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Um die Erde

VII. Ostindien. (continued 2)

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Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden, armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis auf geringe Reste zu verbrennen.[474]

„Unsterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zum Himmel empor“,

singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth:

„Wenn der Funke sprüht, Wenn die Asche glüht, Eilen wir den alten Göttern zu.“

Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind.

Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.

Die elfte Treppe ist Kedar Ghat. Nach den heiligen Büchern der Hindu wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. Kedar ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im Himalaya. Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben von 60 Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 Fuss im Umfang, — ein Fetisch.

Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus der Religion der Ureinwohner von Indien.

Das vierzehnte ist Someshwar Ghat (von Soma, Mond, und I’shwar, Herr). Dies ist die Poliklinik der Hindu, denn hier werden alle Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die giebt es eine besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist die Göttin der Pocken.

Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.

Das zweiundzwanzigste ist Munshi-Ghat, das schönste von allen, oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.

Aber das merkwürdigste von allen ist das fünfundzwanzigste, Dasashwamedh Ghat. Es hat seinen Namen von den zehn[475] Rossen, die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf heiligsten Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben von zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen, unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen, so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des grossen Ganges verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.

Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der Glaubenswuth: Satí,[476] Denksteine für lebendig mit dem todten Gatten verbrannte Wittwen.

In den alten Rig-Veda der Arier war dieser fürchterliche Gebrauch ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später zu Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar die entgegengesetzte Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu der Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit eines religiösen Gesetzes. Der weise und grosse Akbar (1556–1605 n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, die frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 sollen allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt worden sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute mit den kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer Satí. Trotz des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von Eingeborenen hat der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William Bentinck am 24. December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die der Wittwen-Verbrennung Vorschub leisten, des Mordes schuldig erklärt werden. Seitdem hat in dem englischen Gebiet die Wittwen-Verbrennung aufgehört. In den Schutz-Staaten aber soll sie noch gelegentlich, wiewohl selten, vorkommen.

Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen uns einen erfreulicheren Anblick, den der Sternwarte. Diese gehört zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und besitzt einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. So schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er astronomische Beobachtungen an und veröffentlichte sie in Sterntafeln, die noch heute vorhanden sind[477] und die einige Angaben von de la Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären) das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.

Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares, Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.

Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.[478] Da ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite, um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, an dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, um auf den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination der Sterne bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den Schatten der Sonnenuhr genau festzustellen — und noch zahlreiche ähnliche Einrichtungen.

Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert, bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen, mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis 28 „Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit der Veda werden die Planeten (graha, Greifer), erst sieben, dann neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.

Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n. Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai Singh.

Das dreiunddreissigste ist Manikaranika Ghat, nicht bloss einer der fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, gleichzeitig der Mittelpunkt der Stadt.

Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika[479]-Brunnen, zu dem Stufen hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon. Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit schlimmer gewesen sein.

Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von Tarkeshwara,[480] dem Erlöser, und dabei die hochverehrten Fusstapfen von Wischnu.

Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.

Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,[481] sieht man die Moschee, welche der Kaiser Aurangzeb (1658 bis 1707), ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,[482] ja kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus. Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.

Die letzte Treppe ist Raj Ghat an der Eisenbahnbrücke.

So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.

Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin, welche unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde auslegen.

Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft, die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt schliesslich in einem (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) ein schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht vollendet hat.

Das Allerheiligste in Benares ist der goldene Tempel, dem Schiwa geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der Pilger nicht genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, wo die Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch steigen; dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei kleinen Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt sind; der eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von Schiwa oder Bisheshwar.[483]

In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene Brunnen der Weisheit (Gyankup), in welchen der Hohepriester die Bildsäule des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. Seine Unannehmlichkeit ist nicht geringer, als die des nahe beschriebenen, — trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist auch die grosse Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen Kühe, die beide mit grosser Achtung behandelt werden müssen.

Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt, etwas zu naschen.

Der Tempel der Durga, der Gattin von Schiwa in ihrer schrecklichen Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht werden, heisst bei den Europäern gewöhnlich der Affen-Tempel, weil Hunderte von Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am Eingang drängen, so dass man am besten thut, für einige Kupferstücke Früchte zu kaufen und sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der Haupttempel erhebt sich auf einer Platform und wird von zwölf Säulen getragen.

Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,[484] wo die Bettler das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu brandschatzen.

Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die Bazare. Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten Metallarbeiten von Benares verfertigt und feilgehalten werden.

Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der die geometrischen Verzierungen in dem Messingteller ausgräbt. Teller, Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert andre Dinge für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der Eingeborenen und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden vor unseren Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich wird für die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich Schundwaare hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden und in der Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.

Benares ist auch die eigentliche Götterfabrik für die Hindu. Für die kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben sie eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink noch Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.

Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind Gewebe, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung (namentlich Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die kostbarsten werden mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die endlose Reihe von Buden und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare für den Hausgebrauch und Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.

Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines Abenteuer. Mein Reisebuch (Murray’s Handbook to India) in dem bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens verschwunden: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich nicht ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte ich das Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der Polizei an.

Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.

Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über die einheimischen Sprachen Indiens zu sagen. Um den Beginn unserer Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte Schrift-Sprache, das Sanskrit, und redeten damit verwandte, aber einfachere Mundarten, Prakrit. Sie bezeichneten die nichtarischen Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. Völker mit gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. Chr. in Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war eine todte Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon eine volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche Literatur geschaffen.

Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt. 2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2) Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5) Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten, reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr und selber merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in Calcutta wie in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder Urdu (wörtlich Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die Sprache der Mohammedaner in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher über Heilkunde der Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit persisch-arabischen Buchstaben gedruckt. — Dravidische Sprachen in Süd-Indien giebt es hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. Buddhisten, welche stets die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem 9. Jahrhundert n. Chr. ihre Literatur begründet.

In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen, angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die Münze, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die Engländer zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da ist das gelbe Gartenhaus (yellow bungalow), wo Warren Hastings lebte, und die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium (Queens college), im hässlichsten englischen Stil erbaut. Als ich das Gebäude betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch verzeichnete Museum der Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der eingeborene Director ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, dass die Alterthümer jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, bemerkte einer der vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren Büchern unter dem Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit folgend, fragte ich sie sofort, was sie werden wollten, und was sie eben gelernt hätten. Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft studiren wollten und eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, ob sie mir den pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner wusste es. Als ich ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in den Sand kritzelte, lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, das wissen wir ganz gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für einfache Dinge?“ Er hatte Recht.

Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht erfahren.

Zwei Ausflüge kann man von Benares machen. Erstlich nach Sarnath oder Alt-Benares. Dieselbe Stadt ist heilig den Brahmanen und Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha vor 2½ Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu predigen. Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien bis nach Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), wo Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er zuerst predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen Orte der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China, deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.

Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei. Hiouen Tsang (629–645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark bei Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von 200 Fuss Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur Erinnerung an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka (244 v. Chr.) errichtete.

Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem Cement erbaut waren, so konnten sie nach der Entheiligung den Hindu, welche Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden Mohammedanern keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in trostlosem Zustand.

Der Thurm zu Sarnath (Dhamek Stupa), den der Reisende heutzutage noch sieht, ist 1835–1836 vom General Cunningham genau durchforscht und als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt worden.

Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9 Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist.

Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische, wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und Delhi angebracht haben.

Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter stand und dem seine Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu fordern.

In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?) Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein von einer Mauer umgebener Jain-Tempel, der durch gute Erhaltung und grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle um die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht. In jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus, und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u. s. w.)

Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nach Ramnagar, dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten Ufer des Ganges. Der Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer weitläufig, wie eine kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige sonderbar aufgeputzte Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem abgesetzten Fürsten. Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den ich Tags zuvor von Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des Maharajah in der Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann kommt ein Diener und führt mich über weite Höfe in den eigentlichen Herrschersitz.

Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung als der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die Pflichten des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen reizvollen Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem hohen Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht auf das ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich von der heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nach Lucknow.

Lucknow.

Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für 12 Rupien 7 Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46 Kilometer in der Stunde.)

Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten, war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh gewesen, hegt Ajodhya, noch heute mit einem Pracht-Tempel des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala, „dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen, deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis 645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten; eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre 1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre 1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen, sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet. Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000 Einwohner,[485] wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.

Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker, Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen, besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden. Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer) geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.

Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von Mohammedanern beherrscht worden.

Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere, ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung von Lucknow und sein Sohn, in Pelzjacken gekleidet. In Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.

Hill’s Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, ist natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im Innern von Indien, aber doch leidlich.

Lucknow (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar schon in dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als Lakschmanawati, die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, geweihte; hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der jetzigen Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh 1775 seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es die Hauptstadt von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs der Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in ganz Indien.[486] Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, 1891 aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei Fünftel sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.

Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem Gumti, einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, von weitem ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende doch bei näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke mittelmässige Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, Flitterwerk und Tünche wirken sollen.

Wenn Heber, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren Gebäude der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so beweist dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen Geschmack besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen über Baukunst zu misstrauen.

Fergusson, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste Gebäude der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar Jung bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint; wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem einen Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, seien durchgängig von schlechtem Geschmack.

Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der Residenz.

Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10. Mai 1857 die Sepoy[487] zu Meerut und am nächsten Morgen zu Delhi die Fahne des Aufruhrs erhoben; begann Sir Henry Lawrence, der Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln, Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen, am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu geblieben, in die Residenz zurück. Die Belagerung begann am 1. Juli.

Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er zwei Tage später.

Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen.

Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (tykhana, eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der Feinde zu überwachen.

Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet, den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25. September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene, waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402 Eingeborene vermindert.

Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischen umzingelt. Erst am 16. November drang Sir Colin Campbell nach Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach Cawnpur, zurückgelassen und schlug alle Angriffe der Belagerer zurück, bis Campbell am 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000 Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach dem andern eroberte. Mit der Zurückeroberung von Lucknow war der gefährliche Aufstand niedergeworfen.

Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert, dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten- und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil der Wunden, die das Gemäuer erlitten.

Von der Spitze des 55 Fuss hohen Thurmes ist eine prachtvolle Aussicht. Unter uns liegt der mit Blumen und Cypressen geschmückte Kirchhof, in dessen Erde die sterblichen Reste von 2000 heldenmüthigen Männern und Frauen ruhen, darunter auch Sir Henry Lawrence. In der Nähe steht auf einem künstlichen Hügel ein Kreuz von weissem Marmor zum Andenken an die Tapferen, welche in Vertheidigung der Residenz gefallen sind.

Dicht beim Eintritt in den Garten ist auch ein Obelisk errichtet zum Andenken an die eingeborenen Officiere und Soldaten, welche an dieser Stelle in edler Pflichterfüllung ihr Leben eingebüsst haben.

Jeder Punkt in dem ganzen Gebiet ist genau bezeichnet, auch des braven Wundarztes Dr. Fayrer’s Wohnhaus, in welchem Sir Lawrence seinen letzten Athemzug aushauchte. In dem Kellergeschoss der Residenz ist ein genaues Modell des ehemaligen Zustandes mit allen Batterien der Engländer und der Feinde zu sehen, gewiss sehr bemerkenswerth für die vielen Fachmänner, die nach Lucknow kommen.

Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es gebeut. Herodot, VII, 228.

Mit dieser Inschrift ehrten die Amphiktyonen das Grabdenkmal der 300 Spartaner, welche zu Thermopylae im heldenmüthigen Kampfe gegen die Uebermacht der Perser gefallen waren.

Eine Ueberschrift von gleich einfacher Erhabenheit, die nur die Pflicht des Kriegers betont, schmückt den schmucklosen Grabstein von Lawrence:

Here lies

Henry Lawrence

Who tried to do his duty.

Was Alexander der Grosse ersehnt, aber nicht errungen, das märchenhaft reiche Land Indien zu erobern und mit einer kleinen europäischen Macht dauernd zu beherrschen; was Portugiesen, Holländer, Franzosen vergeblich versucht, — das ist den Engländern vollständig gelungen: mit weniger als 100000 Briten beherrschen sie das ungeheure Reich von 280 Millionen Einwohnern. Zum Theil hatten sie wohl Glück bei der Eroberung, aber vier Grundbestandtheile ihrer Volks-Eigenart haben, nach Hunter, wesentlich zu dem Erfolg mit beigetragen: 1) Eine erstaunliche Zurückhaltung, bis sie wirklich hinreichende Kräfte zur Eroberung gesammelt. 2) Eine unbezwingliche Beharrlichkeit in Durchführung der einmal unternommenen Pläne. 3) Unbegrenztes Vertrauen zu einander unter den Beamten der ostindischen Gesellschaft. 4) Kräftigste Unterstützung der letzteren seitens des englischen Volkes. Eines scheint mir dabei noch vergessen zu sein, die rücksichtsloseste Ausbeutung des eigenen Vortheils. Die Holländer vernichteten sie bei Biderra, nicht weit von Chandernagor, ohne Kriegserklärung. Der englische Befehlshaber wusste, dass Briten und Holländer Frieden hatten, und sandte an Clive um Befehle. Clive spielte gerade Karten und schrieb ihm mit Bleistift: „Dear Forbe, fight them to day and I will send you an order to morrow.“ Als Friedrich der Grosse 1744 Ost-Friesland gewonnen, Emden zu einem Handelshafen erhoben und der bengalischen Handelsgesellschaft 1753 seinen königlichen Freibrief gegeben; da schrieb der Präsident der englisch-ostindischen Gesellschaft: „I am in hopes, that their ships will be either sunk, broke or destroyed.“[488]

Wenn irgend ein indischer Fürst den Plänen der Briten widerstrebte, so wurde schnell eine Verschwörung gegen ihn angezettelt und ein neuer Thronbewerber aufgestellt, von dem grössere Fügsamkeit zu erwarten stand; oder ein Vorwand gesucht und gefunden, um dem Fürsten den Process zu machen, ihn ab-, und ein Kind unter englischer Vormundschaft an seine Stelle zu setzen, bis sein Staat zur völligen Einverleibung reif geworden.

Die Engländer rühmen sich ihrer Verwaltung. Im Jahre 1858, nach der blutigen Lehre des Aufstandes, ist die Verwaltung Indiens von der ostindischen Gesellschaft, deren Goldgier nur durch das Aufsichtsrecht des Staates beschränkt war, an die Krone von England übergegangen; und Pflichttreue, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit wird den englischen Beamten in Indien nachgerühmt. Der Vicekönig wird durch die Krone auf 5 Jahre ernannt, er hat seinen Herrschersitz in Calcutta — für vier Monate des Jahres; für die übrige Zeit zu Simla im Punjab, auf einem Ausläufer des Himalaja, 2160 Meter über dem Meere.[489] Verantwortlich ist er dem Staatssecretär zu London, einem Minister des Cabinets. Der Vicekönig selber wird unterstützt durch einen ausführenden Rath (Executive Council) von fünf Mitgliedern nebst dem commandirenden General in Indien, und vereinigt gewissermassen in seiner Person die Pflichten eines Herrschers und eines ersten Ministers; wenn aber die Engländer sagen, eines constitutionellen Herrschers, so ist das nicht zutreffend. Es giebt wohl auch noch einen gesetzgebenden Rath, worin ausser dem ausführenden Rath noch einige höhere Beamte und einige ernannte Privatpersonen, Europäer und Eingeborene, Sitz haben. Aber ihre Befugniss ist gering. Die eingeborenen Unterthanen der Kaiserin Victoria haben keinen Einfluss auf die Regierung des grossen Kaiserreiches.[490]

Vier Obergerichte giebt es (sowohl für bürgerliche Streitsachen als auch für Verbrechen) in den vier Hauptprovinzen oder Präsidentenschaften. (Bengal, Madras, Bombay, Nordwestprovinzen.) Die Oberrichter werden aus England gesendet, nur unter den jüngeren Richtern (puisne judges) sind einzelne wenige Stellen mit Einheimischen besetzt, obwohl deren Befähigung für das Rechtsfach lange anerkannt ist. Das herrschende Gesetz in Indien hat vier verschiedene Quellen: 1) Verfügungen des gesetzgebenden Rathes. 2) Beschlüsse des englischen Parlaments, die auf Indien sich beziehen. 3) Erb- und Eigenthumsgesetze der Hindu und Mohammedaner, in Angelegenheiten, die nur diese betreffen. 4) Gewohnheitsrechte der Kasten und Rassen. Ein einheitliches Gesetz ist noch nicht geschaffen. Marquis von Ripon (Vicekönig von 1881–1884) versuchte den Machtbereich der Landgerichte auf die Europäer auszudehnen und erregte damit einen wahren Sturm von Entrüstung; britischen Unterthanen musste das Recht zugestanden werden, ein Geschworenen-Gericht zu verlangen. Ob andere Europäer das Recht besitzen, ist zweifelhaft. In den Zeitungen war viel die Rede von diesen Fragen. Mir scheint es geboten, dass die europäischen Regierungen für ihre in Indien lebenden Unterthanen dasselbe Recht verlangen, welches die Briten geniessen.

Ueber die Provinzverwaltung möchte ich nicht ausführlicher sprechen. Doch muss ich hervorheben, zumal der geneigten Leserin vielleicht aus Thackeray’s Vanity fair noch eine dunkle Erinnerung an den fetten Collector aus Dum-Dum geblieben, dass, wie zu den Zeiten der edlen Ostindia-Gesellschaft so auch heute das Haupt des Districtes der — Collector ist. Vor allem hat er die Einkünfte für die Regierung zu sammeln, nebenbei ist er väterlicher Herrscher seines Bezirkes. Es giebt 250 Bezirke; durchschnittlich beträgt die Grösse derselben 859 englische Quadratmeilen, die Bevölkerung 876000.

Die Hauptquelle des Regierungs-Einkommens liefert die Land-Taxe. Im ursprünglichen Hindu-Dorf war das Land Eigenthum der Gemeinde; nach der Ernte wurde ein Theil für den Herrscher des Landes bei Seite gestellt. Die Mogul nahmen ein Drittel und bestellten Steuer-Pächter (zamindar). Die Engländer haben dies Verfahren beibehalten und die Bürde der Bauern nicht erleichtert. Im Gegentheil geriethen die letzteren unter englischer Gerichtsbarkeit mehr und mehr in Schulden, verloren ihr Eigenthum und selbst ihre Freiheit, so dass in den Jahren 1879 und 1881 besondere Gesetze zum Schutz der Bauern gegen die Geldverleiher (Hindu) erlassen werden mussten. 1890/91 brachte die Grundsteuer gegen Rx 27½ Millionen oder 1½ Rupien für den Acre.[491] Die Salzsteuer brachte Rx 8½ Millionen, die Accise für berauschende Getränke, Opium u. dgl. Rx 3½ Millionen.[492] Im Ganzen bringt das Land an Steuern Rx 41¼ Millionen jährlich. Die Mogul sollen 60 Millionen verlangt haben; doch ist immer noch fraglich, ob sie es wirklich erhielten. Mit den Einnahmen der Staats-Eisenbahnen, Canäle, Post, Telegraphen, Frachten, Tributen der Schutzstaaten, Eingangszöllen (Rx 1700000). Gewinn am Opium (Rx 5½ Millionen[493]) betrugen die Staats-Einnahmen 1890/01 an Rx 85441000, die Ausgaben Rx 82053000. Unter den Ausgaben steht obenan die für das Heer mit Rx 20600000; ein Viertel davon ist in England zu zahlen. Die Schulden betragen Rx 207 Millionen. Der Cursverlust an £ 15000000, die in England zu zahlen waren, betrug 1890/91 gegen Rx 5087000 oder 75 Millionen Mark. Die Armee zählt 73000 Europäer und 144000 Einheimische. Dazu kommen 150000 Polizisten.

Der gesammte Handel Indiens (Aus- und Einfuhr, zur See,) betrug 1890/91 an Rx 196 Millionen. Die Ausfuhr überwiegt, und zwar um jährlich Rx 30 Millionen. Hiervon erhält Indien ein Drittel (Rx 10 Millionen) baar, das zweite Drittel zahlt die Zinsen in England, das letzte Drittel deckt die Home-Charges. (Gehälter, Pensionen, Heeres- und Eisenbahnbedürfnisse.) Ob aber das erste Drittel von den Hindu gespart wird, wie Hunter meint, oder von den Engländern in Indien, dürfte doch noch genauerer Untersuchung bedürfen. Denn von unparteiischen Engländern wird zugegeben, dass die ungeheuere Mehrzahl der Inder in trostloser Armuth lebe, und dass die Verarmung im Zunehmen sei.

So viel ist klar, dass England alljährlich riesige Summen aus Indien zieht.[494]

Is that not a wonderful job, our India? Das fragte mich der gebildetste Engländer, den ich in Indien kennen gelernt. Ein Viertel des indischen Staatseinkommens, klagte der Parsi Naoroji im englischen Unterhaus, nehmen die Engländer; und für die eingeborenen Inder bleibt keine einträgliche und verantwortliche Stelle.

Werden die Engländer Indien behaupten? Wer weiss es? England ist eine grosse Macht, aber keine Grossmacht. Die ganze kaiserliche Weltstrasse, Canada, Hongkong, Singapore, Ostindien, Aden, Aegypten, ist ungenügend besetzt.

Wir Deutschen aber haben gar kein Interesse, des selbstsüchtigen und unersättlichen England’s asiatische Besitzungen zu schützen und etwa seinen Beitritt zum Dreibund zu wünschen. Uns könnte es eher angenehm sein, wenn unser östlicher Nachbar seinen Thatendrang nach Asien wendet und Europa in Frieden lässt.

Zu den sonstigen Sehenswürdigkeiten von Lucknow gehören hauptsächlich die Paläste der früheren Herrscher:

1) Kaiser Bagh, das hauptsächliche Bauwerk aus Wajid Ali Schah’s Regierung, 1848 begonnen, 1850 vollendet; es hat mit der inneren Einrichtung 80 lakh[495] Rupien, also ungefähr 16 Millionen Mark verschlungen. Um einen ungeheuren Hof ist ein Viereck zweistöckiger Gebäude errichtet, die Fassaden nach innen, mit allen möglichen Arten von Fenstern und Pfeilern, die Flächen gelb, die Verzierungen weiss getüncht, — so geschmacklos wie möglich. Im Innern dieser Gebäude sind einige grosse Hallen und unzählige Gemächer, die letzteren dienten den Damen des Harem (angeblich 200) zur Wohnung.

Der gewölbte Thorweg zeigt das Wappen mit zwei Fischen, welches Saadut Khan, der Gründer der königlichen Familie, angenommen hatte.

2) Chatr Manzil, das Sonnenschirm-Haus, in seltsam halbitalienischem Styl, 1827 bis 1837 von Nasir-ud-din für seinen Harem am Ufer des Gumti-Flusses erbaut, ist jetzt ein angenehmer Wohnsitz mit Lese- und Billard-Räumen für den Officier-Club (United Service Club), dessen Mitglieder dort auch für 60 Rupien im Monat ein wohl eingerichtetes Zimmer erhalten können.

Gegenüber ist ein Museum, welches die Kunsthandwerke Indiens zeigt, nach den verschiedenen Provinzen geordnet, Bronze- und Messingarbeiten von Benares, eingelegte Marmorwaaren von Agra, Teppiche und bemalte kleine Thonfiguren in höchster Lebenstreue aus Lucknow, ausserdem wieder Darstellungen der indischen Völkerstämme, naturwissenschaftliche Sammlungen aus den drei Reichen.

3) Muchi Bhawan, eine ältere Festung, die ihren Namen „Fischhaus“ von Saadut Khan erhielt. Am 30. Juni 1857 ward sie von den Engländern, die sie nicht halten konnten, in die Luft gesprengt. Bei Gelegenheit der Zugeständnisse, welche man später den Eingeborenen machte, bevor in der grossen Versammlung zu Delhi die Königin Victoria als Kaiserin von Indien ausgerufen wurde: ward das Gebäude den Mohammedanern zurückerstattet, wird jetzt (zusammen mit dem folgenden Palast) aus einem Capital verwaltet, das der letzte, abgesetzte König noch bei seinen Lebzeiten gestiftet hatte, und ist auch einigermassen wieder hergestellt worden.

Die Thorbauten sind mächtig, der Eingang mit den beiden Wappenfischen geschmückt und mit zwei Meerweibern, die eine Krone tragen, die Umfassungsmauern mit Hunderten von kleinen Kuppeln (aus Stuck) statt der Zinnen gekrönt.

Wenn man unter dem Thorweg eingetreten ist, sieht man zur Rechten eine Moschee, Jumma Musjid des Asaf-u daulah, die auch heute noch, entsprechend ihrem Namen, des Freitags von den Gläubigen besucht wird.

Gradeaus, nach Norden, steht das Hauptgebäude, Imambara oder Haus des Propheten genannt[496] „das Juwel von Lucknow“, das hauptsächlichste Bauwerk von Asaf-u daulah’s Regierung.

Zur Zeit einer Hungersnoth wurde es begonnen, um der Bevölkerung Arbeitsgelegenheit zu geben, und 1783 vollendet, für 1 Million £. Das Gebäude ist 303 Fuss lang, 163 Fuss breit, 63 Fuss hoch. Ueber eine mächtige Freitreppe steigt man empor zu den neun offenen, von saracenischen Bögen überwölbten Eingängen. Der Haupteingang führt in die Haupthalle, die 163 Fuss lang und 53 Fuss breit und mit einem Gewölbe gedeckt ist. Hier liegt Asaf-u daulah begraben. Der Sarg ist einfach, aber von einem silbernen Gitter umgeben; die an sich feierliche Halle mit Glaskronleuchtern und andern glitzernden Schmuckgegenständen (z. B. einer Nachbildung des Grabes vom Propheten) geschmacklos ausgeputzt. Das Westthor, Rumi Darwaza oder Thor von Constantinopel, soll eine Nachahmung der hohen Pforte sein, doch konnte ich die Aehnlichkeit nicht herausfinden.

4) Hoseïnabad Imambara oder Licht-Palast des Propheten, den Muhammed Ali Schah 1837 für sich als Begräbnissplatz erbaut hat. Das Hauptgebäude ist erheblich kleiner als das vorige, steht am Ende eines grossen mit Teich und Blumen geschmückten Gartens und zeigt gar keine Wandflächen, sondern nur Verzierungen; es ist recht heiter, aber geschmacklos.

Der vorspringende Mittelbau hat fünf von saracenischen Bögen überwölbte Eingänge und oben eine vergoldete und gerippte Kuppel. Die beiden Seitenflügel zeigen vier kleinere saracenische Bögen und Freitreppen. Im Innern ist ein Doppelgrab, daneben die üblichen Glaskronleuchter, bunte Glaskugeln, Spiegel u. dgl., aber auch ein Mimbar aus massivem Silber.

5) Die beiden sehr belebten Bazare der Stadt zeigen uns Silber-, Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und Pfeifen,[497] sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl. Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen, leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die Behörden verboten ist.

6) Das Cantonment ist wieder sehr geräumig angelegt, enthält eine Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten, die Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und Geschäfte, sowie unser Gasthaus.

Eine hübsche Parkanlage (Wingfield Park) giebt Gelegenheit zu Spazier-Gängen und -Fahrten.

7) Dilkusha, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss; hier starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden.

8) Sikandara Bagh, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment (Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet niedergemacht.

9) Die Martinière ist ein steinernes Zeugniss von jenen europäischen Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der Könige von Oudh ihr Glück machten.

Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien, gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuser und Paläste, pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang, das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen.

Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“ Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb, ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig wurde.

Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt. Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt, steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen, Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer.

Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben. Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist.

Cawnpur.

Nachmittags 6 Uhr fahre ich von Lucknow nach Cawnpur, am rechten Ufer des Ganges, der auf einer 862 Meter langen eisernen Gitterbrücke überschritten wird. (25 englische Meilen in zwei Stunden für 3 Rupien, Cawnpur-Zweig der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn.)

Lee’s Eisenbahn-Hotel ist nicht mit seinen Namens-Vettern in Berlin oder London zu vergleichen. Es stellt die Urform des indischen Gasthauses dar, die aus dem Rasthaus (in Ostindien Dak Bungalow genannt,) hervorgegangen: ein längliches Speisezimmer, in das etwa sechs Schlafzimmer einmünden. Dem entsprechend ist auch die Verpflegung mehr als einfach, nämlich schlecht; aber der Preis ist nur wenig geringer, als in den besseren Gasthäusern zu Benares und Lucknow.

Cawnpur bedeutet die Stadt des Kanh, d. h. des Landwirthes; damit ist Gott Krishna gemeint. Alt-Cawnpur lag 2 englische Meilen nordwestlich von der neuen Stadt; die letztere hat nach der Besiegung des Nawab-Wezir von Oudh (1764/65) um das den Engländern zugestandene befestigte Lager am rechten Ufer des Ganges seit 1777 sich erhoben. Sie hat keine bemerkenswerthen Bauwerke aufzuweisen, zählt aber (mit dem Cantonment) 188712 Einwohner, ist also nach der Bevölkerungszahl die neunte Stadt von Ostindien. Ihre wirthschaftliche Bedeutung beruht erstlich in den Fabriken von Lederwerk, Schuhen (für die Soldaten) und Pferdegeschirr, in grossen Baumwollen-Webereien und Druckereien, in dem Getreidehandel, der durch die schiffbaren Wasserwege und die vier hier sich kreuzenden Eisenbahnen (von Lucknow, Allahabad, Jhansi, Agra) gefördert wird, endlich noch in dem mächtigen Ganges-Canal, der hier seinen Ausgang nimmt.

Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem Doab (Zweistromland zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten.

Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth[498] leidende Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite, 80° östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa 300 englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.[499] Der Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4 Procent des Capitals.

Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan haben. Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke.

Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der geschichtlichen Erinnerung aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib), eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete, durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern umzog ganz unzweckmässiger Weise in der Ebene den Standort von zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt, dass der Angriff beginnen werde.

1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte. Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein mörderisches Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen, die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht wurden. Ein Boot trieb flussabwärts, aber nur vier Männer, vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80 wurden eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und Kinder zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen dem 1. und 14. Juli 28 starben.

Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei; eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben; am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen.

Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort wahrscheinlich gestorben.

Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der schmählichen Metzelei.

Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes. Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4 Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden. Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb sie in wildeste Flucht.

Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den Einspänner,[500] um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen. Mein Führer ist Morton, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht dabei gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer der vier Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch Cawnpur von den Gwalior gesäubert.

Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung (Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen.

In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am 27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern eingefangen und am 1. Juli ermordet worden.

Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £, und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt.

Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter einander, binnen 24 Stunden, sieben von den etwa fünfzehn Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet!

Die Mord-Treppe, 1,3 Kilometer nördlich von der Kirche, führt von einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung.

Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters[501] der Engel der Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt.

Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten und schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in Stand gehalten. Aber kein Einheimischer darf bis heute diesen Garten betreten, trotzdem auf dem grossen Darbár[502] zu Allahabad am 1. November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein Deutscher, der übrigens recht vielseitig zu sein scheint.

Agra.

Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen[503] gegönnt worden.

Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt, ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein, bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir weit von der Heimath entfernt sind.

Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören.

Laurie’s Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von Cawnpur.

Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul scheint es zweckmässig, die Geschichte der mohammedanischen Eroberungen in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen zu lassen.

Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung. Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen, ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der Blüthe der Grossmogul (1560–1707) geboten Hindu-Fürsten über weite Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel.

Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der Westgrenze des Punjab, ging von den ersteren aus.

Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach Afghanistan[504] vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen, wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1 Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere auf Rath der Brahmanen nicht zahlte, stürmte Subuktigin durch die Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn Mahmúd von Ghazni(1001–1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt, verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan) über diejenige von Ghazni; Mahmud von Ghor begann neue Einfälle nach Indien.

Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte, fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am Ganges im Kampf gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir, endlich Kanauj.[505]

Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.

Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203 sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206.

Sein Vicekönig Kutab-ud-din erklärte sich zum Selbstherrscher von Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206 bis 1290 regierte und die der Sklaven-Könige heisst, da Kutab ursprünglich ein türkischer Sklave gewesen.

Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi.

Drei Gefahren bedrohten seine Nachfolger: Meuterei der eignen Generale, Aufstände der Hindu, neue Einfalle aus Mittel-Asien, hauptsächlich der Mongolen.

Der dritte und grösste Sultan der Dynastie, Altamsh, dessen Namen gleichfalls in den Bauten von Alt-Delhi, besonders in seinem Grabmal, erhalten ist, wurde vom Kalifen von Bagdad, 1229 n. Chr., feierlich anerkannt. Der vorletzte, Balban (1265–1287), hatte die heftigsten Kämpfe mit aufständischen Hindu zu bestehen, in Bengal, ferner in Rajputana, wo er 100000 dem Schwerte überlieferte. Aber an seinem Hofe lebten von seiner Gnade fünfzehn einst unabhängige Fürsten, die von den Horden der Mongolen aus Central-Asien vertrieben waren.

1290 folgte die Dynastie der Kilji auf den Thron von Delhi.

Alá-ud-din, der zweite Herrscher (1295–1315) dieser Linie, drang sogar in den Dekkan vor, erst plündernd, dann erobernd. Nachdem er fünf Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, die Gefangenen nach Delhi gesendet, wo die Anführer von Elephanten todt getreten, die Soldaten niedergemetzelt wurden; nachdem er seine aufständischen Neffen erst hatte blenden, dann enthaupten lassen: entsandte er seinen General, den Eunuchen Matik Kafur, der bis zur Südspitze von Indien siegreich vordrang und hierselbst eine Moschee errichtete. Eine grosse mohammedanische Bevölkerung in Nord-Indien (Türken, Afghanen, Mongolen) nahm Dienst in seinen Heeren. Sein Name lebt noch heute in dem wundervollen Thor zum Hof der Moschee Kutb-ul-Islam zu Alt-Delhi.

1320 bemächtigte sich des Throns Ghiyás-ud-dín Tughlak, der vom türkischen Sklaven bis zum Statthalter des Punjab emporgestiegen. Sein grausamer Sohn Muhamed Tughlak (1325–1351) sendete vergeblich Heere gegen Persien und China, schleppte zwei Mal die Einwohner von Delhi 800 englische Meilen südwärts nach Deogiri, dem er den Namen Daulatabad gab, verschlechterte die Münzen und hatte von 1338–1351 unablässig mit Aufständen seiner eigenen Beamten und der Hindu-Fürsten zu kämpfen.

Fíruz Tughlak (1351–1388) regierte menschlicher und lebt noch fort in dem dankbaren Gedächtniss der Nachwelt durch den Bau des alten Jumna-Canals. Aber 1398 drang Timur mit seinen Tataren-Horden durch die afghanischen Pässe, besiegte Mahmud, den letzten König der Tughlak-Dynastie, vor den Mauern von Delhi, plünderte dieses und andere Städte in der fürchterlichsten Weise und verschwand wieder durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Central-Asien.

Mahmud kehrte zurück; von 1414–1450 folgte die Dynastie der Sayyid, von 1450–1526 die afghanische der Lodi; aber diese Fürsten waren ohnmächtig.

1526 drang der Mongole Bábar[506] ein und gründete das mongolische Kaiserreich von Delhi, dessen letzter Vertreter — 1862 als britischer Staatsgefangener zu Rangoon gestorben ist. Erst die Grossmogul verstanden die Gefahren zu beschwören, unter welchen die sieben vorhergehenden mohammedanischen Herrscherhäuser stets zu leiden hatten, indem sie, weniger glaubenswüthig als ihre Vorgänger, Hindu in die Regierung des Landes aufnahmen.

Bábar, Ururenkel des Tataren Timur, war erst Herrscher in Fergana am Oxus (Amu Darja), dann in Kabul; drang 1526 in Indien ein, das unter eine ganze Anzahl von mohammedanischen Königen und Hindu-Fürsten getheilt war, und besiegte Ibrahim Lodi zu Panipat, nördlich von Delhi. Die Mohammedaner traten auf seine Seite, die Rajput besiegte er 1527 bei Fahtepur Sikri in der Nähe von Agra. Als er 1530 starb, hinterliess er ein Reich, das vom Amu Darja in Central-Asien bis zum Ganges-Delta reichte.

Sein Sohn Humayun (1530–1556) hatte Kabul und den westlichen Theil des Punjab an seinen Bruder abzutreten; so war er seines Stützpunktes beraubt und wurde 1542 von Sher Shah, dem afghanischen Statthalter von Bengalen, vertrieben. Der letztere machte sich zum Kaiser von Delhi, begründete eine weise Verwaltung, schuf z. B. die Rupie, wurde aber schon 1545 beim Sturm auf die Felsenfeste Kalinjar getödtet. Sein Sohn folgte ihm in der Herrschaft. Aber unter seinem Enkel trat ein Aufstand ein. Humayun kehrte zurück, sein Sohn Akbar besiegte mit General Bairam die indisch-afghanische Macht 1566 in der entscheidenden Schlacht von Panipat.

Akbar der Grosse, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der Grossmogul,[507] das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis 1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul und Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den Dekkan, bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der Versöhnung. Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab eine andere seinem Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager, den Sohn des Jaipur Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern Rajah zum Verwalter von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls ein Hindu, der die erste Landvermessung in Indien durchführte. Von 415 Reitergeneralen waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der Nicht-Muselmänner wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung aller Unterthanen festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion, bekämpfte aber grausame Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte er zwar nicht beseitigen; aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen werden dürfe. Den Sitz der Regierung verlegte er nach Agra und baute 1566 die Festung, deren zinnengekrönte Mauern aus rothem Sandstein noch heute majestätisch emporragen, ein bleibendes Denkmal dieses wahrhaft grossen Fürsten. 1605 starb er und wurde in dem Mausoleum zu Sikandra begraben, dessen aus Hindu-Umriss und arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter Stil die Duldsamkeit des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt.

Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen (Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen. Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog er jährlich £ 12½ Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen nahmen.[508] Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen, mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,[509] begreifen wir den sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul.)

Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen Jehangir,[510] d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm nicht, die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll er oft in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise zu regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die Kaiserin Núr Jahán, d. h. das Licht der Welt.[511] Geboren in grosser Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie durch ihre Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser Akbar gab sie schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir zum Throne gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich und wurde getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie eine Zeit lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als Kaiserin Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum Guten, aber später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten. Schliesslich veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626 den Kaiser und die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der Gefangenschaft.

Sein aufrührerischer Sohn Schah Jahan, der nach dem Dekkan geflohen war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein reiches Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen; beseitigte nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte dann aber weise und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so sparsam, als sein glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge in entfernte Landschaften es zuliessen.

Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar) erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten, er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er Taj-Mahal,[512] das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die bei der achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, — das schönste Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach Hunter’s Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er plante, den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute dort die unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen Palast.

Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn Aurangzeb[513] abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu seinem Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter Schah Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe, während sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den Verfall einleitete. Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £. Die Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½ Millionen £ bewerthet.

Aurangzeb erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír, Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein viertel Jahrhundert (1658–1673) fochten seine Generale vergebens; 1676 machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb 24 Jahre im Felde. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora, zu Roza, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer Sprache geschriebenen) Briefe an seinen Sohn sind noch heute ein beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet.

Die nächsten sechs Kaiser waren nur Puppen in der Hand der Generale. Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge arbeiteten gemeinsam zur Zerstörung des Reiches.

Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig (1720–1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743).

Die aufständischen Sikh im Punjab wurden zwar mitleidlos zertreten (1710–1716), aber die Rajput erlangten 1715 Selbständigkeit und die Marathen aus Süd-Indien gewannen sogar die Provinzen Malwa (1743) und Orissa (1751).

1739 plünderte Nadir Schah aus Persien Delhi und nahm eine Beute von 32 Millionen £ mit. Sechs Mal brachen die Afghanen ein (1747–1761) und brachten unsägliches Elend über das Land; 1761 schlugen sie auf dem blutgedüngten Felde von Panipat die Marathen. Inzwischen bauten die Engländer langsam ihre Herrschaft auf; 1788 nahmen sie Delhi ein und liessen dem Schattenkaisern Serail, Hofehren und einen Jahresgehalt (von 150000 £), während sie die entscheidenden Kämpfe mit den Marathen und Sikh durchfochten. Der letzte Kaiser tauchte 1857 für einen Augenblick im Meuterkriege auf und starb als Staatsgefangener zu Rangoon im Jahre 1862.

Agra,[514] die schönste Stadt Nord-Indiens, liegt am rechten Ufer des Jumna, des Hauptnebenflusses vom Ganges, und ist durch eine schöne Eisenbahnbrücke von sechzehn Bögen zu je 142 Fuss sowie durch eine plumpe Schiffsbrücke mit dem linken Ufer verbunden; bei 27° nördlicher Breite und 204 Meter Erhebung über den Meeresspiegel hat es eine mittlere Temperatur von 25,5° C. Die Einwohnerzahl betrug 1881 über 160000, davon waren 109000 Hindu, 45000 Mohammedaner, 4000 Christen. Im Jahre 1891 betrug die Einwohnerzahl von Agra nebst Cantonment 168000. Die alten Wälle der Stadt umschliessen ein Gebiet von 27½ Quadratkilometer, das jetzt etwa zur Hälfte mit Häusern bebaut ist.

In geschichtlicher Hinsicht ist nichts über Agra bekannt vor der Zeit der Mohammedaner. Sikander Lodi (1488–1517) machte es zu seinem Herrschersitz, doch lag seine Stadt am linken Ufer des Jumna. Die Glanzzeit der Stadt fällt zusammen mit der der Grossmogul. Akbar baute die Festung 1566 und herrschte zu Agra von 1568 bis zu seinem Tode 1605. Jehangir baute seinen Palast in der Festung (J. Mahal) und das Grabmal seines Schwiegervaters (des Itimadu daulah); aber 1618 verliess er Agra und kehrte nie wieder zurück. Schah Jahan residirte zu Agra und baute die Perl- und die grosse Moschee sowie die Taj und die Kas Mahal. Aurangzeb aber verlegte den Herrschersitz dauernd nach Delhi.

1764 wurde Agra von den Jats,[515] 1770 und 1774 von den Marathen erobert, am 17. October 1803 von den Engländern eingenommen, welche dabei 164 Geschütze und einen Schatz von ¼ Million £ erbeuteten. 1835 wurde der Sitz der Regierung der Nordwestprovinzen hierher verlegt.

Während des Meuterkrieges zog sich die Regierung am 3. Juli 1857 in die Festung zurück. Zwei Tage später wurde eine britische Abtheilung (bei Sucheta in der Nähe von Agra) von den Meuterern zum Rückzuge genöthigt; und, ehe sie noch den Schutz der Festung erreichte, begann der Pöbel zu plündern, zu brennen, Christen zu ermorden. Aber die feindliche Macht zog nach Delhi ab. Die Festung gewährte sichere Zuflucht für 4500 Europäer; unter diesen waren, ausser Soldaten, sowohl Nonnen von der Loire und Garonne wie Priester aus Rom und Sicilien, Missionäre vom Ohio und aus Basel, aber auch Gaukler aus Paris und Hausirer aus den Vereinigten Staaten. Nach der Wiedereroberung von Delhi zogen die flüchtigen Meuterer von dort zusammen mit denen von Central-Indien gegen Agra, wurden aber von der Abtheilung des Obersten Greathed aus Delhi, der vor ihnen und unbemerkt die Stadt Agra besetzt hatte, am 6. October 1857 geschlagen und gänzlich zerstreut.

1858 ward der Regierungssitz nach Allahabad zurück verlegt, aber Agra wurde durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Handelsmittelpunkt des Nord-Westens.

Am 13. December fuhr ich in der üblichen Weise, im Einspänner mit Führer, zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Agra; am folgenden Tage besuchte ich dieselben Orte noch einmal ohne Führer, was ja natürlich viel behaglicher ist.

Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der Taj.[516] Denn nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier auf das höchste gespannt.

Taj (persisch) heisst Krone; Taj Mahal Kron-Palast; Taj bibi ke Roza, (wie der eigentliche Name lautet,) der Kron-Dame Grabdenkmal.

Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für seine Lieblingsgattin Arjmand Banu, mit dem Beinamen Mumtaz Mahal, d. h. die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von Asaf Khan, Enkelin des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach Indien gewandert, um sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine Tochter Nur Jahan zur Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis zum hohen Bange des Schatzmeisters (Itimadu’ d-daulah[517]) emporstieg.

Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau, der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen erhielten die Maurer nur 30 Lakh.[518] Ganze Kameel-Ladungen werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt. Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“ bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden.

Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient, nennt Isa Muhammed als Obermeister mit einem Monatsgehalt von 1000 Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen Meister der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt, Werkleute von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer.

Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von 1838 angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem grossen Thor des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit, 140 Fuss hoch, aus rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk. Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten, viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher hindurch in den Garten. Drinnen aber macht er Halt und setzt sich auf eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen.

Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000 Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben Schah Jahan herbeikäme, eine Rose[519] auf das Grab seines geliebten Weibes niederzulegen.

Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor, nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden. Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz alle Töchter der Erde übertroffen habe.

Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Betrachtung kommen, gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon[520] durch die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt wird; hier aber ist Alles frisch und neu,[521] der Marmor so blendend weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern erst fortgegangen. Eine quadratische Erhebung von 18 Fuss Höhe und 313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich in drei Stockwerken ein schlanker Marmor-Minaret. Er wirkt nur durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.[522]

Diese sind für das Hauptgebäude aufgespart. Das letztere steht in der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss Seitenlänge, dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss) abgeschnitten sind, so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von je 120 Fuss durch schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander übergehen. Die sehr gefällige Hauptkuppel stellt zwei Drittel einer Kugelfläche dar, misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der Höhe und geht durch eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in einen metallenen Aufsatz über, der (244 Fuss über dem Boden) den Halbmond trägt. Die Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes misst 220 Fuss, die der Thürme 134 Fuss.

Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen, über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach Indien eingeführt sein soll,[523] so beweisen doch diese Verzierungen an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein.

Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander, zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter Blumenverzierung.

Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen Eindruck.

Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien, Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern. Aber wunderbar ist die grosse achteckige Kuppel-Halle, 70 Fuss weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt Fergusson, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien und in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen die blumigen Lauben des Koran-Paradieses darzustellen. Ein achteckiger Schrein aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten mit eingelegtem Blumenschmuck, umgiebt die beiden Leersärge aus Marmor. Nach dem Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte der Grabstein der so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der des Kaisers selber, um einige Zoll höher als der erste, damit neben der romantischen Liebe, die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen Ort gebunden ist, auch die Weltanschauung des Mohammedaners ihren gesetzmässigen Ausdruck finde.

Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen lassen.

Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“

Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den „Ueberlieferungen“: „Es sagt Jesus,[524] Friede sei mit ihm: Diese Welt ist eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf. Diese Welt ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten. Was kommt, kannst du nicht schauen.“

Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt; erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“

Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt, — oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige, urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B. Prinz Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt und gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen, dass auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege. — Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck.

Auf dem Gebiete der Baukunst sind die Tataren ausgezeichnet durch ihre grosse Neigung zu Grabes-Bauten; hierdurch unterscheiden sie sich von Ariern und Semiten, mit denen sie die Herrschaft eines grossen Abschnitts der Erde theilen.

Die tatarischen Fürsten bauten selber ihr eigenes Grabmal bei Lebzeiten; aber nicht, wie einst die alten Aegypter, dunkle Kammern oder massige Pyramiden! Nein, inmitten eines lieblichen, draussen vor der Stadt belegenen Gartens, den sie mit hohen Zinnenmauern umgaben und mit prachtvollen Thorgebäuden schmückten, errichteten sie auf einer Erhöhung ein vier- oder achteckiges kuppelgekröntes Gebäude, das der Stifter bei Lebzeiten als Bara-duri, d. h. zwölfthorige Festhalle, mit seinen Freunden zur Erholung und zu frohen Festen benutzte. Nach seinem Tode aber wurde sein Leib unter dem Dom begraben, zuweilen auch der seiner Lieblingsgattin und anderer Verwandten. Die Sorge für das Gebäude wird nunmehr den Priestern übertragen, welche vom Verkauf der Früchte des Gartens und von milden Gaben leben. Taj Mahal ist von all’ den zahlreichen Grabstätten die einzige, wo Garten und Gebäude in der ursprünglichen Schönheit erhalten sind. Es giebt wenige Stellen der Erde, nach Fergusson keine zweite, wo Natur und Kunst so erfolgreich zusammenwirken.

Das Grabmal des Itima du daulah (am linken Ufer des Jumna, wohin man von der Stadt aus über die belebte Schiffbrücke gelangt,) erläutert das eben Gesagte noch deutlicher; denn dieses ist in der That nur ein heiteres Gartenhaus.

Es ist ein einstöckiges, viereckiges Gebäude mit einem achteckigen, kuppelgekrönten Thurm in jeder Ecke und einem Pavillon auf dem platten, konsolengeschmückten Dach. Die Aussenfläche ist ganz mit Marmor belegt und dieser bis in die Leibungen der Spitzbogen hinein mit den schönsten und mannigfaltigsten geometrischen Mustern und heitersten Farben eingelegt, alle Fenster mit dem zierlichsten, durchbrochenen Gitterwerk ausgefüllt. Am ganzen Bauwerk ist nirgends eine ungeschmückte Fläche zu sehen. Im Innern wie in den Nischen der Bögen sind noch gemalte Blumen, Cypressen und langhalsige Vasen. Im Jahre 1628 liess der Schatzmeister und Schwiegervater von Jehangir den Bau errichten, oder seine Tochter, die Kaiserin. In dem Hauptgemach liegen die Grabsteine des Erbauers und seiner Gattin; in dem Marmor-Pavillon, der gerade darüber steht, sind noch einmal die Leer-Gräber angebracht.

Das dritte Grabdenkmal von Bedeutung ist das des grossen Akbar im Dorf Sikandarah,[525] 9 Kilometer nordwestlich vom Cantonment.

Das mächtige Thorgebäude ist aus rothem Sandstein, eingelegt mit weissem Marmor und grossblumigen Verzierungen, gekrönt von vier zweistöckigen Marmorthürmen, deren Kuppeln die Jat bei der Plünderung von Agra (1764) muthwillig mit Kanonenkugeln abgeschossen haben. Innen führt ein breiter, gepflasterter Weg zu dem Mausoleum.

Dasselbe ist ein fünfstöckiges, sich verjüngendes Gebäude aus rothem Sandstein. Das untere, massive Stockwerk (ohne die Eckthürme) von 320 Fuss Seitenlänge und 30 Fuss Höhe, ist an jeder der beiden Hauptflächen von zehn grossen Spitzbogen-Eingängen durchbrochen und einem grösseren in der Mitte, der von Marmor-Mosaik und zwei schlanken Thürmchen eingefasst ist. Dann folgen drei Stockwerke mit offenen Hallen und Kuppeln; der oberste Stock von 115 Fuss, d. h. etwa der halben Seitenlänge des untersten, ist ganz aus weissem, durchbrochenem Marmor der schönsten Muster gebildet.

Hier oben steht Akbar’s Leer-Sarg von Marmor mit den herrlichsten Arabesken und dem Wahlspruch seines eigenen Glaubensbekenntnisses: „Alla hu akbar, Gott ist gross.“ Ein vier Fuss hoher Marmorpfeiler steht neben dem Sarg in dem Gemach; derselbe war einst mit Gold bedeckt und enthielt den Koh-i-nur; von hier hat ihn Nadir Schah fortgenommen. Eine prachtvolle Aussicht auf Jumna, Fort, Taj, Stadt, lohnt die Besteigung.

Genau unter dem Leergrab, in einem dunklen, mit Lampen spärlich erhellten Keller-Gewölbe, ruhen unter einem ganz einfachen Stein die sterblichen Reste des grossen Fürsten, der zur Zeit, als Europa von Religionskriegen zerfleischt ward, ein Muster von Duldung und Weisheit gewesen. Dicht bei Sikandra liegt das Grabmal seiner Frau Begam Marjam, der christlichen Portugiesin Maria. Sein eignes Grabdenkmal, das Akbar selber gebaut, ist nach Fergusson durchaus das Abbild eines Buddhisten-Klosters (Vihara) und sollte ursprünglich wohl noch einen Dom von 40 Fuss Höhe erhalten, so dass die Gesammthöhe von 140 Fuss in schönem Einklang stand mit den Längenabmessungen. 3000 Werkleute haben 20 Jahre lang an dem Bau gearbeitet.

Die Fahrstrasse nach Sikandra zeigt noch manche Sehenswürdigkeiten: erstlich die Meilensteine (Kos minar) auf Jehangir’s kaiserlichem Wege von Agra nach Lahore; sodann zahlreiche Gräber, eines mit einer Halle von 64 Pfeilern zum Andenken an einen General Akbar’s; ferner ein Kühl-Haus (baoli), das aus einer Reihe von Zimmern rings um einen tiefen Brunnen besteht und als Sommerwohnung während der heissen Jahreszeit von den Reicheren benutzt wurde; endlich ein plumpes Stein-Ross, angeblich von Sikander Lodi aufgestellt.

Das Fort Akbar’s,[526] zu seiner Zeit unüberwindlich, steht noch heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, unversehrt in seiner kräftigen Schönheit da. 70 Fuss hoch ragen die zinnengekrönten, von (30 Fuss) tiefem und breitem Graben umgebenen Mauern aus rothem Sandstein. Der Umfang beträgt fast 3 Kilometer. Der Grundriss ist ungefähr ein Halbkreis, die krumme Linie mit ihren Bastionen nach der Landseite, der grade Durchmesser nach dem Fluss zu gewendet. Besonders schön ist der Anblick von der andern Seite des Flusses.

Durch das von mächtigen Thürmen und Bastionen beschützte westliche oder Delhi-Thor fährt der Reisende hinein und gelangt durch das innere oder Elephanten-Thor, woselbst ehemals zwei Stein-Elephanten mit den berühmten Rajput-Helden Patta und Jaimall gestanden haben, zu der Wache.

Die Sepoy grüssen nach Krieger-Art den Europäer, auch wenn der letztere ganz friedlich aussieht. Eingeborene aber dürfen die Festung überhaupt nicht ohne ganz besondere Erlaubniss betreten.

Deshalb ist auch die Perlmoschee (Moti Musjid), das nächste Prachtgebäude im Innern der Festung, ganz leer von Gläubigen.

Würdevoll steht der vereinsamte Priester auf der Platform der hohen, vorspringenden Doppel-Treppe und streckt dem Ungläubigen seine Rechte entgegen, um das Geschenk zu empfangen, von dem er mit seiner Familie leben muss. Als ich aber am nächsten Tage wiederkehrte, nickte er mir freundlich zu, wie einem alten Bekannten, ohne eine Gabe zu heischen.

Durch das bedeutende Thorgebäude aus rothem Sandstein tritt man in den (154×158′) grossen Hof, der eine mächtige Wirkung auf den Beschauer ausübt. Alles, was wir sehen, ist Marmor. In der Mitte liegt der Brunnen zu den Abwaschungen. An drei Seiten (Osten, Süden, Norden) ist die mit zierlichen Zinnen gekrönte Umfassungsmauer umgeben von einer Säulenhalle aus 58 schlanken, 12flächigen Pfeilern auf würfligen Füssen. Jede der drei Seiten hat ein Thorgebäude, aber nur das östliche ist offen.

Die vierte Seite, nach Westen, d. h. nach der Richtung (Kibla), in welcher von Indien aus das Grab des Propheten liegt, wird von der Moschee eingenommen. Dieselbe öffnet sich nach dem Hof in sieben zusammengesetzten, auf Pfeilern ruhenden Spitzbögen von grosser Schönheit, wird überdacht von einer Reihe zierlicher Kuppeln und gekrönt von drei mächtigen Domen. Fergusson erklärt, dass er kein andres Gebäude der Art von so reinem und anmuthigem Stil kennen gelernt habe.

Längs der ganzen Vorderseite über den Bögen läuft eine Inschrift aus schwarzem Marmor, der in den weissen eingelegt ist, des Inhalts, dass diese Moschee einer kostbaren Perle verglichen werden kann, da sie allein vollständig mit Marmor bekleidet ist.

Die Moschee, welche nahezu drei Mal so breit wie tief (142:56′) und durch einige Stufen gegen den Hof erhöht ist, besteht aus drei Schiffen von je sieben Abtheilungen. Die zusammengesetzten Pfeiler, mit blumigem Relief an Fuss und Knauf, sind mit einander, sowohl der Breite als auch der Tiefe nach, durch die schönen, siebenfach eingeschnittenen Spitzbögen verbunden. Wenn man von der einen der beiden äusseren Ecken hineinblickt, ist das Bild der sich verjüngenden und einander schneidenden Bögen von unbeschreiblicher Anmuth.

Der Fussboden, wie alles, mit Marmor belegt, ist gleichsam in rechteckige Gebet-Teppiche abgetheilt, deren Anzahl sechshundert beträgt. Die Perlmoschee ist von 1648 bis 1655 von Schah Jahan erbaut worden. Während des Meuterkrieges diente der heilige Ort zum Krankenhaus. Der ganze Bau ist so neu und frisch, als wäre er gestern fertig geworden.

Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte der Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse Waffenplatz (Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen liegen;[527] und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn Colin, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9. September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das Denkmal in — gothischem Styl!

Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna zu, wird von Schah Jahan’s öffentlicher Audienz-Halle (Diwan-i-Am[528]) eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden nach Süden in der Ausdehnung von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat eine Länge von 192 und eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei Schiffen von je neun Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das platte, mit zwei Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige Pfeiler aus rothem Sandstein getragen.

An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit. Hier war es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales 1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und Edlen abgehalten.

Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den Palast von Schah Jahan.

Hinter der Audienzhalle liegt Machchi Bawan, der Fisch-Teich, und nördlich davon die Edelstein-Moschee (Naginah Musjid), die Privatkapelle der Damen des Hofes.

Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der schwarze Thron steht und die Privat-Audienzhalle (Diwan-i-Khas). Das ist ein Wunder von Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss lang, 34 Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem Marmorrelief und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts Schöneres der Art zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten ausbessern lassen, was britische Vandalen hier zerstört hatten.

In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben, sein letzter Blick noch suchte die Taj.

Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder Jasmin-Thurm) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit, der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht, ist noch erhalten; sowie ein feenhaftes Badehaus (Shish Mahal = Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine offene Halle mit reichstem Schmuck (Khas Mahal).

Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst. Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, — nach Fergusson ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden Rassen zu vergleichen.

In einer Umgitterung werden einige geschichtliche Andenken aufbewahrt: ein zerschlissener Sessel, auf dem irgend ein General oder Gouverneur, ich habe vergessen, welcher, zu sitzen pflegte; und die berüchtigten Thore von Somnath. Im Jahre 1024 n. Chr. stürmte und plünderte Mahmud Ghazni die Hindu-Stadt Somnath in Gujarat, zerstörte den heiligen Schiwa-Tempel und schleppte mit der gewaltigen Beute auch das Sandelholz-Thor des Heiligthums fort.

1842, nach dem erfolglosen Krieg mit Afghanistan, liess Lord Ellenborough das Thor von Mahmud’s Grab aus Gazni prahlerisch durch Indien schleppen, als „Genugthuung für Somnath’s Plünderung.“ Aber die Hindu-Priester verweigerten die Annahme.

Das Thor ist übrigens aus Ceder-Holz, saracenische Arbeit, und wohl eine plumpe Fälschung, wenngleich in der kufischen Inschrift der Name Subuktugin vorkommen soll.

Am besten wäre es, dieses Siegeszeichen (?) — zu verbrennen oder wenigstens dem Blick der urtheilsfähigen Betrachter zu entziehen.

Südlich von Schah Jahan’s Palast liegt der von Jahangir, unmittelbar nach Akbar’s Tode aus rothem Sandstein in reinem Hindu-Stil ohne Bogen oder Gewölbe erbaut. Von seinem Dach, dem höchsten Punkt in der Festung, hat man einen prachtvollen Ueberblick über das Ganze und kann im Geiste die Ruinen wieder aufbauen und mit der glänzenden Schaar beleben, die von europäischen Reisenden des 17. Jahrhunderts so farbenprächtig geschildert worden ist.

Notes in this chapter

Note 1 · Soll in Europa die Leichenverbrennung, welche ja altgermanische Sitte gewesen, wieder Fortschritte machen, so werden wir von den Asiaten EinNote 2 · Das = zehn; ashva (equus) = Ross. Ross-Opfer kommen in den alten Gesängen der Veden vor, wie bei den alten Germanen.Note 3 · Auch Sutti, Suttee geschrieben.Note 4 · Tij Muhamed Sháhi, Tafeln des Kaiser Muhamed.Note 5 · Grade sowie bei denen unseres Dr. Hevelius in Danzig, um die Mitte des 17. Jahrhunderts, welcher die neu erfundenen Fernröhre verabscheute.Note 6 · Mani = Juwel, Karna = Ohr. Devi (Mahadeo) soll seinen Ohrring hinein geworfen haben. Daher die Heiligkeit.Note 7 · Tarak = der hinüber trägt.Note 8 · Fünf-Fluss-Treppe.Note 9 · Unten 2,5 Meter, oben 2,2 Meter dick. Wegen des mächtigen Unterbaues ist das Ganze vom Fluss bis zur Spitze der Minarete 300 Fuss hoch.Note 10 · Vissva, das All; Issvara, der Herr: also Herr der Welt. Mahadeva (Magnus divus) ist eigentlich dasselbe.Note 11 · Von Anna = Nahrung, purna = anfüllend.Note 12 · An Grösse gleich Holland und Belgien, übertrifft es diese dicht bevölkerten Länder noch um zwei Millionen. Es hat 180 Einwohner auf den QuadNote 13 · Nach Calcutta, Bombay, Madras, Haiderabad.Note 14 · Eigentlich Sipahi, ein eingeborener Soldat, von sipáh, Armee. (Persisch.) Bei den Türken hiessen Spahi die Reiter; so heissen auch noch jetzNote 15 · Der Antheil am indischen Handel, welchen der König von Preussen im vorigen Jahrhundert für sein Volk vergeblich erstrebt, ist in unserem JahNote 16 · Dies spricht beredt für die Kraft und Sicherheit der Regierung. Sollte aber einmal ein feindliches Heer rasch durch Punjab vorrücken, so kanNote 17 · Die vaterlandsliebenden Inder haben bisher ganz vergeblich in ihrem National-Congress freie Wahlen zu einer indischen Volksvertretung gefordNote 18 · Rx = 10 Rupien, also 275 Millionen Rupien; beim jetzigen Curs an 400 Millionen Mark.Note 19 · Lucri bonus odor. Die Regierung verkauft unter Monopol den schlimmsten Schnaps, ferner Majoon (= Haschisch, vom indischen Hanf, zum Essen,) Note 20 · Ausfuhr nach China 1878/79 91000 Kisten, für Rx 13 Millionen; 1890/91 85000 Kisten (119000 Centner) für Rx 9¼ Millionen. 140 Pfund Opium briNote 21 · Der Vicekönig erhält 500000 + 240000 Mark jährlich, die Beamten des covenanted civil service von 12000 bis 72000 Mark. (1880.)Note 22 · Lakh = 100000.Note 23 · So nennt man die Prachtgebäude zur Feier des Moharram (= Allerheiligsten), des Neumonds vom ersten mohammedanischen Monat, der gleichfalls MNote 24 · Die Tabakspfeife, Hukha, des Volkes ist eine Art von Thontrichter mit flachem Teller. Nicht selten wird sie in den von den beiden Händen gebNote 25 · Lang fortgesetzte Dürre, da 1876 beide Monsun-Regen ausblieben und 1877 nur wenig Regen erfolgte, bewirkte 1877/78 eine so gewaltige HungersNote 26 · Rx = 10 Rupien, also beträgt obige Summe weit über 100 Millionen Mark.Note 27 · Wagen und Führer für den Vormittag 5 Rupien.Note 28 · Die ringsum laufende Inschrift lautet: Sacred to the perpetual Memory of a great company of Christian people, chiefly Women and Children, whNote 29 · Darbár (Durbar), persisch, eine königliche Hof- oder Empfangs-Sitzung.Note 30 · 1 Rupie 8 Annas; dazu 8 Annas für ½ Fl. Bier.Note 31 · Der Islam hat dort die verschiedenen Völkerschaften, Iranier (Arier), Turanier, Semiten zu einer Nation vereinigt. Die eigentlichen AfghanenNote 32 · Die Afghanen- und Türken-Könige von Delhi (1193–1526) vor den Mogul werden gelegentlich Pathán genannt, und mit diesem Namen auch ihre BauweNote 33 · Babar heisst Löwe, ebenso wie Singh, Haidar, Sher.Note 34 · So genannt nach ihrem mongolischen (in Wirklichkeit tatarischen) Ursprung. Sie selber nannten sich Schah, die Hofsprache war persisch. Wir mNote 35 · Die Kaufkraft des Silbers, in Getreide ausgedrückt, war zu Akbar’s Zeiten zwei bis drei Mal so gross, wie heute.Note 36 · 1709 betrug der Staatsaufwand in England 7 Millionen £, eine damals für ungeheuer gehaltene Summe, 1884/85 waren die Staatseinnahmen 88 MillNote 37 · Auch Jahangir geschrieben. Jehangir fand ich, als Vornamen, auf der Besuchskarte eines Parsi, der in London Heilkunde studirt.Note 38 · Auch Nur-Mahal, Licht des Palastes, genannt; uns wenigstens vom — Ballet bekannt.Note 39 · Kron-Palast, persisch.Note 40 · Aurangzib, Aurangzeyb, d. h. Zierde des Throns.Note 41 · 841 englische Meilen auf der Eisenbahn von Calcutta entfernt.Note 42 · Im Punjab, jetzt noch 4 Millionen, scythischen, d. h. turanischen Ursprungs, angeblich die Getae der Alten.Note 43 · Sprich Tadsch. Man liest wohl auch, dass Taj Mahal eine Abkürzung sei von Mumtaz Mahal.Note 44 · Sein prachtvolles Grabmal ist erhalten und wird alsbald beschrieben werden.Note 45 · 1 Lakh = 100000 Rupien.Note 46 · Mit der Rose in der Hand ist er abgebildet; die Photographien von ihm und seiner Gattin, die von den zu ihren Lebzeiten angefertigten BilderNote 47 · Der Vergleich ist oft genug gemacht worden, aber gegenstandslos. Jedes ist in seiner Art vollendet, das griechische insofern höherer Art, alNote 48 · Der Besuch des Prinzen von Wales in Indien war sehr nützlich. Vieles wurde ausgebessert und vor weiterem Zerfall geschützt; so auch die MarmNote 49 · Wie weise das ist, sieht man an den Nachbildungen der Taj, die zu Agra verfertigt und feilgehalten werden. Dieselben entbehren jeder WirkungNote 50 · Reuleaux bestreitet dies, da erstlich die (persischen) Quellen über den Bau davon schweigen, und zweitens die florentinische Kunstübung ganzNote 51 · Um diesen merkwürdigen Satz aufzuklären, habe ich mich an verschiedene Gelehrte gewendet. Herr Prof. theol. Herrmann L. Strack (Berlin) schrNote 52 · Nach Sikander Lodi (1489 n. Chr.) benannt.Note 53 · Akbar-Abad, d. h. Akbar’s Wohnung, genannt; auch Lal Kila (hindost.), d. h. rothes Schloss.Note 54 · Reuleaux sah 1881 hier einen prachtvollen Blumengarten, angeblich (?) aus der Zeit von Aurangzeb.Note 55 · Am, arabisch, heisst öffentlich; Khas, abgesondert.
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