VI. Ceylon. (continued 2)
Reading edition
Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die Palmyra-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und liefern 70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der Kokospalme. Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und sollen 150 bis 300 Jahre alt werden. Die Palmyrapalme liefert ein Viertel der Lebensbedürfnisse für die Bewohner der Nordprovinzen Ceylons. In einem Tamil-Gedicht werden 800 Nutzanwendungen des prachtvollen Baumes beschrieben.
Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte, Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und Schreibpapier für die Schriften der Singhalesen.
Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig gemacht, in Streifen (ola) von 2–3 Zoll Breite und 1–3 Fuss Länge geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit, die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl als im Bau abweicht.
Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen Bücher sind in Versen abgefasst.
Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in 592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die 550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen.
Das feinste Schreibpapier wird von dem Blatt der Talipot-Palme gewonnen.
Die Zucker-Palme liefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in 24 Stunden 100 Pinten[358] Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit dieser Palme bepflanzt.
Die Nuss der Areca-Palme hat einen weissen, rothgeäderten Kern, welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen Farbstoff enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt des Betel-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit Kalk-Brei bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut. Hundert Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die Zähne schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die Esslust anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden Völker befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und Trank, als Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem Brauch. Jeder Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer grösseren Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren etwas (calcinirten Muschel-) Kalk — chunam — enthält. Als ich im Postwagen den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese Geheimnisse genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre Kunstwerke; solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso erwähnt, dass schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das Geschenk darstellten, welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden pflegte; und dass Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba die fünf Würzen zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen Ministers schickte ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren Erwartung, er würde sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu holen, und so — dem geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die Portugiesen führten aus Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der von Südindien eingeführt werden musste; die Holländer jährlich 35000 Centner, unter Monopol. Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner ausgeführt im Werthe von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande verbraucht. 65000 Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt.
Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt. Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort noch andere Pflanzenwunder, die den Blick nicht minder fesseln. Da ist das undurchdringliche grüne Dickicht des Riesen-Bambus. Es ist nur ein Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige Stämme, jeder 1–2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus gemeinsamer Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100 Fuss Höhe, — bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie sich aus in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der eine Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet.
Von den tropischen Farnbäumen werde ich bald, bei andrer Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-, Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet. Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder Orchideen und alle Blumen des Südens.
Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen Vegetation liegt. Schmarda, ein feiner Naturbeobachter, stellte fünf Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die grosse Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das kräftige Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden Flächen.
150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist. Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das Denkmal für Dr. Gardner verdienen besichtigt zu werden. Nach seiner Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen, also mehr als ganz Deutschland. Dr. Thwaites, der vorletzte Director des Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in welcher 3000 verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind. Der jetzige Leiter des Garten, Dr. Trimen, hat einen Catalog der Pflanzen des Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen Beschreibung ist er noch beschäftigt.
Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert, kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu einer botanischen Station, gradeso wie der blaue Golf von Neapel zu einer zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft unsres Landsmanns Prof. Dohrn in’s Leben gerufen worden. Dies ist übrigens schon von einem auf diesem Gebiet maassgebenden Forscher, von Professor Häckel, hervorgehoben worden. Aber neben dem Forschen müsste auch das Lehren betrieben und hierselbst eine landwirthschaftliche Hochschule nach deutschem Muster, wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet werden, wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzung wissenschaftlich erläutert und dargelegt werden könnten. Praktisch kann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt besser erlernen, als auf Ceylon.
Brief aus Kandy, 11. November 1892. Das Paradies war hier, wo jetzt ich weile. Das glauben Hindu und Buddhisten, Mohammedaner, Juden, Christen, Und schrieben davon manche Zeile. Gar vieles stimmt, wenn ich es recht bedenke: Des Himmels Pracht, der Erde üpp’ge Fülle, Des Paradieses Feig’ in gelber Hülle; Mühlos erwirbt man der Natur Geschenke. Auch Schlangen sah ich hier. Was soll ich reden? Ich glaub’, ich bin mit einem Fuss im Paradiese, Und trotz’ dem Engel, der mich d’raus verwiese. Und doch ist’s falsch. Es fehlt — das Weib in Eden.
Nuwara Eliya.
Sonntag, den 13. November, Vormittags 10h 45′, fuhr ich mit der Eisenbahn[359] südwärts und bergauf nach Nanu-Oya, 53 englische Meilen in 5¼ Stunden, und von da im Postwagen[360] nach Nuwara Eliya, 5 englische Meilen in 1 Stunde.
Entzückend ist von der Eisenbahn aus, die dem Oberlauf des Mahaweli-Flusses folgt, der Rückblick auf Kandy mit seinen Palmenpflanzungen und den umgebenden Bergen; ganz herrlich der Pflanzenwuchs zu den Seiten der Bahn. In der Höhe[361] von 2000 Fuss über dem Meere erblickt man, im November, blühende Rosen, Camelien, Chrysanthemum, stattliche Palmen und Bananen, sodann Theepflanzungen, ferner in einigem Abstand terrassenförmig angelegte Reisfelder, die in hellstem Grün prangen, endlich noch weiter ab die undurchdringlichen Gestrüpp-Wälder. Die hohen Berge der Nachbarschaft sind bis zur Spitze grün bewaldet. In der Höhe von 4000 Fuss hören die Palmen[362] auf, die Bananen noch nicht gleich. Alöe[363] bildet mächtige Hecken längs der ganzen Eisenbahnstrasse. Aber es sind nicht die kleinen Büschel, die wir aus unseren Gärten, oder die grösseren, die wir von Neapel und Sicilien kennen; sondern gewaltige, umgekehrte Pyramiden, aus deren Mitte der Blüthenschaft, einem Baumstamm gleich, emporragt. Der Mahaweli wird reissender, seine Ufer schroffer und steiler, die malerischen Schluchten öfters mit üppigem Dschungel besetzt. Die Haupt-Haltepunkte sind Gampola und Hatton, beide berühmt durch Theepflanzungen.
Diese nehmen zu, je höher wir steigen, und erstrecken sich, soweit der Blick reicht, nur unterbrochen von den Bungalow der Besitzer, ihren Maschinen-Häusern oder Factoreien, und kleinen Gruppen von Hütten, in denen die Tamilen, die Arbeiter der Pflanzungen, mit Weib und Kind hausen.
Von weitem sieht die Theepflanzung fast wie ein Weinberg aus. Die einzelnen Sträucher sind durch Zwischenräume von einander getrennt. Die neuen Pflanzungen erinnern vielfach an die Weizenfelder, die ich in Oregon und Canada gesehen: Stümpfe verbrannter Bäume sind inmitten stehen geblieben, da die Ausrodung zu mühsam und kostspielig schien, und grosse Steine liegen zwischen den Sträuchern. Hier und da sieht man auch noch eine vereinzelte Kaffe-Pflanzung.
Ich war in einen Wagen voll junger Theepflanzer gerathen. Es sind ganz tüchtige und angenehme Leute. Man sieht und hört ihnen an, dass sie thätig sind und ihr Fach verstehen. Gegen den Fremden sind sie zuvorkommend und mittheilsam. Die Missionäre werfen ihnen vor, dass viele von ihnen schwarze Frauen auf Zeit heirathen. John Ferguson räth dem Vater, der einen jüngeren Sohn nach Ceylon sendet, auch eine Tochter mitzuschicken; and then, when planters laid the foundation of pecuniary independence, sisters would be exchanged.
Aus dem Munde meiner Reisegefährten hörte ich von Neuem, was ich schon öfters gehört und seither noch genauer gelesen, die merkwürdige Geschichte der Pflanzungen in Ceylon, welche die Aufmerksamkeit des deutschen Lesers um so eher verdient, als wir ja in den letzten Jahren gleichfalls überseeische Colonien gewonnen haben, deren Geschichte noch im Werden begriffen ist.
Vor 12–15 Jahren war Kaffe der Hauptausfuhrgegenstand Ceylon’s. Der immergrüne Kaffe-Baum (Kawah der Araber, Coffea arabica des Linné) stammt aus Ostafrika (Kaffa in Abessinien) und war seit alter Zeit in Arabien (Yemen) bekannt. Aber das anregende Kaffe-Getränk ist weder dort noch sonst irgendwo vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt worden. Die wirksamen Stoffe sind bekanntlich das Coffeïn, welches zu 0,8 bis 1,2 Procent in den lufttrocknen Bohnen enthalten ist und ebenfalls im Thee vorkommt, ferner Röststoffe, Gerbsäure, ein eigenthümliches flüchtiges Oel. Kaffe erregt das Nervensystem; das Herz schlägt kräftiger, das Blut kreist schneller. Die Araber sollen die Kaffe-Pflanze früh nach Indien und Ceylon gebracht, die Singhalesen aber nicht die Bohnen (Samen), sondern nur die Blätter zum Würzen des Reis und die Blüthen zum Tempelschmuck benutzt haben. Doch hat Dr. Trimen, Leiter des botanischen Gartens zu Peradenia, nachgewiesen, dass im tropischen Asien die Kaffepflanze völlig unbekannt geblieben, bis der Generalgouverneur der holländisch-ostindischen Gesellschaft, van Horn, im Jahre 1690 von arabischen Händlern Samen erhielt und dieselben in Batavia auf Java[364] anpflanzte. In demselben Jahre verpflanzten die Holländer den Kaffe auch nach Ceylon. Aber da sie den Anbau hier auf die flache Gegend beschränkten, so stieg ihre Ausfuhr nie über 1000 Centner im Jahr; und im Jahre 1739 gaben sie den Kaffe-Anbau auf Ceylon gänzlich wieder auf, um nicht den Alleinhandel Java’s zu beeinträchtigen.
Doch die Singhalesen setzten den Anbau fort, nachdem sie den Handelswerth der Waare kennen gelernt; die Mohren sammelten die Ernten der Dörfer und brachten das Erzeugniss nach Colombo und Galle. Im Jahre 1810 wurden 2170 Centner Kaffe aus Ceylon ausgeführt. Noch heute unterscheidet der Handel zwei Arten von Ceylon-Kaffe: 1) Nativa, 2) Pflanzer-Kaffe.
Als die Engländer 1815 Kandy besetzten, fanden sie dort einige Kaffe-Gärten und einzelne Kaffe-Bäume in der Nähe der Tempel.
Sowie der schöpferische Sir Edward Barnes seine Strasse von Colombo nach der Hügelgegend gangbar gemacht, gründete er 1825 die erste[365] Höhen-Pflanzung von Kaffe-Bäumen in seiner eignen Besitzung bei Peradenia.
Das Beispiel fand Nachahmung. Die Zeit war sehr günstig. Herabsetzung des Kaffe-Zoll’s auf die Hälfte verdoppelte den Verbrauch[366] in England binnen drei Jahren; die Freilassung der Sklaven verminderte den Ertrag Westindiens.[367]
Schon im nächsten Jahre wurden 4000 Acres (= 1600 ha) Wald gefällt[368] und mit Kaffe bepflanzt; und bald überstieg der jährliche Verkauf von Kronland den Betrag von 40000 Acres.
So wurde in einem Menschenalter aus dem Militärposten Ceylon eine unternehmende Ackerbau-Colonie. Alle Hügel von Kandy bedeckten sich mit Kaffe-Pflanzungen; die letzteren stiegen empor bis Nuwara Eliya (6000 Fuss über dem Meeresspiegel) und bis an die Grundfläche des Kegels vom Adams-Pik.
Für uns Deutsche ist es besonders nützlich zu beherzigen, wieviel Weisheit seitens der Regierung, und wieviel Untemehmungskraft und Geldaufwendung seitens der Bürger zusammenkommen mussten, um solche Erfolge zu zeitigen.
Die ersten Pioniere, hauptsächlich hartköpfige Schotten, lebten in Blockhäusern inmitten der pfadlosen Wildniss; bald aber entstanden behagliche Bungalow und fahrbare Strassen; die wilden Elephanten und Leoparden wichen in’s Innere der Waldgegend zurück. Im Jahre 1837 betrug die Ausfuhr an Kaffe aus Ceylon 30000 Centner. Dann wurde das „westindische System“ von Robert Boyd Tytler, dem „Vater der Kaffe-Pflanzer“, eingeführt und 1845 die Ausfuhr bis auf 200000 Centner gesteigert. In diesem Jahre erreichte die Kaffe-Begeisterung den Gipfel. Ehemalige Gouverneure sowie noch thätige Richter, Geistliche, Beamte, nicht bloss aus Ceylon, sondern auch aus Ostindien, englische Capitalisten, — Alles kaufte Kronland und barg Gold in den Boden mit derselben Wuth, mit der man es aus dem Boden drei Jahre später in Californien herauszuscharren suchte. Angeblich 100 Millionen Mark wurden in wenigen Jahren aufgewendet und — grossentheils verloren.
Plötzlich kam die Geld-Knappheit von 1845 in England, ferner die Aufhebung des Schutzzolles gegen Java und Brasilien. Eine unglaubliche Bestürzung folgte. Land wurde zu einem Zwanzigstel des Erwerbspreises wieder angeboten; ja ein Zehntel aller Pflanzungen, da sie nicht behauptet werden konnten und unverkäuflich blieben, ganz verlassen und der wieder vordringenden Ueberwaldung preisgegeben.
Allmählich trat Gesundung der Verhältnisse ein.[369] Man lernte den Boden auszuwählen, sparsam und ordentlich zu wirthschaften, mit vernünftiger Düngung, Beseitigung schädlicher Insecten, und überwand die Schwierigkeit, Tamil-Arbeiter von Malabar und Coromandel herbeizuziehen. 1857 waren in 404 Pflanzungen 80000 Acres (= 32000 ha) unter Kaffe-Cultur und lieferten, bei Verwendung von 129000 Tamilen, jährlich 347000 Centner Kaffe. Dazu kamen noch 160000 Centner der Eingeborenen, denn die Singhalesen folgten dem Beispiel der Engländer. So kam ein zweiter Zeitabschnitt des Glückes, ja schliesslich des Uebermuthes. Der Werth der jährlichen Kaffe-Ausfuhr, der 1827 £ 107000, 1857 £ 1700000 betragen hatte, stieg 1868, 1869, 1870 auf £ 4000000 (für 1 Million Centner Kaffe)! Die jüngeren Söhne, welche einige tausend Pfund Sterling besassen und dem Busch von Australien sowie dem Hinterland von Canada das romantische und dabei gewinnreiche Leben in der Hügelgegend der schönen Insel vorzogen, kamen aus England und Schottland und lebten in Ceylon wie die Fürsten. 176000 Acres (= 70400 ha) waren von den Pflanzern mit Kaffe bestellt, der Acre brachte 5 Centner, oder einen Gewinn von 7–10 £, d. h. 20–25 Procent des aufgewendeten Capitals.
1869 schienen die Aussichten ganz besonders glänzend sich zu gestalten. Da kam das Unheil. Es war ein unsichtbarer Feind, ein mikroskopischer Rostpilz, der die Blätter des Kaffebaumes angriff und gewaltigen Schaden anrichtete, die kostbaren Bäume in Brennholz verwandelte, das ich noch in grossen Haufen auf den Bergen liegen sah, und den Werth der Kaffe-Ausfuhr rasch auf ein Fünftel verringerte. Dieser Pilz (Hemileja vastatrix, Uredineae) ist zuerst in Ceylon auf Kaffebaumblättern beobachtet und von Berkley und Broome in Gardener’s Chronicle (1869, S. 1157) beschrieben worden. Nach Dr. Thwaites, der vergeblich seine warnende Stimme erhob, aber von den Pflanzern verlacht wurde, ist der Pilz einer ceylonischen Dschungel-Pflanze eigenthümlich und hat sich dann, als er auf den Kaffeblättern so gut fortkam, in ungemessener Weise ausgebreitet. Später ist dieser Pilz auch in Mysore, Tonkin, Java, Sumatra zum Verdruss der Kaffepflanzer beobachtet worden, aber nicht in Brasilien.
Anfangs hatten die Pflanzer der Kaffeblatt-Krankheit (Coffee leave disease) keine besondere Bedeutung beigelegt und sogar wegen der steigenden Kaffe-Preise den Anbau um 50 Procent ausgedehnt. Aber die jungen Pflanzungen, welche 1870 bis 1874 unter Aufwendung von £ 3000000 bestellt wurden, gingen fast gänzlich zu Grunde. Die Blätter bedeckten sich mit orangerothen Flecken, fielen ab, der Baum ging zu Grunde. Kein Mittel half.
Der berühmte Botaniker Dr. Marshall Ward, der im Auftrage der Regierung zwei Jahre auf Ceylon verweilte, um die Kaffeblatt-Krankheit zu ergründen und womöglich zu heilen, wurde von den Pflanzern auf das heftigste angegriffen, da ihm die Heilung nicht gelang.
1878 wurden noch 825000 Centner Kaffe ausgeführt, 1888 nur 140000![370]
Viele Pflanzer wurden gänzlich zu Grunde gerichtet. Aber die Verwirrung war doch nicht so gross, wie 1845. Die Gläubiger waren vernünftig genug, auf ihre Zinsen lieber für einige Jahre zu verzichten, als durch Unerbittlichkeit die ganze Grundschuld auf einmal zu verlieren. Man muss bedenken, dass solch’ eine Pflanzung £ 10000 werth ist. Das versicherten mir meine Reisegefährten im Eisenbahnwagen, das las ich später in Tennent’s Darstellung der früheren Verhältnisse.
Die Pflanzer waren muthig genug, sofort eine neue Thätigkeit zu unternehmen. Sowie man einsah, dass die Kaffebäume verloren seien, wurden sie gefällt, um andern Pflanzungen Raum zu geben. 1878 waren 275000 Acres (= 110000 ha) mit Kaffe bepflanzt, die höchste Ziffer, die erreicht worden ist; 1893 nur noch 35000 Acres (= 14000 ha). Die Ausfuhr an Kaffe beträgt nicht mehr 1 Million Centner, sondern den fünfzehnten Theil davon. Die Natur straft Einseitigkeit durch Krankheit; das Heilmittel liegt im Wechsel und in der Mannigfaltigkeit; die neuen Anpflanzungen sind Thee, Cinchona, Cacao.
Der immergrüne Theestrauch (Thea) scheint aus Assam zu stammen. Die wirksamen Stoffe des Thees sind Koffeïn (= Theïn) und ätherisches Oel. Thee erregt das Nervensystem. In China und Japan ist das Theetrinken schon im 8. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen, nach Europa kam es um die Mitte des 17. Jahrhunderts.
Ceylon scheint für die Theepflanzung sehr geeignet, da in den Niederungen des Westens und Südwestens sowie in der Hügelgegend fast kein Monat ohne Regen bleibt, und die Abwechselung der tropischen Sonne mit der Befeuchtung dem blattbildenden Theestrauch sehr förderlich ist. Die Blatternte erstreckt sich auf sechs und selbst auf neun Monate. Dazu gedeiht der Theestrauch von den Hügeln ab, die wenige hundert Fuss über dem Meeresspiegel emporragen, bis zur Höhe von Nuwara Eliya und darüber, d. h. bis zu der Erhebung von 6000 und selbst 7000 Fuss. 1873 waren 250 Acres mit Thee bepflanzt, 1883 schon 35000, 1887 aber 150000 und 1893 endlich 255000 Acres, das sind über 100000 Hektaren.
Die Ausfuhr von Thee aus Ceylon betrug 1876 ganze 23 Pfund, 1886 an 8 Millionen Pfund, 1892 an 78 Millionen Pfund. Das ist schon ein ansehnlicher Theil, vielleicht ein Siebentel der gesammten Ausfuhr der Erde.[371] Von dem Ceylon-Thee gelangten 1891 nach Deutschland 92000 Pfund, nach England 63 Millionen. In England ist von 1869 bis 1888 der jährliche Verbrauch von 3,63 Pfund auf 4,95 für den Kopf der Bevölkerung gestiegen, der von Kaffe gesunken von 0,94 Pfund auf 0,82 Pfund.
Der Ceylon-Thee scheint mir vortrefflich, sehr rein gehalten, von feinstem Duft und Geschmack, so dass ich den deutschen Hausfrauen schon empfehlen möchte, einen Versuch damit zu machen.
Unter den Pflanzern Ceylons hat sich eine grosse Gesellschaft[372] gebildet, um durch Zusammenwirken den Weltmarkt zu erobern. Von den Theepflanzungen hängt die Zukunft der Colonie ab. Die ganze Atmosphäre von Ceylon ist gewissermaassen mit Thee gesättigt.
Uebrigens ist für die Entwicklung der Colonie die Pflanzung von Thee günstiger, als die von Kaffe. Sie wirft zwar den grossen Pflanzern[373] weniger ab, aber sie beschäftigt die doppelte Zahl von Händen. Die Arbeitslöhne, die man zur Zeit zahlte, schwankten zwischen 35 und 60 Cts.,[374] nach meinen Gewährsmännern; damit können die genügsamen Tamilen gut auskommen.
Die Regierung begünstigt ihre Einwanderung von der Malabar- und Coromandel-Küste durch sehr billige Fahrsätze auf den ihr gehörigen Eisenbahnen und den anschliessenden Dampfern. In Südindien leben viele Millionen, deren Einkommen angeblich (?) für die Familie von etwa fünf Köpfen 1½ Shilling im Monat kaum übersteigt. Für diese ist Ceylon das gelobte Land, da die Familie wöchentlich 6 bis 8 Shilling verdienen und fast die Hälfte ersparen kann. Kein Wunder, dass die Zahl der Einwohner Ceylons durch die Pflanzungen auf das doppelte, die Einfuhr von Baumwollenstoff auf das fünffache, die von Nährstoffen auf das zehnfache angestiegen ist.
Ein grosser Theil dieser Arbeiterbevölkerung ist wechselnd; nach Vollendung der Arbeit kehren sie mit ihren Ersparnissen nach ihrer Heimath, d. h. nach dem Festland, zurück. Ein Theil aber macht sich sesshaft, namentlich da, wo die hochmögenden Herren Pflanzer ihnen ordentliche Hütten bauen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen.
Die Aufschriften an jedem Halteplatz unserer Eisenbahnlinie sind dreisprachig: englisch, singhalesisch und tamil.
Cacao (Theobroma[375] Cacao) ist ein aus Amerika stammender Baum von nicht erheblicher Grösse, dessen längliche (10–20 Centimeter lange, 5–7 Centimeter breite), röthliche, nach dem Trocknen braune Frucht in einem Muss die Samen oder Bohnen enthält, welche, geröstet und zerrieben, den Cacao, noch dazu mit Zucker und Gewürz versetzt, die Chocolade geben. Das Wort ist mexicanisch, von Choco, d. i. Cacao, und latl = Wasser. Die Spanier fanden 1519 den Gebrauch der Chocolade bei den Mexicanern vor und brachten denselben nach Europa; im 17. Jahrhundert kam er nach Italien, Frankreich, England, Deutschland. Bontekoe, der Leibarzt unsres grossen Kurfürsten, hat bereits 1667 das Lob der Chocolade verkündigt.
Die Cacaobohnen enthalten Fett, Stärke, Zucker, Eiweiss und das Theobromin, welches seiner Zusammensetzung nach dem Koffeïn sehr ähnlich ist.
Der Anbau des Cacaobaumes erfordert grosse Sorgfalt. Auf dem Wege von Kandy nach Matale sah ich viele Pflanzungen und lernte einen Pflanzer kennen, der die Ackerbau-Chemie unsres Liebig in englischer Uebersetzung eifrigst studirte.
Im Jahre 1886 hat Ceylon bereits für 40000 £ Cacao ausgeführt; 1878 betrug die Ausfuhr 10 Centner, 1891 aber 20000. (Die Ernte der ganzen Erde an Cacao beträgt jährlich etwa 870000 Centner.) 12000 Acres (= 4800 ha) sind auf Ceylon mit Cacao bepflanzt. Die Cacaopflanzungen können keine so grosse Ausdehnung auf Ceylon erfahren, da sie beträchtliche Dicke guten Bodens in mittlerer Höhe und sehr gute, windgeschützte Lage erfordern.
Mit Cinchona, dem immergrünen China- oder Fieberrindenbaum[376] aus den Cordilleren des tropischen Südamerika, waren 1872 erst 500 Acres auf Ceylon bepflanzt, 1877 schon 6000, 1883 aber, nachdem seit 1879 der Misserfolg des Kaffe ausser Zweifel stand, bereits 60000 Acres = 24000 ha. Aber die gewaltige Ausfuhr von China-Rinde aus Ceylon (15 Millionen Pfund im Jahre 1887 gegen 11000 im Jahre 1872) bewirkte einen plötzlichen Preissturz (auf 1 Shilling für die Unze = 30 Gramm[377] Chinin, von 12 Shilling), der für die Leidenden zwar sehr glücklich, aber für die Pflanzer höchst unangenehm war, so dass sie den Anbau von Cinchona wieder theilweise durch den von Thee ersetzten. Im Jahre 1891 war die Ausfuhr von China-Rinde wieder auf 5½ Millionen Pfund gefallen.
Dazu kommt der Wettbewerb von Java, dessen Rinde weit gehaltvoller ist.[378] Immerhin bildet Cinchona eine Ergänzung der Haupterzeugnisse des ceylonischen Pflanzers.
Nuwara Eliya[379] wurde 1826 von englischen Officieren auf der Elephanten-Jagd entdeckt und 1829 bereits von Sir William Barnes zu einer Heil- und Erholungs-Stätte für die Soldaten gemacht. In der That ist der Ort ein Paradies für die in den Tropen lebenden Europäer; die Höhe misst 6200 Fuss über dem Meer, die Temperatur schwankt zwischen + 2° und 21° C. (selbst + 26°) und beträgt im Mittel 13½ bis 15° C. Es giebt für die in Colombo lebenden Europäer kein grösseres Vergnügen, als die Gluthhitze des Tages und die erstickenden Nächte der Ebene zu verlassen und nach einer kurzen Tagesreise von weniger als 100 englischen Meilen in lieblicher und dabei grossartiger Gegend „ein Fleckchen Europa, das in Asien lächelt“, und ein nordisches Haus zu finden, unter wollener Decke zu schlafen und des Morgens vielleicht gar eine Spur von Eis im gefüllten Waschbecken zu entdecken.
Das Grand Hotel von Nuwara Eliya preist sich selber als das schöngelegene Curhaus von Ceylon und druckt einen Brief ab von dem früheren Gouverneur der Insel (Sir William H. Gregory), nach dem die Verpflegung gut und die Rechnung sehr mässig sei.
Es gelingt ihm auch, eine leidliche Zahl heissgesottener Kaufleute und Beamte mit Frauen und Kindern aus Colombo, Südindien und selbst aus Rangoon anzuziehen und zu fesseln, denen das „englisch kühle“ Klima behagt und Abends der lauschige Sitz am prasselnden Kaminfeuer, — das ich, auf meiner Reise, zum ersten Mal seit Banff im canadischen Felsengebirge wieder antraf. Aber die Aehnlichkeit mit England oder mittleren Höhen der Schweiz ist wichtiger für die in Südasien lebenden Europäer, als für die Durchreisenden.
Allerdings liegt das Haus recht schön, in der Hochebene, auf deren Gras fette Kühe (in Asien ein seltner Anblick) weiden, deren Wege mit gut gepflegten, auch europäischen Bäumen bepflanzt sind und überall Eingänge und Einfahrten zu Gärten mit hübschen Landhäusern enthalten; aus der Halle schweift der Blick über einen stattlichen, künstlichen See (Lake Gregory) zu fernen Bergen, namentlich dem Hakkagalla; die ganze Hochebene wird überragt von dem höchsten Berge der Insel, dem Pedurutallagalla.
Das Gasthaus ist einstöckig, einfach gebaut, aber sehr gut ausgestattet; Betten und Möbel besser, als ich sie sonst in Asien, mit Ausnahme von Tokyo, gefunden. Aber billig[380] ist es nicht, und die Gerichte so winzig für einen gesunden Magen, dass der Kellner, der mein Missvergnügen merkte, Käse und sonstigen Nachtisch noch einmal reichte.
Die Gesellschaft war nicht nach meinem Geschmack. Selbstsüchtiges Protzenthum ist für den Reisenden nicht anziehend, sogar als Beobachtungsgegenstand eher langweilig. Damen, welche ihren daheim schon fragwürdigen Geschmack in Asien erst recht abenteuerlich ausgestaltet haben und Tigerzähne, in Gold und Edelstein gefasst, als Halskette auf rothseidnem, gesticktem Gewand tragen, pflegen mich nicht zur Unterhaltung anzuregen.
Am nächsten Morgen ganz früh ging[381] ich, unter Führung eines einheimischen Knaben, auf den Gipfel des Pedurutallagalla,[382] des höchsten Berges in Ceylon, der 8295 Fuss über dem Meeresspiegel, 2095 Fuss über dem Gasthaus emporragt und 3 englische Meilen von dem letzteren entfernt ist. Es ist „ein Gneisdom, ein ungeheurer, waldbedeckter Maulwurfshügel“.
Da ich den berühmteren Adams-Pik wegen der Jahreszeit nicht besteigen konnte, so wollte ich wenigstens den ersteren nicht versäumen.
Der Weg führt zunächst durch die Ebene, vorbei an dem Wohnsitz der Eingeborenen, dem sogenannten Markt (Bazar), wo wieder verschiedene englische Kirchen und Secten den Wettbewerb um die Seelen der Heiden betreiben, und steigt dann empor zu einem dichten, schattigen Wald mit zwitschernden Vögeln und murmelnden Bächen, wie wir ihn in den Bergen des Harzes oder in der Schweiz so oft mit Entzücken durchwandern.
Nur Laubbäume sind zu sehen. Nadelhölzer kommen auf Ceylon nicht in Wäldern vor, sondern nur in künstlichen Anpflanzungen, z. B. in dem Garten von Hakkagalla.
Besonders bemerkenswerth sind die Himalaya-Fichten von Piniengestalt mit ganz schmalen Blättern und eine stattliche, 30 Fuss hohe Art von Rosenbaum[383] mit dunkelrothen Blüthen. Die Baumäste sind mit fusslang herabhängenden Moosbärten geschmückt; einzelne Bäume sehen so aus, als wären sie von oben bis unten in dunklen Pelz gekleidet. Das Gebüsch zur Seite des Weges ist mannshoch, breitblättrig, undurchdringlich, ein förmlicher Urwald.
Es ist völlig einsam. Mein Führer schweigt theils aus Schüchternheit, theils aus Unkenntniss der englischen Sprache. So konnte ich ungestört der Beobachtung und Empfindung mich hingeben.
Man liest in Reisebüchern die Behauptung, dass in den Tropen der Wald nicht so poetisch sei, wie in unserm Vaterland. Aber der Wald ist seelenlos, hier wie dort; die Empfindung legen wir erst hinein und müssen sie in uns tragen.
Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste[384], vom Adams-Pik sowie von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild; für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind unvergesslich.
In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich, ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier[385] und ein Mittagsschläfchen, das ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte.
Nachmittags fuhr ich im Wagen[386] nach dem botanischen Garten der Regierung, der in Hakkagalla liegt, 6 englische Meilen südöstlich von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr angenehm, für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des See’s, dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S. Baker und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen Baumfarn besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht, sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner Besuchs-Karte befindlichen Wortes Ophthalmology[387] rathlos grübelte, dann der Director selber, Herr Nock, der mir alles auf das freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie anmuthigen Baumfarn,[388] die der Unkundige so leicht für Palmen hält, und mir auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in Ceylon das Wichtigste geleistet habe.
An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte aus der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche Mimose,[389] die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter zusammenklappt, deren Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond in seinen Vorlesungen über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt.
Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und die beiden kleineren Kinder, — die grösseren waren natürlich in England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen (Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem Tisch lag Ceylon von Ferguson und Häckel’s indische Reisebriefe in englischer Uebersetzung.
Mit Vergnügen erinnerte er sich an den Besuch unsres berühmten Landsmanns, der 1882 hier gewesen;[390] und Jeder wird ihm beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das Buch von Häckel wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch beurtheilt, und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt die grossen Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen anzuerkennen, klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung abzusprechen, an eine Bemerkung, die eigentlich wohl ein Witz sein soll und vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,[391] — vom Schlangen-Klein in der Reis-Würze.
„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich für einen Aal hielt.“
Seltsamer Weise spricht auch Hildebrandt (Reise um die Erde, Berlin 1879, I, 44) vom Schlangen-Gericht auf Ceylon.
„An der Mittagstafel des Hotels (zu Point de Galle) habe ich heute ein neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack liess sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für Aal, bis mich die grössere Härte eines Besseren belehrte.“ Ueberzeugend ist diese Beweisführung keineswegs. Vielleicht ist es ein vom Herausgeber Kossak missverstandener Witz des Reisenden.
Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zum Reis Würzen (curry)[392] aus pflanzlichen (und auch aus thierischen) Theilen gemischt werden, und zwar milde, d. h. solche, die weniger brennen, und scharfe,[393] die uns fast unerträglich sind. Curry war schon im 2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, nach der singhalesischen Chronik Rajavati; im 5. Jahrhundert n. Chr. nach Mahawanso. Der gewöhnliche Curry der Singhalesen besteht aus rothem Pfeffer, Zwiebeln, Kern der Kokosnuss, dessen Oel die Schärfe ein wenig mildert, und wird mit Pflanzenblättern (von Memecylon) gelb gefärbt. Für die Europäer fügen sie noch Fisch oder Hühnerfleisch oder Eier hinzu und wählen danach den Namen, z. B. Hühner-Curry. Doch war es mir manchmal fast unmöglich, mit dem Auge oder mit der Zunge diese Beimengung zu entdecken.
Nach Anuradhapura.
Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der nördlichen Centralprovinz von Ceylon. (North Central Province.)
Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben gerufen.
Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht haben.
Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit der Eisenbahn nach Kandy.
Auf der letzteren Strecke wird der Adams-Pik in seiner vollen Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten Wolke verhüllt. Um diese Jahreszeit regnet es auf dem Gipfel fast unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten Berges andeuten.
Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha, nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens (sripada[394]); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem.
Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren wird der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt nur 2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; aber die Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr wenige Berge diesen unbeschränkten Blick bieten. Die beiden Sarrasin hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den Sonnenaufgang zu beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, Sadu (d. h. heilig, heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren Schattenkegel des Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an der Spitze, welche die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.
Häckel lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, möchte aber die vom schneebedeckten Pik von Teneriffa, der fast die doppelte Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.
In Kandy war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein Zug[395] geht nordwärts nach Matale, dem Ende der Zweigbahn, vor 11 Uhr Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein Gast-, sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und Mantelsack in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche für die Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir bekannten Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen Wagen nach Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, die Quittung (über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird Mauth-Geld von je einer Rupie erhoben.
Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.
Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy, nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000 Einwohner.
Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem Rast-Haus[396] zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, für Reisende und Pilger, sind in Ceylon wie in Indien seit uralten Zeiten von wohlthätigen Leuten erbaut und unterhalten worden. An den öffentlichen Strassen Ceylons hat die jetzige Regierung in Abständen von je 15 englischen Meilen Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, wo die Reisenden zu einem festen und mässigen Satz Aufnahme und Verpflegung finden, allerdings soweit der Platz reicht, und immer nur für einen Tag: danach muss der Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, dem neuen Reisenden Platz machen.
Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient, und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit. Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des „Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.
Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten. Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen[397] mit der Post weilt, — natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch, Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung. So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.
Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz, wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.
Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der Postkutsche,[398] die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt zur Fahrt nach Anuradhapura. Die Zeit der Alleinherrschaft des Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig gewechselt werden, und vier Räder,[399] allerdings nur einen leidlich bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere des verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht und dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben Fahrpreis zu zahlen.
Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der Nordhälfte von Ceylon.
Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen, treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer sehen ärmlich aus.
Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht, eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht, dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen. Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen die Hand und lassen sich betrachten.
Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung, wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.
Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ engl. Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde Gegenden führte, wie arm die Thierwelt in Ceylon erscheint gegenüber dem Reichthum der Pflanzenwelt. Auch Häckel erklärt offen, dass er in dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. Dagegen fanden die beiden Sarrasins, die allerdings während 2½ Jahren zu Fuss die Insel in neun verschiedenen Richtungen durchstreift, dass die Thierwelt Ceylons ausserordentlich reich sei, namentlich im Vergleich zu Europa; aber spärlich da, wo die Europäer jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also eine wirkliche Anschauung von der ceylonischen Fauna gewinnen will, muss das Prachtwerk dieser Forscher studiren. Ich beschränke mich auf die kurze Mittheilung der Arten, die ich zu sehen bekam.
Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde, Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde, Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf; Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer Affen[400] gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge sind sparsamer, als in Süd-Europa.
Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel, so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen Schlangen[401] sich aufzuhalten.
Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome, liefern schöne Landschaftsbilder.
Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu Dambulla, das nur noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem von Anuradhapura (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein Schlafzimmer. Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in der Vorhalle des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso der englische Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr Jever,[402] dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, dass er mich am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der Ausgrabungen abholen werde.
Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers. Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden. Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die hohe Decke fliegt und oben hinaus will. Ein geschleuderter Pantoffel ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld fassen und das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit kleineren Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit den besten Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger des Sumpffiebers. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir aus dem Garten eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst eine genügende Gabe Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund geblieben, hier und auf der ganzen Reise. Weitere Arzneien habe ich nicht gebraucht, nur die in meiner Reiseapotheke mitgenommenen Carbolsäurepastillen, um in Colombo die weisse Schimmelkrankheit meines Fracks zu beseitigen.
Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.
Anuradhapura, den 17. November 1892.
Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre Weichen mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; in dem Wagen kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber, in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut, bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von Anuradhapura.
Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den Weltstädten gehört er nicht; diese sind zweisilbig. Geneigte, eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden, ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.
Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche, seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.
Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das ewige Rom; und auch in religiöser Bedeutsamkeit mit Rom zu vergleichen: nur war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre Heiligthümer sich begeisterten, ganz erheblich viel grösser.
Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn diese Völker haben früh schreiben gelernt, und einige von ihnen haben furchtbar viel aufgeschrieben.
Vor allen die Singhalesen; diese besitzen eine fortlaufende Chronik ihrer Geschichte, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt.
Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass die Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich auf dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer Tournour, ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf Palmblätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n. Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende ihrer Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang es Tournour, mit Hilfe der später aufgefundenen Erläuterungen, das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch starb er leider, nach der Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst vor wenigen Jahren ist die Uebersetzung des zweiten Theiles von einem Einheimischen herausgegeben worden.[403]
Mahawanso ist der Titel dieser Chronik, das heisst grosse Dynastie, und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung vom Jahre 543 v. Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige Wijayo,[404] der aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit dem diese Dynastie erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil zwischen 459 und 477 n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu Sena, und zwar auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten Jahrbüchern. Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter Zeit Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken. Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n. Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.
Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist, liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten, der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660 bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.
Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.
So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355 Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha, im Jahre 1815.
Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert v. Chr., wurde die Stadt Anuradhapura[405] gegründet, in der Mitte des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig[406] als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern für fromme Väter.
Schon von dem Erdbeschreiber Ptolemaeus (im 2. Jahrhundert n. Chr.) wird Anuragrammum[407] als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der chinesische Pilger Fa Hian, der im Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der Heiligthümer. 60000 Priester lebten auf der Insel,[408] 6000 auf Kosten des Königs. Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien nach Ceylon gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug (perahera) dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen bestreut und mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von Buddha’s Leben mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des Festes.
Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden Hauptdurchmessern.
Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. Bell, ist der Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.
Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen, da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten 2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.
Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert[409] n. Chr. aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die kriegerischen Angriffe der Tamilen aus dem südlichen Theil von Indien.
Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte. Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen Hügelgegend suchen.
Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv, Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; Anuradhapura ist buchstäblich vom Wald überwachsen;[410] das dichteste Gebüsch und gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von Urwald umgewandelt.
Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus. Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man gerade hier recht merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30 Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.
Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit Brücken und Wege verbessert.
Uebrigens war der Ort nie vollständig verlassen und vergessen. Eine Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern, von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.
Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten, sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher, als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues, noch nicht bezogenes Krankenhaus.
Was ist nun zu sehen in Anuradhapura? Zunächst die Dagoba oder Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen.
Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem Sonnenschirm.
Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr viele sind nur 10–20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit den Pyramiden von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.
Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.
Den merkwürdigsten Anblick gewährt die Jayta-wanarama-Dagoba, die 330 n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt aus wie ein bewaldeter Berg, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen.
Die grösste Dagoba (Abhayagiri = Berg der Sicherheit) wurde 87 n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches. Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis zur Spitze des Thürmchens 405 Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss.
Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.
Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, Ruan-welle, d. h. Goldstaub, unter Dutugaimunu, dem Besieger des Tamil Elala, und seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der umgebenden Pflasterung.
Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist, während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen Bau zu tragen scheinen.[412] Der fromme Pilger reibt noch heute den Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.
Hier findet man auch überlebensgrosse Bildsäulen. Zunächst die eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar, von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, — höchstens mit denen aus der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch nicht ganz überwunden hatte.
Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth. Die Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so vielfach angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher Apollo; es sind die Dwarpals oder Thürhüter, mit der siebenköpfigen Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen (Mond-) Steine vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit rings um eine stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen Gänsen,[413] darum eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine Procession von Elephant, Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine pflanzliche Verzierung.
Am Eingang zu einem Felsentempel (Isurumuniya, ausserhalb des Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, — wenn es dem Gott nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.
Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle der beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die heiligste aller Dagoba, die Thuparama, 307 v. Chr. vom König Devenipiatissa errichtet, um den rechten Schulterknochen[414] von Buddha zu bergen.
Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien, das auf unsre Tage gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit Gold geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache Hülle von Stuck.
Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9 Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.
Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr davon zu sehen.
Dagegen steht noch die Lankaramaya Dagoba (von 32 Fuss Höhe), die allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. Chr. Die achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen Buddha-Putten am Capitäl.
Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten Paläste. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden, nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. Bell, statt der jetzigen 60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet sind.
Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum des Orts einverleibt worden.
Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste bezeichnet, sind Ruinen von Klöstern.
Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht; alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten. Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht, entsprechend den heutigen Klöstern in Birma,) aus Holz errichtet waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000 Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt war und so den Namen des Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse Baldachin des Kaisers (Chatta).
Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört, jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.
Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert. Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk (chunnam) getragen.
Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen Predigthallen darstellen.
Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.
Die dritte Sehenswürdigkeit von Anuradhapura sind die Wasserbauten. Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit zierlichen Treppen versehen.
Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit aufgemauertem Damm, was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und heisst beim Volk und beim Führer der See der Riesen.[418] Er wurde in alter Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung der Hauptstadt. Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer Schleuse versehen und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landstrichs.
Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm, der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90 Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der Erde, vielleicht[419] mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so grosse Seen geschaffen.
König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.), hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke, die verfallen waren, wieder erneuert.
Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt, und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.
So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000 Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.
Aber die allergrösste Merkwürdigkeit von Anuradhapura, wenigstens nach Ansicht der Eingeborenen, ist der heilige Feigenbaum. Sein Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der siegreiche, erlauchte, höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.
Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen Reihe frommer Wächter[420] gepflegt, worüber die singhalesischen Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste geschichtliche Baum der Welt.
Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen. Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen, langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5. Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459–478 n. Chr.) schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer (Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.
In der Nähe sind Priester-Wohnungen.
Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.
Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum vorstellen, dass auch dieses Volk eine mehrtausendjährige Geschichte besitzt.
Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.) hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.
Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8. Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr. eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war, die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli, „weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.
Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens 8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla war etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die Felsentempel bei Dambulla nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der bläuliche Glanz der Leuchtkäfer, die zu Tausenden um die feuchten Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch angemeldet.[421]
Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser, Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die Fahrt nach Colombo fort.
Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z. B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling). Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in dieser Hinsicht bevorzugt.
Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die Silber-Rupie wird in beiden genommen.
Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes Lebewohl, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.