← Table of contents
Topik

Drittes Buch.

Eugen Rolfes translation

Erstes Kapitel.

116aWas von zwei oder mehr Dingen wünschenswerter oder besser ist, muß man nach folgenden Gesichtspunkten zu entscheiden suchen. Zuvor aber sei bemerkt, daß unsere Untersuchung sich auf keine Dinge bezieht, die weit voneinander abstehen und einen großen Unterschied aufweisen — denn niemand plagt sich mit der Frage, ob die Glückseligkeit oder der Reichtum den Vorzug verdient —, sondern auf solches, was sich nahe steht und wo wir zweifeln, auf welche Seite wir uns schlagen sollen, weil wir nicht sehen, was das eine vor dem anderen voraus hat. Bei solchen Dingen wird also offenbar, wenn auf der einen Seite einer oder mehr Vorzüge nachgewiesen werden, das Denken sich dahin entscheiden, daß das wünschenswerter ist, was die Vorzüge hat, sei es das eine oder das andere.

Erstens ist nun das Dauerhaftere oder Festere wünschenswerter als das, was diese Beschaffenheit weniger hat. Und das, dem der kluge oder der gute Mann oder das rechte Gesetz den Vorzug gibt, oder was die in der jeweiligen Sache Tüchtigen als solche zu bevorzugen pflegen, oder die in einem Fache Kundigen, seien es die meisten oder alle, wie z. B. in der Arznei- oder Baukunde das, was die meisten oder alle Ärzte vorziehen, oder was überhaupt die meisten oder alle Menschen oder alle Tiere verfolgen, wie z. B. das Gute; denn alles strebt nach dem Guten. Man muß aber seine Aufstellung mit dem Gesichtspunkt in Beziehung bringen, der gerade tauglich ist. Es ist aber schlechthin besser und wünschenswerter was zur besseren, aber für den Einzelnen, was zu seiner eigentümlichen Kunst oder Wissenschaft gehört.

Sodann ist das, was wesenhaft etwas ist, (wünschenswerter) als was nicht zu der (betreffenden) Gattung gehört, so z. B. die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Gerechte⁠[37]⁠. Denn das eine gehört zur Gattung, dem Guten, das andere nicht, und das eine ist wesenhaft gut, das andere nicht. Denn nichts erhält die Gattung als Wesensbezeichnung, was nicht zu der Gattung gehört; so ist der weiße Mensch nicht wesenhaft Farbe. Und ebenso ist es sonst.

Und, das wegen seiner selbst Wünschenswerte ist wünschenswerter als das wegen eines anderen Wünschenswerte, wie gesund sein wünschenswerter ist als Gymnastik. Denn das eine ist wegen seiner selbst wünschenswert, das andere wegen eines anderen. Und, was es an sich ist, ist es mehr, als was es mitfolgend (per accidens) ist, wie es wünschenswerter ist, daß die Freunde, als daß die Feinde gerecht sind. Denn das eine ist wünschenswert an sich, das andere mitfolgend. Denn daß die Feinde gerecht seien und nicht ungerecht, wünschen wir mitfolgend, damit sie uns nicht schaden. Dieser Fall ist derselbe wie der vorige, unterscheidet sich aber von ihm durch die Weise. Daß die Freunde gerecht sind, wünschen wir seiner selbst wegen, wenn es auch für uns keine Folgen hat, auch wenn sie bei den Indern sind; daß es aber die Feinde sind, wünschen wir eines anderen wegen, damit sie uns nicht schaden.

116bUnd, was an sich Ursache des Guten ist, ist wünschenswerter, als was es mitfolgend ist, wie z. B. die Tugend wünschenswerter ist als die Schickung. Jene ist an sich, diese mitfolgend Ursache des Guten. Dasselbe gilt von anderen dergleichen Dingen. Ebenso ist es mit dem Gegenteil. Was an sich Ursache des Schlechten ist, ist mehr zu fliehen, als was es mitfolgend ist, wie z. B. die Schlechtigkeit und die Schickung. Jene ist an sich schlecht, diese mitfolgend.

Und, das schlechthin Gute ist wünschenswerter als das für den Einzelnen Gute, wie Gesundsein mehr als Geschnittenwerden. Jenes ist schlechthin gut, dieses für einen Einzelnen, für den eine solche Operation nötig ist. Und das natürlich Gute ist es mehr als das nicht natürlich Gute, wie z. B. die Gerechtigkeit mehr als der Gerechte⁠[38]⁠. Das eine ist von Natur gut, das andere ist erworben. Und wünschenswerter ist, was der Bessere und Würdigere hat, wünschenswerter z. B. was Gott, als was der Mensch, und was die Seele, als was der Leib hat. Und das Eigentümliche des Besseren ist besser als das des Schlechteren, besser z. B. das Eigentümliche Gottes als das des Menschen. Denn nach dem Gemeinsamen in beiden sind sie nicht voneinander unterschieden, aber der eine muß den anderen durch seine Eigentümlichkeiten übertreffen. Und was sich an dem Besseren oder Früheren oder Würdigeren findet, ist besser, besser z. B. Gesundheit als Stärke und Schönheit. Jene hat ihren Sitz in dem Nassen und Trockenen, dem Warmen und Kalten, kurz in den ersten Bestandteilen des Lebewesens, diese haben ihn in den späteren Bestandteilen. Die Stärke liegt in den Sehnen und Knochen, und die Schönheit scheint ein gewisses Gleichmaß der Glieder zu sein.

Und, das Ziel scheint wünschenswerter zu sein als die Mittel, und von zwei Mitteln das, das dem Ziele näher steht. Und überhaupt ist was sich auf das Ziel des Lebens bezieht, wünschenswerter, als was auf ein sonstiges Ziel geht, wünschenswerter z. B. was auf Glückseligkeit, als was auf Klugheit abzielt. Und das (moralisch) Mögliche ist es mehr als das Unmögliche. Ferner von zwei bewirkenden Faktoren der, dessen Ziel besser ist. Wenn es sich aber um Bewirkendes und Ziel fragt, richtet sich die Entscheidung nach dem Verhältnis, darnach, wollen wir sagen, ob ein Ziel das andere um mehr übertrifft, als dieses die ihm eigentümliche bewirkende Ursache. Wenn z. B. die Glückseligkeit die Gesundheit um mehr übertrifft, als die Gesundheit das Gesunde, so ist die bewirkende Ursache der Glückseligkeit besser als die Gesundheit. Denn um so viel, als die Glückseligkeit die Gesundheit übertrifft, übertrifft die bewirkende Ursache der Glückseligkeit das Gesunde. Nun übertraf uns aber die Gesundheit das Gesunde weniger⁠[39]⁠, so daß die bewirkende Ursache der Glückseligkeit das Gesunde um mehr übertrifft, als es die Gesundheit tut. Mithin ist die bewirkende Ursache der Glückseligkeit offenbar wünschenswerter als die Gesundheit. Denn sie übertrifft das Nämliche um mehr.

117aFerner, was an sich schöner (sittlich besser), würdiger und lobenswerter ist; so Freundschaft mehr als Reichtum, Gerechtigkeit mehr als Stärke. Denn das eine gehört an sich zu dem Würdigen und Lobenswerten, das andere nicht an sich, sondern eines anderen wegen. Niemand schätzt den Reichtum seinet-, sondern eines anderen wegen, aber die Freundschaft schätzt man an sich, wenn man sich auch sonst keinen Vorteil von ihr verspricht.

Zweites Kapitel.

Wenn sich ferner zwei Dinge sehr ähnlich sind und wir keinen Vorzug des einen vor dem anderen entdecken können, so muß man sehen, was mit ihnen verbunden ist (auf sie folgt). Denn das, womit ein größeres Gut verbunden ist, ist wünschenswerter. Ist aber das mit ihnen Verbundene schlecht, so ist das wünschenswerter, dem das kleinere Übel folgt. Denn wenn auch beide gut sind, so hindert doch nichts, daß etwas Mißliebiges mit ihnen verknüpft ist. Die Beurteilung nach dem, was sich an die Dinge knüpft, kann aber in zweifacher Weise geschehen. Denn es kann etwas vorher und nachher mit ihnen verknüpft sein: so ist mit dem Lernen das Nichtwissen vorher und das Wissen nachher verknüpft. Meistens ist aber das später Verknüpfte besser. Man muß also beim Disputieren von dem Verknüpften jedesmal das verwenden, was für den Fall brauchbar ist.

Ferner sind mehr gute Dinge wünschenswerter als weniger, entweder schlechthin, oder wenn sich die einen unter den anderen befinden, die Minderzahl unter der Mehrzahl. Einen Einwand liefert der Fall, daß das eine des anderen wegen ist; denn da sind die beiden nicht wünschenswerter als das eine; so ist Gesundung und Gesundheit nicht wünschenswerter als Gesundheit, da wir die Gesundung der Gesundheit wegen wünschen. Aber es hindert auch nichts, daß Nichtgutes wünschenswerter ist als Gutes; so ist die Glückseligkeit und noch etwas dazu, was nicht gut ist, wünschenswerter als Gerechtigkeit und Mut.

Und, dasselbe mit Lust ist es mehr als ohne Lust. Und dasselbe ohne Unlust ist es mehr als mit Unlust.

Und, jedes ist zu der Zeit, wo es mehr vermag, auch wünschenswerter, so die Schmerzlosigkeit im Alter mehr als die in der Jugend, da sie im Alter mehr vermag. Dementsprechend ist auch die Klugheit im Alter wünschenswerter. Denn niemand wählt die jungen Leute zu Führern, weil man nicht glaubt, daß sie klug sind. Mit dem Mute aber ist es umgekehrt; denn mutvolles Handeln ist nötiger in jungen Jahren. Ebenso ist es mit der Enthaltsamkeit. Denn die jungen Leute werden mehr als die alten von den Begierden belästigt.

Und, was zu jeder Zeit oder zu den meisten Zeiten nützlicher ist. So ist z. B. Gerechtigkeit und Mäßigkeit wünschenswerter als Mut. Jene sind immer nützlich, dieser ist es nur zu Zeiten.

Und, wünschenswerter ist was, wenn alle es haben, uns des anderen nicht bedürfen läßt, als was sie haben können, ohne daß wir aufhören, noch des anderen zu bedürfen, wie es z. B. bei Gerechtigkeit und Mut zutrifft. 117bSind alle gerecht, so braucht es keinen Mut. Sind aber alle mutig, so braucht es Gerechtigkeit.

Ferner kann man den Vorzug der Dinge beurteilen aus ihrem Untergang und Verlust, Werden und Gewinn und dem Konträren. Wessen Untergang mehr zu fliehen ist, das ist selbst wünschenswerter. Ebenso ist es mit dem Verlust und dem Konträren. Wessen Verlust oder Konträres mehr zu fliehen ist, das ist selbst wünschenswerter. Mit dem Werden und dem Gewinn aber ist es umgekehrt. Wessen Gewinn und wessen Werden wünschenswerter ist, das ist auch selbst wünschenswerter.

Ein anderer Ort ist: was dem Guten näher ist, ist besser und wünschenswerter.

Und, was dem Guten ähnlicher ist; so ist z. B. die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Gerechte.

Und, was dem ähnlicher ist, was besser ist, als es selbst; wie z. B. Einige sagen, daß Ajax besser sei als Odysseus, weil er dem Achilleus ähnlicher sei. Ein Einwand hiergegen ist, daß es nicht wahr ist, indem nichts hindert, daß Ajax dem Achilleus nicht in der Hinsicht ähnlicher ist, in der er besser ist, während der andere gut ist, ohne ihm ähnlich zu sein. Man muß hier auch an den Fall denken, wo die Ähnlichkeit ins Lächerliche ginge, wie z. B. der Affe dem Menschen ähnlicher ist, während das Pferd es nicht ist. Denn der Affe ist nicht schöner, aber dem Menschen ähnlicher.

Wiederum, wenn bei zweien das eine dem Besseren, das andere dem Schlechteren ähnlicher ist, muß besser sein was dem Besseren ähnlich ist. Aber auch dieses leidet einen Einwand: nichts hindert, daß das eine dem Besseren wenig, das andere dem Schlechteren (minder Guten) sehr ähnlich ist, wie wenn z. B. Ajax dem Achilleus wenig und Odysseus dem Nestor sehr ähnlich wäre. Und wenn das dem Besseren Ähnliche ihm nach der schlechteren und das dem Schlechteren Ähnliche ihm nach der besseren Seite ähnlich wäre, wie das Pferd dem Esel und der Affe dem Menschen.

Ein anderer Ort: das Edlere ist wünschenswerter als das minder Edle; und ebenso das Schwerere; denn es gilt uns mehr, zu haben was nicht leicht zu erlangen ist. Und das Eigentümlichere ist es mehr als das Gemeinere; und ebenso was weniger dem Übel zugänglich ist; denn wünschenswerter ist wem nichts Mißliebiges folgt, als wem es folgt.

Wenn ferner dieses schlechthin besser ist als dieses, ist auch das Beste unter diesem besser als das Beste unter dem anderen. Wenn z. B. Mensch besser ist als Pferd, ist auch der beste Mensch besser als das beste Pferd. Und wenn das Beste besser ist als das Beste, ist dieses auch schlechthin besser als dieses. Wenn z. B. der beste Mensch besser ist als das beste Pferd, ist auch Mensch schlechthin besser als Pferd.

118aDasjenige ferner, woran die Freunde teilnehmen können, ist wünschenswerter als das, woran sie es nicht können. Und was wir lieber für den Freund tun wollen als für den ersten Besten, das ist wünschenswerter. So ist es z. B. wünschenswerter, gerecht zu handeln und Gutes zu tun, als nur so zu scheinen. Denn den Freunden wollen wir lieber Gutes tun, als nur so scheinen, aber wenn es sich um den ersten Besten handelt, halten wir es umgekehrt.

Und, was zum Überflusse gehört, ist besser als das Notwendige, zuweilen auch wünschenswerter. Denn besser als leben ist gut leben, gut leben aber gehört zum Überflusse, während das Leben selbst notwendig ist. Zuweilen aber ist das Bessere nicht auch wünschenswerter. Denn wenn etwas besser ist, ist es nicht notwendig auch wünschenswerter. Ist doch philosophieren zwar besser als Geld erwerben, aber für den Dürftigen nicht wünschenswerter als das Notwendige. Wenn aber etwas zum Überflusse gehört, so besagt das, daß man das Notwendige hat und sich dazu noch anderes, Schönes erwirbt. In der Regel ist vielleicht das Notwendige wünschenswerter, aber was zum Überflusse gehört, ist besser.

Und, wünschenswerter ist was durch keinen anderen, als was auch durch einen anderen ersetzt werden kann, wie es z. B. bei der Gerechtigkeit im Vergleich zum Mute der Fall ist.

Und, wenn zwar das eine ohne das andere wünschenswert ist, aber nicht dieses ohne jenes. So ist z. B. Macht ohne Klugheit nicht wünschenswert, wohl aber Klugheit ohne Macht.

Und, wenn wir von zweien das eine leugnen, damit wir das andere zu haben scheinen, so ist dasjenige wünschenswerter, was wir zu haben scheinen wollen. So leugnen wir z. B., daß wir fleißig sind, um begabt zu scheinen.

Und, wo bei einer Sache kleinerer Tadel angebracht ist, wenn man ihren Abgang bedauert, da ist sie wünschenswerter; und wo bei einer Sache größerer Tadel angebracht ist, wenn einer ihren Abgang nicht bedauert, da ist sie wünschenswerter⁠[40]⁠.

Drittes Kapitel.

Ferner ist unter Dingen derselben Art das wünschenswerter, was die der Art eigentümliche Güte hat, als das, was sie nicht hat. Haben beide sie, so ist es das, was sie in höherem Grade hat⁠[41]⁠.

Ferner, wenn das eine seinen Inhaber gut macht, das andere nicht, so ist das wünschenswerter, was ihn gut macht, wie auch das Wärmende wärmer ist als das nicht Wärmende⁠[42]⁠. Machen beide ihn gut, so ist es das, was ihn in höherem Grade gut macht. Oder etwas ist wünschenswerter, wenn es das Bessere und Herrschendere gut macht, z. B. wenn das eine die Seele gut macht, das andere den Leib.

Ferner, der Vorzug einer Sache ist nach den abgeleiteten Formen, den Gebrauchsweisen, den Handlungen und den Werken zu beurteilen, aber auch umgekehrt diese nach jener. Denn das eine folgt auf das andere. Ist z. B. das Gerecht (δικαίως, gerechter Weise) wünschenswerter als das Mutig, so ist auch die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Mut. Und ist die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Mut, so ist auch das Gerecht wünschenswerter als das Mutig. Und ähnlich ist es in den anderen Fällen, die wir genannt haben.

118bFerner, wenn eines von zweien ein größeres, das andere ein kleineres Gut ist als ein drittes, oder (anders ausgedrückt), wenn es größer ist als ein größeres, so ist das größere wünschenswerter.

Aber auch wenn zwei Dinge wünschenswerter sind als ein drittes, so ist dasjenige es mehr, das in höherem, als dasjenige, das in geringerem Grade wünschenswert ist.

Ferner, wessen Mehr wünschenswerter ist als das Mehr eines anderen Dinges, das ist auch selbst wünschenswerter. So ist es z. B. Freundschaft mehr als Geld, weil ein Mehr an Freundschaft wünschenswerter ist als ein Mehr an Geld.

Und, wünschenswerter ist was man sich lieber selbst verschafft, als das, was man lieber einem anderen dankt; so muß man z. B. lieber Freunde haben wollen als Geld.

Ferner (muß man das Wünschenswertere) nach dem Zusatz (beurteilen), wenn (nämlich) etwas, zu demselben Ding hinzugesetzt, das Ganze wünschenswerter macht (als ein anderer Zusatz es tut). Man darf diese Regel aber nicht auf den Fall ausdehnen, wo das Gemeinsame (dem der Zusatz zuteil geworden) den einen Zusatz gebraucht oder sonst mit seiner Hilfe wirkt, während es den anderen nicht gebraucht und nichts mit ihm tut, wie wenn man z. B. Säge und Sichel mit dem Zimmergewerbe zusammennimmt. Denn so ist die Säge wohl das Wünschenswertere, aber (noch) nicht schlechthin.

Wiederum (etwas ist wünschenswerter), wenn es, zu Kleinerem hinzugetan, das Ganze größer macht.

Ebenso (muß man das Wünschenswertere) nach dem Abzug (beurteilen). Was, von einem und demselben in Abzug gebracht, das Kleinere übrig läßt, muß größer sein, da es ja, vom Ganzen abgezogen, den Rest kleiner macht (als ein anderer Abzug).

Und, wenn das eine wegen seiner selbst, das andere wegen des Ansehens wünschenswert ist; wie z. B. die Gesundheit es mehr ist als die Schönheit. Die Definition dessen, was für das Ansehen geschieht, ist diese: ein Ding, worum man sich nicht bemüht, wenn keiner weiß, daß man es hat.

Und, wenn das eine wegen seiner selbst und zugleich wegen des Ansehens, das andere aber nur wegen des einen oder wegen des anderen wünschenswert ist, (ist es das Erste mehr).

Und, was von zweien seiner selbst wegen Wert hat, das ist auch besser und wünschenswerter. An sich wertvoller aber muß sein was wir seiner selbst wegen vorziehen, ohne sonst einen Vorteil von ihm zu erwarten.

Ferner, man muß unterscheiden, in wie vielfachem Sinne man von dem Wünschenswerten spricht und wofür es wünschenswert sein soll, ob, weil es vorteilhaft oder sittlich gut oder genußreich ist. Denn was für alles oder für mehr Dinge nützlich ist, muß wünschenswerter sein, als was es nicht ist.

Haben beide dasselbe, so muß man sehen, welches es in höherem Grade hat, welches also genußreicher oder sittlich besser oder nützlicher ist.

Wiederum, was des Besseren wegen wünschenswert ist, ist es in höherem Grade, so das der Tugend wegen Wünschenswerte in höherem Grade als das des Genusses wegen Wünschenswerte.

Ebenso ist es mit dem Fliehenswerten: man muß mehr fliehen was das Wählenswerte in höherem Grade verhindert; so ist die Krankheit mehr als die Häßlichkeit zu fliehen. Denn die Krankheit ist ein größeres Hindernis für den Genuß und die Tugendwerke.

Ferner (erkennt man) daraus (was wünschenswerter ist), daß man von der vorliegenden Sache zeigt, sie sei ebenso zu fliehen als zu wünschen. Denn was man gleichmäßig wünscht und flieht, ist weniger wünschenswert als das andere, das nur wünschenswert ist.

Viertes Kapitel.

119aMan muß also die gegenseitigen Vergleiche so anstellen, wie wir angegeben haben. Dieselben Örter sind aber auch brauchbar, um zu zeigen, daß etwas (schlechthin) zu wünschen oder zu fliehen ist. Man muß dabei nur das Mehr des einen vor dem anderen weglassen. Ist das Würdigere wünschenswerter, so ist auch das Würdige wünschenswert, und ist das Nützlichere wünschenswerter, so ist auch das Nützliche wünschenswert, und mit den anderen Vorzügen, die so miteinander verglichen werden, ist es ebenso. Denn bei manchen Dingen sagen wir auf Grund ihrer Vergleichung sofort, daß wir beide oder das eine wählen müssen, wenn wir z. B. sagen, daß das eine von Natur, das andere nicht von Natur gut ist. Denn das von Natur Gute verdient offenbar, (schlechthin) gewünscht zu werden.

Fünftes Kapitel.

Man muß aber die Örter, die sich um das Mehr und das Größere drehen, möglichst allgemein fassen. Denn so gefaßt, müssen sie in desto weiterem Umfange brauchbar sein. Manchen von den angeführten Örtern läßt sich diese allgemeinere Fassung durch eine kleine Umbiegung des Ausdrucks geben. Man sage z. B.: was eine bestimmte Beschaffenheit von Natur hat, hat sie mehr, als was sie nicht von Natur hat. Und, wenn das eine seinen Inhaber oder das, dem es beiwohnt, so und so beschaffen macht, das andere nicht, so ist das, was es so beschaffen macht, in höherem Grade so beschaffen als das, was es nicht tut; tun es aber beide, dann das, was es mehr tut.

Ferner, wenn das eine eine bestimmte Beschaffenheit in höherem, das andere in niederem Grade hat als ein und dasselbe Dritte; und wenn das eine sie in höherem, das andere nicht in höherem Grade hat als ein gleichbeschaffenes Drittes, so hat offenbar das erste die betreffende Beschaffenheit in höherem Grade.

Ferner (muß man das Mehr), nach dem Zusatz (abschätzen), wenn nämlich etwas, zu demselben hinzugesetzt, das Ganze mehr zu einem so und so Beschaffenen macht, oder wenn es, zu dem, was weniger so beschaffen ist, hinzugesetzt, das Ganze mehr zu einem so Beschaffenen macht.

Ebenso muß man es nach dem Abzug schätzen: nach wessen Abzug der Rest eine Beschaffenheit in geringerem Grade hat, das hat sie selbst in höherem Grade.

Und, was weniger mit seinem Gegenteil vermischt ist, hat eine bestimmte Beschaffenheit in höherem Grade. So ist z. B. weißer was weniger mit schwarz vermischt ist.

Ferner, außer den vorhin angegebenen Fällen ist hier dasjenige zu nennen, woran sich die eigentümliche Definition eines Dinges vollkommener erfüllt. Ist z. B. der Begriff von weiß: eine Farbe, die das Gesicht zerstreut, so ist weißer was in höherem Grade das Gesicht zerstreuende Farbe ist.

Sechstes Kapitel.

Wenn das Problem partikulär und nicht allgemein gestellt ist, so sind erstens die genannten allgemein begründenden oder widerlegenden Örter sämtlich brauchbar. Wenn wir allgemein widerlegen oder begründen, beweisen wir auch das Partikuläre: wohnt etwas allem bei, dann auch einem, und wenn keinem, dann auch nicht einem.

Besonders brauchbar und umfassend sind unter den Örtern diejenigen, die aus dem Entgegengesetzten, dem Begriffsverwandten und den Ableitungsformen entnommen sind. Das Postulat: wenn jede Lust ein Gut ist, ist auch jede Unlust ein Übel, ist ebenso wahrscheinlich wie das Postulat: wenn eine Lust ein Gut ist, ist auch eine Unlust ein Übel. 119bWenn ferner eine bestimmte Wahrnehmung kein Vermögen ist, so ist auch eine bestimmte Anästhesie kein Unvermögen. Und wenn das Objekt einer Meinung Objekt eines Wissens ist, ist auch eine bestimmte Meinung Wissen. Wiederum, wenn ein einzelnes Unrecht gut ist, ist auch ein einzelnes Recht schlecht. Und ist ein Einzelnes, das dem Rechte gemäß (δικαίως, gerechterweise) geschieht, schlecht, so ist auch ein Einzelnes, das ungerecht geschieht, gut. Und ist ein Genußreiches zu fliehen, so ist ein Genuß zu fliehen. Nach derselben Regel muß aber auch, wenn ein Genußreiches nützlich ist, ein Genuß nützlich sein.

Ebenso ist es aber auch mit dem, was ein Vergehen bewirkt, und mit dem Entstehen und Vergehen. Wenn etwas, was das Vergehen einer Lust oder eines Wissens bewirkt, gut ist, so muß eine Lust oder ein Wissen vom Bösen sein. Ebenso wird, wenn ein Vergehen des Wissens vom Guten oder seine Entstehung vom Bösen ist, ein bestimmtes Wissen vom Bösen sein. Ist z. B. das Vergessen häßlicher Taten, die man begangen hat, vom Guten, oder die Erinnerung daran vom Bösen, so muß das Wissen um die häßlichen Taten, die man begangen hat, vom Bösen sein. Ebenso ist es sonst. Überall findet sich die Wahrscheinlichkeit der Folgerung in gleichem Maße.

Ferner kann man von dem Mehr und Minder und Gleich ausgehen. Wenn etwas mehr (eher) als ein anderes, das zu einer anderen Gattung gehört, eine bestimmte Beschaffenheit hat, aber nichts zu ihm Gehöriges sie hat, so kann auch das Genannte sie nicht haben. Z. B. wenn eine Wissenschaft mehr (eher) als eine Lust ein Gut ist, aber keine Wissenschaft es ist, so kann es auch keine Lust sein. In der nämlichen Weise kann man von dem Gleich und Minder ausgehen, kann widerlegen und begründen, nur daß man auf Grund des Gleich beides, aber auf Grund des Weniger nur erhärten, nicht widerlegen kann. Ist ein Vermögen gleich (wahrscheinlich) ein Gut wie eine Wissenschaft, und ist ein Vermögen ein Gut, so ist es auch eine Wissenschaft. Ist es aber kein Vermögen, dann auch keine Wissenschaft. Ist aber ein Vermögen weniger (wahrscheinlich) ein Gut als eine Wissenschaft, und ist ein Vermögen ein Gut, dann auch eine Wissenschaft. Ist aber kein Vermögen ein Gut, so ist nicht notwendig auch keine Wissenschaft ein Gut. So kann man denn offenbar auf Grund des Weniger nur erhärten. Man kann aber ein Problem nicht nur auf Grund von Dingen verschiedener, sondern auch auf Grund von Dingen derselben Gattung entkräften, indem man das aus ihr nimmt, was eine bestimmte Beschaffenheit im höchsten Grade hat. Soll z. B. eine Wissenschaft gut sein und wird gezeigt, daß die Klugheit es nicht ist, so kann es auch keine andere sein, da selbst die es nicht ist, die den größten Schein der Güte für sich hat.

Ferner kann man hypothetisch schließen auf Grund der Forderung, daß etwas, wenn einem, dann gleicherweise auch allen beiwohnt oder nicht beiwohnt; daß z. B., wenn die Seele des Menschen unsterblich ist, auch die anderen Seelen es sind, wenn aber sie nicht, auch die anderen nicht. Soll nun etwas einem beiwohnen, so muß man zeigen, daß es einem nicht beiwohnt; denn auf Grund der Voraussetzung wird folgen, daß es keinem beiwohnt. 120aSoll es aber einem nicht beiwohnen, so muß man zeigen, daß es einem beiwohnt; denn auch so wird folgen, daß es allen beiwohnt. Wer die Voraussetzung zugrunde legt, macht hier offenbar ein partikulär gestelltes Problem allgemein: er fordert, daß wer partikulär zustimmt, allgemein zustimmt, indem er das Zugeständnis fordert, daß was einem, gleicherweise allen beiwohnt.

Ist nun das Problem unbestimmt, so kann man es nur in einer Weise entkräften, wie wenn z. B. der andere behauptet, eine Lust sei gut oder nicht gut, ohne sonst etwas hinzuzusetzen. Denn wenn er behauptet hat, daß eine bestimmte Lust gut ist, so muß man, wenn man die Behauptung entkräften will, allgemein zeigen, daß keine es ist. Ebenso muß man, wenn er behauptet hat, eine Lust sei nicht gut, allgemein zeigen, daß jede gut ist; anders ist der Satz nicht zu widerlegen. Denn wenn wir zeigen, daß eine bestimmte Lust nicht gut oder gut ist, ist die Behauptung noch nicht widerlegt. Es ist also klar, daß man nur auf eine Weise widerlegen kann, begründen dagegen kann man auf zweifache Weise. Mögen wir allgemein erhärten, daß jede Lust, oder partikulär, daß eine Lust ein Gut ist, so wird die Behauptung erhärtet sein. Und ebenso werden wir, wenn wir beweisen sollen, daß einige Lust kein Gut ist, entweder durch den Nachweis, daß keine ein Gut, oder durch den Nachweis, daß einige kein Gut ist, zweifach, allgemein und partikulär, bewiesen haben, daß einige Lust kein Gut ist.

Ist aber die These bestimmt, so kann man sie auf zweifache Weise widerlegen, z. B. wenn die Behauptung lautet, einer Lust komme es zu, gut zu sein, einer anderen komme es nicht zu. Denn mag man zeigen, daß jede, oder daß keine Lust ein Gut ist, so wird die Behauptung widerlegt sein. Hat aber der andere behauptet, daß nur eine Lust gut ist, so kann man dieses dreifach widerlegen: wir werden die Behauptung widerlegt haben, indem wir zeigen, daß jede, oder daß keine, oder daß mehr als eine gut ist. Ist die These aber noch weiter bestimmt, soll z. B. die Klugheit allein unter den Tugenden ein Wissen sein, so läßt sie sich vierfach widerlegen: diese Behauptung wird widerlegt sein, wenn gezeigt worden ist, daß jede Tugend, oder daß keine, oder daß auch sonst noch eine, wie die Gerechtigkeit ein Wissen ist, oder daß die Klugheit selbst keines ist.

Es ist aber (hier, bei den partikulären Problemen), wie bei den allgemeinen Problemen, auch nützlich, auf das Einzelne, dem etwas zukommen oder nicht zukommen soll, zu sehen. Ferner muß man bei den Gattungen wohl zusehen, indem man sie in Arten zerlegt, bis sie nicht mehr weiter teilbar sind, wie wir oben angegeben haben⁠[43]⁠. Denn möge das Betreffende allem oder keinem zuzukommen scheinen, so hat man jedenfalls, wenn man zugunsten seiner These viele Einzelfälle angeführt hat, das Recht zu fordern, daß der andere den Satz entweder allgemein einräumt, oder als Instanz einen gegenteiligen Fall bringt. Ferner muß man, wo das Akzidenz nach der Art oder nach der Zahl unterschieden werden kann, zusehen, ob keines von diesen so unterschiedenen Akzidenzien dem Subjekt zukommt⁠[44]⁠, indem man z. B. zur Behauptung des Satzes, 120bdaß die Zeit sich nicht bewegt und keine Bewegung ist, die verschiedenen Arten der Bewegung aufzählt. Denn wenn keine von diesen Arten der Bewegung der Zeit zukommt, so bewegt sie sich offenbar nicht und ist nicht Bewegung. Ebenso muß man zum Schutze des Satzes, daß die Seele keine Zahl ist, die Zahl unterscheiden und sagen, daß jede Zahl entweder ungerade oder gerade ist. Denn wenn die Seele weder ungerade noch gerade ist, so ist sie offenbar keine Zahl.

Mit bezug auf das Akzidenz also muß man die Sache mit solchen Mitteln (mit Verwendung der angeführten Örter) und auf solche Weise angehen⁠[45]⁠.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings