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Topik

Zweites Buch.

Eugen Rolfes translation

Erstes Kapitel.

Einige Probleme sind allgemein, andere partikulär: allgemein ist z. B. das Problem, daß jede Lust gut ist und daß keine Lust gut ist, partikulär z. B. das Problem, 109adaß einige Lust gut ist und daß einige Lust nicht gut ist⁠[25]⁠.

Für beide Gattungen von Problemen sind die allgemein begründenden und umstoßenden Örter gemeinsam: haben wir gezeigt, daß etwas allem zukommt, so haben wir auch gezeigt, daß es einigem zukommt, und haben wir ebenso gezeigt, daß es keinem zukommt, so haben wir auch gezeigt, daß es nicht allem zukommt. Darum müssen wir zuerst von den allgemein umstoßenden Örtern handeln, einmal, weil solche Örter für die allgemeinen und die partikulären Probleme gemeinsam sind, und dann, weil man eher positive als negative Sätze aufstellt und die Disputierenden es sich zur Aufgabe machen, sie umzustoßen⁠[26]⁠.

Es ist sehr schwer, die eigentümliche Benennung nach dem Akzidenz (mit dem Subjekt des Akzidenz) zu vertauschen. Denn es kommt nur bei den Akzidenzien vor, daß etwas nur in gewisser Hinsicht und nicht allgemein und schlechthin gilt. Daß man den Tausch mit der Definition, dem Proprium und der Gattung vornehmen könne, ist notwendig. Wenn es z. B. einem Subjekte zukommt, auf Füßen gehendes zweibeiniges Wesen zu sein, so wird man mit Wahrheit umgekehrt von ihm sagen können, daß es ein auf Füßen gehendes zweibeiniges Wesen ist. Ebenso ist es, wenn man von der Gattung ausgeht: wenn es einem Subjekte zukommt, Sinnenwesen zu sein, so ist es ein Sinnenwesen. Gleiches gilt vom Proprium: kommt es einem Subjekte zu, der Grammatik fähig zu sein, so wird es der Grammatik fähig sein. Keine von diesen Bestimmungen kann einem Subjekte nur in gewisser Hinsicht, sondern nur schlechthin zukommen oder nicht zukommen. Bei den Akzidenzien dagegen hindert nichts, daß sie dem Subjekte in gewisser Hinsicht zukommen, z. B. die Weiße oder die Gerechtigkeit, und so genügt es (beim Disputieren) nicht, zu zeigen, daß einem Subjekte Weiße oder Gerechtigkeit zukommt, um zu zeigen, daß es weiß oder gerecht ist. Daher brauchen die Akzidenzien nicht mit dem Subjekt konvertibel zu sein.

Noch muß man betonen, daß die Fehler bei den Problemen zweifach sind, indem sie entweder in einer falschen Behauptung oder in der Abweichung von der üblichen Redeweise bestehen. Es fehlen diejenigen, die Falsches behaupten und den Dingen zukommen lassen, was ihnen nicht zukommt; diejenigen aber, die sie mit fremden Namen bezeichnen, wie z. B. die Platane als einen Menschen, weichen von der üblichen Redeweise ab.

Zweites Kapitel.

Ein Ort nun ist, daß man zusieht, ob man das, was einem Dinge in anderer Weise zukommt, etwa für ein Akzidenz erklärt hat. Dieser Fehler kommt besonders bei den Gattungen vor, wenn man z. B. behauptet, dem Weißen sei es akzidentell, Farbe zu sein; denn es ist dem Weißen nicht akzidentell, Farbe zu sein, sondern die Farbe ist seine Gattung.

Es mag nun der, der einen Satz aufstellt, auch förmlich erklären,109b daß es z. B. der Gerechtigkeit mitfolgt (ihr akzidentell ist), eine Tugend zu sein, aber oft wird man sich, auch ohne einen Begriff aufgestellt zu haben, sagen müssen, daß man die Gattung wie ein Akzidenz behandelt hat, wie wenn man z. B. sagte, die Weiße sei gefärbt oder das Gehen werde bewegt. Denn von keiner Gattung wird ein Wort abgeleitet, um damit (paronymisch, denominativ) die Art zu bezeichnen, sondern alle Gattungen werden von den Arten synonymisch ausgesagt, da die Arten so den Namen wie den Begriff der Gattungen annehmen. Wer also das Weiße für ein Gefärbtes erklärt, hat damit weder die Gattung angegeben, da er ja ein von Farbe abgeleitetes Wort dafür gebraucht hat, noch das Proprium, noch die Definition. Denn Definition und Proprium kommen keinem anderen zu, aber gefärbt ist auch sonst manches, wie Holz, Stein, Mensch, Pferd. So erklärt er es denn offenbar für ein Akzidenz.

Ein anderer Ort ist die Betrachtung der Objekte, von denen der Gegner behauptet hat, daß ein Attribut entweder ihnen allen oder keinem zukommt. Man muß sie nach Arten, nicht in den Individuen prüfen, die ja ohne Zahl sind. So verläuft die Untersuchung methodischer und verliert sich nicht ins Weite. Man muß aber mit der Prüfung der obersten Klassen anfangen und von da bis zu den nicht weiter teilbaren Arten fortschreiten. Hat man z. B. gesagt, daß die Wissenschaft des Entgegengesetzten dieselbe ist, so muß man sehen, ob die Wissenschaft des Relativen, des Konträren, des Mangels und des Habitus, und des Kontradiktorischen dieselbe ist. Und ist es hierbei noch nicht klar, so muß man wieder weiter unterscheiden bis zu den nicht mehr teilbaren Arten, muß z. B. sehen, ob der Satz gilt für Gerechtes und Ungerechtes, Doppeltes und Halbes, Blindheit und Gesicht, oder Sein und Nichtsein. Denn wenn von irgend etwas erwiesen ist, daß sie bei ihm nicht dieselbe ist, so haben wir das Problem umgestoßen. Ebenso ist es, wenn ein Attribut keinem zukommen soll. Dieser Ort paßt übrigens gleichmäßig für Aufhebung und Behauptung von Problemen. Sieht man etwas bei allen oder vielen Objekten, die man durch Unterscheidung erhält, sich bestätigen, so kann man verlangen, daß man es auch allgemein behauptet oder im Falle der Beanstandung sagt, wo es sich nicht bestätigt. Wer keins von beidem tut, macht sich mit seiner Ablehnung der These lächerlich.

Ein anderer Ort ist, Begriffe für das Mitfolgende (Akzidentelle) und das, dem es mitfolgt, sei es für beides besonders, oder nur für eines, aufzustellen, und dann zuzusehen, ob etwas nach den Begriffen nicht Wahres für wahr genommen worden ist. Ist das Problem z. B., ob man Gott Unrecht tun kann, so ist zu fragen, was Unrecht tun heißt. Heißt es freiwillig schaden, so kann Gott offenbar kein Unrecht getan werden. Denn Gott kann keinen Schaden erleiden. Und ist das Problem, ob der Tugendhafte neidisch ist, so fragt es sich: was ist neidisch und was ist Neid? Ist Neid Unlust über anscheinendes Wohlergehen eines guten Mannes, so ist der Tugendhafte offenbar nicht neidisch. Denn er müßte ja schlecht sein. Und wenn das Problem ist, ob der Unwille im Sinne der Nemesis als Neid gelten muß, so ist zu fragen: wie sind diese beiden Begriffe zu bestimmen? 110aDenn so wird sich herausstellen, ob es wahr ist, wenn man es bejaht. Besteht z. B. der Neid darin, daß man Unlust über das Wohlergehen der Guten, dagegen der Unwille im Sinne der Nemesis darin, daß man Unlust über das Wohlergehen der Bösen empfindet, so können offenbar der Neid und dieser gerechte Unwille nicht eins sein. Hierher gehört auch, daß man an die Stelle der in der Definition vorkommenden Worte eigene Begriffe setzt und damit nicht aufhört, bis man vom minder Bekannten zum Bekannten kommt. Denn das Gesuchte ist oft, wenn man nur den ganzen Begriff angibt, noch nicht klar und wird es erst, wenn man für eines der Worte der Definition den Begriff einsetzt⁠[27]⁠.

Ferner kann man sich aus einem Problem einen Satz machen und dagegen einen Einwand erheben. Denn der Einwand wird ein Angriff gegen die These sein. Dieser Ort ist fast derselbe, wie wenn man die Objekte betrachtet, die alle ein Attribut entweder haben oder nicht haben sollen. Der Unterschied liegt nur in der Form (vgl. Abs. 3).

Ferner muß man unterscheiden, über was für Dinge man mit der Menge reden muß, und über was für Dinge nicht. Das ist gleichmäßig für Begründung und Widerlegung der Probleme von Nutzen. Man muß nämlich bei der Benennung der Dinge mit der Menge gehen⁠[28]⁠; wenn es sich aber fragt, was für Dinge einer Benennung unterliegen, und was für Dinge nicht, hat man sich an die Menge nicht mehr zu kehren. Man muß z. B. gesund nennen, was die Gesundheit bewirkt, wie die Menge sagt. Ob aber das Vorliegende die Gesundheit bewirkt, oder nicht, muß nicht nach der Meinung der Menge, sondern nach dem Urteil des Arztes bestimmt werden.

Drittes Kapitel.

Wenn ferner etwas vieldeutig gesagt wird, aber einem Subjekte zukommen oder nicht zukommen soll, so muß man eines von dem vieldeutig Gesagten zeigen, wenn man nicht beides kann. Man muß dieses da tun, wo die Vieldeutigkeit verborgen ist; wo das nicht der Fall ist, wird der Gegner insistieren und sagen, es sei nicht über das von ihm selbst in Zweifel Gezogene disputiert worden, sondern über das andere.

Dieser Ort paßt gleichmäßig für Begründung und Widerlegung. Wollen wir ein Problem begründen, so werden wir zeigen, daß dem Subjekte eines von beiden zukommt, wenn wir beides nicht zeigen können; bestreiten wir es, so werden wir zeigen, daß eines ihm nicht zukommt, wenn wir es von beiden nicht können. Nur braucht der Widerlegende durchaus nicht auf Grund einer vorausgegangenen Verständigung zu disputieren, sei es, daß etwas allem oder keinem zukommen soll. Denn wenn wir gezeigt haben, daß es irgendeinem nicht zukommt, so haben wir die Behauptung entkräftet, daß es allem zukommt, und ebenso werden wir, wenn wir zeigen, daß es einem zukommt, die Behauptung entkräften, daß es keinem zukommt. Diejenigen dagegen, die etwas behaupten, müssen sich zuvor dahin verständigen, daß wenn ein Attribut irgendeinem zukommt, es allen zukommt, vorausgesetzt, daß dieses Postulat glaubhaft ist. 110bDenn um zu zeigen, daß etwas allem zukommt, genügt es nicht, über eines zu disputieren; wenn z. B. die Seele des Menschen unsterblich ist, genügt dieses nicht, um zu zeigen, daß jede Seele unsterblich ist, und so muß man sich zuvor verständigen, daß, wenn irgendeine Seele unsterblich ist, jede unsterblich ist. Man muß das aber nicht immer tun, sondern nur dann, wenn wir keinen gemeinsamen Grund für alles anführen können, wie der Mathematiker für den Satz, daß die Winkelsumme des Dreiecks zwei Rechte beträgt.

Ist die Vieldeutigkeit nicht verborgen, so muß man angeben, in wie vielfacher Bedeutung etwas gesagt wird, und hiernach das Problem widerlegen und begründen. Wenn z. B. das Gebotene das Nützliche oder das sittlich Gute ist, so muß man für den vorliegenden Fall beides zu begründen oder zu bestreiten suchen, daß es nämlich sittlich gut und nützlich, oder daß es weder sittlich gut noch nützlich ist. Kann man nicht beides, so muß man eines zeigen, und dabei bemerken, daß das Gebotene das eine sei, das andere nicht. Dieselbe Rede gilt, wenn der Bedeutungen, die ein Wort hat, mehrere sind.

Wiederum (ist alles das zu beachten), was nicht auf Grund der Homonymie (Gleichheit des Wortes bei verschiedener Bedeutung), sondern auf andere Weise mehrdeutig ist, wie z. B. die Wissenschaft mehrerer Dinge eine ist, entweder als Wissenschaft des Zieles und der Mittel, wie die Heilkunst auf die Bewirkung der Gesundheit und auf die Diät geht, oder als Wissenschaft beider Ziele, wie die Wissenschaft der Gegensätze dieselbe genannt wird — denn der eine Gegensatz ist nicht mehr Ziel als der andere —, oder endlich als Wissenschaft dessen, worauf sie an sich und worauf sie mitfolgend (per accidens) geht, wie sie an sich z. B. von dem Dreieck, mitfolgend aber von dem gleichseitigen Dreieck weiß, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt; denn weil es dem gleichseitigen Dreieck mitfolgt (akzidentell ist), Dreieck zu sein, so erkennen wir daraus, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt.

Wenn nun die Wissenschaft mehrerer Dinge in keiner Weise dieselbe sein kann, so kann sie es offenbar überhaupt nicht sein, oder kann sie es irgendwie sein, so kann sie es offenbar sein. Man muß aber nur so viele Unterscheidungen machen, als ersprießlich ist. Wollen wir z. B. begründen, so müssen wir lauter solche Fälle vorbringen, wo die behauptete Sache möglich ist, und nur solche Unterscheidungen machen, die für die Begründung von Nutzen sind; wollen wir aber widerlegen, so müssen wir alle Fälle vorbringen, wo das Behauptete nicht möglich ist, und die anderen übergehen. Man muß das auch bei Mehrdeutigkeiten dieser Art in dem Falle tun, wo es unbekannt ist, wie viele der Bedeutungen sind. Und auch daß das auf das geht oder nicht geht, ist auf Grund derselben Örter zu zeigen, z. B. daß die und die Wissenschaft auf das und das geht, sei es wie auf ihr Ziel, oder wie auf Mittel zur Erreichung des Zieles, oder wie auf das, was dem Objekte mitfolgt, oder wiederum daß etwas nach keiner der genannten Weisen zutrifft. Dasselbe gilt von dem Begehren und allem, was sonst noch auf mehreres geht. 111aDenn das Begehren geht auf eine Sache entweder als Ziel, wie die Gesundheit, oder als Mittel, wie das Arzneinehmen, oder als Mitfolgendes, wie etwa der Freund von Süßigkeiten nach dem Weine begehrt, nicht weil er Wein, sondern weil er süß ist. Denn er begehrt nach dem Süßen an und für sich, nach dem Weine aber mitfolgend; denn wenn er herb ist, begehrt er ihn nicht mehr. Er begehrt ihn also mitfolgend.

Dieser Ort ist bei den Relativa von Nutzen; denn zu ihnen gehören gewöhnlich die Dinge, die in der angezeigten Weise vieldeutig sind.

Viertes Kapitel.

Auch muß man ein Wort mit einem anderen, bekannteren vertauschen, muß z. B., wenn es sich um eine Ansicht handelt, statt genau klar sagen, ebenso statt πολυπραγμοσύνη (Lage dessen, der viel zu tun hat), φιλοπραγμοσύνη (Art dessen, der sich gern zu tun macht). Denn wenn man bekanntere Ausdrücke braucht, läßt sich leichter über eine These disputieren. Auch dieser Ort ist für beides, das Begründen und das Widerlegen, gemeinsam.

Um zu zeigen, daß die Gegensätze demselben Subjekte zukommen, muß man die Gattung betrachten. Wenn wir z. B. zeigen wollen, daß es in der Wahrnehmung Wahrheit und Irrtum gibt, und Wahrnehmen Urteilen ist, man aber wahr und nicht wahr urteilen kann, so muß es in der Wahrnehmung Wahrheit und Irrtum geben.

Dieser Beweis war ein Schluß von der Gattung auf die Art. Urteilen ist Gattungsbegriff von Wahrnehmen. Denn der Wahrnehmende urteilt gewissermaßen. Man kann aber auch umgekehrt von der Art einen Schluß für die Gattung machen. Denn was der Art zukommt, kommt auch der Gattung zu. Wenn es z. B. eine schlimme und eine gute Wissenschaft gibt, so gibt es auch eine schlimme und eine gute Verfassung. Denn Verfassung ist Gattungsbegriff von Wissenschaft.

Der erste von diesen beiden Orten ist, für die Begründung verwandt, falsch, der zweite wahr. Nicht alles, was der Gattung zukommt, braucht auch der Art zuzukommen. Das Sinnenwesen ist geflügelt und vierfüßig, der Mensch nicht. Alles aber, was der Art zukommt, muß auch der Gattung zukommen. Ist der Mensch tugendhaft, so ist es auch das Sinnenwesen⁠[29]⁠. Dagegen für die Widerlegung verwandt, ist der erste wahr, der zweite falsch. Alles, was der Gattung nicht zukommt, kommt auch der Art nicht zu, aber nicht alles, was der Art nicht zukommt, braucht der Gattung nicht zuzukommen.

Weiterhin muß, wem die Gattung zugeschrieben wird, auch eine der Arten zugeschrieben werden, und was die Gattung hat oder ein Paronymon⁠[30] der Gattung ist, auch eine der Arten haben oder ein Paronymon von ihr sein. Wird einem z. B. die Wissenschaft zugeschrieben, so wird ihm auch die Grammatik oder die Musik oder sonst eine Wissenschaft zugeschrieben werden, 111bund wenn einer eine Wissenschaft inne hat oder mit einem paronymen Namen bezeichnet wird, wird er auch die Grammatik inne haben oder die Musik oder sonst eine Wissenschaft oder mit einem von diesen Künsten hergenommenen Namen bezeichnet werden, z. B. als Grammatiker oder Musiker.

Wird nun in einer Behauptung etwas wie immer nach der Gattung bezeichnet, z. B. gesagt, daß die Seele bewegt wird, so muß man zusehen, ob die Seele nach einer der Arten der Bewegung bewegt werden kann, ob sie z. B. wachsen oder vergehen oder entstehen kann, und was sonst noch für Arten der Bewegung sind. Denn wenn sie es nach keiner kann, wird sie offenbar nicht bewegt.

Dieser Ort gilt gemeinsam für beides, Widerlegung und Begründung. Was nach einer der Arten bewegt wird, wird offenbar bewegt, und was nach keiner der Arten bewegt wird, wird offenbar nicht bewegt.

Wer aber keinen Stoff hat, um über die These zu disputieren, muß die Sache vom Standpunkte der Definitionen des betreffenden Gegenstandes, der wirklichen oder wahrscheinlichen, und nicht bloß einer, sondern mehrerer, in Angriff nehmen. Hat man die Definitionen angeführt, so ist leichter disputieren. Denn Definitionen bieten mehr Möglichkeit, etwas zu erörtern⁠[31]⁠.

Man muß ferner bei einer Behauptung zusehen, was sein muß, damit das Behauptete sei, oder was sein muß, wenn das Behauptete ist. Will man beweisen, so muß man zusehen, was sein muß, damit das Behauptete sei — denn ist gezeigt, daß es ist, so ist auch das Behauptete gezeigt —; will man aber widerlegen, so muß man zusehen, was ist, wenn das Behauptete ist. Denn wenn wir gezeigt haben, daß das, was auf die Behauptung folgt, nicht ist, haben wir die Behauptung entkräftet.

Auch muß man auf die Zeit sehen, ob sie etwa mit einer Behauptung disharmoniert, wenn z. B. jemand sagt, daß das, was sich ernährt, notwendig wächst. Die Tiere ernähren sich immer, wachsen aber nicht immer. Ebenso ist es mit der Behauptung, Wissen sei Erinnerung. Das eine geht auf die Vergangenheit, das andere auch auf Gegenwart und Zukunft. Man sagt, daß man das Gegenwärtige und das Zukünftige weiß, z. B. den Eintritt einer Finsternis, aber Erinnerung kann es nur an Vergangenes geben.

Fünftes Kapitel.

Ferner (kommt hier) die sophistische Weise (in Betracht), die darin besteht, daß man die Disputation auf einen Punkt bringt, wo einem viele Gründe zur Verfügung stehen müssen. Das wird bald wirklich nötig sein, bald scheinbar, bald weder scheinbar noch wirklich. Wirklich nötig ist es, wenn der Antwortende etwas leugnet, was für den Beweis der These von Nutzen ist, und Gründe dagegen geltend macht, das Bestrittene aber von der Art ist, daß man vieles zu seinen Gunsten anführen kann. Ebenso wenn er, die aufgestellte Behauptung benutzend, 112aauf irgendeinen Punkt das induktive Verfahren anwendet mit der Absicht, ihn umzustoßen. Denn mit diesem Punkte fiele auch die Behauptung. Nur scheinbar nötig ist das gedachte Verfahren, wenn der Punkt, gegen den sich die Reden kehren, zwar brauchbar und zur These gehörig scheint, es aber nicht wirklich ist, mag nun derjenige, der sich für den Einwurf einsetzt, ihn dadurch umzustoßen suchen, daß er einfach leugnet, oder mag auf Grund der These eine scheinbare Induktion gegen ihn erbracht werden. Der noch übrige Fall ist gegeben, wenn das, wogegen die Reden sich kehren, weder nötig ist noch scheint, aber eine andere falsche Widerlegung gegen den Antwortenden zur Hand wäre. Vor dieser letzten Weise muß man sich hüten. Sie gehört gar nicht in die Dialektik und ist ihr gänzlich fremd. Darum darf auch der Antwortende bei solchen Einreden keine Schwierigkeit machen, sondern muß alles, was für die These ohne Belang ist, gelten lassen, indem er es immer beifügt, wenn er etwas nicht glaubt, aber doch gelten läßt. Denn die Fragenden kommen meistens in ärgere Verlegenheit, wenn ihnen alles Derartige eingeräumt wird, und sie gleichwohl nicht zum Ziele gelangen.

Wer ferner irgend etwas gesagt hat, hat gewissermaßen vieles gesagt, da aus jedem notwendig mehreres folgt. Wer z. B. von etwas gesagt hat, daß es ein Mensch ist, hat auch gesagt, daß es ein Sinnenwesen, zweibeinig und der Einsicht und Wissenschaft fähig ist, und so wird, wenn irgendeine Folge umgestoßen wird, auch die ursprüngliche Behauptung umgestoßen. Man muß sich aber (bei dem Angriff auf eine Behauptung) auch hüten, etwas mit dem Schwereren zu vertauschen. Denn es ist bald leichter die Folgerung, bald den Hauptsatz selbst umzustoßen.

Sechstes Kapitel.

Wo dem Subjekt notwendig nur eines von beiden, dem Menschen z. B. Krankheit oder Gesundheit, zukommt, werden wir, wenn wir von dem einen leicht darlegen können, daß es ihm zukommt oder nicht zukommt, es auch von dem anderen können. Das gilt also umgekehrt für beides, Widerlegung und Behauptung. Haben wir gezeigt, daß einem das eine zukommt, so haben wir gezeigt, daß ihm das andere nicht zukommt, und wenn wir gezeigt haben, daß es ihm nicht zukommt, haben wir gezeigt, daß ihm das andere zukommt. Der Ort ist also offenbar für beides nützlich.

Um einen weiteren Ort zu erhalten, greift man die Sache in der Weise an, daß man ein Wort auf seinen Begriff zurückführt und betont, daß man es durchaus diesem gemäß auffassen müsse, statt so, wie es gewöhnlich genommen wird. So sei εὔψυχος (guten Mutes, tapfer) nicht der Mutige, wie das Wort jetzt verstanden wird, sondern ein Mann, mit dessen Seele es wohl bestellt ist, wie εὔελπις ein Mann ist, der gutes hofft, und sei ebenso εὐδαίμων (glücklich) ein Mann, dessen Dämon tugendhaft ist, in dem Sinne des Xenokrates, der glücklich nennt, wer eine tugendhafte Seele hat; denn diese sei des Menschen Dämon (guter Geist).

112bDa ferner von den Dingen die einen notwendig, die anderen gewöhnlich, noch andere zufällig sind, so schafft man jedesmal einen Ort für einen Angriff, wenn man das Notwendige als das Gewöhnliche oder das Gewöhnliche als das Notwendige setzt, sei es nun das Gewöhnliche selbst oder sein Gegenteil. Setzt man das Notwendige als das Gewöhnliche, so sagt man damit offenbar, daß es nicht allem zukommt, da es doch allem zukommt, muß also fehlen. Und sagt man umgekehrt, daß was gewöhnlich ist, notwendig ist, so ist es in gleicher Weise gefehlt. Denn man läßt allem zukommen was doch nicht allem zukommt. Ebenso ist es, wenn man das Gegenteil des Gewöhnlichen notwendig sein läßt. Das Gegenteil des Gewöhnlichen ist immer das Seltenere, wie wenn etwa die Menschen gewöhnlich schlecht sind, sie seltener gut sind. Und so ist es noch ärger gefehlt, wenn man sie notwendig gut sein läßt. Dasselbe ist der Fall, wenn man das Zufällige notwendig oder gewöhnlich sein läßt. Denn das Zufällige ist weder das eine, noch das andere.

Man kann auch, wenn einer nicht unterscheidet, ob etwas gewöhnlich oder notwendig sein soll, die Sache aber nur gewöhnlich ist, so gegen ihn disputieren, als sollte es ihm zufolge notwendig sein. Hat er z. B. die Enterbten unterschiedslos schlecht genannt, so kann man so gegen ihn disputieren, als sollten sie es ihm zufolge notwendig sein.

Ferner (setzt man sich einem Angriffe aus), wenn man etwas sich selbst wie ein Verschiedenes mitfolgen läßt, weil das Wort verschieden ist, wie z. B. Prodikus die Lüste in Freude, Ergötzung und Frohsinn unterschied. Das sind ja lauter Namen für etwas mit der Lust Identisches. Läßt man also die Freude dem Frohsinn mitfolgen, so muß man etwas sich selbst mitfolgen lassen.

Siebentes Kapitel.

Da ferner Entgegengesetztes sechsfach miteinander verbunden wird, aber nur in vier Verbindungen einen Gegensatz bildet, so muß man es so verwenden, wie es für die Widerlegung und die Begründung nützen kann. Daß es sechsfach verbunden wird, ist klar. Entweder wird beides Entgegengesetzte mit beidem (jedes von zwei Prädikaten mit jedem von zwei Subjekten) verbunden werden, und zwar zweifach, wie den Freunden Gutes und den Feinden Böses, oder hinwieder den Freunden Böses und den Feinden Gutes tun, oder man sagt beides von dem einen, und auch das zweifach, wie den Freunden Gutes und den Freunden Böses, oder den Feinden Gutes und den Feinden Böses, oder man sagt das eine von beiden, und auch das zweifach, wie den Freunden Gutes und den Feinden Gutes, oder den Freunden Böses und den Feinden Böses.

113aDie zwei erstgenannten Verbindungen bilden nun keinen Gegensatz: den Freunden Gutes und den Feinden Böses tun steht sich nicht entgegen: beides ist zu tun und ist Sache derselben Gesinnung. Auch den Freunden Böses und den Feinden Gutes tun steht sich nicht entgegen: beides ist wieder gleichmäßig zu meiden und Sache derselben Gesinnung. Ein Ding, das zu meiden ist, steht aber einem anderen Ding, das auch zu meiden ist, nicht entgegen, es müßte denn das eine ein Zuviel, das andere ein Zuwenig besagen. Denn das Zuviel gehört zu den Dingen, die zu meiden sind, ebenso, wie das Zuwenig. Dagegen bilden alle anderen vier Opposita einen Gegensatz. Den Freunden Gutes tun ist der Gegensatz von den Freunden Böses tun: es kommt von entgegengesetzter Gesinnung, und das eine ist zu tun, das andere ist zu meiden. Ebenso ist es mit den anderen Opposita. Bei jeder Verbindung ist das eine zu tun, das andere zu meiden und das eine Ausfluß einer guten, das andere Ausfluß einer schlechten Gesinnung.

Aus dem Gesagten erhellt also, daß es von ein und demselben mehrere Gegensätze gibt. Den Freunden Gutes tun hat zum Gegensatz sowohl den Feinden Gutes tun, als auch den Freunden Böses. Ebenso werden sich hier, wenn man auf dieselbe Weise zusieht, von jedem anderen zwei Gegensätze ergeben. Man muß also von den beiden Gegensätzen jedesmal den verwenden, der für die These nützlich ist.

Ferner, wenn das Akzidenz ein Gegenteil hat, muß man sehen, ob es dem Subjekt zukommt, dem das Akzidenz zukommen soll. Wenn es ihm zukommt, kann jenes ihm nicht zukommen. Dann demselben Subjekt kann unmöglich gleichzeitig Entgegengesetztes zukommen.

Oder (man muß zusehen) ob von einem Subjekt etwas Derartiges gesagt worden ist, daß ihm, wenn es wahr ist, Entgegengesetztes zukommen muß. Nehmen wir z. B. die Behauptung, daß die Ideen in uns sind. Es würde da folgen, daß sie gleichzeitig bewegt werden und ruhen, und daß sie sinnlich und intelligibel sind. Denn denen, die Ideen annehmen, scheinen die Ideen zu ruhen und intelligibel zu sein. Wenn sie aber in uns sind, können sie unmöglich unbewegt sein. Denn notwendig muß, wenn wir bewegt werden, auch alles, was in uns ist, mitbewegt werden. Sie sind aber offenbar auch, wenn sie in uns sind, sinnlich; denn die Form an jedem Ding erkennen wir mit dem Gesichtssinn⁠[32]⁠.

Wenn wiederum einem Subjekt ein Akzidenz, das ein Gegenteil hat, zugeschrieben wird, muß man sehen, ob dieses Subjekt ebenso für das Gegenteil empfänglich ist. Denn dasselbe Ding ist für Entgegengesetztes empfänglich. So müßte, wenn man behauptet hätte, daß der Haß dem Zorn folgt, der Haß in dem iraszibeln Teile des Strebevermögens sein, weil der Zorn in ihm ist. 113bMan muß also sehen, ob auch das Gegenteil, die Liebe, in dem iraszibeln Teile ist. Denn ist das nicht der Fall, ist die Liebe vielmehr in dem konkupiszibeln Teile, so kann nicht der Haß dem Zorne folgen. Ebenso ist es auch, wenn man behauptet hat, daß der konkupiszible Seelenteil unwissend ist; denn er wäre des Wissens fähig, da er ja auch des Nichtwissens fähig sein soll, das aber nimmt man nicht an, daß der konkupiszible Teil des Wissens fähig ist.

Hat man nun die Aufgabe, etwas zu widerlegen, so muß man diesen Ort in der angegebenen Weise verwenden. Soll man aber etwas begründen, so kann man ihn nicht verwenden, um zu zeigen, daß das Akzidenz dem Subjekt zukommt, sondern nur um zu zeigen, daß es ihm zukommen kann. Haben wir gezeigt, daß es das Gegenteil nicht zuläßt, so haben wir gezeigt, daß ihm das Akzidenz weder zukommt, noch zukommen kann. Wenn wir aber gezeigt haben, daß ihm das Gegenteil zukommt oder daß es das Gegenteil zuläßt, so haben wir noch nicht gezeigt, daß ihm auch das Akzidenz zukommt: es ist nur so viel gezeigt, daß es ihm zukommen kann.

Achtes Kapitel.

Da vier Gegensätze sind (Kateg. 10: Relation, Kontrarietät, Privation und Habitus, Kontradiktion), so muß man bei (dem einen von ihnen) der Kontradiktion zusehen, was aus ihr folgt, wenn man (Subjekt und Prädikat) umkehrt, mag man nun widerlegen oder begründen. Man muß es aus der Induktion entnehmen. Ist z. B. der Mensch ein Sinnenwesen, so ist was nicht Sinnenwesen ist, nicht Mensch. Und ebenso ist es sonst. Hier gilt die Folge bei Umkehrung von Subjekt und Prädikat: dem Menschen folgt das Sinnenwesen, aber dem Nichtmenschen folgt nicht das Nichtsinnenwesen, sondern umgekehrt dem Nichtsinnenwesen das Nichtmensch. So ist dieses denn überall zu postulieren: ist z. B. das Schöne genußreich, so ist auch das Nichtgenußreiche nicht schön. Ist es aber dieses nicht, so auch nicht jenes. Ebenso ist, wenn das Nichtgenußreiche nicht schön ist, das Schöne genußreich. So erhellt denn, daß die Folgerung nach der Kontradiktion für beides (Subjekt und Prädikat) gilt, wenn man sie umgekehrt zieht.

Bei der Kontrarietät muß man, ob man nun widerlegt oder begründet, zusehen, ob auf Konträres Konträres folgt, wenn man Subjekt und Prädikat auf derselben Stelle läßt, oder wenn man sie umkehrt. Auch dies muß man aus der Induktion entnehmen, so weit es zweckdienlich ist.

Bleibt Subjekt und Prädikat auf seinem Platz, so gilt die Folge z. B. für den Mut und die Feigheit: dem einen folgt die Tugend, der anderen die Schlechtigkeit. Und dem einen folgt das Wählenswerte, der anderen das Fliehenswerte. So gilt denn auch hier die Folge, wenn beides seinen Platz behält. Denn Wählenswert ist das Gegenteil von Fliehenswert. Und ebenso ist es sonst.

Dagegen gilt die Folge bei der Umkehrung, wenn es sich z. B. um gutes Befinden und Gesundheit handelt: gutem Befinden folgt die Gesundheit, schlechtem Befinden aber nicht Krankheit⁠[33]⁠, sondern der Krankheit schlechtes Befinden. 114aSo gilt denn hier die Folge offenbar bei der Umkehrung. Doch ist letztere bei der Kontrarietät selten am Platz, und meistens gilt hier die Folge ohne sie.

Wenn also dem Konträren das Konträre weder ohne noch mit Umkehrung folgt, so ergibt sich offenbar auch für das in der Disputation aufgestellte Konträre, daß das eine dem anderen nicht folgt. Folgt aber eins dem anderen beim Konträren, dann notwendig auch bei dem Aufgestellten.

In gleicher Weise wie bei dem Konträren muß man da verfahren, wo es sich um Mangel und Habitus handelt. Nur gibt es bei dem Mangel keine Umkehrung, sondern die Folgerung muß immer ohne sie gezogen werden, wie dem Gesichte der Sinn, dagegen der Blindheit die Anästhesie folgen muß. Sinn und Anästhesie stehen sich wie Habitus und Mangel gegenüber: hier ist das eine Habitus, das andere Mangel.

Ebenso wie bei Habitus und Mangel ist die Sache bei den Relativis anzugehen. Auch hier gilt die Folgerung für dieselbe Reihenfolge der Attribute, d. h. ohne Umkehrung. Ist z. B. das Dreifache vielfach, so ist auch das dreimal Kleinere vielmal kleiner. Denn dreifach wird verstanden im Vergleich zu dem dreimal Kleineren und vielfach im Vergleich zu dem vielmal Kleineren. Und wiederum: ist Wissen Fürwahrhalten, so ist auch das Objekt des Wissens Objekt des Fürwahrhaltens, und ist Sehen Wahrnehmung, so ist auch das Sichtbare wahrnehmbar.

Ein Einwand wäre, daß die Folge bei den Relativis nicht notwendig so, wie behauptet, Platz greift: das Wahrnehmbare ist wißbar, die Wahrnehmung aber nicht Wissen. Aber der Einwand scheint nicht auf Wahrheit zu beruhen: Viele leugnen, daß es vom Wahrnehmbaren ein Wissen gibt. Ferner läßt sich auf Grund des Gesagten nicht minder das Gegenteil beweisen, daß nämlich das Wahrnehmbare (formell als solches) nicht wißbar ist: die Wahrnehmung ist ja auch nicht Wissenschaft.

Neuntes Kapitel.

Man muß ferner auf das Begriffsverwandte (σύστοιχα) und auf die abgeleiteten Wörter (πτώσεις) achten bei der Widerlegung sowohl wie bei der Behauptung.

Begriffsverwandt ist z. B. das Gerechte und der Gerechte mit der Gerechtigkeit, und das Mutige und der Mutige mit dem Mute. Ebenso gilt das, was etwas bewirkt oder erhält, als begriffsverwandt mit dem, was es bewirkt oder erhält, wie das Gesunde mit der Gesundheit, das, was zum Wohlbefinden hilft, mit dem Wohlbefinden. Und dieselbe Weise gilt sonst. Wie nun derartiges begriffsverwandt genannt zu werden pflegt, so bezeichnet man als abgeleitete Wörter Formen wie δικαίως (gerechter Weise), ἀνδρείως (mit Mut) und ὑγιεινῶς (zum Besten der Gesundheit) und alles, was in dieser Weise gesagt wird. Es scheint nun auch das durch abgeleitete Wörter Bezeichnete⁠[34] begriffsverwandt zu sein, wie δικαίως mit δικαιοσύνη (Gerechtigkeit), ἀνδρείως mit ἀνδρία (Mut), aber begriffsverwandt heißt alles, was zu derselben Begriffsreihe gehört, insgesamt, wie Gerechtigkeit, der Gerechte, das Gerechte, gerecht (gerechter Weise).

Ist nun irgendeines, was in derselben Begriffsreihe steht, als gut oder lobenswert erwiesen, so ist offenbar auch alles andere als solches erwiesen; 114bgehört z. B. die Gerechtigkeit zu dem Lobenswerten, so gehört auch der Gerechte und das Gerechte und das Gerecht zu dem Lobenswerten. Wovon man aber sagt gerechterweise, davon wird man auch sagen lobenswerterweise (ἐπαινετῶς) nach derselben Ableitung von dem Lobenswerten, wie das Gerecht von Gerechtigkeit abgeleitet ist.

Man muß aber nicht nur aus eben dem folgern, was in der Disputation angeführt worden ist, sondern auch aus dem Konträren das Konträre ableiten. So ist z. B. das Gute nicht notwendig genußreich; denn es ist auch das Schlechte nicht unlusterregend; oder wenn dieses ist, dann auch jenes. Und wenn die Gerechtigkeit eine Wissenschaft ist, so ist auch die Ungerechtigkeit eine Unwissenheit. Und ist das Gerecht ein Wissentlich und ein Erfahren (Kundig, ἐμπείρως), so ist das Ungerecht ein Unwissentlich und ein Unerfahren. Und wenn dieses nicht ist, dann auch jenes nicht, wie es bei dem eben Angeführten zutrifft. Denn man möchte eher sagen, daß was ungerechterweise geschieht, nach Erfahrung als nach Unerfahrenheit aussieht. Dieser Ort ist schon vorhin bei den Folgerungen ex contrario angeführt worden; denn wir postulieren jetzt nichts anderes, als daß Konträrem Konträres folgt.

Ferner kommen Werden und Vergehen, Bewirkendes und Zerstörendes in Betracht, mag man widerlegen oder behaupten.

Ist das Werden eines Dinges vom Guten, so ist es auch selbst gut, und ist es selbst gut, so ist es auch sein Werden. Ist aber sein Werden vom Bösen, so ist es auch selbst vom Bösen. Aber beim Vergehen ist es umgekehrt: ist das Vergehen vom Guten, so ist es selbst vom Bösen, und ist das Vergehen vom Bösen, so ist es selbst vom Guten. Gleiches gilt von dem Bewirkenden und Zerstörenden: ist das, wodurch ein Ding bewirkt wird, gut, so ist es auch selbst vom Guten, ist aber das, wodurch es zerstört wird, gut, so ist es selbst vom Bösen.

Zehntes Kapitel.

Wiederum muß man bei Ähnlichem zusehen, ob nämlich etwas sich ähnlich verhält, ob es z. B. wenn Eine Wissenschaft, dann auch Eine Meinung von Mehrerem gibt, und ob, wenn ein Gesicht haben sehen, dann auch ein Gehör haben hören ist. Ebenso ist es sonst, sowohl bei dem, was ist, als bei dem, wovon man meint, daß es ist. Der Ort ist für beides zu gebrauchen. Denn wenn es sich bei Einem Ähnlichen so verhält, dann auch bei dem anderen Ähnlichen, und wenn bei Einem nicht, dann auch bei dem anderen nicht.

Man muß auch zusehen, ob sich etwas bei einem und ob es sich bei vielem in der gleichen Weise verhält. Denn bisweilen ergibt sich da eine Unstimmigkeit. Wenn z. B. wissen nachdenken ist, ist auch vieles wissen über vieles nachdenken. Dem ist aber nun nicht so. Denn man kann vieles wissen, aber nicht (gleichzeitig) über vieles nachdenken. Ist nun dieses nicht wahr, dann auch jenes nicht, was bei einem Objekt gelten soll, daß nämlich wissen nachdenken ist.

Ein weiterer Gesichtspunkt liegt in dem Mehr und Minder. Er liefert vier Örter.

Der eine beruht darauf, daß dem Mehr das Mehr folgt. Ist z. B. die Lust ein Gut, so ist auch die größere Lust ein größeres Gut, 115aund ist Unrechttun ein Übel, so ist auch größeres Unrechttun ein größeres Übel. So ist denn der Ort für beides brauchbar. Denn wenn, wie gesagt, dem Zuwachs des Subjekts der Zuwachs des Akzidenz folgt, so ist es offenbar ein Akzidenz von ihm, und wenn er nicht folgt, ist es keines. Man muß dies durch Induktion nachweisen.

Ein anderer Ort. Wo eines von zweien gesagt wird, gilt die Regel: kommt es dem nicht zu, dem es eher, dann auch dem nicht, dem es weniger zukommen sollte, und kommt es dem zu, dem es weniger, dann auch dem, dem es eher zukommen sollte.

Wiederum, wo zweierlei von einem gesagt wird, gilt die Regel: wenn ihm nicht zukommt was ihm eher zuzukommen scheint, dann auch nicht was weniger, oder wenn ihm zukommt was ihm weniger zuzukommen scheint, dann auch was eher.

Ferner, wo zweierlei von zweien gesagt wird, gilt die Regel: wenn dem einen nicht zukommt was ihm eher zuzukommen scheint, dann auch das andere dem anderen nicht, oder wenn dem einen zukommt was ihm weniger zuzukommen scheint, dann auch das andere dem anderen.

Ferner kann man daraus, daß einem etwas in gleicher Weise zukommt oder zuzukommen scheint, dreifach schließen, gerade so, wie es bei dem Mehr bei den drei zuletzt genannten Örtern angegeben worden ist.

Wo ein Eines zweien in gleicher Weise zukommt oder zuzukommen scheint, gilt die Regel: kommt es dem einen nicht zu, dann auch nicht dem anderen, kommt es aber dem einen zu, dann auch dem anderen.

Wo zweierlei demselben in gleicher Weise zukommt, gilt die Regel: kommt ihm das eine nicht zu, dann auch nicht das andere, kommt ihm aber das eine zu, dann auch das andere.

Auf dieselbe Weise gilt die Regel, wo zweierlei zweien in gleicher Weise zukommt: kommt das eine dem einen nicht zu, dann auch nicht das andere dem anderen, kommt aber das eine dem einen zu, dann auch das andere dem anderen.

Elftes Kapitel.

Auf Grund des Mehr und Minder und des gleich Sehr kann man sich also an einem Problem auf so vielerlei Weise versuchen. Man kann dies aber ferner auch auf Grund des Zusatzes.

Wenn eines, zum anderen hinzugesetzt, es gut oder weiß macht, da es vorher nicht weiß oder gut war, so wird das Hinzugesetzte weiß oder gut sein, also eben die Eigenschaft haben, die es dem Ganzen mitteilt. Wenn ferner etwas, zu schon Vorhandenem hinzugesetzt, ein Ding noch mehr zu einem so beschaffenen macht, als es schon zuvor war, so wird es auch selbst so beschaffen sein. Und ebenso ist es sonst.

Der Ort ist aber nicht überall brauchbar, sondern nur wo Raum für ein Mehr ist. Aber dieser Ort läßt sich nicht umkehren, so daß er auch für die Widerlegung verwendbar wäre. Macht ein Hinzugesetztes nicht gut, so ist noch nicht entschieden, daß es selbst nicht gut ist. Denn Gutes, zum Schlechten hinzugesetzt, 115bmacht nicht notwendig das Ganze gut, so wenig es das Weiße tut, wenn man es zum Schwarzen hinzusetzt.

Wiederum ist etwas, wenn es mehr oder minder vorhanden sein soll, auch schlechthin vorhanden. Was nicht gut oder nicht weiß ist, wird man auch nicht als mehr oder minder gut oder weiß bezeichnen. Denn von dem Schlechten kann man nicht sagen, daß es mehr oder minder gut ist als ein anderes, sondern nur, daß es mehr oder minder schlecht ist.

Auch dieser Ort läßt sich nicht umkehren, so daß er auch für die Widerlegung verwendbar wäre. Denn es gibt vieles, wo man von keinem Mehr oder Minder spricht. Man ist nicht mehr oder minder Mensch, aber daraus folgt nicht, daß kein Mensch ist.

Ebenso muß man bei dem zusehen, was beziehungsweise und irgendwann und irgendwo Geltung hat. Ist es beziehungsweise möglich, dann auch schlechthin. Ebenso, wenn es irgendwann oder irgendwo gilt. Schlechthin Unmögliches kann weder beziehungsweise, noch irgendwo, noch irgendwann gelten.

Ein Einwand (hiergegen liegt darin), daß es Menschen gibt, die von Natur beziehungsweise tugendhaft, wie freigebig oder anspruchslos, aber keine, die von Natur schlechthin tugendhaft sind; denn niemand ist von Natur klug⁠[35]⁠. Ebenso vergeht ein Vergängliches möglicherweise zeitweilig nicht, aber es ist unmöglich, daß es schlechthin nicht vergehen sollte. Ebenso ist die Einhaltung einer bestimmten Lebensweise irgendwo nützlich, z. B. an ungesunden Orten, aber nicht schlechthin. Auch ist es möglich, daß an einem bestimmten Orte nur Einer ist, aber es kann nicht überhaupt nur Einer sein. Auf dieselbe Weise ist es irgendwo recht, den Vater zu opfern, wie bei den Triballern, aber nicht recht überhaupt. Doch hier fragt es sich vielleicht nicht um das Wo, sondern um das Wem. Denn es verschlägt nichts, wo sie sind: überall gilt es ihnen als Triballern für recht. Wiederum ist es zeitweilig nützlich, Arznei zu nehmen, nämlich wenn man krank ist, aber nicht überhaupt. Doch auch hier fragt es sich vielleicht nicht um das Wann, sondern um den Zustand. Denn das Wann verschlägt nichts, wenn nur der kranke Zustand gegeben ist.

Aber schlechthin ist das, wovon man ohne Zusatz sagen wird, daß es recht oder das Gegenteil ist. Man wird z. B. nicht sagen, daß es recht ist, seinen Vater als Opfer zu schlachten, sondern daß es für bestimmte Leute recht ist; mithin ist es nicht schlechthin recht. Aber man wird ohne Zusatz sagen, daß es recht ist, die Götter zu ehren; denn es ist schlechthin recht. Also das, was ohne Zusatz gut oder schlecht und dergleichen zu sein scheint, wird man schlechthin so nennen⁠[36]⁠.

Notes in this chapter

Note 1 · Dieser und die drei anderen Absätze dieses Kapitels enthalten je eine Vorbemerkung zu den Topi für das Akzidenz.Note 2 · Weil die Örter für die partikulären Probleme dieselben sind, wie die für die allgemeinen Probleme, so brauchen eigentlich nur die letzteren Note 3 · Wenn die Unzulässigkeit eines Urteils noch nicht aus der Definition des Subjekts und seines Akzidenz hervorgeht, so muß man die einzelnen BeNote 4 · Vielleicht interessiert die Notiz, daß Thomas von Aquino diese Stelle im ersten Satz seiner Philosophischen Summa zitiert: Multitudinis ususNote 5 · Wenn es in der Gattung Sinnenwesen Geflügeltes und Vierfüßiges gibt, so ist darum die Art Mensch doch weder das eine noch das andere. Wenn aNote 6 · „Paronym, nach etwas benannt, heißen Worte, von denen das eine so nach dem anderen gebildet ist, daß es nur durch seine Beugungsform sich voNote 7 · Wenn man nicht weiß, ob die Arten einer Gattung von etwas ausgesagt werden, so muß man seine Zuflucht zu den verschiedenen Definitionen überNote 8 · Wenn die platonischen Ideen unsere Vorstellungen sind, so sind sie weder unbewegt noch intelligibel. Das eine nicht, weil die Vorstellungen Note 9 · Man kann z. B. an momentaner Eingenommenheit des Kopfes leiden, ohne krank zu sein.Note 10 · Begriffsverwandt ist also im Vergleich zu abgeleitet der weitere und übergeordnete Begriff.Note 11 · Da die Klugheit eine Tugend ist, so ist man ohne sie nicht schlechthin tugendhaft. Man scheint also, da man von Natur freigebig oder ansprucNote 12 · Das ist also die Lösung des Einwands. Wenn z. B. etwas auch mäßig warm ist, so ist es doch schlechthin warm, und wenn man an einem Orte oder
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