Zehntes Kapitel. Ein Ton.
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Ich hab' eine Mutter und hab' sie nicht! — An ihr Festgewand, an ihr schimmernd' Geschmeid Denkt sie zu aller Stunde und Zeit; An ihres Haares seidene Pracht, An ihrer Augen leuchtende Nacht, An die roten Rosen an ihrer Brust, An Erdenliebe und Erdenlust, An Glück und Liebe und Sonnenschein, An tausend lachende Melodei'n, An alles, was einst in Scherben bricht! — Ob ihres Kindes verlassene Seele Den Durst gestillt an lebendiger Quelle, Danach fragt sie nicht!
Ein weicher linder Tag war's, einer von jenen neuen Frühlingsboten, die alles versprechen und nichts halten. Um die Dächer flog der Tauwind, sein Lenzlied singend, und der Tropfenfall unten auf den Steinen schlug den Takt dazu. Aber in der südlich milden Luft lag's wie ein Traum von Veilchenduft und Zentifolienblüte, wie eine große Sehnsucht nach der bräutlichen Pracht weißer Narzissen. In den Blumenhallen standen sie in dichten Sträußen, auf dem Potsdamer Platz, an den Straßenecken lockten sie die Vorübergehenden. Schon küßte die Sonne drüben im Tiergarten ihre Schwestern wach. Von jeher hatte sich der Frühling beeilt, nach Berlin zu kommen. — —
Aus den offenen Fenstern eines hellen Gartenzimmers in der Dorotheenstraße klang eine Frauenstimme. Wie ein Trauerschleier lag's über dem Liede, über dem weichen vollen Alt. Ein seltsames Lied war's, auf einen einzigen Ton gestimmt. Aber die Klänge eines edlen Instruments gaben dem wunderbaren Sang ihr vielstimmiges Geleit, wie ein Kirchenchor der Stimme eines Engels. Es war das Lied des Meisters Peter Cornelius aus seinem ergreifenden Werk ›Trauer und Trost‹: ein Ton.
Zart wie ein Hauch schwebte es durch den stillen Raum in den lachenden Vorfrühling hinaus, ein Allerseelenlied, von Tränen betaut, von Ewigkeitshoffnung getragen:
›Mir klingt ein Ton so wunderbar, In Herz und Sinnen immerdar. Ist es der Hauch, der dir entschwebt, Als einmal noch dein Mund gebebt? Ist es des Glöckleins trüber Klang, Der dir gefolgt den Weg entlang? Mir klingt der Ton so voll und rein, Als schlöß er deine Seele ein. — Als stiegest liebend nieder du Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹
Der letzte Ton war verklungen. Sinnend blickte ein dunkeläugiges Mädchen auf die Noten. Die schlanken schmalen Hände ruhten auf den Tasten.
›Als stiegest liebend nieder du Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹[2]
flüsterte sie und ihre Augen schimmerten in Tränen.
Vor ihrer Seele stieg ein Bild auf: eine schlanke Knabengestalt mit blauen Augen und blondem Haar, mit hellem Sinn und klarem Blick — der junge Adel, wie er leibte und lebte. Nun lag das blühende hoffnungsvolle Menschenleben im Grabe. Wie ein Held war dies Kind den letzten dunklen Weg gegangen, den Jubelpsalter der Weihnacht auf den Lippen.
Wieder wurden die Töne unter dem Druck der Mädchenhände lebendig, wieder klang die helle Stimme. Aber über diesem Liede lag kein Schleier. Leise zwar, unter den Tränen frischen Schmerzes, aber dennoch froh wie ein Kind im Schein der Christnacht sang Sibylle Bühler, alles um sich her vergessend, das holde weihnachtliche Lied:
›Das ew'ge Licht geht da herein, Gibt der Welt ein'n neuen Schein! Es leucht't wohl mitten in der Nacht Und uns des Lichtes Kinder macht, — Kyrieleis!‹
Das Lieblingslied ihres kleinen frohen Kameraden war ja auch das ihre. Wie oft hatten sie es zusammen gesungen!
›Und uns des Lichtes Kinder macht‹ —
zog es in den goldenen Mittag hinaus. Dann war es still in der hellen Gartenstube der Dorotheenstraße.
Träumend saß Sibylle Bühler im Schein der Märzsonne. Sie hatte es nicht bemerkt, daß sich leise die Tür öffnete, daß eine Frauengestalt in Trauerkleidern, auf den Krückstock gestützt, von der Schwelle herüberlauschte. Frau von Kambach war älter geworden in den letzten Wochen. Der Tod des jungen hoffnungsvollen Enkels hatte sie schwer getroffen. Die ersten Tage nach dem Begräbnis hatten Sibylle und Fräulein Eichel sogar einen körperlichen Zusammenbruch befürchtet. Aber der glaubensstarke Geist siegte über die Schwäche des Leibes. Nur die körperliche Widerstandskraft ging der Greisin in jenen Tagen verloren. Die Spannkraft des Geistes, die ihrem Wesen seine wunderbare Frische gab, kehrte mit der Teilnahme am Leben und an den Fragen des Tages zurück. Aber die geplante Bundessitzung hatte doch hinausgeschoben werden müssen, auch aus Rücksicht auf Herrn von Kambach, der an dem festgesetzten Tage nicht hatte kommen können.
Die Rechte fest auf den Krückstock gestützt, stand Frau Sabine da. Über das welke Gesicht liefen die hellen Tränen. Leise schluchzte sie auf.
Sibylle wandte den Kopf. Ein heißes Erschrecken flog über ihre Züge.
»Exzellenz!«
Sie sprang auf und eilte auf die alte Dame zu.
»Verzeihung, Exzellenz!«
Sie neigte sich über die zitternde Hand und küßte sie. »Was hab' ich getan, — ich — hatte ja keine Ahnung!«
Frau von Kambach sah das junge Mädchen groß an.
»Aber liebes Kind, was sollten Sie mir getan haben, ich wüßte es wirklich nicht!«
Sibylle kämpfte mit den Tränen. »Ich hätte diese beiden Lieder nicht singen sollen, Exzellenz!«
Die alte Dame schüttelte den Kopf.
»Das versteh' ich nicht, liebe Sibylle! Kommen Sie, wir wollen uns ans Fenster setzen, die Sonne scheint so schön herein! Das Stehen wird mir noch schwer!«
Sie legte den Arm in den ihres Gastes und ließ sich zu dem behaglichen weißen Peddigrohrsessel am Fenster führen. Dort nahm sie Platz, Sibylle aber setzte sich, wie sie es liebte, auf eine Fußbank und lehnte den dunklen Kopf an die Knie der alten Frau.
Der Himmel blaute und der Goldlack duftete, die Sonne umspielte das feine stimmungsvolle Bild mit ihren Lichtern.
»Ich hätt's nicht tun sollen,« sagte das Mädchen noch einmal und schmiegte die rosige Wange an die alten Hände, — »es war zu früh — besonders das Lied vom ew'gen Licht,« sie stockte — »Verzeihung, Exzellenz!« Und sie hob das schöne erregte Gesicht zu der Greisin empor.
Freundlich strich Frau von Kambach über das duftige Haar. »Aber Billy, glauben Sie wirklich, daß es mich traurig macht, dies Lied zu hören? Die schönste Erinnerung an meinen lieben Jungen ist damit verknüpft. Ich hatte Sie schon bitten wollen, es einmal zu singen, Sie haben mir also einen Wunsch erfüllt!«
»Ich dachte, Exzellenz ...« sie zauderte.
»Was dachten Sie, Kind?«
Sibylle errötete.
»Ach — ich mußte an Mama denken! Da hätt' ich's nicht gedurft! Als Papa damals in Bühl starb, ließ er sich vom Kirchenchor ›Wenn ich einmal soll scheiden‹ vorsingen. Ich fühlte es Mama an, daß es ihr schrecklich war. Hinterher haben wir es nie mehr singen dürfen, und es war doch Papas Lieblingslied. Ich glaube,« wieder stockte sie, »Mama will nicht an den Tod erinnert sein. Aber das sag' ich nur Eurer Exzellenz!«
Über ihre Züge huschte ein schmerzliches Lächeln, als wollte sie das tiefste Vermissen verbergen, die große unerfüllte Sehnsucht: ›Ich hab' eine Mutter — und hab' sie nicht!‹
Und dann legte sie plötzlich den Kopf in den Schoß der alten Frau und weinte bitterlich.
Die Greisin verstand dies Weinen. Wie ein lang zurückgehaltener Quell durchbrach es alle Dämme und überflutete alle Hindernisse. Unaufhaltsam trieb und drängte es empor aus der Enge innerer Gebundenheit zur Freiheit, aus der Heimatlosigkeit in den Hafen.
Sibylle war ein Charakter, war trotz ihrer Jugend eine Persönlichkeit. Denn sie besaß wahres Christentum. Am Sterbebette des Vaters hatte sie zuerst seine Kraft erfahren und später, je länger je mehr erlebt, daß das alte heilige Erbteil der Bühlers Leben und Seligkeit barg. Unbewußt begann sie sich innerlich von der Mutter zu lösen. Schon das tief angelegte gemütvolle Kind hatte, ohne sich darüber klar zu werden, unter dieser Frau gelitten. Seine kleine Seele hatte gedarbt. Seinem Leben hatte nicht nur wahre Mutterliebe gefehlt, sondern das Heiligste, was Mutterliebe einem Kinde bringen kann: Religion. So kam es, daß sich das heranwachsende Mädchen, ohne sich dessen bewußt zu werden, immer mehr von der Frau entfernte, die von Weltlust und Vergnügen lebte. Aber das Weib, zumal das junge werdende, bedarf in Lust und Last des Lebens des Weibes. Die Liebe ihres Großvaters, dessen edle, wahrhaft christliche Persönlichkeit von jeher einen starken Einfluß auf sie ausgeübt, ersetzte Sibylle Bühler die Mutter nicht. Ganz davon abgesehen, daß ihr stark ausgeprägtes Pflichtgefühl sie immer wieder zu der oberflächlichen Frau zurücktrieb, sie immer aufs neue mahnte, ihr die Seele zu erschließen und bei ihr zu suchen, was sie brauchte. Sie mühte sich vergeblich. Gräfin Bühler hatte nichts zu vergeben. Aber die Bande des Blutes waren zu stark. Ganz kam Sibylle innerlich von ihrer Mutter nicht los. Immer wieder suchte sie die Ursache der Entfremdung bei sich, immer wieder glaubte sie, sie bei sich zu finden. Das brachte Zwiespalt und Unruhe in ihre Seele, das nahm ihr in vielen Fällen die Klarheit des Urteils und verschob die feinen Grenzlinien von Pflicht und Recht. Das brachte ihr die Gefahr sittlicher Begriffsverwirrung im zartesten innerlichsten Sinne. Sie gab und gab, aber ihre Schätze wurden nicht genommen. Das ließ sie irrewerden an weiblicher Eigenart, an dem wahren Wesen der Frau. Und es erstarrte etwas in ihr, als sie das, was jedem echten Weibe eigen, bei der Frau, die ihr das Leben gegeben, nicht fand, als sie erkannte, daß ihrer Mutter die Mütterlichkeit fehlte. Exzellenz von Kambach wußte dies alles, ohne daß man es ihr gesagt. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen den beiden Frauen unüberbrückbar sei. Und ihre Liebe zu dem holden Geschöpf, das in den letzten Wochen ihr stilles Leben mit seinem Frohsinn verschönt, wuchs.
»Es ist hier alles so anders als zu Hause,« klang es stockend zu ihr empor, »so wie ich's lieb', Exzellenz, und wie ich's mir im stillen so oft wünsche. Aber zu Hause wird es nie so sein. Mama ist ganz anders erzogen. Sie ist eben eine Firlemont, das entschuldigt ja alles. Wenn das ganze Leben bei uns nur einen Schmerz für mich bedeutete, ein Entbehren, so wär's ja ganz selbstverständlich, daß ich es, ohne ein Wort darüber zu verlieren, ertrüge; denn ich gehöre zu meiner Mutter, aber — aber,« und Sibylle Bühler quälte sich um den Ausdruck, »es wirkt verflachend auf mich! — Wenn ich in Bühl oder hier etwas innerlich empfangen habe, das wertvoller ist, als all der Tand und Schein, der uns umgibt, wenn ich reicher heimgekommen bin, als ich fortging, — ein paar Wochen, Exzellenz, und ich hab's verloren! Es ist, als färbte die Umgebung auf mich ab!« Ein Beben ging durch den schlanken Körper. »Alles leidet darunter,« fügte sie leise hinzu, »mein ganzes Sein, mein Innenleben, mein Gebet ...«
Sie schwieg. Den Kopf an die Knie der Greisin gelehnt, weinte sie leise vor sich hin.
Frau von Kambach wußte, das war noch nicht alles. Aber sie konnte warten.
»Wegen der beiden Lieder,« sagte sie freundlich, »dürfen Sie sich nicht grämen! Im Gegenteil, die möchte ich noch oft hören. Sehen Sie, Kind, Ihre Mutter tut mir leid. Rasse, Erziehung, Veranlagung haben sie zu dem gemacht, was sie ist. All der äußere Schimmer, der sie umgibt, all die Unrast, die sie hierhin und dorthin treibt, ihr ganzes Wesen ist für mich der Beweis dafür, daß sie mit heißer Sehnsucht etwas sucht, aber — auf falsche Art, an verkehrten Stellen. Sie ersehnt, ohne es zu wissen, dasselbe wie wir, begnügt sich aber mit kümmerlichen Ersatzmitteln, weil der Weg zu der einen köstlichen Perle ihr zu steil ist.«
»Wenn Mama nicht fortwährend Unterhaltung hat, ist sie todunglücklich,« sagte das junge Mädchen.
»Sehen Sie! Das ist es. Irgendwo muß der Mensch seinen Durst stillen. Da sie aber die lebendige Quelle nicht kennt, läßt sie sich von tausend Stimmen locken. Unser Leben muß aber auf einen Ton gestimmt sein, gerad' wie das schöne Lied von Peter Cornelius, das Sie vorhin sangen. Wenn dieser eine Ton hindurchgeht, dann gibt's keinen Mißklang mehr, dann hat unser Leid seinen Stachel verloren und unsere Freude ist verklärt. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie auch, warum ich das Lied vom ewigen Licht so liebe! Nicht nur, weil es Eberhards Lieblingslied war und ihn in der Sterbestunde erquickt hat, sondern weil seine Ewigkeitswahrheit auch mein Sterben erhellen wird!«
Sie schwieg.
Kein Laut ging durch den stillen Raum. Nur ein verirrtes Bienchen, von der Frühlingssonne wachgeküßt, summte über den Blumen. —
Die Greisin wartete noch immer. Sie wußte, auf der jungen Seele lastete etwas, das sie nicht länger allein tragen konnte.
Harro Kambach war zum Luftschifferbataillon abkommandiert und kam, seit er in Berlin war, fast jeden Tag in das Haus seiner Großmutter. Die alte Dame wußte, wem diese Besuche galten. Sie zu hindern, lag kein Anlaß vor. Aber manche Nacht lag sie wach und sann und sann, ob's ein Glück sei, wenn die Wege der beiden Menschen sich einen würden. Ihre Gedanken kamen nicht zum Abschluß. Was sie schon im Herbst gefürchtet, als der Enkel sie gebeten, die Hände über seine Liebe zu breiten, bestand noch heute. Dem Manne konnte diese Verbindung zum Segen gereichen, kam's anders, so war nicht nur ein Frauenherz seines Glückes beraubt, sondern auch das Allerheiligste der Ehe, die innerste seelische Gemeinschaft zerstört. Und was dann? — —
Noch eines kam hinzu. Sibylle war ihr nicht ganz klar. Sie hatte das Gefühl, hier ringt eine Seele um die Antwort auf eine große heilige Frage. Und diese Antwort blieb aus. Der greisen Frau ward's zur immer stärkeren Gewißheit: entweder treibt die Glaubensfrage hier Mann und Weib auseinander oder der Mann wird geheiligt durch das Weib. Aber einer Sibylle Bühler gegenüber durfte der Einfluß der Frau nicht zu stark betont werden und noch weniger die Möglichkeit seines Erfolges. Ihr starker zielbewußter Geist würde Gefahr laufen, eigene Kraft und eigenen Wert zu überschätzen. In dem Bewußtsein der Überlegenheit würde ihr verloren gehen, was dem Weibe gehörte. Und das durfte nicht sein! Der stille Wandel der Frau, der ungesucht und ungewollt einem schwankenden Manne Führerdienste leistet, durfte nichts von seiner Eigenart einbüßen. Damit wäre dem Manne nicht geholfen worden, die Frau aber hätte sich selbst und ihre heiligste Mitgift verloren. Und je länger die Lebenserfahrene die beiden Menschen beieinander sah, um so mehr ward ihr Sibyllens Zurückhaltung erklärlich — ein unausgesprochenes Etwas im Wesen des Mannes ließ sie zaudern. Das machte sie unsicher. Das legte ihr einen Bann aufs Herz. Darum saß sie noch immer schweigend zu ihren Füßen, darum sprach sie nicht weiter. Nur ihre Zurückhaltung verhinderte Harros Werbung, das wußte Sibylle so gut wie Exzellenz von Kambach. Und eine las nach Frauenart in der Seele der anderen — — —
Aber der Greisin ward das Schweigen schwer. In ihrem langen Leben war ihr viel Vertrauen geschenkt, die schwersten Lasten waren ihr auf Herz und Gewissen gelegt worden, nicht nur von Kindern und Enkeln. Und dies junge schöne Geschöpf, das sonst mit allem zu ihr kam, schwieg. Doch sie hatte ein feines Verständnis für dies Schweigen. Sie besaß nicht nur Lebensklugheit und Menschenkenntnis, sondern Herzenstakt.
Geduldig wartete sie.
Doch Sibylle Bühler brachte das Bekenntnis ihrer Liebe nicht über die Lippen.
›Sie hat eine Mutter und hat sie nicht!‹ zog es der alten Frau durch die Seele, und sie ehrte den scheuen Stolz.
Nachdenklich blickte sie hinaus. In ihrer Seele erwachte die Vergangenheit, die eigene Jugend mit ihrem Glück. Sie hatte es leichter gehabt als Sibylle Bühler. —
Da klang wieder das heiße bitterliche Weinen zu ihr empor.
Sie neigte sich über das junge Mädchen. »Nun, Billy, ist's denn so schwer zu sagen?«
»Ach, Exzellenz, ich — ich weiß ja nicht, ob ich's sagen darf!«
Einen Augenblick war's still. Dann fragte Frau von Kambach mit weicher Stimme: »Harro?«
Sibylle nickte.
»Ja,« sagte sie leise und schmiegte ihr heißes Gesicht an die schmalen Frauenhände. Und dann kam eine Ruh' über sie, die sie nie gekannt. Sie wußte, jetzt konnte sie alles sagen und fragen. An dies Herz konnte sie getrost ihre Sorgen legen, aus diesen lieben Händen wollte sie den Segen empfangen für ihren Weg in Glück und Leid. Ja, auch im Leid! Und zagend kam sie von ihren Lippen, die bange schwere Frage nach dem Glauben des geliebten Mannes.
Frau Sabine antwortete nicht sogleich. Vor ihrem Geiste stand das ritterliche Bild ihres Enkels, und in ihrer Seele klangen seine Worte wieder: ›Soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!‹
Sie wußte, dieser Schwur war ihm heilig. Ob das Leben mit seiner Lust seine Sinne je und dann gefangen nahm, er war ihm heilig. Denn das, was ihn bisher gehindert hatte, ein ganzer Mann und ein Christ zu werden, war lediglich der Wille — der angekränkelte verweichlichte, seiner Kraft beraubte Wille, der den alten kategorischen Imperativ ›Du sollst!‹ verneinte — keine unedle Art, im Gegenteil, als ein rechter Kambach besaß er ein Stück wahrhaftiger innerer Vornehmheit — was hier fehlte, war der Wille. Aber diese Tatsache sagte viel, alles. Sie war der Maßstab für den ganzen Menschen. Trotzdem stieg im Herzen der Großmutter immer wieder die Hoffnung auf, daß die gute alte Art auch hier ihr Recht geltend machen werde. Und diese Hoffnung sprach sie aus. Ohne das gegenwärtige Bild zu verschleiern. Ohne der Jungen zu verhehlen, daß ihres Enkels Weltanschauung eine höchst moderne sei, daß man von Religion wohl kaum bei ihm reden könne. Daß seine Wagnerverehrung ihn vielmehr zu Schopenhauer und Nietzsche treibe.
Sibylle war sehr ernst bei ihren Worten geworden.
»Und trotzdem hoffen Exzellenz?«
»Ja, das tue ich. Er kann die gesunde Kambachsche Natur auf die Dauer nicht ganz verleugnen, einmal muß sie zum Durchbruch kommen. Außerdem nimmt unser Herrgott einen jeden von uns früher oder später in seine Schule!«
Wieder war's still im Zimmer, nur die Biene flog summend von Kelch zu Kelch.
»Und ich?« fragte das junge Mädchen.
Frau Sabine zögerte. Sie fühlte die Riesenverantwortung, die das Weib dem Weibe auferlegte. Sie wußte, Sibylle würde sich an ihre Antwort klammern, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, — wußte, wie stark ihr Einfluß gerade auf junge Menschen war, wußte, wie stark er hier war, und hütete sich, ihn in einer Form geltend zu machen, die nur das eigene Gewissen vorschreiben durfte.
»Sünde ist's nicht, wenn eine Frau einen Mann heiratet, der nicht mit ihr auf einem Glaubensgrunde steht,« erwiderte sie. »Ob's leicht ist, ob's glücklich macht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist's ein Wagnis, welches viel Mut und Gottvertrauen fordert. Keinenfalls aber soll die Frau ihrer Liebe die Kraft beimessen, den Unglauben des Mannes zu überwinden. Das hieße die Rechnung ohne den Wirt machen. Denn das ist kein Glaube, der einem anderen zuliebe seine Überzeugung zu wechseln wähnt, — das ist eingebildeter Glaube. Mann und Weib sind keine Kinder, bei denen Autoritätsglaube den ersten Grund legt, sondern reife Menschen. Wer aber plötzlich einem Weibe zuliebe seine ganz freie Weltanschauung aufgibt und sich zu dem lebendigen Gott bekennt, darf sich nicht wundern, wenn einem Zweifel an diesem Glauben aufsteigen. Er ist zum mindesten eine überraschende Erscheinung. Ich für meine Person habe in derartigen Fällen gewöhnlich die Erfahrung gemacht, daß solche Männer überhaupt keine ordentlichen Männer waren!«
Sibylle hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten ihrer alten Freundin gelauscht. Ein schelmisches Lächeln huschte über ihre Züge. »Es ist aber auch ein Kunststück, in den Augen Eurer Exzellenz ein ordentlicher Mann zu sein!«
Frau von Kambach lachte herzlich. »Ach wirklich, Billy? Desto besser! Auf diesem Gebiet müssen hohe Anforderungen gestellt werden. Sind sie denn aber soviel höher als die, welche ich an die Frau stelle?«
»Ja,« klang die ehrliche Antwort.
Die andere schüttelte den weißen Kopf. »Nein, Liebling, das ist ein Irrtum. Vielleicht haben die letzten Wochen mit ihren Kirchen- und Wahlkämpfen die Frage nach dem Manne in den Vordergrund gestellt und Bilder entrollt, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, — aber meine Stellung zur Frauenfrage kann wohl kaum ernster sein, als sie ist. Ich will ganz von den Frauen absehen, — ob sie aus den höchsten Kreisen stammen oder aus dem Volk, — deren wir uns schämen müssen, — die scheiden, wo es den Kampf um die höchsten Güter gilt, aus, — aber das wird sich keine von uns verhehlen, daß gerade die Frauen, mit denen wir rechnen müssen, vielfach nicht auf dem Posten sind. Die gebildeten christlich sein wollenden Frauen von heute sind oft von einer Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, wie sie nicht schlimmer sein können. Und gerade die Frauen unserer Kreise sind es, — es wird einem himmelangst, wenn man sich sagen muß: das sind deutsche Gattinnen und Mütter, das sind die, welche es werden wollen!«
Sibylle senkte den Kopf. »Verzeihung, Exzellenz, ich seh's ein, wieviel ich noch lernen muß!« Sie küßte die Hand der Greisin. »Ich bin ja so dankbar, daß ich hier sein darf!« Und dann kam's wie ein Angstruf von den jungen Lippen: »Wenn ich nur nicht auch so werde!«
»Noch sind Sie es nicht, und die Anlage dazu haben Sie, soweit ich es beurteilen kann, auch nicht, aber seien Sie auf der Hut, wir leben in der Welt!«
Sibylle nickte. »Ja, ich weiß, die Welt färbt ab! Wie oft hab' ich das schon gemerkt!« Zögernd setzte sie hinzu: »Mama sagt mir das ja nicht, die sieht nur darauf, daß ich gut angezogen bin und viel tanze. Aber wenn Exzellenz es mir sagten, wenn ich mich ändern soll, — wenn Exzellenz wüßten, wie dankbar ich wäre, ich kann's nicht sagen, wie sehr!«
Die alte Frau blickte still auf ihren Liebling. In ihren Augen glänzten Tränen.
»Wollen Exzellenz es tun?« fragte die Junge.
»Ja,« klang die schlichte Antwort.
Und Sibylle Bühler war sie genug. — — —
Die Dämmerung wob ihre Schleier um das Frühlingsbild in der großen Stadt, um ihre Gärten und Höfe.
In das trauliche Hinterzimmer blickte die feine goldene Mondsichel.
»Sünde ist's nicht?« klang's noch einmal hinter den Goldlackstauden, aber diesmal kam's fragend von scheuen Mädchenlippen.
»Der ungläubige Mann ist geheiligt durch das Weib, schreibt Paulus den Korinthern,« erwiderte Frau Sabine. »Das bleibt bestehen, leugnet aber die Schwere der Frage nicht ab. Die Antwort muß die Liebe geben.«
Sie nahm den dunklen Mädchenkopf in beide Hände und sah tief in die nachtschwarzen Augen.
Sibylle Bühler war blaß geworden, aber ihre Stimme war fest und klar, als sie Harro von Kambachs Großmutter die Antwort gab. Es war die größte, die ein Frauenherz geben kann: »Ich liebe ihn!«
Feierstille waltete. Auf dem jungen Haupt lagen segnend die alten Hände.
Der Frühlingswind stahl sich durchs offene Fenster und huschte über die Saiten der Stradivariusgeige. — —
Und durch die Dämmerung zog klingend und singend, leise wie ein Hauch, — ein Ton. — —