IV. Japan. (continued 2)
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Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar „auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen hindurch geleiteter Holzsteg.
Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen That kommt, ergreift er — nicht das Schwert, sondern zunächst den Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der Nachwelt zu überliefern.
Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während gleichzeitig aus einem Verschlag links von der Bühne ein Sänger der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken, Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine eignen Rathschläge hinzufügt.
Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!
Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine „Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert, das scharfe, und setzt es — nicht gegen die Brust, das ist nicht fein in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.
Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger. Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.
Der Vorhang — er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von der Seite her vorgeschoben.[161] Er zeigte Riesenblumen im Wasser, nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.
Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.
Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus. Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.
Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein Schwert.
Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem Zapfen sich dreht.[162] Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei) erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst, da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen halten,[163] folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten, sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus erfolgreiche Studien angestellt hat.
Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die Polizei. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder darf nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein Geschick.
Die ganze Scene ist sprachlos.
Harakiri nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert in den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.
Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne und höre, dass es wirklich vorbei ist.
Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen; es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.
Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese Frage.[164]
Ein gewisser Einfluss des griechischen Drama’s auf das indische ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach Klein,[165] gegen Weber] nicht überschätzt werden. Sendlinge der Buddha-Lehre sind dann als Culturträger von Indien nach China, von China nach Japan vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des auch uns bekannten indischen Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr.; über 400 Jahre später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des chinesischen Drama’s. Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in Peru ein einheimisches geschichtliches Schauspiel vor, das offenbar an Ort und Stelle entstanden war.
Jedenfalls hat das japanische Drama[166] einen nationalen Ursprung in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet wurden. Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den kunstliebenden Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben dem Chor traten zwei Schauspieler auf, die mehr in dramatischer Weise Theile der Dichtung vorführten und vortrugen. Diese Aufführung heisst No. Sie ist geschichtlich oder halbreligiös und in gewisser Beziehung dem ältesten Drama der Griechen nicht unähnlich. Scenerie ist nicht vorhanden, aber die Anzüge sind prachtvoll und von geschichtlicher Treue. Darum ist es ein kostspieliges Vergnügen der Grossen. Der letzte Mikado, der vor der Revolution in Kyoto Hof hielt und mit der Regierung des Landes nichts zu thun hatte, soll einen grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel verwendet haben.
In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen bekommt.
Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin, — alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen, die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen (Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.
Es wird gewiss auch inhaltreichere Stücke der Art geben; aber ich habe andere nicht gesehen.
Das Volkstheater (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr. seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von 6–7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, — gerade wie die alten Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.
Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.
Die beiden grössten Schauspieldichter[167] der Japaner lebten im 18. Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten die „Rache der 47 Knappen“[168] auf die Bühne. Im Volkstheater liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater ist der einzige Platz, wo das alte Schopf-Japan noch naturgetreu vorgeführt wird, und gleichzeitig das heutige Leben des Völkchens, an den Zuschauern, studirt werden kann. Dass das japanische Theater sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer Unmöglichkeit.
Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.
Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.
Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein Festmahl. Die Speisekarte, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem schön bemalten Fächer, der sinnbildlich den Namen des Gastes und des Wirthes (Sikayama = Hirschberg, Inouye = Ueber dem Brunnen), vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand, aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und noch vieles Andere.
Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen oder vielmehr ganz niedrigen Tischchen (Zen) angeordnet. Ein volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (Tischen), und jeder Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der rohe Fisch, ganz fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht, schmeckte mir besser, als — eine lebendige Auster. Natürlich, in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade dieses Fisch-Gericht nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden überhäuft worden ist.
Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es zahlreiche Arten giebt.
Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die Uebersetzung der Speisekarte beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo, Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen, für mich anzufertigen die Güte hatte.
Der erste Tisch. Suimono: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz). Kuchitori, dessen Materialien: Wildes Geflügel, Krebse, Eier, Essbare Kastanien, Süsse Citrone. Sashimi, dessen Materialien: Suzuki-Fisch, Aralia edulis, Junge Gurken. Gewürz: Meerrettig. Hachizakana, dessen Material: Karei-Fisch, mit Gewürz, frischem Ingwer. Donburi, dessen Material: Anago-Fisch. Mizubachi, dessen Materialien: Namami-Fisch, Nori (Meerpflanze). Gewürz: Frischer Ingwer. Chawanmushi, dessen Materialien: Geflügel, Krebse, Essbare Kastanien. Das Verbindungsmittel bilden Eier.
Der zweite Tisch. Namasu, dessen Materialien: Akagai-Muscheln, Melonen, Iwatake-Pilz. Shiru (Suppe). Komono, dessen Bestandtheile: Narazuke, Wurzel und Früchte, Misozuke, Wurzel und Früchte, Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise). Hira, dessen Bestandtheile: Grosse Krebse (eine Art von Hummern), Shiitake-Pilz, Gemüse. Gewürz: Süsse Citronen. Choko, dessen Material: Awabi-Muscheln. Tsubo, dessen Materialien: Tai-Fisch, Essbare Kastanien, Eier. Hikimono, dessen Bestandtheile: Tai-Fisch, Hummer, Hamaguri-Muscheln.
Getränke: 1) Kamenotoshi, japanisch. 2) Shisoshu, 3) Umeshu, 4) Awamori, 5) Mirin, 6) Jōrōshu, 7) Irozakari, 8) Hōmeishu, 9) Champagner, europäisch.

Der Uebersetzer bemerkt: Alle vierzehn Teller stellen verschiedene Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu erklären oder zu übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen verschiedener Fische zu übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten feinster Fische, b) zwei Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei Arten feinster Muscheln, d) zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten feinster Pilze, g) essbare Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, k) Aralia edulis, l) Nori (Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und Früchte, n) Gewürze, süsse Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig etc. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das Fleisch irgend eines vierfüssigen Thieres (sei es Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, sei es Reh,) vollständig fehlt. Der Grund ist der, dass es bei uns nicht als feines Fleisch gilt. Es darf auf einem feinen Diner nicht vorgesetzt werden, es sei denn ein europäisches. Auch die in Europa ausserordentlich hoch geschätzten Austern und Lachse gelten bei uns nicht als sehr fein, obgleich sie manchmal auf den Tisch der vornehmen Leute gebracht werden. Uebrigens sind die Austern bei uns (insbesondere in den südlichen Provinzen) sehr billig und werden auch von den armen Leuten gegessen. —
Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. Musik ist nach Montesquieu ein angenehmes Geräusch; ein unangenehmes aber wird es für den Europäer, wenn es von Einwohnern der andern Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ in Tunis oder Aegypten, oder Türken in Constantinopel oder Smyrna, oder Hindu, Singalesen, Chinesen, Japaner; seien es zum Tanz singende Rothhäute in den Vereinigten Staaten oder in Canada.
Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die Guitarre (Samisen), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von dem spanischen Manila.
Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik. Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) — wie „fünf Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.
Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt, erklärte mir, dass er die Musik von Richard Wagner für sehr schön halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische Musik seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, gerade so wie ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die europäischen.
Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von 5–10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.
Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden, dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde. Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen, die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und Freunde, der kunstgemässe Tanz von den Töchtern vorgeführt.
Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.
Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als Gastgeschenk einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet und höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine Languste, die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.
Natürlich bekommt der gewöhnliche Japaner nicht ein solches Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage, Morgens, Mittags, Abends. Reis ist die Hauptsache. Deshalb heissen die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-Reis, wie bei uns Morgen-, Mittag-, Abend-Brod.
Dazu kommen Bohnen und andere Hülsenfrüchte[169], Hirse, Fisch[170], und Früchte. Unter letzteren sind besonders beliebt Rettig und Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie Birnen, die sehr gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt geschält werden, aber schlecht schmecken. Brod, Butter, Käse, Milch fehlen; Eier werden genossen.
Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind, mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand hält und geschickt wie eine Zange anwendet.
Die drei Genussmittel der Japaner sind 1. cha (Thee), ein leichter Aufguss, grün, lau, bitter; 2. sake (Reisschnaps), dünn, nicht sehr berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der Japaner ist im Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer brachte 1889/90 an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres bewirkte einen Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen Gallonen, 1887: 128 Millionen.) 3. tabako, der im Anfang des 17. Jahrhunderts von den Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus Pfeifchen mit einem fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und Alt, Mann und — Weib.
Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.
Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht hinreichend Bewegung haben.
In der Ernährung der japanischen (und chinesischen) Arbeiter spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht nach Scheube etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird von der arbeitenden Classe zu 750–1050 g, nach Wernich zuweilen sogar bis zu 1400 g täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, Sojabohnen, Rüben, Rettig, Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen etwas Rindfleisch) genossen. Diese Kost bietet nach Scheube, Kellner und Y. Mori und, nach den neuesten Bestimmungen von R. Mori, Oi und Jhisima[171] an der Truppenreiskost, 78–100 g Eiweiss, 10–17 g Fett und 335–620 g Kohlehydrat[172]. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine, meistens nur 42–58 kg schwere Leute sind!
Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich. Scheube will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass er unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit einen grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis (7–8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.[173]
Dies Hauptnahrungsmittel, der Reis, wird in China seit 5000 Jahren angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China kam er nach Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den Griechen.[174] (Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus machten die Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen Benennungen zu Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach dem Nildelta und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier auch in Italien eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, Florida). Das Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 Millionen Menschen leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 Millionen Japaner: bis 70 Millionen hl. werden jährlich in Japan geerntet, 2 Millionen (in guten Erntejahren) ausgeführt. —
Am 24. September 1892 war das Festessen, welches die Aerzte von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses werde ich Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in ihrer volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt, einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler[175] macht seine Sache ausgezeichnet.
Danach besuchen wir den Shinto-Tempel Shokonsha,[176] der zum Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen Soldaten 1868 errichtet ist.
Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch, ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung versetzen.
Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen Schilden zusammengedrängt ist.
Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren Gestalten gezwungen werden.
Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume, wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien, Azaleen, Lotos, Chrysanthemum. (Kiku, von dieser Blume stammt das Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)
Der Versammlungsort ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes. Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen Zwischenwände in einen ungeheuren Saal mit rings herumlaufender, offener Halle umgewandelt und mit deutschen und japanischen Fahnen (der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. Der Japaner liebt es hierbei, seine Besuchskarte zu überreichen und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes übersenden.
Die Festordnung war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein Schnellmaler. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa 1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig. Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack und weisser Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen, gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr berühmter Maler (Kuboto Beisen). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke von seiner Hand.
Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau. Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe- und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden mit Perspective und Oelmalerei, entzieht sich heute noch unserer Beurtheilung.
Hierauf folgte das Festessen. Die Japaner nahmen in der landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.
Die Speisekarte für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf, unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt, austrank.
Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.
Die Festreden behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die deutschen Lehrer der Heilkunde. Die Musik war die übliche. Die Tänzerinnen in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern.
Der Taschenspieler war höchst geschickt und unterhaltend. Sein Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor, gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch; aber wunderbar fand ich die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen, gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit überlegen.
Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten Einladungen erhalten.
Deutschland in Japan.
Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein liebliches Märchenland, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber in seiner Eigenart doch höchst anmuthig und gefällig erscheint. Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der Laut der Heimathsprache klingt, die er auf der Fahrt über den nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten vernommen. Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.
Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.
Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren, doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat. Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.
Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. Miyashita, eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner eigenen Handschrift, mittheilen möchte.
„Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!
Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn Prof. Hirschberg, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt hat, begrüssen und willkommen heissen.
Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in kurzen Worten schildere.
Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.
Mit dem bekannten Kriege von 1870–1871, den Deutschland glorreich erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher, es waren Müller und Hoffmann.[177] Nachdem diese Herren glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in der Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene andere Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische Facultät der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt. Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige Universität in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. Ueberall, wo wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wie viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen in das Japanische übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben Deutschland sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ —
Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. Inouye. Der letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise durch Europa gemacht und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.
Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede, verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen über Wundbehandlung in der Augenheilkunde, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl der japanischen Collegen gehalten. Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte erzielen können.
Die Universitätskliniken besuchte ich unter freundlicher Führung des Herrn Collegen Scriba. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser fiel mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der in eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz eigenartige Gestalt annehmen.
Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung besitzen.
Die innere Klinik wird von Prof. Baelz verwaltet, der zur Zeit gerade nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst von unserem Berliner Collegen Wernich begründet, steht unter einem Japaner. Ebenso die Augenklinik.
Die Körnerkrankheit (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) ist ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum vorgedrungen; und sicher nicht erst von den Europäern ins Land gebracht. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt: nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so grossen Hitze und Feuchtigkeit.
Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer, namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.
Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität, in einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden 300 Betten. Sie wird von Prof. Hasime Sakaki verwaltet, der ein Schüler meines Freundes Mendel war und bei mir in gutem Andenken steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von Augenspiegelbildern.
Die Kranken werden mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt und benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.
Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die Fuchskrankheit oder Fuchsbesessenheit.[178] Nach einem alten, von China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben kann der Fuchs in einen Menschen fahren.[179]
Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige, stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten, immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor, wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.
An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die Universität zu Tokyo anschliessen.
Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.
Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft, Literatur.[180] Der Grundstock für die drei letzten war eine alte Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister unterstellt.
Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im Einzelnen verfolgen.
Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre, bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.
Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel Zeit und Mühe verwendet. Dem Professor bleibt wenig Musse für die Privatpraxis. Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam, fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt zusprechen, wird ausserordentlich strenge gehalten. Auf seinem Zimmer darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa.
Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger Entwicklung der Muskulatur.
Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.
Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai) waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen hauptsächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.
22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter zwei deutsche, Dr. Bälz für innere Krankheiten, Dr. Scriba für Chirurgie.
Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.
Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.
Ein Band von Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu Tokyo und einer von den Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen Lehranstalt ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182]
Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu 300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar keine, in der Heilwissenschaft gelehrt wird. Dabei sind die Türken, Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern. Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern zusammengestellt zu werden.
Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.
Das Lazaret des rothen Kreuzes, welches unter dem in der deutschen Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath, Professor und Generalarzt Hashimoto[183] steht, ist ausserordentlich reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.

Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.
Im Leichenhaus war gerade Cursus der Stabsärzte, nach deutschem Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.
Auch das Charitékrankenhaus (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische gleichzeitig vertreten,[186] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden blitzt nur vor Sauberkeit.
Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die Leprösen. Die Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei; aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der Pubertät.

Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.
Nur durch grosse Zähigkeit, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten auf Reisen, setzte ich es durch, in diesem Krankenhaus wirklich etwas zu sehen. Die Fälle, die mir schliesslich gezeigt wurden, waren fast alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer specifischen Behandlung mit einem Eucalyptus-Präparat darthun. Ein Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz rasch geschrumpft und vernarbt waren.
Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten, mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn, nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der älteren chinesisch-japanischen und der neueren europäischen Heilkunde darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben, ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen.
Dass wir Deutsche ein vorzügliches Seemannskrankenhaus in Yokohama besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.
Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs Medicinschulen, von denen ich die vier wichtigsten besucht habe.
Ich reiste von Yokohama zunächst nach Nagoya.
Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt. Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.
In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des Dr. Kítagawa, der seine Studien in Berlin unter Virchow, Langenbeck, Schröder gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. Wir blicken mit Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.
Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten Kyoto, sah ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in der volkreichen Handelsstadt Osaka. Die Unterrichtsmittel sind hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen Operationssaal waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall ausgeführt worden.
Recht interessant ist das Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe, an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen, fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für Europäer und Japaner.
Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach Nagasaki auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier etwas älteren Ursprungs, da unser v. Siebold[189] im ersten Drittel unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.
Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen Japan’s in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von Müller, Hoffmann, Schultz, Wernich, Dönitz, Langgaard, Bälz, Scriba war nicht vergeblich; die Erwartungen, welche Hoffmann und Wernich aussprachen, sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte bietet Bürgschaft für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der Universitätslehrer in Deutschland, zu denen so viele junge Japaner pilgerten, hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um die geistige Eroberung eines der einsichtigsten und thatkräftigsten Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie auf manche seiner Waffenthaten.
Die Geschichte der japanischen Heilkunde[190] kann zwanglos in vier Zeitabschnitte eingetheilt werden:
I. Die älteste, altjapanische (mythische) Zeit vom unbekannten Uranfang bis etwa 200 v. Chr.
II. Die alte, chinesische Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr.
III. Die neue Zeit, in welcher europäischer Einfluss gegen den chinesischen ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.
IV. Die neueste, europäische Zeit, etwa von der Mitte unseres Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen Tage.
Die vereinzelten europäischen Aerzte, welche von der Mitte des 16. bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils lehrend, längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig zu ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.
Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen, welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im fernen Weltmeer übermittelt haben.
Ein sehr merkwürdiger Mann war Engelbrecht Kämpfer, der nach seinen eigenen Aufzeichnungen[191] einige Japaner in der Anatomie und Heilkunde unterrichtet hat.
Wenn Marco Polo die erste Kunde von der Existenz Japan’s den Europäern überliefert, Mendez Pinto als erster Europäer seine Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. Kämpfer als der erste wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651 zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei Jahre (1690–1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken Amoenit. exot. und Geschichte von Japan hat er zum ersten Mal über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes und Volkes berichtet.
Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach Kämpfer kommt wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.
Es war Ph. F. v. Siebold (1797–1866), der Verfasser des ausgezeichneten Werkes Nippon, Archiv zur Beschreibung von Japan. Von 1823–1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord (Harakiri) gezwungen und Siebold für immer des Landes verwiesen[194].
Drei japanische Specialitäten sind zu beachten: 1. das Nadelstechen, 2. das Brennen, 3. das Kneten.
1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur 1⁄48 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen Figuren, ½–¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe an die Oberfläche treten, — gegen Krampf, Schmerz und sonstige Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die Regeln für das Nadelstechen enthalten.
Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden Sugiyama Waichi.[195]
2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder (von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte bezeichnen die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist nicht sonderlich schmerzhaft.
Kämpfer hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I, 3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.
3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar (Yen) zu leisten war!
Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der oberflächlichen Muskel.
Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und nach der Entbindung, um die Brüste weich zu machen.
Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. —
Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete, wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien. Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht, wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.
Aberglauben auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in Japan wie in Deutschland.[200]
Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre 1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden Atsumori besuchte, fand ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem 27jährigen Sohne; und da ich fragte, weshalb sie die Pilgerfahrt unternommen, hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen Leinwandrock des Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, eine grosse Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass gerade diese Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene.
Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.
In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder Heilgottes (Binzuru, eines der 16 Rakan oder Sendboten des Buddha, — ausserhalb der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt hatte). Die Gläubigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen selber weh thut; und danach ihre eigne schmerzhafte Körperstelle. In Folge dessen sind die Bildsäulen stark abgerieben, die Augen z. B. kaum noch zu erkennen.
Schon Kämpfer berichtet von einem frommen oder schlauen Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“ erhalten hatte.
Nach Nagoya.
Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof. Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner eignen Zuschauerbühne anzubieten.
Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet hat, damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es ist dies ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. Japan ist das sicherste Land der Erde, sogar mit Einschluss der Schweiz und Norwegens. Niemals ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben eines Reisenden[201] gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von Europäern und Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der Güte der Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner mit begründet sein.
Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,[202] mit vollem Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern sehr unvorsichtig sein würde.
Ich befahre also die Tokaïdo-Eisenbahn. Tokaïdo heisst Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125 ri lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des Mikado, längs der östlichen Seeküste[203] nach Yedo (Tokyo), der Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’ ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die Eisenbahn (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376 Meilen) ist 1872 begonnen und 1889 beendigt.
Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten Maschine über Brücken und durch Tunnel nach Gotembo (1500 Fuss hoch), in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der Dunkelheit nach Nagoya, einer Stadt von 162000 Einwohnern, dem früheren Sitz der Owari, einer der drei erlauchten Familien, die der Tokugawa-Familie verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen Nachfolger auf den Thron des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer Erbe nicht vorhanden war.
Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine, verschiedenartige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig, allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch das ganze Dach mit Blumen.
Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte, waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen. Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen, endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3–4 Cts. Jedenfalls ist in Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien.
Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen Anbau eines japanischen Hotels.
Der folgende Tag übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan, wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so doch nach der Hauptstadt zusammenzog.
Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder Unglück anrichte.
Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von dem in Tokyo.
Wir besuchen zuerst eine grosse Porzellan-Handlung. Es mag sein, dass mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch nicht genügend entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und fand den Gang durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden weit lohnender. Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt sind, d. h. nicht mehr von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel Reis im Jahre beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr zu finden. Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach als Handwerker für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn aus Liebe zur Kunst. Heutzutage macht man einfachere Sachen für den gewöhnlichen Gebrauch und schlechte, billige für die Ausfuhr nach den Ländern der westlichen und östlichen Fremden, die es so haben wollen, natürlich auch einiges Gute. Der Werth der Ausfuhr von Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000 Yen. Die Porzellanmacherei ist in Japan nicht sehr viel älter, als in Europa; sie wurde um 1600 n. Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea eingeführt und erreichte ihre Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte „alte“ Satsuma stammt aus den Jahren 1800–1850. In der Provinz Hizen, in Kaga, Owari, Kyoto sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter Stadt ganze Strassen voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden wir die thönernen Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren, und geradezu erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses kinderliebe Volk gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse, ganze Gärten mit Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt, feilgehalten und verkauft.
Sodann fuhren wir zu einem Künstler in Zellenschmelz (Email cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall, Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf unsere Tage geübt worden sein.
Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1–2 Yen täglich! Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr warten, bis sie fertig wird.
Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser Buddhatempel aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (Higoshi Hongwanji), natürlich aus Holz, aber in schönen Verhältnissen und mit reichem Schmuck. Das zweistöckige Thor mit drei Eingängen zeigt geschmackvolles Schnitzwerk von Blumen und Arabesken sowie ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann folgt ein geräumiger Hof und darauf der eigentliche Tempel, der scheinbar zweistöckig ist, indem das Dach der vorderen Säulenhalle eine geringere Höhe besitzt, als das des Hauptgebäudes. Das letztere ist 120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von vorn nach hinten in drei Theile getheilt. Der hinterste enthält die Kanzel mit einer 4 Fuss hohen Bildsäule von Amida in einem vergoldeten Schrein sowie Schnitzwerk von Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen höchst feierlichen Eindruck. Der Europäer vergisst hier, dass er in Ostasien weilt.
Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der Bezirksregierung, das in dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut ist. Hier werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess natürlich nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das Gebäude hat stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben sind Risse im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der Schreibstuben und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der Provinz, auch die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig aufbewahrt und geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal der Provinz (Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.
Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der Tempel der 500 Rakan oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 Fuss hoch und grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle von einander verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem Sprichwort hier Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.
Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das Schloss (O-shiro), 1610 von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für Jeyasu’s Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem äusseren und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern der Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung. Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen und die Rammas von Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der Künstler ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, Fasan, Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten ist der fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem unsrigen, aber doch recht gefällig. Zwei Spitzdächer, eines, ein kleines, keines, das ist das Gesetz des Emporsteigens der fünf Stockwerke. Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die Stadt fort die beiden goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des berühmten Kato Kiyomasa verfertigt wurden, desselben, der auch den Thurm errichten liess. Einer der beiden „drachenköpfigen Fische“, die einander gegenüber an den beiden Ecken des Dachfirstes mit emporgerichtetem Körper und Schwanz angebracht sind, wurde 1873 nach Wien zur Weltausstellung gesendet, versank auf der Heimfahrt mit dem französischen Dampfer Nil, wurde aber glücklich wieder vom Meeresgrunde emporgebracht und unter dem Jubel der Bevölkerung wieder an seinem alten Platze aufgestellt. Die Höhe der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, der Goldwerth beider wird auf 180000 Dollar beziffert. Einige Schuppen wurden jüngst gestohlen, aber von dem Käufer, einem Goldschmied, wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf einem riesigen Papierdrachen emporgestiegen sein. Das möchte ich für eine Fabel halten.
Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des heiligen Ise.
Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden war, begab ich mich nach dem Theehaus zum Festessen, zu dem 80 Aerzte sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort verlieren, mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht die Kunst Nagoya’s, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher Beziehung die von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in das mit den üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen des Theehauses geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches auf ein kleines Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet. Hier erhielt ich eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein Auge zu erfreuen, hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem grossen Blumentopf aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit Papierlaternen, sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu, geschmückt, waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren in der Stadt auftreiben konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal, nachdem sie gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen betrachte.
Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler, welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden.
Zuerst kam ein schöner und feierlicher Nationaltanz, der die Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik begleitet. Dann folgte der (Reis-) Erntetanz, ein höchst anmuthiger, heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen, prachtvoll bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften Gesang begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik mir lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen, nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen Plan nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach umherreisen müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen nicht verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu erwähnen. Und damit war sie vollkommen zufrieden, und ich habe ja mein Wort gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und Tokyo, in Aegypten, Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden vorgeführt wird, — zu Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause des amerikanischen Consuls, nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz gesehen, in mein Tagebuch: „Schön ist bei uns anders“, — hat der Tanz zu Nagoya mein Kunstgefühl am meisten befriedigt. Meine japanischen Freunde, denen ich dies mittheilte, meinten, dass die dort übliche Musik munterer sei, als im übrigen Japan.
Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der zahllosen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und Berg Fuji erschien, sowie eine deutsche Unterschrift ohne jeglichen Fehler, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer europäischen Schrift verstand.
Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist.
Nach Kyoto.
Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts durch eine liebliche Gegend, — Reisfelder, von fernen blauen Bergen im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen Kisogawafluss — nach Gifu. Dieses Städtchen ist berühmt erstlich durch die grossen Mengen roher Seide, die hier gewonnen werden, zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll aus Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen Laternen und drittens durch die Kormoran-Fischerei. Der zu der Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran (Phalacrocorax carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird gefangen und zur Fischjagd abgerichtet, in Japan[204] jedenfalls seit mehr als 1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des Kojiki, der altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt wird. Nachts werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, die Vögel schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im Boote hält bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der einen Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. Die Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten, wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne Wirkung erzielt.
Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in Nagoya bewundert, zum Geschenk.
Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen Ebene, die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint ein stattlicher, oben nackter Berg, Ibuki-yama (4300 Fuss hoch), einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen Arzneimittellehre wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der That sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse Bündel frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt der Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner Südseite, bei Baba-Otsu, zu Gesicht bekommen, dann durch einen Tunnel; sofort erscheinen die fichtenbekränzten Hügel, welche die alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.
Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen Reiches, darunter Yamato, wo seit uralter Zeit das Hoflager des Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr. bis 783 zu Nara; von 793 an zu Miyako oder Kyoto. Das erste Wort ist der japanische, das zweite der chinesische Name für Hauptstadt. Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ Kilometer breit von Ost nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach Süd. 1⁄15 der Fläche, in der Mitte der Nordseite, wurde für den Palast des Herrschers (Heianjo = Friedensschloss) eingeräumt; von hier zog eine Strasse von 240 Fuss Breite senkrecht nach Süden.
Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und einfach, wie derzeit nirgends in Europa, ja wie wir sie auch heutzutage nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf das Bestehende so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem neuen und in dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu Kyoto lebten im Kreise des Hofadels (Kuge), dem Volk verborgen, die göttlichen Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. Ch.) waren sie in der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose Puppen, die oft genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, zurücktraten, um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen Gartenhaus zu führen, ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 bis 1868) zur Zeit der Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte in seinem weitläufigen Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels hin. Der jetzige Mikado Mutsu Hito hat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, nachdem er die weltliche Herrschaft wieder erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo verlegt, von wo aus Japan während der Blüthezeit des Reiches kraftvoll regiert worden war.
So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die erste Stadt Japan’s im Kunstgewerbe, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der Strassen; und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. (Im Mittelalter vielleicht das Doppelte.[205]) Noch werden Kunst und Wissenschaft gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und die Ausfuhr an sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen Reisenden die interessanteste Stadt Japan’s, welche in Palästen und Tempeln[206] die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem längeren Aufenthalt einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem japanischen Führer durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.
Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht. (Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die heilige Stadt der Buddhisten geworden und geblieben: das spricht für einen Grad von Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch unbekannt geblieben.
Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen, die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.
Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten Kyoto-Hotel,[207] 20 Jinrikisha hinter einander, mit den schnellsten Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des Europäers erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der Einheimischen, die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, Festessen und die dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und erweckte den Neid eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den stillen Ocean gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so gut gekleideter Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer hat mir davon nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch haben, und noch dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen halten, die den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen Californier, welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, ob er nicht Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) „wenigstens Delphoi.“
Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten Tempel der Stadt gewidmet, nach Sanjusangendo. Das Wort bedeutet „33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur 1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon, darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten) neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.
Folglich hat Kämpfer (1690–1692) die jetzige Gestalt des Tempels gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine merkwürdige Sitte der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten sich, von einem Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das Gebäude hat die achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. Heutzutage sieht man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl grosser und kleiner Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere Bettler sind, als ich sonst irgendwo in Japan gefunden.
Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopfschmerz! Als der Fürst erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt. Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren Aristophanes so ergötzlich beschrieben.
In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (Daibutsu) aus Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801 durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und — zu Kupfermünzen eingeschmolzen worden.
Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden grössten Glocken Japan’s, 14 Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,[208] 63000 kg schwer, gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken sind Hohlcylinder mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der unsrigen. Sie werden angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, den man einmal mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist sehr schön, das Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden die Japaner heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren Glocken Europas.
Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner Aussicht und zu dem Tempel Kiyomizu-dera, der geburtshelfenden Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30 Jahre einmal geöffnet.
Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus Canton, die Theaterstrasse von Kyoto, die dicht bei unserm Hotel liegt. Das ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, Bogenschiessstand, Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen Laternen auf das festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von der fröhlichen Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten sich erfreuend. Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich gewöhnlich war, und wir das Stück trotz der Erläuterungen des mitgenommenen Führers nicht verstanden.
Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.
Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab; das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.
Der folgende Tag war den Palästen gewidmet.
Der des Mikado (Gosho genannt), 798 n. Chr. erbaut, wiederholentlich durch Feuer zerstört[209] und neu erbaut, das letzte Mal 1854 im alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr bewohnt, bedeckt 26 Acres[210] (= 10 ha) und ist von einem niedrigen geglätteten Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, welche die Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts verspürt. Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird in ein kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet seinen Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein höherer Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, den Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über die grosse Fläche zerstreut sind.
Zuerst nach Seiryōden, das heisst die kühle Halle. Das Gebäude (63×36 Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, chamaecyparis), aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht mit seinen rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach (aus der Rinde desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. Ursprünglich war es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur zu Festlichkeiten benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden aus Cement, worauf jeden Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der Fürst, ohne das Haus zu verlassen, seinen Vorfahren auf erdigem Grunde die vorgeschriebenen Opfer darbringen konnte.
Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz eine Matte.
Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nach Shi-shin-den, d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer Erhöhung der wirkliche Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel. Die Vornehmsten (Prinzen) sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen standen, entsprechend den 18 Rangklassen, — auf den 18 Treppenstufen, die in den Hof hinabführten. Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge genannt, d. h. nieder in den Staub.
Von hier kamen wir nach des Mikado’s Studirzimmer, wo ihm Vorlesungen gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in der Nähe auch das No-Spiel. Hier sind prachtvolle Schränke und bemalte Gleit-Wände. Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht.

1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren, 5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben.
Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem wagerechten Durchschnitt dargestellt.

1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren. Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt nebenstehender Figur.

Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen.
Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften, Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne sogar recht wild aussehen.
Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den Behausungen des Gefolges.
Der Palast des Shogun, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier gegründet, hiess auf japanisch Nijo-no-Shiro, d. h. Nijo-Burg. In der That, prachtvoll im Innern, sieht er von aussen wie eine Festung aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige Mikado, in seine vollen Rechte wieder eingesetzt, in Gegenwart des Staatsraths einen feierlichen Eid abgelegt, dass er in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung und der zu erwählenden Volksvertretung regieren werde. Hierauf wurde der Palast als Regierungsgebäude des Bezirks von Kyoto benutzt, und, nachdem etliche von den herrlichen Kunstwerken unersetzliche Schädigung erlitten hatten, 1883 wieder als Sommerpalast des Mikado übernommen und 1885/86 ausgebessert. Damals wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die drei Haselwurz-Blätter) an allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des Mikado, die 16blättrige Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider sind die neuen Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!
Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch einträgt.
Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern, Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil (Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden. Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der nasse Reiher, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben lassen!
In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier, bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist, vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig, ja überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.
Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung, um erstlich Porzellan- und Seiden-Fabriken,[211] zweitens Klöster und Kirchen zu besichtigen.
Kurodani, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13. Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus dem feindlichen Clan, Atsumori, überwältigt; reisst ihm den Helm ab, um ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz tief ergriffen, — wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen mit Lionel, — überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der heldenmüthig, ohne zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber Naozone findet fürder keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in dem Tempel von Kurodani und widmet den Rest seines Lebens dem Gebet für Atsumori. Die Begebenheit bildet den Gegenstand eines geschichtlichen Schauspiels der Japaner.
Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren, an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet. Die Japaner treiben eine wahre Orthopaedie der Bäume.
Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine ist ein Gemälde und stellt Mandara dar, das Paradies der Buddhisten mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in Nirwana (Nehanzō). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm anbetende Bewunderung.
Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des Gründers, in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von Naozone.
Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten Kirchhof gelangen wir zu dem grossen Tempel Shinnyo-do.
Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen Kobo Daishi (774–834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem römischen: mitunter schläft auch Homer.
Ginkakuji, das silberne Gartenhaus, liegt jenseits der Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.
Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung. Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier wurden die berühmten Thee-Ceremonien erfunden. Der Priester, welcher als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man aber ohne Ceremonien nehmen darf.
Nachdem wir noch das Nanzenji-Kloster besucht, mit seinem Riesenthor, und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches Schaustück, der Canal des Biwa-See.
Biwa heisst Guitarre. Der Biwa-See, nach japanischer Ueberlieferung im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36 englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und einzelne kleine Felseninseln. Seine acht Schönheiten werden von der Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.
Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst. Zu diesem natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch unter seiner Leitung 1885–1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss. Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem offenen Canal mit einer Schleuse.
Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich von Europäern hergestellt.
Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte, dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.
Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das hauptsächlichste der buddhistischen Jodo-Secte, Chion-in, auf einem Hügel wie eine Festung belegen.
Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und grundgelehrten Honen Shonin, der eine besondere Lehre begründet, von der Erlösung oder dem Wege zu dem reinen Land. (Japan. Jodo, im Sanscrit Sukhavâti, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).
Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche Aussicht über die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die 1633 n. Chr. gegossene grosse Glocke (10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit, 74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient, welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel, 167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21 Fuss Höhe in Bronzegefässen.
In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet wurde.
Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem Ausflug gewidmet und zwar nach den Wasserfällen des Katsura-gawa.
Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer, der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.
Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz und Kohlen.
Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben. Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen, oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden und wird mittelst Seilen getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen Stromschnellen, die trotz ihrer hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, — gerade so wie die an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen Theehaus zu Arashiyama ruhen wir aus[212] und erfreuen uns des mitgebrachten Frühstücks.
Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie in Rom.
Wir besuchten zunächst Kitano Tenjin. Dieser Tempel ist dem Tenjin Sama geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt, daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte, findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund. Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche, hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.
Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum Verweilen einladen.
Weit vornehmer ist Kinkakuji, ein Kloster der buddhistischen Zen-Secte. Kinkaku heisst goldenes Gartenhaus. Das war das Vorbild für das silberne (Ginkaku), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre 1397 n. Chr. zog sich Yoshimitsu hierher zurück, nachdem er drei Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der Fünfte (1556–1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse Jeyasu.
Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus, 33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und Amida’s im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See, dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen, sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B. Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen, in der Art wie Murillo — in Japan sie gemalt haben könnte; mit Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.
Die Fahrt über den Biwa See (am 3. October) war darum besonders genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen fuhr ich nach Otsu, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es, wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!
Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel, den Rein rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von Vulkanen besitzen.
Wir fahren fort, — erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter der alten Brücke von Seta, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, am Nakasendo, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke, da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.
Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.
Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem berühmten Kloster Ishiyama-dera. Der Name heisst wörtlich Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17. Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung, eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen, und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält 12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse und drückt: dann springt ein Stab hervor, gerade so wie aus den niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein „Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai, sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen. Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag, sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses „Gottesdienstes.“
Ein Punkt, welcher auf japanisch als Baum der Vollmondbetrachtung bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss, die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten.
Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, nach Karasaki[213] am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan berühmte Fichte steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig gehaltene Baum hat die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss Umfang des Stammes; aber seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig von hölzernen und sogar von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 an der Zahl) bedecken und beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. Alle Löcher im Stamm sind auf das gründlichste ausgekittet,[214] ein kleines Regendach schützt sogar die Spitze, die man für besonders zart und schutzbedürftig ansieht.