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Wenn ich die Sonne grüße ...

Fünftes Kapitel. Adel.

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Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht: Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht! Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd, Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert! Die Scholle der Heimat ist euch vertraut, Der deutsche Acker, den ihr bebaut, Die Sitte, der alte heilige Kitt, Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt! Adel des Blutes ist Vornehmheit, Adel der Seele Persönlichkeit, Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht, Adel ist's, der die Wahrheit sucht. Adel kämpft für Altar und Thron, Adel kennt keinen irdischen Lohn! Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, — Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht!

Es klopfte.

Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf.

»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand. »Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?«

»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie, sich setzend und auf einen Stuhl weisend. Sie freute sich allemal, wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn. Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern die persönliche Rechtfertigung versagt, — eine zu weit gehende, ihre Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge. Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung. Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in Kambach dürfe nur eine Meinung herrschen, war daher nicht ganz unberechtigt.

Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie, und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem sogenannten Sirenenquartier in Kambach, welches der Oberstallmeister seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. — —

Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung, in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die früh verstorbene Mutter.

Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes.

Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen heiligen Respekt vor ihr.

»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick gesehen.«

Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und her.

»Nun also, was gibt's?« fragte sie.

»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du — du sollst die Hände über mein Lebensglück breiten.«

Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend.

»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!«

»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!«

Er sah überrascht auf. »Aber ich bin doch kolossal vorsichtig gewesen!«

Die alte Frau lachte. »Die Auffassung kann ich nicht gerade teilen, aber das schadet ja nicht. Die Hauptsache ist: du hast guten Geschmack! Und das freut mich! Ich wüßte keine zweite, die mir als Enkelin so willkommen wäre, wie Sibylle!«

Harro strahlte. »Ich wußte es!«

Sie nickte. »Es ist nur die Frage, ob sie dich nimmt!«

Er sah die Großmutter voll an. »Sie nimmt mich.«

Der klare ruhige Ernst seines Wesens gefiel ihr. Er erschien in diesem Augenblick gereifter und männlicher als sonst. Und zugleich sagte sie sich, warum er zu ihr kam, und freute sich dessen. Sie sollte seine Fürsprecherin sein. Bei seinem Vater und bei Sibyllens Großvater. Er wollte einen Menschen zur Seite haben, vor dem die beiden Familien Respekt hatten. Dieser Wunsch enthielt ein Zugeständnis der eigenen Mängel und zugleich den Beweis echt kindlicher Ehrerbietung. Denn berechnend war Harro nicht. Er war leichtsinnig und zum großen Kummer der Seinen religiös gleichgültig, aber im übrigen eine durchaus aufrichtige Natur. Sonst wäre sein Verhältnis zu der Großmutter unmöglich gewesen. Denn Frau von Kambach nahm gerade ihm gegenüber kein Blatt vor den Mund, und Harro mußte sich oft messerscharfe Wahrheiten sagen lassen. Aber er kam immer wieder.

Auch heute sagte sich die alte Dame, daß sie den Augenblick nützen müsse, um dem Enkel einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.

»Ich soll die Hände über deine Liebe breiten?« sagte sie lächelnd. »Wie meinst du das? Du weißt, das Ehestiften liebe ich nicht. Es kommt nichts dabei heraus als Ärger und Aufregung, und klappt die Sache nachher nicht, so wird man verantwortlich gemacht. Das ist nichts für eine Frau mit weißen Haaren!«

»Großmamachen, das sollst du ja auch gar nicht. Ich möchte nur, daß der alte Bühler eine etwas bessere Meinung von mir bekommt.« Er hielt inne und blickte auf seine Stiefelspitzen nieder. »Ich — ich habe gestern abend einen kleinen Zusammenstoß mit ihm gehabt, und Papa ist ja leider nicht gerade mein Fürsprecher.«

Frau von Kambach überhörte die letzten Worte.

»Was hast du denn angestellt?«

»Gott — im Grunde nichts. Ich erlaubte mir zu äußern, daß ländliche Hochzeiten im allgemeinen nicht meinem Geschmack entsprächen — da bekam ich's! Zuerst wurde die Unterhaltung halblaut geführt, nur Gräfin Brelow war Zeuge, aber dann muß ich wohl irgend etwas gesagt haben, was dem alten Herrn zu modern erschien, kurz und gut, er erklärte mit gereizter Stimme, es sei ein soziales Verbrechen, wenn die Hochzeit eines Landedelfräuleins in einem Berliner Gasthof gefeiert werde. Ein paar Regimentskameraden drehten sich um, die jungen Mädchen reckten die Hälse, — du kannst dir denken, daß es ein höchst unangenehmer Augenblick für mich war! Ich konnte doch schließlich dem ältesten und vornehmsten Gast unseres Hauses nicht entgegentreten! — Du kamst gerade mit Papa vorbei, als die letzten Worte gesprochen wurden. Die Folge war, daß wir eben eine endlose Auseinandersetzung über die Pflichten des Edelmannes und preußischen Offiziers hatten.«

Exzellenz von Kambach lehnte sich zurück. »Harro, du weißt, daß ich in dem Punkt mit deinem Vater vollständig übereinstimme,« sagte sie ernst. »Er hat ganz recht, wenn er sagt, daß es dir noch am rechten Pflichtgefühl fehlt.«

Harro blickte, an der Unterlippe nagend, vor sich nieder. »Ich bin gar nicht solch ein Luftikus, wie Papa denkt! Ich habe noch nichts Ehrenrühriges getan!«

»Dann würden sie dich auch hoffentlich in Brandenburg nicht behalten. Deine Antwort ist übrigens sehr bezeichnend für dich. Zwischen dem, was unserem alten edelmännischen Begriff gegen die Ehre geht, und dem, was man heutzutage als ehrenrührig bezeichnet, liegt noch sehr, sehr viel. Aber das laßt ihr Jungen nicht mehr gelten, ihr kennt nur den modernen Ehrbegriff. Daß dein Vater das nicht vertragen kann, ist ganz natürlich!« Und die welke Hand, welche die beiden goldenen Trauringe trug, strich glättend über das schwarze Seidenkleid.

»Er fordert sehr viel von seinen Söhnen,« sagte Harro.

»Würde dein Vater so groß vor dir stehen, wenn er weniger von dir verlangte? Ein echter märkischer Junker wird immer einen vollen Lebenseinsatz fordern, die völlige Hingabe an Vaterland und Beruf, mit einem Worte: Mannentreue. Nur ganze Männer sind Persönlichkeiten. Aber was nennt sich heutzutage alles Mann! Nicht die Hälfte dieser weibischen, im Überfluß lebenden Tagediebe verdient diesen Namen. — Lappen sind's! — Sieh dir bitte die sogenannte erste Gesellschaft einmal näher an, — wir sind heruntergekommen, furchtbar heruntergekommen!«

»Großmama!« rief der Enkel in gekränktem Ehrgefühl.

Aber die alte Exzellenz war in ihrem Fahrwasser. Wenn diese Frage angeschnitten wurde, regte sich die Vaterlandsfreundin und märkische Edelfrau in ihr. Und noch eine andere.

»Bitte, laß mich ausreden,« rief sie. »Das muß doch jeder, der offenen Auges durch die Welt geht, erkennen, daß unserem Volke mit dem Christentum die Sittlichkeit mehr und mehr abhanden gekommen ist. Es herrscht bei der heranwachsenden Jugend eine geradezu erschreckende Auffassung von Pflicht und Verantwortlichkeit. Was früher ganz selbstverständlich war, ist heute unmodern und rückständig. ›Man muß sich ausleben,‹ ist das dritte Wort. Das verdanken wir Nietzsche. Es liegt ein Fluch auf seiner christusfeindlichen, widergöttlichen Philosophie, — der Fluch der Unsittlichkeit!«

»Aber Großmama, man kann doch nicht alles verwerfen, was er gesagt hat! Außerdem war er jahrelang schwer krank.«

»Ich denke nicht daran, ihn zu verurteilen,« sagte Frau von Kambach. »Möglicherweise war er besser, als seine Lehre. Sogar christlich gesinnte Männer erklären, bei unbefangener Beurteilung manches Gute an ihm zu finden. Aber das schafft doch die Tatsache nicht aus der Welt, daß er die Lauge seines Spottes über Religion und Christentum ausgegossen hat, und daß seine Saat immer weiter aufgeht.«

»Es ist keiner unter den Lebenden, der ihm an Geist und Begabung ebenbürtig wäre,« entgegnete der junge Offizier. »Seine Schimpfereien auf das Christentum finde ich natürlich unanständig, aber das sind eben Krankheitserscheinungen.«

»Zum Teil, gewiß. Ob sie es durchweg sind, ist erwiesenermaßen zweifelhaft. Aber gesetzt den Fall, sie wären es, Harro — ist's nicht ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß man die Geisteserzeugnisse eines Wahnsinnigen zum Evangelium erhebt? Ich habe immer das Gefühl, daß das, was er verkündigt, unserem verweichlichten kampfesscheuen Geschlecht so gut behagt, weil es sein schrankenloses Triebleben mit Nietzsches Namen decken zu können glaubt. Denn er entschuldigt nicht nur alles, er rechtfertigt es in sittlicher Hinsicht. Diese Weisheit ist das Evangelium Tausender geworden. Und eben dadurch ist uns die Sittlichkeit verloren gegangen.«

»Wir stehen auf dem Höhepunkt der Kultur, Großmama!«

»Jawohl — und waten im Sumpf! Die höchste Blüte der Kultur ist immer die Sittlichkeit gewesen, und nur das Christentum hat sie den Völkern gebracht. Sieh dir doch die Geschichte an! Die alten Griechen und Römer standen, was Kunst und Wissenschaft anbelangt, doch gewiß auf der Höhe, und was war der Abschluß? Sie endeten im Morast, denn ihrer Kultur fehlte die sittliche Edelkraft. Gott sei's geklagt, — so weit sind wir auch! Warum lehnen wir das Christentum ab!«

Der Ulan antwortete nicht.

»Es ist doch nicht nur die arbeitende Klasse,« fuhr Exzellenz von Kambach fort, »die ohne christliche Zucht verloren geht, — die höchsten und allerhöchsten Kreise degenerieren in derselben Weise, das Fremdwort drückt es nur etwas feiner aus. Darum sollte gerade der Stand, der die höchste und schwerste nationale Pflichterfüllung fordert, sich fest auf das Christentum gründen. Denn nur wer seinem himmlischen König die Treue hält, vermag sie auch dem irdischen zu bewahren.«

»Verzeih, Großmama, da muß ich dir widersprechen. Ich kann meinem König sehr gut die Treue halten, ohne an Gott zu glauben. Der Begriff Edelmann ist für mich durchaus nicht von dem des Christen abhängig. Wenn ich meinem König die Treue schwöre, dann halte ich sie ihm auch.«

Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Mein lieber Junge, ich möchte dir nicht wehe tun. Ich zweifle deine Aufrichtigkeit gewiß nicht an. Aber du siehst nicht klar in der Sache. Der Unglaube lehnt das Gottesgnadentum ab — sonst wäre er eben kein Unglaube — kann da noch von wahrhaftiger Königstreue die Rede sein? Gottesleugnung und Königstreue sind unvereinbar, du kannst es mir glauben, und wenn die alte preußische Zucht und der Geist eines vornehmen Offizierkorps die Frage auch äußerlich noch bejahen, der Kitt ist brüchig — denn die Gesinnung steht nicht mit dem äußeren Verhalten im Einklang. Wie verträgt sich z. B. die Stellung des Gottesleugners zum Besuch des Gottesdienstes? Wenn du nicht an Gott glaubst, so ist dein Kirchgang eine Lüge. Versäumst du aber absichtlich den vorgeschriebenen Gottesdienst, so machst du dich des Ungehorsams gegen den obersten Kriegsherrn schuldig. Aus dieser Zwickmühle findet der Gottesleugner keinen Ausweg — findest du einen?«

»Das sind die letzten schwersten Folgerungen, Großmama! Ich muß offen gestehen, so bis ins kleinste bin ich der Frage noch nicht nachgegangen.«

»Bis ins kleinste? Das liegt doch sehr nahe.«

Er zuckte die Achseln.

»Stelle dir einen Sozialdemokraten als Reichskanzler vor,« fuhr sie fort. »Das liegt auf derselben Linie. Kannst du dir einen tolleren Widerspruch denken: Anarchismus und Atheismus Wächter des Königtums von Gottes Gnaden? Es wäre Gotteslästerung!«

»Aber Großmama, was denkst du eigentlich von mir, das würde ich doch im ganzen Leben nicht befürworten,« rief der Enkel erregt.

»Gewiß, Harro, das glaube ich dir. Die Praxis des Wahnsinns befürwortet man nicht. Dagegen hat ihn schon mancher in der Theorie vertreten. Ich bin, wie gesagt, überzeugt, daß du ein königstreuer Mensch sein willst, aber das eine muß ich dir immer wieder aufs neue sagen: das Beste, die sittliche Lebenskraft fehlt dir — das Christentum.«

»Großmama, ich kann doch nichts dafür, daß es mich kalt läßt und mir nichts gibt!«

Frau von Kambach sah ihren Enkel traurig an.

»Als ob du dir jemals die Mühe gegeben hättest, dich eingehender damit zu beschäftigen, Harro! Es heißt: ›Wer da anklopft, dem wird aufgetan!‹ — Was gibt dir denn die Kunst? Würde die Musik dich trösten, wenn du alles, was dir lieb ist, verlörst? Denn so weit bist du doch noch nicht wie jene Tänzerin, die am Sarge Richard Wagners einen Kranz mit der Inschrift niederlegte: ›Lebe wohl, du Gott!‹«

»Nein, so weit bin ich noch nicht!«

»Noch nicht, Harro, aber du steuerst mit vollen Segeln auf die Vergottung des Künstlertums los!«

»Wenn Sibylle ihre Stradivariusgeige spielt, fällt mir allerdings jedesmal der Ausspruch Novalis' ein: ›Der Künstler ist durchaus transzendental.‹ Und Novalis war doch gewiß ein frommer Mann.«

»Das streite ich nicht ab. Aber er war von starker mystischer Veranlagung. Außerdem kann das Wort auch so gedeutet werden, daß jedes Künstlertum transzendentale Züge, d. h. Züge der göttlichen Gabe, trägt.«

Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es anders gemeint ist!«

»Dann beglücke nur nicht Sibylle mit deiner Weisheit, sie faßt ihre Kunst ganz anders auf und würde wahrscheinlich wenig erbaut von deiner Ansicht sein.«

»Sibylle liebt mich,« entgegnete er stolz.

»Mag sein, aber sie hat einen sehr bestimmten christlichen Standpunkt. Wenn du sie aufs Gewissen fragst, wird sie dir dasselbe sagen wie ich, nämlich, daß der Gottesleugner nur ein Gegner des Gottesgnadentums sein kann. Denn wenn sich seine Praxis nicht mit der antichristlichen und antimonarchischen Theorie deckt, so ist er eben kein waschechter Anarchist und Atheist. Und das glaube ich im Grunde von den meisten, auch von dir! Du bist im Grunde gar kein Atheist, mein lieber Junge, laß dir das von deiner alten Großmutter sagen!«

Jetzt erwachte der junge Stolz.

»Aber Großmama, ich bin doch kein Kind mehr, ich muß doch wissen, was ich will.«

»Nein, Harro, du weißt es eben nicht, und es gibt ältere und erfahrenere Leute wie du, die nicht wissen, was sie wollen. Es ist einfach eine Torheit, nicht an einen persönlichen Gott zu glauben und dann seinen Unglauben wissenschaftlich begründen zu wollen. Wahrhaftige Wissenschaft lehnt den Glauben nicht ab. Ihr aber lest die Bibel gar nicht und behauptet dann, sie sei nicht mehr zeitgemäß, dagegen glaubt ihr unbesehen die tollste sogenannte wissenschaftliche Hypothese!«

In dem hübschen jungen Gesicht zuckte Wettergeleucht. Es war wirklich nicht so ganz einfach mit der Großmutter. Und durch Harros frauenhaft eitlen Sinn flog der Gedanke: es spricht doch sehr für dich, daß du dich wie ein Schuljunge abkanzeln läßt und trotz alledem immer wieder kommst. Ein anständiger Charakter und eine gute Kinderstube sind doch unbezahlbar. Und die Kambachsche Freiherrnkrone schimmerte im Goldglanz.

»Du mußt doch bedenken, Großmamachen, daß die Zeiten sich geändert haben,« sagte er. »Nicht nur die Bibel paßt nicht mehr in unsere Zeit, auch unsere ganzen sozialen kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse haben gewechselt. Das zähe Festhalten altadliger konservativer Häuser an Überlieferung und Sitte ist ja sehr schön, aber es kommt mir immer so vor wie eine Ruine, welche die verschlungenen Gewinde tausendjährigen Efeus zusammenhalten, bis ein Sturm das Ganze niederreißt. Und schließlich wirkt solche überlieferte Treue tragikomisch! So ist's auch mit dem Christentum, — mein Gott, man sieht das doch alle Tage!«

»Harro!« — Ein tiefer Schmerz durchzitterte die alte Stimme. »Das sagt ein Kambach, ein preußischer Edelmann, ein Mann, dessen Vorfahren Gut und Blut für Altar und Thron geopfert, das — das sagt mein Enkel?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Sie stand auf und trat ans Fenster. »Das — das ist zuviel!«

Eine flammende Röte war in die Stirn des jungen Offiziers gestiegen. Tränen im Auge der Großmutter konnte er nicht ertragen. Mochte sie bisweilen schroff und hart, mochte sie altmodisch und einseitig in ihrem Urteil sein, sie war die Großmutter, die Frau, die ihm wie so oft schon die Mutter ersetzt, deren ehrwürdige geliebte Gestalt eine scheidende Generation vertrat, die — man mochte sagen, was man wollte — größer, stärker, opferwilliger war, als das Geschlecht von heute. Daß die Greisin den einzelnen für die Gebrechen der Gegenwart verantwortlich machte, war eine berechtigte Schwäche des Alters, welches bekanntlich immer nur die gute alte Zeit gelten ließ. Das durfte man ihr nicht verübeln.

Er sprang auf und trat an ihre Seite.

»Großmama,« rief er, die schmalen Hände an die Lippen ziehend, »verzeih mir, du weißt doch, daß es nicht schlimm gemeint ist! Ich bin doch kein Umstürzler; aber Zeiten und Menschen wechseln, und wir müssen uns ihnen anpassen — es geht nun einmal nicht anders, wir kommen sonst nicht vorwärts im Leben, man geht an uns vorbei zur Tagesordnung über — bitte, versteh mich doch, Großmamachen! Du weißt doch, daß ich so nicht nach Drachenburg zurückkehren kann!«

Er streichelte ihre Hände. Er bettelte und flehte, wie einst das schöne goldlockige Kind: »Sei wieder gut, Großmamachen!«

Exzellenz von Kambach wandte dem Enkel das Antlitz zu. Aus den nassen Augen leuchtete die warme Mutterliebe ihres großen Herzens, — um die Lippen aber lag noch der feste Zug unbeugsamen Willens und unentwegter Rechtlichkeit. Der strahlende Stolz der deutschen Edelfrau wachte über märkischer Ehre, über der Treue zu Altar und Thron.

Und der junge Sproß des alten edlen Geschlechts verstand in den ehrwürdigen Zügen zu lesen und — schwieg.

Dann hörte er ihre Stimme. Es wirkte beruhigend auf ihn, daß sie wieder redete. Denn wenn Großmutter Kambach schwieg, standen die Dinge schlimm. Solange sie aber noch sprach, war Hoffnung auf einen erträglichen Ausgang der Sache vorhanden.

»Ich will dir verzeihen,« sagte sie, und noch zitterte der Schmerz in ihren Worten nach, »aber eins merke dir: das Wort tragikomisch darf ein Edelmann in bezug auf Überlieferung und Sitte, vor allem aber in bezug auf das Christentum nicht in den Mund nehmen, Harro! Wer das tut, ist kein rechter Edelmann. Denn so eng der monarchische Gedanke mit dem Adel verknüpft ist, so eng sind beide mit dem Gottesgnadentum verbunden. Wer diese alte Wahrheit ablehnt, ist darum auch kein echter Vaterlandsfreund. Denn nicht das erlauchte Blut ist's, nicht Macht und Krone sind's, die dem Königtum seine unantastbare Würde verleihen, sondern das Prädikat: von Gottes Gnaden. Es ist darum ganz berechtigt, wenn man das Gottesgnadentum den Lebensnerv des Königtums nennt, und ebenso berechtigt, wenn man das Christentum als Träger und Grundstein des monarchischen Gedankens fordert. Denn wo soll die Achtung vor einer göttlichen Einrichtung herkommen, wenn man nicht an Gott und Ewigkeit glaubt?« Sie seufzte. »Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sie auf dem Gebiet der Jugendpflege die Religion fast durchweg ausschaltet. Als ob Sport und Spiel den Menschen zur Persönlichkeit reiften!«

»Sie sind aber sehr nötig, Großmama, und halten junge Leute, zumal Schüler, von manchen Dummheiten ab.«

Sie schritt an ihrem Krückstock auf den verlassenen Platz zu und setzte sich wieder.

»Gewiß, Harro. Ich kann das Wort ›Ertüchtigung‹ allerdings nicht leiden, aber ich beglückwünsche es trotzdem, daß mehr Gewicht auf diese Seite der Jugenderziehung gelegt wird wie früher. Nur darf man sich, wenn man die Hauptsache ausschaltet, nicht über einen halben Erfolg wundern. Denn Persönlichkeiten erzieht der Geist Gottes. Darum wird das Geschlecht, das wir auf diese Art großziehen, trotz seiner körperlichen ›Ertüchtigung‹ kein Heldengeschlecht werden. Denn ein Leib ohne Geist ist nun einmal tot.«

Harro Kambach sah nachdenklich vor sich nieder. Ein Wort Kurt Breysigs zog ihm durch den Sinn: ›Persönlichkeit ist Kraft, Persönlichkeit ist Adel, Persönlichkeit ist Zucht!‹ Sollte sich dasselbe nicht ohne die Grundlagen des Christentums in die Tat umsetzen lassen? Anderenfalls hätte Breysig hinzufügen müssen: Adel ist Gottesgnadentum. Der Adel des Blutes wäre damit freilich hinfällig gewesen, — allein der Adel des Schaffens und der Gesinnung wäre in Betracht gekommen. Dann hätte allerdings das, was die Großmutter behauptete, zu Recht bestanden: entartete dieser von Gottesbewußtsein belebte und Gottes Kraft gestählte Adel, so war eine Zersetzung von oben nach unten angebahnt. Aber das war eben Ansichtssache — nichts weiter. Es kam alles auf die Auffassung des Weltgeschehens an.

Er sagte es ihr.

»Warum soll ich nicht stark und frei sein ohne Gott, warum soll ich nicht freiwillig Selbstzucht üben können, Großmama?«

»Es mag sein, daß es einem Starken eine Zeitlang gelingt,« entgegnete sie ernst, — »aber« — sie sah ihn fragend an — »ob du so stark bist, Harro? — Außerdem müssen wir mit dem Durchschnitt rechnen und bedenken, was für Stürmen und Nöten ein Menschenherz oft ausgesetzt ist. Du bist noch jung! Stelle dir einmal die Zeit ohne Ewigkeit vor, ohne einen Schimmer von Hoffnung auf das Zukünftige und dich selbst in verzweifelter Lage — glaubst du, daß dein Persönlichkeitsbewußtsein dadurch gefestigt werden würde?«

Er schwieg.

Da fuhr sie fort: »Genau so ist's im Blick auf das große Ganze. Ein ewigkeitsloses Geschlecht ist dem Verfall ausgeliefert. Es lebt ja nur für diese Zeit!« Sie nahm ein Buch von einem neben ihr stehenden Tischchen und blätterte darin. Es währte ein Weilchen, bis die alten Augen fanden, was sie suchten.

Und dann las sie.

»Was ist die Zeit ohne Ewigkeit, ohne den göttlichen Heilsgedanken, der das Irdische in den Glanz des Himmels rückt? Was sind Vaterland und Volksseele, die Einzelgestalt, die du liebst und ehrst? Was bist du selber mit dem heißen Leben deiner Sinne, der Sehnsucht deines Herzens? Eine Eintagsfliege, die morgen vermodert! Fasse es bis ins letzte, schwerste, und dann sage mir, ob du angesichts der entsetzlichen Leere, die dich erfüllt, der unsäglich tiefen grausen Hoffnungslosigkeit, noch den Wagemut hast, die Tollkühnheit, nicht nur zum handelnden oder geistigen Schaffen, sondern zum Kampf, zum Opfer deines Herzblutes, um — ja, worum? Sind's nicht Erde und Asche, um die du streitest? Ist's aber eines freien deutschen Mannes würdig, das Leben für sie einzusetzen? Vaterlandsliebe und Mannentreue, die Arbeit, wie sie auch heiße, die Liebe, welche Züge sie auch trage, der Ehe geheiligte Last und Lust, Mutterglück mit seinen Schmerzen und Wonnen, — was wären sie alle? Ein Nichts, ein Wolkenschatten auf der Heide, das krause Spiel eines pantheistischen Gedankens, einer Laune des Tages? Und hinter dem allem — Tausenden vielleicht ein weltenferner, kaum gedachter Gedanke — der Zweifel, die leise, immer dringender werdende Frage: wenn's anders wäre? Sie läßt dich nicht los, sie zermürbt dir die Sinne, sie hetzt dich hierhin und dorthin. Denn hinter dieser großen Frage, welche der moderne Mensch immer wieder auszuschalten sucht, steht unabweisbar die Schuld. Bis in die Ewigkeit reicht sie. Und die Ewigkeit gibt der Zeit Antwort. Jenes erkenntnistheoretisch Unerklärliche, Unbestimmbare, jene wunderbare Stimme, die lauter als alle anderen Stimmen redet, bezeugt dem Menschen unausgesetzt seine Schuld. Das ist das Gewissen. Die ewige Lampe der Seele hat es einer geheißen.«

Schweigend legte sie das Buch auf den Tisch.

Der Enkel stand am Fenster und schaute kopfschüttelnd hinaus.

»Großmama, da kann ich nicht mit. Warum soll ich meine Persönlichkeit nicht für die Kleinodien einer begrenzten Zeit einsetzen, wenn sie meines Volkes Geschichte umschließt? Warum soll ich es bedauern, daß große Tage ihren Abschluß finden? Im Gegenteil! Gerade der Verzicht auf die Unsterblichkeit läßt uns das einmalige Geschenk des Lebens, das keine Aufhöhung erwarten läßt, höher werten, ja ich möchte sagen, es läßt es uns großzügiger, geschlossener, leidenschaftlicher auffassen, als wenn wir mit einer neuen verbesserten Auflage rechnen sollten. Das Ewige im Sinne der Bibel ist dem modernen Menschen zu unwirklich, er findet weder sein Glück noch seine Zukunft darin!«

»So!? Ist etwa das Glück, das ihr sucht, ein wirkliches? Ist's nicht vielmehr ein Rausch? Was bleibt euch von Genuß und Überfluß, von Liebelei und Mode, von Sinnenlust und Spiel, von Rennen und Kabarett und Austernfrühstück, — was trägt euch der Besuch in einem Hause ein, das ihr in Uniform nicht betreten dürft? Es gibt eine Wirklichkeit, Harro, vor der mir graut!« Die blauen Augen flammten.

Der Enkel senkte den Blick. »Großmama, das gehört nun einmal zum Leben, man darf es nur nicht übertreiben und muß vor allem ein anständiger Mensch bleiben!«

»So!? Du traust dir recht viel zu, mein Junge! Ich frage mich nur, woher du diese übermenschliche Seelenkraft nimmst. Was heißt das: ein anständiger Mensch bleiben? Willst du damit sagen, daß du dich bisher von groben Sünden rein gehalten, daß du noch nicht in unerlaubten Beziehungen zu einer Frau gestanden, daß du noch nicht gespielt hast? Mein Ehrbegriff ist ein anderer. Nicht, daß ich die ganze Welt mit dem Maß messe, das ich an meine Person lege, es wäre ungerecht und kurzsichtig, aber an meine Familie muß ich es legen,« sie hob das weiße Haupt stolz empor, »meine Kinder und Enkel dürfen nicht vergessen, daß sie den Namen Kambach tragen! Du aber bist auf dem besten Wege, dein Blut zu verleugnen, Harro. Ich habe in letzter Zeit verschiedenes über dich gehört, — keine schwerwiegenden Tatsachen, sondern kleine Züge, die aber für deine ganze Persönlichkeit, für deine Stellung im Regiment bezeichnend sind. Einer Frau würde man in Frankreich in solchem Falle mit der Bemerkung ›un peu déclassée‹ das Urteil sprechen. Die Stellung des Mannes ist eine andere, — ich möchte noch kaum von Grenzüberschreitung reden, — und doch, für den Edelmann muß es bis ins kleinste gelten: mein Erstes und mein Letztes ist die Ehre! — Wie ich höre, zieht man sich von dir zurück — etwas Bedenklicheres kann man von einem preußischen Offizier nicht sagen, es sei denn, daß er als der einzige wahrhaft vornehme Mann in einem heruntergekommenen Regiment seine Stellung behaupte. Aber so stehen die Dinge nicht. Das Drachenburger Ulanenregiment vertritt die Elite. Es ist ein schlechtes Zeichen für einen jungen Offizier, wenn sich Männer wie Jobst Dachow, wie die Malwitze und Seelows von ihm zurückziehen.«

»Das war wegen vorübergehender Meinungsverschiedenheiten, Großmama,« sagte Harro mit zerdrückter Stimme, »es ist alles wieder in Ordnung.«

»Mein lieber Junge, ich bin genau so weit unterrichtet, wie dein Vater, der dir eben schon, wie ich annehme, mit echt Kambachscher Gründlichkeit den Standpunkt klargemacht hat. Ich will daher die Sache selbst nicht weiter berühren. Hättest du mich nicht um meine Fürsprache gebeten, so hätte ich überhaupt geschwiegen, aber diese deine Bitte fordert reinen Tisch. Ich muß daher nochmals auf den ›anständigen Menschen‹ zurückkommen. Du faßt diesen Begriff immer noch viel zu eng, und das liegt an deiner Stellung zum Christentum. Das, was ich dir eben vorlas, zeichnet klar und deutlich die heutige entgottete Weltanschauung — einerlei wie sie heißt. Wir brauchen auf keine Einzelheiten einzugehen. Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß der Mensch, der keinen Gott und keine Ewigkeit hat, mit vollem Recht in den Tag hineinleben kann, weil Pflicht und Verantwortlichkeit nicht für ihn vorhanden sind. Damit aber fällt die Sittlichkeit fort. Rede mir nicht darein, — sie fällt fort. Vom schwersten dunkelsten Fall der Schande bis zur kaum angedeuteten Grenzüberschreitung fällt die Sittlichkeit fort. Wir entarten ohne den lebendigen Gott, wir verfaulen bei lebendigem Leibe. Das sind eiserne Worte, namenlos schwere Anklagen, aber sie sind berechtigt. Denn es geht ein Gespenst durch unser Vaterland: der deutsche Verfall!«

Exzellenz von Kambach hielt inne. Ihre Augen blickten an ihm vorüber in den herbstlichen Park hinaus, in die strahlende Ferne, als wollte sie alle, die ihres Volkes waren, ob sie in den Hütten des Heidelandes wohnten oder in den Schlössern der Mark, warnen, beschwören: ›Kehrt um, noch ist's Zeit!‹ Es lag etwas Prophetisches in diesem Blick, etwas Weitschauendes, aber unsäglich Trauriges. Etwas, das von der Einsamkeit der letzten Edelgeborenen redete, von dem Herzleid der letzten Deutschen, die sich zum Kreuz bekennen, von dem Schmerz der Heimatliebe, die sterbend um ihr Vaterland trauert. Und doch war dies Leid untrennbar von dem eisernen Willen, von dem flammenden Stolz, von der unbesiegbaren Kraft dieser Frau. Beugen würde sich dieser Stolz nur vor einem Höheren, — vor dem Haß der Welt, vor der Gemeinheit nie — eher würde er unter dem Schwerte der Revolution verbluten. Harro Kambach kannte diesen Stolz und bewunderte ihn. Heimlich gestand er sich: ›Du besitzt ihn nicht!‹ Und der Gedanke stieg ihm auf: ›Wie kommt eine Frau zu solch starker freier wunderbarer Heimatliebe, woher wird ihr die Kraft, bis ins hohe Alter, so still und selbstlos an einem Werke zu bauen, das sie nach ihren eigenen Aussagen nur als ein verlorenes ansehen kann?‹ Bedeutete nicht jede Kulturarbeit für sie einen hoffnungslosen Einsatz edler Kräfte? Gewiß, aber nur die Kulturarbeit im Lichte moderner Weltanschauung — jede von christlichem Geiste beherrschte Arbeit aber faßte sie anders auf! Und doch — auf der ganzen Linie widersprach das biblische Christentum, das sie so stark betonte, der Wirklichkeit. Oder nicht? Ein leiser, leiser Zweifel erwachte in der Seele des Mannes, ob das, was gerade in den höchsten Kreisen vielfach für rückständig galt, wirklich rückständig sei. Die wenigen seiner Regimentskameraden, die sich das schlichte Christentum ihres Elternhauses bewahrt hatten, waren allgemein beliebt und geachtet. Sie waren durchaus keine Mucker, aber ihr Leben spielte sich in ganz bestimmten Grenzen ab. Harro glaubte, eine solche Unfreiheit nicht ertragen zu können, aber hochhalten und bewundern mußte er diese Persönlichkeiten aus einem Guß.

Und wieder klang die Stimme, die er so liebte, an sein Ohr:

»Wenn ihr nur hören wolltet! Den Glauben kann man niemand einreden, durch Menschenworte findet man nicht seinen Gott — aber das solltet ihr offenen Auges erkennen, daß wir einen schweren völkischen Niedergang zu verzeichnen haben, daß eine furchtbare Zersetzung durch alle Kreise geht. Doch anstatt Hand anzulegen und die entsetzliche Flut einzudämmen, geht man mit bösem Beispiel voran. ›Genußsucht, Spiel, Frauen‹ — der tausendjährige Totenspruch der Völker gilt auch uns. Ein wahrhaft christliches Volk wird diesen dreien immer die Tür weisen — das besagt alles. Aber die Zucht des Christentums paßt uns nicht, denn unser ganzes Wesen ist selbstsüchtig. Darum vergessen wir immer wieder, daß wir Glieder einer großen Kette sind, daß jeder einzelne seinen Teil an der vaterländischen Gesamtpflicht zu erfüllen hat und die Übernahme dieser Pflicht den ganzen Menschen, Leib und Seele fordert. Es ist eine Hauptaufgabe des deutschen Adels, eine germanische Rassenauslese darzustellen. Damit ist nicht nur vor der Verjudung des Adels, sondern vor sozialer kultureller und politischer Verschwommenheit, mit einem Worte, vor dem weibischen Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts gewarnt. Wir haben keine Männer mehr, das ist Deutschlands Unglück!«

Ein zweites Mal klang die zornige Anklage an Harros Ohr. Das Blut stieg ihm in die Stirn.

»Großmama, das ist zu viel! Das darf sich ein preußischer Offizier nicht sagen lassen. Verzeih, — aber —«

Frau von Kambach sah ihn fest an. »Ich bin die erste, die Gott auf den Knien danken würde, wenn mein Enkel sich solche Worte nicht sagen zu lassen brauchte,« erwiderte sie, jedes Wort betonend, mit bebender Stimme. »Du kamst zu mir als ein Bittender. Über deine Liebe soll ich die Hände breiten. Einem Mädchen gegenüber, das — ich sage es mit Schmerz — viel, viel zu gut für dich ist, soll ich deine Fürsprecherin sein, aber die Wahrheit kannst du nicht ertragen!«

Die Erregung übermannte sie. Schwer atmend erhob sie sich und trat auf ihn zu. Das edle Haupt im Witwenschleier stolz zurückgeworfen, stand sie da, und doch wußte er, daß ihre Seele blutete.

Wieder kam das Weiche, Edle in ihm zum Durchbruch. Wieder sagte er sich: vergiß nicht, daß zwei Generationen miteinander ringen, daß dem Alten vor dem Neuen in jeder Form graut, daß es, das Beste wollend, irregeht, — und ertrage die strenge, aber treu gemeinte Art der Frau, die mit mütterlicher Liebe deine Jugend behütete!

»Großmama,« bat er, »versteh' mich, ich bitte dich, und verzeih' mir!«

Sie sah ihn voll an.

Auf dem abgeklärten Gesicht lag stille Trauer. Sie kannte ihn und wußte, daß ein weiches Gemüt und treue Anhänglichkeit ihn zu ihr zurückführten, daß aber ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Es war ja die Verzweiflung ihres Sohnes, daß diese liebenswürdige, die Herzen im Sturm erobernde Art niemals hielt, was sie versprach.

Und sie machte sich hart.

»Du hast ja schon heute abend meine Worte vergessen! Ich kenne dich!«

Aber er bat weiter. »Großmutter, du hast sehr hart zu mir gesprochen, aber ich will versuchen, dich zu verstehen und deine Wünsche zu beherzigen. Nur eins bitte ich dich, verlang' nicht zuviel von mir! In einem Regiment geht es anders zu als in einem ländlichen Gutshause.«

»Das habe ich nie bestritten. Hier wie dort sind Gefahren. Hier wie dort soll man ihnen aus dem Wege gehen, aber,« — sie zögerte einen Augenblick, — »das tust du nicht!«

»Das tue ich doch, Großmama!«

»Harro!«

Er blickte sie an. »Kein Mensch kann mir etwas nachsagen.«

Sie zuckte die Achseln. »Eins wird dir mancher nachsagen können, daß du den alten kategorischen Imperativ: ›Du sollst! Du mußt!‹ nicht mehr kennst! Er bildet die erste Vorbedingung für den anständigen Menschen. Äußerer Disziplin mußt du dich freilich fügen, aber innere Zucht, Selbstzucht kennst du nicht, wie alle, die ihren Gott und Heiland verloren haben.«

Er antwortete nicht.

Totenstille herrschte.

Da klang's durch den Park mit jauchzender Sehnsucht und tiefer Leidenschaft: Geigentöne.

»Die kennt Disziplin, und ihre Liebe muß diese Tat innerer Selbstverleugnung fordern, sonst ist sie nicht echt,« sagte hinüberlauschend die alte Frau.

»Großmama, vergib! Mehr will ich heute nicht! Ich will nichts versprechen, was ich nicht halten kann; ich bitte dich nur: breit' die Hände über mein Glück!«

Sie zauderte noch immer.

Da fuhr er fort: »Das eine kann und darf ich dir versprechen: soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!«

Er sah sie fest an.

Eine Sekunde lang war's ihr, als blicke sie in die treuen blauen Kambachaugen des Sohnes.

Enttäuschung und Zweifel zurückdrängend, hob sie die Hand. Ehrerbietig neigte er das Haupt, und die zitternde Rechte der Greisin ruhte einen Augenblick segnend darauf.

»Gott helfe dir!« sagte sie leise.

Dann nahm er Abschied.

Noch einmal küßte er ihre Hände: »Ich danke dir, Großmama!«

Da umschlang sie ihn in aufwallender Liebe und küßte ihn.

Tief und fest sah sie ihm in die Augen: »Auch für das, was ein preußischer Offizier nicht mit anhören darf?«

Er erwiderte ihren Blick klar und ernst: »Auch für das, Großmama!«

Dann ging er.

Auf den Dielen verklang sein leichter Schritt.

Sie aber trat zum Schreibtisch und nahm ein Kinderbildchen im goldenen Rahmen in die zitternden Hände. Lange, lange, betrachtete sie es. »Ganz wie Ilse!« sagte sie leise vor sich hin. »Ein liebevolles Gemüt, weich wie Wachs, kein Charakter! Nur Eberhard ist ein rechter Kambach!«

Sie stellte das Bild an seinen Platz. Die Hände über den Knien gefaltet, blickte sie ins Land hinaus. »Ob ich's noch erleben werde? Franz Schenker hat Mut, eine Fünfundsiebzigjährige vor die Aufgabe zu stellen, die junge volle Kräfte fordert.«

Es klopfte. Ein Diener trat ein. »Herr Oberleutnant von Roselius!«

»Ich lasse bitten!«

Sie ging dem jungen Ulanenoffizier entgegen der sich ehrerbietig über ihre Hand beugte.

Man setzte sich.

»Gestatten Ew. Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst empfehle,« sagte er, ihrem Anerbieten, abzulegen, Folge leistend. »Darf ich zugleich meinen verbindlichsten Dank für alle widerfahrene Güte und Freundlichkeit aussprechen?«

Die alte Dame blickte wohlgefällig in das offene männliche Gesicht. »Dafür, daß Sie mir zweimal die Freude machten, ein Stündchen bei mir zu verbringen, sollten Sie mir nicht danken, Herr von Roselius!« sagte sie herzlich. »Sie wissen, daß ich mich immer auf das Wiedersehen mit Ihnen freue. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Winter, wenn Sie zu den Bällen kommen, öfter bei mir in der Dorotheenstraße!«

Er verbeugte sich. »Danke gehorsamst, Exzellenz. Es ist eine große Ehre und Freude für mich, kommen zu dürfen!«

Sie nickte ihm zu. Seine schlichte bescheidene, überaus feine Art hatte es ihr längst angetan.

»Sie fahren mit Harro?« fragte sie. »Ich habe noch eine herzliche Bitte an Sie! Haben Sie ein Auge auf ihn! Ich weiß, er hält große Stücke auf Sie, und wenn ein Mensch ihn zu beeinflussen vermag, so sind Sie es. Es fehlt ihm jenes tiefinnerliche, edelmännische Pflichtgefühl, ohne das wahre Heimatliebe nicht lebensfähig ist.«

»Gewiß, Exzellenz. Ich habe bis in die Nächte hinein mit ihm über diesen Punkt gestritten. Der gute Wille ist vorhanden, aber die Grundlage echt vaterländischer Gesinnung fehlt, das Christentum. Das künstlerische Ersatzmittel, das er sich erwählt, wird ihn nicht zum Manne reifen, — noch niemals hat ein Wagnerrausch Persönlichkeiten gezeitigt. Harros häufige Bayreuthfahrten gefallen mir deshalb nicht.«

»Mir auch nicht. Aber noch weniger gefallen mir die Gerüchte, die über ihn umlaufen. Graf Brelow hat neulich mit mir darüber gesprochen, wußte aber nichts Bestimmtes, nur, daß einige Herren sich von Harro zurückziehen. Aber das muß doch einen bestimmten Grund haben. Bitte, schenken Sie mir reinen Wein ein! Er steht doch nicht etwa in einem unerlaubten Verhältnis zu einer Frau?«

»Nein,« entgegnete Roselius entschieden, »es ist mir wenigstens nichts davon bekannt.«

Frau von Kambach blickte ihr Gegenüber fest an. »Spiel?« fragte sie leise.

Er sah einen Moment vor sich nieder, dann richtete er den ehrlichen Blick voll auf die alte Dame. »Exzellenz, das ist eine sehr, sehr schwere Frage. Stellte sie ein anderer an mich, ich würde mit einem runden Nein antworten. Denn solange ich nicht mit meiner Person für eine Tatsache eintreten kann, ist der Wahlspruch meines Vaters auch der meine:

›Es gibt im Heiligtum der Ehre Ein Allerheiligstes, — des andren Ehre!‹

Zu meinem tiefsten Schmerz muß ich Ew. Exzellenz als Harros Großmutter eine andere Antwort geben. Von einem Freunde weiß ich, daß er in Drachenburg und Berlin häufig mit Herren aus anderen Regimentern zusammen gesehen worden ist, die in bezug auf Spiel und Damenverkehr keinen ganz einwandfreien Ruf haben. Der Beweis, daß er selbst — das betone ich nochmals — in irgendeiner Weise entgleist ist, hat bisher gefehlt. Aber dieser Umgang schadet ihm natürlich.«

Er schwieg. Ein tiefer sittlicher Ernst lag auf den klaren Zügen.

›Fänd' ich einmal in Harros Gesicht solchen Ausdruck,‹ zog es Frau Sabine durch den Sinn. »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist,« entgegnete sie und strich seufzend über das weiße Haar. —

Es klopfte.

»Herr Baron, der Wagen wartet,« meldete der Diener.

Roselius erhob sich. »Ich verspreche Ew. Exzellenz, die Augen offenzuhalten und im übrigen zu tun, was in meinen Kräften steht und kameradschaftliche Pflicht mir gebietet!«

»Haben Sie herzlichen Dank!« Sie geleitete ihn zur Tür »Gott befohlen!«

Noch einmal beugte er sich über ihre Hand, und die dunklen Augen blickten sie ernst an.

›Noch ernster als sonst!‹ dachte sie, während ihr Blick der vornehmen Erscheinung folgte. Sie wußte, was es ihn gekostet, Ilses Hochzeit mitzumachen, wußte, daß er noch immer einen heißen Kampf kämpfte! Warum konnte es nicht anders kommen? Die Enkelin war ihr ein Rätsel!

Sinnend stand sie am Fenster und sah den Abfahrenden nach. Außer dem Hausherrn und Eberhard waren Brelows und die übrigen Gäste auf der Freitreppe versammelt. Sibylle stellte wie immer die jungen Mädchen der Umgegend in Schatten. Jedenfalls trug sie den Namen, den ihr das Drachenburger Ulanenregiment verliehen, mit Recht, und niemand mißgönnte ihr ihn. Denn ›Brandenburgs Rose‹ war aller Liebling. — In ihrer natürlichen Anmut stand sie an das Gitter gelehnt und blickte lächelnd auf das fröhliche Bild. Ein großer Jagdwagen voll junger Offiziere stand zur Abfahrt bereit.

Harros Blicke hingen an der schönen Erscheinung. Hinter der hellen Gestalt glühte der wilde Wein an der Mauer. Der Wind spielte mit dem schwarzen Haar, der duftige Stoff des eleganten Sommerkleides flatterte in leichten Volants um den blendenden Hals und die schlanken Arme. Eine Rose, die er ihr am Morgen gebracht, blühte an ihrer Brust.

Sie fühlte den heißen Blick des Mannes und senkte befangen die Wimpern.

Aber nicht nur der Kambach hatte Augen für weiblichen Liebreiz.

In dem Augenblick, als die Füchse anzogen, klang's wie auf Kommando in den strahlenden Mittag:

»Hoch Brandenburgs Rose!«

Was auf der Treppe stand, stimmte in die fröhliche Huldigung ein.

Sibylle wurde flammend rot, faßte sich aber rasch und wandte sich dem kleinen Eberhard, der sie wie eine Heilige verehrte, lachend zu: »Ihr meint ja doch nur meine Geige!«

Er sah sie mit seinen blauen Kambachaugen ehrlich an: »Aber Billy, dann würden wir's doch sagen!«

Alles blickte lächelnd auf Sibyllens ritterlichen kleinen Freund, der seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt folgte, ihr Blumen brachte und den leisesten Wunsch von den Augen las. Dunkelrot stand er da.

Aber Sibylle schlang den Arm um seinen Nacken und sagte: »Du hast ganz recht, Eberhard, so gehört sich's — ihr würdet's mir sagen!«

Ein leuchtender Blick dankte ihr.

»Wir gehen nachher noch etwas in die Heide,« flüsterte sie ihm zu. — —

Unter Grüßen und Tücherschwenken fuhren die jungen Söhne der Mark durch die roten Ebereschenalleen ihren Garnisonen zu.

Aber die Brautjungfern schlossen einen Kreis um Sibylle und sangen das alte Kranzlied.

»Hoch Brandenburgs Rose!« jubelte es von der Dorfstraße herüber, und wie eine Antwort zog es in den klaren Herbsttag hinaus: »Wir winden dir den Jungfernkranz!«

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