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Topik

Sechstes Buch.

Eugen Rolfes translation

Erstes Kapitel.

Die Erörterung über die Definitionen hat fünf Teile.

Entweder ist es überhaupt nicht wahr, daß das, was den Namen hat, auch unter den Begriff gehört — muß doch z. B. der Begriff Mensch von jedem Menschen gelten —, oder man bringt das Ding, obwohl eine Gattung vorhanden ist, nicht unter sie oder nicht unter die eigentümliche Gattung — denn beim Definieren muß man das Ding in eine Gattung gewiesen haben, um dann die Unterschiede hinzuzufügen, da in der Definition die Gattung doch wohl am ersten das Wesen des zu Definierenden wiedergibt, — oder der Begriff ist dem Ding nicht allein eigen — die Definition muß, wie schon gesagt, dem Ding eigentümlich sein —, oder man beobachtet alles Angegebene, definiert aber gleichwohl nicht und bezeichnet die Quiddität des Dinges nicht. Dazu kommt endlich der Fall, daß man zwar definiert, aber nicht so, wie man soll.

Ob nun das, wovon der Name gilt, nicht ebenso in Wahrheit unter den Begriff fällt, muß man nach den Örtern für das Akzidenz beurteilen. Denn die ganze dortige Untersuchung gilt der Frage, ob die Aussage wahr ist oder nicht. 139bZeigen wir, daß das Akzidenz dem Ding zukommt, so sagen wir: es ist wahr, und zeigen wir, daß es ihm nicht zukommt, so sagen wir: es ist nicht wahr. Ob man sodann das Ding nicht unter seine besondere Gattung gebracht hat, oder ob ihm der aufgestellte Begriff nicht eigentümlich ist, muß man aus den für Gattung und Proprium angegebenen Örtern entnehmen.

So bleibt denn nur noch darzulegen, wie man es mit der Frage angehen muß, ob man überhaupt nicht, oder doch nicht gut oder nicht so, wie man soll, definiert hat. Hier gilt unsere Aufmerksamkeit zuerst der Frage, ob man nicht gut definiert hat. Denn alles läßt sich leichter tun, als gut tun. Hier wird also häufiger gefehlt werden, weil es schwerer ist, und so muß der Angriff bei diesem Punkte leichter sein als bei jenem.

Nicht gut definieren kann man auf zweierlei Weise, einmal, wenn man sich undeutlich ausdrückt — denn bei der Definition muß man so deutlich wie möglich sein, da sie der Erkenntnis wegen gegeben wird —, dann, wenn man in dem Begriffe mehr angibt, als nötig ist, da jede weitere Zugabe zu der Definition überflüssig ist.

Jedes dieser beiden Momente zerfällt wieder in mehrere Teile.

Zweites Kapitel.

Ein erster Ort, um wegen Undeutlichkeit Einspruch zu erheben, liegt vor, wenn die aufgestellte Definition eine Homonymie enthält, wenn man z. B. sagt: Werden ist der Weg zum Sein, oder: Gesundheit ist der Ausgleich von Wärme und Kälte. Weg und Ausgleich sind Homonyma, und so weiß man nicht, welche von den Bedeutungen der doppelsinnigen Ausdrücke gemeint ist.

Der gleichen Undeutlichkeit begegnet man, wenn das Definierte vieldeutig ist und man nicht mit Unterscheidung von ihm spricht. Man kann dann nicht wissen, ob die Definition dem einen oder dem anderen gelten soll, und man kann in schikanöser Weise einwenden, daß der Begriff nicht auf alles paßt, dessen Definition angegeben wird. Dieses böswillige Verfahren läßt sich besonders dann anwenden, wenn die Homonymie versteckt ist. Man kann aber auch selbst angeben, wie viele Bedeutungen das durch die Definition Bestimmte hat, und so einen Gegenschluß ziehen. Denn wenn der Begriff nach keiner der verschiedenen Weisen gehörig erklärt wird, kann er offenbar auch nicht nach der Weise bestimmt sein, die in Frage steht.

Ein anderer Ort ist gegeben, wenn der Gegner metaphorisch spricht, etwa die Wissenschaft ein Unumstößliches sein läßt, oder die Erde eine Amme, oder die Mäßigkeit einen Einklang. Jede Metapher ist undeutlich. Man kann auch den, der von ihr Gebrauch macht, schikanieren, als habe er es eigentlich gemeint. Dann wird die gegebene Bestimmung nicht passen, wie z. B. bei der Mäßigkeit, da jeder Einklang in Tönen liegt. Auch müßte, wenn Einklang Gattung für Mäßigkeit ist, das nämliche in zwei Gattungen stehen, 140avon denen keine die andere umfaßt. Denn der Einklang umfaßt nicht die Tugend, und die Tugend nicht den Einklang.

Ferner: wenn man Worte verwendet, die durch keinen Gebrauch feststehen, z. B. mit Plato das Auge wimpernumschattet sein läßt, oder die Spinne voll Bissefäulnis, oder das Mark knochenentstammt. Alles Ungewöhnliche ist undeutlich.

Einige Ausdrücke beruhen, ohne eigentliche zu sein, weder auf Homonymie noch auf Übertragung, wie z. B. die Wendung: das Gesetz ist Maß oder Bild des Naturrechts. Solche Ausdrücke sind schlimmer als die Metapher. Die Metapher macht das durch die Ähnlichkeit Erklärte in gewisser Weise bekannter. Denn wer sich einer Übertragung bedient, gebraucht sie auf Grund irgendeiner Ähnlichkeit. Dagegen macht ein Ausdruck wie der gedachte nichts bekannter, weil weder eine Ähnlichkeit vorliegt, auf die hin das Gesetz Maß oder Bild sein könnte, noch es Brauch ist, so zu reden, wenn man eigentlich sprechen will. Läßt man also das Gesetz im eigentlichen Sinne Maß oder Bild sein, so sagt man die Unwahrheit. Denn Bild ist etwas, dessen Entstehung auf Nachahmung beruht, was bei dem Gesetze nicht zutrifft. Soll die Rede aber nicht im eigentlichen Sinne gelten, so ist sie offenbar undeutlich und ein schlechterer Ausdruck des Gedankens, als es eine Metapher nur sein kann.

Ferner: wenn aus der gebotenen Definition nicht der Begriff des Konträren ersichtlich wird. Gut bestimmte Begriffe erklären auch ihr Konträres.

Oder, wenn der Begriff, für sich angegeben, nicht klarmacht, was damit definiert sein soll, sondern einen eher wie die Bilder der alten Maler anmutet, wo man, wenn man es nicht darüber schrieb, nicht wußte, was sie vorstellten.

Drittes Kapitel.

Ob demnach eine Definition nicht deutlich ist, muß man nach diesen und ähnlichen Gesichtspunkten beurteilen.

Ob sie zu viel enthält, muß man erstens danach bemessen, ob der Gegner eine zusätzliche Bestimmung gemacht hat, die entweder allem Seienden überhaupt, oder allem mit dem Definierten zur selben Gattung Gehörigen zukommt. Damit enthielte die Definition notwendig zu viel. Die Gattung muß das Ding von den anderen Gattungen, die Differenz von dem, was in derselben Gattung steht, absondern. Nun sondert aber das schlechthin allem Zukommende einen Gegenstand von nichts ab, was aber allem in derselben Gattung Stehenden zukommt, scheidet ihn nicht von dem zur selben Gattung Gehörenden. Mithin hat ein solcher Zusatz keinen Zweck.

Oder man bemißt es danach, ob das hinzugesetzte Merkmal dem Gegenstand zwar eigentümlich ist, der Rest der Beschreibung jedoch, auch wenn der Zusatz wegbleibt, ihm eigentümlich ist und sein Wesen ausspricht. So ist es im Begriff des Menschen überflüssig, das Wissensfähig hinzuzusetzen⁠[109]⁠. Denn auch wenn man es wegläßt, ist die übrigbleibende Beschreibung ihm eigentümlich und gibt sein Wesen wieder. Kurz: 140büberflüssig ist alles, was so wegbleiben kann, daß doch der Rest das, was man definiert, erklärt. Diesen Mangel hat auch die Definition der Seele, wenn sie eine sich selbst bewegende Zahl sein soll. Denn schon das sich selbst Bewegende ist Seele, wie Plato definiert hat. Oder das Letztgenannte ist zwar der Seele eigentümlich, erklärt aber, wenn die Zahl wegbleibt, ihr Wesen nicht. Ob es sich so oder so verhält, ist schwer auszumachen⁠[110]⁠. Jedenfalls muß man diesen Ort bei allen derartigen Dingen verwenden, soweit es einen Nutzen verspricht. So z. B. wenn die Definition für Schleim lauten soll: erste unverdaute Feuchtigkeit aus der Nahrung. Das Erste ist eines, nicht vieles, so daß der Zusatz: unverdaut, überflüssig scheint, da die übrige Beschreibung der Sache ihr auch ohne ihn eigentümlich ist. Denn es kann nicht gleichzeitig das Unverdaute und sonst noch etwas aus der Nahrung Kommendes das Erste sein. Oder ist es hiermit etwa so, daß der Schleim nicht schlechthin von dem Feuchten, was aus der Nahrung entsteht, sondern von dem Unverdauten das Erste ist? Somit dürfte dieser Zusatz nicht fehlen, und ohne ihn wäre der Begriff nicht richtig, da der Schleim nicht das Erste von allem überhaupt ist.

Ferner danach, ob etwas in der Begriffsbestimmung nicht allem zur selben Art Gehörigen zukommt. Wer sie so gibt, definiert schlechter, als wenn man etwas allem Seienden Zukommendes in sie hineinbringt. In letzterem Falle muß, wenn die sonstige Beschreibung eine eigentümliche ist, es auch die ganze sein. Man mag zu dem Proprium Wahres hinzutun, was man will, immer wird die ganze Bestimmung dem Ding eigentümlich sein. Kommt aber etwas in der Begriffsbestimmung nicht allen zur selbigen Art gehörigen Dingen zu, so kann die ganze dem Objekt unmöglich eigentümlich sein: sie ist nicht mehr mit ihm konvertibel. So z. B. die Definition: gehendes zweifüßiges vier Ellen großes Lebendiges. Sie ist mit ihrem Gegenstand, dem Menschen, nicht konvertibel, weil nicht allen zu ebendieser Art gehörenden Individuen das Merkmal: vier Ellen groß, zukommt.

Wiederum: ob man mehrmals dasselbe sagt, indem man z. B. das Gelüste als Verlangen nach Süßem oder Lustbringendem bezeichnet; denn jedes Gelüste geht auf Lustbringendes, so daß das auch das mit ihm Identische tun muß. So bekommen wir als Definition des Gelüstes: Verlangen nach dem Lustbringenden. Es ist ja kein Unterschied, ob man sagt: Gelüste oder Verlangen nach Lustbringendem, und es geht jedes von beiden auf das Lustbringende.

Indessen möchte die Wahrheit sein, daß hierin nichts Unzukömmliches liegt. Ist doch auch der Mensch ein zweifüßiges Wesen und wird es daher auch das mit ihm Identische sein. Das ist aber: durch Gehen sich bewegendes zweifüßiges Lebendiges. Er ist mithin ein durch Gehen sich bewegendes zweifüßiges Lebendiges. Aber hieraus erwächst keine Unzuträglichkeit. Denn das Zweifüßig wird nicht von gehendem Lebendigen prädiziert — das wäre zweimal von dem nämlichen —, 141asondern es wird von gehendem zweifüßigen Lebendigen gesagt, und demnach wird es nur einmal prädiziert. Ebenso ist es mit dem Gelüste. Die Bestimmung: „nach Lustbringendem“ wird nicht von dem Verlangen, sondern von dem Ganzen ausgesagt, so daß die Aussage auch hier nur einmal gemacht wird. Eine Unzukömmlichkeit liegt nicht darin, daß dasselbe Wort zweimal ausgesprochen, sondern darin, daß von etwas mehrmals dasselbe gesagt wird, wie es z. B. von Xenokrates geschieht, wenn ihm die Klugheit es ist, die die Dinge bestimmt und betrachtet. Wer bestimmt, betrachtet auch, so daß er mit dem Zusatz: „und betrachtet“ zweimal das nämliche sagt. Denselben Fehler begeht man, wenn man die Erkältung die Beraubung (Privation, στέρησις) der natürlichen Wärme sein läßt. Jede Beraubung raubt, was von Natur da ist, und so ist der Zusatz: natürlich, müßig. Es genügte zu sagen: Beraubung der Wärme, da schon der Ausdruck Beraubung besagt, daß sie etwas Natürliches betrifft.

Wieder: ob man nach dem allgemeinen Ausdruck einen partikulären hinzusetzt, die Epikie z. B. für eine Verkürzung des Nützlichen und Gerechten erklärt. Das Gerechte ist doch etwas Nützliches und somit in dem Nützlichen bereits einbegriffen. Es ist also müßig: man hat dem allgemeinen Ausdruck einen partikulären beigegeben. Dasselbe geschieht, wenn man die ärztliche Kunst zur Wissenschaft von dem macht, was für Lebendes und Mensch gesund ist, oder das Gesetz zum Bilde dessen, was von Natur sittlich und gerecht ist. Ist doch alles Gerechte ein Sittliches, und demnach die Folge, daß man in einer solchen Definition zweimal das nämliche sagt.

Viertes Kapitel.

Ob man demnach gut oder nicht gut definiert hat, ist nach diesen und ähnlichen Gesichtspunkten zu beurteilen, ob man dagegen das Wesen angegeben und bestimmt hat oder nicht, nach den folgenden.

Erstens muß man sehen, ob der Gegner die Definition nicht mittelst früherer und bekannterer Begriffe gewonnen hat. Man definiert, damit der fragliche Gegenstand erkannt werde. Wir erkennen aber etwas nicht aus jedwedem, sondern aus Früherem und Bekannterem, nicht anders als bei den Demonstrationen — denn das ist der Weg alles Lehrens und Lernens —, und so erhellt denn, daß einer, der für die Definition nicht solche Begriffe verwendet, nicht definiert hat. Sollte das nicht gelten, so müßte ein und dasselbe Ding mehrere Definitionen haben. Denn wer für die Begriffsbestimmung Früheres und Bekannteres verwendet, hat offenbar besser definiert, und so gingen denn beide Definitionen auf dasselbe. Das hat aber keinerlei Schein für sich. Für jedes Ding ist sein wesenhaftes Sein eines. Sollte es daher für ein und dasselbe mehrere Definitionen geben, so müßte das durch beide beschriebene Sein des Definierten dasselbe sein. 141bDas beiderseits beschriebene Sein ist aber nicht dasselbe, da die Definitionen verschieden sind. Folglich hat man offenbar nicht definiert, wenn man es nicht vermittelst früherer und bekannterer Begriffe tut.

Ob nun eine Definition nicht auf bekannteren Begriffen fußt, läßt sich in zweifacher Weise feststellen. Man muß sehen, ob sie aus Begriffen gewonnen ist, die schlechthin, oder aus solchen, die für uns minder bekannt sind. Denn beides kann der Fall sein. Schlechthin bekannter ist das Frühere im Vergleich zum Späteren, so der Punkt im Vergleich zur Linie, die Linie mit der Fläche, die Fläche mit dem Körper verglichen. Desgleichen die Einheit gegenüber der Zahl. Denn die Einheit ist für jede Zahl das Frühere und Prinzip. Ebenso ist es der Buchstabe für die Silbe. Für uns dagegen ist es oft umgekehrt. Der Körper fällt am meisten in die Sinne, die Fläche mehr als die Linie und die Linie mehr als der Punkt. Denn die Menge lernt das Körperliche besser kennen, da der erste beste es erfaßt, während das andere einen schärferen und bevorzugten Verstand erfordert. Es ist nun ja schlechthin besser, daß man das Spätere durch das Frühere zu erkennen sucht, weil diese Weise mehr der Wissenschaft entspricht. Für diejenigen jedoch, die auf solchem Wege nicht zur Erkenntnis gelangen können, ist es vielleicht notwendig, den Begriff durch ihnen bekanntere Merkmale zu erklären. Solcher Art sind die Definitionen des Punktes, der Linie und der Fläche. Alle diese Begriffsbestimmungen erklären das Frühere aus dem Späteren: sie sagen uns, daß das eine die Grenze der Linie, das andere die der Fläche und das dritte die des Körpers ist.

Man bemerke aber wohl, daß solche Definitionen nicht das Wesen des Definierten erklären können, wenn nicht dasselbe schlechthin und für uns bekannter ist. Muß doch eine gute Definition mittelst der Gattung und der Differenz zustande kommen. Diese beiden sind aber schlechthin bekannter und früher als die Art. Denn Gattung und Differenz heben, selbst aufgehoben, auch die Art auf. Sie sind mithin früher als sie. Aber sie sind auch bekannter. Denn wenn man die Art kennt, kennt man notwendig auch Gattung und Differenz — wer den Menschen kennt, kennt auch Sinnenwesen und Zweifüßiges —; wenn man aber die Gattung oder die Differenz kennt, kennt man nicht notwendig auch die Art. Die Art ist mithin weniger bekannt.

Auch müssen die, die solche Bestimmungen aus dem, was der Einzelne besser kennt, für eigentliche Definitionen erklären, folgerichtig sagen, daß ein und dasselbe Ding viele Definitionen zuläßt. Dem einen ist dieses, dem anderen jenes, nicht allen dasselbe bekannter, 142aund so hätte man für jeden eine andere Bestimmung nötig, wenn die Definition aus dem erwachsen soll, was den Einzelnen bekannter ist.

Auch ist für dieselben Personen zu einer Zeit dieses, zu anderer Zeit jenes bekannter, anfangs das Sinnliche, später mit zunehmender Geistesschärfe das Entgegengesetzte, und so dürfte man selbst nicht für die nämliche Person immer die nämliche Definition angeben, wenn die Begriffsbestimmung aus dem hergestellt werden soll, was jedem bekannter ist.

Es ist also klar, daß die Definition nicht auf solchen, sondern nur auf schlechthin bekannteren Merkmalen fußen darf. Nur so gewinnt man immer eine und dieselbe Begriffsbestimmung.

Vielleicht ist aber auch das schlechthin Bekannte nicht was allen, sondern was Menschen mit einem guten Verstande bekannt ist, gleichwie das schlechthin Gesunde ist was es für Leute mit guter Körperbeschaffenheit ist.

Alle diese Punkte wollen scharf aufgefaßt und in der Disputation nützlich verwandt sein, am leichtesten ist aber unstreitig eine Definition zu entkräften, wenn der Gegner den Begriff weder aus dem schlechthin, noch aus dem für uns Bekannteren abgeleitet hat.

So besteht denn eine Weise, nicht aus Bekannterem zu definieren, wie jetzt ausgeführt worden ist, darin, daß man das Frühere durch das Spätere bestimmt; eine andere hat man, wenn Ruhendes und Bestimmtes durch Unbestimmtes und Bewegtes erklärt wird. Denn das Bleibende und Bestimmte ist früher als das Unbestimmte und in Bewegung Befindliche⁠[111]⁠.

Es kann aber der Fehler, daß man nicht aus Früherem definiert, auf dreifache Weise begangen werden: erstens, indem man das Gegenteil durch das Gegenteil, z. B. das Gute durch das Schlechte, definiert. Denn das Gegenteilige ist seiner Natur nach gleichzeitig. Manche sind aber auch des Glaubens, daß die Wissenschaft der beiden Opposita dieselbe und demnach auch das eine nicht bekannter als das andere sei⁠[112]⁠.

Man bemerke aber, daß manches sich vielleicht nicht anders definieren läßt, wie z. B. das Doppelte nicht ohne das Halbe und alles, was an sich relativ ist. Denn für alles solche besteht das Sein gleichmäßig in einem bestimmten Verhalten zu etwas, so daß man das eine unmöglich ohne das andere kennen kann, weshalb auch in der Definition des einen das andere mit einbegriffen ist.

Man muß also alle diese Regeln kennen und sie so verwenden, wie es einem nützlich scheint.

Eine zweite Form dieses Verstoßes liegt vor, wenn man das Definierte selbst verwendet. Dieser Fehler versteckt sich aber, wenn man nicht seinen Namen selbst verwendet, 142bindem man z. B. die Sonne als den am Tage leuchtenden Himmelskörper definiert. Wer Tag sagt, sagt Sonne. Um einen solchen Schnitzer aufzudecken, muß man an die Stelle des Namens den Begriff setzen, daß z. B. der Tag die Bewegung der Sonne über die Erde ist. Es ist klar, daß man Sonne sagt, wenn man sagt: die Bewegung der Sonne über die Erde, und demnach hat man die Sonne verwandt, wenn man den Tag verwendet.

Drittens fehlt man so, wenn man von den zwei Gliedern einer Einteilung das eine durch das andere definiert, z. B. ungrad als um eins größer als grad. Die Teile derselben Gattung sind von Natur zugleich; ungrad und grad sind aber solche Teile: beide sind Unterschiede der Zahl.

Ähnlich fehlt man, wenn man das Übergeordnete durch das Untergeordnete definiert, z. B. die grade Zahl als eine solche, die sich halbieren läßt, oder das Gute als einen tugendhaften Habitus (Verfassung). Halbieren muß begrifflich von zwei abgeleitet werden, das grade ist, und die Tugend ist etwas Gutes, und so sind die beiden zur Erklärung gebrauchten Momente dem zu Erklärenden untergeordnet. Auch muß, wer das Untergeordnete gebraucht, auch das, dem es das ist, gebrauchen: wer das Moment Tugend gebraucht, gebraucht das des Guten, da die Tugend ein Gut ist; ebenso gebraucht, wer halbieren sagt, den Begriff grad, da halbieren in zwei Teile zerlegen heißt, und zwei grade ist.

Fünftes Kapitel.

Der Fehler, daß man die Definition nicht von Früherem und Bekannterem nimmt, macht im ganzen einen Ort aus, dessen Teile wir angegeben haben.

Ein zweiter Ort ist, wenn das Ding in einer Gattung steht und man es nicht in ihr unterbringt. Diesen Fehler haben alle Definitionen, die nicht die Quiddität des Begriffes vorlegen, wie die Definition des Körpers: das Dreidimensionale, oder wenn man den Menschen definierte: was zu rechnen versteht. Hier fehlt die Angabe, was das ist, das drei Dimensionen hat oder zu rechnen versteht. Was aber die Quiddität anzeigen will, ist die Gattung: sie muß in der Definition voranstehen.

Ferner: wenn das Definierte für mehreres Geltung hat und man gleichwohl nicht alles, wofür es gilt, angibt, wenn man z. B. die Grammatik als die Fertigkeit bestimmt, Vorgetragenes zu schreiben. Es gehört dazu noch: und die Fertigkeit zu lesen. Die Fertigkeit zu schreiben gehört nicht mehr in die Definition als die Fertigkeit zu lesen, und so hat man weder wirklich definiert, wenn man bloß das eine, noch wenn man bloß das andere, sondern nur, wenn man beides sagt. Es kann ja doch für Eines nicht mehr als eine Definition geben. Oft ist es nun in Wahrheit so, wie angegeben, 143ain manchen Fällen jedoch wieder nicht, und zwar immer, wenn eine Bestimmung nicht an und für sich für beides gilt, wie z. B. für die Heilkunde, daß sie Gesundheit und Krankheit bewirkt. Sie bewirkt das eine an sich, sofern sie Heilkunde ist, das andere per accidens (mitfolgend). Denn schlechthin ist es der Medizin fremd, daß sie Krankheit bewirkt. Mithin ist die Definition, die beide Seiten hervorhebt, nicht eher eine wirkliche Begriffsbestimmung, als die andere, die nur eine Seite berücksichtigt, sondern selbst wohl noch weniger, da auch jeder Nichtarzt krank machen kann.

Ferner: wenn das Definierte für mehreres gilt, wovon man statt des Besseren das Schlechtere angibt. Jede Wissenschaft und Kunst geht doch wohl auf das Beste, was sie weiß und kann⁠[113]⁠.

Ob hinwieder etwas nicht in seine eigentümliche Gattung zu stehen gekommen ist, muß man nach den oben entwickelten Grundregeln über die Gattungen beurteilen.

Ferner: wenn man beim Definieren die Gattungen übergeht⁠[114]⁠, z. B. die Gerechtigkeit definiert als Gleichheit herstellenden oder Gleiches zuteilenden Habitus. Wer so definiert, übergeht die Tugend und gibt somit, da er die Gattung für Gerechtigkeit ausläßt, ihr Wesen nicht an. Denn das Wesen ist für jedes Ding an seine Gattung gebunden. Es ist das dieselbe Weise wie jene, wo das Objekt nicht unter die nächste Gattung gebracht wird. Eine Bestimmung, die das Objekt unter die nächste Gattung bringt, gibt damit alle höheren an, da diese sämtlich von den niederen Gattungen ausgesagt werden. Man muß demnach entweder den Begriff unter die nächste Gattung bringen, oder der höheren Gattung alle Differenzen beigeben, wodurch die nächste Gattung bestimmt wird. Denn so läßt die Definition nichts aus, sondern gibt statt des Namens den Begriff der niederen Gattung an. Eine Bestimmung dagegen, die nur die höhere Gattung selbst angibt, gibt nicht auch die niedere an. Denn wer Pflanze sagt, sagt nicht Baum.

Sechstes Kapitel.

Ebenso ist wieder bei den Differenzen darauf zu achten, ob die Definition auch die Differenzen der Gattung angibt. Enthält sie nicht die eigentümlichen Differenzen der Gattung, oder gibt sie gar etwas an, was für keinen Gegenstand eine Differenz bilden kann, wie das Merkmal Lebendiges oder Substanz, so wird offenbar nicht definiert, weil solche Merkmale überhaupt keine Differenz bilden.

Man muß aber auch sehen, ob die angegebene Differenz ein Gegenteil hat. Ist es nicht der Fall, so kann sie offenbar keine Differenz der Gattung sein. 143bDenn jede Gattung zerfällt in gegenteilige Differenzen, so z. B. Sinnenwesen (ζῷον) in Gangtier, Flugtier, Wassertier und Zweifüßig (Mensch). Oder ob eine gegenteilige Differenz zwar da ist, aber für die Gattung nicht gilt. Denn dann kann offenbar keine von beiden Differenz der Gattung sein, weil alle gegenteiligen Differenzen für die eigentümliche Gattung gelten. Ebenso, ob sie gilt, aber keine Art bildet, wenn man sie der Gattung beigibt. Dann kann sie offenbar auch keine spezifische (artbildende) Differenz der Gattung sein. Denn jede spezifische Differenz bildet zusammen mit der Gattung eine Art. Ist sie aber keine Differenz, dann auch die vorgebliche nicht, da sie ihr Gegenteil ist.

Es ist ferner ein Fehler, wenn man die Gattung durch Negation einteilt, wie wenn man z. B. die Linie dahin bestimmt, daß sie eine Länge ohne Breite sei. Denn das heißt nichts anderes, als daß sie keine Breite hat. Es müßte dann folgerichtig die Gattung an der Art teilnehmen. Denn jede Länge hat entweder keine Breite oder wohl, da von jedem Ding entweder die Bejahung oder die Verneinung gilt, und so muß auch die Gattung der Linie als Länge entweder ohne Breite sein oder Breite haben. Nun ist aber Länge ohne Breite Begriff der Art, aber ebenso auch Länge, die Breite hat. Denn ohne Breite und Breite habend sind Differenzen, und aus Differenz und Gattung besteht der Artbegriff. Mithin träte die Gattung unter den Begriff der Art. Aber ebenso auch unter den der Differenz, da die andere Differenz notwendig von der Gattung ausgesagt wird.

Dieser Ort ist gegen die verwendbar, die das Dasein von Ideen behaupten. Gibt es eine Länge an sich, wie kann man da die Gattung eine Breite oder keine haben lassen? Es müßte ja von aller Länge nur eins von beiden gelten, wenn es von der Gattung gelten soll. Es ist aber nicht wahr, da es Längen ohne und mit Breite gibt. So ist denn dieser Ort nur gegen die verwendbar, die die Gattung der Zahl nach eine sein lassen, wie die Verteidiger der Ideen, die eine Länge an sich und ein Sinnenwesen an sich zur Gattung machen⁠[115]⁠.

Bei einigen Dingen ist man aber vielleicht gezwungen, für die Definition auch die Verneinung zu verwenden, so z. B. bei den Privationen. Denn blind ist, was kein Gesicht hat, zur Zeit wo es von Natur es haben sollte. Es macht aber keinen Unterschied, ob man die Gattung durch Verneinung oder durch eine Bejahung einteilt, 144aderen Gegenteil notwendig eine Verneinung ist, wie wenn man definiert: eine Länge, die Breite hat. Denn von dem, was Breite hat, ist das Gegenteil, was keine hat, und sonst nichts, und so wird hier die Gattung wieder durch Verneinung eingeteilt.

Ferner: wenn man statt der Differenz die Art angibt, etwa die Beschimpfung als eine Unbilde mit Verspottung definiert. Die Verspottung ist eine bestimmte Unbilde, mithin nicht Differenz, sondern Art.

Ferner, wenn man statt der Differenz die Gattung setzt, die Tugend etwa eine gute oder rechtschaffene Verfassung nennt. Gut ist Gattung von Tugend.

Doch möchte vielleicht gut nicht Gattung sein, sondern Differenz, wofern es wahr ist, daß das nämliche nicht in zwei Gattungen stehen kann, deren keine die andere umfaßt. Verfassung ist nicht in gut, und gut nicht in Verfassung begriffen. Denn nicht jede Verfassung ist gut, und nicht alles Gute Verfassung. Folglich sind nicht beide Gattungen. Wenn nun Verfassung Gattung von Tugend ist, so ist gut offenbar nicht Gattung, sondern vielmehr Differenz. Auch zeigt Verfassung an, was die Tugend ist, gut dagegen zeigt keine Quiddität, sondern eine Qualität an. Nun dürfte es aber grade eine Qualität sein, die durch die Differenz angezeigt wird.

Man muß auch sehen, ob die angegebene Differenz kein Qualitatives, sondern ein Dieses bezeichnet. Jede Differenz scheint ein Qualitatives anzuzeigen.

Man muß auch darauf achten, ob die Differenz dem Definierten akzidentell zukommt. Keine Differenz, wie auch die Gattung nicht, gehört zu den Akzidenzien: von der Differenz darf es nicht gelten, daß sie einem Dinge ebensogut zukommen wie nicht zukommen kann.

Ferner: wenn die Differenz oder die Art oder etwas der Art Untergeordnetes von der Gattung ausgesagt wird, hat man nicht definiert. Nichts von alledem kann der Gattung zukommen, da sie einen größeren Umfang hat als alles dieses.

Ferner: wenn die Gattung von der Differenz ausgesagt wird. Die Gattung scheint nicht von der Differenz, sondern von dem ausgesagt zu werden, dem die Differenz beigelegt wird, so das Sinnenwesen von Mensch, Ochs und den anderen Gangtieren, nicht von der spezifischen Differenz selbst. Denn soll von jeder Differenz Sinnenwesen gesagt werden, so würden viele Sinnenwesen von der Art ausgesagt werden, da die Differenzen von der Art ausgesagt werden. 144bAuch sind alle Differenzen entweder Arten oder Individuen, wofern sie Sinnenwesen sein sollen. Denn jedes sinnliche Wesen ist entweder Art oder Individuum⁠[116]⁠.

Ebenso muß man sehen, ob die Art oder etwas der Art Untergeordnetes von der Differenz ausgesagt wird. Das ist unmöglich, da die Differenz einen weiteren Umfang hat als die Arten. Auch würde folgen, daß die Differenz eine Art wäre, indem ja eine von den Arten von ihr ausgesagt wird. Denn wenn Mensch von ihr ausgesagt wird, so ist sie offenbar Mensch⁠[117]⁠.

Wiederum: ob die Differenz nicht früher ist als die Art. Die Differenz muß später sein als die Gattung, aber früher als die Art⁠[118]⁠.

Auch muß man sehen, ob die angegebene Differenz noch einem anderen als dem in der Definition angeführten Genus, das weder in ihm enthalten ist, noch es enthält, zukommt. Dieselbe Differenz scheint nicht zweien Gattungen zuzukommen, deren keine die andere enthält. Sonst wäre die Folge, daß auch dieselbe Art zu zweien Gattungen gehörte, deren keine die andere enthielte. Denn jede Differenz bringt die ihr eigene Gattung mit sich, wie z. B. Gehend und Zweifüßig das Sinnenwesen. Wovon also die Differenz, davon wird auch jedes der beiden Genera ausgesagt, und so stände die Art offenbar unter zweien sich nicht umfassenden Genera. — Oder ist es vielleicht nicht unmöglich, daß dieselbe Differenz zweien sich nicht umfassenden Gattungen zukommt, und muß man vielmehr noch beifügen: zweien Gattungen, die auch nicht beide unter einer höheren Gattung stehen? Gehendes Sinnenwesen und fliegendes Sinnenwesen sind Gattungen, die sich nicht umfassen, und ihrer beiden Differenz ist das Merkmal zweifüßig. Man muß mithin beifügen: die auch nicht beide unter einer höheren Gattung stehen, da diese beide unter der Gattung Sinnenwesen stehen. Es ist auch klar, daß, da dieselbe Differenz zweien sich nicht umfassenden Gattungen zukommen kann, sie deshalb doch nicht notwendig jede ihre eigene Gattung mit sich bringt, sondern nur eine von beiden und die ihr übergeordnete, wie z. B. zweifüßig fliegendes oder gehendes Sinnenwesen mit sich bringt.

Man muß sein Augenmerk auch darauf richten, ob man als Wesensunterschied angibt, daß etwas in einem ist. Eine Wesenheit kann sich doch von einer anderen Wesenheit nicht dadurch unterscheiden, daß ihr Subjekt da ist oder dort. Daher tadelt man es auch, wenn Tier in Land- und Wassertier eingeteilt werden soll, da Land- und Wassertier auf das Wo des Aufenthalts hinweise. Oder ist vielleicht der Tadel in diesem Punkte nicht berechtigt? Besagt doch Wassertier nicht, daß etwas in einem oder irgendwo ist, sondern daß es eine bestimmte Qualität hat. Ein Tier ist ein Wassertier, auch wenn es auf dem Lande ist, und 145aebenso ist ein Landtier ein Landtier und kein Wassertier, wenn es auch im Wasser ist. Aber gleichwohl hat man, falls die Differenz etwa besagt, daß etwas in einem ist, offenbar gefehlt.

Wiederum: ob man die passive Qualität als Differenz angegeben hat⁠[119]⁠. Durch jede solche Qualität tritt, wenn sie gesteigert wird, ihr Subjekt aus seiner Wesenheit heraus. Aber der Differenz ist eine solche Wirkung nicht eigen. Sie muß doch ihr Subjekt eher erhalten, und es muß schlechterdings unmöglich erscheinen, daß etwas ohne seine eigentümliche Differenz ist. Denn wenn kein Gehendes ist, kann kein Mensch sein. Es kann überhaupt nichts, worin ein Subjekt qualitativ verändert wird, seine Differenz sein. Denn durch alles Derartige tritt, wenn es gesteigert wird, das Ding aus seiner Wesenheit heraus. Mithin hat man, wenn man irgendeine solche Differenz angibt, gefehlt. Denn es gibt überhaupt auf dem Boden der Differenzen keine qualitativen Veränderungen für uns.

Und: ob man die Differenz eines Relativen ohne den Terminus der Relation angegeben hat. Das Relative hat auch relative Differenzen, wie z. B. die Wissenschaft. Man unterscheidet die theoretische, praktische und poietische (hervorbringende) Wissenschaft, deren jede eine Relation, eine Beziehung, besagt. Die theoretische Wissenschaft ist Wissenschaft von etwas (dem Theoretischen) und die poietische von etwas und die praktische von etwas.

Man muß auch darauf achten, ob der Definierende das angibt, wozu das jeweilige Relative von Natur da ist. Manches Relative läßt sich nur für das gebrauchen, wozu es von Natur da ist, und für sonst nichts, manches wieder auch noch für anderes. Das Gesicht kann man nur zum Sehen gebrauchen, mit dem Striegel wohl auch Wasser schöpfen. Gleichwohl fehlte man, wollte man den Striegel als ein Gerät zum Schöpfen definieren. Denn dafür ist er von Natur nicht da. Fragt man für den Ausdruck: wozu es von Natur da ist, nach einer Definition, so wäre sie: wozu der Kluge als Kluger und die jeweilige besondere Wissenschaft es gebraucht.

Oder: ob man etwas nicht auf sein erstes Subjekt zurückgeführt hat, wenn es mit Bezug auf mehrere Subjekte ausgesagt wird, ob man z. B. die Klugheit für eine Tugend des Menschen oder der Seele, und nicht für eine Tugend des Denkvermögens ausgegeben hat. Die Klugheit ist an erster Stelle eine Tugend des Denkvermögens, und erst mit Rücksicht auf dieses spricht man sie auch der Seele und dem Menschen zu.

Man hat auch gefehlt, wenn das, dem die definierte Affektion, Verfassung und dergleichen zukommen soll, nicht ihr aufnehmendes Prinzip sein kann. Jede Verfassung und jede Affektion entsteht ja doch naturgemäß in dem, was sie hat, die Wissenschaft z. B. in der Seele, deren Verfassung sie ist. Hierin fehlt man nun zuweilen, z. B. wenn man sagt, der Schlaf sei ein Unvermögen des Sinnes, 145bder Zweifel das Gleichgewicht konträrer Schlüsse, der Schmerz ein gewaltsames Auseinanderziehen von Teilen, die naturgemäß zusammengehören. Der Schlaf kommt nicht dem Sinne zu, was er doch müßte, wenn er ein Unvermögen des Sinnes ist. Und ebenso kommt auch der Zweifel nicht konträren Schlüssen zu und der Schmerz nicht den naturgemäß zusammengehörenden Teilen. Es müßte ja das Seelenlose Schmerz fühlen, wenn ihm der Schmerz beiwohnen soll. Von dieser Beschaffenheit ist auch die Definition der Gesundheit, wenn sie das Gleichmaß von Wärme und Kälte sein soll. Denn da müßte die Wärme und die Kälte gesund sein. Das Gleichmaß eines Dinges wohnt doch dem bei, was das Gleichmaß hat; mithin müßte der Wärme und der Kälte die Gesundheit beiwohnen.

Wenn man in dieser Weise definiert, begegnet es einem auch, daß man die Wirkung an Stelle der Ursache setzt und umgekehrt. Das Auseinanderzerren zusammengehöriger Teile ist nicht Schmerz, sondern seine Ursache, und das Unvermögen des Sinnes ist nicht Schlaf, sondern je eines ist die Ursache des anderen. Wir schlafen entweder vor Unvermögen, oder sind unvermögend vor Schlaf. Ebenso sollte es scheinen, daß das Gleichgewicht konträrer Schlüsse die Ursache des Zweifels ist. Denn wenn wir nach beiden Seiten Schlüsse ziehen und sich auf beiden Seiten alles gleichmäßig verhält, so zweifeln wir, was von beiden wir tun sollen.

Man muß ferner auf die verschiedenen Zeiten achten und sehen, ob etwa die Übereinstimmung fehlt, wie wenn man z. B. definierte, das Unsterbliche sei ein jetzt unvergängliches Lebendiges. Das jetzt unvergängliche Lebendige wäre ja ein jetzt Unsterbliches. Oder trifft das vielleicht in diesem Falle nicht zu? Der Ausdruck: jetzt unvergänglich, ist ja zweideutig. Er kann entweder bedeuten: es ist jetzt nicht vergangen, oder: es kann jetzt nicht vergehen, oder: es ist jetzt so, daß es nie vergehen kann. Sagen wir also, ein Wesen sei ein jetzt unvergängliches Lebendiges, so sagen wir, es sei jetzt ein solches Lebendiges, daß es nie vergehen kann. Das hieße aber so viel wie unsterblich, und mithin folgte nicht, daß es jetzt unsterblich wäre. Aber wenn es sich gleichwohl trifft, daß das begrifflich Bestimmte jetzt oder früher wäre, dagegen das, was den Namen hat, nicht, so fehlt die Identität zwischen der Definition und dem Definierten. — Demnach wäre dieser Ort in der bezeichneten Weise zu verwenden.

Siebentes Kapitel.

Man muß auch sehen, ob ein Ding, das man definiert hat, seinen Namen mehr auf Grund eines anderen trägt als auf Grund des aufgestellten Begriffs, wie wenn z. B. die Gerechtigkeit das Vermögen sein soll, das Gleiche zuzuteilen. Gerechter ist, wer den Vorsatz, als wer das Vermögen hat, Gleiches zuzuteilen. 146aMithin kann die Gerechtigkeit nicht das Vermögen sein, das Gleiches zuteilt. Denn dann wäre auch am meisten gerecht, wer am meisten Gleiches zuzuteilen vermöchte.

Ferner: ob das Ding ein Mehr zuläßt, dagegen der Inhalt der Definition nicht, oder ob umgekehrt der Inhalt der Definition es zuläßt, dagegen nicht das Ding. Beide müssen es zulassen oder keines von beiden, da ja der Inhalt der Definition mit dem Ding dasselbe ist.

Ferner: ob zwar beide ein Mehr zulassen, aber nicht beide gleichzeitig eine Zunahme erfahren, wie wenn z. B. der Eros (die Liebe) das Gelüste nach der Beiwohnung ist. Wer mehr liebt, den gelüstet nicht mehr nach der Beiwohnung; mithin lassen beide das Mehr nicht gleichzeitig zu, was doch sein müßte, da sie dasselbe sein sollten.

Ferner: ob, wo es sich um zwei Dinge handelt, von dem einen, wovon das Ding mehr ausgesagt wird, der Inhalt der Definition weniger ausgesagt wird, wie wenn z. B. das Feuer der feinste Körper ist. Die Flamme ist mehr Feuer als das Licht, aber die Flamme ist weniger als das Licht der feinste Körper, und doch müßte beides demselben mehr zukommen, da es dasselbe sein sollte.

Wiederum: ob das eine (der Name) beiden Dingen, um die es sich handelt, gleichmäßig, das andere (die Definition) ihnen nicht gleichmäßig, sondern dem einen von ihnen mehr zukommt.

Man fehlt ferner, wenn man die Definition disjunktiv für zweierlei Dinge aufstellt, wenn man z. B. das Schöne als das bestimmt, was für das Gesicht oder das Gehör genußbringend ist, und das Seiende als das, was leiden oder wirken kann. Es müßte dann dasselbe zugleich schön und nichtschön, seiend und nichtseiend sein. Denn das, was für das Gehör genußbringend ist, wird mit dem Schönen, und mithin das, was für das Gehör nicht genußbringend ist, mit dem Nichtschönen identisch sein. Denn für Identisches ist auch das Gegenteil identisch. Nun ist aber das Gegenteil von schön nichtschön und von genußbringend für das Gehör nichtgenußbringend für das Gehör. Das für das Gehör nicht Lustbringende ist also offenbar identisch mit nichtschön. Wenn demnach etwas für das Gesicht lustbringend, aber für das Gehör nicht lustbringend ist, so wird es sowohl schön als nichtschön sein. Und ebenso werden wir zeigen, daß dasselbe seiend und nichtseiend ist.

Ferner muß man für die Genera, die Differenzen und alles, was sonst noch in den Definitionen angegeben wird, die Begriffe statt der Namen setzen, und so sehen, ob etwas nicht übereinstimmt.

Achtes Kapitel.

Ist das Definierte entweder an sich oder seiner Gattung nach relativ, so muß man sehen, ob in der Definition der Terminus der Relation fehlt, die es an sich oder seiner Gattung nach hat, ob man z. B. 146bdie Wissenschaft als unumstößliche Meinung oder den Wunsch als unlustfreies Begehren bestimmt. Die Wesenheit alles Relativen hat eine Beziehung auf ein anderes, da für jedes Relative das Sein dasselbe ist, wie sich zu etwas in bestimmter Weise verhalten. Man müßte also sagen, die Wissenschaft sei eine Meinung, die auf das Wißbare geht, und der Wunsch sei ein Begehren des Guten. Ähnlich wäre es, wenn man die Grammatik als die Wissenschaft der Buchstaben definierte, da man doch in ihrer Definition angeben müßte, worauf sie sich entweder selbst bezieht (nämlich auf die Kunst, die Buchstaben zu lesen und zu schreiben), oder worauf sich ihre Gattung bezieht (auf das Wißbare, das, was seiner Natur nach gewußt werden kann).

Oder man muß sehen, ob das, wovon man mit Beziehung auf etwas spricht, nicht mit Beziehung auf sein Ziel beschrieben wird. Ziel ist in allem das Beste oder dasjenige, um dessentwillen das andere ist oder wird oder geschieht. Man muß also das Beste oder das Letzte angeben, muß z. B. sagen, daß das Gelüste nicht auf das Genußbringende, sondern auf den Genuß geht, da wir seinetwegen auch das Genußbringende wünschen.

Man muß auch sehen, ob der angegebene Terminus der Relation ein Werden oder eine Tätigkeit ist. Nichts Derartiges kann Ziel sein. Das Getanhaben und Gewordensein ist mehr Ziel als das Werden und Tun. Indessen gilt dieser Satz vielleicht nicht allgemein. Die meisten wollen wohl lieber genießen als zu genießen aufhören. Sie machen mithin das Tun oder Tätigsein mehr zum Ziele als das Getanhaben oder Tätiggewesensein.

Manchmal wieder muß man sehen, ob das Moment der Quantität oder der Qualität oder der Örtlichkeit oder der anderen Kategorien nicht gehörig bestimmt ist, ob z. B. bei dem Ehrgeizigen nicht angegeben ist, welche und wieviel Ehre er begehrt; denn alle begehren nach Ehre. Mithin ist es nicht genug, zu sagen, ehrgeizig sei, wer nach Ehre begehrt, sondern man muß die angegebenen Bestimmungen hinzufügen. Ebenso muß man bei dem Habsüchtigen hinzufügen, nach wieviel Habe er begehrt, oder bei dem Unmäßigen, in welchen Genüssen er kein Maß hält. Denn nicht derjenige wird unmäßig genannt, der von irgendeiner, sondern der, der von einer bestimmten Lust überwunden wird. Oder wieder: wie man die Nacht als Schatten der Erde definiert, oder das Erdbeben als Bewegung der Erde, oder die Wolke als Verdichtung der Luft, oder den Wind als Bewegung der Luft: man muß nämlich beifügen, von wieviel und von was für einem Ding es gelten und wodurch es geschehen soll, und dasselbe ist in den anderen Fällen dieser Art zu tun. Denn wenn man irgendeine Bestimmung ausläßt, gibt man das Wesen nicht an Man muß diese Bestimmung aber immer mit Rücksicht auf die Forderung des Falles zu treffen suchen: es gibt kein Erdbeben, wenn Erde, und ebenso keinen Wind, wenn Luft beliebig und in beliebiger Quantität bewegt wird.

Ferner, ob bei den Begierden und wo es sich sonst noch gehört, nicht der Zusatz: anscheinend oder scheinbar steht, ob z. B. der Wunsch die Begierde 147ades Guten und das Gelüste die Begierde des Genußreichen sein soll, nicht dessen, was gut oder genußreich scheint. Denen, die etwas begehren, ist es oft verborgen, was gut oder genußreich ist, so daß es nicht gut oder genußreich zu sein, sondern nur zu scheinen braucht. Man müßte also entsprechend auch die Angabe machen. Wenn man das aber auch tut, so muß man doch die Definition auf die Ideen zurückführen, wenn man Ideen setzt. Denn nichts, was bloß scheint, hat eine Idee, von einer Idee aber spricht man doch wohl mit Beziehung auf eine andere, und sagt z. B.: das Gelüste an sich geht auf das Genußreiche an sich, und der Wunsch an sich auf das Gute an sich. Sie gehen mithin auf kein scheinbar Gutes und kein scheinbar Genußreiches; denn es ist ungereimt, daß es ein Scheingut an sich und ein scheinbar Genußreiches an sich geben soll.

Neuntes Kapitel.

Ferner muß man, wenn die Definition den Habitus betrifft, auf den Inhaber, und wenn sie den Inhaber betrifft, auf den Habitus achten. Gleiches gilt von anderen solchen Fällen. Ist z. B. das Genußreiche das Nützliche, so ist auch der Genießende, wer den Nutzen hat. Man kann überhaupt sagen, daß der Definierende in solchen Definitionen gewissermaßen mehr als eines definiert. Wer die Wissenschaft definiert, definiert in gewisser Weise auch die Unwissenheit, und ebenso definiert man mit dem Wissenden den Unwissenden und mit dem Wissen das Nichtwissen. Wenn das Erste erklärt ist, wird in gewisser Weise auch das Übrige erklärt. Man muß also bei allen diesen Dingen sehen, daß nirgendwo der Einklang fehlt, indem man die Regeln heranzieht, die über das Konträre und das zu einer Begriffsreihe Gehörende aufgestellt worden sind⁠[120]⁠.

Man sehe ferner bei den Relativa, ob da, wo für die Gattung der Terminus der Relation allgemein angegeben wird, für die Art ein unter ihm stehender einzelner Terminus auftritt, ob z. B., wenn man die Meinung auf das Objekt der Meinung bezieht, eine bestimmte Meinung auf ein bestimmtes Objekt bezogen wird, und wenn man das Vielfache auf das Vielteilige bezieht, ein Soundsovielfaches auf ein Soundsovielteiliges bezogen wird. Macht man es nicht so, so hat man offenbar gefehlt.

Man habe auch acht, ob für das Entgegengesetzte der entgegengesetzte Begriff, z. B. für das Halbe der dem Begriffe des Doppelten entgegengesetzte Begriff auftritt: wenn doppelt ist, was ein anderes um soundso viel übertrifft, ist halb, was um ebensoviel übertroffen wird.

Ebenso wie mit diesen relativen Gegensätzen ist es mit dem Konträren. Für das Konträre gilt der konträre Begriff, der diesen Charakter der Kontrarietät nach der einen oder der anderen der möglichen Verbindungen des Konträren besitzt. Wenn z. B. nützlich ist, was Gutes bewirkt, so muß schädlich sein, was Böses bewirkt oder Gutes zerstört. 147bDenn eines dieser beiden muß dem anfangs Genannten konträr sein. Wenn ihm demnach keines von beiden konträr ist, so kann offenbar keiner der an zweiter Stelle angegebenen Begriffe der Begriff des Konträren sein, und mithin ist dann auch der an erster Stelle angegebene Begriff nicht richtig angegeben. Da manches Konträre durch den Mangel des anderen ausgedrückt wird, wie z. B. die Ungleichheit ein Mangel der Gleichheit zu sein scheint — denn ungleich wird genannt, was nicht gleich ist —, so muß man offenbar das in der Form des Mangels ausgedrückte Konträre durch das andere definieren, dieses aber nicht wieder durch das in der Form des Mangels Ausgedrückte; denn da folgte, daß man jedes von beiden durch jedes erkännte. Man muß also bei dem Konträren auf diesen Fehler achtgeben, wie wenn man z. B. die Definition aufstellte, die Gleichheit sei das konträre Gegenteil der Ungleichheit: die Gleichheit würde da durch das in der Form des Mangels Ausgedrückte definiert. Auch muß der, der so definiert, das Definierte selbst verwenden, wie sich zeigt, wenn man statt des Namens den Begriff nimmt: es trägt nichts aus, ob man Ungleichheit sagt oder Mangel der Gleichheit, mithin wird Gleichheit das konträre Gegenteil des Mangels der Gleichheit sein, und so hat man das Definierte selbst in der Definition verwandt.

Wird keines von zwei Kontraria in der Form des Mangels ausgedrückt und der Begriff ebenso bestimmt, wie z. B.: gut ist das konträre Gegenteil von bös, so wird offenbar bös das konträre Gegenteil von gut sein. Denn man muß für das so Konträre den Begriff auf gleiche Weise bestimmen. Demnach folgt wieder, daß man das Definierte verwendet. Denn in dem Begriff von bös kommt gut vor. Ist demnach gut das Kontrarium von bös, und ist zwischen bös und Kontrarium von gut kein Unterschied, so wird gut das Kontrarium des Kontrariums von gut sein, und so hat man denn offenbar das Definierte selbst verwandt.

Ferner: ob man bei der Definition eines Mangels nicht angibt, worauf er sich bezieht, ob z. B. auf einen Habitus oder sein konträres Gegenteil oder auf was sonst, und ob man nicht beifügt, worin er seiner Natur nach auftritt, entweder überhaupt nicht, oder nicht, worin als erstem er von Natur auftritt, ob man z. B. die Unwissenheit einen Mangel, aber nicht einen Mangel des Wissens nennt oder nicht beifügt, worin er von Natur auftritt, oder dieses zwar tut, aber nicht angibt, worin als erstem er auftritt, indem man z. B. nicht sagt: in dem denkenden Seelenteile, sondern in dem Menschen oder der Seele. Tut man irgendeines davon nicht, so fehlt man. Ebenso, ob man die Blindheit nicht als einen Mangel des Gesichts im Auge bezeichnet: wer richtig angeben will, was der Mangel ist, 148amuß angeben, worauf er sich bezieht, aber auch, welches sein Subjekt ist.

Ferner: ob man etwas, was keinen Mangel besagt, als einen Mangel definiert, ein Fehler, der denen auch bei der (entsprechenden Definition der) Unwissenheit vorhanden scheint, die die Unwissenheit nicht im Sinne der Verneinung (des Mangels) verstehen. Denn nicht das, was kein Wissen hat, scheint unwissend zu sein, sondern vielmehr das Getäuschte, weshalb wir auch nicht sagen, daß das Seelenlose und die Kinder (die nicht getäuscht werden können) unwissend sind. Also wird die Unwissenheit nicht von dem Mangel des Wissens verstanden.

Zehntes Kapitel.

Ferner: ob gleichen Beugungsformen des Wortes gleiche des Begriffes entsprechen; z. B. wenn nützlich ist was gesund macht, ist auch nützlicherweise (ὠφελίμως) was auf eine Weise geschieht, die gesund macht (ποιητικῶς ὑγιείας), und ist was genützt hat, was gesund gemacht hat.

Auch ist zu prüfen, ob die angegebene Definition zu der Idee paßt. Denn dieses ist bei manchen Definitionen nicht der Fall, z. B. nicht bei der Weise wie Plato die verschiedenen Sinnenwesen definiert, indem er das Wort sterblich hinzusetzt. Die Idee, wie z. B. Mensch an sich, ist nicht sterblich, und mithin paßt der Begriff nicht zu der Idee. Überhaupt muß bei den Begriffen, die das Moment des Wirkens oder Leidens in sich schließen, die Definition mit der Idee verzwistet sein. Denn die Ideen sind für die, die sie annehmen, unfähig zu leiden und bewegt zu werden. Gegen sie sind mithin auch solche Gründe am Platze⁠[121]⁠.

Weiter: ob man bei homonymen Dingen (wo das gleiche Wort ungleiches bedeutet) nur einen gemeinsamen Begriff für alle angibt. Dinge, wo der Sinn der Bezeichnung einer ist, sind synonym, und somit kommt die aufgestellte Begriffsbestimmung keinem der durch das Wort bezeichneten Dinge zu, da sie gleichmäßig auf alles Homonyme passen soll. Diesen Fehler hat auch die Definition des Lebens durch Dionysius, sofern das Leben die Bewegung der sich ernährenden Gattung sein soll, die ihr angeboren ist und ihr folgt; denn das haben die Tiere nicht mehr als die Pflanzen. Das Leben scheint aber nicht nur als eine Art verstanden zu werden, und ein anderes den Tieren, ein anderes den Pflanzen zuzukommen. Man kann nun zwar den Begriff auch absichtlich so fassen, auf Grund der Vorstellung, daß alles Leben synonym, wie von einer Art, gedacht wird, aber es kann auch wohl geschehen, daß man sich der Homonymie eines Wortes bewußt ist und nur nach der einen Bedeutung definieren will und dennoch unvermerkt einen Begriff aufstellt, der nicht einer Bedeutung eigentümlich ist, sondern für beide Bedeutungen gilt. Gleichwohl fehlt man, möge man es so machen oder so⁠[122]⁠.

Da manches Homonyme sich als solches verbirgt, 148bso muß der Fragende das Homonyme beim Disputieren als synonym behandeln — denn die Definition für das eine wird für das andere nicht zutreffen, so daß es den Anschein gewinnt, daß nicht in richtiger Weise definiert worden ist, da die Begriffsbestimmung für alles Synonyme zutreffen muß —, dagegen muß der Antwortende (der den Satz aufstellt) selbst (von sich aus) die verschiedenen Bedeutungen unterscheiden.

Da aber manche von denen, die zu antworten haben (Defendenten), das Synonyme für homonym erklären, wenn der angegebene Begriff nicht auf alles paßt, und das Homonyme für synonym, wenn er auf beides paßt, so muß man sich vorher mit dem Gegner hierüber verständigen oder durch logischen Schluß dartun, daß etwas das eine oder das andere, homonym oder synonym ist. Denn man gibt es dann eher zu, weil man die Folgen, die sich daraus ergeben, nicht voraussieht.

Wenn aber keine Einigung vorausgegangen ist und der Gegner das Synonyme für homonym erklärt, weil der angegebene Begriff nicht auch auf dieses paßt, so muß man sehen, ob der Begriff, den man von ihm aufstellt, auf das übrige paßt. Denn dann muß es offenbar mit dem übrigen synonym sein. Wäre es das nicht, so gäbe es für das übrige mehrere Definitionen. Denn es paßten die beiden Erklärungen des Wortes darauf, die vorher und die nachher gegebene.

Wenn aber jemand hinwieder bei der Definition eines vieldeutigen Ausdrucks, falls der Begriff nicht auf alles paßte, ihn zwar nicht für homonym erklärte, aber bestritte, daß das Wort auf alles passe, indem es auch der Begriff nicht tue, so wäre einem solchen zu bemerken, daß man die überlieferte und gewöhnliche Benennung auf alle Fälle anwenden müsse und an solches nicht rühren dürfe, wohl aber dürfe man manches nicht so sagen wie der große Haufe⁠[123]⁠.

Elftes Kapitel.

Wird die Bestimmung eines zusammengesetzten Begriffs gegeben, so muß man den Begriff des einen der beiden Stücke wegnehmen und sehen, ob auch der Begriff des Restes auf den Rest paßt. Wenn nicht, so paßt auch nicht der Begriff des Ganzen auf das Ganze. Definiert man z. B. eine begrenzte grade Linie als das Ende einer Fläche, die Enden hat, dessen Mitte die Enden verdeckt, so muß, wenn der Begriff der begrenzten Linie ist: Ende einer Fläche, die Enden hat, der Begriff der graden Linie der Rest sein: dessen Mitte die Enden verdeckt. Aber die unbegrenzte Linie hat weder Mitte noch Enden und ist doch grade. Mithin ist der Rest nicht die Definition des Restes⁠[124]⁠.

Ferner: ob der Begriff, wenn das Definierte zusammengesetzt ist, gleichgliedrig mit ihm aufgestellt wird. Der Begriff heißt gleichgliedrig, wenn so viele Nomina und Verba in ihm vorkommen, als das Zusammengesetzte Teile hat. In solchen Definitionen findet notwendig ein Umtausch der Bezeichnungen, ihrer aller oder einiger, 149astatt, da nun nicht mehr Bezeichnungen gebraucht werden als zuvor. Aber man muß beim Definieren statt der Worte Begriffe angeben, am besten für alle, wo nicht, doch für die meisten. Sonst hätte man auch definiert, wenn man bei einem einfachen Ausdruck nur den Namen vertauschte und z. B. statt Obergewand Mantel sagte.

Noch schlimmer wäre der Fehler, wenn man an Stelle eines Wortes ein noch unbekannteres setzte und z. B. für weißer Mensch sagte: lichter Sterblicher. So hat man einmal nicht definiert, und dann ist eine solche Rede auch noch weniger deutlich.

Man muß auch bei der Vertauschung der Worte achtgeben, ob sie nicht mehr dasselbe bezeichnen, wie wenn man z. B. die theoretische Wissenschaft für eine theoretische Meinung erklärt. Meinung ist nicht dasselbe wie Wissenschaft, was doch sein müßte, wenn auch das Ganze dasselbe sein soll. In beiden Wendungen ist ja der Ausdruck theoretisch gemeinsam, während der andere verschieden ist.

Ferner: ob man bei der Vertauschung des einen Wortes mit einem anderen nicht eine andere Differenz, sondern eine andere Gattung angegeben hat, wie es in dem angeführten Beispiel der Fall ist. Theoretisch ist weniger bekannt als Wissenschaft: dieses ist Gattung, jenes Differenz, die Gattung ist aber das Bekannteste von allem. Somit müßte man nicht mit der Gattung, sondern mit der Differenz einen Umtausch vornehmen, da sie minder bekannt ist. Doch diese Ausstellung ist wohl lächerlich. Es kann sehr wohl geschehen, daß die Differenz im Gegensatz zur Gattung durch ein sehr bekanntes Wort ausgedrückt ist⁠[125]⁠.

Tauscht man aber nicht ein Wort gegen ein Wort aus, sondern will man für ein Wort dessen Begriff setzen, so muß man offenbar eher die Definition der Differenz als die der Gattung angeben, da man die Definition um der Erkenntnis willen gibt. Denn die Differenz ist weniger bekannt als die Gattung.

Zwölftes Kapitel.

Hat der andere aber den Begriff der Differenz angegeben, so muß man sehen, ob dieser Begriff nicht etwa zu allgemein ist, indem er noch anderes als die fragliche Differenz umfaßt. Hat man z. B. die ungrade Zahl als eine Zahl bezeichnet, die eine Mitte hat, so muß man auch noch angeben, wie sie eine Mitte hat. Das Wort Zahl kommt hier in beiden Wendungen zugleich vor, während man mit dem Ausdruck für ungrad einen Tausch vorgenommen hat. Es haben aber auch die Linie und der Körper eine Mitte und sind doch nicht ungrad. Mithin haben wir hier keine Definition von ungrad. Ist aber der Ausdruck: was eine Mitte hat, vieldeutig, so muß man angeben, wie es eine Mitte hat. Mithin ist hier entweder für einen Tadel Raum oder für den logischen Schluß, daß keine Definition erbracht ist.

Wiederum: ob das Objekt des aufgestellten Begriffes zwar zu dem Seienden gehört, dasselbe aber mit seinem Inhalt nicht der Fall ist, wie wenn man 149bz. B. das Weiße als eine mit Feuer vermischte Farbe definierte. Es ist unmöglich, daß das Unkörperliche mit einem Körper vermischt sei, und mithin kann es keine mit Feuer vermischte Farbe geben, aber es gibt ein Weißes⁠[126]⁠.

Ferner: alle, die bei den Relativa nicht unterscheiden, worauf sie sich beziehen, sondern mehreres mit ihrer Angabe umfassen, geben eine ganz oder teilweise falsche Definition, so z. B. wenn man die Heilkunde für die Wissenschaft des Seienden erklärte. Ist die Heilkunde die Wissenschaft gar keines Seienden, so ist diese Bestimmung offenbar ganz und gar falsch, ist sie aber die Wissenschaft des einen Seienden und des anderen nicht, so ist sie teilweise falsch. Denn sie muß die Wissenschaft alles Seienden sein, wenn sie an sich und nicht mitfolgend die Wissenschaft des Seienden sein soll, wie es bei den anderen Relativa der Fall ist. Auf die Wissenschaft wird alles Wißbare bezogen, und ebenso ist es bei den anderen Begriffen, da alles Relative sich umkehren läßt.

Es würde auch, wenn es richtig wäre, den Beziehungspunkt nicht an sich, sondern mitfolgend zu bezeichnen, jedes Relative nicht auf eines, sondern auf mehreres bezogen werden. Denn es kann gar wohl dasselbe Ding Seiendes, Weißes und Gutes sein, und somit hätte man, welchen von diesen Beziehungspunkten man auch angäbe, ihn richtig angegeben, wenn jemand, der den Beziehungspunkt mitfolgend angibt, ihn richtig angibt.

Ein solcher Begriff kann aber auch unmöglich dem angegebenen Objekt eigentümlich sein. Denn nicht bloß die Heilkunde, sondern auch die meisten anderen Disziplinen werden auf das Seiende bezogen, und so wäre jede die Wissenschaft des Seienden. So gilt denn offenbar diese Definition für keine Wissenschaft; denn die Definition muß eigentümlich, sie darf nicht gemeinsam sein.

Zuweilen definiert man ein Ding nicht schlechthin, sondern nach seiner guten Beschaffenheit oder nach seiner Vollendung. Von dieser Art ist die Definition des Redners und des Diebes, wofern ein Redner sein soll, wer es versteht, bei jedem Ding das Überzeugende herauszufinden und nichts zu übergehen, und ein Dieb wer heimlich wegnimmt. Offenbar wird bei solcher Beschaffenheit beider der eine ein guter Redner, der andere ein guter Dieb sein. Denn nicht wer heimlich wegnimmt, sondern wer heimlich wegnehmen will, ist ein Dieb⁠[127]⁠.

Wiederum hat man gefehlt, wenn man das seiner selbst wegen Wünschenswerte für ein Bewirkendes oder Tätiges oder wie immer eines anderen wegen Wünschenswertes erklärt, wie wenn man z. B. von der Gerechtigkeit angibt, daß sie die Gesetze erhält, oder von der Weisheit, daß sie die Glückseligkeit bewirkt. Was bewirkt oder erhält, ist eines anderen wegen wünschenswert. Oder ist es damit etwa so, daß ein seiner selbst wegen Wünschenswertes gar wohl auch wegen eines anderen wünschenswert sein kann? Aber man hat nichtsdestoweniger gefehlt, wenn man das seiner selbst wegen Wünschenswerte so definiert. Denn bei jedem Ding ist dasjenige sein Bestes, was am meisten in seinem Wesen liegt. Besser ist aber was seiner selbst, als was eines anderen wegen wünschenswert ist. Mithin müßte die Definition vielmehr dieses zum Ausdruck bringen.

Dreizehntes Kapitel.

150aMan muß auch sehen, ob einer ein Ding so definiert, daß er sagt: es ist diese Dinge (τάδε), oder: es besteht aus ihnen, oder: es ist das mit dem.

Ist es diese Dinge (τάδε), so muß es folgerichtig beiden oder keinem zukommen. So z. B., wenn man die Gerechtigkeit als Mäßigkeit und Starkmut definiert. Wenn zwei Personen sind, deren jede je eine dieser beiden Eigenschaften besitzt, so werden beide gerecht sein und keiner, da beide zusammen die Gerechtigkeit haben, während jeder für sich sie nicht hat.

Wenn aber das Gesagte noch nicht sehr ungereimt ist, da solches auch sonst vorkommt — denn zwei können ganz gut eine Mine haben, ohne daß sie einer von beiden hat —, so muß es aber doch ganz ungereimt erscheinen, daß ihnen Konträres beiwohnt. Das muß aber wirklich der Fall sein, wenn der eine von ihnen Mäßigkeit und Feigheit hat, der andere Starkmut und Unmäßigkeit. Denn da werden beide Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit haben. Denn wenn die Gerechtigkeit Mäßigkeit und Starkmut ist, wird die Ungerechtigkeit Feigheit und Unmäßigkeit sein. Überhaupt dient alles, woran sich zeigen läßt, daß Teile und Ganzes nicht dasselbe sind, dem Gesagten zur Stütze, da man bei einer solchen Weise der Begriffsbestimmung die Teile mit dem Ganzen zu identifizieren scheint, aber die treffendsten Gründe dafür liefern doch die Dinge, bei denen, wie z. B. bei einem Hause und dergleichen, die Zusammensetzung der Teile auf der Hand liegt; denn da kann offenbar, obschon die Teile da sind, das Ganze nicht da sein, so daß also die Teile nicht dasselbe sind wie das Ganze. Hat der andere aber nicht gesagt, es sei dieses (ταῦτα, diese Dinge), sondern das Kompositum aus ihm, so muß man zuerst sehen, ob aus dem Genannten (den genannten Dingen) von Natur eins werden kann. Manches steht zueinander in einem solchen Verhältnis, daß nichts aus ihm wird, wie z. B. Linie und Zahl.

Dann muß man sich fragen, ob zwar das Definierte von Natur in etwas Einheitlichem als erstem Subjekt Dasein gewinnen, dagegen seine vorgeblichen Bestandteile nicht in einem solchen, sondern jeder nur in je einem anderen entstehen können. Dann kann das Definierte offenbar nicht aus diesen Teilen bestehen. Denn worin die Teile, darin muß auch das Ganze vorhanden sein, mithin ist das Ganze nicht in einem, als seinem ersten Subjekt, sondern in mehreren.

Haben aber sowohl die Teile als das Ganze ein einheitliches erstes Subjekt, so muß man sehen, ob sie nicht dasselbe Subjekt haben, sondern ein anderes das Ganze und ein anderes die Teile.

Wiederum: ob die Teile zugleich mit dem Ganzen vergehen: es muß umgekehrt sein, daß, wenn die Teile vergangen sind, das Ganze vergeht. Wenn aber das Ganze vergangen ist, brauchen nicht auch die Teile vergangen zu sein.

Oder: ob das Ganze gut oder schlecht ist, die Teile aber keines von beiden, oder umgekehrt die Teile gut oder schlecht, das Ganze aber keines von beidem. Aus dem, was keines von beidem ist, kann weder Gutes noch Schlechtes werden, und ebenso aus dem, was schlecht oder gut ist, 150bnichts, was keins von beiden ist.

Oder: ob das eine mehr gut ist als das andere schlecht, das Kompositum aus beidem aber nicht mehr gut als schlecht, wie wenn z. B. die Unverschämtheit aus Mut und falscher Meinung bestehen soll. Der Mut ist mehr gut, als die falsche Meinung schlecht ist. Es müßte also auch das Kompositum aus beidem dem Mehr folgen und entweder schlechthin gut oder mehr gut als schlecht sein.

Indessen ist das vielleicht nicht notwendig, es müßte denn jedes von beiden an sich gut oder schlecht sein. Vieles, was Gutes bewirkt, ist an sich nicht gut, wohl aber gemischt, oder umgekehrt ist jedes von beiden gut, gemischt dagegen schlecht oder keins von beidem. Dieses zeigt sich am deutlichsten bei dem, was der Gesundheit nützlich oder schädlich ist. Manche Mittel sind so beschaffen, daß jedes für sich gut ist, gibt man sie aber beide gemischt, so schaden sie.

Wiederum: ob das Ganze, wenn es aus einem Besseren und einem Schlechteren besteht, nicht schlechter ist als das Bessere, aber besser als das Schlechtere. Doch ist wohl auch das nicht notwendig, wenn die Bestandteile nicht an sich gut sind, vielmehr kann es wohl geschehen, daß ein Ganzes herauskommt, das nicht gut ist, wie in dem eben angeführten Beispiel.

Ferner: ob das Ganze mit einem Teil synonym ist. Das darf nicht sein, wie es auch bei den Silben nicht vorkommt. Die Silbe ist mit keinem von den Buchstaben, aus denen sie besteht, synonym.

Ferner: ob der andere die Weise der Zusammensetzung nicht angibt. Um etwas zu erkennen, genügt es nicht zu sagen: aus dem und dem. Denn nicht darauf, daß etwas aus dem und dem, sondern darauf, daß es soundso daraus ist, beruht das Wesen eines jeden der zusammengesetzten Dinge, wie z. B. bei einem Hause. Wenn man die Materialien beliebig zusammengestellt hat, ist es noch lange kein Haus.

Hat der andere aber gesagt, das zu Definierende sei das mit dem, so ist dazu fürs erste zu bemerken, daß das mit dem dasselbe ist entweder mit dieses (τάδε) oder mit das aus ihm Bestehende. Wer sagt: Honig mit Wasser, sagt entweder: Honig und Wasser, oder: etwas aus Honig und Wasser, und so wird man ihm, mag er sein „das mit dem“ dem einen davon oder dem anderen gleichsetzen, füglich dasselbe bemerken können, was wir vorhin aufs eine und andere bemerkt haben.

Ferner muß man unterscheiden, in wie vielfachem Sinne man sagt: das eine mit dem anderen, und sehen, ob es in keinem Sinne zutrifft, daß das mit dem ist. Sagt man z. B.: das eine mit dem anderen wie in demselben aufnehmenden Subjekt, wie etwa Gerechtigkeit und Mut in der Seele sind, oder wie an demselben Ort oder in derselben Zeit, und erfüllt sich das Gesagte an dem Genannten in keiner Weise, so kann die angegebene Definition offenbar auf keines davon passen, da es in keiner Weise wahr ist, daß das mit dem ist.

151aWenn sich aber von den unterschiedenen Weisen die erfüllt, daß jedes von beiden in derselben Zeit da ist, so muß man sehen, ob möglicherweise nicht jedes auf dasselbe bezogen wird, in dem Falle z. B., daß man den Mut als Kühnheit mit richtiger Überlegung definiert. Denn möglicherweise hat man Kühnheit zu rauben und richtige Überlegung in Dingen, die die Gesundheitspflege angehen. Man ist aber noch nicht mutig, wenn man zu gleicher Zeit dieses mit diesem hat.

Aber auch wenn beides auf dasselbe, z. B. das Heilverfahren, bezogen wird, ist man es noch nicht. Man kann in Dingen, die dieses Verfahren betreffen, gar wohl Kühnheit und richtige Überlegung haben, und dennoch ist man deshalb, weil man das eine mit dem anderen besitzt, noch nicht mutig. Denn so wie keins von beiden auf ein anderes bezogen werden darf, ebenso darf auch, wenn sie auf dasselbe bezogen werden, dieses nicht das erste beste sein, sondern es muß das Ziel des Mutes sein, nämlich die Bestehung von Gefahren im Kriege oder vielleicht sonst etwas, was noch mehr als das das Ziel und die Vollendung alles Mutes ausmacht⁠[128]⁠.

Manches, was in dieser Art als Definition angegeben wird, fällt keineswegs unter die gedachte Unterscheidung, z. B. wenn man den Zorn definiert als ein Unlustgefühl mit der Vorstellung, daß man geringgeschätzt wird. Denn das will sagen, daß die Unlust durch die gedachte Vorstellung entsteht. Daß aber etwas durch das entsteht, ist nicht dasselbe, wie wenn das mit ihm ist, und zwar nach keiner der genannten Weisen.

Vierzehntes Kapitel.

Wenn der andere hinwieder das Ganze als die Verbindung von dem und dem, etwa das Sinnenwesen als eine Verbindung von Seele und Leib, bezeichnet, so muß man erstens sehen, ob er nicht gesagt hat, was für eine Verbindung es sein soll, wie etwa, ob er, um Fleisch oder Knochen zu definieren, sie als die Verbindung von Feuer, Erde und Luft bezeichnet hat⁠[129]⁠. Es genügt nicht, sie als eine Verbindung zu bezeichnen, man muß auch die Art der Verbindung angeben. Denn es entsteht kein Fleisch, wenn diese Elemente beliebig verbunden sind, sondern Fleisch, wenn sie so, Knochen, wenn sie so verbunden sind.

Es scheint aber auch überhaupt keine der beiden Substanzen mit Verbindung identisch zu sein. Jede Verbindung hat ihr konträres Gegenteil an einer Auflösung, die beiden aber haben keines⁠[130]⁠.

Wenn es endlich gleichen Glauben verdient, daß alles Zusammengesetzte, und daß keines eine Verbindung ist, und wenn jedes Lebewesen zwar zusammengesetzt, aber keine Verbindung ist, so kann auch wohl sonst kein Zusammengesetztes eine Verbindung sein⁠[131]⁠.

Wenn einem Dinge hinwieder von Natur gleichmäßig Konträres beiwohnen kann und man es durch einen der Gegensätze definiert, so hat man es offenbar nicht definiert. Sonst hätte man folgerichtig für denselben Gegenstand mehrere Definitionen. Denn warum sollte der eine ihn eher richtig angegeben haben, der ihn durch dieses, als der andere, der ihn durch jenes definiert, da von Natur gleichmäßig beide in ihm Raum finden? 151bDiesen Charakter hat z. B. die Definition der Seele, wenn sie eine der Wissenschaft fähige Wesenheit sein soll: sie ist ja ebenso der Unwissenheit fähig.

Man muß auch, wenn man nicht die ganze Definition angreifen kann, weil einem das Ganze nicht bekannt ist, einen ihrer Teile angreifen, wenn er bekannt ist und nicht richtig bestimmt worden zu sein scheint. Ist der Teil umgestoßen, so wird es auch die ganze Definition.

Die unklaren Definitionen muß man in der Weise behandeln, daß man sie gemeinsam mit dem Defendenten berichtigt und ihnen eine Fassung gibt, die einen bestimmten, anfechtbaren Sinn ausdrückt. Der Defendent muß dann entweder die Auffassung des Opponenten gelten lassen oder selbst erklären, was seine Definition sagen will.

Und wie man in den Volksversammlungen ein Gesetz einzubringen pflegt und das frühere aufhebt, wenn das eingebrachte besser ist, so muß man es auch mit den Definitionen machen und selbst eine bessere Definition vortragen. Wenn sie offenbar besser ist und das zu Definierende klarer beschreibt, so ist damit selbstredend die Definition des Defendenten umgestoßen, da es für einerlei Sache keine zwei Definitionen gibt.

Für alle Definitionen aber ist eine Hauptregel, daß man den vorliegenden Gegenstand bei sich selbst zutreffend definiert oder eine gut gefaßte Definition von ihm wieder hervorlangt. Dann wird man, als blickte man auf ein Muster, sowohl das, was der gegnerischen Definition an den gebührenden Angaben fehlt, als auch das, was ihr unnötig beigefügt ist, notwendig gewahr werden und so für die Disputation desto reicheren Stoff zur Verfügung haben.

So viel sei also von den Regeln gesagt, die sich auf die Definitionen beziehen.

Notes in this chapter

Note 1 · Ebendarum kann wissensfähig Proprium des Menschen sein; vgl. B. 5, Anm. 70.Note 2 · Vgl. bei Aristoteles d. anima I, 4. 408b 32 ff.; bei Plato Phädrus K. 24, 245 C. Übrigens will Aristoteles sonst nicht, daß die Seele sich sNote 3 · Was sich bewegt, hat eben damit ein unbestimmtes Sein. Es wäre nach diesem Orte verkehrt, das Geometrische aus der Bewegung zu bestimmen, diNote 4 · Der Sinn scheint zu sein, daß bei der gedachten Annahme die Definition doppelt fehle, weil sie das Objekt nicht aus Früherem und nicht aus BNote 5 · Wie man auch bei der Angabe der Leistungsfähigkeit das Höchste nennt.Note 6 · S. 143a 15 liest man: εἰ ὑπερβαίνειν λέγει τὰ γένη. Wir haben übersetzt, als stände da: ὑπερβαίνων, und als bedeutete λέγει: er definiert. INote 7 · Das ist freilich ein schlagender Beweis gegen die Ideen, wie Aristoteles sie deutet, ohne daß die Schriften Platos diese Deutung irgendwie rNote 8 · Die Gattung darf von der Differenz nicht so ausgesagt werden, als befasse sie die Differenz unter sich; sie befaßt die Art unter sich, der dNote 9 · Dieser Fall ist mit dem vorigen verwandt. Die Differenz hat einen weiteren Umfang als die Art, zweifüßig z. B. oder auf Füßen gehend einen wNote 10 · Die Differenz steht in der Mitte zwischen Gattung und Art, sie setzt die Gattung voraus, zweifüßig z. B. das Sinnenwesen, wird aber ihrerseiNote 11 · Das scheint hier πάθος zu bedeuten, nicht Leiden oder Passivität oder Zustand, sondern ποιότης παθητική, besonders Trockenheit und Nässe. WeNote 12 · Vgl. B. 2, K. 7 u. 9, B. 5, K. 6.Note 13 · Sind die Ideen ewige Wesenheiten, so kann das Sterbliche, sind sie ohne Wirken und Leiden, so kann das Wirkende und Leidende nicht an ihnen Note 14 · Ein Sophist Dionysius wird in der Physiognomik 3, 808a 16 genannt. Wenn man das Leben definiert wie er, so paßt die Definition nur auf die TNote 15 · Silv. Maurus bemerkt hier: loquendum cum multis, sentiendum cum paucis; vgl. 2. B. 2. K. letzter Absatz. Es ist falsch zu übersetzen: „wenn Note 16 · Von jedem Punkt der Geraden kann man nach hinten und vorn nicht über den nächsten Punkt hinaussehen, weil er die folgenden verdeckt. So paßtNote 17 · In diesem Falle muß also eher die Bezeichnung für die Gattung als die für die Differenz vertauscht werden.Note 18 · Feuer galt der alten Physik als Körper, aber Farbe ist kein Körper, sondern eine Qualität des Körpers.Note 19 · Wer heimlich und unbemerkt etwas wegnehmen will, es aber nicht fertig bringt, ist ein Dieb, aber kein guter Dieb.Note 20 · Man vergleiche nikomachische Ethik III, 9 und dazu die Anm. 17 in unserer Übers. d. Ethik.Note 21 · Vgl. B. 5, Anm. 99. Ob eine Verbindung Fleisch oder Knochen ist, soll sich danach richten, welche Elemente in dem Kompositum überwiegen, vglNote 22 · Es gibt kein kontrares Gegenteil von Fleisch und Knochen, wie es z. B. eines von weiß und hell gibt.Note 23 · Mit dem bloßen Wort Zusammensetzung hat man keine Definition des Zusammengesetzten.
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