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Wenn ich die Sonne grüße ...

Sechstes Kapitel. Gala.

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Siehst du das Märchen um Mitternacht In lichter Seide, im Spitzenschleier? Rosen im Haar, wie ein Maientag Tritt es herein zu glänzender Feier! Schaut sich im festlichen Raume um, Rafft den Goldsaum der weißen Schleppe, Fragt den Heiduck nach dem alten Fritz, — ›Kam er nicht über die Wendeltreppe?‹ Der aber schüttelt den weißen Kopf, Weiset zum Reiterstandbild hinüber, — ›Vielleicht erwacht er um Mitternacht, — Vielleicht auch nicht, — die Zeit ist vorüber!‹

In Berlin schneite es. Weihnachten hatten graue Schleier die Straßen verhüllt, — endlich, um Mitte Januar war's Winter geworden. Frostklarer weißer schimmernder Winter! Und er kleidete die Kaiserstadt gut. Denn Berlin bei Nebel, Berlin bei schlechtem Wetter war fürchterlich! Zumal in den Tagen der Hoffeste, wo das Land sich in der Reichshauptstadt traf. Es hatte einmal einer gesagt, zum Galaball mit seinem anmutigen Abendbilde gehörten verschneite Portale und weiße Gitter. Denn die Straße feiere mit. Eine Wahrheit steckte darin, aber eine feine aristokratische aus der Zeit Friedrichs des Großen. Ob das zwanzigste Jahrhundert sie verstehen würde, war eine andere Frage.

Jedenfalls aber war dieser Wunsch heute voll und ganz erfüllt worden. Eine feenhafte Winternacht stieg über der Mark auf. In glitzernder Frostkrone, den weißen Pelz um die Schultern geschlagen, betrat eine Königin die stolze Heimstätte der Zollern und grüßte den Kaiser. Seinem Fest verlieh sie ihren Glanz, seinem Hause wob sie jenes märchenhafte weiße Gewand — das Wunder des Winters. — — — —

Karossen fahren an. Automobile. Taghell liegt das Schloßportal im Glanz elektrischen Lichtes. Um jede Gestalt der helle Schimmer der Frostnacht. Wie glitzernder Rauhreif blinkt's in Schleiern und Diademen, in seidenem Frauenhaar. Aber die Pelze verhüllten die Hofkleider, die goldgestickten Fracks und Uniformen. Nur die Helme funkeln mit den Brillanten um die Wette.

Und dann fallen die Hüllen. In glänzendem Zuge bewegt sich die Schar erlauchter und edler Gäste die Marmortreppe hinan.

Oben das Aufstrahlen neuen Lichts, neuen Glanzes. Gold- und Silbergefunkel, leuchtende Epauletts, blitzende Orden, Brokat, rosendurchwirkte Schleier, Smaragdkolliers, Brillanten — Gala. Getragen von jener Feierstille, dem Vorspiel königlicher Feste, jenem feinen Zeremoniell souveräner Höfe. Endlich halblaute Unterhaltung. Leise ausgetauschte Verbindlichkeiten.

Der Saal füllt sich. Immer interessanter und stimmungsvoller gestaltet sich das Bild, immer internationaler. Das Ausland sendet seine Botschafter, seine Frauentype. Eigenart im weitesten völkischen Sinne. Überall tauchen die fremden Gestalten auf, als gälte es, ihre Art mit deutschem Blute zu mischen. Hohe Offiziere stehen in Gruppen, Diplomaten, Attachés, Kammerherren. Dazwischen immer wieder Frauenschönheit. Botschafterinnen mit Brillantreifen im Haar, Landedelfrauen, Offiziersdamen, junge Mädchen, frisch, gesund, ein Strauß blühender Rosen. Drüben unterhält sich der Reichskanzler mit der Gemahlin des russischen Botschafters. Dicht daneben steht ein Chinese mit einem Edelfräulein aus der Uckermark. — —

Auf und nieder wogt die leise Unterhaltung. — —

Und dann klingt ein Ton durch die Stille: der Stab des Zeremonienmeisters klopft dreimal auf das Parkett.

Unter dem Vortritt der Pagen und Hofchargen betreten die Majestäten, von drei Marschällen geleitet, unter den Klängen des Grand marche festivale von Gounod den Saal. Der Kaiser in der Uniform des ersten Garderegiments, die Kaiserin in meergrünem silbergesticktem Brokat, ein flimmerndes Diadem im weißen Haar. Hinter den Majestäten die Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und das Gefolge.

Die Gesellschaft versinkt in einer tiefen Verneigung. Liebenswürdig grüßt das Kaiserpaar nach allen Seiten. Während eines kurzen Cercles spielt die Kapelle. Der Oberzeremonienmeister gibt das Zeichen zum Beginn des Tanzes. Die Kapelle setzt mit dem Walzer Tesoro mio ein. Zwei Gardedukorps eröffnen mit Hofdamen der Kaiserin den Ball.

Rundtänze wechseln mit Lançiers und den alten Tänzen, Menuett à la reine, Prinzengavotte, Gavotte der Kaiserin.

Die Majestäten sehen den Tänzen zu, nehmen Vorstellungen entgegen und ziehen zahllose Anwesende ins Gespräch.

Auf und nieder wogt das glänzende Bild.

Die Souperpause ging ihrem Ende entgegen. Langsam leerte sich der Saal, wo die Jugend gespeist hatte, in Gängen und Nischen ward es lebendig.

Der helle Schein des Vollmonds fiel in einen verschwiegenen Wintergarten. Wie heimliches Werben umflimmerte sein silberner Glanz die rosige Ampel. Kamelienbäume neigten die blütenschweren Äste, Flieder und Jasmin dufteten, ein Springbrunnen plätscherte. — —

Durch das dichte Grün der Myrten schimmerte eine helle Toilette. Halblaute Unterhaltung klang herüber.

Ein weißhaariger Landstand lehnte im Eingang. Eine Rasseerscheinung. Ein Gesicht wie ein alter Adler. Der ganze Mann Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle. Uradel.

Suchend blickte er sich um.

»Sie glauben nicht, wie ich mich freue, daß Sie Großmama Gesellschaft leisten,« klang's hinter der Myrtenhecke. »Ich weiß, wie sehr sie diese Zeit genießen wird! Und dazu Ihr Geigenspiel, Gräfin!«

Ein helles Lachen klang durch den Raum.

»Wo denken Sie hin, Baron! Ich bin die Genießende! Ich jubiliere geradezu, daß mir die langweilige italienische Reise erlassen worden ist! Sechsmal bin ich in Italien gewesen, und leider fehlt mir jedes Verständnis für Mamas Art zu reisen. Wir sind eben ganz verschieden veranlagt. Ich will unterwegs Natur und Kunst genießen, und Mama fragt nichts danach. Wissen Sie, da traf sich's herrlich, daß ich Gesang- und Geigenunterricht nicht wieder unterbrechen durfte — Mama reist ja außerdem gern allein, sie kann mich wirklich entbehren!«

»Wann ist Ihre Frau Mutter abgereist?«

»Gestern. Sie wollte eigentlich erst morgen fahren, um mich noch auf den Hofball begleiten zu können. Aber mein Onkel Firlemont drahtete, er wolle sich Montag mit ihr in Venedig treffen, da mußte sie ihre Pläne ändern.«

»Es gibt doch auch genug Menschen, die Sie mit Wonne bemuttern würden, Gräfin,« sagte Harro Kambach lakonisch.

Die leise Antwort verklang im Plätschern des Springbrunnens.

Langsam trat der Landstand näher. Eine Falte stand zwischen seinen Brauen.

»Wenn ich eine alte Exzellenz wäre, würde ich meine Staatskutsche bekränzen und ›Brandenburgs Rose‹ mit Musik zu Hofe fahren!« rief der Ulan.

Wieder klang das helle Mädchenlachen: »Das würden Sie aus dem einfachen Grunde bleiben lassen, weil ›Brandenburgs Rose‹ Sie stechen würde, und die Polizei keinen groben Unfug duldet.«

»Oho! ›Brandenburgs Rose‹ sticht nicht, und was die Polizei anbelangt ...«

»Das geht hier ja sehr kriegerisch zu!« Graf Bühler stand vor seiner Enkelin. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf der eleganten Erscheinung.

Sibylle und ihr Tänzer hatten sich erhoben.

»Was sagen Sie dazu, lieber Kambach, daß der Ausreißer sein Quartier in der Dorotheenstraße aufgeschlagen hat?« wandte sich der alte Herr an den jungen Offizier.

Sibylle errötete. »Ich komme doch Ende Februar zu dir, Großpapa,« sagte sie lächelnd, zwei Grübchen in den Wangen. »Es war so sehr gütig von Exzellenz von Kambach, mich einzuladen, außerdem verlernte ich ja alles, wenn ich jetzt fortginge!«

»Ja, ja, schon gut!« Er nickte ihr lächelnd zu. »Kann's mir denken, mein Deern, daß du heilsfroh bist, nicht von Gasthof zu Gasthof gondeln zu müssen.«

Sie senkte die Wimpern. Der Großvater war sonst nicht vor anderen so scharf. Ob er Harro schon mit zur Familie rechnete? Ein fragender Blick flog zu dem alten Herrn hinüber.

Aber der nickte ihr ein zweites Mal zu. »Ja, ja, Billy, ich kann's mir denken!« — —

Eine Polka lockte. Sie traten in den Saal.

»Haben Sie Ihren Vater gesehen, lieber Kambach?« fragt Graf Bühler im Gehen.

»Papa ist von Seiner Majestät befohlen worden, Erlaucht!«

»So, so. Danke.« Und fort war er. — —

»Bleiben Sie recht lange bei Großmama,« sagte Harro Kambach zu seiner Dame, während sie über das Parkett flogen. Sein Auge ruhte auf ihr. Sie fühlte, daß diesem Wunsch ein anderer zugrunde lag. War sie erst in Bühl, dann konnte er nicht alle Augenblicke kommen. In der Dorotheenstraße ging der Enkel Exzellenz von Kambachs ungehindert ein und aus.

Eine tiefe Neigung zog sie zu dem schönen ritterlichen Manne, eine Neigung, wie sie sie nie zuvor empfunden. Aber Sibylle Bühler gehörte nicht zu den Frauen, die sich von einer großen Leidenschaft beherrschen lassen. Sie blickte auf Leben und Zukunft, abwägend, die Frage der Ergänzung in Betracht ziehend. Und doch war sie keine kühle Natur. Sie war eine echte deutsche Frau, mit deutschem Blut und deutscher Sehnsucht, zu der Liebe Opfern bereit. Aber sie hatte die klare zielbewußte Klugheit der Bühlers, die nach allen Seiten Umschau hielt, bevor sie handelte. Und diese Klugheit mahnte zur Vorsicht. Nur ihre bisherige Zurückhaltung, die sie sich bei aller Freundlichkeit bewahrt, hatte Harro Kambach noch von einer Werbung zurückgehalten. Es war das erstemal gewesen, daß sie dieselbe weniger betont. Und nun kam der Besuch bei seiner Großmutter dazu. Exzellenz von Kambach war in Sibyllens Augen das Ideal einer deutschen Frau. Wohl wußte sie, daß sie von vielen wegen ihres tatkräftigen Handelns, ihres scharfen Urteils, ihrer, wie es manchen scheinen wollte, allzu schroffen Stellung in Bekenntnisfragen angegriffen wurde, aber was die Menschen sagten, war für sie durchaus nicht maßgebend. Im Gegenteil. Die allgemeine Meinung hatte von jeher ihren Widerspruch herausgefordert. Die unglaubliche Oberflächlichkeit, mit welcher die höchsten Kreise den unerhörtesten Klatsch verbreiteten, hatte ihr Feingefühl stets beleidigt. Sie sah selbst und urteilte selbst. Das gab ihrem Wesen jene Sicherheit, die, mit angeborenem Takt gepaart, ihrer ganzen Persönlichkeit ihr Gepräge verlieh. — —

Als Exzellenz von Kambach gehört, daß Gräfin Bühler wieder, wie es hieß, wegen eines verschleppten Luftröhrenkatarrhs für längere Zeit nach dem Süden gehe, ihre Tochter aber wegen eben erneut begonnenen Musikunterrichts in Potsdam lassen werde, lud sie Sibylle ein, die nächsten Wochen bei ihr zu verbringen. Mit großer Freude und Dankbarkeit sagte das junge Mädchen zu. Gräfin Bühler war, obwohl sie ihrer Tochter nichts in den Weg legte, weniger entzückt.

»Du bist sowieso schon auf dem besten Wege, eine ›Betschwester‹ zu werden,« sagte sie in ihrer spöttischen Art. »Wenn du vier Wochen bei der alten Kambach gewesen bist, werde ich dich wohl in irgendeinem Diakonissenhause wiederfinden. Die Schwesternhaube wäre nicht übel zu deinem Madonnengesicht, aber meine Einwilligung bekommst du vorläufig nicht, liebes Kind! Höchstens später, wenn der Anschluß als endgültig versäumt zu betrachten ist!«

Sibylle kannte diese Redensarten und schwieg. Sie war froh, daß die Mutter ihr nicht verbot, der Einladung zu folgen. Daß sie nicht ihr zuliebe ja gesagt, als die alte Dame in eigener Person gekommen war, um ihren Liebling zu sich zu bitten, wußte sie nur zu gut. Da sprachen ganz andere Dinge mit, nicht zuletzt der Wunsch, häufiger ohne die in ihrer norddeutschen Zurückhaltung so unbequeme Tochter reisen zu können. Vielleicht folgten dieser Einladung andere. Aus Schicklichkeitsgründen konnte sie Sibylle nicht immer allein zu Hause lassen, und ob sie den ganzen Tag ihre Stradivariusgeige spielte, — sie war noch nicht alt genug und zu hübsch. Einmal ging das wohl, aber nicht öfter. Dazu wurde in Potsdam zuviel geklatscht. Gräfin Bühler kam die Einladung daher in gewissem Sinne nicht unwillkommen.

Sibylle hatte sich längst daran gewöhnt, ihren Weg allein zu gehen. Ihre Kindesliebe zu der gefallsüchtigen oberflächlichen Frau beruhte lediglich auf Pflichtgefühl. Daß sie sich der Abwesenheit der Mutter heimlich freute, war daher kein Wunder. —

Sie war ihrem Tänzer die Antwort schuldig geblieben. Die langen Wimpern gesenkt, ließ sie sich auf ihren Platz führen.

»Nun?« fragte er endlich.

»Fräulein Eichel wird eifersüchtig werden,« wich sie ihm aus.

»Ach, die alte Landpomeranze, — Verzeihung, Gräfin, — die rechnet nicht mit!«

Sibylle lachte ihm hell ins Gesicht. »Bitte, ich bin auch eine Landpomeranze! In Bühl hat meine Wiege gestanden, und die paar Jahre, die wir in Potsdam sind, haben mich nicht zur Städterin gemacht.«

Er lächelte. »Mag sein, aber Sie haben Ihr Leben nicht unter alten Tanten und Landpastörchen verbracht. Sie haben anderes gelesen als Kreuzzeitung und Reichsboten und Missionsblätter, und ich weiß nicht was für gottseliges Zeug, haben anderes gesehen als Armenstrickstrümpfe und Wickelbänder! Ja, ja, verzeihen Sie, ich verfalle in Stallton, aber ist's nicht so? Mein Gott, was hockt alles auf den Gütern zusammen! Ich bewundere immer die Hausherren, die meist als Hahn im Korbe diesen Normalzustand ertragen, und kann nur sagen: Gott bewahre mich davor, zwei bis drei sechzigjährigen Tanten Altenteil gewähren zu müssen, abgesehen von der für den Landwirt sehr empfindlichen Mehrbelastung des Geldbeutels! Sehen Sie, Gräfin, diese heillose Jungfernwirtschaft ist mitschuldig am Niedergang des Großgrundbesitzes. Was diese alten Schmarotzer aufessen, soll der Grund und Boden abwerfen außer allem übrigen, was sonst ein Gut verschlingt! — Papa ist ein Schlaumeier, der hat rechtzeitig dafür gesorgt, daß seine Schwestern die Welt zu sehen bekamen! Na ja, eine war immer hübscher wie die andere — noch jetzt ist's eine Freude, diese drei schönen alten Frauen zu sehen, aber trotzdem, Papa hat dafür gesorgt, daß in Kambach unsere vornehmen Regimenter verkehrten, daß Leben in die Landschaft kam; und was war der Erfolg? Alle drei haben erste Partien gemacht! Ja — Papa!« Und Harro sang seines Vaters Lob, als hätte er niemals seine Strenge erfahren, niemals in starrem Gegensatz zu seinen Auffassungen von Landhochzeiten und altmärkischer Gastfreundschaft gestanden.

»Aber Fräulein Eichel ist doch kein Schmarotzer!« sagte Sibylle. »Ich glaube, Ihre Großmutter wäre unglücklich, wenn sie ihren treuen Hausgeist nicht hätte!«

Harro Kambach schüttelte beinahe ungeduldig den Kopf. »Es ist möglich, daß sie ein Engel vom Himmel ist, der aus Versehen in dies entsetzliche mausegraue Kleid hineingeraten ist — ich kann nun einmal Leute, die aus Frömmigkeit ewig Grau und Schwarz tragen, nicht leiden, Gräfin, — gewiß, eine Untugend von mir, aber ich kann's nicht! Und dann dieser glattgekämmte Scheitel, — sie nimmt Wasser, behaupte ich! Wissen Sie, es ist wirklich ein Unrecht, wenn eine Frau sich so zurecht macht! Könnten Sie in dem Punkte nicht einen Wandel schaffen? Es ist wirklich ein Kreuz, ihr gegenüber bei Tisch zu sitzen! Nirgends sagt die Bibel, daß die Frauen sich zu Vogelscheuchen machen sollen, im Gegenteil, ich weiß ganz genau, daß irgendwo etwas von zierlichen Kleidern steht, ich wundere mich nur, daß Fräulein Eichel die Stelle nicht zu kennen scheint, — aber ich will Sie nicht länger elenden!«

»Ich kann Fräulein Eichels Haar beim besten Willen nicht so schlimm finden,« sagte Sibylle. »Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie immer gebrannte Frauenköpfe sehen — ja, ja!« Sie lachte. »Und das Mausegraue? Gewiß, sie zieht sich meist dunkel an, aber ich habe sie doch auch schon in ganz hellen Kleidern gesehen!«

»Ich nicht!« Er blickte sie von der Seite an. »Aber da kommt Graf Lier mit einem Kotillonstrauß!«

Er sah der schlanken Mädchengestalt nach, wie sie im Arm des blauen Husaren durch den Saal schwebte. Nun hatte er ihr doch nicht gesagt, warum sie so lange bei der Großmutter bleiben sollte. Aber sie würde es sich schon denken können.

Das Paar kehrte zurück. Mehr als ein bewundernder Blick ruhte auf dem jungen Mädchen. Sehr bekannt schien Sibylle nicht zu sein. In manchem Auge stand eine Frage.

Und jetzt, — was war das? Mitten durch den Saal kam ein schwarzer Husar, eine Teerose in der Hand, auf Sibylle Bühler zu — der Kronprinz.

Nach tiefer Verneigung folgte sie dem Thronfolger. Ein feines Rot lag auf ihren Wangen.

»Wer ist das?« hörte Kambach seine Nachbarin ihren Tänzer fragen.

»Uradel. Aus der Uckermark. Sechzehn Ahnen. Bildschöne Frau, nicht wahr?«

Sie nickte. »Ja, wer ist es denn?«

»Eine Frau von Riddeck; soviel ich weiß, steht der Mann bei der Garde!«

Harro lachte in sich hinein. Mochten die beiden denken, was sie wollten — sein Blick folgte Sibylle, — warum wurde sie immer für eine Frau gehalten? Es ärgerte ihn. Ein Mädchen konnte gerade so gut Haltung haben, hatte manchmal mehr. Verdrehte Auffassung! Hinterpommern! Hier in Berlin war so etwas nicht lebensfähig.

Sie tanzte noch immer.

Und dann sah er sie plötzlich vor dem Kaiser stehen. Ein hübsches Bild: Seine Majestät im Gespräch mit der jungen Brandenburgerin. Der Kaiser sehr leutselig. Sibylle unbefangen und natürlich wie immer. Das liebten die Hohenzollern.

Während Harro hinüberblickte, schlug die Unterhaltung des schwarzen Husaren mit dem pommerschen Landedelfräulein an sein Ohr.

»'s ist ein Jammer, daß wir das Kronprinzenpaar nicht mehr in Danzig haben, gnädiges Fräulein! Die Zeit bleibt die schönste meines Lebens! — Die ganze Bevölkerung trauert den hohen Herrschaften nach! Sie gehörten so ganz zu uns! Warum muß alles Schöne im Leben von so kurzer Dauer sein!«

»Seien Sie doch zufrieden! Sie sind immerhin die Bevorzugten gewesen!«

»Ja, ja, das sind wir. Aber gerade darum empfinden wir den Abstand. Allein die kleinen Prinzensöhne! Jeden Morgen sah ich sie beim Ausritt!«

Er blickte gedankenverloren über das bunte Treiben hinweg. »Und die Frau Kronprinzessin!«

Sie nickte. »Ich kann's mir denken, man braucht sie ja nur anzusehen!« — —

»'n Abend, Harro! Ganz allein? Ach so, — Billy ist deine Dame! Sie sieht famos aus heute abend, von allen Seiten wird's einem gesagt. Jetzt heißt's den Anschluß erreichen!« Wolf Dietrich Bühler zwinkerte seinem Schwager zu. »Wie stehen die Aktien, alter Junge?«

Dem anderen stieg das Blut ins Gesicht.

»Sei nicht so laut,« sagte er scharf und zog die Stirn in Falten.

Graf Bühler zuckte die Achseln. »Hab' dich nicht, in Drachenburg erzählen sich die Spatzen auf den Dächern deinen Roman. Und in Potsdam?« Er lachte.

»Wie geht's Ilse?« fragte Kambach ablenkend.

»Danke, gut! Sie hätte sich praktischer einrichten sollen. Alles fragt, warum sie nicht hier ist.« In der ihm eigenen burschikosen Art kam's heraus.

Harro fühlte sich unangenehm berührt. Aber er sagte nichts. Seit Wolf Dietrich verheiratet war, hatte seine Freundschaft für den Kameraden eine merkliche Abkühlung erlitten. Er stand seiner Schwester sehr nahe. Um so mehr verletzte ihn die Art, wie Bühler ohne jede Rücksicht auf ihren schonungsbedürftigen Zustand die junge Frau behandelte. Einmal war es sogar zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den beiden Schwägern gekommen. Die Stimmung war daher auf beiden Seiten eine gereizte. —

»Wo steckt denn Roselius eigentlich?« fragte Bühler.

»Seine Mutter ist schwer erkrankt!« klang es kurz zurück.

»Und da muß der Ärmste Diakonisse spielen?«

Harro drehte sich auf dem Absatz um und begrüßte einen Kameraden.

Die Jagdhörner riefen. In hellen Fanfaren klang das Halali durch den Saal.

Der Dittersdorfer Huldigungsreigen beschloß das Fest.

Wieder zeigte der schimmernde Saal eine einzige tiefe Verneigung, wieder grüßten die Allerhöchsten Herrschaften nach allen Seiten. Die goldenen Türen taten sich auf und schlossen sich wieder. Die Majestäten hatten den Saal verlassen.

Auf Treppen und Galerien ward's lebendig. Noch einmal belebte das farbenreiche wechselnde Bild das verschneite Portal. Dann verflog's wie ein anmutiger Traum, Licht um Licht erlosch, dunkel lagen die Fensterreihen des Zollernschlosses. —

Durch die Winterstille klang das Schlagen der Uhren. Nicht lange mehr, und Berlin erwachte zur Arbeit. Aber noch war's Nacht. In tiefem Traum lag die Weltstadt. Der Schnee glitzerte. Drüben über der Friedrichstraße lag der berüchtigte Schein nächtlichen Lebens. Sonst winterliches Dunkel, schneeverwehte Straßenlaternen.

Fern über den Havelseen stand eine dunkle Wolkenwand wie dräuendes Wintergewitter. Schwarz und gespenstisch hing es über Deutschland.

Der Zeiger rückte. Im Osten dämmerte es.

Da stieg die Zeit, die oben im Turm gewacht, den tausendjährigen Wendelstein hinab und zog den Strang:

›Sechs hat die Glocke!‹

Aber niemand hörte die Mahnerin.

Deutschland schlief.

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