← Table of contents
Um die Erde

IV. Japan.

Reading edition

Illustration from Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Wer eine derartige Reise unternommen (nicht in der Absicht, silberne Theelöffel aus den fremden Städten, sondern Belehrung heimzubringen,) wird immer gut thun, sich einigermassen vorzubereiten,[78] damit in dem schnellen Wechsel der vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche seinem Blick entgehe. Manches meinen wir ja zu wissen; wir glauben z. B. das Aussehen der Japaner zu kennen. Jeder von uns hat eine ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung würdevoll einherschreiten. Aber wie oberflächlich unsere Kenntniss der Japaner bleibt, lernt man erst in ihrem Lande kennen.

Die Japaner selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. Die europäischen Forscher erklären sie für eine mongolische Bevölkerung, welche aus der Tatarei über Korea[79] auf die Inseln vorgedrungen sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den mongoloïden Aïno’s, sich vermischt habe, vielleicht auch mit einigen vom Süden her eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu der (agglutinirenden) turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.

Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch eigne dazu erfunden.

Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar, sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter); die japanische Frau entsprechend kleiner.

Sie ist in Wirklichkeit schöner, als das sattsam bekannte Ideal der japanischen Maler mit dem ovalen Gesicht, den übertrieben schräg liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem ganz kleinen Rosenmündchen.

Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen, getuschten Lichtbildes[80] einer jungen Japanerin, das ich in Kobe gekauft habe.

Ich bemerke, dass die Schönheit der jungen Mädchen von den Japanern mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. Der Europäer muss, wie man sagt, 12 Monate im Lande verweilen, bis er vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. Aber hässlich wird Niemand sie finden.[81] Die zierliche Gestalt, die kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, lustigen Augen, das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt wird, das reiche rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte Anordnung[82] ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft gefärbte schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel (obi), — alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen, das auf den Beschauer einen gefälligen Eindruck macht, trotz der hölzernen Stöckelschuhe. (Geta, aus einem Brettchen mit zwei unteren Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von Japan, bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht durch die europäische zu verdrängen.

Japanerin
Japanerin

Und die japanischen Männer sehen in dem weiten und weitärmeligen, etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem Seidenstoff mit dem von irgend einer Blume oder einem anderen Pflanzentheil entlehnten Familienwappen,[83] den sehr weiten Hosen (Hakawa), welche über dem Kimono mit einem Gürtel befestigt werden und dem gleichfalls wappengeschmückten seidnen Obergewand (kamischimo oder rei-fuku), auch wenn sie Holzsandalen an den (mit blendend weissen Strümpfen gezierten) Füssen tragen, weit staatlicher aus, als in unserem Frack mit Klapphut und mit weisser Halsbinde. Die folgende Figur ist die Wiedergabe eines Lichtbildes, welches der zu meinem Empfang gewählte Ausschuss der Augenärzte zu Tokio für mich anfertigen liess. Es ist weit besser gelungen, als Rein’s Bild japanischer Typen (I, 454) und stellt jedenfalls die neueste Mode der Hauptstadt dar. Die Herren hatten in richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht, gehört dazu keine Kopfbedeckung.[84] In der Provinz hatten die Aerzte bei ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, europäische Kleidung angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.

Von der Geschichte der Japaner weiss der gebildete Europäer gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten Geschichtsforschern, wie von Ranke, nicht dazu gerechnet wird. Das ist eine Thatsache. Die Redensarten, dass wir Japans Geschichte nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst haben, dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche organische Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben — Redensarten.

Wenn das Bestreben des Gebildeten dahin geht, alles Geschehene zu begreifen; so können wir ein grosses Volk Asiens, das an Kunst und guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa übertrifft, nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen wir das kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind wir ganz ebenso einseitig wie Plato es zu seinem Bedauern gewesen, da er die kleine Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.

Japaner
Japaner

Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir vielleicht noch Manches von ihnen lernen, die jetzt — unsere wissensdurstigsten Schüler darstellen.

Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie von der Gabelentz; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte vorher gar keine Entwicklung gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge zu leugnen, weil wir sie nicht kennen.

Die japanische Geschichte reicht nicht zurück über das 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift; das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen, eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der älteste Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.

Alles Frühere ist Mythe. Wir übergehen die japanischen Sagen von der Weltschöpfung und von dem göttlichen Zeitalter, in dem Götter über Japan herrschten.

Der erste menschliche Kaiser (Mikado),[85] Jim-mu-Tenno, ein Abkömmling der Sonnengöttin (Amaterasu) soll 600 v. Chr. gelebt haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden; dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der Kaiserin Jingō erobert sein.

1. Sicher ist, dass der Buddhismus um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach chinesische Schrift und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado, der Schützer des alten Ahnendienstes (Shinto), lebte, dem Volke unsichtbar, zu Kyoto.

2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n. Chr. Yoritomo zum Hausmeier (Shogun)[86] oder weltlichen Herrscher ernannt. 1274–1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die Portugiesen, 1587 begann ihre Austreibung.

3. 1603 kam die kraftvolle Tokugawa-Familie, die den Buddhismus förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher waren Jeyasu, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † 1616; Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. Von 1614 bis 1854 war Japan den Fremden verschlossen. (Nur die Holländer durften in Nagasaki eine Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher Blüthe. Es herrschte eine Feudalverfassung mit Fürsten (Daimio)[87] und Rittern (Samurai)[88]. Zum gewöhnlichen Volk (heimin) gehörten alle, ausser Fürstendienern und Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2. Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber und Todtengräber galten als Unreine, Eta.)

4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und europäischen Staaten kam es zu einer Revolution, aus welcher der Mikado 1868 siegreich hervorging.

Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten, neue Gesetze eingeführt und 1889 eine Verfassung mit Volksvertretung, nach preussischem Muster, gegeben.

Es besteht vollkommene Religionsfreiheit, doch wird neuerdings Shinto wieder mehr begünstigt.

Und wie steht es mit der Religion? Das wird sofort so mancher Europäer fragen. Aber der gebildete Japaner wird lächelnd erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. — Geh’ aufs Land. Der Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem Tode vom Buddha-Priester bestattet.“

Und die europäischen Kenner[89] stimmen vollkommen bei. Shinto hat keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.

Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.

In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr., hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi) thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott: aber sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des Mikado waltete im heiligen Hain zu Ise über den Spiegel, das Schwert und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der Sonnengöttin Amaterasu, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, die eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.

Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug, die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer Buddha’s, in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den Namen Shin-to. (Shin, Geist und dô, Lehre — chinesisch. Auf japanisch heisst der Geist Kami, daher der Name Kami-Lehre.) Die buddhistischen Priester verwalteten auch die meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado Saga-Tennô (810–823 n. Chr.) die Mischreligion Riyobu-Shinto, d. h. beiderlei Götterlehre.

Die Neugestaltung, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 n. Chr. und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des Shinto-Hort’s, zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen und Gedichte wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und Confucius wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren Tagen die „Reinigung“ der Shintotempel von buddhistischen Götterbildern, wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen Bilderzerbrechern und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk für immer vernichtet wurde. Die Buddhapriester, so duldsam sie auch im Allgemeinen sind, haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, das Heiligthum durch Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den Shinto-Priestern zu übergeben.

Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.

Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken, von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes (Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)[90] angeblich Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami; endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du thronest im hohen Himmelsfelde.

Der Buddhismus beherrscht den Osten von Asien, wie der Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner, d. i. ein Drittel der Erdbevölkerung.

Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn Siddhârta seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, südlich von Patna, in der Gangesebene; verliess sein Weib und Kind, und zog in die Einsamkeit. Unter dem heiligen Bo oder Bohi-Baum (Ficus religiosa) widerstand er dem Teufel (Mara) und wurde Buddha (ein Heiliger), Çakyamuni[91] Gautama Buddha. Im gelben Gewand, geschorenen Hauptes, seinen Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und verkündet seine neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach Eitel und Rein): 1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die Lehre von der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3. Erlösung durch eigne Kraft und Uebergang in Nirwana, wo die Seele das Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“

Nach den fünf Hauptgeboten darf der Buddhist nicht tödten ein lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen, kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.

Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist allmählich zu einem groben Götzendienst entartet. Neben den sieben Glücksgöttern (der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf einem Reis-Sack, ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch dargestellt,) und den sechs Nothhelfern sowie dem „Dorfarzt“ Binzuru, dessen sitzende Holzbildsäule der Leidende an der Stelle reibt, wo er selber Schmerz empfindet, ist besonders beliebt die Göttin der Gnade (Kannón) und die Buddha’s, die in Milde und Seelenruhe auf den Blättern einer ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des Sinnbildes der aus dem Schlamm sich emporringenden Reinheit.

Hochberühmt sind die grossen Buddha’s (Dai-buts) von Kamakura bei Yokohama, von Nara und Kyoto.

Der Buddhatempel in Japan (tera) liegt gewöhnlich in einem Hain. Verschiedene Thore (mon), von fratzenhaften Wächtern („Königen“) und Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, Steinlaternen, Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das prachtvoll geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und farbigem Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem Altar. Mit den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes Skimmi (Stern-Anis, Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst ist manchem europäischen nicht unähnlich.

Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In einem Punkt sind Shinto- und Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.[92]

Der weise Koshi[93] (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. in China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue, Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen (Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener, Mann und Frau, zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des Koshi in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der Samurai sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte der aus der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado Asada Shokaku den folgenden Grundsatz auf: „Koshi bildet den Charakter, Shokanron[94] erhält das Leben.“

Ueber die Geographie genügen wenige Worte[95]. Japan ist das östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br. und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer ein 450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen 91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)

Die Hauptinsel heisst Hondo, bei uns Nippon, die beiden südlichen Inseln Kiushiu (Neunland) und Shikoku (Vierland). Die nördliche Insel Yezo ist sehr schwach bevölkert (3 auf 1 qkm) und wird von Vergnügungsreisenden nur sehr selten besucht. Dazu kommen noch die Kurilen und die Riu-kiu Inseln.

Als Marco Polo den staunenden Europäern von der goldreichen Insel Zipangu im fernen Osten erzählte — die zu erreichen, zu plündern, zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, — hat er die chinesische Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, Sonnen-Aufgang-Land. Die Japaner nannten ihr Land zuerst Yamato, nach einer mittleren Provinz der Hauptinsel, oder das grosse glückliche Land u. dgl.; erst seit 670 n. Chr. Nihon oder Nippon, von Nitsu, Sonne, und hon, Aufgang. Daraus haben die Portugiesen und Holländer die verdorbene Benennung Japón, Japán abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch früher, als sie von den andern Ländern noch keine ordentliche Kenntniss hatten, Dai-Nippon, das grosse Nippon; doch haben sie, klüger als andere Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.

So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche „den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“[96] — aber ich fand Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land und Leuten auf das freudigste überrascht.

Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr, befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in Japan.

Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.

Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach der Hauptstadt Tokyo streben.

Yokohama („Querstrand“) war ein unbedeutendes Fischerdorf, als Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf und den Handelsvertrag von der japanischen Regierung erzwang. Der erste Vertragshafen, welcher den Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen Kanagawa, etwa 2 km nördlich von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen an dem Tokaīdo lag, der östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im Feudalzustand befindlichen Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten und Ritter zu leicht Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen konnten; so verlegte man 1858 den Vertragshafen nach Yokohama: 1860 wurde hierselbst die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer Feuersbrunst wieder neu aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) mit Landhäusern besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, 1887 die Quellwasserleitung eröffnet.

Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) lehnte sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen breiten Canal an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die Einwohnerzahl schon 120000.[97] Yokohama ist der wichtigste von den vier Vertragshäfen[98] (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und hat 1881–1885 an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr geleistet; dieser Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den grössten Theil des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im Jahre 1887 war der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen Yen (1 Yen = 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen[99], woran die Deutschen mit 15 Procent betheiligt waren. Die japanische Regierung hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: eine grossartige Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, Zoll- und Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten[100] erbaut und brauchbare Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die Hindu’s im britischen Ostindien.

In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. & O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach Vancouver und nach Frisco.

Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse (Bund)[101] vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und Wagenziehern.

Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des norddeutschen Lloyd, das Consulat des deutschen Reiches, den deutschen Club. In letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo, Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in dem englischen Führer (Bradshaw) die ärgerliche Bestätigung: „There are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die Hälfte des Handels in deutschen Händen. Deutschland ist eine Macht in Ostasien. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; nehmen wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr Rücksicht, als unser Recht und unser Vortheil es zulassen.

Im deutschen Club gab es gutes Essen und gutes Bier, aber auch eine Probe ostasiatischer Sitten. Ich erhielt bei Tisch einen Brief von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, ehemaligen Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht und nun fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr ich von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club eingeführt werden könne.

Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging zu meinen östlichen Freunden.

Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst bebte die Erde,[102] aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn ich, der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.

Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ Er hatte mich wohl nicht verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.

Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und farbenprächtig schmücken liessen;[103] aber seit 1868 von der Regierung als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird von Hori[104] Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt — sogar unter Anwendung des schmerzstillenden Cocaïns!

Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der Eisenbahn von Yokohama nach Tokyo (18 englische Meilen = 32,4 km.) in 50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die älteste Eisenbahn in Japan,[105] sie wurde 1872 eröffnet.

Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz; aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen erster Classe; aber das angebotene Trinkgeld weist er kurz und würdig zurück.

Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden Halteplatz.

Eilzüge giebt es nicht. Die Eisenbahn hält an jedem grösseren Dorf; sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, welche die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.

Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten Kanagawa, in dessen seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, erblickt man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen) Feuer-Berg Fuji, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.

Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des Tokaïdo, mit ihrer doppelten Pinienreihe.

Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche, kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen, sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch die nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die Hauptstadt erreicht, der Zug rollt in den grossen Shimbashi-Bahnhof, der nahe der Mitte der Uferlinie von Tokyo gelegen ist.

Hier harrte meiner die angenehmste Ueberraschung. Der ganze Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen) Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit zwei Mann hinter einander bespannt war. Das Imperial-Hotel ist schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das beste, welches ich wenigstens in Asien gefunden: ein sehr stattliches Gebäude mit prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut ausgestatteten Zimmern und Bädern,[106] electrischer Beleuchtung, guter Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von Japanern geleitet, die Preise sind mässig:[107] das Hotel hat einen Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.

Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner frisch gebackenen Weisheit, die „Odawara-Sitzung“[108] beendete und ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.

Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch hatten sie mir einen Führer gemiethet, was in den Reisebüchern dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig scheint, da man auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht zu erlernen vermag.

Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner, pockennarbiger Herr, der das Gymnasium durchgemacht hat, mehreren von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 Yen Tageslohn,[109] die er zu empfangen hat.

Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir, dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch, sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache. Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das — englische Reisebuch in der Hand halten, deutsch denken, französisch fragen, die französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem englischen Buch vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der zweite Führer, den ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine amerikanische Partei von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich ½ Yen mehr zu zahlen hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita nicht, wie ich gewollt, in das vom Reisebuch an erster Stelle empfohlene, gut besuchte Hotel, sondern in ein anderes, wo ausser mir hauptsächlich nur Ratten hausten. Da gab ich die Führer auf und reiste allein durch das Land, übrigens mit voller Sicherheit und vollstem Vertrauen: es giebt kein Land der Erde, wo der Fremde sichrer reist, als in Japan; das liegt in der Gutartigkeit des Volkes und der mustergiltigen Polizei.[110]

Allerdings einen Pass muss der Reisende haben, sowie er die sieben offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate, Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von 10 ri = 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. Die Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer[111] erhält ohne japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein Nachtlager. Der Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere Zeit bewilligt. Der Reisende macht bei der Gesandtschaft seines Reiches eine Eingabe, worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; gewöhnlich verlangt man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den Tempeln von Nikko (nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für drei Monate: die Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt des Mikado.

Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist — etwa wie mancher türkische Zaptieh — nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre. Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten Vertragshafen befördert.

Unser Landsmann Dr. Scriba, Professor der Chirurgie an der Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren. „Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja mit dem Mikado,“ erwiederte jener. — „Das nützt mir nichts,“ sagte unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.

Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung japanisches Geld. Goldstücke[112] sieht man nur in den Museen, d. h. solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka eine Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet worden, der Silber-Yen, der genau so gross und so schwer ist wie der mexicanische Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;[113] aber eine bedeutend schönere Prägung aufweist.

Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen. Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift und „one Yen“ in lateinischen Buchstaben.

Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld sind Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die Kupfermünzen[114] kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in den Tempeln sah ich noch gelegentlich auf dem Boden die von den Armen geopferten alten Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, die ein viereckiges Loch besitzen, so dass man sie rollenweise auf einen Faden ziehen kann; träge kehrt der Priester mit dem Besen die Münzen zusammen, von denen ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. Papiergeld kannte Ostasien schon lange vor Europa, die Japaner schon seit dem 14. Jahrhundert. Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, 10 Yen, mit dem Gott des Reichthums und europäischen Zahlen, also sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen dem Dondorf’schen Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist gleichwerthig mit Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach Ueberwindung der Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.[115] Mit dem japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern aus, da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder übervortheilt wird.

Hat man Pass und Geld, so braucht man Verkehrsmittel. Diese sind leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff. Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die Jin-riki-sha, d. h. Mann-Kraft-Wagen.[116] Es sind dies ganz leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach, in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen mit den Händen ergreift und munter forttrabt.

Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine gute Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. Sowie der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich und seine Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als mancher aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch Fleisch, des Morgens drei rohe Eier. Aber seine Leistung ist staunenswerth; kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt hat, kommt ihm gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei Stunden, ohne Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf guten Wegen den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km für ein gutes Tagewerk.[117] Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, da er bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder einen Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; während neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische Nacktheit „entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane Regierung Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die Einfuhr der Erzeugnisse von Manchester zu heben.

Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte Naturwahrheit wiedergeben könnte.

Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich nach langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste Trinkgeld. (Fahrgeld ist 7–15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen, etwa 60 Sen für einen halben Tag, 1–1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen Gullivan’s auf dem Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der Männer zu schonen; aber ihr Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.[118]

Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten besten Wagenmann zu fahren; — in manchen Gegenden von Italien und Constantinopel[119] würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen. Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns, Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden, wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches Verhältniss herausgebildet. Allerdings, englisch können diese Leute nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber sowie man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die besucht werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen Führer oder Dolmetscher.

Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig.

Die Stadt Yedo ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet Wasser-Thor. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo durch Jeyasu zur militärischen Hauptstadt von Japan umgestaltet. In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich seine Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit 1642, einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten Festungsgräben, ein Theil der riesigen Umfassungsmauern und der 27 Thore, die Jeyasu geschaffen.

Burg (Shiro) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk der Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und, durch einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen Gärten mit dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten Palast des Mikado[120], zu dem eine prächtige Brücke (Niju) führt.

Den Umkreis der Burg (Sotoshiro) bildet die Handels- und Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der Vororte) 1300000 Einwohner.

Die Geschichte Tokyo’s zeigt uns eine Kette von Feuersbrünsten[121], Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze Stadt ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel und 1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten, wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren. Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je 300 Yen) oder 1:60. Man sagte mir, dass ein Haus nur 5–7 Jahre stehe, bis es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben angeführten Brand-Statistik.

Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt.

Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.

1650–1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868 der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,[122] umgewandelt. 1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890 Telephon eingeführt.

Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche Wasserläufe durchziehen die Stadt.

Die Strassen der Millionstadt Tokyo[123] zeigen zwar dem aufmerksamen Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber nirgends bedeutsame Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen glaubt man auf einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich zu befinden.

Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben. Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der fremden Gesandten befinden sich in einem Stadttheil, und zum Theil hinter Mauern und Gärten.

Das japanische Haus[124] ist von überraschender Einfachheit und Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau, ohne Fundament.

Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so dass eine umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2–3 Fuss über den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast, den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische, Sofa’s gleichzeitig vertreten.

Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von 2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in jedem Augenblick zu vergrössern[125] oder zu verkleinern. Die Höhe der Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama) ausgefüllt.

Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem Papier[126] überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.[127] Den Tag über und bei gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite, mit Ausblick auf den winzigen Garten, — wie in Pompeji. Hier ist an der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das Schlafzeug[128], auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.

Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter in einer Lade, dem „Brettsack.“

Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) entbehrt der Dauerhaftigkeit, da es nur aus Holz und Papier besteht, und der Behaglichkeit, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und Rauch fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die kostbaren Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein hat diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner Morse, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner[129] veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass[130] vergeblich dagegen an.

Zwei Vortheile hat das japanische Haus, es ist sehr billig und widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus Rein’s Angabe, dass der Herstellungswerth 150–1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40 Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu nicht vorhanden ist.

Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die der Einwohner angegeben.

In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten Japan’s) schmale feuerfeste Gebäude (Kura), worin Nachts und bei Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier.

Das Volksleben ist unbeschreiblich anmuthig wegen der Höflichkeit und Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs giebt es weder Lärm noch Gedränge.

Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und der Käufer sie davon trägt.

Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse, welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist.

Zu den Hauptsehenswürdigkeiten von Tokyo gehört der Park von Shiba und der von Ueno.

Shiba, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels von Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von Jeyasu dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln[131] (ihai) der Tokugawa-Familie aufzunehmen.

Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † 1866).

Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.

Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges, schön geschnitztes Holzthor, das der beiden Dewa-Könige oder Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen Hof, der in einer ganz eigenthümlichen, echt japanischen Weise geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den Ehrengaben der Daimio. Jede Laterne besteht aus vier Theilen, nämlich aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch gestaltet ist, aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus dem viereckigen ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen Lampenbehälter und aus einem phantastischen Pagodendach.

Ein zweites Thor, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings um die Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel genannt, weil es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand des Pabst-Mikado geschrieben, enthält, bringt uns nach dem zweiten Hof, der noch schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen Bronze-Laternen geziert ist.

Das dritte Thor finden wir noch prachtvoller, als das zweite; es ist von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten und bemalten Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs mit dem Bilde eines Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier führt eine kurze, bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen Todten-Tempel, dessen Dach mit den Pfeilern durch zwei geschnitzte Balken verbunden ist, die mit Recht als auf- und absteigender Drache bezeichnet werden.

Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen, betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem Gang, die Samurai in der Vorhalle, — ganz ähnlich wie in den Tempeln der alten Aegypter.

Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt. Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich — denn die Thüren werden nie geöffnet! — das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun, der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz (Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das buddhistische Sinnbild der Reinheit.

Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „Symphonie von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit“ darstellt, fragt kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder — der Verfasser des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika, sondern für den japanischen Geschmack errichtet ist; und ferner den Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wiederholten Besuchen, zu der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische Kunstschöpfung über die europäische zu erheben.

Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von Nikko Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.

Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor und durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt ist, gelangen wir über eine Steintreppe empor in die tiefe Einsamkeit, wo, von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen Steinpagoden stehen, unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die sterblichen Reste der verehrten Shogune ruhen, — geschützt gegen Zerfall durch eine dicke Lage von Zinnober und Kohle.

Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des Irdischen.

Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des jetzigen Mikado.

Von hier führt der Weg zu dem Kloster von Zojoji und zu dem neuen, noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit der Bildsäule von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl vergessen, dass er in Ostasien weilt.

Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen Gokoku-den, welches in einem goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu stets als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den Wänden erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize.

Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, — ein „nasser Heiliger“ (nure botoke), — vom Jahre 1761.

Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem Löwen, dem Könige der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz ähnlich, wie in den Turbe’s der Sultane zu Stambul.

In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo Jeyasu auch als Shintogottheit verehrt wird, und ferner Kōyō-kwan, das Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen lernen sollte.

Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; — denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch Mitford’s tales of old Japan in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch, der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht kennen und — im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in Kürze anschliessen.

Ronin heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch heute gefeiert.

Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken, auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.[132] Seine Dienstmannen, jetzt Ronin, zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die 46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten. In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre gesetzt, niedergehauen, — aber dieser selber nicht zu finden, bis er endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus, um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri; und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.

Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende Weihrauchkerzen.

Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder deines Herren.“[133]

Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark gelegenen Bazar (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse japanischer Kunstfertigkeit. Alles ist hier zu haben, was der Japaner braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, Haarschmuck, Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, Porzellan- und Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut behördlicher Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste verneigt sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die Papier-Yen mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches Gelächter erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die geforderte Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen allerdings nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil seines Gewerbes handzüglich vorwies.

Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel Atago-yama. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist steiler, der „weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist nicht so sehr merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen von Dörfern, da die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse russische Kirche, offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich etwas aufdringlich geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr schön. Der Blick schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und andrerseits über die Bay von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.

Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke der Stadt belegenen Ueno-Park, der Nachmittags sich besser darstellt. Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich. Ueno-Park, ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 vom Shogun Jemitsu übernommen; er wollte hier eine Reihe von Buddha-Tempeln gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen sollten.

Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen, so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner Stelle steht jetzt das Museum. Der ganze Ueno-Park ist seit einigen Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.

Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber — nicht belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch von den andern rasch besänftigt.

Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes Denkmal ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado gefallenen Soldaten gewidmet.

Der berühmte Kirschbaumweg, im Frühling zur Zeit der Blüthe das Entzücken der Japaner[134], war auch jetzt, im Herbst, recht schön, wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, auf einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n. Chr., ist unschön.

Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen zeigt, tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit einer langen Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des Gongen-Sama (Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die Bilder der „33 Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9. und 10. Jahrhundert. Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass der Mensch ein Dreieck sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber ein Japaner, der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist thatsächlich ein solches Dreieck. Das Ueno-Museum, ein grosses Gebäude in europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten japanischen Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist sehr gering, die Räume sind gut besucht von Einheimischen.[135] Die Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen. Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe für unsre Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer Werkstätten in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die zoologische und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu fesseln, wie die wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir Staats-Wagen (für Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das Schiff des Shogun. Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen aus Agat, die, zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen wurden; Speer- und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter kleine, irdene Figuren von Mann und Ross, die (seit dem Gesetz des elften Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem todten Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen und Rosse, mit ins Grab gegeben wurden.[136] Sodann buddhistische Alterthümer, besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, und aus Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus der portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners Hashikura, der 1614–1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt hatte, sein Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der katholischen Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und — im Gegensatz dazu — die Trampelbretter (fumi-ita), Metalltafeln mit Reliefdarstellung des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, auf welche, nach Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der christlichen Religion, diejenigen Japaner, welche man für heimliche Anhänger dieser Lehre hielt, trampeln[137] mussten, um sich von dem Verdacht zu reinigen.

Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für schweres Geld geliefert haben.

Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten, der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.

Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die Shogun-Gräber (Go Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), der fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) liegen hier begraben.

Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen, im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7 Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.

Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.

Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige Verkaufs-Ausstellung, die auch hier sich befindet, und bewundern wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren. Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.

Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell mit starkem Papier verklebt; auf unseren Reisen würde derselbe beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für Buddha’s Bildsäule sind alle nach einem Muster, innen vergoldet. Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein genug vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem Hauptort für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem zum Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten Zwergpflanzen[138] ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in einem tellergrossen Blumentopf. In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren Cigarre[139] über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.

Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von Asakusa.

Zuerst fällt auf Higashi Hongwanji[140], der Haupttempel von Tokyo, im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar einfach, aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst 140 Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge, welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!

Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende Buddhisten-Tempel Asakusa Kwannon. Das eigentliche Cultbild der Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst von einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit einem Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt. Ein grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem Volk gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.

Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck, Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer, Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt. Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.

Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu Jerusalem, als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.

Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich durch das zweistöckige Thor (an dem rechts Riesen-Sandalen hängen, Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein mit einer Gebetmühle sich befindet,) hinein in die grosse Halle und sehe das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche Weihrauchkerzen, Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem Geplapper von den Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze in den Opferstock werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen aufmerksam zu machen und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche die Holzbildsäule des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, — an der Stelle, wo es ihnen weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk von Jikaku Daishi; jetzt ist es mürbe und abgerieben, — wie bei uns ein lebendiger, vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem Altar oder Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. Die Bilder der Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber gegen Krankheit, als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden Wahrsagekarten verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, ob das Kind in Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.[141]

Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo, den seine Rosa weckt“; — endlich Engel, die letzteren in den höchsten Regionen, nämlich am Dach, — das sind die Gegenstände der wichtigeren Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.

Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu, verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier Gebete für Kranke abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum, dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von Augenleidenden herrühren.

Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von (verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf dem Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen Sage gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura) erreicht man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch einen kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner sie nicht alle durchlesen. Aber ein annähernd gleiches Verdienst erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. — Ein chinesischer Priester Fu Daishi im 6. Jahrhundert n. Chr. soll diese Dreh-Bücherei[142] erfunden haben.

Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.

Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt. Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.

Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der japanische Polichinell geprügelt.

Eigenartig ist der japanische Geschäfts-Garten. Die Pflanzen stehen ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden kostbar. Die Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr als die Nase wird das Auge geweidet.

Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“ haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und ihren Blüthenduft.

So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung:

„Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch. Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“

Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als bei irgend einem andern Volke.

Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2–3 Jahren, auf dem Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann, vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht.

Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit.

Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine kleine Silbermünze.

Ausflüge von Tokyo. — Nikko, Miyanoshita, Kamakura.

Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk von Nikko[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H. Meyer 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen und Diener mitnehmen.

Nikko kekko, Nikko ist entzückend, — dies hört man so häufig in Japan, wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.

Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle, Maulbeerbäume, Gemüsefelder, — Alles wechselt in bunter Reihe mit kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland kommen 47 Ar auf den Einwohner, in Japan genügen elf. Die Felder sind selten grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die Wirthschaften sind klein, 1–1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40 Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.

40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe, wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man zahlreiche Ziehbrunnen. Reisfelder müssen ganz unter Wasser gesetzt werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder 2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.

Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen. „Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird, das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin) stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z. B. eine Papierfabrik, unterbrochen.

Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach Nikko.

Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite (Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen Jeyasu brachte. Die Fichten (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145], nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige, wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2–3 Meter Umfang. Mit grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.

Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang. In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146] ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s, sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.

Im Nikko-Hotel, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.

Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen, z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater Jeyasu. Im folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita Shirakawa.)

Auch der dritte Shogun (Jemitsu) hat in Nikko sein Grabdenkmal.

Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil schwieriger, ist die Begründung der Gefühlsschwärmerei durch genaue Beschreibung.

Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel eintritt, ist zunächst enttäuscht, — namentlich, wenn er durch unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel, Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck. Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das Erhabene und das Schöne.

Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile. Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung anzuwenden.

Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als gelungen und vollkommen angesehen werden.

Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den Gedanken des Göttlichen im Tempelbau auszudrücken versucht! Da ich weder Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.

So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der altägyptischen Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme (Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“ zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen, säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu, eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahllosen (allerdings unserem Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt, endlich das Allerheiligste, ein ganz dunkles Gemach, aus einem ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.

In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der gradlinigen Flucht erscheint nicht bloss dem Beschauer auf dem Hofe perspectivisch verkleinert, sondern ist thatsächlich kleiner, als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür des Allerheiligsten hervorschimmerten.

Die alten Hebräer waren original in ihren religiösen Schriften, aber nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk errichtet.

Die Entwicklung[147] des altgriechischen Tempels zu schildern, übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten Zeit den Parthenon auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus, welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden, berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.

Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.

Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.

So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten Gebäude, die jemals errichtet worden, — er diente wohl der Betrachtung und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche Verehrung hatte draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar vor dem Tempel wurden die Opfer verbrannt.

Die Römer, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland. Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus, wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.

Trotzdem diese Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche des Römerreiches, der Basilica, auftritt, scheint die letztere nicht aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der prächtig geschmückte Altar und in der nach Osten gerichteten Nische das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San Paolo fuori le mura im ewigen Rom.

Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den centralen Kuppelbau, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben war, und den gothischen Dom. Den ersteren bewundern wir in der heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem Köln.

Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des Himmelsgewölbes, während die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen den Blick gewissermassen in eine unergründliche Höhe emporlenken.

Die Mohammedaner haben in der ersten Zeit sicher die Basilica nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.

Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie einfach in eine Moschee umgewandelt: die prachtvollen Mosaiken übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine Gebetnische (Michrab) nach Südosten,[148] in der Richtung auf das Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem Fussboden schräg gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und vor dem Tempel ihre schlanken Spitzthürme (Minaret) erbaut, von deren Höhe der Muezzin mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.

Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia. Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die Kuppel-Bauten der Grossmogul zu Agra und Delhi, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.

Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.

Ob die Japaner Religion besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten streiten. Tempel haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. Sie weichen wesentlich ab von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber Natur und Kunst haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den Eindruck des Feierlichen hervorzurufen.

Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte Zugangsstrasse wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf das Kommende vorbereitet.

Am oberen Ende des Dorfes liegt Mihashi, eine lebhaft roth lackirte Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss (Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter für gewöhnliche Sterbliche stets verschlossen ist. Hundert Fuss flussabwärts findet man die gangbare Brücke und kommt über dieselbe in die heilige Strasse. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte Cypressenhain von Skutari.

Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum Mausoleum des Jeyasu.

Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss Dicke der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst anmuthiger fünfstöckiger Thurm (Pagode),[150] der in lebhaften Farben prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises.

Ein gepflasterter Weg führt zum ersten Thor, Ni-o-mon, d. h. Thor der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut ausgeführte Tiger.

Jetzt folgt der erste Hof mit drei lebhaft gefärbten, hübschen Schatzhäusern, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines Steingitters, eine stattliche Fichte, dieselbe, welche Jeyasu, als sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte. Daneben befindet sich der (ehemalige) Stall für die heiligen weissen Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten. Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, Affen, welche mit ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche die Augen zuschliessen.

Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien) genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen, Verläumdungen, Begehrlichkeiten.

Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als Weihwasser-Becken und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige Dreh-Bücherei mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen Schriften.

Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem Vorhof. Hier stehen Huldigungsgaben der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser Schönheit, haben die Daimio gestiftet.

Eine weitere Treppe führt empor zu dem zweiten Thor (Yomei-mon). Dieses ist von wunderbarer Schönheit — „und doch bloss ein Thor.“ Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des Thores, — nach unten, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen.

Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln, Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester geschaffen. Ich sah aber hier einen japanischen Maler eingerichtet, der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu Oelbilder dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in Chicago anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen europäischen Lehrmeister gehabt.

Der zweite Hof, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein Gebäude zum Verbrennen des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines für den heiligen Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht: eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend, auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit den heiligen Wagen, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden, wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und Yoritomo darin verweilen.

Geradeaus kommt man an den eigentlichen Tempelbezirk, der von einem niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.

Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen — verschliesst.

Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die Farben auf das anmuthigste.

Wunderbar ist der Zugang zu dem Grabmal. Erst kommt man an ein Thor, mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen Schnitzwerk einer schlafenden Katze (von Hidari Jingorō) und steigt empor über eine feierliche Steintreppe, 240 Stufen, von Moos bewachsen und überschattet von geradezu herrlichen Cryptomerien. Das Grabmal selbst ist eine kleine Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer Schildkröte) ein Bronzekranich[151] mit einem Leuchter im Schnabel und ein Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.

Etwas weiter liegt das Grabmal des Jemitsu, des dritten Shogun aus der Tokugawa-Familie († 1651).

Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch[152] und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.

Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal ähnlich.

Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist bequem. Man ersteht eine Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein heiliges Paar Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. —

Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach dem Urami-ga-taki oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei dem Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen und feuern sich gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.

Auf dem Rückweg besuchen wir Kamman-ga-fuchi, wo über den Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, — angeblich durch den heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die angeblich kein Mensch richtig zählen könne.

Der Aberglauben ist etwas einförmig, auch — in Japan. Doch lächeln die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen Kulis.

Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, — die Priester schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, — fuhr ich nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den zweiten Ausflug, nach Miyanoshita.

Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1 Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.

Odowara war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die Odowarasitzung sprichwörtlich geworden.

Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische Schlucht bergaufwärts nach Miyanoshita. Das beste Gasthaus ist Fuji-ya.

Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach Nara-ya. Das Haus war auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein nervenkranker Engländer da, und — zahlreiche Ratten, die man Nachts über der Decke nur allzu deutlich hörte.

Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan nicht — zu Fuss gehen soll.

An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich anhob.

Der dritte Ausflug ist der nach Kamakura und Enoshima. Kamakura, südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.

Yoritomo (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan, die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben. Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.

Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist Dai-butsu, der grosse Buddha. Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49 Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr. und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber 1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.

Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die ich zu sehen bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.

In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch dort keine kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel bedeutend länger.

Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu betrachten braucht, um sie zu verstehen und zu bewundern.[155]

Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.

Die liebliche, immergrüne Insel Enoshima, seit alter Zeit der Göttin der Liebe (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man ein japanisches Santa Lucia vor sich zu sehen. Ich raste oben auf der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten, dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und Duldsamkeit.

Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.

Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt worden, — einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.

„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.

Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus, meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend, uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner, bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in dem Theehause des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf der Einlasskarten verwaltet.[156] Aber wir verweilen hier nicht lange. Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber (und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen, hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie, das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und vielerlei Süssigkeiten.

Wir befinden uns in dem Haupttheater zu Tokyo, der Residenz des Mikado.

Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische — Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe der Sperrsitz-Gäste hinweg umsonst zusehen; und ausser ihnen Jeder, der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf, Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat. Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen sie auf den Zwischenbalustraden, die man — Blumenpfade nennt, entlang turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157]

Das Stück beginnt. Den Namen[158] zu erfahren war schon recht schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159] spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber wir sind hier nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der Europäer.

Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai, von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160] bearbeitet. Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.

Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie einst die alten Aegypter; sie schreiben Alles auf, auch Hamlet’sche Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

Notes in this chapter

Note 1 · Die Werke, die ich auf der Seereise, z. Th. auch in Japan, gelesen oder durchgesehen, und denen ich zu grossem Danke verpflichtet bin, sind Note 2 · Nach chinesischen Annalen drangen um 1200 vor Chr. tatarische Stämme nach Korea und den östlichen Inseln vor.Note 3 · Die Photographien der Japaner sind eigentlich besser und billiger, als die unsrigen.Note 4 · Die Chinesin und Malayin gefällt dem europäischen Auge minder; selbst die Hindufrau ist trotz der „arischen“ Abstammung nicht anmuthend für Note 5 · Struppiges Haar, das man bei Frauen und Mädchen in Südchina und Vorderindien oft genug sieht, habe ich bei keiner Japanerin gefunden, auch nNote 6 · Dies gilt für die Samurai (Adligen), welche früher in dem Gürtel links zwei Schwerter trugen. — Was heutzutage im Gürtel der Japaner wie einNote 7 · Früher waren sehr abenteuerliche üblich: Kappen, wie die der Lazzaroni; Deckel, wie die Cerevis unserer Studenten. Heutzutage tragen manche Note 8 · Mikado heisst hohe Pforte, Tenno hoher König.Note 9 · Shogun heisst Obergeneral. Die Europäer setzten irrthümlich Taikun. Aber Taikô oder Taikô-sama wurde Hideyoshi (1591 n. Chr.), nachdem er voNote 10 · Dai = gross, mijo = Name.Note 11 · Wörtlich Wächter (nämlich der Fürsten). 1878 wurde zur Bezeichnung des niederen Adels das chinesische Wort Shizoku eingeführt. — Heutzutage Note 12 · Chamberlain, der sich hauptsächlich auf Satow stützt. (Things Japanese. London 1891, 314 fgd.) Rein, Japan, Leipzig 1881, I, S. 513 fgd.Note 13 · Auch bei den alten Aegyptern wird das Opfer für den Todten als königliches Geschenk bezeichnet.Note 14 · Lehrer aus der Familie Çakya. (Nach Andern Einsiedler von Çakya?)Note 15 · In einem kleinen Orte Schottlands sah ich die drei Kirchen dreier verschiedener Secten: aber an jeder war die gleiche Inschrift: „Nach dem GNote 16 · Wir nennen ihn Confucius, und Mencius seinen Schüler Moschi.Note 17 · Ein fast 2000 Jahre altes Buch des Cho-kiu-kei, des chinesischen Hippocrates.Note 18 · Rein, Japan, I. Abschnitt.Note 19 · Uebrigens ist es eine Missheirath. Die Fichte ist in Japan so herrlich, wie irgendwo in der Welt; die Palme klein und verkümmert.Note 20 · 1883 zählte die Stadt 80000 Einwohner mit 4000 Fremden. Unter letzteren waren 2681 Chinesen mit 150 Firmen, 595 Engländer mit 55 Firmen, 253Note 21 · Der fünfte, Niigata, an der Ostküste von Nippon, steht nur auf dem Papier der Verträge, da fremde Schiffe, wegen der Sandbarre an der FlussmNote 22 · Japans gesammte Ausfuhr betrug 70, die Einfuhr 66 Millionen Yen im Jahre 1889.Note 23 · Beide Verkehrsanstalten sind in vorzüglicher Ordnung. Depeschengebühr nach Europa für das Wort ungefähr 9 Mark. Nach 24 Stunden hat man die Note 24 · Bund oder Bunder heisst Uferstrasse.Note 25 · Man zählt in Japan durchschnittlich 66 Erdbeben im Jahre.Note 26 · Ich sah solche Prachtstücke in anatomischen Sammlungen Japans.Note 27 · Hori-mono = tätowiren, und horu, graben; mono, ein Ding.Note 28 · 10000 Pfd. Sterl. kostete die Meile mit englischen Ingenieuren, später 3600 mit japanischen. Bis 1882 baute die Regierung allein. 1890 gab eNote 29 · Jeder Japaner, ob hoch oder niedrig, nimmt täglich (oder mindestens zwei Mal in der Woche) ein heisses Bad (Yu, von 38–45° C.), das in den öNote 30 · 4 Yen den Tag für die ganze Verpflegung mit grossem Zimmer im ersten Stockwerk.Note 31 · Odawara hyōgi. Die Hojo-Daimio’s beriethen 1590 n. Chr. im Schloss zu Odawara, ob sie ausfallen und angreifen oder auf die Vertheidigung sicNote 32 · 1 Yen Gehalt, 1 Zehrung.Note 33 · In dem Budget des Kaiserreiches Japan für 1889/90 sind die Ausgaben für die Polizei mit 382554 Yen angesetzt. (Unsere gute Stadt Berlin hat Note 34 · In Japan werden sie jetzt als „Fremde“ bezeichnet. Hier müssen die Herren Engländer sich selbst „foreigners“ nennen, ein Titel, mit dem sie Note 35 · Mit dem Gold sind die Japaner schlecht gefahren. Im 15. Jahrhundert n. Chr. galt 1 Theil Gold = 9½ Silber, 1765 1 Gold = 11,35 Silber, 1855–Note 36 · Bekanntermassen ist der Silberdollar der Vereinigten Staaten genau ebenso gross und schwer und von demselben Feingehalt, gilt aber 4 Mark 20Note 37 · 1 Mon = 0,01 Sen = 0,03 Pfennig. 4 Mon = 0,04 Sen = 0,12 Pfennig.Note 38 · Die Staatsschuld betrug 1889 gegen 300 Millionen Yen, darunter gegen 50 Millionen Banknoten.Note 39 · Sha = Wagen, chinesisch. Oft hört man nur diese Silbe ausrufen. (Japanisch heisst der Wagen Kuruma.) Die Engländer schneiden dem Wort den KoNote 40 · H. Meyer wurde im Winter bei 3° in 4 Stunden 46 km weit gezogen!Note 41 · Ganz anders in Indien. Von Abu Road nach Abu Mountain (16 englische Meilen) befördert uns die Jinrikisha in sechs Stunden. Sechs Mann sind dNote 42 · Als ich 1890 mit meiner Frau in der Vorstadt Pankaldi, wo wir unser Mittagsmahl in einer befreundeten Familie genommen, Abends nach Pera zurNote 43 · Tenno Mutsu Hito, geb. 1852, regiert seit 1868 mit Eifer und Weisheit. Als die Kammern kürzlich die Panzerschiffe nicht bewilligten, sagte eNote 44 · „Das Feuer ist die Blume Tokyo’s.“ Japanisches Sprichwort.Note 45 · Im Gegensatz zu Saikyo, östliche Hauptstadt, d. i. Kyoto.Note 46 · Und der anderen japanischen Städte. Dieselben sehen sich zum Verwechseln ähnlich, soweit nicht ein altes Schloss ihnen Eigenart verleiht.Note 47 · Rein I, 480.Note 48 · Das ganze Clubhaus kann in eine Halle umgewandelt werden, wenn die Zahl der Gäste dies erfordert.Note 49 · Das japanische Papier, aus dem Rindenbast des Maulbeerbaumes, ist zäh und zerfliesst nicht im Wasser. Beim Schreiben braucht man kein LöschbNote 50 · Ein englischer Arzt in Kyoto überreichte mir eine „Denkschrift zur Verhütung der Kurzsichtigkeit unter den höheren Classen,“ worin er die FeNote 51 · Schlafgewand, Matratze und Halsschemel (makuro) mit Schlummerrolle, besonders für die Frauen, um den Kopfputz zu schonen. Ich sah dies seltsNote 52 · Japanese houses by Morse, London 1888, (Sampson Low, Fleetstreet).Note 53 · Ich ersuche ihn, erst den Strassenschmutz in New-York, Chicago, Frisco mit der Nase zu prüfen und dann nach Berlin zu kommen.Note 54 · Sie vertreten die Stelle unserer Leichensteine; besitzen aber, wegen der Verehrung der Ahnen, bei den Japanern eine weit höhere Bedeutung.Note 55 · Harakiri heisst Bauch-Schnitt; den Japanern scheint das chinesische Wort seppuku gewählter, wie manchem meiner Fachgenossen — Laparotomie. INote 56 · Das 50. Gesetz des Jeyasu oder (Gongen-sama) lautet: An dem Mörder des Herrn oder Vaters soll man Rache nehmen, und auch die weisen und klugNote 57 · Auf einem der Festessen sah ich ein drolliges Singspiel: Eine junge Frau erschien, mit einem blühenden Kirschzweig über der Schulter, schrieNote 58 · Dieselbe Beobachtung machte ich in den Museen von Hongkong, Calcutta, Bombay.Note 59 · Auch die alten Aegypter gaben der Mumie kleine Thon-Figuren mit ins Grab, die sogenannten Stellvertreter („wòsbt“), die in den elysäischen GNote 60 · Es ist das immerhin nicht so schlimm gewesen, wie die Mittel der spanischen Inquisition.Note 61 · In dieser Künstelei leistet die japanische Gärtnerei geradezu Erstaunliches.Note 62 · Bis Yokohama hatten meine Havanna’s gereicht. In Japan giebt es billige Manilla-Cigarren, wie wir sie bei uns kaum kennen, von der Form der Note 63 · West-Haupt-Gebet-Tempel. In der späteren Beschreibung von Kyoto folgen einige Bemerkungen über Tempel und Secten der Buddhisten in Japan.Note 64 · Auch unsere geliebten Griechen waren in diesem Punkte nicht viel klüger. Beim Hippocrates steht ein unsinniger Satz, von dem wir jetzt wisseNote 65 · Jetzt sind dieselben, in kleinerem Maassstab, für den Hausgebrauch, auch bei uns eingeführt.Note 66 · Nikko = Sonnen-Glanz.Note 67 · Das japanische Maass ist Koku = 180 Liter, im Werth von 2½-5 Dollar. (Das Einkommen des Daimio betrug jährlich 10000 Koku Reis und bei den mNote 68 · Vgl. Von „New-York nach S. Francisco“, Leipzig, 1888, S. 195.Note 69 · Naturgetreue Nachbildungen des japanischen Hauses sind hier am besten zu haben.Note 70 · Der Tempel zu Eleusis, dessen Grundlagen jetzt glücklich freigelegt sind, scheint mir nach ägyptischen Mustern, wenngleich mit einigen AbweiNote 71 · Wer in Ostindien eine Moschee betritt, ist im ersten Augenblick ganz verwirrt, da die Gebetnische nach Westen liegt; aber die Richtung (KiblNote 72 · Ise (südöstlich von Kyoto, an der Owaribucht) mit dem Tempel der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu ist das Nationalheiligthum der Japaner. FremdNote 73 · Pagode, angeblich vom indischen bhagurati = heiliges Haus; richtiger wohl von Dagoba, Reliquien-Schrein.Note 74 · Kranich und Schildkröte sind Sinnbilder des Glücks und des langen Lebens.Note 75 · Aeolus, der Schaffner der Winde, gab dem Odysseus einen Schlauch aus Ochsenhaut, worin er die Sturmwinde fest eingebunden. (Odyssee, X, 19).Note 76 · Mit der Eisenbahn in 50 Minuten zu erreichen, wenn man in Ofuna Anschluss an die Zweigbahn findet.Note 77 · Die Bildsäule besteht aus Bronzeplatten, die einzeln gegossen, dann zusammengeschweisst und schliesslich noch mit dem Meissel bearbeitet sinNote 78 · Dazu gehört der Hermes des Praxiteles. — Zu Cairo sagte mir einst ein englischer Oberst von grosser Reiseerfahrung, er theile die Menschen iNote 79 · Und einen grossen Theil des Gewinnstes vorwegnimmt.Note 80 · Wenigstens in dem der Chinesenstadt zu St. Francisco sassen die Damen, gleichförmig weiss gekleidet und weiss geschminkt, steif und wie leblNote 81 · Im Theater zu Kyoto vermochte der „Führer und Dolmetscher“ durchaus nicht, den poetischen Namen des Stückes in verständliches Englisch zu übNote 82 · Ichikawa Danyūro gilt für den grössten Schauspieler Japan’s. Seine Darstellungskraft und Gewandtheit ist bewunderungswürdig.Note 83 · Wie im Theater der alten Griechen und — Shakespeare’s, so werden auch im japanischen Theater Frauenrollen von Männern dargestellt. Ebenso im
Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings