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Wenn ich die Sonne grüße ...

Vierzehntes Kapitel. Jutta.

Reading edition

Weißt du nicht, daß späte Rosen In der Herbstzeit schnell verblühen? Daß sie frühe sich entfalten Und ums Abendgold verglühen? Daß ein kurzes helles Leuchten Auf den roten Blättern schimmert, Wenn des Taues Brautgeschmeide In den dunklen Kelchen flimmert? Duftend wird die letzte Rose Deiner Liebe sich erfreuen, Und die samtnen Spätherbstblätter Still auf deine Pfade streuen. Feiernd geht der Tag zur Neige, Wenn die Schnitter heimwärts ziehen, Und beim Klang der Abendglocke Leuchtender die Felsen glühen ...

»Eins steht fest: Wir können heute gleich zwei Ortsgruppen gründen, eine agrarische und eine militärische!« sagte der Oberstallmeister lachend zu seiner Mutter, die, auf den Arm des Sohnes gestützt, der Gutskirche zuwanderte. »Na, dann ist wenigstens ein Anfang gemacht, dem der klingende Beigeschmack hoffentlich nicht fehlt! Denn wir brauchen Geld! — Du sagst: ›Das wird schon kommen!‹ Ja, mein Himmel, in den Mund fliegen einem die gebratenen Tauben heutzutage nicht!« Er grüßte freundlich hierhin und dorthin. Es ist doch großartig, — in corpore sind die Leute erschienen! Die ganze Umgegend ist da. In Bühl kann tatsächlich nur der Nachtwächter zu Hause geblieben sein, mit Kind und Kegel ist das Volk angetreten. Und sieh mal die Bauern! Alle Achtung! Ich hätt's nicht für möglich gehalten! — Was hat da nu gezogen? Gräfin Sibylle Bühlers Stradivariusgeige oder der neue Bund und sein interessanter Direktor? Jedenfalls war's eine gute Idee von Billy! Überhaupt die als Schwiegertochter! Wenn aus Harro noch mal was Vernünftiges wird, können wir's ihr danken. Auf seine Haltung als Bräutigam gebe ich natürlich nichts, aber Roselius hat mir vor einiger Zeit gesagt, wenn ein Mensch Einfluß auf ihn habe, sei sie es.«

Die alte Dame nickte. »Er hat sich in letzter Zeit entschieden zu seinem Vorteil verändert,« stimmte sie dem Sohne bei. »Ich glaube, Eberhards Tod hat auch dazu beigetragen!«

»Mag sein. Ich schiebe viel auf seine veränderten Gefühle für Bühler. Harro liebt Ilse sehr, sie haben alles miteinander geteilt, — nun zeigt ihm ihre Ehe den Mann, den er seinen Freund genannt, im wahren Licht. Das muß ihm zu denken geben! Ich halte es immer für das beste, wenn das Leben einen Menschen erzieht. Das ist das sicherste Verfahren. Aber wenn es ihn zu Gott zurückführen soll, muß es ihn doch noch anders anfassen. Denn solange er dieser verrückten Weltanschauung huldigt, wird nichts aus dem Jungen. Er weiß ja selbst nicht, was er glaubt!«

»Vielleicht hat Gott ihm gerade deshalb diese Frau in den Weg gestellt,« meinte die Greisin und blieb Atem holend stehen.

Mit hellen Augen sah sie sich um — —

Über der alten Dorfkirche, über dem Kranz knospender Linden blaute der Himmel. Mückenschwärme tanzten in der Sonne, Bienenvölker summten in den Kronen. Wie die Säulen eines alten Doms umrahmten die grauen Stämme die feinen stimmungsvollen Bilder des märkischen Tieflandes, das licht getönt herübergrüßte. Schmucke Dörfer, vom Kirchturm gekrönt, nickten herein, sonnige Heidhügel, blaue Seen im Sonnenglanz, farbenfröhlichen Wandgemälden gleich, vom grünen Dach der Sommerlinde überschattet. Und zwischen den Grabsteinen, auf den Wegen ein buntes Durcheinander von Menschen aller Art, die in Gruppen redend beisammen standen: Landadel, Offiziere, Honoratioren, Bauern, selbst der schlichte Arbeiter und sein Weib fehlten nicht.

Herr von Kambach und seine Mutter hatten ein paar Drachenburger Ulanen begrüßt, dann traten sie an eine Bauerngruppe heran.

Ehrerbietig entblößten die Alten die weißen Köpfe, und eine lebhafte Unterhaltung entspann sich über den Bund, der heute seine erste Ortsgruppe erhalten sollte.

Ein ehrwürdiger Dreilindener Bauersmann erklärte, zuerst sei's ihn hart angekommen, daß er seinen Pastor, nachdem er's eben gelernt, den Herrn Christum recht zu verkünden, wieder hergeben solle, aber nun, wo er neulich auf der großen Versammlung gehört, wozu man ihn haben wolle, könne er nichts dagegen sagen. Denn so eine Sache, wie der Bund bibelgläubiger Christen, habe schon lange gefehlt, und der Direktor, der an die Spitze trete, müsse ein ganzer Mann sein. Und das sei Herr Pastor Wendler. Für Kambach und Dreilinden und die anderen eingepfarrten Güter sei sein Fortgang ein großer Verlust, aber wo es sich um eine Sache handele, die dem ganzen deutschen Vaterlande zugute käme, dürfe man nicht an sich denken.

Exzellenz von Kambach nickte ihm freundlich zu. »Das ist recht, Rudow, wir müssen auch Opfer bringen können.«

Des Alten Augen leuchteten.

»Det häbb' ick och all jesäd, Exzellenz!« — —

Auf den Arm des Sohnes gestützt, wanderte die greise Frau weiter, von Gruppe zu Gruppe. Überall wußte sie das rechte Wort, überall freute man sich beim Nahen der ehrwürdigen Gestalt.

Vom Turm schlug es drei. Durch die geschmückten Pforten kam der lange Zug und füllte das Schiff. Aber der Raum reichte nicht aus. In den Gängen standen die Menschen, auf den Stufen, vor der offenen Kirchtür saß, was drinnen keinen Platz mehr gefunden.

Und dann begann auf dem Orgelchor ein leises Tönen, ein Klingen und Flöten wie Hirtenschalmeien, ein Locken und Werben, als lüd' eine helle Stimme zum festlichen Singspiel: die Stradivariusgeige.

Wer ihre Geschichte kannte, hob unwillkürlich den Blick zu dem Bilde der Ahnfrau empor. Mit lieblichem Lächeln schaute die schöne dunkelhaarige Frau im weißen Atlaskleide auf die Anwesenden nieder. Eine rote Rose blühte in ihren Locken, so leuchtend und farbenfrisch, als sei sie eben gepflückt, ein kostbarer Schmuck flimmerte auf dem weißen Halse.

Und die Geige jauchzte durch die stille Kirche. — —

Als habe sie den alten vergoldeten Rahmen verlassen und sei in den Kreis der Lebenden getreten, stand Sibylle an der Brüstung des Chors, das Ebenbild jener Frau, die mit ihrer Liebe die Kunst in das Kambacher Herrenhaus getragen. Ihr Erbe aber war den Bühlers zurückgegeben worden. Doch als seien die Saiten der Stradivariusgeige unlöslich mit der Geschichte des alten Geschlechts verknüpft, ward ihre Trägerin eines Kambachs Braut. Im schlichten weißen Sommerkleide, einen Strauß dunkler Rosen an der Brust, das schöne Haupt über die Geige geneigt, spielte Sibylle Bühler das Largo von Händel. Orgeltöne mischten sich sanft mit den wundervollen Klängen. Ein junger Berliner Musiker, der sie häufig begleitet, stellte an diesem Tage seine Kunst in den Dienst der großen Sache.

Die Zusammenstellung war äußerst geschickt. Kein schwer verständliches Tonstück, keine dem einfachen Manne unverständliche Musik erklang in der kleinen Dorfkirche, — echte deutsche Kunst im kirchlichen Gewande grüßte das Volk. Wenn etwas an die Herzen griff und für einen großen heiligen Zweck zu werben geeignet war, so war's das Spiel dieser beiden jungen Menschen, die ihre ganze Seele in die Kunst legten.

Wenn die Geige schwieg, sang Sibylle mit Gräfin Brelow zweistimmige Lieder.

Lautlose Stille herrschte im Schiff. Keiner Predigt hätten die märkischen Bauern andächtiger gelauscht. Regungslos saßen sie neben ihren Frauen und Töchtern in den Kirchenbänken, und manches Auge ward feucht.

Die letzte Nummer, eine Bachsche Kantate, war verhallt, da klangen noch einmal die beiden schönen Frauenstimmen vom Chor. Leise und zart schwebte es durch die Kirche:

›Das ew'ge Licht geht da herein, Gibt der Welt ein'n neuen Schein! Es leucht't wohl mitten in der Nacht, Und uns des Lichtes Kinder macht — Kyrieleis!‹

Tiefes Schweigen herrschte. Unbeachtet zogen die Laute des Lebens an der offenen Pforte vorüber, an der stillen Allerseelenfeier drinnen.

Im hohen dunklen Chorstuhl saß Pastor Wendler am Altar. Seine Gedanken waren bei dem sterbenden Kinde, dem er Steine für Brot gegeben. Zum Dank dafür hatte es ihm die lebendige Quelle gezeigt ...

Sein Blick schweifte zu der greisen Frau hinüber, die mit dem hoffnungsvollen Enkel ein Stück Lebensfreude ins Grab gelegt. Den Kopf in die Hand gestützt, saß sie, den festlichen Klängen lauschend. Auf dem ehrwürdigen Gesicht lag's wie Verklärung, aber dann drückte sie doch das Spitzentaschentuch an die Augen.

An ihrer Seite saß der Oberstallmeister. In dem männlichen Gesicht arbeitete es, auch ihn packte die Erinnerung.

Und durch die Seele des Einsamen zog ein heißes Dankgebet, daß es ihm vergönnt gewesen, mit den beiden treuen Menschen ins reine zu kommen, bevor diese ernste heilige Stunde sie gemeinsam grüßte. Der Heimgekehrte konnte ihnen, ob auch um Vergangenes trauernd, offen in die Augen sehen, der Verirrte hätte es nicht gekonnt. —

›Das hat er alles uns getan, Sein' groß' Lieb' zu zeigen an! Dess' freu' sich alle Christenheit, Und dank' ihm das in Ewigkeit — Kyrieleis!‹

tönte es vom Chor.

Leise, leise, als trügen Engelsflügel eine Seele nach Hause, zogen die weichen Töne in den Sommertag hinaus.

Dann ging eine Bewegung durch die Reihen.

Unter den brausenden Klängen des Händelschen Festchors ›Seht, er kommt mit Preis gekrönt‹, leerte sich die Kirche. — —

An den Ausgängen standen drei der ersten Bundesmitglieder mit Tellern, unter ihnen der alte Schenker. Mit würdevoller Miene sah er vor sich nieder, als habe er nichts mit der Sache zu tun. Aber die alten Augen beobachteten um so schärfer.

Eine Viertelstunde später trat er mit seinen Genossen in die Sakristei.

»So, Herr Pastor, da bringen wir den Bundesschatz! Nu fehlt man bloß noch der Schatzmeister! Was der olle Mammon doch für 'ne Rolle spielt! Da freut man sich nu wie so'n klein' Jung', der von Muttern 'n Stück Gebratenes aufs Brot gekriegt hat! Aber wir bringen auch 'n ganzen Batzen!« Seine Augen vergrößerten sich. »Über die Hälfte is Gold, und in mein'n Teller hat jemand 'n blauen Lappen eingebuddelt. Wie's geschehen is, weiß der Himmel! Mitten mang unter die Goldstücke seh' ick da plötzlich zu meine größte Verwunderung so was wie'n blauen Zippel! Ick trau' meinen Augen nich! ›Schenker,‹ häbb ick jesäd, ›du wirst woll swach in'n Kopp!‹ Aber nee! Als ick zufass', hab' ick wahrhaftig 'n Hundertmarkschein bei'n Wickel! Hier is er!« Triumphierend hob er den Schein in die Höhe.

Alle lachten.

»Nu wollen wir aber ans Zählen gehen!« sagte der Kirchenälteste.

Und sie setzten sich um den Tisch.

Drei weiße Köpfe beugten sich über die Teller.

Wendler sah dem alten Kammerdiener über die Schulter. »Bei Ihnen scheinen die Kambacher und Dreilindener gewesen zu sein, Herr Schenker!«

»Und die Herren Offiziere! Die lassen sich nicht lumpen, Herr Pastor, wenn Brandenburgs Rose die Geige spielt!«

Wieder klang das Klappern der Münzen.

Endlich waren die Alten fertig. Die drei Summen wurden zusammengezählt.

Kopfschüttelnd blickte der Kirchenälteste auf das Ergebnis. »Das ist unmöglich!«

»Ick hab' mir nich verrechnet,« erklärte Schenker spitz, »ick hab' in der Schule für Kopfrechnen immer ›gut‹ bekommen.«

Der alte Müller gab für seine Person dieselbe Ehrenerklärung ab.

Da sagte der Schulze beleidigt: »Die Herren werden mir doch nicht zutrauen, det ick das Einmaleins verlernt habe? Darf ich bitten, Herr Pastor?«

Er reichte Wendler das Blatt.

Der überflog die Zahlen und trat an den Tisch. »Wir wollen die Einzelsummen noch einmal nachrechnen.«

Alles stimmte.

Da erklärte Wendler: »Die Rechnung ist richtig: neunhundertundsiebenundneunzig Mark!«

»Alle Achtung!« rief der Müller.

»Det häbb ick doch jesäd, die Sache stimmt!« Schenker schlug mit der Hand aufs Knie. »Aber daß da drei Mark an tausend fehlen, das geht nich an!« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und legte einen Taler auf den Tisch.

»Bravo, Schenker!« rief der Pastor. »Zur Belohnung tragen Sie den Bundesschatz ins Gutshaus. Dann erfahren wir auch gleich, wieviel Mitglieder sich noch gemeldet haben!«

Schenker verbeugte sich. »Ich dank' auch für die Ehre, Herr Pastor!« sagte er; dann nahm er mit einer Miene, als sei ihm der Hort der Nibelungen anvertraut worden, den Geldsack vom Tisch und verließ erhobenen Hauptes die Sakristei.

Eine Viertelstunde später ging Pastor Wendler die Dorfstraße entlang, dem Herrenhause zu.

Der Weg war heiß und staubig; so beschloß er, den kleinen Umweg über die Wiesen zu machen.

Ein erfrischender Wind wehte ihm entgegen. Grillen zirpten im Grase, Falter gaukelten über dem Moor. Am Bachrand blühten Vergißmeinnichte, und das Sumpfgras flatterte neben der duftigen rosa Federnelke. Es war schön in der stillen Natur.

Ein Kiefernwäldchen nahm ihn auf. Gedankenverloren wanderte er den Pfad entlang.

Immer einsamer ward der Forst, immer weltabgeschiedener, und doch waren menschliche Wohnstätten in der Nähe. Aber ihren Bewohnern waren Heimaterde und Waldstille heilig. Sie hüteten das deutsche Erbe.

Gedankenverloren wanderte er weiter.

Über den Wiesen verwehten die Laute des Lebens, — er hörte sie nicht. Die Einsamkeit redete zu seiner Seele.

Sie hatte es oft getan in letzter Zeit. In dunklen Nächten hatte sie frisches Öl auf die ewige Lampe gegossen, die Trägerin jener strengen heiligen Flamme über den Tiefen der Seele. Und als die Leuchte des Gewissens zur Fackelhelle entfacht war, als die gewaltige Gesetzesgeberin unumschränkt im Hause regierte, da geleitete die Einsamkeit eine lichte Gestalt in den Garten des Mannes und sagte: ›Laß sie deine Rosen gießen, derweil du den Wein schneidest!‹

Zaudernd stand er: ›Schon einmal freit' ich vergebens!‹

Sie schaute ihm ernst ins Angesicht. »Damals verachtetest du, was echter Frauenliebe am höchsten steht! Damals wiesest du auf den schönsten Stein in ihrer Krone und sprachest: ›es ist ein Kiesel!‹ — das Blatt hat sich gewendet!«

Ja, das Blatt hatte sich gewendet! Sinnend ging sein Blick über die Frauengestalt mit dem Kränzlein im Haar. »Jutta,« sagte er leise.

In tiefen Gedanken wanderte er weiter.

Da hörte er plötzlich von einem Seitenpfad Stimmen herüberklingen.

Lauschend blieb er stehen.

»Und ich sage dir, wenn du nicht aus Überzeugung unser Mitglied wirst, so hat deine Zugehörigkeit nicht den geringsten Wert,« sagte eine Frauenstimme.

»Aber, lieber Schatz, die Hauptsache ist doch der Beitrag! Habt ihr denn so viele Mitglieder, die zwanzig Mark bezahlen?«

»Nein, durchaus nicht.«

»Ja, was willst du denn? Freu' dich doch!«

Wendler bog die Zweige auseinander. Ein weißes Kleid schimmerte durch die Büsche. Er erkannte das Brautpaar. Der Offizier hatte den Arm um das junge Mädchen gelegt, ihre Hand lag in der seinen. Den dunklen Kopf gesenkt, sah sie vor sich nieder.

»Meinst du wirklich, Gott könne sein Werk nicht ohne uns und unser Geld treiben?« hörte Wendler Sibylle sagen.

»Ja, was bedeutet denn die ganze Sache?«

»Sie bedeutet, daß seine erlösten Kinder Arbeiter am Bau seines Reiches werden sollen, Menschen, die aus Dank und aus Liebe zum Heil ihres Volkes und zu Gottes Ehren arbeiten!« rief sie lebhaft. »Eine bloße Geldspende, die gar nicht der Sache zuliebe gegeben wird, hat also im letzten Grunde keine Bedeutung. Denn Gold und Silber sind tote Werte, solange die Liebe sie nicht geheiligt hat.«

»Aber ich gebe mein Geld dir zuliebe, Billy, — bist du denn nicht viel mehr wie diese Sache?«

»Im Gegenteil, ich bin viel weniger. Denn es geht um unseres Volkes Ewigkeit. Ich aber bin nur ein leicht zu ersetzendes Glied in der Kette der Männer und Frauen, die das Werk treiben! Du mußt die Sache großzügiger auffassen, Harro! Himmlische und irdische Liebe sind zweierlei!« Ein Seufzer verwehte.

»Ich kann da nicht mit,« sagte er mit zerdrückter Stimme.

»Weil du an keinen persönlichen Gott glaubst,« klang es traurig zurück. »Wer keine Ewigkeit hat, kann natürlich auch keine Ewigkeitsarbeit treiben. Das wäre Widerspruch.«

Dann war es still zwischen den beiden. Nachdenklich blickte der Oberleutnant ins Grüne, während die Braut mit ihrem Sonnenschirm Figuren in den Sand zeichnete.

Wartend stand der Geistliche. Die Sache interessierte ihn. Nicht nur psychologisch; auch der Bundesdirektor fragte sich: ›Was folgt nun?‹ Daß sich zudem ein klein wenig menschliche Neugier in dies Interesse mischte, gestand er sich nicht ein.

Und dann kam's, worauf er gewartet.

»Sag' mal, Billy, warum hast du eigentlich ›ja‹ gesagt, als ich um dich anhielt? Dein Höchstes und Bestes kann ich nicht anerkennen — du hast's mir ja freilich gleich damals gesagt, daß es dir schwer werde, daß wir uns darin nicht verständen, aber erst seit einiger Zeit merke ich, welch eine Macht deine Weltanschauung auf dich ausübt — leidest du nicht darunter?« Harro Kambach hatte sich vorgebeugt und sprach eindringlich zu seiner Braut. »Ich hab's dir doch alles ehrlich vorher gesagt, Kind!«

Sibylle Bühler hatte ihr Spiel mit dem Sonnenschirm aufgegeben. »Ich hab' ›ja‹ gesagt, weil ich dich grenzenlos liebhab', — weil ich mir sagte, ein so ehrlicher Mensch, wie du, findet früher oder später seinen Gott. Denk' nur nicht, ich bildete mir ein, die Liebe zu mir würde dich zum Glauben bringen. Dann wärst du kein rechter Mann, vor allem aber wäre dein Glaube nicht der rechte. Glaube, der auf Frauenliebe gegründet ist, ist kein Glaube, denn er wurzelt nicht in persönlicher Erfahrung. Die Heilsgewißheit fehlt ihm. Ich kann für dich beten, kann dir den Weg zeigen, — und das will ich tun, soweit es in meinen Kräften steht — mehr kann ich nicht. — —

›Nach der Wahrheit steilen Burgen Mag ein andrer wohl die Pfade Dir durch Dorn und Felsen zeigen: Führen kann nur Gottes Gnade!‹[5]

Kennst du den Vers? In einer Zeit, wo ich im Zweifel war, ob ich der Sehnsucht meines Herzens folgen dürfe, fand ich dies Dichterwort.« Die dunklen Augen strahlten ihn an: »Nun weiß ich's, ich darf deine Wegweiserin sein!«

Er zog sie an sich. Ihr Haupt ruhte an seiner Brust.

In tiefer Bewegung beugte er sich über sie und küßte sie. »Und wenn ich dir nicht folgen kann?«

Wieder hob sie den Blick voll zu ihm auf. »Weißt du, wie es weiter heißt?

›Die Erkenntnis ist das Erbe Nicht der Weisen, nein der Frommen! Nicht im Grübeln, nein im Beten Wird dir Offenbarung kommen!‹

Und dann das Letzte, Schönste:

›Soll ein Menschenauge schauen, Muß der Himmel sich erschließen, Und ein Strahl von seinem Lichte In das dunkle Herz sich gießen.‹«

Ihre Stimme bebte. »Führen kann nur Gottes Gnade!« sagte sie leise.

Wendler sah noch, wie über das Antlitz des Mannes ein Schatten flog, wie er schmerzlich den Kopf schüttelte, dann verließ er leise sein stilles Versteck.

Nachdenklich wanderte er weiter.

Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den Kronen.

›Das ist echte Frauenliebe,‹ dachte er, ›Wegweiserin will sie dem Manne sein!‹

Unwillkürlich zog er den Vergleich zwischen Sibylle Bühler und der Frau, nach deren Liebe er sich sehnte, wie nach einem frischen Trunk, — sie hatte sich ihm versagt. Sie hatte es übers Herz gebracht, ihm zu weigern, was wahrhaftiger Frauensinn mit vollen Händen austeilt, hatte vergessen, daß ein echtes Weib nur dann glücklich ist, wenn es einem geliebten Menschen zum Quell der Erquickung und des Segens wird. Oder nicht? Hatte sie gelitten, gedarbt? Wartete sie auf sein jubelndes Bekenntnis: ›Dein Gott ist mein Gott!?‹ Er grübelte weiter. Sibylle Bühler reichte einem Manne die Hand, der viel weniger glaubte, als er geglaubt, der im Grunde überhaupt keine Religion, sondern nur eine moderne Weltanschauung besaß, — Jutta Eichel wies den glühenden Jesusverehrer von sich. Und doch standen diese beiden Frauen auf gleichem Boden, auf dem Boden des bibelgläubigen Christentums. Beide kannten das Wort: ›Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das Weib.‹ In echt frauenhafter Demut hatte sich die junge Gräfin unter dies Wort gestellt, — die Tochter des orthodoxen Pfarrhauses hatte es nicht vermocht. Oder lagen die Dinge anders? Er grübelte weiter. In heißer Sehnsucht, sich selbst und dem Weibe, das er noch immer mit seiner ganzen Manneskraft liebte, gerecht zu werden, zwang er sich zum Nachdenken.

Und dann stand er plötzlich tief aufatmend still.

Beide hatten recht gehandelt, die eine, als sie sich dem Manne angelobte, dessen verflachte Weltanschauung ihn halt- und führerlos gemacht, die andere, als sie in heiliger Sorge um den eigenen Glaubensschatz dem Geliebten auswich, der ihr die toten Früchte menschlicher Weisheit bot. Sie hatte recht gehabt, als sie ihn von sich wies, sein Wissensdünkel hätte sich niemals vor einem Weibe gebeugt. Über ihn hatte ein Gewaltiger kommen und sein Werk in Stücke brechen müssen, daß er's im tiefsten erschütterndsten Sinne erlebte: ›Führen kann nur Gottes Gnade!‹ Und er hatte es erlebt. Was ihn einst ein Makel gedünkt, war heute sein jubelndes Bekenntnis: ›Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen!‹

Aber seine Sehnsucht nach Frauenliebe war gewachsen. Wie würde Jutta Eichel ihm heute begegnen? Er hatte sie seit jener Stunde nicht wieder allein gesehen, obwohl er in den letzten Wochen häufig in Bundesangelegenheiten bei der alten Exzellenz gewesen, aber ihre Gesellschafterin war stets abwesend, oder huschte nur mit einer dringenden wirtschaftlichen Frage durchs Zimmer. Ob sie nichts mehr von ihm wissen wollte? Seufzend blickte er auf.

Wo war er hingeraten?

Der Wald hatte sich gelichtet. Zwischen den dunklen Stämmen schimmerte das Grün der Wiesen. Er trat ins Freie. Wahrhaftig, da lag Dreilinden! In seiner Erregung hatte er einen verkehrten Weg eingeschlagen.

Freundlich grüßten die roten Dächer des Gutshauses über die Felder. In den leise wehenden Zweigen der Birken spann die Sonne ihre goldenen Netze. Ein leuchtender Falter gaukelte über dem Rain. Und die Fenster drüben blinkten und lockten, und der Wind trug die Klänge eines alten Volksliedes herüber:

›Meine Mutter hat's gewollt! Den andren ich nehmen sollt'! Mein Herze sollt vergessen, Was es zuvor besessen, — Das hat es nicht gewollt! Meine Mutter klag' ich an! Sie hat nicht wohl getan! Was sonst in Ehren stünde, Nun ist es worden Sünde, — Was fang' ich an? Für all mein'n Stolz und Freud' Empfangen hab' ich Leid! Oh, — wär' es nicht geschehen, Oh, — könnt' ich betteln gehen Über die braune Heid'!‹

Wie ein Alp legte sich der schwermütige Sang auf seine Seele.

Er strich mit der Hand über die heiße Stirn.

Was war das? Verwehter Heidezauber? Der Spuk nahender Dämmerung?

›Meine Mutter hat's gewollt!‹

Sie hatte ja nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder, noch Schwester, und kein anderer hatte an ihre Tür gepocht; er wußte es. Aber das Erbe des Elternhauses besaß sie voll und ganz und hielt es mit starken reinen Händen fest. Und in diesem Sinne traf ihn in dieser Stunde das Wort bis ins Mark. Was sie fernhielt, war trotz allem, das sie in letzter Zeit über ihn gehört, die Sorge um das heiligste Erbe des Vaterhauses. Und mit plötzlicher Klarheit stand's vor ihm: Frauenliebe versteht dich erst, wenn du selbst vor sie hintrittst: ›Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!‹ Was hatte ihn abgehalten, alle Hindernisse überwindend, zu ihr zu gehen? Die Scheu vor dem Eingeständnis des Riesenirrtums, der seine Seele in Fesseln geschlagen?

Nun und nie!

Der Stolz?

Das Blut stieg ihm in die Stirn. Pochte einmal abgewiesene Mannesliebe ein zweites Mal an die Tür eines Weibes?

Er preßte die Lippen zusammen. Ja, der Stolz war's.

›Warum wies sie dich denn ab?‹ raunte das Gewissen.

Da gestand er sich's ehrlich. ›Um des Glaubens willen!‹

Ja, darum ganz allein.

Seine Augen leuchteten.

»Gerad' der Mannesstolz soll dir seinen Glauben bekennen!« sagte er leise und wanderte mit großen Schritten dem Gutshause zu.

Er wußte, sie war daheim. Jedenfalls leistete sie in Abwesenheit der alten Dame Gräfin Ilse Bühler, welche seit einigen Wochen in Dreilinden war, Gesellschaft.

Ohne Umschweife wollte er auf sein Ziel losgehen und sie um eine Unterredung bitten lassen. Dann mochte kommen, was da wollte, sie wußte es aus seinem eigenen Munde, woran sie mit ihm war.

Ein starkes Glücksgefühl durchschauerte ihn. Und während seine Seele sich bereitete, einer anderen ihr Allerheiligstes zu erschließen, kehrte eine große schöne Gewißheit bei ihm ein. Nicht die Gewißheit des Besitzes, sondern des Friedens, der, höher als alle Vernunft, Glück und Schmerz überdauert.

So ausgerüstet wanderte er wie einst über den sonnigen Hof. Fast dasselbe Bild war's, nur die Zeit war eine andere. Damals stand eine schlanke Gestalt in der offenen Halle, des Spätsommers glühende Zentifolienpracht in den Händen, heute schritt sie, einen duftenden Fliederstrauß tragend, dem Hause zu. Ein Zug sanfter Trauer lagerte auf der hellen Mädchenstirn, ein tiefer Ernst, der ihrem ganzen Wesen etwas Frauenhaftes gab.

Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. Leuchtenden Auges grüßte er sie und reichte ihr die Hand. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen, Fräulein Eichel?«

Sein plötzliches Erscheinen hatte sie erschreckt. Sie war leichenblaß geworden. Doch mit der ihr eigenen Willenskraft beherrschte sie sich und reichte ihm freundlich die Hand. »Guten Abend, Herr Pastor! Exzellenz ist noch nicht zurück! Aber ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung. Sie kommen gewiß in einer Armenangelegenheit, — Sie wissen, mein Gebiet! — Gräfin Bühler schläft, ich bin also ganz frei. — Wollen wir uns unter die Linde setzen?«

Sie sagte es mit einer gewissen Hast, dann eilte sie ihm voran, dem schattigen Platze zu. Scheute sie die Enge des Raumes, das Alleinsein mit ihm in den stillen vier Wänden? Nachdenklich folgte er ihr.

Und dann saßen die beiden Menschen unter den lang herabhängenden Zweigen des alten Baumes auf der weißen Gartenbank. Die Bienenvölker summten in den Kronen, im hereinbrechenden Sonnenlicht tanzte ein Mückenschwarm. Eine feine goldgrüne Dämmerung spann ihre Fäden um den verschwiegenen Platz.

Kein Ton unterbrach die Feierstille des Frühlingsabends. Eines meinte des anderen Herzschlag zu vernehmen und das stille Glühen seiner Seele zu spüren. Mit aller Kraft rang der Mann seine Sehnsucht nieder; mit frauenhafter Scheu suchte das Weib seine Liebe zu verbergen. Und dennoch wußt' es eins vom anderen, daß die Saiten ihrer Seele zerspringen wollten unter den vollen Tönen einer großen tiefen Leidenschaft. Als würf' das Meer seiner Woge Gewalt gegen ein schwankes Türlein, und das Rauschen kläng' hindurch und das Jubeln der jungfräulichen Flut — so empfanden zwei Seelen der Liebe Königsgewalt. Mannesart begehrte dieser Liebe Kraft, Frauensinn sehnte sich nach jenem stillen zarten Dienst, der echten Weibes Seligkeit.

Und dann klang es mit verhaltener Leidenschaft durch die Abendstille: »Ich komme nicht wegen der Armen, ich will nichts von Exzellenz von Kambach, — nur zu Ihnen will ich! Will's Ihnen endlich, endlich selber sagen, daß Ihr Heiland auch mein Gott und Herr ist, — nicht die vergöttlichte Idealgestalt von dieser Erde, — nein, der König meiner Seele, den ich auf den Knien anbete, mein Versöhner und Erlöser! — Ich bringe Ihnen kein Gold und Silber, arm gehe ich in eine ungewisse Zukunft, aber was ich besitze ist echt, — der Glaube, wie die Liebe!«

Er hielt tief atmend inne.

Gesenkten Hauptes saß sie neben ihm, die Hände im Schoß verschlungen. Auf den schweren Flechten flimmerte die Sonne und umwob das dunkle Haupt mit feinen goldenen Rauten.

Sinnend sah er auf sie nieder. »Jutta,« sagte er leise.

Aber sie regte sich nicht.

»Soll ich gehen?« fragte er.

Da hob sie die Augen voll zu ihm auf. »Nein, nein!« Eine große Sehnsucht lag in ihrem Blick, aber um den schmalen Mund zuckte verhaltener Schmerz.

»Zweifeln Sie an mir?« fragte er traurig, »an dem Glauben des Mannes, der seinen Meister auf Umwegen fand?«

»Nein,« rief sie lebhaft, »keinen Augenblick! In tiefster Seele beglückt mich, woran ich nie gezweifelt, was ich aber von Ihnen selbst hören mußte, ehe es mir zum unbestrittenen köstlichen Besitz wurde. Die tiefe Kluft von einst ist überbrückt. Aber etwas anderes liegt mir auf der Seele, etwas, das mich schon damals drückte, was aber hinter der großen Hauptsache zurücktrat.« Ihre Stimme bebte. Sie wandte das Antlitz zur Seite. »Ich weiß nicht, ob Sie sich nicht in mir täuschen. Es ist etwas anderes, ob man ein Mädchen von fünfundzwanzig Jahren heiratet, oder eines, das die Mitte der Dreißig überschritten. Gewiß, es gibt Menschen, die immer jung bleiben, die etwas Leuchtendes an sich haben, etwas Unverwelkliches, — das sind die sogenannten Sonntagskinder, denen eine besondere Gabe beschert ward, die sie im Dienste anderer verwerten. Und dieser Dienst erhält sie jung. Aber an mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts, als ein guter Hausgeist, wie Exzellenz sagt. Von Ihnen aber hab' ich immer gedacht, Sie brauchten eine jener feinsinnigen idealen Frauen, die überall Glanz und Wärme hintragen und unbewußt durch ihr ganzes Wesen anderen zur Erquickung werden! Das werd' ich nie!«

»Wissen Sie das so genau? Soll ich Ihre alte Exzellenz danach fragen?« Er beugte sich vor und suchte ihren Blick.

Aber sie wich ihm aus. »Exzellenz — ich sagte es doch schon — die antwortet Ihnen: ›Eichelchen ist ein treuer Hausgeist!‹ Das ist ein großes unverdientes Lob, — aber — ich glaube, Sie brauchen mehr! Sie brauchen eine Rose, an der Sie sich erquicken können, eine junge holde Frau, die Ihnen ihre erste Liebe schenkt, eine, die mehr ist, als ich!« Errötend brach sie ab.

Sein Auge ruhte sinnend auf ihr. Nie war sie ihm begehrenswerter erschienen, als in diesem Augenblick, wo sie ihn in die Tiefen ihrer Seele schauen ließ. Das war das Große an ihr, — die Aufrichtigkeit. Sie war mehr als die bloße Erkenntnis: ›Die Knospe ist aufgeblüht, was du zu vergeben hast, ist still glühende reife Frauenliebe, tiefe abgeklärte Weibessehnsucht, die ausschaut, ob einer des Weges kommt, den sie erquicken darf!‹ Größer war der stille Verzicht, der ehrlich und selbstlos zurücktrat: ›Es ist Herbstrosenglut, morgen fällt der erste Schnee in den dunklen Kelch, — geh eine Tür weiter, im Nachbarsgarten duftet eine liebliche Knospe, die brich, die nimm ans Herz!‹

Ahnte sie gar nicht, daß er sich gerade nach dieser klaren reifen Frauenliebe sehnte, daß er gerade ihrer bedurfte, in den Kämpfen des Tages? Daß er ein Weib brauchte, das ihm nicht nur das Haus schmückte, sondern ihm geistig ebenbürtig zur Seite stand? Freilich nicht als Gefährtin im modernen Sinne. Die Frau, die er suchte, mußte sich ihrer Würde bewußt sein, sie mußte Schleier und Diadem vor dem Staub der Gasse zu schützen wissen, mußte, ihres königlichen Dienstes eingedenk, zuerst und zuletzt ganz Weib sein. Und das war die Frau, die hier an seiner Seite saß und ungewollt und unbewußt den schönsten Stein in ihrer Krone funkeln ließ, die Demut: ›An mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts als ein guter Hausgeist!‹ — —

»Eine, die mehr ist als Sie?« wiederholte er langsam ihre Worte. »Was denken Sie eigentlich von mir? Ich will kein Fräulein Doktor heiraten, sondern eine deutsche Frau!«

»Ach, das meinte ich nicht!« entgegnete sie. »Ich dachte nur, gerade Ihre Frau müßte anders sein, etwa wie Gräfin Sibylle — mit einem Wort — anders als ich!«

»Anders als Sie? — Ich will Ihnen keine Schmeicheleien sagen, aber eines muß ich hier aussprechen. Ich weiß, Sie meinen nicht die äußere Schönheit, sondern die Seele, welche die ganze Persönlichkeit der Gräfin zu dem macht, was sie ist. Ich sah sie ja nur selten und flüchtig, aber das ist mein Eindruck von ihr: daß die Seele den Leib adelt. — Muß ich Ihnen denn erst sagen, daß Ihnen dasselbe helle Licht aus den Augen strahlt? — Gewiß, Sie sind beide keine Schablonen, jede von Ihnen hat ihre Eigenart, aber eines steht fest,« — wieder beugte er sich zu ihr nieder, »ich brauche nicht weiterzugehen, ich will die Frau, die ich liebe, genau so, wie sie ist ...,« er faßte ihre Hand und drückte sie leise. »Jutta!«

Sie schwieg noch immer.

Da sagte er mit tiefernster Stimme: »Aber vielleicht ist Ihr Ideal eines Mannes ein anderes?«

Durch ihre Gestalt ging ein Beben. Sie umklammerte seine Hand. »Nein,« sagte sie kaum hörbar.

Aber er hatte sie verstanden.

Es hielt ihn nicht länger.

Er zog sie in seine Arme.

Und als wär's seit langer Zeit ihr gewohnter Platz, legte sie den Kopf an seine Brust.

Kein Laut ging durch die abendliche Stille.

Die große Sehnsucht zweier Menschen war erfüllt: eines lauschte auf des anderen Herzschlag. — — —

Und heimlich, als sei's ein Unrecht, streute die Sommerlinde ihre goldenen Knospen auf die weiße Gartenbank, in die dunklen Flechten der Braut. — —

»Ich hab's gewußt,« sagte Pastor Wendler leise. »Als du mich fortschicktest, sagte ich mir: ›Nur der Glaube trennt uns!‹«

Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an.

»Geliebt hast du mich damals schon, Jutta!«

Sie fand in ihres Herzens Seligkeit noch immer keine Worte.

Er aber wollte sein ganzes Glück aus ihrem Munde hören.

»Seit wann?« fragte er mit weicher Stimme.

Da sah sie ihn mit einem Ausdruck an, wie er ihn nie an ihr geschaut, dann legte sie aufs neue den Kopf an seine Brust. »Immer!« — — —

Über den Hof rollte ein Wagen.

Sie richtete sich auf.

»Das ist Exzellenz!«

Er nickte ihr fröhlich zu.

Langsam traten sie aus ihrem grünen Versteck.

Als die Füchse hielten, standen sie Hand in Hand auf den Stufen.

Frau von Kambachs Blick ging fragend von einem zum andern. Ihre Augen wurden immer größer.

Der Pastor öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen. Jutta stand still daneben.

Frau Sabine nickte ihr lächelnd zu.

Dann sah sie dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Hausecke bog.

Auf den Krückstock gestützt, stand die greise Gestalt, helle Freude im Antlitz. »Eichelchen, — Kinder, — was habt ihr gemacht?«

Da beugte sich ein dunkler Mädchenkopf über ihre Hand: »Exzellenz, er will mich gerade so, wie ich bin!«

Jubelnd kam's heraus, kaum wußte sie, was sie sagte.

»Das glaub' ich schon,« rief die alte Dame, über das Haar ihrer treuen Gehilfin streichend.

Und dann drohte sie dem Pastor.

»Ist das eine Art, mir hinterrücks meinen treuen Hausgeist abspenstig zu machen?«

Er neigte sich über ihre Hand. »Ich brauche eine Frau Direktor, und daran sind Exzellenz allein schuld. Wer hat mich auf den Posten berufen? — Unter hundert Frauen aber ist vielleicht eine, die mir die rechte Gefährtin ist, und aus tiefster Seele dank' ich's Gott, daß ich ihr begegnet bin!«

Er zog die Braut an sich.

Der alten Frau traten die Tränen in die Augen. Ihr Blick schweifte über die Heide im Abendglanz, ihre Gedanken wanderten.

Wie oft hatte sie um diese Stunde hier gestanden und ihres schönen geliebten Vaterlandes gedacht, wie oft war Herders mahnender Ruf durch ihre Seele gezogen: ›O Deutschland, meine Sorge!‹

Aber so groß die Not, so schwer die Schuld, so riesenhaft die Last, so drohend die Gefahr, immer wieder ging der große Meister durch die Häuser und berief die besten und edelsten Kräfte zum Bau seines Reiches.

Und ohne auch nur einen Augenblick an sich zu denken, an die Lücke in ihrem Hause, an den leeren Platz an ihrem Tisch, an alle Liebe und Treue, die von ihr ging, gab sie, was von ihr gefordert ward.

›Es ist einer von den glattgespülten Kieselsteinen‹, zog es durch ihre Seele, als sie in später Abendstunde über der Bibel saß. ›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹

Notes in this chapter

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