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Um die Erde

VII. Ostindien. (continued 3)

Reading edition

Gegenüber dem Delhi-Thor der Festung liegt die Hauptmoschee der Stadt (Jumma Musjid), 1634 bis 1644 von Schah Jahan zu Ehren seiner Tochter Jahanara im Mogul-Stil erbaut.

Das Hauptthor wurde von den Briten zur Zeit der Meuterei niedergerissen, da es die Festung bedrohte. Jetzt ist an der Treppe ein Gewirr von Buden angesiedelt. Jede der drei Abtheilungen der Moschee öffnet sich in den Hof mit einem schönen Bogen und wird gekrönt mit einem Dom, der aus weissen und rothen Steinen in gezackten Linien erbaut ist.

Sehr bald befreundete ich mich mit dem Lehrer der Koran-Schule in den offenen Seitenhallen des Hofes und mit den Schülern. Ich liess sie aus dem Koran vorlesen und übersetzen sowie abschreiben. Jede Klasse hatte ihren Prunkschüler, der voll Stolz seine Leistungen zeigte. Aber zum Schluss verlangten sie auch nach morgenländischer Sitte ein Geschenk von dem Sahib.

Es ist merkwürdig, wie wenig die Hindu, trotz ihrer Mehrzahl, gegen die Mohammedaner in Agra zur Geltung kommen.

Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen.

Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten.

Das Haupterzeugniss des Kunsthandwerks ist eingelegte Marmorarbeit. In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige Verzierungen aus farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon, Blutstein, Lapis Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten, Gefässe, Tafel-Aufsätze und viele andere Gegenstände der Art werden so hergestellt und dem Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am Eingang der Taj und in den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse Werkstätte, wo ein reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj aus Alabaster in verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200 Rupien). Aber diese verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für Chicago angefertigt worden und für die 1500 Rupien verlangt werden.

Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt, ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche Landhäuser und unser Gasthaus.

Delhi.

Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15. December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.)

Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in sechs Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.)

Das Land[529] sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern; doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde Pfauen, ernste Marabut.

Um 4 Uhr sind wir in Delhi. Imperial Hotel, das mir am meisten empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; Grand Hotel, wo ich Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt durch die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet.

Delhi wird als Rom Asien’s bezeichnet. Seine älteste Geschichte ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer, welche vom Süden der jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer und in einer Breite von 5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind die Ueberbleibsel von sieben verschiedenen Städten, die zu ganz verschiedenen Zeiten errichtet worden sind. Die älteste war Indraprastha. Diese wird schon in dem altindischen Heldengedicht Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom 8. bis 13. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als erster König der Stadt genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter seiner Familie; hierauf eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich 24 Herrscher, deren letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde. Zu dieser Zeit erscheint zuerst der Name Delhi,[530] nach dem Fürsten Dilu, der 10 Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg erbaute. 792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert. (1052 durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert. Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht:

1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb Minar) und der grossen Moschee.

2) Feroz Tughlak (1351–1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher, unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Engländer wieder hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst.

3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und erbaute einen Palast und eine Moschee.

4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von „Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s 2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben.

Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte, vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £ geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen.

Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens, 72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin befindlichen Forts.

Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen und besetzte den Bergrücken (Ridge) dicht bei der Nordwest-Ecke von Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als Belagerer. Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung 30000 von den Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und reichlichsten Schiessbedarf.

Am 7. August kam General Nicholson mit Verstärkungen an, am 4. September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten, nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden; am 8. September Richard Lawrence mit weiteren Verstärkungen. Aber zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang reichten die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter starken Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und das Feuer eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei Bastionen. Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde der Sturm unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und fiel an der Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt waren, das in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor mit Pulver zu sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm gelang und nach sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch den Engländern schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das Rückgrat der Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm Hodson, ein Reiteroberst, den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während der Meuterei den Namen Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s Grabdenkmal gefangen und am folgenden Tage dessen Söhne; und da das Volk bei Delhi die Wache um die Söhne zu bedrängen schien, so schoss er die Prinzen mit eigener Hand nieder. Der Alte kam vor das Kriegsgericht, wurde schuldig befunden, Aufstand und Mord begünstigt zu haben, aber nicht getödtet, sondern nach Rangoon verbannt, wo er am 7. October 1862 verstorben ist.

Das jetzige Delhi liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252 Meter über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer des Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu und 72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen, sondern gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab für Delhi und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein grosser Handelsplatz, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern von Indien gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta, andererseits mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches, endlich durch die Rajputana hindurch mit Bombay verbunden.

Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden, den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben hin, um den Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des Gesehenen zu geben.

Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen die Burg des Kaiser Jahan an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite von West nach Ost.

Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch (40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra; aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken Minarets desto gefälliger.

Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt, vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche.

Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und von dem Schattenkaiser[531] — bis 1857 — bewohnt,) sondern zunächst nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack.

Fergusson nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so etwas nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen, welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern niederlegen.

Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub durchschlüpfe, wurde der kostbarste Palast der Erde förmlich ausgeweidet!

Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch geplündert. Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie nach England und — verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann.

In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen, quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die Musik-Halle stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der öffentlichen Audienz-Halle. Im Norden dieser Gebäude-Reihe von 1600 Fuss Länge lagen die Gast-Räume mit Gärten und der Privat-Audienzhalle. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss Länge, war von den Wohngemächern und dem Harem eingenommen. Somit bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend eines Schlosses in Europa.

Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden:

1) Die öffentliche Audienz-Halle (Diwan-i-Am). Sie ist ähnlich der zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100 Fuss breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei Reihen von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und Vergoldung geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen vier Richtungen mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen verbunden. An der Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der von einem auf vier weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten Baldachin überragt wird und der aus den Privatgemächern durch eine Thür zugänglich ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist mit Marmor-Mosaik geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine Löwen. Es gilt für das Werk von Austin de Bordeaux und hat mir nicht sonderlich gefallen, namentlich im Vergleich mit den prachtvoll eingelegten Blumenranken von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa zum Hof des Schah, weil er daheim — verschiedene Fürsten mit falschen Edelsteinen betrogen hatte.)

Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah, fand ich hier wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das schlagendste ist, ein Orpheus mit der Cither in der Hand, von Thieren umgeben.“

Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beutelustige Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und wieder zurückgeleitet.

2) Die Privat-Audienzhalle (Diwan-i-Khas). Es ist eine rechteckige Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den breiteren durch fünf gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach den schmaleren durch drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf Pfeilern, das platte Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen Kuppeln geschmückt. Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s geschmackvollste und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung geschmückt. In der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung, auf welcher einst der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden hat.[532] Die Decke war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760 mitgenommen und ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle steht der berühmte persische Vers:

Giebt es auf Erden ein Paradies, So ist es dies, so ist es dies.

In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden.

3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (Rung Mahal), die jetzt von den Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares Fenster aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die Wage der Gerechtigkeit (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche die Wand schmücken, sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben aufgelegt, theils ausgemeisselt.

4) Von den Privatgemächern kann man wegen der Zerstörung keine rechte Vorstellung mehr sich bilden; einigermassen erhalten sind die Bäder, drei Marmorgemächer, mit Domen gekrönt und von oben durch gefärbte Glasfenster erleuchtet.

5) Dicht dabei ist die kleine Perl-Moschee aus weissem und grauem Marmor; sie hat drei Bögen und drei Dome und ist innen ganz mit flacherhabener Arbeit geschmückt. Sie wurde 1635 von Aurangzeb erbaut und kostete 160000 Rupien.

Man könnte sich wundern, in dem grossen Palast nur eine so kleine Moschee zu finden. Aber ganz in der Nähe des südlichen Palastthores liegt die Jumma Musjid, die als Hof-Kirche benutzt wurde.

Das ist das bedeutendste Bauwerk in der Stadt Delhi ausserhalb der Veste, eine der grössten und schönsten Moscheen auf der ganzen Erde. 5000 Arbeiter waren sechs Jahre lang daran thätig; die arabische Inschrift nennt als Jahr der Vollendung dasjenige, in welchem Schah Jahan — von seinem Sohn Aurangzeb abgesetzt worden. (1658, nach unserer Zeitrechnung.)

Auf einem mächtigen Unterbau erhebt sich die offene, mit 15 Fuss langen Architraven aus Sandstein gedeckte, zinnengekrönte Säulenhalle, welche an jeder der vier Ecken mit einem Thürmchen geschmückt ist und den Hof von drei Seiten umgiebt, während die vierte Seite von der Moschee selber eingenommen wird. In der Mitte jeder der drei Seiten der Halle führt eine stattliche, unten 150 Fuss lange Freitreppe von 36 Stufen empor zu einem Thorgebäude. Das hauptsächlichste, östliche, der Moschee gegenüber, hat das Aussehen eines dreistöckigen Gebäudes durch die drei Reihen von Spitzbogenfenstern und in der Mitte ein gewaltiges bis oben reichendes Spitzbogen-Thor, darüber eine Gallerie mit fünfzehn kleinen Marmor-Domen und sechs Thürmchen. Die Thür im Hintergrund des Bogens ist massiv und mit dicken Arabesken belegt.

Der Hof, welchen wir nun betreten, ist mit Granit- und Marmorplatten schön gepflastert, und quadratisch mit einer Seitenlänge von 325 Fuss. In der Mitte liegt das übliche Marmor-Becken für die Abwaschungen.

Die Moschee selber ist 200 Fuss lang und 120 Fuss tief. Sie öffnet sich nach dem Hof mit zwei Mal fünf kleineren und einem grösseren mittleren Spitzbogen, ist zierlich aus rothem Sandstein und weissem Marmor erbaut, an der Vorderseite mit Zinnen gekrönt, oben von drei Marmordomen überragt, an den beiden Ecken mit dreistöckigen, 130 Fuss hohen Minarets geschmückt, deren Besteigung eine lohnende Aussicht auf die Stadt gewährt. Im Innern sind Fussboden, Decke und Wände vollständig mit Marmor bekleidet.

Der Fussboden der Moschee ist mit weissen, schwarzgesäumten Marmorplatten von 3 Fuss Länge und 1½ Fuss Breite gepflastert; jede stellt einen Gebet-Teppich dar, deren Zahl nach der Rechnung[533] über 5000 beträgt. Aber am Freitag Nachmittag drängen sich hier 10000 Gläubige zusammen.

In der Nordost-Ecke der Säulenhalle ist ein Pavillon mit alten Handschriften des Koran, einer kufischen aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., und mit Reliquien Mohammed’s, z. B. einem Haar aus dem Bart des Propheten. Der fromme Mann, welcher diese heiligen Dinge dem Ungläubigen zeigt, ist unzufrieden, wenn letzterer ihm nicht eine Rupie spendet.

Die Hauptstrasse von Delhi ist Chandni Chauk, die Silberstrasse. Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu dem der Stadt (Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit. Durch den grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von doppelter Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte, den Palast versorgende Wasserleitung bedeckt.

In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden, Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren, allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager, das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi.

Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt.

In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der goldnen empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet.

Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten (Queen’s Gardens), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang steht ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher gebracht worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss Höhe, und daneben das Museum. Dasselbe enthält eine Sammlung von Erzeugnissen der Kunstindustrie; zunächst aus Delhi eingelegte Metallwaaren, Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den andern Hauptorten Indiens, aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien (Riesenschachspiel) und Lampen.

Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben werden.

Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer Thurm zum Andenken an den Meuter-Kampf (Mutiny Memorial). Nördlich davon in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die Königin von England als Kaiserin von Indien verkündigt wurde. Lord Lytton hatte alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten europäischen Beamten und 50000 Soldaten, britische wie einheimische, versammelt und den grössten Prunk entfaltet.

Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden.

Wenn Delhi, wegen seiner Ruinen, das Rom Asiens genannt wird, so verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse bezeichnet zu werden.

Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer Vorgängerin Jahrhunderte lang als Steinbruch ausgebeutet hat.

Das erste Gebäude von Bedeutung ist Jai Sing’s Sternwarte, ähnlich der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“ (Samrat Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst folgt das Grabmal des Safdar Jang, Abu ’l Mansur Khan, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah gewesen und, 1749/50 von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht war, die Marathen um Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh Rupien gekostet, steht auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat von 100 Fuss Seitenlänge mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem Sandstein und — Stuck. Von Weitem sieht es mächtig aus, aber bei näherer Betrachtung schwindet die Bewunderung. Safdar Jang ist der Gründer der Herrscherfamilie von Oudh, deren Stärke im Stuck liegt.

Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener britischer Artillerie, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den Ernstfall birgt es grosse Gefahren.

Das Endziel der Ausfahrt, Kutb Minar, liegt 19 Kilometer südlich vom Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was es ist und sein soll, ein Denkmal des Sieges der Mohammedaner über die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din[534] (1206 bis 1210) das Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften doch Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu haben. Der Führer allerdings erzählt uns ein Volksmärchen, dass der Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge zum Bad im Jumna-Fluss auszog.

Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis auf 9 Fuss an der Spitze,[535] deren Kuppel allerdings abgefallen ist. In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke.

Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt.

Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf der Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den Massen der benachbarten Kathedrale.)

390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh.

In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung Tughlakabad.

Kutb Minar steht neben der Moschee, die Kutab-ud-din unmittelbar nach der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn Batuta, der mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den Worten gepriesen, dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres Gleichen habe. Ein wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch, 53 Fuss hoch, 22 Fuss breit, umrahmt von schöner Inschrift, die ganze Fläche mit blumiger Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von ganz und gar geschmückten Säulen, die nach den Inschriften aus 27 heidnischen Tempeln entnommen wurden; es dürften 1200 gewesen sein; die bilderzerstörenden Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen zerstört, nur in einzelnen Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit gekreuzten Schenkeln. Altamsh (1210–1236) und Alaud-din (1300) haben neue Höfe an und um die früheren gelegt, ähnlich, wie wir das aus altägyptischen Tempeln kennen, und so Kutb Minar mit eingeschlossen.

In dem ursprünglichen Hof steht der Eisenpfeiler, 23 Fuss 8 Zoll hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.)

In den äussersten Hof führt Alaud-din’s Thor, ein viereckiges Gebäude aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer Inschrift umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den Fenstern und gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste Beispiel des früheren mohammedanischen oder Pathan-Stiles in Indien.

Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das Grabmal von Altamsh, das älteste in Indien.

Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s Denkmal noch die vom Führer so genannte Halle der 64 Säulen, das Grab von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des Dichters Amir Khusran, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in seinen Liedern noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab des heiligen Nizam-u-din (1652), noch heute von den Nachkommen seiner Schwester gepflegt; und endlich das der Jahanara, der frommen und gehorsamen Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren Vater in seiner siebenjährigen Gefangenschaft. (1658–1665) und ist 1681 verstorben. Das Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des Leichensteins enthält die schönen Verse:

Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt. Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd.

Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts geläufig waren.

In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss tiefer Teich, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann. Nackte Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden Gebäudes, bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk zusichert. Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen.

Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das Grabdenkmal von Humayun, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh[536] gekostet und ist das älteste Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen, alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der Wiedereroberung Delhi’s am 12. September 1857 Hodson den Mogul-König Bahadur Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne mit eigener Hand niederschoss.

1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer südlich von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt Indrapat, eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings von Humayun 1533 ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen Stellen den Eindruck hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt uns an das Südwestthor. Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche Hindu-Bevölkerung ihre Hütten aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und Frauen umringen nach Zigeuner-Art den Fremdling. Sher Schah’s Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache Halle aus rothem Sandstein, mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit hohen Bögen und einem Dom: ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der Nähe steht ein achteckiges Gebäude, die Bücherei von Humayun, der hier, als er den Aufgang des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen herabfiel und an den Folgen der Verletzung gestorben ist.

Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen Ruinen von Ferozabad, der Festung, die Feroz Schah Tughlak 1354 erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der Steinpfeiler (lat) des Königs Asoka (257 v. Chr.), von den Siwalik-Hügeln, wo der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht: die Inschrift, in Pali, verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah konnte Niemand dieselbe entziffern.

Jaipur.[537]

Die indische Heilkunde.

Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von Delhi nach Jaipur, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, Baroda and Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, für 15 Rupien. Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur 30 Kilometer in der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, in Ulwur über eine Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das Mittagsessen.)

Ich komme also in die Rajputana, jenes grosse Gebiet im nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches, unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen einheimischen Fürsten regiert wird.[538] Unter den letzteren sind nur zwei Mohammedaner.

Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881 an 10 Millionen Einwohner,[539] von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina, nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.

Von der ursprünglichen Kriegerkaste der Rajput (im Sanskrit Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana, hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d. h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll in ihrem Auftreten.

Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.

Abends spät gelange ich in das Gasthaus zur Kaiserin von Indien (Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes, mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach, wollten sie von aussen ein Vorlegeschloss befestigen, was ich mir natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter des Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem Zimmer, seinen Platz eingenommen.

Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche, gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die Heldenlieder[540] seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese nächtlichen Lieder aufhörten.

Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n. Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff, Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.

Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.

Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen Meuter-Aufstands.

Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist Jaipur mit 37000 Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als 2315000 Hindu sind.[541] Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha[542] ist der 35te; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama, den Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. Jai Singh,[543] der sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die Stadt Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; ihr auch den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den Sitz der Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre bestanden haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in einer neuen Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, dass erst der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut und die Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. Hans Meyer dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)

Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen von jährlich 10 Millionen Mark,[544] wovon er allerdings auch die Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat. Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus. Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.

Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss, Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg[545] (Mittelschule) mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas schüchterne) Gas-Beleuchtung.[546] Die Zahl der Einwohner betrug 1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den einheimischen Staaten Indiens.

Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.

Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-Schein eigenhändig unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer russischen Freunde[547] ganz gut heraus und begleiten sie durch das Kaiserreich mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen die nordwestlichen Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah besichtigen wollen, so findet er die höfliche Ablehnung schon lange fertig geschrieben vor. Das haben mir britische Officiere erzählt. Vor Allem wird das Reisen in den Schutzstaaten überwacht. Wo es gar keine Gasthäuser giebt, wie in Gwalior, steht das Rasthaus unmittelbar unter dem englischen Aufsichts-Beamten; der Reisende hat diesen schriftlich um Erlaubniss zu bitten.[548] Wo wegen des grösseren Verkehrs schon Gasthäuser nothwendig geworden, wie hier in Jaipur, kann man die Erlaubniss zur Besichtigung der Paläste nur auf schriftlichen Antrag von dem englischen Beamten erhalten. So wird in unmerklicher und auch wenig lästiger Weise die Aufsicht ganz vollkommen geübt; denn, wenn Jemand hier reisen wollte, ohne die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so würde er erst recht auffallen.

Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment) gelegenen Gasthaus nach der Stadt.

Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort Welcome eingelegt. Grosse, mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen uns entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche ich in den vorigen Tagen gesehen.

Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von 6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen, sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten Winkeln.)

Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen, mit Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie mit weissen Zierrathen versehen liess.

Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als tüchtig gebaut.

Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens. Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.

Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen Laden geschleppt, wo die berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er mit mir kein Glück.

Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem prachtvollen Park ausserhalb der Mauern, der als der schönste von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28 Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.

In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des Lord Mayo errichtet, welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, eine Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch der Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines Mörders sein Leben eingebüsst hat.

In dem Garten sind Vogelhäuser mit Riesen-Pfauen, auch den schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit wilden Thieren, namentlich mit Tigern.

Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er reizt den Tiger zu höchster Wuth und — hält dann die Hand auf, um ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden, Menschenfresser seien; der eine habe fünfzehn, der andere zehn, der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.

Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250 englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798 Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.

Gefangen werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose darüber legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in der Grube belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos geworden und unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig gebracht und zur Schau ausgestellt.

Der Hauptschmuck des Gartens ist Albert Hall, ein neues Gebäude, zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und das mit den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle, an deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n. Chr. an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus den altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt. Das Innere ist ein Kunstmuseum; dasselbe enthält die Ergebnisse der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883 hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die vollständigste. Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter, Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten; Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.

Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen von unserem Prof. Herter erblickte, offenbar als Muster, um den Blick und Geschmack der Einheimischen zu bilden.

Es giebt auch eine wirkliche Kunstschule in Jaipur, welche Metall- und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten Mustern neu beleben soll.

Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um die Stadt selber genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange Reihe der einander ähnlichen Häuser in der ersten Hauptstrasse, alle rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck, theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.

Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit Läden, unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden, welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und — Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.

Der Marktplatz am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist rings um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner mit Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.

Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen den Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten Ochsen Grünhörner im wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind mit grüner Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder Elephant. In verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen. Unablässig fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns Nordländer etwas Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und zuvorkommend. Die echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart, welche das Schwert in der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir den Spazierstock, tragen, sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz andere Leute, als die Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem Ross ein adliger Rajput vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet, mit Flinte, Pistole, Schwert und Dolch, während seine Leute ihm schreiend Platz zu machen suchen.

Der Palast des Maharajah, von einer zinnengekrönten, noch von Jai Singh erbauten Mauer rings umgeben, liegt in der Mitte der Stadt und bedeckt mit seinen Gärten ein Siebentel ihrer Flächenausdehnung.

Nahe dem Haupteingang erhebt sich der Himmelsthurm, der von dem Rajah Ischwari erbaut wurde, um die Stadt zu überschauen, aber dem gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist.

Die Soldaten in den Wachtstuben sind gemüthliche Kerle, in rother, zerschlissener Uniform, zum Theil mit alten Feuerstein-Flinten — ohne Stein. Höchst seltsam sehen einige ältere aus, die nach der in Indien üblichen Sitte ihr graues Haar fuchsroth gefärbt haben.

Der Haupttheil des Palastes (Chandra Mahal) ist ein in sieben sich verjüngenden Stockwerken mit luftigen Hallen emporsteigendes Gebäude aus neuerer Zeit, — wenn man will, in indisch-italienischem Stil; unzugänglich, da es die Privatgemächer des Herrschers und die Zimmer der Frauen enthält.

Offenbar ist der Geschmack durch europäischen Einfluss rasch verschlechtert worden. Denn die in dem schönen, schattigen Garten gelegene zierliche Audienzhalle aus weissem Marmor hat jüngst eine schreckliche Bemalung bekommen; und die Billard- und Garten-Zimmer sind leider in dem europäischen Ungeschmack der heutigen Zeit eingerichtet.

Ein andrer Theil der Palastbauten, der einzige, den man von der Strasse aus sehen kann, ist die Halle der Winde (Hawal Mahal), auch von Jai Singh, sechsstöckig sich verjüngend, mit zahllosen, kleinen, unregelmässig angeordneten Fensterchen und Kuppeln, — von den Begeisterten, wie Sir Edwin Arnolds, hoch gepriesen,[549] aber in der That ein mehr abenteuerlich-kühnes, als schönes Machwerk aus Stuck.

Jetzt wohnt hier, wie ich hörte, die Mutter des Fürsten.

Innerhalb der so geräumigen Umwallung des Palastes liegt noch eine Waffensammlung, ein Parade-Platz, ein Gerichtsgebäude und eine Staatsdruckerei.

Ferner eine Sternwarte, die natürlich von Jai Singh herrührt, aber unter seinen unkundigen Nachfolgern in Trümmer gesunken ist.

Besser gehalten sind die Ställe, wo gute Araber-Rosse für den Fürsten gepflegt werden. Mit Begeisterung zeigt man dem Reisenden den Gold- und den Silber-Prunkwagen des Fürsten und ist erstaunt, wenn jener nicht in die Bewunderung einstimmt.

Merkwürdiger ist uns die stattliche Heerde von Elephanten, die auf einem grossen Hof angekettet sind; zum Theil Reit-Thiere, deren Bekanntschaft ich bald machen sollte, zum Theil bestimmt, bei festlichen Gelegenheiten mit einander zu kämpfen.

In der Nähe dieses Hofes liegt, grade ausserhalb der Stadtmauer, der Krokodil-Teich.[550]

Eine steile Böschung mit 3 Fuss hoher Ufer-Mauer schützt den Garten; aber die Wiese jenseits des Teiches ist ungeschützt: gelegentlich sollen die Krokodile auch nächtliche Wanderungen nach dem See von Amber unternehmen. Die riesigen und hässlichen Thiere ruhen träge auf einer flachen, schlammigen Halbinsel und werden durch lautes Geschrei der Einheimischen, Männer und Knaben, die um den Reisenden sich versammelt haben, ermuntert und angelockt und schwimmen (aber nicht pfeilschnell, wie es in Kinder-Büchern heisst, sondern hübsch langsam,) auf die Böschung zu. Mein Führer hatte schon 8 Annas von mir erbeten und ein Hammelgekröse mit Lungen und Leber gekauft und an einen langen Strick festgebunden. Jetzt beginnt die Neckerei. Das Ungethüm sperrt den ungeheuren Rachen auf und erwartet in seiner Faulheit, dass ihm die Atzung hinein geworfen werde. Aber man wirft sie daneben und zieht sie schnell fort, ehe das Thier sich wenden und zuschnappen konnte; und wenn es ihm schliesslich gelungen ist, einzubeissen und zu schlucken, so zieht die ganze Mannschaft aus Leibeskräften am Seil, bis dieses zerreisst und das Ende mitsammt der Speise in den Magen des Reptils verschwindet.

Ein höchst anmuthiges Bild gewährt eine behende Gabelweihe, die in raschem Fluge, sozusagen aus dem Rachen des Krokodils, ihren Antheil an der Beute herausholt.

Bei meinem Hin- und Herfahren hatte ich zwei Mal Gelegenheit, den Fürsten zu sehen. Derselbe zeigt sich dem Volke ohne grosse Förmlichkeiten. Im offenen Wagen, von zwei raschen Rossen gezogen, fährt er aus dem Thore des Palastes nach seinem Gartenhaus, gefolgt von einigen gut bewaffneten Lanzenreitern. Es ist ein sehr stattlicher Mann, mit hübschem, leicht gebräuntem Antlitz und gut gepflegtem Bart, in verhältnissmässig einfacher Gewandung; den Gruss des Reisenden erwiedert er ebenso freundlich wie würdevoll.

Tempel giebt es genug in Jaipur, soll doch der Fürst die Hälfte des Staatseinkommens auf Priester und Tempel verwenden; aber grossartig sind diese Bauten nicht. Der berühmte goldne Tempel ist ein offner Hof mit Säulenhallen, die Marmorwände spärlich mit Gold bemalt, im Hintergrund die üblichen Götzen und verschlossenen Schreine.

Ich sah noch ein Paar andre, die auch solche Hallen darstellen und eine Bildsäule von Schiwa’s Stier enthalten. Von weiteren Sehenswürdigkeiten sind noch zu erwähnen die Grabdenkmäler der Fürsten, ausserhalb der Stadt, in einem schönen Garten, dessen Baumwipfel voll sind von ehrwürdigen, graubärtigen Affen; das von Jai Singh ist aus weissem Marmor, besteht aus einem hohen Unterbau, zwölf schön verzierten Säulen, und einem gerippten Dom. (Es sind Leergräber oder Gedenk-Bauten; solche sind erst unter mohammedanischem Einfluss, seit Akbar’s Zeiten, von den Hindu errichtet worden.)

Der alte Garten (Rambagh) mit Häuschen und Kiosk, wohin der träge Führer seinen Reisenden, kopfschüttelnd über diese Unermüdlichkeit, hingeleitete, lohnte kaum das darauf verwendete Stündchen.

Das Hauptvergnügen in Jaipur besteht darin, gegen Abend durch die Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des Völkchens aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem freien Platz vor Albert Hall, wo die vornehme Welt erscheint, um Neuigkeiten auszutauschen und den Klängen der Musikbande des Maharadscha zu lauschen.

Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend entgegenzunehmen.

Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen. Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt von einheimischen Verkäufern. Ich selber, der ich unterwegs, ausser den nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich es für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen, war beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er von der Hand in den Mund lebt.

Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen; sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen hat.

Der Haupt-Ausflug ist nach Amber.[551] Montag, den 19. December, stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor Sonnenaufgang.

Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus, durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallener Wasserpalast des Fürsten emporragt.

Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten. Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete, auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor, ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es, 3½ Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist nichts weniger, als angenehm.

Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige Waffe ist ein Schild.[552] In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken.

Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier enthüllt sich uns ein wunderbares Schauspiel: oben auf dem hohen Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene Stadt Amber.

Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten, bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward.

Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem See und dem in das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit.

Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau vollendet.

Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener Kuppeln.

Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem die öffentliche Audienz-Halle steht. Die Marmorsäulen, in zwei Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung zu schützen.

Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns vor Einführung der Papiertapeten üblich war!

Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches.

Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmte Thor Jai Singh’s eintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster; kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durch eingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B. Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in die Alabaster-Täfelungen eingelegt.

Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen.

Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert worden.

Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.[553] Ein Hindu-Tempel steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll; Murray sagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger, als alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt. Der Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist, wie gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen reichen Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie oben über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe, deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen gestalteten Enden berühren.

Auf der Rückfahrt sehe ich die Dungkuchen-Herstellung, eine Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen „Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebraucht werden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen.

Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und einen bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in dem ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren der altindischen Heilkunde nachzugehen, die vielleicht bis auf unsre Tage sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine anziehende Aufgabe.

Die Heilkunde hat in der brahmanischen Zeit selbständig sich entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung vom Leben) den Göttern zugeschrieben. Die Krankheitsnamen, die in der Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.[554]) vorkommen, zeugen für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden doch auch schon die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in Indien vor, deren Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses sie besonders rühmten. Aber die wirklichen Quellen der indischen Heilkunde, die unter dem Namen des Susruta und Charaka überlieferten Schriften, gehören den späteren Zeiten der Sútra oder Ueberlieferungen an. Wann sie in der jetzigen Form niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt.

Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei. Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen, enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist. Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt haben.

Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend, ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit nur einem Flügel.

Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen.

Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den Grundstock für die erwähnten Schriften.

Als der heutige Hinduismus entstand (750–1000 n. Chr.), und die Kasten sich fester ausbildeten, gaben die Brahmanen die Ausübung der Heilkunde auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Uebersetzungen der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von Bagdad (750–960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt oft vor im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen sind vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden.

In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der Heilkunde in Indien errichtet. Die in Calcutta und Bombay haben englische Vortragssprache und Lehrer. Die letzteren sind gewöhnlich Militärärzte, die eine lange Praxis in Indien geübt, aber darum doch noch nicht immer Lehr-Begabung und theoretische Kenntnisse besitzen. Das konnte ich gelegentlich wohl bemerken.

Ausserdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer Vortragssprache, z. B. in Lahore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter den Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner, 538 eingeborene Christen, Parsi, Eurasier, Europäer. Mein Gewährsmann für diese Zahlen (Hunter), erwähnt nicht die weiblichen Studenten, doch habe ich solche in Calcutta gesehen; sie sind für die Behandlung von Frauen und Kindern in Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur Heilkunde sind 1890 in einheimischen Sprachen Indiens veröffentlicht worden.

Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten natürlicher Weise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, die Nasenbildung und der Star-Stich.

Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher, als gesetzliche Strafe in Indien vorkommt; so ist es doch noch Sitte in den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte die Ehebrecherin zu Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends, auch hier in Jaipur nicht, vermochte ich einheimische, ungelehrte Handwerker, welche die Nasen-Neubildung ausüben, aufzufinden, oder von ihnen etwas zu erfahren; die Nasenbildung wird ausgeführt in Indien, aber nicht mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts englische Aerzte als Augenzeugen gesehen, von Mitgliedern der Ziegelstreicher-Kaste, sondern von Schülern der englischen Universitäten und Krankenhäuser.

Eines aber wollen die abfällig Urtheilenden unsrer Sanskritgelehrten beachten: die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst in Europa hat doch erst ihren neuen Aufschwung genommen als jene Kunststückchen der indischen Handwerker bei uns bekannt geworden waren.

Der Star-Stich[555] war den alten Griechen während ihrer Blüthezeit gänzlich unbekannt; weder in den Hippocratischen Schriften noch bei Aristoteles und Plato findet sich eine Spur davon. Celsus (zur Zeit Nero’s) hat nach griechischen Quellen die erste Beschreibung geliefert; Galen (im 2. Jahrhundert n. Chr.) erwähnt, dass es zu seiner Zeit in den Weltstädten Alexandria und Rom Fach-Aerzte für den Star-Stich gab; Paulus von Aegina (im 7. Jahrhundert n. Chr.) hat in seiner Wundarzneikunst eine mustergiltige Schilderung des Star-Stichs und der Vor- und Nachbehandlung, nach den verloren gegangenen Schriften des grossen Galen, uns überliefert. Die Araber des Mittelalters beschreiben sowohl die griechische Methode des Star-Stichs, mit einer eingestochenen spitzigen Nadel die Linse niederzudrücken, als auch eine zweite, etwas abweichende, erst mit einem Messerchen einen kleinen Schnitt durch die harte Haut des Auges bis in’s Innere anzulegen und darauf mit einer stumpfen Nadel den Star nach unten zu verschieben.

Von den Arabern haben im Mittelalter die Europäer ihre Heilkunde erlernt, etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf Jahrhunderte später, nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch Zutritt zu den griechischen Quellen gewonnen; endlich in der Neuzeit ihre selbständige Forschung begonnen. Erst seit zwei Jahrhunderten ist in Europa die Staroperation durch wissenschaftliche Wundärzte den umherwandernden rohen Starstechern entwunden worden.

Erst in unserem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahren der Araber in Susruta’s Werk beschrieben ist. Europäische Aerzte haben diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen, auch in West-Asien bis nach Stambul; einzelne wandernde Star-Stecher sind sogar aus Asien nach Europa gekommen, nach Russland, nach England; im vorigen Jahre, grade als ich in Indien weilte, ist ein schlimmer Geselle der Art, Gholam Kader aus Singapur, in Berlin gewesen, hat aber, nachdem er verschiedene Augen zerstört oder geschädigt, unsre Hauptstadt wieder verlassen müssen.[556]

Die so bedeutungsvolle Frage der Geschichte, welchem Volke (oder gar welchem Manne) die Erfindung des Star-Stichs zuzuschreiben sei, scheint mir zur Zeit völlig unlösbar.

Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein.

Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren) bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu Gunsten des Star-Schnitts.

Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) bei längerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist der Star-Schnitt durch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen.

Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen Aerzten, was ich schon vorher gelesen,[557] dass die unwissenden und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien. Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen, obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille gefallen.

In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen, in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend, einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das in seinem Mund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten.

Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse Schwierigkeiten bereiteten.

Sie waren zwischen 50–60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit worden. (Wasser nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vor mehreren Jahren operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind. Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg.

Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben.

Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated into Urdu. Agra 1884.“

In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen, ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien Geldstrafe.

Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40 Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische Unzuverlässigkeit. Einer war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden Augen vor neun Jahren von jenem operirt, — mit gutem Erfolge.

Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen Kranken von ihren Ketten nicht befreit sind! Die Briten, die in so vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in alle Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom Pfuscher gut operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken.

Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge erzielen.

Das Geheimniss liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden Sonne in Indien der Alters-Star zwanzig Jahre früher reift, als bei uns. In Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei mir 62 Jahre. Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter geringer als im höheren.

Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die Gerechtigkeit anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war.

Berg Abu.

Am 19. December, Abends 11 Uhr, fahre ich von Jaipur nach Abu-Road. (Ungefähr 468 Kilometer in 13½ Stunden für 21½ Rupien; Bombay, Baroda and Central India Railway.)

In dicker Kleidung schlief ich gut, ohne zu frieren. Ajmir (mit 48000 Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes von 500000 Einwohnern mitten in der Rajputana, das die Engländer in eigne Verwaltung genommen,) berührte ich um 3 Uhr Morgens.

Den Aufgang der Sonne über die Ebene beobachtete ich vom Eisenbahnwagen aus, wie schon öfters in Amerika. Ueber dem östlichen Horizont liegt ein breiter, gleichmässig purpurroth gefärbter Streifen, darüber ein gelber, der ganz allmählich verklingt, keine Spur von Wolken am Himmel; plötzlich zuckt der Strahl der Sonne hervor.

Wir sind noch in Rajputana, etwa 1000 Fuss über dem Meere, nach dem Aneroïd-Barometer. Nicht allzuweit von hier, nach Nordwesten zu, beginnt das Gebiet der indischen Wüste, zwischen dem Flüsschen Luni und dem Indus. Beiderseits von der Bahn treten Hügel auf (Arawali hills); das Land sieht recht dürr aus und wird hauptsächlich zur Viehzucht benutzt.

Auf dem Halteplatz Abu Road lasse ich meinen Koffer zurück, sende die zwei Stücke Handgepäck hinauf nach Abu Mountain, das 24 Kilometer entfernt ist und etwa 3000 Fuss höher liegt.[558]

Ich selber bestieg die Jinrikisha, welche von sechs einander ablösenden Männern gezogen und geschoben wurde.[559]

Es war Mittags nicht nur sonnigwarm, sondern unbequem heiss (unter 25° nördlicher Breite); die Leute nicht nur sehr langsam und träge, sondern auch unbändig schwatzhaft: die ganze unendliche Unterhaltung drehte sich um kleine Münze, wie aus dem stets wiederholten „Annas und Pice“ zu entnehmen war.

Der Berg Abu gehört zwar zu dem Arawali-Gebirge, ist aber durch ein fast 24 Kilometer breites Thal von der Hauptkette getrennt und erhebt sich 5000 Fuss hoch kühn aus der Ebene, wie ein Felseneiland aus dem Weltmeer. Kein Wunder, dass er seit uralter Zeit von Jaina und Hindu als Heiligthum verehrt wurde.

Der Berg liegt in dem kleinen Rajputana-Schutzstaat Sirohi, der unter den zwanzig, der Grösse nach, der vorletzte ist, und nur 7800 Quadratkilometer misst und 142000 Einwohner zählt.

Beim Aufstieg hat man einen hübschen Rückblick auf das von den beiden Ketten-Gebirgen eingeschlossene, grüne und fruchtbare Thal, das mit zahlreichen Palmen besetzt ist. Die Felspartien weiter oben sind recht romantisch, mit steilen Abhängen, dichtem Baumwuchs, der bis oben reicht, murmelnden Quellen, an denen, unter Palmen, wandernde Familien und Kutscher mit ihren Ochsenkarren ausruhen. Wir begegnen zahlreichen Sippen weissbärtiger Affen, die auf den Bäumen hausen, ferner dem Jäger „mit dem Pfeil und Bogen“, Post-Läufern, die an ihrem Stabe Schellen tragen, Polizisten. Vollkommene Sicherheit scheint in diesem einheimischen Staat nicht zu herrschen. Einem Fusswanderer guckt der Pistolenkolben aus der Rocktasche.

Wenige Tage vorher war nicht allzuweit von hier ein englischer Officier beim Angriff auf eine Räuberbande gefallen. Doch der Berg Abu selber ist ziemlich gut bewacht, weil oben die englische Verwaltung von ganz Rajputana ihren Sitz aufgeschlagen und ebendaselbst auch die Vakil oder Bevollmächtigten zahlreicher Schutzstaaten dauernden Wohnsitz genommen.

Die Menschen sind hier wieder ziemlich dunkel, aber wohlgebildet, nicht gross und nicht sehr kräftig. Mehrere meiner Leute zeigten gar keine Entwicklung der Arm-Musculatur. Kaum halbwegs wollten sie mir einen schlechtgesattelten Ponny aufschwatzen, aber ich folgte ihnen nicht.

Der Weg führt bei einem Dorf vorbei. An der Strasse hat ein Fakir[560] sein Zelt aufgeschlagen. Es ist nicht einmal ein Zelt, sondern ein auf vier Stäben ruhendes Schutzdach aus geflochtenen Blättern, etwa so, wie es unsere Steinklopfer zum Schutz gegen die Sonne gebrauchen. Der fromme Mann ist völlig nackt, mit langem, wirrem Haar, das Gesicht mit Asche beschmiert. Er hat aber eine ganz gut aussehende Frau, die das übliche Tuch trägt, und ein kleines, nacktes Büblein. Die Münze, die ich dem letzteren in die Hand lege, wird mit Dank angenommen; und bei meiner Rückkehr der Kleine mir wieder an den Weg gestellt. Angewiesen ist der Büsser keineswegs auf Almosen, da ihn die Leute aus der Nachbarschaft mit Speise versorgen.

Jenseits einer tiefen Schlucht erglänzt auf steiler Höhe ein weisser Jain-Tempel. Die schwarzen Felsblöcke am Wege zeigen vielfach tiefe, sogar schraubenförmige Löcher, die an ehemalige Gletscher erinnern; auch oben in Abu-Mountain. Die Sonne geht hinter den Bergen unter, Palmen heben sich ab von dem Purpur des westlichen Himmels. Mit dem letzten Tages-Schimmer um 6½ Uhr Nachmittags kommen wir an im Gasthaus.

Immerhin giebt es Gegenden genug in Europa, wo man einen solchen Ausflug, ohne Schutzmassregeln zu treffen, nicht unternehmen würde.

Das Gasthaus ist klein, das Essen schlecht. Obwohl ich einen alten Bekannten vom Dampfer Brindisi antraf und ein angenehmes Plauderstündchen mit ihm verlebte, — hier befiel mich zum ersten Male ernstlich das Heimweh.

Die breitesten und tiefsten Meere habe ich durchschifft, in Sonnengluth und Sturmeswuth; die höchsten Berge habe ich geschaut; ich sah die wunderbarste Ueppigkeit des Pflanzenwuchses, die seltensten Thiere, die merkwürdigsten Menschen, ihre Sitten und Kunst, die herrlichsten und grossartigsten Bauwerke auf der Oberfläche dieses Planeten: doch nun sehne ich mich nach Hause, zu den Meinen, zu meiner Thätigkeit.

Der Ort Abu Mountain liegt in einem reizenden Thale (von 10×3½ Kilometer) und enthält den Wohnsitz des englischen Bevollmächtigten (Residency), zahlreiche Privathäuser, einen Club, Baracken für Soldaten und eine Schule für Soldatenkinder, sowie den sogenannten Bazar, d. h. die Wohnungen der Eingeborenen. Die Erhebung beträgt 4000 Fuss über dem Meere, die Temperatur ist angenehm.

Der schwarze Fels tritt an vielen Stellen schroff zu Tage, in den Ritzen wurzeln prachtvolle Bäume und Cactus-Pflanzen.

Das Thal ist künstlich bewässert und fruchtbar. Auf den Grasflächen weiden fette Kühe, wie ich sie seit Nuwara Eliya auf Ceylon nicht mehr gesehen hatte. Reisfelder werden bestellt und bewässert aus Tiefbrunnen mittelst der von Ochsen getriebenen Schöpfräder, die den ägyptischen Sakije sehr ähnlich sind und hierzulande als persische Brunnen bezeichnet werden.

Pflichtschuldigst sende ich Morgens früh meine Karte zu dem Bürgermeister des Orts, dem englischen Capitän Tigh, um den Erlaubniss-Schein zum Besuch der berühmten Jain-Tempel (Delwara[561]) zu erhalten, um deren willen der Ausflug nach Mount Abu unternommen wird. Inzwischen wandre ich nach dem kleinen, künstlich angelegten Edelstein-See (Gem lake[562]), der einige hundert Schritt vom Gasthaus entfernt und mit Felsinselchen übersäet ist.

Hier geniesse ich ein träumerisches Ruhe-Stündchen und wandre, nachdem der Erlaubniss-Schein angekommen, um 11 Uhr nach den 3½ Kilometer entfernten Tempeln.

Von aussen sehen sie unscheinbar aus. Man sieht den ungeheuren Unterbau, die umgebende Mauer, zwei kegelförmige Dächer und einige Kuppeln, anscheinend regellos angeordnet, da sie nicht einem, sondern mehreren neben einander, aber in verschiedener Höhenlage errichteten Tempeln angehören.

Das Innere ist überraschend. Der prachtvollere der beiden Tempel ist zwischen 1197 und 1247 n. Chr. errichtet und in Beziehung auf feine Bildhauerarbeit und Schönheit der Ausführung ohne Gleichen, sogar in Indien, dem Lande der geduldigen und unermüdlichen Arbeitsverschwendung. Vierzehn Jahre hat der Bau gedauert und 18 Millionen Rupien gekostet, ausser 5600000 Rupien, die zur Erhöhung des Hügels verbraucht wurden. Das ganze ist aus weissem Marmor gebaut, der 460 Kilometer weit her und auf den hohen Berg hinauf geschleppt werden musste!

Zwei Brüder, fürstliche Kaufleute, die auch noch andere Tempel errichtet, Tejpala und Vastupala, waren die Erbauer.

Der andere, gleichfalls von einem fürstlichen Kaufmann, Vimalah Sah, um das Jahr 1032 n. Chr. ist etwas einfacher, aber immerhin so reich geschmückt, als der gute Geschmack es zulässt. Hier können wir die Grundform des Jain-Tempels kennen lernen.

In der Mitte des Tempels steht die viereckige Zelle, die nur von ihrer Vorderöffnung her erleuchtet ist, den mit gekreuzten Schenkeln in ruhiger Haltung sitzenden Heiligen (hier Parswanatha[563]) enthält und oben das Spitz-Dach[564] trägt. Von der Vorderseite der Zelle geht eine prachtvolle Säulenhalle aus, die, mit einem geschmackvollen Uebergang des Achtecks zum Kreis, von einer Kuppel gedeckt wird und in einen weiteren Säulen-Vorbau nach dem Eingang zu sich fortsetzt.

Achtundvierzig freistehende, herrlich geschmückte Säulen setzen diesen Theil des Bauwerks zusammen. (Selbstverständlich besteht die Wölbung aus wagerechten Steinen; die strahlenförmige der Römer muss ja auf einem vollständigen Cylinder von Mauerwerk aufruhen, oder doch, wie bei den Byzantinern, auf gewaltigen Strebepfeilern.)

Das Ganze steht in einem rechteckigen Hof von 140 Fuss Länge und 90 Fuss Breite, der an den drei Seiten (ausser der des Eingangs) von einer bedeckten Doppelreihe etwas kleinerer Säulen umgeben ist. In diesen Säulengang münden 55 kleinere Zellen;[565] jede von diesen enthält eine Wiederholung jenes Heiligen, mit dem reichsten Bildhauerschmuck von Thieren, Pflanzen, Begebenheiten aus seinem Leben, Verzierungen. Alles, auch der Fussboden, ist aus Marmor, alles ist in der üppigsten Weise geschmückt. Menschliche Figuren, grössere und kleinere, sind in rings umlaufenden Reihen neben einander und mehrfach über einander zwischen Ranken, Pfosten und Verzierungen an jeder Säule angebracht, ferner an den Kragsteinen des Säulen-Knaufs. Auch im unteren Theile der Kuppel, über einem ringsum laufenden Fries von Elephanten-Köpfen, sind sechzehn Figuren auf Sockeln angebracht, darüber noch drei concentrische Reihen von blumigen Verzierungen. Von dem Gipfel der Kuppel hängt eine riesige Himmelsblume aus Marmor in feinster Ausführung frei herab,[566] nach Fergusson ohne Gleichen auf der ganzen Erde. Die grossen Säulen der Haupt-Halle endigen oben in Kragstein-Knaufe; auf diesen stehen noch mit anmuthigen Figuren geschmückte Zwerg-Säulen, welche auf ihrem Knauf die mächtigen queren Stein-Balken tragen. Die Mitte der letzteren wird von schön verzierten Schrägbalken gestützt, die von den unteren Capitälen ausgehen. (In dem einen Tempel sind diese Schrägbalken nur blumige Windungen, die scheinbar aus stilisirten Thierrachen hervorwachsen.)

Das Ganze macht einen höchst überraschenden, geradezu wunderbaren Eindruck, obwohl manche Einzelheiten uns weniger anziehen.

Der dritte und der vierte Tempel sind kleiner und einfacher, sowohl im Baustoff als auch in der Ausführung.

Ein grässlich lärmender Gottesdienst mit Gong und Pauken wurde grade abgehalten. Die Priester waren dabei ganz allein. Uebrigens sind sie sehr stolz und hochmüthig; als ich eingetroffen, weigerten sie mir zunächst den Einlass, da noch nicht Mittag sei.

Sie haben schon vergessen, dass die Tempel offen und vernachlässigt waren, bis Europäer in Abu sich niederliessen und Ordnung schufen. Eine grosse Stadt war nie auf dem Berge, die in der Ebene (Chandravati) ist von den Mohammedanern in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört worden.

Wie eng unser Gesichtskreis, wie gering unsere Kenntnisse vom Morgenland, trat mir an diesem Platz recht deutlich in das Bewusstsein. Wunderbare Tempel, die in Europa ihres Gleichen nicht haben, sind hier von einer Gemeinde errichtet, die bei uns (abgesehen von Fachgelehrten) kaum dem Namen nach gekannt ist. In keiner der von mir angeführten deutschen Reisebeschreibungen und Schilderungen von Indien werden die Delwara-Heiligthümer der Jaina besprochen.

Die Frage der Jaina ist darum so schwierig, weil erstens die Hindu keine Geschichte besitzen, zweitens von den heiligen Büchern der Jaina erst wenig herausgegeben und übersetzt ist, drittens der Unterschied zwischen Jaina und Buddhisten uns wenigstens sehr geringfügig erscheint.

Wie die Buddhisten leugnen die Jaina vollständig die Göttlichkeit und Bedeutung der Veda; sie verwerfen Opfer und verlangen strengste Sittlichkeit; sie glauben, dass die Zukunft des Menschen mehr von seiner eignen Handlungsweise, als von einem göttlichen Einfluss abhänge und üben ahimsâ, d. h. die Achtung vor fremdem Leben, in einer gradezu erstaunlichen Vollkommenheit. Alle enthalten sich gänzlich des Fleisches; die strengsten unter ihnen trinken nur durchgeseihtes Wasser, athmen durch einen Schleier und fegen zart den Boden, ehe sie niedersitzen, um nicht unbewusst ein kleines Thierchen zu zerstören. Den Weg zur Glückseligkeit zeigt ihnen Triratna (d. h. die drei Edelsteine): 1) vollkommener Glaube, 2) vollkommenes Wissen, 3) vollkommenes Leben.

Auch die Buddhisten lassen zahlreiche Buddha vor Gautama zu. Die Jaina erkennen vierundzwanzig Jina an, (d. h. Siegreiche, oder Thirthankara, d. h. Furten-macher, Erlöser,) nämlich Weise, welche das reine Gesetz wieder hergestellt; und verehren hauptsächlich den vorletzten Parsvanath und den letzten Mahavira, (d. h. grosser Held, magnus vir,) welcher Zeitgenosse und Lehrer von Gautama Buddha gewesen; wie dieser, ein Königssohn, mit dreissig Jahren Weib, Kind, Schloss verlassen und ein Büsserleben geführt und ihre Religion begründet haben soll.

Jetzt giebt es in britisch Indien ½ Million Jaina, mehr wohl in den Schutzstaaten, da ihre Gesammtzahl in Indien auf 4 Millionen angegeben wird.

Sie bilden wohlhabende, eng zusammenhaltende Gemeinden; sind meist Grosskaufleute und Bankherren, üben grossartige Mildthätigkeit, und unterhalten auch die Siechenhäuser für Thiere, welche in manchen Städten Indiens noch aus der Zeit der Buddhisten zurückgeblieben sind. Sie theilen sich in Yati oder Büsser und Çravaka oder Hörer (Laien). Noch ist die Religionsgenossenschaft lebendig und baut neue, prachtvolle Tempel, wie wir sehr bald in Ahmedabad sehen werden. Aber weit grösser war ihr Einfluss in früherer Zeit; nur ist es sehr schwierig, darüber etwas bestimmtes zu erfahren.

Nach der älteren Ansicht wären die Jaina Ueberbleibsel der indischen Buddhisten, welche vor Ausrottung sich retteten durch eine Verständigung mit der Hindu-Lehre und es durchsetzten, als eine besondere Kaste anerkannt zu werden; in der That nennen die Jaina sich Hindu.

Aber nach neuerer und richtiger Ansicht ist die Jain-Lehre uralt. Unser Landsmann Jacobi hat neuerdings (1884) dargethan, dass Buddha- wie Jaina-Lehre aus dem Brahmanenthum sich entwickelt haben, nicht durch eine plötzliche Reformation, sondern durch religiöse Bewegungen, die lange Zeit vorbereitet gewesen. Jaina-Lehre war die ältere von beiden, wahrscheinlich von Parsvanath begründet und verbessert von Mahavira, der auch Vardhamána, der Vermehrer, genannt wird. Ihre heiligen Bücher wurden am Ende des 4. Jahrhundert v. Chr. verfasst oder gesammelt, und aufgeschrieben im 5. Jahrhundert n. Chr. Die Jaina zerfielen in die beiden Secten der Swetambara oder Weissgekleideten und Digambara oder Nackten (Luft-gekleideten) zwei oder drei Hundert Jahre nach dem Tode des Stifters; und diese Theilung besteht noch heutzutage, obwohl die nackten Büsser (Digambara Yati) jetzt Nacktheit nicht mehr öffentlich zur Schau tragen. Der Streit zwischen den Nackten und Bekleideten wird schon in den kanonischen Büchern angedeutet: in den Edicten von Asoka (264 v. Chr.) wird die Secte der Nigantha (Nirgrantha, die jedes Band fortgeworfen), in den Kupferplatten-Inschriften von Mysore aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. aber beide Secten der Jaina erwähnt.

Der Wörterbuch-Verfasser Hesychius, im 3. Jahrhundert n. Chr., war offenbar gut berichtet, als er Γέννοι durch Γυμνοσοφισταί übersetzte.[567]

Gestern war der Himmel tadellos rein blau gewesen, heute zeigt er am Horizont einige wenige Wölkchen. Nachmittags fahre ich in Jinrikisha wieder bergab mit denselben Leuten, die mich tags zuvor nach oben gebracht, und die nach dem Empfang des zweiten Trinkgelds von einer Rupie in der Nähe des Bahnhofes ein Freudenfeuer anzünden, um das sie sich zum Schmause lagern.

Ahmedabad.

Abends 9½ Uhr fahre ich von Aburoad nach Ahmedabad,[568] wo ich Morgens 6 Uhr ankomme. (Ortszug der Bombay, Baroda and Central India Eisenbahn, 104 englische Meilen = 166 Kilometer in 8½ Stunden, also kaum 20 Kilometer in der Stunde, für 9 Rupien.)

In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal wieder das Kreuz des Südens zu erblicken. Dante, dem es wohl nur aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach seinem Anblick; Vespucci sah es auf seiner dritten Reise (1501); Corsali (1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet.

Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem nördlichen Wendekreis.

Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen.

Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte, ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar.

Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft.

Die Stadt Ahmedabad (ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also ein wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer 148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer, welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite der Stadt) nach dem Rasthaus, das dicht vor dem in der Mitte der Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse des Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer, mein Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer.

Ahmedabad ist äusserst lohnend. Die Stadt ist die erste im Bezirk Guzerat und die zweite in der ganzen Präsidenschaft Bombay, deren nördlichen Theil jener Bezirk bildet.

Guzerat[569] liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20 und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar und dem daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer und enthält 7½ Millionen Einwohner.[570] Hiervon entfallen 163000 Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grösster Baroda ist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern auf britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die fruchtbaren Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen.

Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet, bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika.

Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen Baruch (Barotsch) an der Mündung des Nerbudda.

Guzerat hat seinen Namen von einem Volksstamm (Guzera oder Gudschara), der aus dem Punjab über Rajputana eingewandert war und dem Land zwischen 400 und 800 n. Chr. seine Herrscher gegeben. Um das Jahr 1100 hielt die Jaina-Religion ihren Einzug und beschränkte die Macht der Brahmanen.

Im Jahre 1294 wurde Guzerat Provinz des mohammedanischen Kaiserreiches von Delhi.[571]

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Statthalter mächtig. Muzaffar, ein zum Islam übergetretener Rajput, wurde von dem Tughlak-Kaiser Feroz Schah zum Statthalter (Sultan) von Guzerat eingesetzt. Sein Sohn Muhamed Schah machte sich selbständig. Dessen Sohn Ahmed Schah erbaute 1411, auf dem Grund einer alten Hindu-Stadt (Asaval), am linken Ufer des Flusses Sabarmati, die nach seinem Namen benannte Stadt Ahmedabad, stattete sie mit breiten Strassen, prachtvollen Moscheen, Palästen, Festungsbauten aus und machte sie zu einem Mittelpunkt der Kunst, des Gewerbefleisses und des Handels. Unter seinen mächtigen Nachfolgern wuchs die Stadt an Grösse und Reichthum und an Zahl und Schönheit der öffentlichen Bauten. Nach Mahmud Begada (1459–1511) begann die Macht der Guzerat-Könige zu sinken. Der Handel nahm ab durch den Wettbewerb der Portugiesen, die Hauptstadt verarmte unter den steten Kämpfen des unruhigen Adels. 1572 wurde von einer Partei desselben Akbar herbeigerufen, drang ohne erheblichen Widerstand in Ahmedabad ein und machte Guzerat zu einer Provinz des Mogul-Reiches, die von einem Vicekönig verwaltet wurde. Jetzt begann eine neue Blüthezeit für Ahmedabad, das eine Bevölkerung von 900000 Einwohnern erlangte; 1695 war es, nach dem Zeugniss europäischer Reisenden, „die grösste Stadt in Indien, an Seide und Brocat nicht geringer als Venedig.“ Von der Geschicklichkeit seiner damaligen Arbeiter in Baumwolle, Seide und Goldbrocat stammt das Volkssprichwort, „sein Wohlstand hänge an drei Fäden: Baumwolle, Seide, Gold.“[572]

Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches (1707) begann wiederum eine Zeit der Unordnung, die Marathen drangen ein, plünderten, eroberten die Stadt, bis dieselbe 1818, nach dem Untergang der Marathen-Macht, in den Besitz der Engländer gelangte und jetzt, nach zweimaligem Wechsel zwischen Blüthe und Verfall, eine neue Zeit des Aufschwungs erlebt.

Allerdings die Baumwollenweberei erhielt 1820 den Todesstoss durch Einfuhr englischer Waaren. Die Seidenweberei ging seit 1875 zurück, da der neue Fürst (Gâekwâr) von Baroda jährlich nur für 160000 Mark bestellte, — sein Vorgänger für 1½ Millionen.

Noch jetzt hat die Stadt, die mit dem 3½ englische Meilen in nordöstlicher Richtung entfernten Cantonment 148000 Einwohner[573] zählt, ihre alte Mauer mit Thürmen in Abständen von 150 Fuss und umschliesst ein Gebiet von 5 Quadratkilometern. Die zwölf Thorwege enthalten mächtige Thore aus Teakholz, die mit eisernen Spitzen gespickt sind, zur Vertheidigung gegen die Elephanten, welche abgerichtet waren, mit ihrer Stirn die Thore einzurennen.

Die Westseite der Stadtmauer grenzt unmittelbar an den Sabarmati-Fluss, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst und ganz neuerdings mit einer recht stattlichen Eisenbrücke überspannt ist. Seine Breite beträgt 600 Meter, aber im Winter nur 100. Längs der Ostseite der Stadt zieht die Eisenbahn hin.

Merkwürdiger Weise ist Ahmedabad den europäischen Reisenden wenig bekannt und wird in deutschen Reisebüchern fast gar nicht besprochen; und doch ist die Stadt nächst Agra und Delhi die bedeutendste mit Rücksicht auf die vollendete und eigenartige Form ihrer hindu-saracenischen Baukunst. Die Kunst der durch Jahrhunderte lange Uebung gebildeten Guzerati war so gross, dass sie die mohammedanischen Eroberer eroberte; der Stil ist hier am meisten indisch geblieben. Die Gestalt ihrer Verzierungen ist gradezu unübertrefflich.

Zuerst fahren wir nach der Hauptsehenswürdigkeit, der Jumma Musjid. Dieselbe steht in der Mitte der Stadt an der Südseite der ostwestlichen Hauptstrasse (Manik Chauk).

Obwohl nicht sehr gross (382×258′), ist sie eine der schönsten Moscheen des Ostens. Durch ein einfaches Thor von Norden her betritt man den gepflasterten, von einer Halle umgebenen Hof; ein zweiter Eingang zu demselben ist von Süden. Nach Osten liegt das Grabmal des Erbauers, nach Westen die eigentliche Moschee, die 210×95 Fuss, also 20000 Quadratfuss misst.

Drei Spitzbogen-Eingänge führen hinein, der mittlere ist höher und zu jeder Seite eingefasst von einem ausserordentlich zierlich gegliederten und mit den feinsten Verzierungen geschmückten Minaret, der allerdings als solcher schwer zu erkennen ist, da er jetzt nur noch 43 Fuss hoch ist und mit dem zinnengekrönten Dach abschneidet; die obere Hälfte jedes der beiden Thürme[574] ist durch ein Erdbeben am 16. Juni 1819 herabgestürzt. 250 Jain-Säulen (freilich ohne Bildwerk[575]) tragen das Dach, das mit fünfzehn Kuppeln geschmückt ist; die drei mittleren sind grösser und höher, als die andern.

Durchbrochene Steinfenster von wunderbarer Arbeit an den Hinter- und den Seiten-Wänden lassen ein mildes, gedämpftes Licht einfallen.

In der rechten Ecke ist eine steinerne Empore für die Damen des Hofes, eine Unregelmässigkeit, aber nicht Unschönheit des Bau’s. Der Sitz des Sultans ist oben in der Mitte.

Oberhalb der drei Gebetnischen (Kiblah) sind auf Marmor die folgenden Inschriften in zierlich-arabischen Buchstaben eingemeisselt: „Diese hohe und weite Moschee wurde errichtet von dem Sklaven, der vertraut auf die Gnade Gottes, des mitleidigen, des allein zu verehrenden. — Der Koran sagt, wahre Moscheen gehören Gott an, verehre keinen andern neben ihm. — Der Sklave, der auf Gott vertraut, ist Ahmed Schah, Sohn von Muhamed Schah, Sohn von Sultan Muzaffar.“

Dass diese Muselmänner nicht sehr duldsam waren, zeigt der schwarze Trittstein vor dem Haupteingang der Moschee; derselbe stellt eine umgedrehte Jaina-Heiligenbildsäule dar, auf welche die Gläubigen ihren Fuss setzen.

An der Ostseite des Hofes liegt das Grabdenkmal von Ahmed Schah. Es ist ein viereckiges Gebäude, mit einem Dom, einer Vorhalle von achtzehn Pfeilern und mit Fenstern aus durchbrochener Steinarbeit. Der Hauptraum stellt ein Quadrat von 36 Fuss Seitenlänge dar, ist mit Marmor verschiedener Farben gepflastert und enthält die marmornen, mit Blumenschmuck schön verzierten Leersärge des Schah Ahmed sowie seines Sohnes Muhamed und seines Enkels Kutb. Ganz in der Nähe sind die Gräber der Königinnen, höchst anmuthig in den Verzierungen der Särge und der durchbrochenen Fenster.[576]

Ganz regelmässig ist den Särgen eine Verzierung eingemeisselt, bestehend aus einem Räuchergefäss, dass mittelst eines Kettchens an der „Himmelsblume“ aufgehängt ist: dies dürfte nicht mohammedanisch, sondern echt hindostanisch sein.

Alle Moscheen von Ahmedabad sind ebenso gebaut wie die „Grosse.“ An der Westseite des mächtigen Hofes liegt die mit zwei Thürmen (Minarets) versehene eigentliche Moschee, in welcher die Gläubigen sich zum Gebet versammeln, und welche ausser der westlichen Nische, die nach Muhameds Grab zeigt (Kiblah), noch den Platz enthält, an dem der Koran gelesen wird. (Mimbar.) In der Mitte des Hofes ist der Brunnen zu den vorschriftsmässigen Abwaschungen. An der Ostseite desselben liegt ein Garten oder Hof mit dem Grabdenkmal (Roza) des Begründers. Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts, in ihrer Hauptblüthezeit, enthielt die Stadt an 1000 Moscheen und Gärten.

Von der Hauptmoschee führt die Hauptstrasse nach Westen. Das Untergeschoss jedes Hauses enthält Läden mit vorspringendem Schattendach. Auf der Strasse wogt die lebhafte Menge der Fussgänger, so dass die Ochsenfuhrwerke und die Wagen nur langsam vorwärts kommen. Gradeaus vor uns erhebt sich, die Strasse kreuzend, Ahmed Schah’s dreifaches Thor (Tin darwaza), ein mächtiges Bauwerk mit reicher Bildhauerverzierung.

Gleich danach folgt die ebenfalls von Ahmed Schah 1411 erbaute Burg (Badr genannt nach einem nahe gelegenen Tempel der Göttin Badra Kali, der Gattin Schiwa’s); der von dem 23. Vicekönig der Mogul, Azam Khan, 1636 erbaute Palast, zwei gewaltige Thürme mit Zwischengebäude, jetzt als Gefängniss benutzt; die Rubin-Bastion (Manik Burj), um den Grundstein der Stadt erbaut, und, in der Nordostecke der Umwallung, Sidi Said’s Moschee, jetzt allerdings für die örtliche Verwaltung benutzt. Aber die durchbrochene Marmorarbeit zweier Spitzbogenfenster lohnt allein schon die Reise nach Ahmedabad.

Das eine enthält in gleichen Abständen vier Palmen und drei gewöhnliche Bäume, die in blumige Ranken sich auflösen und die ganze Fläche füllen. Das zweite besteht aus einem Rankenbaum, der eine Palme umschlingt. Die feinsten Fensterausfüllungen in Agra und Delhi reichen nicht an die Schönheit dieser Kunstleistung heran. Die pflanzliche Verzierung ist naturähnlicher, als irgend ein Schmuck-Glied, das jemals die besten Baumeister der Griechen und des Mittelalters ausgeführt haben.

Nunmehr fahren wir zurück von der Mitte der Ostseite nach dem Südwestthor der Stadt, woselbst Moschee und Grabdenkmal der Rani Sipri liegen. Dieselbe war Schwiegertochter von Ahmed Schah und hat 1436 die Gebäude errichten lassen, die zu den zierlichsten nicht bloss in Ahmedabad, sondern auf der ganzen Erde gehören.

Sie sind aus rothem Sandstein, die durchbrochene Arbeit in den Fenstern aus weissem Marmor.

Die Moschee ist nur 54 Fuss lang und 19 Fuss tief. Vor dem Eingang stehen sechs Doppel-Pfeiler, dahinter noch sechs einfache, nur 10 Fuss hoch. Die beiden vierstöckig sich verjüngenden Minarets sind 50 Fuss hoch. Die ganze Fläche des Gebäudes, der Pfeiler, der Thürme sind ein Triumph des Bildhauers.

Notes in this chapter

Note 1 · Doab, Zweiflussland oder Zwischenflussland, zwischen Ganges und Jumna.Note 2 · Indisch Dilli oder Dihli.Note 3 · Er wohnte darin mit Hunderten von Dienern und zwei Regimentern, und hatte auch einige Landhäuser, während allerdings schon vor dem Thor seinNote 4 · Derselbe soll unter der Aufsicht von Austin de Bordeaux angefertigt sein und 5 Millionen £ verschlungen haben; scheint aber mehr kostbar, alNote 5 · 200×120 = 24000, getheilt durch 4,5 = 5444.Note 6 · Polarstern des Rechts.Note 7 · Die Brüstung oben ist etwas breiter.Note 8 · Also etwa 3 Millionen Mark.Note 9 · Jeypore, Jeypoor, Jeypur, Jaipur, Dschaipur — das sind die Schreibweisen, die man findet.Note 10 · Im Ganzen giebt es in Ostindien 153 Lehnsträger der britischen Krone, die meisten dieser Fürstenfamilien sind erst seit dem Zerfall der MoguNote 11 · Also hat es fast denselben Flächeninhalt, wie das Königreich Preussen, aber nur ein Drittel seiner Einwohner. Die Hälfte der Rajputana ist SNote 12 · Die Rajput besitzen alte, überlieferte Gesänge und religiöse Dichtungen, die noch jetzt im Munde des Volkes leben. Dadu, ein GlaubenseifererNote 13 · ⅛ Rapjut, ⅝ andre Hindu-Kasten, 1⁄16 Jain, 3⁄16 Mohammedaner, nach andrer Quelle.Note 14 · Gross-Fürst, Gross-König.Note 15 · Sieges-Löwe.Note 16 · 1891 Einnahmen 6½, Ausgaben 5 Millionen Rupien.Note 17 · Ausserdem eine „Ritterakademie“ für die Söhne der adligen Rajput, eine „höhere Töchter-Schule“ und 30 Volksschulen für Knaben.Note 18 · Gas wird hier nicht aus Steinkohlen, sondern aus dem billigen Ricinusöl gewonnen.Note 19 · 1877 waren dieselben recht thätig, um die einheimischen Fürsten aufzuwiegeln, jedoch erfolglos. Ob sie 1857 ihre Hände im Spiel gehabt, konnNote 20 · Deshalb konnte ich nicht nach Gwalior fahren, da der englische Beamte, mit dem einheimischen Fürsten zu Felddienstübungen abwesend, meinen BNote 21 · „A vision of daring and dainty loveliness.“Note 22 · Die Thiere werden gewöhnlich Alligatoren genannt, doch kommen solche nur in Amerika vor; in Indien lebt das Leisten-Krokodil (C. biporcatus)Note 23 · Die Entfernung beträgt 9 Kilometer.Note 24 · Ich hatte gehört, dass Soldat nebst Lenker 2 bis 3 Rupien Trinkgeld erwarten. Als ich ihnen 3 gab, waren sie nicht zufrieden.Note 25 · Die Zerstörung muss rasche Fortschritte machen, nach dem Vergleich des jetzigen Zustandes mit etwas älteren Abbildungen.Note 26 · Nach Böthlink, viel später nach Weber.Note 27 · Star ist Verdunkelung der Crystall-Linse. (Die Schreibweise Staar ist falsch, wie ich nachgewiesen.) Der Greisen-Star wird heutzutage (seit Note 28 · Ich habe zwei von ihm operirte Fälle nachträglich gesehen. Es ist erstaunlich, wie in Berlin erwachsene Menschen einem hergelaufenen, geldgiNote 29 · Diseases of the Eye by Macnamara, Surgeon to Calcutta Hospital. London 1868. S. 479. The native Huckeems and Kobrages allways operate for thNote 30 · Zu meiner Beschämung erfahre ich am Abend vom Gastwirth, dass der weibliche Träger, welcher meine Sachen auf seinem Haupte nach oben befördeNote 31 · Für diese Leistung von sechs Stunden wurden 6 Rupien gefordert und sieben bezahlt. Man kann auch zu Pferde hinauf reiten. (Die Beförderung mNote 32 · Das Wort ist arabisch und bedeutet arm, d. h. einen Büsser, der das Gelübde der Armuth auf sich genommen. Meist vermied ich unterwegs die BeNote 33 · Auch Dilwarra geschrieben.Note 34 · Auch Perl-See (Nucki Talao) genannt.Note 35 · Pârçvanâtha, der vorletzte Jina oder Siegreiche.Note 36 · Die Bildsäulen der Jaina-Heiligen sowie der Hindu-Götter werden stets in eine viereckige (quadratische) Zelle gesetzt, der Thurm über der ZeNote 37 · Den Jaina schien es wichtig, ihre Heiligen zu ehren durch eine grosse Zahl von Bildsäulen und für jede ein eignes Heim zu schaffen. Dies istNote 38 · Bei dem römischen oder gothischen Dom wäre ein gewaltiger Stützbau erforderlich; bei dem indischen fügt das Hängewerk nur sein eignes GewichNote 39 · Jeni = nackte Weise.Note 40 · Auch Ahmadabad geschrieben.Note 41 · Auch Gudscharat geschrieben.Note 42 · Nur 5½ Procent Muselmänner.Note 43 · Vgl. S. 407.Note 44 · 6 Gramm Silber wurden zu Fäden von 2000 Meter Länge ausgezogen.Note 45 · 1881 waren es 130000, davon 68 Procent Hindu, 22 Procent Mohammedaner, der Rest Jaina, ausser 848 Christen und etlichen Parsi.Note 46 · Die schon im vorigen Jahrhundert von Reisenden recht wacklig befunden worden.Note 47 · Auf dem Dach fand ich aber hier und da an wenig auffälligen Orten „Hindu-Götterfratzen“ ausgemeisselt.Note 48 · Es möchte doch sehr lohnend sein, junge Baumeister aus Deutschland zum Studium der mohammedanisch-hindostanischen Baukunst und Verzierung na
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