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Um die Erde

VII. Ostindien.

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Illustration from Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Der Dampfer Shannon ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen missbräuchlich die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff umkreisen und nach Münzen tauchen.

Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht weniger als sechs Tage, da einerseits in Madras gehalten wird, andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den Hugli-Fluss, an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu liegen, um die Fluth abzuwarten.

Log-Bericht.

Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.

Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.

Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.

Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.

Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.

Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.

Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach 25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr Grab in Indien.

Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt Regen. Am Morgen des 25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.

Ich lese Thackeray’s Vanity fair und bereite mich auch für Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie derselben.

Nachmittag um 5 Uhr sind wir in Madras. Dies ist die dritte Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.

Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat keinen Hafen. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der neuen Schutzanlagen.

Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine kräftige Hafenpolizei am Platz.

Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem Besuche beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High court), sehe ich vom Schiff aus.

Sehr bald beginnt ein unerhörtes Gewühl am Schiffsbord. Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine Gaukler-Familie erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der Spiritisten, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; — und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.

Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, Morgens früh um 6 Uhr, dass wir vor Anker liegen, und zwar gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (Saugar Island) mit Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen sein soll.

Der Hugli ist höchst gefährlich, kann bei Nacht gar nicht und bei Tage nur mit der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.

Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem Wasser emporragenden Masten des Wracks der Anglia, eines grossen Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch Nachmittags vor Diamant-Harbour wieder Anker und verbleiben so über Nacht.

Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen Herrn, die ihnen vorgestellt waren.

Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen und Dörfer der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen „Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir sind in Calcutta, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.

Schon vorher waren die Zollbeamten an Bord gekommen. Sie benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium, die Niemand in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die Jeder mit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen Revolver aus der Tasche.

Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.

Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422], der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen Räume eilt, — aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.

Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen und für den Nachweis der Droschke — deren Hunderte dastehen, — und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen einfach den Rücken dreht.

Das Great Eastern Hotel, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten Reisenden unseres Dampfers, des Postschiffes von London nach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt eben für fein, in diesem Gasthaus[423] abzusteigen und hieher die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (Bellevue der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags auf die Esplanade, zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.

So bin ich also in Indien, dem Märchenland für die Europäer von den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die Literatur über Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu bringen.

Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in englischer Sprache, von Murray. Ferner Führer durch die hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber die Hauptquelle ist The Indian Empire by Sir William Wilson Hunter, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des Statistical Survey erst die 14 Bände des Imperial Gazetteer of India und daraus das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich Ostindien“ von Werner, Jena 1884.) Ausserdem hat Hunter noch zwei Werke verfasst: A brief history of the Indian people und Englands Work in India. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist von Mount Stuart Elphinstone, der selber so thätigen Antheil an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the Indian Mutiny by Col. S. B. Malleson.

Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat Prof. Lefmann in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881–1885).

Für die indische Kunst kommt in Betracht Industrial arts of India by Sir G. Birdwood. J. Fergusson’s History of Indian und Eastern Architecture scheint das einzige Werk über indische Baukunst zu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr lehrreich ist Albert Grünwald’s buddhistische Kunst in Indien, Berlin 1893.

Ueber Alterthümer erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke immer nur Jas. Prinsep’s Essays on Indian Antiquities (zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. Lassen in Bonn (1844–1861 und 1867–1874, vier Bände).

Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges Büchlein von unserem Max Müller in Oxford: Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat bekanntlich den ganzen Rigveda herausgegeben, das unermüdliche Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische fertiggestellt. Die indische Literaturgeschichte verdanken wir unserem Berliner Professor Albrecht Weber (II. Auflage, Berlin 1876).

Ueber die Religionen in Indien belehrt uns ein Werk von A. Barth in Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze.

Die Zahl der englischen Reisebeschreibungen über Indien ist gewaltig. Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter Sir E. Arnolds, und Picturesque India by W. S. Caine (London 1891).

Von deutschen Reisewerken kommen in Betracht die einschlägigen Capitel der schon genannten Bücher von Hildebrandt, H. Meyer, Lanckorónski. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von Indien, ältere, wie die vorzügliche des Prinzen Waldemar von Preussen (1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer Zeit von unserem Professor Reuleaux „Quer durch Indien im Jahre 1881“ (Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort und Bild von Schlagintweit (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem Verfasser leider die eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild geschilderten Landes nicht beschieden war.

Die allgemeine Länderkunde unseres bibliographischen Instituts enthält in dem 1892 erschienenen Band Asien eine Beschreibung von Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8. Band von E. Reclus’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883) nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschienene Erdkunde unseres Ritter, trotz der inzwischen eingetretenen Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu Rathe gezogen zu werden.

Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.

Unser Name Indien stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.

Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber als Ostindien zu bezeichnen.

Das Riesendreieck von Ostindien ruht mit der Grundfläche am Himalaya und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen, d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein Erdtheil, als ein Land.

Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428] die beiden Seiten (Malabar- und Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429]

Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit anerkennen. Der britische Vicekönig (oder Governor General, zur Zeit Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta, im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König.

Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück erwartet wurde.

Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen (Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal, Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh. Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)

Die Volkszählung von 1891 ergab:

1) 221434862 Einwohner in den britischen Besitzungen,

2) 66908147 „ „ „ Schutzstaaten,

3) 561384 „ „ „ portugiesischen Ansiedlungen (Goa u. s. w.),

4) 282923 „ „ „ französischen (Pondichery u. s. w.).

Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt (einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. Noch nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder beherrscht worden.

Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den britischen Besitzungen fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89: 42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430]

In England leben 53,22 Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,84 Procent in 225 Städten dieser Grösse. Indien ist ein Acker-Land. In den übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere Vertheilung des Volkes.

In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich vier Stämme:

1) Ureinwohner (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge 17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).

2) Verhältnissmässig reine Arier (Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen.

3) Die gemischte Bevölkerung der Hindu, die aus der arischen und nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen ist, 111 Millionen.

4) Mohammedaner 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter britischer Regierung im Jahre 1872.[431])

Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien noch 11, in ganz Indien 14 Millionen wilder Wald-Stämme vorhanden sind.

In der ältesten Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden Indiens. Der eine Stamm war ein hellfarbiges Volk, vor Kurzem aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien vorgedrungen; Aryer, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten eine prachtvolle Sprache. Die anderen, dunkler und von niederer Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda) Feinde (Dasyus) oder Sklaven (Dásas) genannt, Schwarzhäute, Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen sein, in den Veden ist von ihren sieben Schlössern und 90 Festungen die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern.

Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.

Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt. Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt. Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden. Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den Linga, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt; aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr ursprünglicher Sitz war Central-Asien.

Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese Rig-Veda sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000 v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v. Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.

Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier (aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“ Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und Agni (Ignis), den Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und elf im glänzenden Luftkreis.

Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra. Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni. Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (Brahma, Wischnu, Schiwa), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.

Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen mit Priestern und Kasten?[432] Die Schrift war unbekannt. Die Familien, welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung. Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche. Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den Veda (dem Wissen, lat. vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden die Offenbarung (Sruti, das aus Gottes Mund Gehörte); die späteren Sutra (oder Reihen von Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste dargestellt sind, fügen die Ueberlieferung (Smriti, das Erinnerte) hinzu.

Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse der Kshattriya (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutage Rájput = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (Vaisya, von vis = Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten, aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern. Unter ihnen stand eine vierte oder dienende Klasse, Súdra, Ueberbleibsel der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther.

Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:

1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu, von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.

2) Darauf gründet er eine Familie.

3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln und führt die religiösen Gebräuche aus.

4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.

Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.

Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.

Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur einen grossen Sitz seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste (Sankya, 500 v. Chr.) die Entwicklungslehre, welche heute den Beifall so vieler Denker in Europa findet.

Die Bráhmanen schufen die Wissenschaft. Pánini’s Grammatik des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die Sanskrit-Literatur wurde mündlich überliefert und ist darum ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.

Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.

Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler hinterlassen.

Das Gesetzbuch von Manu, das die Kasten feststellt und die Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein, als 500 n. Chr.

Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen (Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische Dichtungen. Von Kalisada’s Drama Sakuntala (550 n.Chr.) ist 1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche Veranlassung für das Studium der indischen Sprache, Kunst und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16. Jahrhundert) entstanden dann noch die Purana (die „alten Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.

Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von Gautama Buddha. (622–543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen zum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung allen Menschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.

Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 Werken) hervorgegangen.

Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander 1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht unmöglich.

Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) beginnt die Beeinflussung Indiens durch Fremde, beginnt für uns die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.

Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz gegriffen. Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu, und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.

Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von Afghanistan aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische Turanier Baber das Reich des Grossmogul, das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die Portugiesen hatten (seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, die Holländer im 17. Jahrhundert, die Engländer und die Franzosen, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach der Zersplitterung des Mogul-Reiches (1707) gelang es den Engländern, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen, festen Fuss in Indien zu fassen. 1757 besiegte Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu von Mysore in Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischen Maraten in Centralindien, welche schon die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts die Sikhs in Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen Soldaten (Sepoy) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, Indien unter die Verwaltung der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben.

Calcutta,

die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434] im Jahre 1891) hat zwar den Namen von einem uralten Wallfahrtsort zu Ehren der Kali, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435] ist aber eine durchaus neue Gründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige Städte, wie Benares oder Delhi.

Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen eingerichtet.

Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta, eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen Engländer (146, Männer und Frauen,) in das schwarze Loch stecken (Black hole;[436] so hiess das Militärgefängniss von Fort William in Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern). Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.

Sofort segelten Clive und Watson mit allen verfügbaren Truppen von Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung veranstaltet, der denkwürdige Sieg von Plassy (80 engl. Meilen nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab gesetzt. Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in Indien.

Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790 und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.

Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, also dicht unter dem Wendekreis, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von Osten nach Westen 2–3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird begrenzt durch den Fluss und die Gürtelstrasse (Circular road, ehemals ein Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21 Quadratkilometer.

Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist freigelassen. Der riesige Exercirplatz (Maidan, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht das Denkmal für Sir David Ochterlone, der 1823 englischer Resident zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437] über den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule emporzuklimmen.

Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen Chowringhee-Strasse, in welcher auch der General-Consul des Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das liebenswürdigste empfangen hat.

Der Haupttheil der „Stadt der Paläste“, nördlich von dem Exercirplatz bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen sehr — mittelmässigen. Der Palast des Vicekönigs liegt inmitten eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende nicht hineinkommt.

Westlich von dem Palast liegt das Stadthaus (Town-hall) in jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her genügend bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von Warren Hastings zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz gleich, die Bekenner beider mit der gleichen — Ueberhebung. Vollends Warren Hastings (1772–1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz gleicher Rücksichtslosigkeit den Hindu-Fürsten von Benares und die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark, er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.

Das Obergericht (High Court), das Secretariat und die andern Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die Post mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (Babu)[438], welche eine grosse Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert. Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe. Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing. (In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen; die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung nicht abgeschickt worden wäre.)

Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels, Banken[439] und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man weit billiger einkaufen.

Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (Bow Bazar) quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen. (Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie der letzteren.)

Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die Dhurumtolla-Strasse, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz Shulam Muhamed, dem Sohn des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels. Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als Hausirer auf der Strasse.

Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.

Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich nach Abgabe eines Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.

Seine Visitenkarte lautet:

Illustration from Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.

Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht, wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen. Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie nach Europa. Fürst Tagore[440] hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die Musik seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und auch wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, dass sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta meinem Ohr durchaus gefällig schien.

Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt, sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus Hindu-Dörfern (Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm verschmiert ist. Die Vorderseite der Hütte steht bei Tage offen und wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.

Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.

Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf lohnende Rückfracht.

Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke sieht einer europäischen Fabrikstadt ähnlich. Da schnurren die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und Baumwollenspinnereien.

Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute[441], und daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.

1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem ganzen indischen Seehandel (Rx[442] 193 Millionen, oder in runden Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890–91) beherrscht Calcutta wie Bombay je 40 Procent.

Die Zahl der Sehenswürdigkeiten in Calcutta ist gering.

Am bemerkenswerthesten ist das indische Museum in der Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend, aber ganz unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. Meyer, Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt, wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen, noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte Bildsäulen aller indischen Völkerschaften mit ihrer Kleidung, ihrem Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem arischen Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt man erst, dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, sondern einen ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen darstellt.

Die naturwissenschaftliche Abtheilung giebt eine vollständige Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.

Eisenerz wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten Zeiten in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.

Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute Kohle[443] in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen, doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast zu Ballastfrachtsatz.

Steinsalz im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung an der Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem pflanzenessenden Indier so nöthige Speisesalz und der Regierung ein beträchtliches Einkommen.[444]

Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal (Nord-Behar) einen grossen Theil des Salpeters für das Schiesspulver Europa’s.

Silber, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im Lande gefunden. Gold wird aus dem Flusssand gewaschen; aber die Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf die neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt. Kupfer wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich gefunden. Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke (surmá).

Kalkstein (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk (chunam) wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude zu Agra bestehen aus dem rosafarbenen Marmor der Rajputana.

Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an Edelsteinen, der Indien zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr reich an kostbaren Steinen; jener Reichthum kam von der Jahrhunderte lang fortgesetzten Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden noch jetzt in der Gegend von Golconda gefunden, einige Perlen im Golf von Cambay und in der Gegend von Madura.

Uebrigens sind thatsächlich alle Diamanten[445] bis 1728 n. Chr. aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in Südafrika gefunden.

Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1) Kohinur „Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin in Südindien erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des grossen Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den Sikhs abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen Kronschatz einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, 106 Karat (zu 20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache gewogen haben. 2) Der Orlow an der Spitze des russischen Scepters stammt aus dem Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für 450000 Silberrubel angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 Centimeter; Gewicht 197¾ Karat. 3) Der Regent, von 136 Karat, stammt gleichfalls aus Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem Herzog von Orleans gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen Kronschatz.

Vergeblich suchte ich die Glasmodelle der grossen indischen Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein dummer Teufel sie — gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet. Das erste ist der indische Magneteisenstein, der vielleicht schon seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet worden: in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein als das vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, eine Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.[446] Das zweite ist der indische Beryll, ein meergrüner, durchsichtiger Halbedelstein. Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder berullus; im Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall und Glas. Davon stammt unser Wort Brille.

Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine der vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die Alterthümer.

Am besten gefallen uns die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar unter griechisch-baktrischem Einfluss entstanden sind: kleine Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.

Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die Reste buddhistischer Bauwerke. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen. Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta ganz reichlich gedeckt ist.

Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von Bharhut,[447] das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter, mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten (Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in den — Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.

Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, dem Rad des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von baum-anbetenden Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst war 9 Fuss hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende Reihe von Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und Inschriften enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und dem Titel der heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der Bau deutlich den Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist das Bildwerk doch so scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein eingegraben, dass eine lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.

Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein Naga-[448] Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König, der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum niederknieen.

Der zoologische Garten, im Süden der Stadt, am Tolly-Nalla-Flüsschen gelegen und durch einige kleine Seen belebt, verdankt seine Entstehung dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, dem auch eine Erinnerungstafel gestiftet worden ist. Der Garten ist geräumig, gut gepflegt und mit Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr gering; daher trifft man drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier kann man ihre Gestalt und Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in Augenschein nehmen. Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar nicht dunklem Gesicht sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt durch riesige Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken Nasenflügel und hängt vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und trägt noch allerlei Flitter und Zierath.

Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter. Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge nach oben, sein linkes nach unten wendet.

An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im Baustil gewahrt ist, so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die braunen Menschen und zweitens Inschriften wie die folgende: „Speisewirthschaft ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch die strengen Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.

Aber weit berühmter ist der botanische Garten. Der Besuch desselben nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen nördlich bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann südlich am Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der Treppe des botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der Garten ist so ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen Wagen braucht. Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine Nachfolger Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und King waren alle sehr berühmte Botaniker.

An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume (Ficus religiosa).

Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen, nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen Inschrift: Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That ein wenig glücklicher Gedanke.

Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen (Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.

Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des Gartens ist ein Banyanbaum (Ficus indica), der laut Inschrift genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen Luftwurzeln zu einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit ungeheuren Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes beträgt 42, der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280.

Es ist sehr merkwürdig, dass bereits Milton († 1674) den wunderbaren Banyan-Baum besungen hat:

Branching so broad along, that in the ground The bending twigs take root and daughters grow About the mother tree, a pillared shade, High overarched with echoing walks between.

Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. Die Flora of British India in 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei London beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen Eifer der Engländer.

Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse (von 3–4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung.

Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote.

Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinab in’s Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das, künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne, was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in unseren hoch gesitteten Seebädern.

Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.

Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre zum Empfang des Vicekönigs an Prinseps Ghat, der Landungstreppe im Süden des Hafens.

Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle. Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken, zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.

So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind. Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.

Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne, z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und eigenartig.

Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.

Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem Glanz.

Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche Fort-William, das von 1757–1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. Es ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem 50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer Ausfallspforte.[449] Es enthält ein englisches und ein einheimisches Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844 errichtet.

Zwischen der Festung und dem Palast liegt der Eden-Garten, wo Abends die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, Frauen und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen Theil der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren Kutschen am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich in das Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, sondern von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, die diesen freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem kleinen See ist eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, holzgeschnitzten Fabelthieren.

Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.

Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer, aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M., des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der Landhäuser sind schon von 1768–1780 erbaut.

Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der Muttersprache ermöglichte.

Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unverheiratheten) aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf von Jute, nach Calcutta gereist war.

Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,[450] musste aber ernstlich verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das indische Soda-Wasser.[451] Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten Flasche entnommen wurde.

Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452] die englische Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.

Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth. — Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. — Mein Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen, war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich, zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess „Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen erwachsenen Sohn und veranlasst die Tödtung des letzteren. Spiel und Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen, noch in den lustigen Abschnitten.

Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.

Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die Universität und dabei das Krankenhaus der Schule für Heilkunde (der medicinischen Facultät). Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt, die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von allgemeiner Bedeutung kurz berühren. Lungenentzündung, die bei uns von den Nichtärzten für eine auserlesene Erkältungskrankheit gehalten wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in der — wärmeren Jahreszeit vor. Lungenschwindsucht ist in Indien sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon befallen. Cholera kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene Mayo-Krankenhaus für Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden, besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer in ein abgesondertes Gebäude.[454] Die Engländer glauben gegen die Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht. Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen, da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls und sagte kaltblütig, dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls, besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.

Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen einzugehen. Die alten Griechen (auch schon Hippocrates, der Vater der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen schöpfende Römer Celsus, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als Volksseuche beobachteten;[456] dieser Name wurde natürlich beibehalten, als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird der Brechdurchfall[457] genau und zutreffend beschrieben, aber die epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. Unser Robert Koch hat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache der epidemischen oder asiatischen Cholera entdeckten Kleinpilz (Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie schwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom Tausend der Bevölkerung.[458]

An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom Tausend. (In Deutschland 28.)

Darjeeling im Himalaya.

Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien (und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug[459] nach Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der nördlichen Eisenbahn von Bengalen.

Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse, Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche.

Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett[460] konnte ein bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen) zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz Sara Ghat einigermassen zu verringern.

Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck wird uns ein Abendessen aufgetragen. Zum ersten Mal in Indien ist es empfindlich kühl.

Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal railway). Diese hat eine Meter-Spurweite.

Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei, entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen.

So beginne ich meine erste Nachtfahrt auf indischer Eisenbahn. Der Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen zwei auf den beiden gepolsterten Seitenbänken bequem schlafen können; die beiden andern leidlich, auf den obern Klappbänken. Betten werden nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett. Die im Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in den Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe, Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl.

Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 Pfund) Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird der schüchterne Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen Officier oder Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die Bahnbediensteten sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert werden müssen, nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten sie auf der Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in den Wagen nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande Lebenden und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross und ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen gehörigen Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.

Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.

Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der Staatsbahn.

Hier beginnt die private Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn, die eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.[461] Bahn und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis 1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um 1000 Fuss.

Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48 englischen Meilen in acht Stunden zurück.

Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10 Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis Siliguri nur 30 Rupien kosten.)

Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.

Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen, welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen eingenommen.

Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.

Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen. Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer, prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe, welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.

Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen sich geändert. Zunächst sieht man noch viele Bengalen, namentlich dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von den Hindu unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. Dann kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten Backenknochen. Es sind Nepauler mit eigner Sprache, Buddhisten. Die Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist mehr und mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der tatarischen. Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder Gewandzipfel. Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. Die Frauen tragen Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, ungeheure Ohrgehänge, dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband ist Schaustück und Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches wenigstens 30 Mark in Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als ich mit Rücksicht auf diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt mir eine lange Rede, die ich leider nicht verstand.

Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.

In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen, vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren Woodland’s Hotel sehe ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem herrliche Cypressen und Laubbäume.

Sehr interessant war der Bazar der Eingeborenen wegen des Gedränges verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, Tibetaner.

Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft; zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um einen Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte, sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“

Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C. im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.

Der Bezirk Darjeeling, der zwischen die unabhängigen Staaten Nepaul[462] und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die Himalayakette fortreichenden Schutzstaat Sikkim grenzt, war im Jahre 1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine Gebiet den Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten abtrat. Nur 22 Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung übernahm. Er baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine Heilstätte für die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt wohnen 150000 Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.

Die Theepflanzungen wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200 Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83 wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.

Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher Colonisation.

Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December) um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt[463] nach dem Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.

Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es war doch noch empfindlich kalt.

Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher, wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.

Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten. Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele Selbstmorde vorkamen.

Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung) vom Hotel aus erspähen können.

Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung des unruhigen Sikkim gehalten wird.

Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht, Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von Bengalen errichtete Eden-Sanitarium, eine Pflegestätte für Genesende. Dr. Russel, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, sagte mir, dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an Sumpffieber und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus der indischen Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für Lungenleidende. Aus den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) ersehe ich, dass die Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, in der zweiten 4, in der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der grossen — Duldsamkeit der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. Für die Einheimischen ist ein Nebengebäude in einer kleinen Thaleinsenkung errichtet.

Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine, aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.

In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt, zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, — aber nicht etwa, um ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare, der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!

Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei. Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch, darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.

Nachmittags besuchte ich das Dorf Bhutia Busti, das 1 englische Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen, in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch, erhielten aber nichts.

Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge sind umfangreich, aber geschmackvoll.

Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus dickem Wollenzeug.

Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten Vormittag abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und Morgens 7½ Uhr (am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild der Himalayakette hervor. Erst ragen die Kuppen über den Nebel empor, dann wird die ganze Kette sichtbar, mit dem wunderbaren Kinchinjanga, der übrigens in der Luftlinie noch 45 englische Meilen entfernt ist. Ueber die näheren Hügel und Berge und über eine ungeheure Kluft schweift der Blick zu der Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in 17000 Fuss Erhebung über den Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige Fläche nackten Granits theilt den Gipfel in zwei Theile und lässt die Schneefelder noch grösser erscheinen.

Es ist gewiss eine grosse Freude, die höchsten Berge der Erde zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.

Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz heiteren Himmel überspannt.

Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.

Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240 Kilometer) dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler Spurweite erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209 englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,[464] davon 12805 der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter 25 Millionen, im Jahre 1891.

Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi, Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche Hindernisse dar. — 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in 36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die Eisenbahnbrücke fand unser Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht fertig.

Benares.

East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen: zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46 Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht war ziemlich kühl.

Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern sichtbar. (Die ganze Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70 Millionen Einwohner.)

Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465] der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und hält um 1 Uhr in Benares. In Clark’s Hotel finde ich ein leidliches Zimmer und Frühstück.

Die Gasthäuser im Innern von Indien sind mittelmässig.[466] Die kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, — fast so wie auf mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden. In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe von Schlafzimmern nebst Zubehör.

Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber, wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner, der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit 1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn aber zwei Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu werden.

Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges (oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág), wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden mit dem geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens getragen, neuerdings auch — in europäischen Glasflaschen massenhaft versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.

Es ist sehr merkwürdig, wie seltsam der Ganges in die deutsche Literatur eingeführt worden ist.

„Am Ganges duftet’s und leuchtet’s Und Riesenbäume blühn, Und schöne stille Menschen Vor Lotos[467]-Blumen knien.“ „Fort nach den Fluren des Ganges — Dort liegt ein rothblühender Garten Im stillen Mondenschein, Die Lotosblumen erwarten Ihr trautes Schwesterlein.“ „Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt, Der Himalaya steht im Abendscheine Und aus der Nacht der Banianenhaine Die Elephantenheerde stürzt und brüllt —“

Wann Benares (Waranasi) gegründet worden, wie die Schicksale der Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig unbekannt, da die Hindu, das ungeschichtlichste Volk der Erde, keine Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes Dunkel gehüllt.

Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner. Im Jahre 1194 n. Chr. wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der Hindu und baute Moscheen an ihre Stelle. Von dieser Zeit herrschten Mohammedaner über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.

Aber trotzdem herrscht jetzt der Dienst des Schiwa, dessen schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an der Zahl — nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000 Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert, obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt. Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334 Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.

Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die Vortragssprache.

Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über 1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa 100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5 Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen heiligen Treppen (ghats), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer hinabführen.

Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich miethete mir einen Führer,[468] einen Wagen[469] und fuhr nach der Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.

Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,[470] um die Fluss-Ufer entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer und zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen Führer.

Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.

Die mächtigen Treppen sind dicht gedrängt von Andächtigen; darüber ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten Paläste empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und nur in ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen grösster Heiligkeit lodern Scheiterhaufen, umringt von weissgekleideten Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist so fremdartig und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er sich fragen möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er an’s Land steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig auf einer Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die Flamme des Scheiterhaufens blickt.

Der nächste Tag (8. December) war einer planmässigen Betrachtung der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich[471] schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom[472] nach dem Haupthalteplatz der Boote. Wir rudern zum äussersten Westende der Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang ostwärts treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und reichen Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für ihre gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau gilt für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem Blick auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.

Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen Festtagen in Benares vereinigt sein.

Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher, die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.

47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht, von Süd-West nach Nord-Ost.

Die erste ist Ashi Ghat, so genannt nach dem Bächlein Ashi, das hier in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich verfallen, obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares gehört. Von dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen abgestürzt und liegen am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die Baumeister die Grundmauerung zu schwach angelegt, oder ob hier die Strömung des Flusses zu stark ist.

Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass er alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von selber sich neu schafft. Das sechste ist Shivala Ghat, diese Treppe ist sehr schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es sollen Morgens um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges baden.) Priester sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich gemauerten Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht unterbrechen, Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme empor, Männer und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in das Wasser, das ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein, netzen Augen, Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger Begeisterung, und schreiten dann wieder, die Männer würdevoll, die Frauen anmuthig, die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen und sich zu trocknen.

Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in dem Chait Sing, der Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder zahlen wollte, behauptete Warren Hastings, dass er in Briefwechsel mit dem Feinde stände, und sandte Truppen zu seiner Verhaftung; aber der Rajah entkam durch ein Fenster, das uns gezeigt wird. Natürlich wurde sein Besitz eingezogen und nur unter der Bedingung einer verstärkten Tributzahlung an seinen Neffen ausgehändigt.

Am neunten oder Smashan Ghat sieht man stets Scheiterhaufen; die Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt, ist auf einer einfachen Bahre (aus zwei Bambusstäben mit einigen Querleisten) mittelst dünner Stricke aufgebunden und liegt hart am Rande des sandigen Ufers, so dass die Füsse noch von dem heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser Bahre war sie von zwei weissgekleideten Männern, die fortwährend Ram, Ram[473] rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während die Leidtragenden folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu wiederholten Malen.)

Notes in this chapter

Note 1 · Hindu-Schreiber.Note 2 · In ganz Ostasien, von Hongkong bis Bombay, sind die Gasthäuser schlecht. Es fehlt der Wettbewerb. Auch gehört viel Geld dazu, so grosse HäusNote 3 · Die Hauptzeit dauert vom 20. Dezember bis 10. Januar; da kommt jeder in Bengal lebende Engländer nach Calcutta; da sind die Bälle und EmpfänNote 4 · Silbermünzen: 1 Rupie (= 16 Annas), eigentlich 2 sh, wirklich 1 sh 2½ d, etwa 130 Pfennige. ½ Rupie = 8 Annas (65 Pfennige). ¼ Rupie = 4 AnNote 5 · Wörtlich Schnee-Palast; vom Sanskritischen hima = Frost oder Schnee und álaya = Wohnung. Der erstgenannte Stamm ist auch im Griechischen undNote 6 · In engerem Sinne bedeutet Dekkan das Hochland zwischen den beiden Flüssen, Narbada, der ungefähr unter 21° nördl. Br. in das arabische Meer Note 7 · Treppengebirge, von ghát = Landungstreppe.Note 8 · Burma mit 7½ Mill. Einwohnern gehört jetzt mit zum Kaiserreich Indien.Note 9 · 1 Acre = 40,5 Ar; 1 Ar = 100 Quadratmeter.Note 10 · Die Eintheilung ist üblich, aber nicht folgerichtig. Die Mohammedaner sind nicht ein besonderer Stamm.Note 11 · Vom portugiesischen casta, Geschlecht; Uebersetzung des indischen dschâti, Stand.Note 12 · d. i. Vihara = Kloster.Note 13 · Ueber 50 Procent Hindu, 39 Procent Mohammedaner, ferner Christen, Juden, Parsi u. s. w. 1881 waren unter 684000 Einwohnern 428000 Hindu, 221Note 14 · Der jetzige Tempel mit seiner Treppe (ghat) heisst Kali-ghat und liegt einige englische Meilen südlich von der Stadt am Ufer von Tolly’s NulNote 15 · Das Gebäude ist nicht mehr vorhanden; der Eingang lag in einer Gasse hinter dem jetzigen Postgebäude; 1884 wurde der Ort mit einem schönen SNote 16 · Ich verschmähte denselben und fand weit besser meinen weichen, hellgrauen, breitkrämpigen Filzhut, den ich schon in Oberägypten erprobt hattNote 17 · Babu heisst Herr auf hindostanisch und bedeutet einen Inder, der englisch lesen und schreiben kann. Die Babu sind das halbgebildete, neuerunNote 18 · Am ersten Tag in Calcutta entnahm ich Geld auf meinen Creditbrief in der Chartered bank of India, Australia, China. Ich erhielt 74 ZehnrupieNote 19 · Sprich Tanjor.Note 20 · Jute, Calcutta-Hanf, die Bastfaser von Corchorus, 1,5 bis 2,5 Meter lang, besonders seit dem Krimkriege, während dessen der russische FlachsNote 21 · Rx = 10 Rupien, ein durch den schwankenden Silberpreis neuerdings eingeführtes Zeichen, während früher Rx = £ gewesen.Note 22 · Auch Steinöl ist vorhanden, in Punjab, in Assam, aber weder lohnend, noch ausreichend, so dass Indien angewiesen ist auf Einfuhren aus AmeriNote 23 · Rx 8 Millionen, also fast ¼ der ganzen Steuern. (35½ Millionen.) Folglich zahlt die ärmste Familie von vier Personen der Regierung an Salz-SNote 24 · Adamas, griechisch, der unzerbrechliche.Note 25 · Vergleiche meine Arbeit: Ueber die Ergebnisse der Magnetoperation in der Augenheilkunde, in A. v. Graefe’s Archiv, Band XXXV, 1890.Note 26 · Im Norden der Centralprovinz.Note 27 · Fergusson verficht mit Eifer die Ansicht, dass „allenthalben unterhalb des Buddha-Glaubens eine Lage von Schlangen- und Baumdienst gefunden Note 28 · Der sachverständige Prinz Waldemar von Preussen beschreibt es folgendermaassen: „Es bildet ein achtseitiges Vauban’sches Polygon, dessen fünNote 29 · Für 1 R.Note 30 · Die Wasserleitung Calcutta’s schöpft aus dem Ganges.Note 31 · Die der Wirth für 2 Annas d. h. etwa 16 Pfennige liefert, mein Landsmann aber auf den Werth von 1 Annas abschätzt.Note 32 · Für 2–4 R.Note 33 · 1891 wurden im Mayo-Krankenhaus 176 Fälle von Cholera aufgenommen, von denen 105 tödlich endigten.Note 34 · Schon die alten Griechen waren im Zwiespalt, die Einen leiten das Wort von χολή (chole) „die Galle“, die Anderen von χολάς (cholas) „DünndarNote 35 · Vgl. Reports on the epidemic cholera, Bombay 1819.Note 36 · Unter dem Namen Bisúchika, während in einer Sanskrit-Handschrift aus dem 17. Jahrhundert der Name Haidsa auftritt.Note 37 · In Berlin sind in den 15 Epidemien von 1831 bis 1873 im Ganzen 18916 Menschen an Cholera verstorben.Note 38 · Den Koffer liess ich im Gasthaus. Calcutta-Darjeeling, 378 englische Meilen in 24 Stunden, also durchschnittlich nur 25 Kilometer in der StuNote 39 · Der Ganges ist 2500 Kilometer lang und hat ein Gebiet von 1 Million Quadratkilometer. Zu Rajmahal in Bengalen, noch 640 Kilometer von der MüNote 40 · Nicht weniger als fünf verschiedene Spurweiten sind auf indischen Eisenbahnen zu finden, was vom Standpunkt der Landesvertheidigung seltsam Note 41 · Auch Nepal oder Nipal geschrieben.Note 42 · Ponny und Führer 6 Rupien.Note 43 · In Deutschland 43156 Kilometer (dazu 2487 Kilometer Industrie-Bahnen); in England 32304 Kilometer.Note 44 · 1881 musste Professor Reulaux im Fährboot über den Ganges setzen.Note 45 · Natürlich besser, als Rasthäuser (Dak Bungalow): auf letztere war ich nur zwei Mal angewiesen, in Ahmedabad und bei Ellora, in einheimischenNote 46 · Nelumbium speciosum, indische Teichrose, Nil-lilie, die heilige Padena-Pflanze der Inder.Note 47 · 2 Rupien für den Tag.Note 48 · 6 „ „ „ „.Note 49 · Für 2 bis 3 Rupien.Note 50 · Die Vorschrift der Religion ist gewiss sehr förderlich für die Gesundheit.Note 51 · Sikra oder Vimanah, mit zahlreichen Nebenthürmchen. (Es soll die aufsteigende Flamme bedeuten.)Note 52 · Rama ist einer der „Niederstiege“ (Avatáras, Incarnationen) des Wischnu.
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