewesen, 255 Doch es schmerzte mich tief, dass allein Hildgunde zurückblieb.” Also redete drauf aus innerstem Herzen das Mägdlein: “Was du begehrst, will ich, das ist mein einzig Verlangen. Drum befiehl nur, o Herr; ob Glück uns werde, ob Unglück, Gerne bin ich bereit, es dir zu Liebe zu tragen.” 260 Walter raunte der Maid in das Ohr nun folgende Worte: “Siehe, es trug der Herrscher dir auf, der Schätze zu hüten; Drum behalte es wohl und merke es dir, was ich sage: Nimm vor allem den Helm und das Eisengewand des Gebieters, Aus drei Drähten gewirkt, mit dem Zeichen der Schmiede versehen, 265 Wähle auch zwei von den Schreinen dir aus von mässigem Umfang, Fülle in diese sodann so viel der pannonischen2 Spangen, Dass du einen zur Not bis zum Busen zu heben vermögest. Dann verfertige mir noch vier Paar Schuhe, wie bräuchlich, Dir die nämliche Zahl und lege sie auch in die Truhen, 270 Und so werden dieselben vielleicht bis zum Rande gefüllt sein. Heimlich bestelle dir auch bei Schmieden gebogene Angeln: Fische müssen uns Zehrung sein auf dem Wege und Vögel; Vogelsteller und Fischer zu sein, bin ich selber genötigt. Alles dieses besorge du klug im Verlaufe der Woche. 275 Nunmehr hast du gehört, was uns auf der Reise vonnöten. Jetzt verkünde ich dir, wie die Flucht wir mögen bereiten: Wenn zum siebenten Mal den Kreislauf Phöbus vollendet, Werd’ ich dem König, der Königin auch und den Fürsten und Dienern Rüsten ein fröhliches Mal mit aussergewöhnlichem Aufwand 280 Und mich mit Eifer bemühn, durch Getränk sie in Schlaf zu versenken, Bis nicht einer imstande zu merken, was ferner noch vorgeht. Du magst aber indes nur mässig des Weines geniessen, Und nur eben bei Tische den Durst zu vertreiben bestrebt sein. Stehen die anderen auf,3 so eile zum Werk, dem bewussten. 285 Aber sobald des Trankes Gewalt dann alle bezwungen, Eilen wir beide zugleich, die westlichen Lande zu suchen.” Lines 315-357: The escape. 315 Glühender Rausch führt bald in der ganzen Halle die Herrschaft, Und es stammelt das breite Geschwätz mit triefendem Munde; Stämmige Recken konnte man schaun auf wankenden Füssen. Also verlängert bis spät in die Nacht das Opfer des Bacchus Walter und zieht zurück, die nach Hause zu gehen begehren, 320 Bis, von der Macht des Trankes besiegt und vom Schlafe bezwungen, In den Gängen zerstreut, sie alle zu Boden gesunken. Hätte er preisgegeben das Haus den verzehrenden Flammen, Wäre nicht einer den Brand zu entdecken imstande gewesen. Endlich rief er das Mädchen herbei, das teure, und hiess es, 325 Eilig herbeizutragen die längst bereiteten Sachen, Selber zog aus dem Stall er hervor das beste der Rosse, Welches er “Löwe” genannt um seiner Vorzüglichkeit willen; Stampfend stand es und nagte voll Mut an den schäumenden Zügeln. Als er darauf mit dem Schmuck es umhüllt in üblicher Weise, 330 Hängt er die Schreine, mit Schätzen gefüllt, dem Ross an die Seiten, Fügt auch Speisen hinzu, nicht viel für die Länge des Weges. Und die wallenden Zügel vertraut er der Rechten der Jungfrau, Selber jedoch, von dem Panzer umhüllt nach der Weise der Recken, Setzt er den Helm sich aufs Haupt, den rot umwallte der Helmbusch, 335 Schnallt die goldenen Schienen sich drauf um die mächtigen Waden, Gürtet sodann an die Linke das Schwert mit der doppelten Schneide, An die Rechte ein zweites dazu nach pannonischer Sitte, Welches mit einer der Seiten allein die Wunden verursacht, Rafft sodann mit der Rechten den Speer, mit der Linken den Schildrand, 340 Und entflieht dem verhassten Land, von Sorge befangen. Aber es führte das Ross, beladen mit Schätzen, die Jungfrau, Die in den Händen zugleich die haselne Gerte dahertrug, Der sich der Fischer bedient, die Angel ins Wasser zu tauchen, Dass der Fisch voll Gier nach dem Köder den Haken verschlinge; 345 Denn der gewaltige Held war selbst mit gewichtigen Waffen Rings beschwert und zu jeglicher Zeit des Kampfes gewärtig. Alle Nächte verfolgten den Weg sie in Eile; doch zeigte Frühe den Ländern das Licht der rötlich erstrahlende Phöbus, Suchten sie sich zu verbergen im Wald und erstrebten das Dunkel, 350 Und es jagte sie Furcht sogar durch die sicheren Orte. Und es pochte die Angst so sehr in dem Busen der Jungfrau, Dass sie bei jedem Gesäusel der Luft und des Windes erbebte, Dass sie vor Vögeln erschrak und dem Knarren bewegten Gezweiges. Hass der Verbannung erfüllte ihr Herz und Liebe zur Heimat. 355 Dörfern wichen sie aus und mieden das weite Gefilde; Folgend auf dichtbewachs’nem Gebirg dem gewundenen Umweg, Irren mit zagendem Fuss sie durch pfadelose Gebiete. Lines 1285-1395: The great fight at the Wasgenstein.4 1285 Als sich massen die drei um die zweite5 Stunde des Tages, Wandten sich gegen den einen zugleich die Waffen der beiden. Hagen bricht den Frieden zuerst; er sammelt die Kräfte Und versendet alsbald die verderbliche Lanze, doch diese, Wie sie in sausendem Wirbel entsetzenerregend heranschwirrt, 1290 Lenkt jetzt Alphars6 Sprosse, der nimmer sie weiss zu ertragen, Klug beiseit mit der Decke des seitwärts gehaltenen Schildes, Denn wie den Schild sie berührt, da gleitet sie ab wie von glattem Marmel, und schwer verletzt sie den Berg, denn bis zu den Nägeln Bohrt sie sich ein in die Erde. Dann warf mit kühnlichem Herzen 1295 Aber mit mässiger Kraft die eschene Lanze der stolze Gunter. Sie flog und sass in dem untersten Teile von Walters Schilde, und wie er alsbald ihn schüttelt, da fiel aus des Holzes Wunde zur Erde herab das Eisen, das wenig vermochte. Ob des Zeichens betrübt, ergreifen das Schwert die bestürzten 1300 Franken; in Zorn verwandelt der Schmerz sich, sie stürmen voll Eifer, Von den Schilden gedeckt, auf den aquitanischen Helden. Dieser jedoch vertrieb sie entschlossen mit wuchtiger Lanze Und erschreckte den stürmenden Feind durch Mienen und Waffen. Gunter, der König, ersann deswegen ein törichtes Wagnis: 1305 Seinen Speer, der vergebens versandt und zur Erde gefallen— Denn er lag, aus dem Schilde geschüttelt, zu Füssen des Helden,— Leise heran sich schleichend, in heimlicher Weise zu holen, Da ja die Kämpfer, versehn mit kürzeren Waffen, mit Schwertern, Nicht bis nah an den Feind heranzugelangen vermochten; 1310 Denn der schwang zum Stosse die vorgehaltene Lanze. Darum hiess er durch Augenwink den Vasallen vorangehn, Dass er, von ihm verteidigt, das Werk zu vollbringen vermöge. Ohne Verzug geht Hagen voran, den Gegner zu reizen, Während der Fürst in der Scheide das edelsteinblitzende Schwert birgt 1315 Und die Rechte befreit, um sicher den Streich zu vollführen. Doch was weiter? Er langte gebückt mit der Hand nach der Lanze Und schon fasste er sie und zerrte sie heimlich und mählich, Allzuviel verlangend vom Glück. Doch der herrliche Recke, Wie er ja stets in dem Kampf der Vorsicht weise gedachte 1320 Und behutsam verfuhr (ein Augenblickchen versah er!), Wurde gewahr, wie jener sich bückt, und merkte das Treiben. Aber er duldet es nicht, denn schnell vertreibt er den Hagen, Welcher zurück sich zieht vor der hoch erhobenen Waffe, Springt dann hinzu und presst mit dem Fuss die entrissene Lanze, 1325 Und dem König, ertappt bei dem Raub, schreit so er entgegen, Dass dem wanken die Kniee, als wär’ er durchbohrt von dem Speere. Und er hätte ihn flugs zum hungrigen Orkus gesendet, Wäre nicht schnell zur Hilfe geeilt der waffengewalt’ge Hagen, den Herrn mit dem Schild beschützend und wider des Gegners 1330 Haupt die entblösste Schärfe des schrecklichen Schwertes erhebend. Während Walter dem Hieb ausweicht, erhebt sich der andre; Kaum entronnen dem Tod, steht dort er betroffen und zitternd. Doch nicht Rast noch Verzug; es erneut sich die bittere Fehde. Bald bestürmen den Mann sie vereinzelt, bald in Gemeinschaft, 1335 Und indes er voll Eifer zum einen sich wendet, der anstürmt, Springt der andere ihm in die Quere, die Streiche vereitelnd. So steht, wenn man ihn hetzt, der numidische Bär, von den Hunden Rings im Kreise umstellt, mit drohend erhobenen Pranken, Duckt mit Gebrumme das Haupt und zwingt die umbrische Meute, 1340 Wenn sie sich naht, zu klagen und winseln in seiner Umarmung; Dann umbellen ihn rings aus der Nähe die wilden Molosser,7 Und es schreckt sie die Furcht, zu nahen dem grausigen Untier. Also wogte der Kampf bis zur neunten Stunde des Tages. Dreifach war die Not, die sie alle zusammen erlitten: 1345 Furcht vor dem Tode, Beschwerde des Kampfs und glühende Sonne. Aber indessen beschlich ein Gedanke die Seele des Helden, Welcher im schweigenden Busen jedoch die Worte zurückhielt: Zeigt nicht andere Wege das Glück, so werden die Gegner Mich, den Ermüdeten, noch durch eitele Listen berücken. 1350 Also sprach er daher mit erhobener Stimme zu Hagen: “Hagedorn,8 grün zwar stehst du im Laub und vermöchtest zu stechen, Doch du versuchst mich zu täuschen voll List mit possierlichen Sprüngen. Aber ich gebe dir Raum, dass du näher zu kommen nicht zauderst, Und dann zeig’ die gewaltige Kraft, die so wohl mir bekannt ist; 1355 Mich verdriesst’s, so gewalt’ge Beschwer vergeblich zu tragen.” Sprach’s und im Sprunge sich hebend, entsandt’ er auf jenen die Lanze, Welche den Schild durchschlägt, ein wenig vom Panzer mit fortreisst, Doch den gewaltigen Leib des Gegners nur mässig verwundet, 1360 Denn er strahlte, bewehrt mit auserlesenen Waffen. Doch als Walter, der Held, die Lanze versendet, da stürmt er Mit dem gezogenen Schwerte in ungestümerem Andrang Los auf den König, und als er den Schild ihm zur Seite gedrängt hat, Trifft er also gewaltig und staunenerregend den Gegner, Dass er das ganze Bein mit dem Knie bis zum Schenkel ihm abschlägt; 1365 Über den Schildrand stürzt er alsbald zu den Füssen ihm nieder. Da erblasst der entsetzte Vasall bei dem Fall des Gebieters. Alphars Sprosse erhebt nun aufs neue die blutige Klinge Und begehrt, dem Gefall’nen die tödliche Wunde zu spenden. Hagen, der Recke, jedoch, des eignen Schmerzes vergessend, 1370 Beugt schnell nieder das Haupt und hält es dem Hiebe entgegen, Und es vermag der Held die geschwungene Faust nicht zu hemmen. Aber der Helm, geschmiedet mit Fleiss und trefflich bereitet, Trotzt dem Hieb, und es sprühen alsbald in die Höhe die Funken. Über die Härte betroffen, zerspringt, o Jammer! die Klinge, 1375 Und in der Luft und im Grase erglänzen die klirrenden Teile. Aber sobald der Krieger die Stücke des Schwertes erblickte, Zürnte er sehr und tobte in allzugewaltigem Zorne, Schleudert, seiner nicht Herr, das Heft, dem entfallen die Klinge, War es auch ausgezeichnet durch Gold und künstliche Arbeit, 1380 Weit in die Ferne sogleich, die traurigen Trümmer verachtend. Doch indes er gerade die Hand so weit in die Luft streckt, Schlägt sie Hagen vom Arm, des gelegenen Hiebes sich freuend. Mitten im Wurf fiel jetzt zu Boden die tapfere Rechte, Welche dereinst gefürchtet von vielen Völkern und Fürsten 1385 Und vordem erglänzte durch ungezählte Trophäen. Aber der herrliche Held, der Weichen im Unglück nicht kannte, Wusste mit starkem Mute die Schmerzen des Fleisches zu tragen Und verzweifelte nicht, und keine Miene verzog er, Schob den verstümmelten Arm sogleich hinein in den Schildrand, 1390 Griff mit dem unverletzten sodann alsbald zu dem Halbschwert, Das er, wie ich erwähnt, sich rechts an die Seite gegürtet, Bittere Rache sogleich an dem grimmigen Feinde zu üben. Hagens rechtes Auge zerstört sein Hieb, und die Schläfe Schneidet er auf und zugleich die beiden Lippen zerspaltend, 1395 Schmettert er zweimal drei der Zähne dem Feind aus dem Munde. Lines 1421-1456: Having perforce made peace and had their wounds dressed by Hildegund, Walter and Hagen banter each other. Hagen, der dornige, drauf und der aquitanische Recke, Unbesieglich an Mut, doch am ganzen Leibe ermattet, Scherzten nach manchem Getöse des Kampfs und entsetzlichen Schlägen Mit einander in lustigem Streit bei dem Becher. Der Franke 1425 Sagte zuerst: “Mein Freund, fortan wirst Hirsche du jagen, Handschuh’ dir aus den Fellen in grosser Zahl zu gewinnen. Fülle, das rate ich dir, den rechten mit feinem Gewölle, Dass mit dem Bilde der Hand du Fremde zu täuschen vermögest. Weh, was sagst du dazu, dass die Sitte des Volks du verletzest, 1430 Dass man sieht, wie das Schwert du rechts an der Hüfte befestigst, Und dein Ehegespons, wird einstens der Wunsch dich beschleichen, Mit der Linken, wie nett! umfängst in verkehrter Umarmung? Doch was rede ich mehr? Was immer du künftig auch tun musst, Wird die Linke verrichten.” Darauf entgegnete Walter: 1435 “Dass du so vorlaut bist, das wundert mich, scheeler Sigambrer!9 Jage ich Hirsche, so musst den Eberbraten du meiden, Blinzelnd wirst du hinfort auf deine Bedienten herabschaun Und mit querem Blicke die Schar der Helden begrüssen. Aber der alten Treue gedenk, will dies ich dir raten: 1440 Wenn nach Hause du kommst, und dem heimischen Herde genaht bist, Mache dir Brei aus Mehl und Milch und vergiss auch den Speck nicht; Das vermag dir zugleich zur Nahrung und Heilung zu dienen.” Also sprachen sie. Drauf erneuten sie wieder das Bündnis, Hoben beide zugleich den König, den Schmerzen verzehrten, 1445 Auf sein Ross; dann trennten sie sich: es zogen die Franken Wieder gen Worms, und es eilte der Aquitaner zur Heimat. Freudig ward er allda mit grossen Ehren empfangen, Feierte, wie es der Brauch, mit Hildgund festliche Hochzeit Und regierte, nachdem sein Erzeuger von hinnen geschieden, 1450 Allen teuer, das Volk noch dreissig glückliche Jahre. Welche Kriege er ferner geführt und Triumphe gefeiert, Das kann nimmer der Griffel, der stumpf mir geworden, beschreiben. Der du dies liest, verzeihe der zirpenden Grille, erwäge Nicht, wie rauh die Stimme noch ist, bedenke das Alter, 1455 Da sie, noch nicht entflogen dem Nest, das Hohe erstrebte. Dies ist das Walterslied.— Euch möge der Heiland behüten!
X. RUDLIEB
A Latin poem in leonine hexameters, composed about 1030 at Tegernsee, Bavaria. It is imperfectly preserved, but more than 2000 verses are extant, and these give interesting pictures of contemporary German life. It is a metrical novel with a knight for hero. The selection is from M. Heyne’s Rudlieb, 1897,—a translation in iambic pentameter.
From the 14th fragment: The wedding of Rudlieb’s nephew. Am Tag der Hochzeit Erscheint das Fräulein, ihre Anverwandten Umgeben sie. Nun nahen auch die andern, Bald ist der Hof von Gästen ganz gefüllt, 5 Begrüsst von Rudlieb mit dem Wilkommskuss. Ein Mahl erwartet sie; als es geendet, Begeben sich zunächst in ihre Zimmer Die Damen mit dem Fräulein; ein’ge Ritter Begleiten sie und tragen ihnen Kissen. 10 Zum Dank wird ihnen Wein gereicht. Der erste Ergreift den Becher, trinkt und gibt ihn weiter, Und so die Reihe um, bis dass ihn leer Der Schenk zurückempfängt. Sie grüssen neigend Und gehn zurück zu Rudlieb und den Herren. 15 Nun spricht der Ritter: “Weil euch Gott allhier Versammelt hat, so hört mich an und helft, Dass unter schon Verlobten eine Ehe Geschlossen werde. Das soll heut geschehen, Ihr aber seid bei dieser Handlung Zeugen. 20 Es hat sich so gefügt, dass dieser Jüngling, Mein Neffe, und das Fräulein gegenseitig In Liebe kamen, als sie Würfel spielten;1 Sie wollen nun das Ehebündnis schliessen.” Die Herren sagen: “Alle müssen wir 25 Dazu verhelfen, dass der junge Mann, Der so vortrefflich sonst, nicht Schande leide Und ganz der Buhlerin1 entrissen werde, Die da verdient, den Feuertod zu leiden, Und preisen Gott, dass in der Welt doch Eine 30 Sich fand, die jener Hexe Macht zerbrach.” Da steht der Jüngling auf, sagt allen Dank Für ihre Güte und bekennt in Reue, Wie sehr sein früh’res Leben ihn geschändet: “Ihr seht, wie nötig eine Frau mir ist; 35 Und hätten wir auch eine hier gefunden, So will ich dennoch mich mit diesem Fräulein, Verloben und verbinden; meine Bitte Ergeht an euch, uns Zeugen jetzt zu sein, Wenn wir, wie es der Brauch ist, Ehgeschenke, 40 Uns geben.” “Alle tun hierin dir Beistand,” Erwidern jene. Und nun sendet Rudlieb Nach den drei Frauen, die alsbald erscheinen; Das Fräulein geht voran, gesenkten Hauptes; Von seinem Sitz erhebt sich jeder höflich. 45 Nach kurzer Zeit, als alle Platz genommen, Steht Rudlieb auf und bittet sich Gehör: Den Freunden und den Stammgenossen kündet Er das geschloss’ne Bündnis und die Liebe, Die eins zum andern hat und fragt den Jüngling, 50 Ob er zur Frau sie wolle. Der bejaht. Nun fragt man sie, ob sie zum Mann ihn wolle. Sie lächelt: “Soll ich den zum Manne nehmen, Den ich im Spiel als Sklaven mir gewann, Den mir der Würfel brachte, der versprach 55 Allein mir zu gehören, ob er siege, Ob er verliere? Mög’ er treu mir dienen Zu jeder Zeit, in jedem Augenblick! Je treuer, desto lieber ist er mir.” Da lachen alle zu des Fräuleins Worten, 60 Die so behutsam sind und doch so freundlich. Und da sie sehen, dass auch die Mutter nicht Zuwider ist, und dass sich beider Gut Die Wage hält, so kommt man überein, Als Gattin ihm das Fräulein zu gewähren. 65 Der Bräutigam zieht Schwert und wischt’s am Hute Steckt an das Heft den goldnen Ehering Und beut ihn so zur Braut, indem er spricht: “Wie dieser Ring den Finger rund umschliesst, Verpflicht’ ich dich zu ewig fester Treue, 70 Die du mir hältst bei Strafe deines Lebens.” Doch sie versetzt sehr klug und angemessen: “Ein gleiches Recht für beide. Warum soll ich Dir bessre Treue wahren als du mir? Sag’, hätte es wohl Adam zugestanden, 75 Der Eva ungetreu zu sein, da Gott doch Aus seiner Rippe Eine Eva schuf Und Adam das verkündete? Liest man, Dass ihm zwei Even sind erlaubt gewesen? Du wolltest buhlen und verbeutst das mir? 80 Nein, es fällt mir nicht bei, auf solchen Pakt Mich zu verpflichten, geh mir immer hin Und buhl’, um wen du willst, doch ohne mich. Es gibt noch manchen, den ich freien kann.” So sprechend weist sie Schwert und Ring zurück. 85 Der Jüngling spricht: “Geliebte, wie du willst, Geschehe es. Vergehe ich mich jemals, Will ich das, was ich in die Ehe bringe, An dich verlieren, und du darfst mich töten.” Sie lächelt hold, sich wieder zu ihm wendend: 90 “Auf das hin schliessen wir die Eh’ in Treuen.” Dann küsst er sie, indem er “Amen” ruft.
XI. EZZO’S LAY OF THE MIRACLES OF CHRIST
A Leich (strophic poem with varying number of verses to the strophe), written, it would seem, in 1064. The dialect is Alemannic. Ezzo was dean of the Bamberg cathedral. The introduction states that Bishop Gunter ordered his clergy to ‘make a good song’; that ‘Ezzo began to write, will found the way (i.e. the meter), and when it was done, all hastened to become monks.’ The poem consists of 420 short lines in riming (assonating) couplets.
Lines 193-262: The life and death of Christ.
Antiquus dierum,
Er wuchs mit den Jahren:
195
Der je über der Zeit war,
Vermehrte täglich seinen Wuchs;
So gedieh das edle Kind,
Gottes Geist war in ihm.
Als er dreissig Jahr alt war,
200
Von dem all diese Welt genas,
Da kam er zum Jordan;
Getauft ward er da,
Er wusch ab unsre Schuld,
Er selbst hat keine.
205
Den alten Namen legten wir da ab;
Von der Taufe wurden wir Gottes Kinder.
Sodann nach der Taufe
Zeigte sich die Gottheit.
Dies war das erste Zeichen:
210
Aus dem Wasser macht’ er Wein.
Dreien Toten gab er das Leben,
Von dem Blute heilt’ er ein Weib,
Die Krummen und die Lahmen,
Die machte er gerade.
215
Den Blinden gab er das Licht,
Für keine Belohnung sorgte er.
Er erlöste manchen Besessenen,
Den Teufel hiess er von dannen fahren.
Mit fünf Broten speiste er
220
Fünftausend und mehr,
Dass sie alle genug hatten;
Zwölf Körbe trug man davon.
Zu Fuss ging er über den Fluss,
Zu den Winden rief er “ruhet.”
225
Die gebundenen Zungen,
Die löste er den Stummen.
Ein wahrer Gottes Born,
Die heissen Fieber löschte er.
Krankheit floh von ihm,
230
Den Siechen hiess er aufstehn.
Mit seinem Bette fortgehn.
Er war Mensch und Gott;
Also süss ist sein Gebot.
Er lehrt’ uns Demut und Sitte,
235
Treue und Wahrheit dazu,
Dass wir uns treu benähmen,
Unsre Not ihm klagten;
Das lehrt’ uns der Gottessohn
Mit Worten und mit Werken.
240
Mit uns wandelte er
Dreiunddreissig Jahr
Undeinhalb, unsrer Not wegen.
Sehr gross ist seine Gewalt.
Seine Worte waren uns das Leben;
245
Für uns starb er seitdem,
Er ward nach eignem Willen
An das Kreuz gehangen.
Da hielten seine Hände
Die harten Nagelbande,
250
Galle und Essig war sein Trank;
Also erlöst’ uns der Heiland.
Von seiner Seite floss das Blut,
Von dem wir alle geheiligt.
Zwischen zwei Verbrechern
255
Hingen sie den Sohn Gottes.
Von Holz1 entstand der Tod,
Von Holz fiel er, gottlob!
Der Teufel schnappte nach dem Fleisch,
Die Angel2 war die Gottheit;
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Nun ist es wohl ergangen,
Daran ward er gefangen.
XII. HEINRICH VON MELK
An Austrian nobleman of the 12th century who, after bitter experience of the world’s ways, retired to the monastery of Melk (a few miles west of Vienna), where he spent his closing years as lay brother. In his Erinnerung an den Tod, a satirical poem of 1042 short lines in riming (assonating) couplets, he inveighs against the worldly follies of the knights, and in his Priesterleben against the vices of the clergy. The poems date from about 1160.
From the ‘Remembrance of Death,’ lines 663-748: The rich youth at the grave of his father.
Reicher und edler Jüngling, Gewahre deine ängstliche Lage 665 Und geh zu deines Vaters Grab; Nimm den Deckstein davon ab Und schaue seine Gebeine, Seufze und weine. Du magst wohl sagen, wenn du willst,— 670 Es kostet deiner Herrlichkeit nicht viel:— “Lieber Vater und Herr, Nun sage mir, was dich plagt. Ich sehe dein Gebein verfaulen, Das hat die Erde ganz zersetzt; 675 Es kriechet böser Würmer voll. Diese stinkende Höhle Erzeigt meinem Sinne Einen furchtbaren Geruch darinne. Auch ist mir schwer zu Mute, 680 Da du einst so schön warst, Dass du so schnell verdorben. Das ist eine jämmerliche Ordnung: Was einst blühte wie die Lilie, Das wird wie ein Kleid, das der Meltau 685 Benagt und zerfrisst. Der ist unselig, der es vergisst.” So hättest du wohl reden können, Wenn der Jammer dich bewegt hätte Aus Liebe zu deinem Vater. 690 Nun gedenke des Sinnes, Wie er dir antworten würde, Wenn es naturgemäss wäre, Oder wenn Gott es erlaubte. Ich will die Rede nicht lang machen; 695 Ich spreche für ihn und mit ihm, Vernimm du es mit Aufmerksamkeit: “Ich will dir das, lieber Sohn, Wonach du fragtest, kund tun. Meine Sachen stehen in Unordnung; 700 Von der Strafe Grimmigkeit, Die ich täglich erleiden muss, Kann ich mich nicht loswinden. Ich habe Feuer und Finsternis Zur Rechten und zur Linken, 705 Oben und auch unten. Fände jemand meine Not beschrieben, Er hätte immer davon zu reden. Das, lieber Sohn, habe ich zu beklagen, Doch was bedarfst du langer Rede? 710 Die Ketten der Rache Gottes Halten mich fest gebunden; Ich habe herben Lohn gefunden Für alles, was ich beging Und leider ungebüsst liess. 715 Alles Mass hatte ich vergessen Im Trinken und im Essen, Jetzt werde ich bezwungen Von Durst und von Hunger. Ehemals brannte mein Fleisch 720 Im Schweisse der Liederlichkeit; Nun brennt mich der Fluch Gottes In dem Feuer, das keiner löschen kann. Ich leide Schmerz und Ungemach; Weh, dass ich diese Welt je gesehen! 725 Begehrlichkeit und Hoffahrt, Die beiden haben mir verschlossen Die Tore der inneren Hölle; Da sind die schwarzen Pechwellen Mit den heissen Feuerflammen. 730 Ich höre da Zähneknirschen, Weinen und Jammern, Sehr klägliches Rufen Derer, die keine Hoffnung haben, Dass sie jemals erlöst werden 735 Aus dem Abgrunde. Ach, dass ich je so handelte, Dass ich ihr Genoss werden musste! Gern möchte ich es ewig büssen, Würde die Wohltat mir zu Teil, 740 Dass ich den Teufel nicht ansähe Und sein Antlitz vermiede; Wie sollte mich das erfreuen! Jetzt mach’ ich meine Klage zu spät; Doch rat’ ich dir, mein lieber Sohn, 745 Dass du an mir ein Beispiel nehmest Und der Welt nicht so nachhangest, Dass du meine Not vergessest; Sonst muss es dir wie mir ergehen.”
XIII. THE ARNSTEIN HYMN TO THE VIRGIN
A Marienleich dating from the end of the 12th century, during which the type was much cultivated. The manuscript, from the convent of St. Mary at Arnstein on the Lahn, contains 325 short lines in couplets (beginning and end missing), of which lines 78-261 are given below.
Hätt’ ich tausend Munde, Ich könnte nie berichten 80 In vollem Mass das Wunder, Das von dir geschrieben ist. Alle Zungen vermögen nicht Zu sagen noch zu singen, Fraue, deiner Ehren 85 Noch deines Lobes volles Mass. Der ganze Himmelshof Singet dein Lob: Es preisen dich die Cherubim, Es ehren dich die Seraphim. 90 All das grosse Heer Der heiligen Engel, Die vor Gottes Antlitz Stehen seit dem Anfang, Propheten und Apostel 95 Und alle Gottes Heilige Freun sich immer dein, Königliche Jungfrau. Wohl müssen sie dich ehren: Du bist die Mutter ihres Herrn, 100 Der da Himmel und Erde Im Anfang werden hiess; Der mit einem Worte Die ganze Welt erschuf, Dem alles ist untertan, 105 Dem nichts kann widerstehn, Dem alle Kraft weichet, Dem nichts gleichet, Den ehret und fürchtet All diese Welt. 110 Es wäre mir lang zu sagen, Wie hehr du bist im Himmel: Niemand hat davon Kunde Als die Seligen, die da sind. Des einen bin ich von dir gewiss: 115 Dass, Fraue, du so geehret bist Wegen deiner grossen Güte, Wegen deiner Demut Wegen deiner Reinheit, Wegen deiner grossen Milde. 120 Deshalb ruf’ ich dich an; Fraue, nun erhöre mich; Allerheiligstes Weib, Vernimm mich sündiges Weib! All mein Herze 125 Fleht zu dir ernstlich, Mir gnädig zu sein, Bei deinem Sohne zu helfen, Dass er in seiner Güte Meine Missetaten 130 Vergesse gänzlich Und mir gnädig sei. Leider, meine Schwachheit Hat mich oft verleitet, Dass ich durch meine Schuld 135 Verwirkte seine Huld. Fraue, das macht mir bange; Deswegen fürchte ich, Dass er seine Gnade Von mir kehren werde. 140 Deshalb fleh’ ich zu dir. Nun muss es an dir liegen, Mir, Jungfrau milde, Zu seiner Huld zu helfen. Hilf mir zu wahrer Reue, 145 Dass ich meine Sünden Möge beweinen Mit innigen Tränen. Hilf mir kräftiglich, Dass ich die Höllenstrafe 150 Nimmer erleide; Dass ich auch vermeide Hinfort alle Dinge, Die wider Gottes Huld sind. Und geruhe mich zu stärken 155 In allen guten Werken, Dass ich verbringe mein Leben Wie die heiligen Weiber, Die uns aller Tugenden Ein Vorbild gegeben: 160 Sara, die demütige, Anna, die geduldige, Esther, die milde, Judith, die verständige, Und die andern Frauen, 165 Die in der Furcht Gottes Sich hier so betrugen, Dass sie Gott wohl behagten. Auch ich nach deiner Güte, Nach deiner Demut, 170 Möchte mein Leben gestalten: Dazu hilf mir, heiliges Weib! In deine Hand begebe ich Mich und all mein Leben. Dir überlass’ ich all meine Not, 175 Dass du hilfsbereit seiest, In was für Drangsalen Ich dich immer anrufe. Fraue, deinen Händen Sei mein Ende befohlen! 180 Und geruhe mich zu weisen Und mich zu erlösen Aus der grossen Not, Wenn der leide Tod An mir soll scheiden 185 Den Leib von der Seele. In jener grossen Angst Komm du mir zum Troste! Und hilf, dass meine Seele Werde zu Teile 190 Des lieben Gottes Engeln, Nicht den leiden Teufeln; Dass sie mich dahin bringen, Wo ich soll finden Die ewige Freude, 195 Die im Himmel haben Die hochseligen Gotteskinder, Die dazu erwählt sind; Dass ich dort schaue Unsern lieben Herrn, 200 Unsern Schöpfer, Unsern Heiland, Der uns aus nichts erschuf, Der uns auch kaufte Mit seines Sohnes Blut 205 Von dem ewigen Tode. Wer soll mir dazu helfen, Wer soll mich so läutern, Dass ich es würdig wäre? Das sollst du, Jesus, mein Herr. 210 Gib mir, Herr, deinen Geist, Da du selbst wohl weisst All meine Krankheit Und all meine Unwissenheit; Auf dass ich schauen dürfe 215 Mit meinen Augen Dein unverlöschlich Licht: Das versage du mir nicht! Es ist das ewige Leben, Das ich, armes Weib, 220 Mit deiner Hilfe suche: Das lass mich, Herre, finden! Darum sei mein Bote zu dir Deine eigne Mutter: O, wie selig bin ich dann, 225 Nimmt sie sich meiner an! Maria, Gottes Traute, Maria, Trost der Armen, Maria, stella maris, Zuflucht des Sünders, 230 Burg des Himmels, Born des Paradieses! Der uns die Gnad’ entfloss, Die uns Elenden erschloss Das rechte Vaterland; 235 Nun gib uns, Fraue, deine Hand, Weise uns den Ausweg Aus jener grossen Tiefe: Das ist des Teufels Gewalt. Darein uns hat gebracht 240 Eva, unsere Mutter; Jetzt fliehen wir alle zu dir. Wir weinen und seufzen Zu deinen lieben Füssen. Lass dich nun erbarmen 245 Der Not, die wir Armen In diesem engen Tale Mannigfach erdulden! Stella maris, bist du genannt Nach dem Stern, der an das Land 250 Das müde Schiff geleitet, Wo es die Ruh’ erwartet. Geleite uns an Jesum, Deinen guten Sohn, Der uns begnaden soll. 255 In ihm sollen wir ruhen, Er soll uns erlösen Von allen unsern Nöten, Von allen schweren Sünden: Das sind des Meeres Wellen, 260 Die uns nun, ach, umschwellen. Nun hilf uns, heilige Jungfrau!
XIV. LAMPRECHT’S LAY OF ALEXANDER
A free translation, made about 1130 by a priest living in the Middle Rhine country, of a French poem by Alberic de Besançon. It consists of 7302 verses in short couplets. Except 105 verses at the beginning the French original is lost. It was itself a versification of a highly fabulous old saga current in Latin prose. As the 105 French verses correspond to 192 verses in the German, it is evident that Lamprecht did not follow Alberic slavishly and that he drew in part upon some other source, perhaps the Latin original. The selections below are from a letter which Alexander writes, toward the end of his career, to his mother Olympias and his teacher Aristotle. In this letter he recounts at length (1670 verses) the wonderful things that he has seen.
Lines 4928-5037: Alexander’s army beset by terrible beasts.
Nachdem ich Darius besiegt Und das ganze Land Persien 4930 Und auch das berühmte Indien Mir untertan gemacht, Hob ich mich bald von dannen Mit meinen lieben Mannen Nach Caspen Porten.1 4935 Leid und Furcht wähnte ich Nicht mehr zu erdulden. Wir kamen zu einem Wasser, Da liess ich mein Heer ausruhen; Wir dachten den Durst zu stillen. 4940 Als wir zu dem Wasser kamen Und es in den Mund nahmen, War es bitter wie Galle; Unerquickt blieben wir alle. Nun brachen wir vom Lager auf 4945 Und sahen über ein Feld hin, Wo eine schöne Stadt war, Die war geheissen Barbaras, Eine Meile über das Wasser. Meine Ritter all die Weile 4950 Wollten schwimmen in dem Flusse. Da näherte sich der Schaden: Krokodile kamen, Die meiner Gesellen nahmen Siebenundzwanzig, 4955 Die verloren das Leben; Ich kann es wahrhaftig sagen, Da ich es selbst ansah, Wie sie sie hinunter frassen; Ich musste sie fahren lassen. 4960 Da brach mein Heer auf Nach reiflicher Überlegung Und kam wieder zu dem Wasser, Das früher bitter war; Jetzt war es süss und gut, 4965 Des freute sich unser Mut. Da schlugen wir unsre Zelte Auf dem Felde beim Flusse Und machten ein grosses Feuer. Die Ruhe ward uns sauer, 4970 Denn aus dem Walde kamen Manch fürchterliches Tier Und schreckliches Gewürme. Mit denen mussten wir kämpfen Beinah die ganze Nacht; 4975 Durst hatte sie dahin gebracht, Sie wollten sich im Wasser laben. Skorpionen taten uns viel Schaden, Die waren breit und lang Und hatten fürchterlichen Gang, 4980 Teils rote, teils auch weisse; Sie machten uns grosse Not, Sie erbissen uns manchen Mann. Da kamen auch Löwen, Die waren gross und stark. 4985 Grössere Furcht war nie Unter einem Heere; Den Löwen mussten wir uns wehren. Danach kam zu uns gelaufen Manch furchtbarer Eber, 4990 Grösser noch als die Löwen. Mit den Zähnen hieben sie Alles, was vor ihnen stand; Dass einer von uns am Leben blieb, Dafür Gott habe Dank! 4995 Ihre Zähne waren lang, Eine Klafter oder mehr; Die taten uns viel weh. Da kamen auch manche Elefanten gegangen, 5000 Um vom Fluss zu trinken; Wir litten Ungemach. Auch wurden wir heimgesucht Von masslos langen Schlangen Mit aufgerichteter Brust; 5005 Wir litten grosse Unlust. Es kamen auch Menschen, Die gleich Teufeln waren: Sie waren wie Affen Unter den Augen geschaffen, 5010 Sie hatten sechs Hände, Lang waren ihre Zähne; Hart plagten sie mein Heer. Den Leuten mussten wir uns wehren Mit Speeren und Geschossen; 5015 Sie starben ungesättigt. Unsre Not war mannigfach; Da brannten wir den Wald. Das ward deshalb getan, Dass wir Frieden haben könnten 5020 Vor den schrecklichen Tieren. Nicht lange danach Sah ich das grausamste Tier, Das früher oder später Jemand geschaut hat. 5025 Das sah ich mit meinen Augen; Schrecklicheres Tier gibt es nicht. Es hatte Geweih wie der Hirsch, Mit drei starken Stangen, Die gross und lang waren. 5030 Wär’ ich nicht dabei gewesen, Es hätte das Leben verloren Ein grosser Teil meines Heers. Es waren sechsunddreissig derer, Die es mit den Hörnern erschlug; 5035 Es war fürchterlich genug. Auch sag’ ich euch wahrhaftig, Dass derer fünfzig waren, Die es zertrat mit den Füssen.
Lines 5193-5358: The wonderful girl-flowers
Der edle herrliche Wald War wunderbar schön; 5195 Das nahmen wir alles wahr. Hoch waren die Bäume, Die Zweige dicht und breit; In Wahrheit sei es gesagt, Das war eine grosse Wonne. 5200 Da konnte nie die Sonne Bis auf die Erde scheinen. Ich und die Meinen Liessen unsre Rosse stehen Und gingen stracks in den Wald, 5205 Nach dem wonniglichen Gesang; Die Zeit deuchte uns sehr lang, Bis wir dahin kamen, Wo wir vernahmen, Was das Wunder sein mochte. 5210 Manch schönes Mägdelein Haben wir da gefunden, Die da in diesen Stunden Spielten auf dem grünen Klee. Hunderttausend und mehr, 5215 Spielten sie und sprangen; Ei, wie schön sie sangen! So dass wir, klein und gross, Wegen des süssen Getöses, Das wir im Walde hörten, 5220 Ich und meine Helden kühn, Vergassen unser Herzeleid Und all die grosse Arbeit Und all das Ungemach, Und was uns Schweres geschehen war. 5225 Uns allen deuchte es, Wie es wohl mochte, Dass wir genug hätten Für unser ganzes Leben An Freude und Reichtum. 5230 Da vergass ich Angst und Leid, Ich und mein Gesinde, Und was uns von der Kindheit Je Leides zu teil geworden Bis auf diesen Tag. 5235 Mir deuchte sofort, Ich könnte nie krank werden, Und könnte ich immer da sein, Würde ich ganz genesen Von all der Angst und Not 5240 Und nicht mehr fürchten den Tod. Wollt ihr nun recht verstehen, Wie es war um die Frauen, Woher sie kamen, Und welch Ende sie nahmen, 5245 Das mag euch besonders Zum grossen Wunder gereichen. Als der Winter zu Ende war, Und der Sommer anfing, Und es begann zu grünen, 5250 Und die edlen Blumen Im Walde begannen aufzugehn, Da waren sie sehr lieblich. Hell war ihr Blumenglanz, In Rot und auch in Weiss 5255 Erglänzten sie weithin. Blumen hat es nie gegeben, Die schöner sein könnten. Sie waren, wie uns deuchte, Ganz rund wie ein Ball 5260 Und fest geschlossen überall. Sie waren wunderbar gross; Als die Blume sich oben erschloss, Das merket in eurem Sinne, So waren darinne 5265 Mägdelein ganz vollkommen; Ich sag’ es, wie ich’s vernommen. Sie gingen und lebten Und hatten menschlichen Sinn Und redeten und baten, 5270 Genau als hätten sie Ein Alter von zwölf Jahren. Sie waren, das ist wahr, Schön geschaffen am Leibe; Nie sah ich an einem Weibe 5275 Ein schöneres Antlitz Noch Augen so liebsam. Ihre Hände und ihre Arme Waren glänzend wie Hermelin, Auch ihre Füsse und Beine. 5280 Unter ihnen war keine, Die nicht schöner Hübschheit pflag. Sie waren züchtig heiter Und lachten und waren froh Und sangen auf solche Weise, 5285 Dass niemand früher oder später Eine so süsse Stimme vernahm. Wollt ihr es glauben, So mussten diese Frauen Immer im Schatten sein, 5290 Sonst könnten sie nicht gedeihn; Welche die Sonne beschien, Blieb nicht mehr am Leben. Das Wunder war mannigfach: Als der Wald tönend wurde, 5295 Von den süssen Stimmen, Die darinne sangen, Die Vögel und die Mägdelein, Wie konnt’ es wonniglicher sein, Früh oder spät? 5300 All ihre Leibeskleidung War fest angewachsen An der Haut und am Körper. Ihre Farbe war dieselbe, Die die Blumen hatte, 5305 Rot und auch weiss wie Schnee. Als wir sie zu uns kommen sahen, Zog uns der Leib zu ihnen. Solch begehrenswerte Weiber Sind der Welt unbekannt. 5310 Nach meinem Heere schickte ich sofort. Als sie zu mir kamen Und auch vernahmen Die herrlichen Stimmen, Da gingen sie verständnisvoll 5315 Und schlugen ihre Zelte Im Walde, nicht auf dem Felde. Da lagen wir nun im Schalle Und freuten uns alle Der seltsamen Bräute. 5320 Ich und meine Leute, Wir wollten da bleiben. Wir nahmen sie zu Frauen Und hatten mehr Wonne Als wir je gewonnen 5325 Seit unserer Geburt. Weh, dass wir sobald verloren Das grosse Vergnügen! Dies Wunder sah ich alles Selbst mit meinen Augen; 5330 Das möget ihr glauben. Dies währte, wie ich euch sage, Drei Monate und zwölf Tage, Dass ich und meine Helden kühn In dem grünen Walde waren 5335 Und auf den schönen Auen Bei den lieben Frauen Und Wonne mit ihnen hatten Und mit Freude lebten. Dann geschah uns grosses Leid, 5340 Das ich nicht genug beklagen kann. Als die Zeit zu Ende ging, Da war unsere Freude vorüber, Die Blumen verwelkten Und die schönen Frauen starben; 5345 Die Bäume verloren ihr Laub, Die Brunnen flossen nicht mehr, Die Vögel hörten auf zu singen. Dann begann Unfreude Mein Herz zu bedrücken 5350 Mit mannigfachem Schmerze. Furchtbar war das Ungemach, Das ich alle Tage sah An den schönen Frauen. O weh, wie bereute ich sie, 5355 Als ich sie sterben sah Und die Blumen verblühen! Da schied ich traurig von dannen Mit allen meinen Mannen.
XV. KONRAD’S LAY OF ROLAND
A translation, made about 1130 in the dialect of the Rhenish Franks, of the famous Chanson de Roland. It consists of 9094 verses. The author, who calls himself ‘der Pfaffe Kuonrat,’ says that he translated first into Latin, then into German, adding nothing and omitting nothing; but a comparison with the French text as known to us shows many additions, many omissions and a somewhat different spirit. Kaiser Karl and his men fight for the cross, for the glory of Christian martyrdom, not for ‘sweet France.’ —The situation at the beginning of the poem is this: The Christians have conquered all Spain except Saragossa, whose king, Marsilie, sends envoys to make a treacherous proposal of surrender; the object being to induce the emperor to withdraw the greater part of his army.
Lines 675-708: Kaiser Karl.
675 Die Boten traten vor, Sehr oft fielen sie nieder, In seidenem Gewande, Mit Palmen in der Hand. Immer wieder aufs neue 680 Fielen sie zur Erde nieder. Sie fanden den Kaiser fürwahr Über dem Schachbrette. Sein Antlitz war wonniglich. Es gefiel den Boten sehr, 685 Dass sie ihn sehen durften. Es glänzten ja seine Augen Wie der Morgenstern. Man erkannte ihn von weitem, Niemand brauchte zu fragen, 690 Welcher der Kaiser wäre; Keiner war ihm ähnlich. Sein Antlitz war herrlich. Mit ganz geöffneten Augen Konnten sie ihn nicht ansehn: 695 Der Glanz blendete sie Wie die Sonne zu Mittag. Den Feinden war er schrecklich, Den Armen war er vertraut, Im Unglück war er gnädig, 700 Gott gegenüber war er treu. Er war ein gerechter Richter, Er lehrte uns die Gesetze, Ein Engel schrieb sie ihm vor; Er verstand alle Rechte, 705 Im Kampf ein guter Knecht, In aller Tugend ausgezeichnet. Freigebigerer Herr ward nie geboren.
Lines 2018-2110: The traitor Genelun delivers Karl’s message to Marsilie, the Saracen king.
Der Bote sprach zu Marsilie: “Der König aller Himmel, 2020 Der uns von der Hölle erlöste Und die Seinen tröstete, Der gebe dir Gnade, Dass du seinen Frieden habest, Und rette dich vom ewigen Tode. 2025 Der König von Rom entbietet dir, Dass du Gott ehrest, Dich zum Christentum bekehrest, Dich taufen lassest, An Einen Gott glaubest; 2030 Davon will er Gewissheit haben. Er lässt dir wahrlich sagen: Empfängst du das Christengesetz, Soll dein Land in Frieden bleiben. Er belehnt dich mit halb Spanien, 2035 Den andern Teil soll Roland haben; Und wirst du sein Mann, So behältst du grosse Ehre. Der Kaiser entbietet dir ferner: Greifst du etwa zur Gegenwehr, 2040 Sucht er dich mit einem Heere auf; Er zerstört alle deine Häuser Und vertreibt dich daraus. Weder auf Erden noch auf dem Meere Magst du dich seiner erwehren. 2045 Er lässt dich fangen, Auf einem Esel führen Vor seinen Thron zu Achen; Da nimmt er Rache an dir: Er lässt dir das Haupt abschlagen. 2050 Das soll ich dir vom Kaiser sagen.” Marsilie blickte umher, Er wurde sehr bleich, Er hatte ängstliche Gedanken, Er konnte kaum sitzen auf der Bank, 2055 Es ward ihm kalt und heiss, Hart plagte ihn der Schweiss, Er schüttelte den Kopf, Er sprang hin und her. Seinen Stab ergriff er, 2060 Mit Zorn hob er ihn empor, Nach Genelun schlug er. Genelun mit List Wich dem Schlage aus. Er trat vor dem König zurück, 2065 Das Schwert ergriff er, Er blickte auf ihn zurück, Er sagte zu dem Könige: “Du übst also Gewalt.” Halb zog er das Schwert, 2070 Er sprach: “Karl, meinem Herrn, Diente ich immer mit Ehren. In harten Volkskämpfen Erwirkte ich mit dem Schwert, Dass ich nie beschimpft ward. 2075 Ich brachte dich mit Ehren hierher, Ich habe dich lange geführt. Noch niemals bin ich gefangen. Und vollbringst du den Schlag, So ist es dein letzter Tag; 2080 Oder aber ich sende zum Tode Irgend welchen Heiden, Dessen Verlust du nie verschmerzest. Ich wähne, du tobst oder rasest. Jetzt muss ich bereuen, 2085 Dass ich deinen Ungetreuen Jemals folgte diesen Weg. Man hat mich im Stich gelassen, Ich stehe nun ganz allein. Was ist aus den Eiden geworden, 2090 Die sie mir schworen, Als wir fortkamen?” Die Fürsten sprangen auf, Sie drangen dazwischen, Sie verwiesen es dem König. 2095 Sie sagten: “Herr, du tust übel, Den Kaiser so zu beschimpfen. Wenn du zu ihm sendest, Wird deine Botschaft Ruhmvoll zu Ende geführt. 2100 Sie sprechen uns Treue ab; Nun müssen wir bereuen, Dass Friede je gemacht ward. Du liessest ja seine Mannen köpfen. Nun gebiete deinem Zorn! 2105 Wir wollen gern vermitteln, Und das noch mehr, O Herr, wegen deiner Ehre Als um seinetwillen. Stille nun deinen Unmut!”
Lines 3394-3488: The preparations for the battle. (Deceived by Genelun, Kaiser Karl has returned to Germany, leaving Roland with a small force in Spain.)
Als die Helden vernahmen, 3395 Dass die Heiden sich sammelten, Baten sie ihre Priester Sich fertig zu machen; Diese griffen ihr Amt an. Den Leib Gottes empfingen sie, 3400 Sie fielen zum Gebet nieder, Sie riefen zum Himmel Viele Stunden hindurch. Sie beschworen Gott bei den Wunden, Wodurch er die Seinen erlöste, 3405 Dass er sie tröste, Dass er ihnen ihre Sünden vergebe Und selbst ihr Zeuge sei. Mit Beichte machten sie sich fertig, Zum Tode rüsteten sie sich, 3410 Und waren jedoch gute Knechte, Zum Märtyrtum bereit Um ihrer Seelen willen. Sie waren Gottes Degen, Nicht wollten sie entfliehen, 3415 Sie wollten wieder gewinnen Unsere alte Erbschaft. Danach strebten die Helden, Ja führten die edlen Herren Ein christliches Leben. 3420 Alle hatten Eine Gesinnung, Ihre Herzen waren mit Gott. Sie hatten Zucht und Scham, Reinheit und Gehorsam, Geduld und Minne; 3425 Sie brannten wahrlich im Innern Nach der Süsse Gottes. Sie sollen uns helfen, Dieses arme Leben zu vergessen; Denn jetzt besitzen sie Gottes Reich. 3430 Als die Degen Gottes Mit Psalmen und Segen, Mit Beichte und Glaube, Mit tränenden Augen, Mit grosser Demut, 3435 Mit mancherlei Gutem, Sich zu Gott gewendet, Ihre Seelen gelabt Mit Himmelsbrote, Mit dem Blute des Herrn, 3440 Zum ewigen Leben, Da waffneten sie sich; Gott lobten sie jetzt, Sie waren allesamt froh, Wie zu einem Brautlauf. 3445 Sie heissen alle Gottes Kinder, Die Welt verschmähten sie, Sie brachten das reine Opfer. Mit dem Kreuze geschmückt Eilten sie gern zum Tode; 3450 Sie kauften das Reich Gottes. Sie waren einander treu; Was dem einen deuchte gut, Das war die Meinung aller. David der Psalmist 3455 Hat von ihnen geschrieben, Wie Gott, mein Herr, die belohnt, Die brüderlich zusammenhalten. Er gibt ihnen selbst seinen Segen; Sie sollen immer fröhlich leben. 3460 Eine Zuversicht und Eine Minne, Ein Glaube und Eine Hoffnung, Eine Treue war in ihnen allen. Keiner liess den andern im Stiche, Für alle war Eine Wahrheit; 3465 Des freut sich die Christenheit. Die verbrecherischen Heiden, Die Gott nicht fürchteten, Hoben ihre Abgötter empor, Mit grosser Hochfahrt kamen sie, 3470 Sie fielen vor Mahmet nieder; Es war ihr ganzes Gebet, Dass er ihnen erlaube, Roland zu enthaupten, Und, wenn sie ihn erschlagen, 3475 Sein Haupt vor sich zu tragen. Sie versprachen ihn zu ehren, Sein Lob immer zu mehren Mit Tanz und Saitenspiel; Des Übermuts war da viel. 3480 Sie vertrauten ihrer Kraft, Sie wussten nicht recht, Dass wer gegen Gott strebt, Der ohne Gott lebt. Sie verschmähten ihren Schöpfer, 3485 Unsern wahren Heiland, Den obersten Priester, Der keinen ohne Trost lässt, Wenn er mit Demut Suchet das Gute.
Lines 6053-6113: Having fought a great fight and slain many heathen, Roland and his men are about to be overwhelmed by numbers; in desperate straits he blows his horn, and it is heard by the far-away emperor.
Roland fasste mit beiden Händen Den guten Olivant 6055 Und setzte ihn an den Mund. Er begann zu blasen; Der Schall ward so gross, Es lärmte so unter den Heiden, Dass keiner den andern hören konnte. 6060 Sie verstopften selbst die Ohren. Die Hirnschale barst ihm, Dem guten Weigande; Alles änderte sich an ihm, Er konnte kaum noch sitzen, 6065 Sein Herz zerbrach innen. Seine bekannte Stimme Vernahmen sie allesamt, Der Schall flog ins Land. Bald kam zu Hof das Märe, 6070 Dass des Kaisers Bläser Bliesen alle zugleich. Dann wusste man wahrlich, Dass die Helden in Not waren. Da gab es ein grosses Jammern. 6075 Der Kaiser schwitzte vor Angst, Er verlor zum Teil die Fassung, Er ward sehr ungeduldig. Das Haar riss er von der Haut; Da machte starke Vorstellungen 6080 Genelun der Verräter; Er sprach: “Dieses Ungestüm Geziemt nicht einem König. Du beträgst dich ungebührlich. Was hast du dir vorzuwerfen? 6085 Den Roland, wie er im Grase schlief. Hat wohl eine Bremse gebissen, Oder er jagt wohl einen Hasen; Dass das Blasen eines Hornes Dich so ausser Fassung bringt!” 6090 Der Kaiser sprach zu ihm: “Weh dass ich dich je gesehen, Oder Kenntnis von dir gewonnen! Das beklage ich immer vor Gott. Von dir allein 6095 Muss Frankreich immer weinen. Wegen des grossen Schatzes, Den Marsilie dir gab, Hast du den Mord vollbracht. Ich räche ihn, wenn ich’s vermag. 6100 Was trieb dich dazu?” Auf sprang der Herzog Naimes, Er sprach: “Du Teufels Mann, Du hast schlimmer als Judas getan, Der unsern Herrn verriet. 6105 Nie verwindest du diesen Tag. Dies hast du gebraut, Du sollst es wahrlich trinken.” Er hätte ihn gern erschlagen, Der Kaiser hiess ihn abstehen; 6110 Er sprach: “Eine andre sei seine Strafe. Ich will hernach über ihn richten; Und wenn das Urteil ergeht, Er stirbt wohl einen schlimmeren Tod.”
XVI. KING ROTHER
A poem of 5302 verses, written about 1150 in a mixture of Middle Frankish and Bavarian. It belongs to the order of Spielmannspoesie, or secular minstrelsy; but the author makes frequent reference to what ‘the books’ say, and evidently meant his work to be read. (The earlier gleemen, so far as known, could not read or write, got their material from oral tradition and composed their poems to be sung or recited to musical accompaniment.) Rother is a king of Italy who sends twelve envoys to Constantinople to win for him the hand of the emperor’s daughter. She favors her unknown suitor, but the irate Constantine throws the envoys into a dungeon. Rother takes the name of Dietrich and sails with many retainers to liberate them. By a waiting-maid he presents the princess with a gold and a silver shoe, both made for the same foot, and retains the mates. The princess, already interested in the distinguished stranger, sends for him to put on the impossible shoes.
Lines 2177-2315: Rother, called Dietrich, woos the willing princess.
Am Fenster stand die Prinzessin, Bald kam der junge Held Über den Hof gegangen. 2180 Da ward er wohl empfangen Von zweien Rittern ehrlich. Dann ging der Recke Dietrich, Wo die Kemenate offen stand; Darein ging der wohlgestalte Held. 2185 Den hiess die junge Prinzessin Selber wilkommen sein Und sagte, was er da bitte, Das würde sie gerne tun Nach ihrer beider Ehre. 2190 “Ich habe dich gern, o Herr, Wegen deiner Tüchtigkeit gesehn; Aus anderm Grund ist’s nicht geschehn. Diese niedlichen Schuhe, Die sollst du mir anziehen.” 2195 “Sehr gerne,” sprach Dietrich, “Da du es von mir verlangst.” Der Herr setzte sich ihr zu Füssen, Sehr schön war sein Gebaren. Auf sein Bein setzte sie den Fuss, 2200 Nie wurde Frau besser geschuht. Da sprach der listige Mann: “Nun sage mir, schöne Herrin, Bescheid auf deine Treue, Wie du eine Christin bist,— 2205 Es warb um dich mancher Mann,— Hing’ es von deinem Willen ab, Welcher unter ihnen allen Hat dir am besten gefallen?” “Das sag’ ich dir,” sprach die Dame, 2210 “In allem Ernst und in Treue, O Herr, auf meiner Seele, Wie ich getaufte Christin bin: Kämen aus allen Landen Die teuren Weigande 2215 Mit einander zusammen, Da wäre kein Mann darunter, Der dein Genoss sein könnte. Das nehm’ ich auf meine Treue, Dass nie eine Mutter gebar 2220 Ein Kind so liebenswürdig, Dass es mit Fug, Dietrich, Neben dir stehen könnte. Du bist ein ausgezeichneter Mann. Sollte ich aber die Wahl haben, 2225 Nähme ich den Helden gut und kühn, Dessen Boten her ins Land kamen Und jetzt wahrlich liegen In meines Vaters Kerker. Er heisst mit Namen Rother 2230 Und sitzt im Westen übers Meer. Ich will immer Magd bleiben, Bekomm’ ich nicht den Helden schön.” Als Dietrich das vernahm, Da sprach der listige Mann: 2235 “Willst du Rother minnen, Den will ich dir bald bringen. Es lebt keiner auf Erden, Der mir mehr Gutes getan hätte; Des soll er noch geniessen. 2240 Ehe ihn der Hochmut meisterte, Half er mir oft in der Not; Wir genossen fröhlich das Land Und lebten glücklich zusammen. Der gute Held war mir stets gnädig, 2245 Wie wohl er mich jetzt vertrieben.” “In Treue,” sprach die Prinzessin, “Ich verstehe deine Rede; Ist der Rother dir so lieb, Hat er dich nicht vertrieben. 2250 Von wannen du fährst, kühner Held, Bist du als Bote her gesandt. Dir sind des Königs Mannen lieb. Nun verhehle es mit Worten nicht; Was mir heute gesagt wird, 2255 Das wird immer wohl verschwiegen Bis an den jüngsten Tag.” Der Herr sprach zu der Dame: “Jetzt überlass’ ich meine Sache Der Gnade Gottes und der deinen; 2260 Es stehen ja deine Füsse In König Rothers Schosse.” Die Dame erschrak sehr; Sie zog den Fuss weg Und sprach zu Dietrich 2265 Sehr bescheidentlich: “Nie ward ich so ungezogen; Mein Übermut hat mich betrogen, Dass ich meinen Fuss Setzte auf deinen Schoss. 2270 Und bist du der grosse Rother, Kannst du, König, nimmermehr Einen besseren Ruhm gewinnen. Der ausserordentlichen Dinge Bist du ein listiger Meister. 2275 Welches Geschlechts du auch seist, Mein Herz war unglücklich; Und hätte dich Gott hergesandt, Das wäre mir inniglich lieb. Ich mag doch nicht glauben, 2280 Dass du mir Unwahres sprichst. Und wär’s dann aller Welt leid, Ich räumte sicherlich Zusammen mit dir das Reich. So bleibt es aber ungetan. 2285 Doch lebt kein Mann so schön, Den ich vorziehen würde, Wärest du der König Rother.” Darauf sprach Dietrich (Sein Sinn war sehr listig): 2290 “Nun hab’ ich keine Freunde Als die armen Herren, Die in dem Kerker sind. Könnten mich diese sehen, Hättest du an ihnen den Beweis, 2295 Dass ich dir Wahres gesprochen.” “In Treue,” sprach die Prinzessin, “Dir werd’ ich beim Vater mein Irgendwie erwirken, Dass ich sie herauskriege. 2300 Aber er wird sie keinem geben, Er hafte denn mit seinem Leben, Dass niemand entkomme, Bis alle zurückgebracht In den Kerker würden, 2305 Wo sie in der Not waren.” Drauf antwortete Dietrich: “Ich will es auf mich nehmen Vor Constantin, dem reichen, Und morgen sicherlich 2310 Werde ich zu Hofe gehn.” Die Jungfrau so schön Küsste den Herrn. Da schied er mit Ehren Aus der Kemenate.
Lines 2819-2942: Having become friendly with Constantine and won for him a great battle against the heathen invader Ymelot, Rother perpetrates a hoax.
Dietrich der Weigand 2820 Nahm Ymelot bei der Hand, Führte ihn zu Constantin, Und übergab ihn diesem. Dann sprach der listige Mann: “Wir sollten einen Boten haben, 2825 Der den Frauen sagte, Was wir hier vollbracht.” “In Treue,” sprach Constantin, “Der Bote sollst du selbst sein Um meiner Tochter willen; 2830 Und sage du der Königin Und den Frauen allesamt, Dass wir nach Hause reiten Mit sehr fröhlichen Herzen. Einen Teil deines Volkes 2835 Lass du mit mir bleiben.” Da sprach der listige Mann, Dass er gerne täte, Was der König verlange. Dietrich ging von dannen 2840 Mit seinen Heimatsmannen, Die andern schickte er zum König; Der bat sie grossen Dank haben. Zu sich nahm er seine Leute, Die übers Meer mitgefahren, 2845 Und erklärte den Kühnen, Was er beabsichtige; Die teuren Weigande Wollten gern nach Hause. Dietrich fuhr von dannen. 2850 Ein Märchen, das war herrlich, Brachte er zu Constantinopel, Der berühmten Burg: Er sagte, er sei entflohen Mit allen seinen Mannen. 2855 Da weinte die Frau Königin: “Ach weh, wo ist Constantin Und die Weigande Aus manchem Lande? Dietrich, lieber Herr, 2860 Sollen wir sie wiedersehen?” “Nimmermehr, das weiss Gott! Erschlagen hat sie Ymelot Und reitet her mit Heereskraft; Er will die Stadt zerstören, 2865 Ich kann mich ihm nicht wehren Und muss fliehen übers Meer. Die Weiber und die Kinder, So viel ihrer in der Burg sind, Denen wird zuteil der Tod: 2870 Es erschlägt sie Ymelot.” Da nahm Constantins Weib Ihre Tochter, die herrliche, Und sie baten Dietrich Beide sehr ernsthaft, 2875 Sie von den Heiden zu retten, Die mit einem Heere kämen. Da hiess der listige Mann Die schönen Zelter Der Königin fortziehen; 2880 Er führte sie zu den Schiffen. Da gab es, könnt ihr glauben, Von manchen schönen Frauen Weinen und Händeringen; Sie konnten sich nicht fassen. 2885 Es kam eine grosse Gesellschaft Zu Dietrich aus der Stadt. Sie wollten alle aufs Meer, Um sich vor Ymelot zu retten. Da tröstete sie der schlaue Mann; 2890 Er hatte es aus List getan. Dietrich hiess seine Mannen Sofort in die Schiffe gehen. Asprian, der gute Held, Trug den Kammerschatz darein, 2895 Sie eilten alle aufs Meer. Da hiess König Rother Die Mutter am Gestade bleiben, Die Tochter in ein Schiff gehn. Es gab ein grosses Weinen. 2900 Sie sprach: “Ach, Herr Dietrich, Wem willst du, tugendhafter Mann, Uns armen Weiber überlassen?” So sprach die gute Königin: “Nun nimm mich mit ins Schiff 2905 Zu meiner schönen Tochter.” Da sprach der listige Mann: “Ihr sollt Euch wohl gehaben; Constantin ist nicht geschlagen, Ymelot haben wir gefangen, 2910 Constantin ist’s wohl ergangen. Er reitet hierher ins Land Mit guten Nachrichten; Er kommt über drei Tage. Ihr könnt ihm wahrlich sagen, 2915 Seine Tochter sei mit Rother Westwärts gefahren übers Meer. Nun befehlt mir, herrliche Frau; Ich heisse ja nicht Dietrich.” “Wohl mir,” sprach die Königin, 2920 “Dass ich je ins Leben trat. Nun lasse Gott, der gute, In seiner grossen Gnade, Dich meine Tochter schön Recht lang in Freude haben! 2925 Es ist wahr, teurer Degen, Sie wäre dir leichter gegeben, Als du sie gewonnen hast, Hätte es in meinem Willen gestanden. Wie Constantin das Leben 2930 Des jungen Weibes quälte, Das ist mir das mindeste, Da du nun Rother bist. Nun fahre, teurer Degen, Und Sankt Gilge segne dich!” 2935 Da sprach das schöne Mägdlein: “Gehabt Euch wohl, Mutter mein!” Die Frauen so liebsam Gingen lachend von dannen Zu Constantins Saal 2940 Und gönnten es dem Rother wohl, Dass Gott ihn bringe Mit Ehren ins Heimatland.
XVII. DUKE ERNST
Another example of the secular minstrelsy brought into vogue by the crusading spirit. The poem originated in the 12th century, but the only complete versions known to us are of the 13th. It contains 6022 verses in the dialect of the Middle or Lower Rhine. The saga is of unusual psychological interest. Ernst is a brave and upright Bavarian whom a base calumny deprives of the favor of the emperor Otto. For a while he maintains himself in a bitter feud with the empire, but finally gives up the hopeless fight and sets out, with a few loyal followers, for Jerusalem. In the Orient he has many wonderful adventures, one of which is related below, and so deports himself that on his return the emperor receives him back into favor.
Lines 3915-4199: The magnetic rock in the Curdled Sea.
3915 Die Helden weilten da nicht mehr, Sie fuhren auf der wilden See Mit fröhlichem Gemüte. Jetzt meinten die guten Helden, Es müsse ihnen wohl gehen. 3920 Da stieg nun ein Schiffsmann Zu oberst auf den Mastbaum; Die Meeresströmung trieb sie Schnell nach jenem Hafen zu. Und nun erschrak er sehr darüber, 3925 Als er den Berg erkannte; Es ward ihm leid und bange. Hinunter in das Schiff Rief er also zu den Recken: “Ihr Helden so schmuck, 3930 Nun wendet euch geschwind Hin zu dem ewigen Wesen! Es kostet uns das Leben, Bleiben wir hier stecken. Der Berg, den wir gesehen, 3935 Der liegt auf dem Lebermeer!1 Es sei denn, dass Gott uns rettet, Wir sterben hier allzusammen. Wir fahren gegen den Stein zu, Von dem ihr mich reden hörtet. 3940 Jetzt sollt ihr euch hinkehren Zu Gott in wahrer Reue Und aus dem Herzen tilgen, Was ihr wider ihn getan. Ich will euch, Helden, wissen lassen 3945 Von der Kraft des Felsen Und von der Herrschaft, Die er in seiner Art hat: Treibt ein Schiff ihm entgegen Innerhalb dreissig Meilen, 3950 So hat er in kurzer Zeit Es an sich gezogen; Das ist wahr und nicht erlogen. Haben sie irgendwelches Eisen, Das darf niemand weisen; 3955 Sie müssen gegen ihren Willen dran. Wo ihr die Schiffe liegen seht, Vor dem dunkeln Berge dort Gleich an des Steines Kante, Da müssen wir auch sterben 3960 Und vor Hunger verenden— Es ist nicht abzuwenden,— Wie alle anderen getan haben, Die hierher segelten. Nun bittet Gott, dass er 3965 Uns helfe und gnädig sei. Wir sind nahe dem Felsen.” Als der Herzog das vernahm, Sprach der Fürst lobesam Zu den Herren sonderlich: 3970 “Jetzt sollt ihr inniglich, Meine lieben Notgesellen, Zu unserm Herrn flehen, Dass er uns gnädiglich In sein Reich empfange 3975 Wir gehn an diesem Stein zugrunde. Nun lobt ihn allzusammen Mit Herzen und mit Zungen. Es ist uns wohl gelungen, Sterben wir auf dieser wilden See: 3980 Wir sind geborgen auf immerdar Bei Gott in seinem Reich. Nun freut euch allzugleich, Dass wir ihm so nah gekommen.” Als sie das vernahmen, 3985 Behielten sie es im Herzen. Nun taten die guten Helden, Wie der Fürst ihnen geraten: Ordneten ihre Sachen schnell, Gaben alles Gott anheim, 3990 Und beherzigten sein Gebot Mit Beichte und mit Busse Mit sehr grossem Eifer, Wie man Gott gegenüber sollte. Also machten sie sich bereit. 3995 Als die unglücklichen Männer Ihre Gebete verrichteten Und ihre Sachen ordneten, Gab es ein jämmerlich Rufen, Das sie zu Gott erhoben. 4000 Ihren Schöpfer sie baten, Dass er ihre Seelen bewahre. Jetzt waren die Helden gefahren So nahe dem Felsen, Dass sie deutlich sehen konnten 4005 Die Schiffe mit hohen Masten. Der Fels zog die Helden So geschwinde zu sich, Seine Kraft brachte das Schiff So kräftiglich heran, 4010 Dass die andern Schiffe Diesem entweichen mussten. Es kam so gewaltsam Dem Steine zugefahren, Dass die Schiffe allesamt 4015 Auf einander stiessen. Auch gaben die Mastbäume Sich manchen harten Stoss. Die Stösse waren so stark, Dass manches Schiff zerbrach. 4020 So ward mancher Gast empfangen, Der seitdem verendete Und niemals wiederkehrte. Es ist auch wirklich ein Wunder, Dass diese nicht erschlagen wurden 4025 Durch die hohen Mastbäume, Die, alt und morsch geworden, Von andern Schiffen fielen Auf ihr Schiff mit Gewalt. Als diese herabstürzten, 4030 Konnte nichts mehr bestehn, Was um das Schiff lag. Dass das Schiff sich erhielt, War ein grosses Wunder; Es musste alles und jedes 4035 Fallen in das Meer. Der Herzog und seine Männer Mussten unerhörte Not leiden, Da sie einen schrecklichen Tod Öfters vor sich sahen. 4040 Doch kamen die kühnen Männer Mit dem Leben davon; Gottes Hilfe erschien ihnen. Als das Schiff stehen blieb, Taten sie, wie Leute noch tun, 4045 Die lange in einer Stätte gelegen Und etwas Neues sehen mögen: Die zieren Helden sprangen Schnell aus dem Schiffe Und gingen allesamt, 4050 Um das mannigfache Wunder In den Schiffen zu besehen. Sie standen dicht wie ein Wald Um den Berg auf dem Meer. Weder früher noch später 4055 Sah jemand so grossen Reichtum, Als die mutigen Helden In den Schiffen fanden, So dass sie in langen Stunden Ihn nicht überschauen konnten. 4060 Sie sahen den grössten Schatz, Den jemand haben könnte. Nie hat der weise Mann gelebt Der ihn je in Acht nehmen Oder vollauf beschreiben könnte. 4065 Silber, Gold und Edelsteine, Purpur, Sammet, glänzende Seide, Lag dort so mannigfaltig, Dass niemand es beachten könnte. Als sie das Wunder beschaut, 4070 Begannen sie weiter zu gehen. Der Herzog und seine Männer Stiegen auf den Felsen, Ob sie irgendwo Land sähen. Kein Auge konnte erspähen, 4075 Dass sie zu Lande kämen; Das war den Recken leid. Der Berg lag im weiten Meer; Da mussten die Helden hilflos Höchst jämmerlich ersterben 4080 Und am Hunger zugrunde gehen; Den Recken war schwer zu Mute. Da mussten die Helden Vor dem Steine Angst erleiden. Sie sagten allesamt, 4085 Sie würden es gütlich erdulden, Da ihnen der mächtige Gott Das harte Geschick verhängt, Wie auch den andern allen, Die vor ihnen gekommen waren 4090 Und das Leben verloren hatten. Da sie die Not nicht meiden wollten, Würden sie gerne den Tod Um seine Huld erleiden, Und würden die grosse Not 4095 Als Sündenbusse betrachten. Der Herzog und seine Männer Hatten Trost beim Kinde der Maid. Nun schwebte das Gesinde So lange Zeit auf dem Meer, 4100 Dass früher oder später im Leben Sie nie solches Weh ertrugen, Da es ihnen an Speise gebrach Und an der guten Nahrung, Die sie mitgebracht hatten 4105 Von dem Lande Grippia, Woselbst die Weigande Dieselbe tapfer erworben. Am Hunger starben sie, Die auf dem Schiffe waren, 4110 So dass keiner am Leben blieb Von der ganzen Mannschaft Ausser dem Herzog allein Und sieben Mann mit ihm. Die andern trug ein Greif fort, 4115 Wie sie nacheinander starben. Die Lebenden handelten so: Wen jeweilig der Tod nahm, Den trugen die Helden lobesam Bald aus dem Schiffsraume; 4120 Ihn legten die zieren Degen Oben aufs Verdeck. Das habt ihr nun öfters Als Wahrheit sagen hören: Die Greife kamen geflogen 4125 Und trugen sie ins Nest. Auf diese Weise ward zuletzt Dem Herzog und seinen Männern Von den Greifen geholfen; Also retteten sie sich. 4130 Die andern wurden zu Aase Den Greifen und ihren Jungen. Diesen war es schon gelungen, Menschen in grosser Anzahl Von dannen in ihre Neste 4135 Nach Gewohnheit zu tragen; Davon die mutigen Helden, Der Herzog und seine Mannen, Wieder ans Land kamen. Der Fürst litt Ungemach, 4140 Als er seine Gefährten sah Vor Hunger verbleichen Und so jämmerlich sterben, Und er ihnen nicht helfen konnte. Darum musst’ er manche Stunde 4145 Erleiden Jammersnot, Indem sie der Tod Vor seinen Augen hinwegnahm, Bis der Recke lobesam Nur sieben Mann übrig hatte. 4150 Auch diese behielten das Leben Kaum vor Hungersnot: Sie hatten nur ein halbes Brot, Das teilten die Helden unter sich. Es war jämmerlich genug, 4155 Da sie nichts mehr hatten. Da ergaben sie sich dem Herrn, Mit Leib und Seele Gottes Händen; Dann fielen die tapfern Helden Zum Gebet nieder und baten 4160 Vor allem inniglich den Herrn, Dass er ihnen gnädig sei Und helfe aus der grossen Not; Sie fürchteten sehr den Tod. Als diese Unglücklichen 4165 Ihr Gebet verrichtet hatten, Was später ihnen zu statten kam, Sprach der Graf Wetzel also: “Ich habe in diesen Stunden Uns eine List erfunden, 4170 Wie sie nicht besser sein könnte. Sollen wir je gerettet werden, Muss es gewiss davon kommen, Dass wir suchen und spähen Und gar nicht aufhören. 4175 Bis wir in den Schiffen finden Irgendwelche Art Häute; Dann schlüpfen wir armen Leute In unsre gute Rüstung. Hat man uns dann eingenäht 4180 In die Häute,” sprach der Degen, “So wollen wir uns legen Oben auf das Schiffsverdeck. So nehmen uns da die Greife Und tragen uns von dannen. 4185 Sie können uns nichts anhaben, Die Greife, wegen der Rüstung, Die uns oft beschirmt hat; Die mag uns noch einmal helfen. Und haben wir uns versichert, 4190 Dass die alten auf Beute fort sind, So schneiden wir uns aus Und steigen zur Erde nieder. Soll es aber anders werden, Will es Gott, dass wir nicht entkommen, 4195 So mag es uns doch lieber sein, Dass wir dort redlich tot liegen, Als dass wir hier diese starke Not So jämmerlich erleiden.”