IV. Japan. (continued 3)
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Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes verwendet.
Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22 Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.
Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von Karasaki und den noch heiligeren Bo-Baum zu Anuradhapura auf Ceylon, der von allen Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die zu seiner Pflege bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren ununterbrochen seine Schicksale verzeichnet haben.
Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte Tempel von Mi-i-dera, im Norden der Stadt, besucht. Der Name bedeutet Drei-Quellen-Tempel. Das Heiligthum ist der Göttin der Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.
In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre Kunstschätze aus, die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem — Hausarzt des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich hängende Bilder (Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden Kindern. Sodann Rollbilder (Makimono) von bedeutender Länge, 10 Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem (natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. Der Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, sondern eine zusammengehörige Reihe, wie bei manchem unserer Romanschriftsteller.
Ein Bild stellt die sieben Nöthe dar. Zuerst kommt das Erdbeben, dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange, welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen Künstler Okyo vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst die sieben Freuden und behandelt die Reisernte, das Gastmahl und dergl. Grässlich erscheint uns das Bild von den Räubern und Mördern, sowie das Gegenstück, welches ihre Bestrafung (durch Zersägen, Kreuzigen, Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig fand ich ein im Anfang unsers Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Absperrung von Japan, gemaltes allegorisches Weltbild, da diese Welt nur drei Reiche umfasst: Japan, dargestellt durch Amaterasu, die Sonnengöttin; China, vertreten durch Confutse; Indien, durch Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen Baum. (San-Koku, die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene Gestalten, welche die Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch einige Fremdlinge von der Grenze der Erde. Denn damals glaubten die Japaner, dass an Tenjiku, die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder Portugal und Holland, und andere, von denen sie vernommen, unmittelbar sich anschliessen.
Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein heiliges hielt, — aber nach drei Tagen hatte ich mein Abbild.
Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht ein wunderliches Denkmal, — ein Obelisk aus Granit, zum Gedächtniss an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen die Empörung von Satsuma (1877) gefallen sind.
Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt, so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte Sammelbüchse, welche in englischer Sprache Beiträge zur Erhaltung der umgebenden Gartenanlage fordert.
Hier war es auch, wo der Angriff auf den russischen Thronfolger am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem japanischen Prinzen und Anderen.
Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher, aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein schien.
Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie einen Sklaven missachte; und — getödtet werden müsse.
Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer. Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische Prinz, der griechische Prinz, — als sie den Lärm vernahmen, eilten sie zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber hatte augenblicklich, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu Boden geschleudert. Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist, dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.
Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende hat nichts in Japan zu befürchten. —
Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der Eisenbahn zurück nach Kyoto.
Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den Tempeln gewidmet.
Zunächst kamen wir nach Nishi Hon-gwan-ji. (West-Haupt-Gebet-Tempel.) Hier ist das Haupt-Quartier der buddhistischen Shin (Geist-) oder Monto (Thorfolger)-Secte, die von Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt. Man nennt sie[215] die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und -Schrift in den Gottesdienst ein.
Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe Mauer, damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude — vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie solchem Aberglauben huldigen.
Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss, worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde) aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50 Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss); geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.
Der Oberpriester, der uns geleitet, Akamzu Rensio, gleichzeitig Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach Eduard von Hartmann gefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während er Schopenhauer aus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt durch Chokushi Mon, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten.
„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass Dir dieses so gefällt (und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe Gegenstand unser Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen. Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“
Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ostasien viel lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.
Die japanische Bildhauerei ist hauptsächlich Holzschnitzerei und kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert. Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der japanische Phidias, Hidari[216] Jingoro (1594–1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.
Der zweite Tempel, den die Shin oder Hongwanji-Secte in Kyoto (wie in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst Higashi Hon-gwan-ji (Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864 in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von 260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und ferner — ein Riesenseil aus Menschenhaar. 38000 Frauen haben ihren blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V. Dynastie) bei Sakkara kennen.
Toji, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado dem Kobo Daishi übergeben, dem Gründer der buddhistischen Shingon[217]-Secte, die heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, durch das Gebet von Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten zurückstehen, und deren Ausstattung mit elektrischen Glühlampen beweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo, bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche — freiwillig gezeichnet werden.
Meine Freunde führten mich dann in den Haus-Garten eines wohlhabenden Japaners, um mir das Fussballspiel zu zeigen. Die Theilnehmer waren prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt. Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber weniger gewandt, ausgeführt wurde.
Nachmittags besuchte ich Krankenhaus und Medizinschule. Abends hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes geschichtliches Bilderbuch mit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde, den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten Schränken, eine alte Goldlackbüchse[218] im Werthe von 1500 Yen. Ein ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen von Weihrauch. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht heiter.
Uji war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto.
In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier liegt Tofukuji, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte, die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. Zen bedeutet etwa ernste Gedanken. Tofukuji ist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine wundervolle Lage. Ahornbäume, die grade schon ihr rothes Herbstgewand anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche die überdachte „Himmelsbrücke“ gespannt ist. Der grösste Schatz des Klosters ist ein riesiges Rollbild (Kakemono), 48 Fuss lang, 24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo, Cho Densu, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher Bitte, dem Oberpriester übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel, Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219]
Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle. Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte des japanischen Papiers.
Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den Erdboden gelegt wurde. Es stellt den Himmel dar und ist von einem chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden konnte.
In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche Shinto-Tempel von Inari, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet, als der Buddhist Kobo Daishi hier einen Mann mit einem Reis-Sack traf und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem er den Fels spaltete, — wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels.
Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.
Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai zurückbefördert.[220]
Füchse sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse, werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein, einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt. Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen. Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die vergoldeten blau-mähnigen Ungeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt. Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit zahlreichen Fuchslöchern.
Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen Oertchen Uji, das rings von Theepflanzungen umgeben ist. Thee ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu verscheuchen.[221] In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.
Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten (Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der wichtigste Ausfuhrgegenstand Japan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika. Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends umherfliegen.[222]
Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster Byōdō-in der buddhistischen Tendai (Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige Held Yorisama, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.
Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die Phoenix-Halle (Hōō-dō), eine der ältesten Holzbauten Japan’s. Der zweistöckige Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine Vierecke eingetheilt und mit Perlmutter eingelegt. Rings um den Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen. Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige Haupttempel sieht ärmlich aus.
In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das Ausziehen der Schuhe zu ersparen.
Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und Briefschreiben.
Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.
Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner beharrlichsten Zuhörer, Dr. Ogata, dessen Vater bereits vor 40 Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen des Nachtlagers. Die blühende Handelsstadt Osaka,[223] die an der Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein einziges Gasthaus, das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen, in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu übernachten.[224] Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und den schneeweissen Bettüberzug,[225] — Reinlichkeit wird in Japan nicht vermisst, — sondern auch die europäischen Geräthe, die sie besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.
Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem Schlosse; die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr. beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko Hideyoshi, der Bauernsohn, welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet.
Will Adams, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten, hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600 auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die Mauern 6–7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.
In der That war der Graben 80–120 Fuss breit und 12–24 Fuss tief. Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.
1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört. Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein. Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.
Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer, und nicht so leicht.
Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet. Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen. Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3 Fuss.[226]
Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittagsstunde anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt, das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu tränken.
Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche kaiserlich japanische Waffenfabrik. Zunächst wurden wir wieder in das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit Lichtbildern unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen auf Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit, welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise nach unseren[227] Gegenden zu unternehmen.
Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver. Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa 56000 unter Waffen stehen.
Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann, ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen.
Die Münze, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden, konnte ich leider nicht sehen.
Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt, Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.
Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste im Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit bedingen und verbreiten.
Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel (in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). Der Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon eingeführt.
Das Festessen ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.
Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt. Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse Asaki-Brauerei, die von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern, man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur 13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein No-Drama aufgeführt, und ein Gedicht mir überreicht.
Um den chinesischen Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge ich die Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir diese Mittheilung nicht — als Eitelkeit auslegen werde.
„Abschiedsgruss an Herrn Professor Hirschberg.
(Altchinesisch.)
Professor Hirschberg ist nach Japan gekommen und hat sich um die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der unaufhörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich seine ganze Umgebung nach seiner Art. — Solch’ einem Manne gleicht Herr Professor Hirschberg. Im Namen der Wissenschaft spreche ich ihm den grössten Dank aus.
Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.
Nahamye Syisakka, Arzt in Osaka.“
Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders hoch gepriesen wird, verfasst von Jeizo Jshii, Vorsitzendem des medizinischen Vereins zu Nagoya, lautet folgendermaassen: „Ein Wort zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor Hirschberg nach Japan gekommen.
Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland, wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ — — — — —
Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach Nara, der mir heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll vorkommt. Nara war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. Herrschersitz des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als Osaka und war früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten Theil der früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt reizend am Fusse der Berge, in der Provinz Yamato, 25 engl. Meilen östlich von Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. Die Erzeugnisse seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, kleine Holzspielsachen. (Nara ningyō).
Dr. Ogata und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst Horuji. Hier liegt das älteste Kloster von Japan, 607 n. Chr. vollendet und berühmt — durch seine Berühmtheiten. Ich muss gestehen, dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth sind, als die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung keinen sonderlichen Eindruck machen.
Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (Kondo), der älteste Holzbau Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha, Amida u. A., und wirkliche Fresco-Gemälde an den Wänden, in alter Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt und nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.
Die Geschichte der japanischen Malerei[228] ist für den Europäer kurz zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über Korea mit den buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische Schule (Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. Vernachlässigung der Perspective und echter Humor herrschten damals, wie heute. Im 13. Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und mehr „klassisch“. Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance unter chinesischem Einfluss. Der buddhistische Priester Cho Densu malte heilige Gegenstände, Josetsu Landschaften, Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen folgten die klassischen Meister der Tosa-Schule Mitsunobu, Sesshu, Kano. Im 18. Jahrhundert kamen die realistischen Schulen: Hishigawa, der volksthümliche Bücher illustrirte, Okyo, der Vögel und Fische genau nach der Natur zeichnete, und Hokusai (1760–1849), der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht allzuwörtlich nehmen.
Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, Yakushi, geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel Geist des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit; Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte, dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.
In Nara übernahmen die dortigen Aerzte sofort die Führung. Der Park, den wir durchschreiten, ist wie ein Märchenwald. Der Wind rauscht in den Wipfeln der prachtvollen Fichtenbäume. Rudelweise kommen die kleinen gefleckten Hirsche, die Männchen mit dem stattlichen Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie blicken so klug und freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie müssten anfangen zu sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, die hinten am Ende des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen Steinlaternen besetzten Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.
Aber — der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n. Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein. Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.
Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.
Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen des Tempels Wakamiya die Priester auf jeden Fremdling oder auch begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen tragen.
Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse Shinto-Tempel Tamuke-yama no Hachiman. Denn auf ihn bezieht sich ein altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder Japaner, wie es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls ohne Ausnahme. Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:
„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz, Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz. Statt rothen Goldes bring’ ich heut Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“
In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.
Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200 n. Chr. gelebt haben soll.
An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.
Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel Nigwatsu-do, welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist. Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder. Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das (weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am Einkauf zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem Jahrmarkt mit ihren Kindern erschienen.
Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst. Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen, wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am 3. Februar jedes Jahres wird hier auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.
Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler und Berge.
Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von Todaiji, zuerst die grosse Glocke, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 Fuss weit ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann den ungeheuren (750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) Tempel von 290 Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den Daibutsu unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist 53 Fuss hoch, also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche Bild ist aus dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine Feuersbrunst abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.
Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger. Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.
Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der Ausstellung von Alterthümern, die in einem Nebenraume des Tempels aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, Schwerter, Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. dgl. m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon) mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o), die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse Rolle spielen.
Den Schluss der Betrachtung macht Kobukuji, einst ein grosser Tempel, 707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist nur noch eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger Fichtenbaum, den angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes Opfer für den Gott der Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen Blumenspenden.
Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.
Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert. Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich seine Vorhalle zur Aussicht anbot.
Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen, bis — ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters vertilgt.[229]
Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.
In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war geschmückt mit einem Holzschnitt des — Hippocrates, den der Besitzer des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig gehaltenen Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die sechsjährige Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich leerte ein Glas auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch gefällig, that sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. Sie verstand, wie auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber ein freundliches und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten werden. Uebrigens schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche Frauen auf dem Lande, nach der Verheiratung, es machen.
Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht so leicht.
Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,[230] der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam das Kata-kana[231] auf, eine japanische Silbenschrift, welche 47 chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu Tokyo.
Hiragana (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus dem 8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form wiedergiebt, — wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana geschrieben, keines in Kata-kana allein.
Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt schneller nach Dictat, als der Europäer, — natürlich wenn letzterer nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.
Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn begleiteten.
Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum, und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann. Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“
Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen gegen die Eltern kommen gar nicht vor.
Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach Kobe,[232] an der Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt einen vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 dem auswärtigen Handel geöffnet ist, eine Fremden-Siedelung, längs der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die Meereswogen geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien, Bund[233] genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den Fluss Minatogawa von ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt Hiogo.[232]
Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen Yen.
Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:
134 fremde Dampfer mit 220000 Tonnen Gehalt ,
9 japanische „ „ 6400 „ „ ,
und liefen aus nach dem Ausland:
159 fremde Dampfer mit 260000 Tonnen Gehalt ,
2 japanische „ „ 1341 „ „ .
Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen Anforderungen. Dicht dabei ist die Agentur unseres norddeutschen Lloyd, die mir erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine Fahrkarte ausstellt für ihren Dampfer Nürnberg, der am 9. October von Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische Reichsdampferlinie.
Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste bis zu dem Denkmal des Helden Atsumori; und dann in dem von einem Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.
Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.
Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10. October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte. Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.
Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord unseres guten Dampfers Nürnberg vom norddeutschen Lloyd: Capitän Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.
Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.[234] Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz. Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus nur kleinere Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, Yokohama vermitteln.
Unser Nürnberg hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die chinesisch-japanischen Gewässer befahren.
Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die Inland-See, welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon) und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji) sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20 Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste 8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der Seemann hat fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten werden.
Der Reisende ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die tausend kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein höchst malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.
Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.
Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl kleineren mit 1–3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.); ihre Dichter sprechen nicht davon.
Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff. Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite Strasse von Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.
Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen, rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir winden uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden Ufern mächtige Kohlenlager; dann müssen wir weit hinaus in’s japanische Meer, um nach Süden umbiegend Abends Nagasaki an der Westküste der Insel Kiushiu zu erreichen.
Logbericht Kobe-Nagasaki:
1. Tag (10. Okt. bis Mittag) 23 Meilen 2 Std. 1 Min.
2. „ (11. Okt. bis Mittag) 287 „ 24 „
3. „ (11. Okt. Nachmittag) 81 „ 8 „
Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten.
In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker, angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute nicht mehr besuchen.
An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter, australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von Wladiwostok.
Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ Meile breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht die Zahl der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von Yokohama und Kobe weit überflügelt worden.[235]
Dabei hat dieser westlichste Punkt des japanischen Inselreiches die längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.
Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16. Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo (Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen zugewiesen.
Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten Halbinsel Deshima[236] über 200 Jahre lang in unrühmlicher Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,[237] um des schnöden Gewinnstes willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt 1690–1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines Fell.“ Während die Holländer 1611–1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90–95 Procent Gewinn ausgeführt hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf 40–45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst. Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.
1888 liefen ein:
427 fremde Dampfer mit 436000 Tonnen Gehalt ,
171 japanische „ „ 183000 „ „ ;
und liefen aus:
488 fremde Dampfer mit 523000 Tonnen Gehalt ,
161 japanische „ „ 178000 „ „ .
Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die fremden Dampfer mit Kohlen sich versorgen. 1888 wurde hier für 3 Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer) zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen[238] Japans; sie findet sich hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu. Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.
Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt. Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen schaffen; sie bekommen 10–15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche Verfahren.
Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher, Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.
Nagasaki,[239] schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung, als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000 Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.
Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten, besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten, sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich der aufgehenden Sonne eingezogen ist.
Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse Shinto-Tempel O-Suwa ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; seine Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug Kunichi, der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur der Stadt, meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen Boten auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten, sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.
Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen Reiches, Herr Dr. Lenze. Wir leerten mehr als ein Glas auf das Wohl der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem Wetter, das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war die ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine Cajütenfenster.
Abschied von Japan.
Schön ist das Reich, vom Meer umgeben; Die Landschaft lieblich, voller Leben, Die Felder zierlich, die Häuser nett, Das Volk manierlich, fein, adrett; Das Leben köstlich und amüsant In diesem östlich geleg’nen Wunderland.
Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde, ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) das japanische Volk als das Entzücken seiner Seele bezeichnete. Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die Schattenseiten zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit Befremden vermissen.
Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich, reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel, geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien, konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher, als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der Philosophie, — das zu entscheiden will ich Andern überlassen.
Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren, gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten. Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.
In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme. Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.
Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240] herrsche. Wer nur in schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.
Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath zwischen Edelmann und Tänzerin noch niemals in Europa vorgekommen sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.
Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen; das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich eine Sirene ehelicht, so ist er sicher nicht, wie oft bei uns, ein Substrat der lex Heinze.
Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241] oder Weib gesehen; überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der zimperlichsten Dame beleidigen könnte.
Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in Europa.
Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen, Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches „Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe gilt seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.
Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für den Reisenden natürlich das Urtheil über die Zukunft. Japan befindet sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als vollberechtigtes Glied eintreten?
Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe, wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des deutschen Einflusses.